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Klettern im Kängurustyle Teil 1: Blue Mountains, Bungonia und Mt. Buffalo

30. August 2016

Sportart

Von Blue Montains zu Felsnadeln

Von Blue Montains zu Felsnadeln

Für einen Europäer sind Känguru, Koala und Echidna ganz besondere, ungewöhnliche Tiere. Genauso anziehend sind für uns Kletterer die Felsen auf dem fünften Kontinent, ob leuchtende Sandsteinmauern der Blue Mountains, Schnörkelstrukturen der Grampians oder hauchdünne Felsnadeln im Meer. Australien ist der Traum vieler Kletterer, den auch wir uns in einem zweimonatigen Kletter-Roadtrip erfüllen wollen. Unsere Reise im Kängurustyle – große Sprünge, kleiner Beutel – stellte uns in vielerlei Hinsicht auf den Kopf…

Feuer und Eis

Während daheim die Eiswasserfälle wachsen, schmelzen wir am anderen Ende der Welt in der australischen Sommerhitze nur so dahin. Wir wechseln im Dezember von einem Extrem ins Andere. Noch schlimmer hat es kürzlich die Blue Mountains erwischt, denn unser erstes Kletterziel ist einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen. Anstelle der Farbkontraste von grünen Eukalyptuswäldern mit orange- roten Sandsteinfelsen fällt unser Blick auf eine traurige Mischung von Schwarz und Braun. Doch wir betrauern nicht nur die schöne Aussicht, vielmehr müssen wir zudem auf alle Klassiker im Gebiet verzichten, denn alle Zustiege zu den hohen Sandsteinmauern mit ihren langen Trad-Routen sind gesperrt. In großen, roten Buchstaben leuchtet uns überall ein unmissverständliches „DO NOT ENTER“ sowie die Androhung von 500$ Bußgeld bei Nichtbeachtung entgegen. Und da wir uns „down under“ nicht mit den Gesetzeshütern anlegen wollen, weichen wir also in die Sportklettergebiete der Blue Mountains aus. Zum Glück dürfen wir wenigstens hier am wunderbar rauen Fels Hand anlegen.

Psycho Killer

Rauer Fels und steile Wände

Rauer Fels und steile Wände

Zugegeben, ein paar kurze Linien für den Anfang sind ohnehin nicht ganz verkehrt. So starten wir unseren Kletterurlaub im kleinen Ort Blackheath, wo wir reichlich Auswahl an verschieden exponierten Wänden finden. Von Clockwork Orange über Shipley Upper und Lower bis zur Wave Wall und Centennial Glen gibt es eine gute Anzahl interessanter Sektoren mit genügend Routen aller Schwierigkeitsgrade. Doch wie sich bald herausstellt, ist der Fels gar nicht die Schwierigkeit: der steile Sandstein ist super griffig und hat genügend Leisten, Kanten und Ecken um in athletischen Bewegungen den Fels hinauf zu tanzen – was für eine Freude, wären da nicht die „Carrots„. Dank dieser speziellen „Technologie“ ist das Klippen in einer Sportkletterroute nervenaufreibender als Klettern an schlechten, mobilen Sicherungen! Anstelle von Bohrhakenlaschen lachen uns Metallstifte entgegen, über die wir „Carrots“ (so etwas wie mobile Laschen) stülpen müssen, bevor die Expresse eingehängt werden kann. Schnelles Klippen an einer heiklen Stelle? Unmöglich! Statt dessen fummeln wir nervös mit den kleinen, unhandlichen Carrots herum, die nur zu gern auf nimmer wiedersehen im Buschwerk unter der Wand verschwinden. Wer somit nicht (mehr) über genügend Carrots verfügt, muss sich mit den Metalldrähten der Keile aushelfen. Egal ob Lasche oder Keil, was macht es schon für einen Unterschied, wo die meisten Stifte sowieso verrostetet sind. Kurz gesagt, die „Sicherung“ ist für uns gewöhnungsbedürftig bis haarsträubend…. Psycho Killer (7a+) bringt’s auf den Punkt.

Es lebe der Klebehaken

Nach einigem Suchen und genauerem Hinschauen finden wir hier und da eine sanierte Linie mit Klebehaken, was für eine Erlösung! Die sanierten Linien sind zwar meist im oberen achten Grad aufwärts, aber die Schwierigkeiten nehmen wir zugunsten der guten Sicherungen gerne hin. Erst in diesen kraftzehrenden, pumpigen Routen können wir das Klettern so richtig genießen. Ob in den überhängenden „Henkelparaden“ an der Wave Wall oder in den Dächer im Sektor Centennial Glen, hier können wir unsere winterlich vernachlässigten Klettermuskeln auf Vordermann bringen. Mit ein paar wenigen Routen pro Tag sind Muskeln und Nerven trotzdem bedient, so bleibt genügend Zeit für ausführliches Sightseeing. Nachmittags klappern wir die schönsten Aussichtspunkte ab, von den Three Sisters über Govetts Leap bis zur Hassan’s Wall, von wo wir die einzigartigen orange-grauen Mauern bewundern dürfen. Vorerst nur nach dem Motto „Anschauen, nicht anfassen“- aber diese Wände sind definitiv ein Grund, um wieder zu kommen und wenn es eine Reise um die halbe Welt bedeutet.

Heimspiel

Bs ganz nach oben!

Bs ganz nach oben!

Weiter geht es in Richtung Süden, immer entlang der Superlative – von den schönsten Sandsteinfelsen zu den besten Kalkfelsen Australiens. (Was nicht unbedingt etwas bedeuten muss, zumal es in Australien nur wenig Kalkfelsen gibt, aber wo Bungonia so schön auf dem Weg liegt…) Für uns „Kalkspezialisten“ sollte das ja sowieso ein Heimspiel sein. Aber auch hier ist alles anders. Angefangen beim Zustieg, der ein Abstieg in die etwa 300 Meter tiefe Schlucht ist. Aufgrund der unsäglichen Hitze nehmen wir den angenehmen Teil der Tour nur allzu gern hin und stehen bald im schattigen, kühlen Canyon. Zu beiden Seiten erheben sich die glatten Kalkwände mit beeindruckenden Strukturen. Im Australien-Gesamtführer haben wir uns die Linie Red Supergiant (6b) ausgesucht, die einer offensichtlichen Felsrampe folgt. Als wir nach vier Seillängen erste Fixkeile mit Rückzugskarabinern finden, scheint der Routenverlauf nicht mehr ganz so offensichtlich. Die Sicherungen erfordern ein steigendes Maß an Phantasie, anstelle der angepriesenen Bäume müssen Sträucher für die Stände herhalten. Bald wird der kleinste Heidelbeerbusch mit einer Schlinge verziert und dankend in die Sicherungskette aufgenommen. Richtig abenteuerlich wird es kurz vor dem Ausstieg, wo der Fels „karwendlig“, also zunehmend brüchig wird. Erst kurz vor Dämmerung erreichen wir endlich den Ausstieg. War das nun Red Supergiant, eine neue Linie oder Georg’s Versuch mich umzubringen? Wir werden es nie erfahren.

Ein echter Ruhetag

Am nächsten Tag beschließen wir einstimmig einen Ruhetag einzulegen. Da kommt uns das Angebot unseres Zeltnachbarn gerade recht, eine Höhle zu erkunden. Gemeinsam studieren wir Wasserspiegel und CO2-Level der zahlreichen Höhlen, beeindruckend worauf man achten muss?! Die Höhle scheint wie eine neue, erfrischende Erfahrung. Kurz vor dem Abseilen in den engen Spalt erzählt uns Dave fast beiläufig einen Schwenk aus seinem Leben. Während des Studiums war er viel in Höhlen unterwegs, meist mit seinem Kumpel Ivan Milat, der später als „Massenmörder von Goulburn“ entlarvt wurde… wir sind also gerade dabei mit dem besten Kumpel eines Massenmörders in eine dunkle Höhle zu seilen? Für einen Rückzieher ist es zu spät. Im Dunkeln der engen Gänge wird aus meinem Unbehagen echte Panik. Der anstehende Engpass, durch den wir uns quetschen sollen, ist die beste Gelegenheit um abzuspringen.  „Jungs, ich warte hier auf euch!“ Als mich Georg bittet, die Ranger zu holen, falls er in 15 Minuten nicht zurück sein sollte, ist mein Puls bei 300. Die Jungs sind kaum weg, da ergreife ich die Flucht hinaus ins Licht. „Die eigene Haut retten und den Freund im Stich lassen, so eine bist du also,“ hallt Georgs erlöste Stimme kurze Zeit später aus dem dunklen Loch. Da ist nicht nur mir ein riesen Stein vom Herzen gefallen. In Zukunft bewegen wir uns doch lieber wieder zu zweit in der Vertikalen, ist irgendwie sicherer. Einen wirklichen Ruhetag für die Nerven bekommen wir demnach erst wieder am Mount Kosciuszko in den Snowy Mountains. Einfach nur einen Fuß vor den anderen setzen, eine Erholung, die uns ganz nebenbei den ersten Gipfel der Seven Summits einbringt.

Fakirbrett statt Campusboard

Das ist nur ein Kratzer.

Das ist nur ein Kratzer.

Nach so viel Kletterpause kribbelt es schon wieder in den Fingern. Nächster Halt sind die Blöcke am Mount Buffalo, wo wir wörtlich auf Granit beißen dürfen. Diese vergleichsweise kleinen Boulder von 15 bis 30 Metern haben es wirklich in sich. So unscheinbar die Routen auch aussehen, so verrückt sind ihre Kletterbewegungen. Die scharfen Granitblöcke haben etwas von einem senkrechten Fakirbrett. Nach wenigen Stunden haben somit die zahlreichen Hand- und Knieklemmer in den Rissen ihre Spuren hinterlassen. Aber je härter der Kampf um einen Block, desto breiter das Grinsen in unseren Gesichtern wenn wir oben stehen. Die paar blauen Flecken und Schrammen sind im Vergleich folglich nur Monty Python’sche „Fleischwunden“. Wie gut dass es bald wieder in „weichen“ Sandstein geht – zu den Grampians und an den berühmten Arapiles – sonst enden wir noch wie der berühmte schwarze Ritter …

Hier geht es weiter zu Teil 2

Mehr Fotos gibt’s auf www.d-on-r.de

Material
Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)
Onyx und Garnet, Helm Penta, Karabiner, Expressen
Totem Cams und Basic Totem Cams
Triop Tiger Kletterschuhe
Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen
LEKI Micro Vario Carbon

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