Neue Klettergurte. Foto: Andrea Boldrini

Klettergurte – Wann ist es Zeit für einen neuen?

30. Oktober 2015

Lebensdauer von Klettergurten

Einem Klettergurt muss man voll vertrauen können

Dein Klettergurt ist einer der Ausrüstungsgegenstände, auf den Du Dich zu einhundert Prozent verlassen können musst. Wenn Cams und Haken versagen, kann ein Sturz (abhängig von weiteren Sicherungen) trotzdem überlebt werden.

Ein Klettergurt jedoch hat kein Backup – Du bist auf ihn genauso angewiesen wie auf Dein Seil.

Viele Kletterer neigen jedoch dazu, ihren Gurt viele Jahre zu verwenden ohne ihn regelmäßig auf seine Funktionstauglichkeit zu überprüfen.

Wie stellt man aber fest, wann ein Klettergurt ersetzt werden muss? Es ist eigentlich ganz einfach.

 Die Lebensspanne

Eine genaue Lebenszeit für einen Klettergurt anzugeben, ist schwierig. Jeder Gurt hat eine unterschiedliche Lebenszeit, sogar wenn es sich um denselben Hersteller und dasselbe Modell handelt. Jeder Kletterer klettert unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, in verschiedenen Stilen und an verschiedenen Orten. Ausrüster wie Black Diamond, Petzl, Arc’teryx und Mammut geben eine generelle Lebensdauer in den Produkthinweisen an, die  jedem Gurt beigelegt sind (die meisten Produkthinweise findet Ihr auch online).

Die Lebensspanne beträgt laut Faustformel fünf Jahre. Obwohl man sich immer die gedruckte Lebenszeit in der Gebrauchsanleitung anschauen sollte, sind die angegebenen Zeitspannen oft zu wage, um absolut verlässlich zu sein. Anstelle nur auf die Herstellerangaben zu vertrauen, wann es Zeit zum Austausch ist, solltest Du die unten stehenden Faktoren bedenken und Deinen Gurt vor jedem Klettern auf Mängel oder Beschädigungen untersuchen.

Sicherheitsfaser - Lebensdauer Klettergurt

Sicherheitsfasern: Wenn sichtbar, dann weg mit dem Gurt!

Verschleißerscheinungen

Verschleißerscheinungen sind die eindeutigsten Zeichen, nach denen Du Ausschau halten solltest. Risse, Schnitte und Abrieb zeigen die meisten Gurte auf. Daher ist es wichtig, die kritischen von den weniger kritischen unterscheiden zu können. Die wichtigsten Stellen, die Du untersuchen musst, sind die Anseilpunkte. Diese nutzen sich am schnellsten ab. Halte Ausschau nach tiefen Einkerbungen und Schnitten. Wenn das Material aufgeraut und fusselig ist, stellt das meistens noch kein Problem dar.

Sorgen solltest Du Dir erst machen, wenn der Stoff soweit abgenutzt ist, dass er stellenweise ausgedünnt ist. Bestimmte Hersteller wie Petzl und Arc’teryx (siehe Bild) bieten Gurte an, bei denen die Anseilpunkte aus einem Kern aus farbig markierten Nylonfasern bestehen. Werden diese sichtbar, ist der Gurt nicht mehr sicher. Obwohl die Anseilpunkte sich meistens als erste abnutzen, stelle sicher, dass Du auch die anderen Elemente des Gurtes auf Verschleißerscheinungen überprüfst: Materialschlaufen, Gurtbänder, Beinschlaufen.

Du solltest Deinen Gurt in jedem Fall entsorgen, wenn irgendeines seiner Teile erhebliche Einkerbungen, Schnitte oder Abrieberscheinungen aufzeigt.

Arc'teryx Klettergurt mit

Arc’teryx bietet Gurte mit „Wear Safety Marker“ an

Nutzungsintensität

Überlege vor jeder Klettertour, was Du Deinem Gurt zumutest. Wer nur Toprope klettert oder nur niedrige Stürze hinnimmt, kann seinen Gurt oft Jahre benutzen. Falls bei Dir tiefe Stürze regelmäßig auf dem Programm stehen, kann es aber sein, dass Du Deinen Gurt jährlich austauschen musst (oder sogar noch öfter).

Nach einem gehörigen Sturz solltest Du jedes Mal den Gurt kontrollieren. Große Stürze können einen bombensicheren Gurt in ein Stück lumpiges Material verwandeln, dem Du nicht einmal zutrauen würdest, deine Hosen zu halten. Auch können die Kernfasern durch sehr tiefe Stürze in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher solltest Du Dir überlegen, nach einem Whipper den Gurt zu ersetzen, auch wenn Du keine offensichtlichen Mängel erkennen kannst.

Klettern wie ein Pro? Dann eher öfter einen neuen Gurt anschaffen.

Klettern wie ein Pro? Dann eher öfter einen neuen Gurt anschaffen. Foto: Tommy Chandler.

Nutzungshäufigkeit

Wie oft Du kletterst, ist ein weiterer Faktor, den Du bei jeder Inspektion bedenken solltest. Wer täglich seine Routen abspult, wird seinen Gurt öfter ersetzen, als derjenige, der nur einmal pro Woche oder sogar nur einmal pro Monat oder Jahr klettert. Jedoch müssen auch diejenigen, die seltener klettern, ihren Gurt früher ersetzen als sie vielleicht denken. Klettergurte haben ein Haltbarkeitsdatum und müssen entsorgt werden, auch wenn sie nicht regelmäßig gebraucht werden. Es ist wichtig zu wissen, wie alt Dein Gurt ist. Wenn Du einen gebrauchten Gurt von einem Freund bekommst, finde heraus, wie viele Jahre er auf dem Buckel hat.

Umwelteinflüsse

Du solltest auch bedenken, wo Du kletterst und wo Du Deinen Gurt aufbewahrst. Schmutz, Sonnenlicht und Wasser nagen an Deinem Gurt. Kletterst Du viel draußen, musst Du daher Deinen Gurt öfter austauschen als ein Hallenkletterer. Ein Wüstenkletterer, der gerne Kamine und Offwidths klettert, braucht öfter einen neuen Gurt als der durchschnittliche Otto Normal Kletterer. Dunkelheit und Schmutz wirken sich auch auf die Lebensdauer aus. Bewahre Deinen Gurt daher nicht im Keller, auf dem Dachboden oder in einer Garage auf. Verfärbungen sind ein Anzeichen dafür, dass Umwelteinflüsse den Gurt angegriffen haben können.

Aufbewahrung

Wie Du Deinen Gurt behandelst, bestimmt ebenfalls seine Lebensdauer. Kletterer, die ihre Klettergurte gut behandeln und sie separat von anderer Ausrüstung aufbewahren, werden länger Freude an ihrem Gurt haben als solche, die den Gurt grundsätzlich zusammen mit anderen Gegenständen in einem Rucksack lassen. Scharfe Geräte wie Eisäxte und Klemmkeile können Klettergurte beschädigen, wenn sie zusammen in einen Rucksack gestopft werden. Manche Gurte kommen mit einer Netztasche, die sich zum kompakten Zusammenpacken des Gurtes und zum Reisen eignet.

Alter Klettergurt im Mülleimer

Seit der Schule nicht mehr damit geklettert? Ab in die Tonne und neuen Gurt kaufen!

Im Zweifel….

Der letzte Tip kommt von den Kletterern der alten Schule, deren Tenor lautet: Im Zweifel ersetzen! Keiner will auf halber Route an der Sicherheit seines Klettergurtes zweifeln. Wenn Du Dir also Sorgen machst oder unsicher bist, schaffe Dir am besten einen neuen Gurt an.

Lange Rede kurzer Sinn: Es ist Deine Aufgabe, zu entscheiden, ob Dein Gurt Dir noch genügen Sicherheit bietet. Untersuche Deinen Gurt oft nach Mängeln und entsorge ihn, wenn du Bedenken hast. Mit Entsorgen meinen wir wegwerfen, nicht verkaufen, verschenken, oder als Ersatz aufheben!

Dieser Artikel stammt nicht direkt aus unserer Feder. Das Original wurde von Derek Newman für unseren Partner Backcountry in den USA geschrieben und von unserer Redakteurin Carolin ins Deutsche überetzt.

Wenn du noch Fragen hast oder Dich nicht entscheiden kannst, hilft Dir unser Kundenservice gerne weiter. Daniel ist unser Fachmann in Sachen Klettergurte. Du erreichst ihn unter der Woche täglich von 9.00 – 18.00 Uhr telefonisch unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artkel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 30.10.2015 überarbeitet.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Christian sagte am 22. März 2014 um 22:13 Uhr

    Zusätzlich gilt beim Wegwerfen von Sicherheitsausrüstung: vor dem Entsorgen endgültig und offensichtlich zerstören!
    Wer auch immer scheinbar intakte Ausrüstung im Müll findet, weiß vielleicht nicht warum er dort gelandet ist.

  2. Fred sagte am 5. November 2015 um 12:36 Uhr

    „Dunkelheit und Feuchtigkeit wirken sich auch auf die Lebensdauer aus.“

    Also bei Feuchtigkeit gehe ich ja absolut mit. Aber in wie fern fehlende Photonen oder fehlende UV-Strahlung den Gurt altern lassen, erschließt sich mir nicht wirklich. Gibt es dazu eine Erklärung?

  3. Wiebke sagte am 5. November 2015 um 14:50 Uhr

    Hallo Fred,
    habe mich da ehrlich gesagt auf das Original verlassen. Habe jetzt aber auch noch mal recherchiert und konnte nichts finden, dass Dunkelheit schädlich ist. Habe es daher rausgenommen. Vielen Dank für den Hinweis.
    Lieben Gruß, Wiebke

  4. Schneider Leonhard sagte am 28. November 2016 um 08:34 Uhr

    Hallo Daniel,
    wir bieten bei uns im Betrieb Klettersport als arbeitsbegleitende Maßnahme in der Halle an.

    Es handelt sich um Beschäftigungszeit.

    Muss ich jetzt Klettergeschirre als Persönliche Schutzausrüstung behandeln und jährlich prüfen?

    Dank im Voraus
    Leonhard

  5. Jörn sagte am 28. November 2016 um 12:18 Uhr

    Hi Leonhard,

    ich habe mich gerade noch einmal rückversichert. Ja, du musst die Klettergeschirre tatsächlich jedes Jahr prüfen.

    Liebe Grüße,

    Jörn

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