Rotpunkt und Co. – Was bedeuten gängige Kletterbegriffe?

7. Dezember 2021

Rotpunkt, Onsight und Flash… Begriffe, die heute unsere Kletterwelt prägen und die Kennzahl für Kletterleistung bilden. Daneben existieren auch weitere Ausdrücke, welche man nicht mehr so häufig zu hören bekommt. Woher kommen all diese Bezeichnungen und was bedeuten sie eigentlich?

Ein Grund ist die nicht so „friedliche“ Geschichte des Freikletterns. Ganz anders, als man sich die Hippiekultur des Kletterns vorstellt. Geprägt von Uneinigkeiten zwischen den jungen Wilden des Sportkletterns und den etablierten Könnern des Bergsteigens. Klettern ist eben nicht einfach nur ein Sport. Klettern ist eine Kunst und Lebenseinstellung und wird von vielen mit großer Leidenschaft gelebt. Ein Nährboden für viele Ideen und hitzige Diskussionen.

Das zeigen einige Beispiele, wie ganz aktuell ein Routenstreit im Frankenjura, 2012 im Rahmen der Freibegehung der Kompressor-Route am Cerro Torre bis hin zum Pfälzer Hakenkrieg in den 80ern. Irgendwann kam es dann aber zu einer gewissen Einigkeit. Über diese lebendige Klettergeschichte sind viele Begrifflichkeiten und Regeln entstanden. Einige haben sich etabliert, andere gehen verloren. Dieser Artikel klärt deshalb über etablierte Begriffe auf und für die Geeks unter euch werden ein paar kleine Leckerbissen serviert. Dabei handelt es sich aber nicht um Kuchen. Irgendwie schade, oder?

Exkurs – Freiklettern und Alpinismus waren nicht immer Freunde

So selbstverständlich wie heute war das Freiklettern nicht immer. Die Idee, die in den Köpfen vieler Kletterer steckt hat eine kurze, aber intensive Geschichte. Denn die Wurzeln der vertikalen Fortbewegung liegen im alpinen technischen Bergsteigen. Wo die bergsteigerischen Tugenden wie der Aussetzung von Gefahren und Wind und Wetter oder nicht in die Hanfseile stürzen im Vordergrund standen.

Es galt, tapfer zu sein und oben anzukommen, wenn es sein muss auch mit technischen Mitteln. So legten die Alpenvereine 1968 den Schwierigkeitsgrad UIAA 6+ als absolute Grenze des frei kletterbaren fest. Ein Limit, das ca. 10 Jahre später durch die Freikletterbewegung bereits auf den satten 9. Klettergrad heraufgesetzt wurde. Derzeit noch nicht im heute üblichen Stil, aber dennoch eine große Leistung, die damals noch nicht offiziell von den Vereinen anerkannt wurde.

Die Idee der jungen Wilden war, nur aus eigener Kraft an den natürlichen Haltepunkten die Wände zu bewältigen. Wobei Seil und Haken nur als Notsicherung gedacht waren. Das traf bei den alten auf wenig Begeisterung. Die pure Körperlichkeit des Sports stieß den alten Hasen so auf, dass 1978 beispielsweise der Pfälzer Hakenkrieg ausbrach.

Hier wurden Tritte ausgeschlagen, Haken abgesägt und einmal kam auch Schweröl zum Einsatz, damit die betroffene Tour nicht mehr frei machbar war. Letztendlich konnte sich die Freikletterbewegung etablieren. Sie schwappte aus den USA über die sächsische und die fränkische Schweiz, bis sie neu interpretiert wieder in die USA kam. Dabei entstanden viele Begrifflichkeiten, die eine Freikletterbegehung definieren.

Free Solo

Diese pure Form des Kletterns wird oft mit dem Freiklettern oder Freeclimbing verwechselt. Der Unterschied zwischen diesen Begriffen ist gar nicht so groß, aber macht einen großen Unterschied. Wer Free Solo aufsteigt klettert frei, ist aber komplett ohne Sicherheitsreserven unterwegs.

Diese Kletterer verzichten auf Seil und Klettergurt oder ähnliche Hilfsmittel die einen Absturz verhindern oder bremsen. So begründete Dean Potter beispielsweise den Begriff des Free Base indem er einen Fallschirm als Sicherheitsreserve bei sich hatte. Diesen konnte er bei einem Sturz ziehen und damit sicher zu Boden gleiten.

Eine Person die Free Solo klettert verzichtet auf solche Reserven. Meistens tragen sie einen Helm, der sie zumindest vor leichtem Steinschlag schützt, eine gefühlt kleine Sicherheitsreserve, da sie vor einem eigentlichen Absturz nicht hilft. Dies zeigt aber, dass die Jungs und Mädels nicht aus Wahnsinn unterwegs sind, sondern ein solches Vorhaben meist nur durchführen, wenn sie sich ihrer Sache absolut sicher sind. Alexander Huber hat mit „Free Solo – Klettern ohne Sicherung und ohne Grenzen“ ein Buch geschrieben, in dem er die Erfahrung einzelner Free Solo Kletterer zusammenbringt.

Rotpunkt, ist klar?!

Der Begehungsstil des Freikletterns schlechthin. Hier geht es darum, eine Route mindestens einmal am Stück frei zu durchsteigen, mit so vielen Versuchen, wie man eben benötigt. Die Sicherungskette darf beim Durchstieg nicht belastet werden.

Rotpunkt: Wer beim Durchstiegsversuch fällt muss wieder von vorne anfangen.

Der von Kurt Albert geprägte Begriff spiegelt den Geist des Freikletterstils wider. Viele kennen den Rotpunkt, aber ausgelegt wird er unterschiedlich. Man munkelt, dass es selbst die Profis oft nicht „richtig“ machen, wenn sie eine Rotpunktbegehung bekanntgeben.

Teil der Diskussion ist, ob bei der Rotpunktbegehung einer Kletterroute die für die Sicherung notwendigen Expressschlingen am Klettergurt getragen werden müssen, um sie beim Durchstiegsversuch einzuhängen, hier spricht man auch von Pinkpoint.

Zu diesem Thema äußerte sich Kurt Albert ganz pragmatisch: „Wenn du einen Weg eh einübst warum sollst du dann jedes Mal die Sicherungen rausnehmen?“. So ist es mittlerweile gang und gäbe von der Rotpunktbegehung zu sprechen, unabhängig ob Exen bereits in der Wand hängen oder nicht. Bei einer Mehrseillängentour muss der Kletternde alle Seillängen „rotpunkten“ um diese auf seine Liste nehmen zu „dürfen“. Mehr wertvolle Klettergeschichte über den von Kurt Albert geprägten Begriff und ihn selbst findest du in seiner Biografie „Kurt Albert – frei denken, frei klettern, frei sein“ geschrieben von Tom Dauer, sehr lesenswert.

Onsight

Kennst du eine Route noch gar nicht? Hast du auch keinem dabei zugesehen, wie er sie klettert? Dann hast du die Chance auf eine Onsight Begehung. Sie ist gültig, wenn du über die Route nur die Informationen hast, die du dir selbst über Betrachten der Route holen kannst. Das ist wie die Sichtungsphase den die Wettkampfkletterer bei offiziellen Wettkämpfen haben. Nur ohne Zeitlimit. Und wenn dir während der Kletterer jemand von unten Züge oder Griffe ansagt, bist du beim nächsten Begriff…

Flash

Tradkletterer früher: „Die hängen da rum wie die Hunde.“

Sofern du vor oder während deines ersten Kletterversuchs Informationen von anderen erhältst oder auch von einer Beschreibung im Kletterführer ist das kein Onsight mehr, aber ein Flash.

Hangdogging

Das ist kein Begehungsstil, sondern mehr eine Strategie für die höchsten Schwierigkeitsgrade. Je schwieriger eine Route ist, umso unwahrscheinlicher ist der Druchstieg im ersten Versuch (Onsight oder Flash).

Um sich die anspruchsvollsten Stellen einer Kletterroute auszutüfteln und einzuprägen, versuchen die meisten Kletterer die beste Lösung dafür zu finden. So klettern sie von Haken zu Haken, um sich jeweils in das Seil hineinzusetzen und diesen Bereich genauer unter die Lupe nehmen. Sie suchen nach den passenden Griffen und Körperpositionen und das für jede der schwierigen Kletterstellen. Diese einzelnen Puzzleteile werden dann für die Rotpunktbegehung zusammengesetzt.

„Sächsisch“ Klettern, Alles frei (a.f.)

Im Gegensatz zum Rotpunkt ist es beim a.f. erlaubt die Sicherungspunkte zum Ausruhen zu belasten. Beim anschließenden Weiterklettern muss die letzte Kletterstellung wieder eingenommen werden und dann kann es weitergehen. So war eine Tour geschafft, wenn es ein Kletterer zwischen den Pausen alles frei klettern konnte.

Vor allem aus dem Elbsandstein entstammen Wurzeln des Freikletterns, die nicht unterschätzt werden dürfen: Hier hatte beispielsweise Fritz Wiessner seinen Ursprung und Bernd Arnold hat Kurt Albert für den Rotpunkt-Stil inspiriert.

Für Fritz Wiessner war das Elbsandstein Kinderstube und Ausbildungsstätte zugleich. Nach seiner Immigration in die USA im Jahre 1929 musste er zuerst Kletterpartner finden, denn eine so etablierte Kletterszene wie in Sachsen scheint es damals wohl noch nicht gegeben zu haben. In den folgenden Jahren erschloss Wiessner um die 50 Routen am Shawangunks-Konglomerat im freien Stil (vorrangig mit dem Wiener Immigranten Dr. Hans Kraus). Zudem gelang ihm die erste freie Besteigung des Devil’s Tower in Wyoming.

Umgekehrt bereiste und erkletterte er zu DDR-Zeiten auch immer wieder die Sächsische Schweiz mit amerikanischen Spitzenkletterern im Schlepptau (Steve Roper, Henry Barber, u.a.). Man kann also getrost sagen, dass die Disziplin des freien Kletterns durchaus einen Ursprung im Elbsandsteingebirge und seinen Kletterpionieren besitzt.

Mit dem Rotkreis Yoyo

Rotkreis und Yoyo, zwei Begriffe eine Bedeutung. Das Yo-yo-ing kam damals aus den USA nach Europa und war über einen langen Zeitraum DER Begehungsstil. Auf diese Weise wurde zum Beispiel „The Face“ (8a+) im Altmühltal von Jerry Moffat im Yo-yo-stil erstbegangen. Dabei kletterte er bis zum Sturz, wenn er stürzte und musste sich wieder zum Boden (oder dem letzten Stand) ablassen, das Seil aber blieb so hängen. Was immerhin bedeutete, dass er im nächsten Versuch bis dorthin im Toprope ist. Aber die Züge an dieser Stelle durfte er nicht auschecken. Hätte Jerry in dieser Tour einen No Hand Rest gefunden, so hätte er nach einem Sturz nach dieser Stelle nicht mehr bis zum Boden heruntermüssen, sondern nur bis zu diesem Punkt.

Rotkreuz

No Hand Rest: So lässt es sich leben.

Rotkreuz ist wohl ein verbreiteter Begehungsstil, denn es handelt sich dabei um das sturzfreie Klettern einer Route im Toprope oder im Nachstieg. An sich wird der Begriff kaum noch verwendet, ist aber bei Para-Climbing Wettkämpfen Pflicht.

Clean

Einige Routen können mit mobilen Sicherungspunkten wie Klemmkeilen, Friends und Schlingen abgesichert werden. Diese sind nach der Begehung wiederentfernbar. Sicherungen wie Normalhaken die den Felsen beschädigen sind im Clean Stil nicht erlaubt. So ist die Clean-Begehung dem Rotpunkt in etwa ähnlich. Hier wird die Pinkpointregelung aber strenger genommen und wer eine richtige Clean-Begehung machen möchte, muss alle Sicherungspunkte beim Durchstieg selbst legen.

Headpoint

Manche Trad Kletterouten sind so anspruchsvoll, dass man sie beim ersten Versuch lieber nicht von unten starten möchte. Damit die kritischen Stellen für die mobilen Sicherungen und die schwierigen Kletterpassagen auscheckt werden können ist es möglich erst im Toprope zu klettern. Der anschließende Durchstieg ohne Belastung der Sicherungskette und der eigens gelegten Sicherungen ist dann der Headpoint.

Punkt, Punkt… Komma, Strich fertig ist das Lachgesicht

Sind dir diese Regeln zu streng und du weißt jetzt nicht, was du als Kletterbegehung zählen lassen kannst? Dann ist das doch eigentlich ziemlich egal, da die meisten unter uns für sich und nicht für den Vergleich oder Wettkampf klettern. Die einzigen Regeln, an die du dich an den Felsen und auf dem Weg dorthin halten musst, sind gegenseitiger Respekt, Naturschutz und ggf. die StVO.

Mit dem Clipstick auf Nummer sicher?

In allen anderen Bereichen gilt: genieße die Natur, die Emotionen, die Bewegungen und die Menschen, die du triffst. Ob du die Route, auf die eine oder die andere Weiße genießen durftest, ist dann nur noch Nebensache.

Abschließend möchte ich euch anregen, eure Meinung in die Kommentare zu schreiben. Eine viel diskutiertes Thema ist das Vorclippen von der ersten oder zweiten Expressschlinge. Gerade wenn der Einstieg besonders schwierig ist oder das Risiko als zu hoch wahrgenommen wird. Wie seht ihr das? Sicherheit oder „Schwäche“?

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Uwe sagte am 24. Januar 2021 um 22:39 Uhr

    Vorclippen:
    Für mich eig ein Muss, da die meisten schweren Unfälle vor dem ersten Haken passieren. Zudem sind in der fränkischen oft auch schwere Passagen vor dem hohen ersten Haken. Für mich geht da die Gesundheit vor Stolz.

  2. Bergfreund Robert sagte am 26. Januar 2021 um 12:37 Uhr

    Lieber Uwe,

    da bin ich ganz bei Dir. Nur kannst du das nicht bei jeder Route machen. Da sage ich lieber etwas leichter und du kannst die Route sauber klettern als das die Route zu schwer ist.
    Nur auch leichte Routen sind oft die Haken zu weit oben. Da eignet sich ein Klippstick hervorragend zum einhängen einer Exe.
    https://www.bergfreunde.de/beta-climbing-designs-evo-sport-ultra-long-clipstick/.
    Das schont Nerven und Gesundheit und bringt Spaß am Klettern. Klar die fränkische ist da echt manchmal sehr moralisch gebohrt.

    Viele Grüße vom Robert

  3. Stefan H. sagte am 30. Januar 2021 um 20:04 Uhr

    Nachdem meine Tochter geboren wurde, hab ich von meiner Frau kurz danach zum Geburtstag einen Clipstick bekommen.
    Ich denke das gerade die mitteleinfachen Einstiege über teilweise etwas moosiges Gelände zum meist sehr hohen Haken hier bei uns im Ith (bei Hannover, falls es einer nicht kennt ;) ) ein durchaus hohes Risiko bergen können.
    Früher war ich sehr straight und hab gedacht, dass das eigentlich gar nicht geht. Aber inzwischen schätze ich das Gefühl des Sicherheitsbackups sehr und steig dann auch mal ein, wenn ich denke das der ersten Haken auf 10m doch etwas zu brisant zu erreichen ist.
    Ins „Tourenbuch“ Trag ich einfach „PreClip“ ein und dann passt das für mich.

    Letztlich denke ich, dass es ohnehin jeder machen muss, wie er sich beim Klettern gut fühlt. Ich kenn Leute die nur 3er Topropem wollen und das voll genießen. So ist es perfekt. Wenn man aber auch den Weg zum ersten Haken als psychische Schwierigkeit zu der physischen erleben möchte und nur so das Klettern als komplett empfindet, dann ist das genauso perfekt.
    Deshalb sollte die Klettercommunity weiterhin so eine (großteils) offene und tolerante Gruppe bleiben.

    Fazit: Mir ist jeder am Fels willkommen, mit oder ohne Clipstick!

  4. Felix sagte am 7. Februar 2021 um 21:14 Uhr

    Hi Stefan,

    danke dir für deinen interessanten und offenen Beitrag, sowie das schöne Fazit.

    Liebe Grüße
    Felix

  5. Andi sagte am 19. Februar 2021 um 09:44 Uhr

    Ich habe auch einen Clipstick, den ich zum Ausbouldern gerne einsetze. Für einen Durchstieg aber verwende ich ihn nicht, weil ich der Meinung bin, eine Route ist nur dann wirklich geklettert – also unter Inkaufnahme aller vom Erstbegeher geforderten physischen UND psychischen Belastungen – wenn nichts vorgeclippt ist. Im Donautal gibt es z. B. eine Route, bei der der erste Haken in gut 7 m Höhe steckt und bis dahin bereits 7+ geklettert werden muss. Die psychische Belastung beeinflusst ja auch die körperliche. Man klettert anders, hält sich anders fest, wenn man weiß, man darf keinesfalls stürzen. Das verändert zweifellos auch den physischen Anspruch.
    Es käme mir nie in den Sinn, den Haken dort vorzuclippen und dann zu behaupten, ich sei die Route Rotpunkt geklettert. Bei dieser Route gehört es einfach dazu, sich so weit im Griff zu haben, also über der geforderten Schwierigkeit zu stehen, dass man den ersten Haken anklettern kann (Anm.: Ich bin sie noch nicht geklettert!) ABER: Das darf natürlich jeder machen, wie er will, und das ist ja das Schöne an unserem Sport. Die sportlichen Regeln sind ja für den Amateur völlig unverbindlich. Wichtig ist nur, über die eigene Leistung sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu sein!

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