Wenns halten muss: Alles über Steigeisen

2. Oktober 2018

Kategorie

Sportart

Angeblich haben ja die Römer schon um 300 n. Chr. das Steigeisen erfunden, da deren Spione offenbar häufiger mal in steilem Gelände herumgeschnüffelt haben. Heute werden die gezackten Steighilfen eher für unpolitische Kraxeleien benutzt, die klassischerweise über Gletscher, Schneefelder und Firngrate auf alpine Gipfel führen. Aber auch sonst kommen Steigeisen immer dann zum Einsatz, wenn der verschneite oder vereiste Untergrund hart gefroren und/oder steil ist.

Dabei wird viel von den Steigeisen abverlangt: beim Aufstieg sollen sie gut greifen, fest am Schuh halten, bei Felskontakt nicht stumpf werden und beim Abstieg im aufgeweichten Schnee nicht rutschen. Stollen sollen sie natürlich auch nicht bilden und obendrein dürfen sie auch gerne möglichst leicht und klein verpackbar sein. Mit Stollen meine ich übrigens keine weihnachtlichen Backwaren, sondern die lästigen und manchmal gefährlichen Schneeklumpen, die sich bei weichem Firn und Schnee gern unter den Eisen bilden. Entfernt man sie nicht mit Pickelschlag oder Schuhklopfer, kann das Eisen zu einem Stück Schmierseife auf dem Abstiegsweg werden. Über solche kleinen potentiellen Tücken sollte man vor dem Kauf Bescheid wissen – indem man Material, Aufbau und Arten von Steigeisen kennt. Also, legen wir los:

Materialien

Ein Close-up eines Steigeisens.

Edelstahl, Aluminium, Titan, Stahl oder Mischformen – Steigeisen können aus den unterschiedlichsten Materialien bestehen.

Beim Material gibt es zwei Alternativen: belastbare und langlebige Edelstahl-Legierungen (meist Chrom-Moly-Stahl) oder leichtes Aluminium. Eine dritte Variante wäre Titan. Titan ist eigentlich eine prima Sache, da es leichter als Stahl und fester als Aluminium ist. Doch da Titan um ein Mehrfaches teurer ist, sind Titaneisen auf dem „normalen Markt“ derzeit kaum zu bekommen.

Die Standardlösung für den Allround-Einsatz lautet Stahl. Dieses Material „beißt“ gut und bietet viel Halt, während die als Leichtsteigeisen firmierenden Alumodelle nur für Touren ohne viel Blankeis und Felskontakt (d.h. in eher flachen Hängen) gedacht sind. Die Alumodelle bieten beim Gehen in der Vertikalzackentechnik (hier wird der ganze Fuß aufgesetzt) und auf hartem Eis zwar einen soliden „Biss“, werden aber schneller stumpf und können sich auch durchaus mal verbiegen. Der Gewichtsvorteil ist allerdings erheblich: während Stahleisen meist an der Kilogramm-Marke kratzen, sind Alueisen schon ab 350 g zu haben. Auch der Tragekomfort der weniger starren Alumodelle mit ihren flexibleren Bindungen ist höher.

Einige Hersteller wie Petzl bieten Hybridsteigeisen an, bei denen ein Stahl-Vorderteil mit einem Alu-Hinterteil kombiniert wird. Sie bieten eine erhebliche Gewichtseinsparung, ohne allzu viel an Performance in hartem und steilem Eis einzubüßen.

Aufbau und Formen

Rahmen

Das Leopard Steigeisen von der Marke Petzl.

Das Petzl Leopard Steigeisen.

Wo wir gerade von Vorder- und Hinterteil reden: das sind die beiden Metallstücke unter Vorderfuß und Ferse des Bergschuhs, aus denen der Rahmen des Steigeisens besteht. Die Rahmenstücke sind entweder starr (für steiles, hartes Eis) oder beweglich (für weicheren Firn und Schnee) über eine Schiene miteinander verbunden. Diese Schiene (auch Steg genannt) ist meist der Fußform entsprechend leicht gekrümmt, mit zahlreichen Löchern perforiert und mittels eines Feder-Stahlclips in der Länge verstellbar. Je nach Form und Anzahl der Löcher kann die Größenanpassung sehr fein an den Schuh abgestimmt werden. Für viele Steigeisen gibt es auch extra lange Stege für extra lange Schuhgrößen.

Eine ganz besondere Lösung hat Petzl hier wieder gefunden: die Stahlschiene wird bei dem revolutionär leichten und kompakten Petzl Leopard Firnsteigeisen einfach durch Dyneema Schüre ersetzt. Diese erlauben eine Längenverstellung durch einfaches umfädeln.

Je beweglicher der Rahmen (und der Bergschuh), desto komfortabler ist das Gehen. Allerdings schließt diese Bewegungsfreiheit auch die sehr hohe Wahrscheinlichkeit mit ein, dass sich das Eisen vom Schuh löst. Am Rahmen sind die 8 bis 14 Zacken angebracht, die je nach Modell für soliden oder bombenfesten Halt im Eis sorgen.

Die Rahmenbreite kann je nach Bindungstyp schmaler oder genauso breit wie der Schuh sein. Ein breiterer Rahmen sorgt für solideren Stand und mehr Sicherheit beim Gehen. Das kann auf unregelmäßigem Untergrund (z.B. beim Queren einer Moräne) durchaus eine Rolle spielen, da man auf den Eisen höher steht und die Gefahr des Umknickens größer ist. Die Höhe des Stands hängt bei hartem Untergrund von der Länge der Vertikalzacken ab – je kürzer sie sind, desto natürlicher ist das Gehen.

Zacken

Aus dem letzten Satz war es schon herauszulesen: die Vertikalzacken sind diejenigen, die vom Fuß senkrecht nach unten zeigen. Sie sind normalerweise mehr oder weniger symmetrisch längs an den Seiten angeordnet. Hinten am Rahmen befinden sich üblicherweise zwei quer gestellte Vertikalzacken. Die Vertikalzacken sorgen bei jeder nicht-kletternden Fortbewegung für den Halt auf dem Eis. Deshalb wird das „normale Gehen“ bis etwa 35 Grad Hangsteilheit auch als Vertikalzackentechnik bezeichnet.

Die vom Rahmen aus nach vorn ausgerichteten Front(al)zacken bzw. Vorderzacken sorgen bei Eis ab etwa 35 Grad Steilheit für einen sicheren Halt. Sie werden meist mit einem lockeren Pendelschlag aus dem Knie heraus ins Eis getrieben. Bei anspruchsvolleren Hochtouren können das Gletscherbrüche oder Eisflanken sein (von denen es in den Alpen allerdings im Sommer immer weniger gibt).

Die Frontzacken gibt es wiederum in zwei Versionen: senkrecht aufgestellt oder horizontal ausgerichtet. Die senkrechten Frontzacken ähneln den Hauen von Eisgeräten und bieten unübertroffenen Halt in hartem Steileis. Bei weniger steilem und weicheren Untergrund bieten sie allerdings weniger Halt als die herkömmlichen, waagerecht liegenden Frontzacken, welche für bestmöglichen Halt leicht nach unten gekrümmt sein sollten. Meistens werden die vertikalen Frontzacken jedoch durch Sekundärzacken oder T-Profile unterstützt, die die eingebüßte Bodenhaftung auf Schnee wieder ausgleichen.

Eine Ansicht der Zacken des Petzl Leopard Steigeisens.

Auch bei den Zacken gibt es einiges an Variationen.

Die horizontalen Frontzacken laufen oft schmal und spitz zu. Bei Eisen, die besonders auf guten Halt im Schnee ausgelegt sind, läuft die Spitze jedoch von oben betrachtet breit zu und ist nur von der Seite betrachtet scharf.

Für verschärftes Eis- und Mixedklettern haben sich mittlerweile vertikale Front-Monozacken etabliert. Wie der Name schon sagt, ist die Vorderseite damit nur mit einer, statt der „gewohnten“ zwei Zacken, bestückt. Mit den Monozacken sind noch präzisere oder komplexere Bewegungen wie das Eindrehen der Füße bei verminderter Gefahr des Heraushebelns möglich.

Die Länge der Zacken spielt aufgrund der Hebelwirkung eine Rolle: kurze Zacken sind besser für Fels oder Mixed-Klettern geeignet; lange Zacken besser für Firn und Eis. Dementsprechend kann man die Zackenlänge bei manchen Modellen verändern (z.B. beim Grivel G14).

Bindung

Die Bindung sorgt für den sicheren Kontakt zwischen Schuh und Metall. Auch bei ihr gilt abermals: es gibt zwei Versionen und einen Hybriden dazwischen. Eigentlich ganz einfach, auch weil Bergschuhe meist im Hinblick auf ihre Eignung für verschiedene Bindungen deutlich gekennzeichnet sind:

Für die leichten, einfach gebauten Steigeisen zum Gletscherwandern ist die Riemenbindung mit meist je einem Plastikkörbchen vorne und hinten Standard. Die Riemen bestehen aus Nylon- oder Perlonbändern, welche Absatz und Spitze des Schuhs mit Fersen- und Ballenteil des Steigeisens verbinden und mithilfe von Dornenschnallen festgezogen werden. Diese Konstruktion passt (theoretisch) auf jeden halbwegs festen Berg- und Wanderschuh. Es sollte aber auch bei Riemenbindung schon ein mindestens „bedingt steigeisenfester“ Bergschuh sein, auch wenn die Eisen für kurze Querungen von Schneerinnen durchaus auch an einem Zustiegsschuh o.ä. halten würden.

Generell sind Sitz und Stabilität bei der Riemenbindung am schwächsten. Auch sind die Körbchen im Vergleich zu anderen Bindungen schwer und voluminös, womit der Gewichtsvorteil der Alu/Leichtsteigeisen ein Stück egalisiert wird.

Ein Steigeisen mit Kipphebelbindung von der Marke Stubai.

Ein Steigeisen mit Kipphebelbindung.

Kipphebelbindungen (auch Automatikbindungen oder Step-In-Bindungen genannt) werden durch einen Drahtbügel an der vorderen Sohle und durch einen höhenverstellbaren Kipphebel an der hinteren Sohle befestigt. Zusätzlich ist ein Fangriemen als Verlustsicherung angebracht. Die Verwendung von Hebelbindungen setzt voll steigeisenfeste Bergschuhe voraus, deren Sohle sehr steif und mit entsprechenden Sohlenkanten vorn und hinten versehen ist. Sie sind auch ideal für Skitourenstiefel, sofern der Kipphebel sich nicht mit dessen rückseitiger Fußfixierung ins Gehege kommt.

Generell sitzen Steigeisenbindungen mit Kipphebel am sichersten am Schuh, bieten die beste Standfestigkeit, sind am leichtesten und lassen sich am schnellsten an- und ablegen. Auch bieten sie oft verschiedene Einstelloptionen für Eis- oder Felsklettern. Wenn man das Anschnallen richtig bewerkstelligt hat, sollte beim finalen Festziehen ein sattes Klack-Geräusch zu hören sein.

Die Hybridlösung ist auch hier wieder der Versuch, die Vorteile beider Standardsysteme zu vereinen. Und das gelingt durchaus gut – die Bindungen mit Körbchen vorne und Kipphebel hinten sind sehr empfehlenswert, wenn die Eisen für ein breites Tourenspektrum vorgesehen sind. Das System erfordert für den Kipphebel nur hinten am Schuh eine stabile Befestigungskante – womit es auf eine Vielzahl an Schuhen passt, auch wenn diese nur „bedingt steigeisenfest“ sind. Bei einigen Marken gibt es auch die Möglichkeit der Umstellung von Automatikbindung zu Hybrid- bzw. Semibindung.

Bei der Kombibindung wird der Kipphebel mit einem Korb vorne kombiniert. Vielleicht heißt es ja deshalb Kombibindung, weil sich dieses Konzept bestens für kombinierte Touren in Eis und Fels eignet …

Einen durchaus gelungenen Versuch, alle Bindungstypen zu vereinigen, hat Edelrid mit seinem Modell Shark unternommen. Hier lassen sich Automatik-, Semi- und Riemenbindung beliebig austauschen.

Antisollplatten

Während die Bedeutung von Rahmen, Zacken und Bindungen von vornherein einleuchtet, wird die Wichtigkeit der Antistollplatten meist erst nach der ersten Tour klar. Wie im Eingangsabschnitt erwähnt, können die gemeinen Schneeklumpen unter den Eisen den Abstieg im weichen Firn zur Hölle machen. Das kalte Metall der Eisen zieht den feuchten Schnee fast wie Klebstoff an. Das macht nicht nur das Gehen anstrengend, sondern kann auch sehr gefährlich werden.

Wenn der Schneeklumpen dicker ist als die Zacken lang sind, verliert man im schlimmsten Falle sprichwörtlich die Bodenhaftung und schlittert auf Nimmerwiedersehen davon. Deshalb sind gute Antistollplatten, die den gesamten Rahmen bedecken, kein Luxus, sondern Pflicht. Zum Glück haben mittlerweile fast alle Hochtourensteigeisen diese Kunststoffplatten serienmäßig vormontiert.

Besonders effektiv sind konvex ausgebeulte Platten, die sich bei Druckbelastung einstülpen und den Schnee, wenn der Fuß in der Luft ist, regelrecht abwerfen. Raffiniert! Die Platten sollten zudem leicht ersetzbar sein, da sie bei Felskontrakt schnell mal beschädigt werden.

Einsatzzweck

Ein Kletterer klettert eine eingefrorene Gletscherwand hinauf.

Die Wahl der Steigeisen sollte auf das Terrain angepasst werden, auf das man sich begibt.

Die Unterschiede in den genannten Bestandteilen haben die jeweiligen Einsatzzwecke eigentlich schon klar definiert. Das Ganze lässt sich aber noch etwas übersichtlicher in drei Klassen je nach Einsatzzweck zusammenfassen:

1. Leichte Hochtouren und Gletschertrekking mit wenig Kombigelände und Felskontakt:

Hier kommen die Leichtsteigeisen/ Gletschersteigeisen/Alusteigeisen mit zehn bis zwölf Zacken zum Einsatz  (wobei hier fast nur die Vertikalzacken verwendet werden). Diese leichten und relativ flexiblen Eisen behindern das normale Abrollen des Fußes nicht vollständig und bieten damit höheren Gehkomfort für lange Strecken. Das Gewicht hält man hier gern möglichst gering, besonders wenn die Eisen nur sporadisch zum Einsatz kommen und meist im oder am Rucksack getragen werden. Mit den zwei waagerecht nach vorn stehenden, leicht nach unten gekrümmten Frontzacken können auch kurze vereiste Hänge und kombinierte Gipfelzonen bei Hoch- und Skitouren bewältigt werden.

2. Anspruchsvolle Hochtouren mit viel Kombigelände und Felskontakt:

Im steileren Gelände kommen mindestens Zwölfzacker zum Einsatz. Das zusätzliche Paar Zacken sitzt als schräg nach vorn gerichtete Stützhilfe direkt neben und hinter den Frontalzacken. Für mittlere Hochtourenschwierigkeiten und einfaches Wasserfallklettern genügen die „normalen“ horizontal ausgerichteten Frontzacken. Bei einem Schwerpunkt auf Firn- und Eisflanken sollten die Frontzacken stärker nach unten gezogen und das Stützpaar stärker nach vorn gerichtet sein. Liegt der Fokus dabei mehr auf Kombi- und Felskletterei sollten die Frontzacken gerade vorstehen und das Stützpaar eher senkrecht nach unten gerichtet sein. Generell bestehen die Steigeisen für anspruchsvollere Touren aus stabilem und abriebfestem Stahl, dessen Vorteile der besseren Performance und des besseren Sitzes dem Mehrgewicht als Nachteil überwiegen.

Auch wenn man weniger anspruchsvoll, dafür aber oft unterwegs sein will, sollte man aufgrund der längeren Lebensdauer eher zu Stahl als zu Aluminium greifen.

3. Steiles Eis und Wasserfälle:

Je steiler man unterwegs ist, desto mehr liegt der Fokus auf den Frontalzacken. Bei den „richtigen“ Steileismodellen sind die Frontalzacken wie Pickelhauen vertikal ausgerichtet und oft in Länge und/oder Winkel verstellbar. Die zweite Zackenreihe ist besonders deutlich nach vorne ausgerichtet, um den sicheren Stand im harten Eis zu unterstützen. Die „Hardcore-Modelle“ für extremes Eis- und Mixed-Gelände haben 14 Zacken und lassen sich wie bereits beschrieben zu Mono-Zackern umrüsten.

Transport: handlich oder umständlich

Beim Gewicht halten sich die Unterschiede und damit der Spielraum in Grenzen: die Art der Touren bestimmt, ob man etwa ein Kilo oder etwa ein Halbes zu tragen hat. Doch das Packvolumen kann sich durchaus auch zwischen ähnlichen Eisen unterscheiden. Wichtig ist, dass sich die gelochte Schiene bzw. der Mittelsteg möglichst kurz zusammenschieben lässt. Bei dem zuvor erwähnten Zehnzacker Petzl Leopard endet die Schrumpfkur dank Schnurverbindung erst auf sagenhaft kurzen 13,5 cm. Normalerweise muss man aber mit mindestens 20 bis 25 cm Packlänge rechnen. Die Höhe der zusammengelegten Steigeisen wird logischerweise durch die Länge der Zacken und der Schuhfixierungen bestimmt. Steigeisen mit Step-In-Bindung sind am flachsten, Korbbindungen am sperrigsten.

Am oder im Rucksack?

Eine Steigeisen Transporttasche von der Marke Edelrid.

Bestens verpackt sind die Steigeisen in einer Transporttasche – zum Beispiel in dieser von der Marke Edelrid.

Das ist eigentlich egal, solange die Eisen gut verpackt sind. Eine spezielle Transporttasche ist jedenfalls ein Muss. Sie kann in den Rucksack wandern oder an einer der meist zahlreich vorhandenen Befestigungsmöglichkeiten angebracht werden. So durchlöchern die Eisen weder Textilien noch Mitmenschen und behalten auch den oft reichliche anfallenden Dreck vorerst bei sich. Meistens sind die Eisen nach der Tour auch nass – und da die meisten Taschen nicht wasserdicht sind, empfiehlt sich spätestens hier eher der Transport außen am Rucksack.

Aufbewahrung und Pflege

Steigeisen bleiben mit regelmäßiger Reinigung nach den Touren besser in Form. Sie werden am liebsten trocken aufbewahrt und in etwas größeren Abständen lassen sie sich auch gern mal so richtig durchfeilen. Praktischerweise haben wir hierzu schon eine Pflegeanleitung für Steigeisen parat.

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