Kaufberatung Kletterseil. Foto: Mammut

Kaufberatung Kletterseil – welches Seil für welchen Einsatz?

10. November 2015

Kaufberatung Kletterseil – welches Seil für welchen Einsatz

Die Wahl der richtigen Ausrüstung ist schon eine Wissenschaft für sich

Sich ein neues Kletterseil zu kaufen ist ungefähr so, wie einen Handy-Vertrag abzuschließen. Es gibt unzählige Ausführungen für scheinbar unzählige Zwecke.

Da kann man schon mal den Mut bzw. die Lust am Shoppen verlieren. Und fragt man andere nach ihrere Meinung, ist man ohnehin schnell bei drei Meinungen von zwei Leuten.

Wir haben uns gedacht, wir bringen ein klein wenig Ordnung in die Sache und erklären Euch, welche Sorten Seile es eigentlich gibt. Also was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen Einfachseilen, Halbseilen und Zwillingsseilen? Und welches eignet sich für welche Zwecke am besten?

Die verschiedenen Seilarten

Zunächst kann man zwischen zwei „Grundseiltypen“ unterscheiden: den statischen und den dynamischen Seilen.

Kaufberatung Kletterseil – welches Seil für welchen Einsatz?

Welches Seil für welchen Einsatz?

Statikseile

Statikseile, oder „Kernmantelseile mit geringer Dehnung„, wie es in DIN-Deutsch heißt, kommen überall dort zum Einsatz, wo die Belastung rein statisch ist, also zum Beispiel bei der Bergrettung oder als Fixseile. Ein Statikseil verfügt nur über eine sehr geringe Dehnung (max 5%), daher ist es genaugenommen nur ein halbstatisches Seil, aber umgangssprachlich nennt man es unter Kletterern Statikseil.

Diese Seile dürfen keinesfalls zum Klettern verwendet werden (weder Vor- noch Nachstieg)! Durch die geringe Dehnbarkeit können bereits bei Stürzen mit Sturzfaktor <1 schwere Verletzungen entstehen! Wenn Du mehr zum Thema Fangstoß wissen möchtest, empfehlen wir diese Seite von Petzl.

Dynamikseile

Das Pendant dazu sind Dynamikseile, die sich aufgrund ihrer gedrehten Fasern dehnen können. Durch die Dehnung sind sie in der Lage, Energie, die bei einem Sturz freigesetzt wird, aufzunehmen. Ohne diese Eigenschaften würden bei jedem Sturz sehr hohe Kräfte auf den Kletterer wirken. Ein dynamisches Seil kann also Kräfte, die bei einem Sturz auftreten absorbieren und somit Verletzungen vorbeugen oder vermeiden.

Je höher die Dehnung, desto mehr Kraft wird aufgenommen. Allerdings darf diese generell 40 Prozent nicht übersteigen, da ansonsten die Gefahr zu hoch ist, dass man auf Bändern oder dem Boden aufschlägt.

Arten von dynamischen Seilen

Bei den Anwendungsgebieten der unterschiedlichen Seile gibt es viele Überschneidungen, wir haben dennoch versucht die Seile einzelnen Disziplinen zuzuordnen.

Einfachseil

  • Einsatz: Sportklettern in der Halle oder am Fels, Eisklettern, Hochtouren
  • Symbol: Kreis mit einer 1
  • ca. 8,7 bis 11 mm
  • 51 – 85 g/m
  • Normstürze: mindestens 5 bei 80 kg (keine Sorge, einen echten Normsturz kann man im durchschnittlichen Einsatz quasi nicht schaffen)
  • statische Dehnung 8 – 10 %
Einfachseil im Klettergarten

Einfachseil im Klettergarten

Einfachseile kommen vorwiegend beim Sportklettern in der Halle, im Klettergarten oder beim Eisklettern zum Einsatz. Sie sind angenehm und unkompliziert zu handhaben und sind wegen ihres hohen Durchmessers in der Regel robust und langlebig. Für die Langlebigkeit ist aber nicht nur der Durchmesser entscheidend, sondern auch der Mantelanteil. Das ist das Masseverhältnis zwischen Seilmantel und -kern. Je höher der Anteil umso abriebfester und langlebiger ist das Seil. Auf den Beschreibungen eines Seils ist der Mantelanteil immer angegeben.

Wer viel Indoor klettert oder intensiv im Toprope unterwegs ist, sollte auf einen hohen Manteilanteil achten, denn hier wird das Seil am meisten beansprucht.

Je dicker ein Einfachseil, desto reißfester ist es – allerdings nimmt mit jedem Millimeter auch die Reibung zu – sowohl in den Zwischensicherungen, als auch im Sicherungsgerät selbst, was das Klettern anstrenger macht. Wenn man viel vorsteigt und lange Routen klettert, lohnt es sich, mit dem Durchmesser des neuen Seiles etwas herunterzugehen um bei der Reibung und dem Gewicht Kraft zu sparen.

Für Anfänger ist ein guter Richtwert, sich ein Seil mit einem Durchmesser von mehr als zehn Millimeter zu kaufen.

Viele Einfachseile haben in der Mitte eine Markierung. Diese dient dazu, dass beim Vorsteigen der Kletterer nicht höher klettert, als die Hälfte der gesamten Seillänge. Wer häufig in unterschiedlichen Klettergärten ist, für den sind „Bicolor“-Seile empfehlenswert. Dessen Hälften sind jeweils anders eingefärbt, wodurch die Seilmitte klar erkenntlich ist – auch nach einer gewissen Einsatzzeit. Mittelmarkierungen erfüllen zwar den gleichen Zweck, können aber vor allem nach längerem Gebrauch häufig nicht mehr so gut erkannt werden.

Nicht selten werden Einfachseile auch für Hochtouren verwendet, z.B. wenn Kletterpassagen an Fels vorkommen. Hier wählt man dann meist ein recht dünnes Einfachseil, da diese weniger wiegen.

Halbseile

  • Einsatz: Alpin- und Eis- und Mixedklettern, Gletscher- und Hochtouren, Tradclimbing
  • Symbol: Kreis mit 1/2 drin
  • ca 7,5 – 9 mm
  • 40 – 55 g/m
  • Normstürze: mindestens 5 bei 55 kg
  • statische Dehnung 12 %
Halbseile fürs Alpinklettern

Halbseile fürs Alpinklettern

Halbseile kommen vorwiegend beim Alpinklettern, auf Hochtouren und beim Tradclimbing zum Einsatz. Durch die Verwendung von zwei verschiedenen Seilsträngen erhöht sich die Redundanz: Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Seile gleichzeitig von Steinschlag oder einer scharfen Kante durchtrennt werden, ist extrem gering.

Der größte Vorteil von Halbseilen ist jedoch, dass man die volle Länge zum Abseilen hat (60 m Einfachseil = 30 m Abseilstrecke. 2×60 m Halbseil = 60 m Abseilstrecke). Das kann speziell beim Rückzug/Abbruch aus einer Route sehr hilfreich sein. Halbseile muss man jedoch nicht immer zwingend im Doppelstrang nutzen – am Gletscher zum Beispiel, wo kein „heftiger“ Sturz absehbar ist, kann man getrost nur einen Strang mitführen. Dieser sollte allerdings unbedingt imprägniert sein, denn ein nasses Seil ist nicht nur viel schwerer, sondern vor allem auch unhandlicher (besonders wenn es gefriert) und verliert an Belastbarkeit.

Die Alternative zur Halbseiltechnik ist die Zwillingstechnik – hier werden immer beide Stränge eingehängt.

Zwillingsseile

  • Einsatz: Alpines Sportklettern. Ausschließlich im Doppelstrang!
  • Symbol: Kreis mit zwei ineinander verschlungenen Kreisen
  • ab 6,9 mm
  • ab 35 g/m
  • Normstürze: Doppelstrang 12 bei 80 kg
Kaufberatung Kletterseil - Zwillingseile

Immer nur im Doppelstrang!

Zwillingsseile sind ausschließlich etwas für Spezialisten. Sie kommen dort zum Einsatz, wo es auf jedes Gramm ankommt – also meist bei extremen Fels-, Mixed oder Eiskletterrouten. Sie werden ausschließlich im Doppelstrang verwendet, da die Gefahr ansonsten zu hoch ist, dass die Seile reißen. Auch im Nachstieg darf ausschließlich im Doppelstrang gesichert werden. Außerdem solltest Du darauf achten, dass die Stränge immer parallel in die Zwischensicherung eingehängt sind.

Wanderseile

Hierbei handelt es sich um Seile, die in kurzen Längen verkauft werden und in erster Linie zur Unterstützung der Psyche dienen – vor allem bei Kindern. Die Seilstärke (ca. 8 mm) ist ausreichend, um kleine Rutscher zu halten oder sich daran hochzuziehen – mehr jedoch keinesfalls. Universeller ist zwar jedes Halb- oder Einfachseil, jedoch werden diese nicht in jenen kurzen Längen verkauft.

Ein Wanderseil, darf auf keinen Fall zum Klettern verwendet werden, egal in welcher Disziplin!

Übersicht der Kletterseile und ihrer Anwendungsgebiete

Hier eine grobe Übersicht der Kletterseile und ihrer Anwendungsgebiete

Imprägnierung

Kletterseile die viel in der Natur verwendet werden, sind zahlreichen Witterungseinflüssen ausgesetzt: Feuchtigkeit, UV-Strahlung und Schmutz zum Beispiel. Jede dieser Witterungen kann einem Kletterseil ziemlich übel zusetzen, wobei der Zeitraum stark variiert. Feuchtigkeit wirkt sich sehr kurzfristig aus, Schmutz und UV-Strahlung wirkt über einen längeren Zeitraum.

Während man der Feuchtigkeit noch ziemlich erfolgreich aus dem Weg gehen kann (zumindest beim Sportklettern), ist dies bei Staub und Sonne schon schwerer. Wenn man also weiß, dass man ein Seil viel draußen verwenden möchte, ermpfiehlt es sich ein imprägniertes Kletterseil zu kaufen. Bei solchen Seilen wird beim Herstellungsprozess des Seils die Imprägnierung direkt auf die Komponenten des Seils aufgebracht. Diese Imprägnierungen sind meist sehr haltbar und halten im besten Fall solange wie das Seil selbst. Ist die Imprägnierung eines Kletterseils hin, kann sie nicht erneuert werden. Bitte, bitte kommt nicht auf die Idee, das Kletterseil auf eigene Faust mit Imprägniermittel zu bearbeiten. Ausführliche Informationen zu Imprägnierungen bei Kletterseilen findest Du hier.

Die richtige Seillänge

Kletterseile gibt es standardmäßig zwischen 20 und 200 Metern Länge. Bei der Auswahl der Länge des Seils sollte man sich zunächst klar sein, wofür es vorwiegend Verwendung finden wird.  Halle oder alpine Tour? Hochtour oder Klettergarten? Beim Felsklettern lohnt sich ein Blick auf das Topo. Wie lang ist die Tour? Gibt es Abseilstellen, und wenn ja, über welche Länge muss abgeseilt werden? Viele Kletterführer geben bereits Empfehlungen zur Seillänge, doch pauschal sollte man sich an ein 70 m langes Seil für draußen halten, um auch im Notfall noch Reserven zu haben.  Im Klettergarten mit kurzen Routen reichen oft auch 50 m, in alpinen Mehrseillängentouren mit langen Abseilen und großen Abständen der Standplätze sollte man mit 80 m oder gar 100 m auf Nummer sicher gehen. Bei Hochtouren kommen aus Gewichtsgründen vielmals kürzere Seile zum Einsatz, was jedoch von der Größe der Seilschaft abhängt. Auch zur Nachsicherung in Klettersteigen oder beim Wandern darf es ein kurzes Seil sein – für diesen Einsatz sind 30 m–Seile optimal.

Kletterhallen werden immer enormer und höher – kürzere Seile als 50 m sollte man hier eher nicht wählen. Notfalls vorher in der Halle informieren und eine Empfehlung erfragen – die sprechen viele Hallen mittlerweile schon auf ihren Webseiten aus.

Wie immer könnt Ihr Euch bei Fragen auch gerne an unsere Experten aus dem Kundenservice wenden. Daniel, unser Fachmann für alle Themen rund ums Klettern, steht Euch unter der Woche täglich von 9.00 – 18.00 Uhr telefonisch unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail zur Verfügung.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artkel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 10.11.2015 überarbeitet.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. ulrik sagte am 14. April 2014 um 14:35 Uhr

    Beim Statikseil meinst Du „bei Stuerzen mit Sturzfaktor < 1", oder? ;)

  2. Wiebke sagte am 15. April 2014 um 09:18 Uhr

    Ja, da hast Du Recht. Danke für den Hinweis. Allerdings sollte man sich hier nicht an die Formeln halten sondern lieber merken, dass man am Statikseil nicht klettert. Kleine Stürze im Toprope ließen sich rein rechnerisch unter Umständen noch aushalten, angenehm und empfehlenswert sind sie aber ganz sicher nicht. Gruß, wiebke

  3. Frage sagte am 16. April 2014 um 12:38 Uhr

    Kann ein wanderseil auch im klettersteig verwendet werden? Für heikle Stellen für die Psyche aber auch als zusatzsicherung für einen Sturz? Oder ist hier ein halbseil besser? Einfachseile sind dafür zu schwer und lang.

  4. Wiebke sagte am 17. April 2014 um 12:24 Uhr

    Hallo,

    ein Wanderseil würde ich nie nutzen, wenn in irgendeiner Form ein freier Fall erwartet werden kann. Beim Wandern sollte man es auch nur nehmen, z.B. um ein Abrutschen eines Kindes abzusichern, aber keinen freien Fall. Also lieber kein Wanderseil nehmen. Nachsichern im Klettersteig geht auch mit einem Halbseil. Allerdings ist die Frage, ob es sich wirklich rentiert.Ich habe mich mal bei uns im Shop umgeschaut. Die meisten Halbseile haben wir ab einer Länge von 50m. So viel wirst Du in einem KS nicht brauchen, da brauchst Du allerhöchstens 30m. Da dünnste Halbseil, dass wir ab einer Länge von 30m führen ist das Edelrid Corbie mit 8,6mm. Verglichen mit dem Einfachseil Mammut Zopa aus der Bergfreunde Edition ist das Halbseil bei 30m gerade mal 400g leichter. Dafür das Einfachseil aber drei mal so teuer. Das Hlbseil Pendi von Mammut mit 8.0mm ist schon wesentlich leichter, dafür aber nur in 50m zu haben. und die 20m die Du extra mit schleppst, gleichen den Gewichtunterschied schon wieder aus. Wenn Du das Seil aber ausschließlich für den KS brauchst, dann kannst Du das Pendi auch kürzen und nur soviele Meter mitnehmen, die Du wirklich brauchst, dann macht ein Halbseil wiederum Sinn.

    :-) Die Antwort ist jetzt etwas länger geworden. Ich hoffe sie ist noch verständlich. Gruß, Wiebke

  5. Gekko sagte am 11. August 2014 um 13:43 Uhr

    Hallo,
    ich habe ein Einfachseil 8.7mm (Serenity von Mammut) und sichere mit einem Tube. Habe hierfür zwei (einen Standard wo auch die dickeren Seile durchgehen und den Micro Jul für wirklich dünne Seile). Ich habe mir jetzt in der Halle Sagen lassen, dass dwer Eddy wohl blockieren würde im Falle eines Sturzes. Ist das korrekt? Der Grigri2 kommt ja als Halbautomat in der Dicke meines Seiles definitiv nicht mehr in Frage… Was würdet ihr sagen?

  6. Wiebke sagte am 11. August 2014 um 14:28 Uhr

    Hallo Gekko,

    schickes Seil. Der Eddy ist zwar ein Halbautomat und blockiert automatisch, aber Edelrid gibt einen Gebrauch ab 9mm an. Das würde ich also bei einer Seildicke von 8,7mm lassen. Außerdem ist der Eddy mit 350g recht schwer. Passt denn Dein Seil in den Micro Jul? Eigentlich geht der nämlich nur (laut Hersteller) bis 8,5mm. Vielleicht nimmst Du lieber den Mega Jul, der geht ab7,8mm und sollte daher gut laufen. Ist zwar kein richtiger Halbautomat, hat aber für einen Tuber eine recht hohe Bremswirkung. Und beim Mega Jul bist Du mit 65g dabei, das passt doch viel besser zu so einem leichten Seil. Lieben Gruß, Wiebke

  7. Janne sagte am 27. Juni 2016 um 11:36 Uhr

    Hallo!
    Ich bin gerade über diesen Artikel gestolpert :)
    Mir fehlt leider etwas darüber, wie lang ein seil sein sollte. Wir zB klettern nur in der Halle (anders geht’s in Hamburg schlecht ;) ) braucht man dafür dann unbedingt 60m?
    Oder gehts auch kürzer!? Die Wände hier sind 16m hoch…
    Danke!

  8. Jörn sagte am 29. Juni 2016 um 11:49 Uhr

    Hallo Janne,

    das ist immer recht schwer zu sagen, da es ja auch auf die jeweilige Routenführung ankommt. 40 Meter sollten es aber für die Halle unserer Meinung nach unbedingt sein.

    Viele Grüße,

    Jörn

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