Rucksackapotheke für die Erste Hilfe

26. September 2018

Kann man dieses Thema nicht schnell abhaken? Man braucht doch schließlich nur eines der vielen fertig gepackten Erste-Hilfe-Sets zu kaufen und gut ist. Meistens ist da ja sogar noch eine Bedienungsanleitung drin, die ich mir im Notfall immer noch schnell durchlesen kann. Und überhaupt, diese Notfälle sind doch eher Theorie, bei mir wird sowas eh nie eintreten. Oder?

„Ich hab das voll im Griff und bin eh vorsichtig“

Ein Erste-Hilfe-Set sollte in der Outdoor Ausrüstung umumgänglich sein.

Was in keiner Outdoor-Ausrüstung fehlen darf: ein Erste-Hilfe-Set.

Als sehr junger Bergfreund habe ich selbst so gedacht (bzw. darüber überhaupt nicht nachgedacht) und Erste-Hilfe-Sets eher immer für ein optionales Extra gehalten. Das hat sich dann allerdings schnurstracks geändert als ich binnen weniger Jahre viermal Situationen am Berg erlebt habe, in denen Erste-Hilfe-Zeug zum Einsatz kam – davon einmal an mir selbst. Das hat mich von der Notwendigkeit des Ganzen ziemlich überzeugt.

Außerdem lernte ich von da an, dass es immer besser ist wenn man lieber zu viel als zu wenig Material dabei hat. So hat bei meinem eigenen Unfall zum Beispiel ein zufällig in der Nähe befindlicher Rettungssanitäter mehrere Rollen Verband als Blutstiller in meinem offenen Schienbein verschwinden lassen, bevor er das Ganze mit einem weiteren Verband umwickelte und (zu meinem Leidwesen) kräftig zusammendrückte. Womöglich war es jedoch gerade dieser kreative Einsatz an reichlichem Material, der mir die eigentlich vorprogrammierte Infektion, der über eineinhalb Stunden unbehandelten Wunde, erspart hat. Die paar Gramm Zusatzgewicht für Verbandsmaterial können sich also durchaus lohnen!

Und noch eine Lektion habe ich gelernt: auf schnelle oder gar sofortige Hilfe per Handyanruf sollte man sich NICHT verlassen – nicht einmal im deutschen Alpenraum. Auch heutzutage gibt es im Gebirge überall Zonen und Winkel, die ohne Netzabdeckung sind.

Befindet sich in solch einer Zone mal ein Verletzter, der sich nicht bewegen kann und von keinem weiteren Gruppenteilnehmer umgeben ist, der Hilfe holen kann, bleibt nur noch das alpine Notsignal. Dieses besteht aus sechs akustischen und/oder optischen Hilferufs-Signalen, die pro Minute ausgesendet werden. Diese Signale verlaufen dabei so, dass eine Minute lang die sechs Signale erzeugt werden, dann eine Minute Pause folgt und danach für eine Minute weitere sechs Signale einsetzen. Eine eventuelle Antwort besteht dabei aus drei Signalen pro Minute.

Auch Signalraketen könnten hier sinnvoll sein und das selbst in alpinen Gebieten, die nicht abgelegen oder einsam sind.Warum? Auch viel frequentierte Bergmassive haben Routen in unübersichtlichem Gelände, mit versteckten Ecken und Winkeln. Im Falle eines Unfalls kann das laute Leuchtgeschoss der entscheidende Hinweis für suchende Retter sein.

„Ab wann“ wird das Erste-Hilfe-Set zur Pflicht?

Bei den Erste-Hilfe-Sets gibt es die unterschiedlichsten Ausführungen für die unterschiedlichsten Outdoor-Ansprüche.

Perfekt für Bergfreunde: ein Erste-Hilfe-Set extra für Bergsteiger.

Mittlerweile habe ich selbst bei leichten Wanderungen, meist auch beim Ausflug zum Klettergarten, das Erste-Hilfe-Set im Rucksack dabei – quasi fest installiert in der Deckeltasche.

Und apropos Klettergarten: erstaunlicherweise scheint es als normal zu gelten, beim Sportklettern KEIN Erste-Hilfe-Set dabei zu haben, obwohl das Verletzungsrisiko dort sicher nicht geringer ist als bei Bergwanderungen. Viele verlassen sich hier wohl darauf, dass im Notfall schon irgendjemand irgendwas dabei haben wird.

Andererseits: klar, wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen wollte, müsste man wohl auch beim Radeln in der Innenstadt ein Set dabei haben. Das wäre vielleicht übertrieben, doch bei allen „kleineren“ Unternehmungen ist die Mitnahme eines Erste-Hilfe-Sets eben eine individuelle, subjektive Entscheidung.

Ein wirkliches Argument gegen die Mitnahme eines Erste-Hilfe-Sets gibt es jedenfalls nicht. Nicht einmal der Gewichtseinwand, da die allermeisten Artikel im Erste-Hilfe-Set so wenig wiegen, dass die meisten Bergfreunde den Unterschied, ob sie dabei sind oder nicht, kaum merken.

Bei „richtigen“ Bergtouren und Klettereien, die über einen ganzen Tag und länger hinweg dauern, ist die Sache hingegen klar: kein Erste-Hilfe-Set = fahrlässige Dummheit. Den unverzichtbaren Erste-Hilfe-Bedarf für solche Zwecke schauen wir uns nun einmal gemeinsam näher an:

Der Inhalt der Rucksackapotheke

Der

So kann zum Beispiel eine einfache Erste-Hilfe-Apotheke aussehen.

Die meisten der folgend aufgezählten Dinge sind schon in den kleineren Basic-Sets enthalten. Die etwas größeren Sets hingegen enthalten oftmals viel zusätzliches Material zur Wundbehandlung, an dem man für kleine, einfache Touren durchaus abspecken kann. An anderen Dinge (vor allem an Medikamenten) wird man hingegen aufstocken müssen.

Meist empfiehlt es sich deshalb das gekaufte Set an die persönlichen Bedürfnisse anzupassen und mit einem Einkauf in der Drogerie und Apotheke zu vervollständigen. Manche der entsprechenden Artikel gibt es auch hier im Bergfreunde Shop – neben zahlreichen verschiedenen Erste-Hilfe-Sets für unterschiedliche Bedürfnisse und Reisearten.

Für den Umfang gibt es eine simple Regel: je länger, abgelegener und riskanter/verletzungsträchtiger die Unternehmung, desto umfangreicher die Apotheke. Ihre Zusammensetzung ist vor allem vom Reiseziel abhängig. Wir befassen uns in der folgenden Auflistung „nur“ mit der Ausstattung für Bergwanderungen und alpine Touren. Fernreisen in Dschungel, Wüsten und andere exotische Destinationen erfordern jeweils andere spezielle Zusammensetzungen. Ähnliches gilt für Familienausflüge, bei denen man zwar vermutlich weniger mit großen Wunden, mehr dafür aber mit anderen Dingen wie allergischen Reaktionen oder kleineren Verbrennungen rechnen muss.

Dies wäre eine Auflistung unserer Must-Have-Utensilien, die in der Erste-Hilfe-Tasche nicht fehlen sollten:

  • Verbandsschere: Sie sollte scharf aber nicht spitz sein, denn es kann auch schon mal vorkommen, dass es schnell gehen muss. Die Schere am Taschenmesser oder die Nagelschere im Kulturbeutel kann natürlich auch benutzt werden. Sicherlich ist diese aber nicht steril.
  • Pinzette: Sie eignet sich u.a. zum Entfernen von Splittern. Bei Touren durch viel Wald, Gebüsch und Unterholz lohnt es sich zusätzlich eine Zeckenzange mitzunehmen.
  • Rettungsdecke: Zum Schutz vor Kälte oder UV-Strahlung während des Wartens auf Rettung.
  • Signalpfeife: Für das alpine Notsignal.
  • Sortiment Pflaster (Wundschnellverband): Diese sollte man sortiert in mindestens zwei verschiedenen Größen einpacken.
  • Blasenpflaster: Für kleinere Touren sollten 2-3 Pflaster reichen. Für längere Touren lohnt es sich nochmals an 2-3 weiteren Pflastern aufzustocken.
  • Sterile Wundauflagen/Kompressen: Auch hier reichen für kleinere Touren 2-3 Wundauflagen zum Abdecken größerer Wunden/Verletzungen. Für ernstere Touren sollten jedoch wieder 2-3 mehr eingepackt werden.
  • Tape eignet sich für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke. Es ist deshalb auch ein Muss in der Erste-Hilfe-Apotheke.

    Ein Allzweck-Helfer, der in der Tasche ebenfalls nicht fehlen sollte: Tape.

    Tape: 1 Rolle Tape ist perfekt! Tape ist vor allem unentbehrlich, da es auch für Notreparaturen an der Outdoorausrüstung einsetzbar ist.

  • Verbandspäckchen: Für einfache Touren sollte 1 großes und 1 kleines Verbandspäckchen (am besten mit fixierter Wundauflage/Kompresse) im Gepäck sein. Bei größeren Touren sollten zusätzlich 2 elastische Verbandsrollen (möglichst selbstklebend, um leicht fixierbar zu sein und besseren Halt bei beispielsweise verstauchten Knöcheln zu geben) in die Erste-Hilfe-Tasche wandern.
  • Dreiecktuch: Bei einfachen Touren genügt 1 Dreiecktuch zum Stabilisieren von Gelenken und Schienen bei Brüchen. Bei größeren Touren sollte zusätzlich an einem Verbandtuch (Maße 40 x 60 cm) zum Abdecken großflächiger Verletzungen aufgestockt werden.
  • Einmalhandschuhe: und/oder 2-3 Reinigungstücher.
  • Wunddesinfektionsmittel: (Zum Beispiel Alkoholgel oder Alkoholtücher)
  • Kühlmittel: (Voltaren, Biofreeze, o.a.)
  • Schmerzmittel: (Paracetamol, Ibuprofen (wirkt auch gegen Höhenkopfschmerzen))
Das Erste-Hilfe-Set kann weiter an die eigenen Ansprüche angepasst werden.

Auch weitere Utensilien können das Erste-Hilfe-Set ergänzen. So zum Beispiel eine Zeckenzange.

Extras für große Touren in abgelegenem Terrain:

  • Wundnahtstreifen/Klammerstreifen: Zum Verschließen klaffender (Platz)Wunden, die man ohne Nadel und Faden behandeln muss. Allerdings rollt sich das Gewebe bei größeren Wunden zur Verhinderung von Blutverlust an den Wundrändern ein, sodass sie, wenn überhaupt, nur direkt nach der Verletzung zusammengehalten werden können.
  • Sam Splint Schiene: Zum Schienen von Brüchen. Eine leicht gepolsterte Leichtmetallschiene ist empfehlenswert, da sie sich in fast alle Richtungen biegen lässt.
  • Fieberthermometer: Dieses sollte robust sein, sodass es während der Tour möglichst nicht kaputt gehen kann.
  • Kohletabletten: Besonders hilfreich, wann immer einen Montezumas Rache ereilt. Und das kann bei fremdländischer Küche schneller der Fall sein, als man denkt.
  • Wasseraufbereiter oder -Desinfektion: Hilft, die vorherige Problematik zu umschiffen. Die Tabletten oder Tropfen passen ebenfalls ganz easy ins Erste-Hilfe-Pack.

Für wochenlange Trekkings oder Expeditionen empfiehlt das Bergsteiger-Magazin die Nutzung weiterer Taschen als variablen Stauraum. Dort „finden diverse Medikamente, Hydratationspulver, Wundspülungen (Care Plus) etc. [ihren] Platz.

Optional/Spezialbedarf:

  • Brand- und Wundsalbe
  • Medikament gegen Höhenkrankheit
  • individuell benötigte Medikamente wie zum Beispiel Antihistaminika für Allergiker

Auf den ersten Blick sieht die Liste vermutlich nach ziemlich viel Ballast aus. Wenn man all das allerdings einmal zusammenpackt, dürfte man kaum über 500 g Gewicht kommen. Und zum Vergleich: die größten, für mehrere Verletzte befüllten Sets, in denen weitere Dinge wie Beatmungstuch, Lippenbalsam und Blutlanzetten integriert sind, wiegen um die 850 Gramm.

Rucksackapotheke für größere Gruppen

Der eben genannte Bedarf reicht in aller Regel für kleinere Gruppen bis etwa 4 Personen aus. Einen Unfall trifft oftmals „nur“ ein Gruppenmitglied. Doch man weiß nie, ob der Steinschlag oder der Seilschaftssturz nicht auch mal mehrere Bergfreunde zugleich erwischt.

Meistens ist das Erste-Hilfe-Set auch dann greifbar, selbst wenn derjenige, der es im Rucksack hat, selbst der Verunglückte ist. Natürlich kann man aber auch hier nicht darauf zählen, weshalb man für Gruppen eigentlich nur eine Empfehlung geben kann: je mehr Erste-Hilfe-Sets dabei sind, desto besser. Es dürfte auch besser sein, wenn mehrere Teilnehmer ein kleineres Set bei sich tragen, als wenn einer ein Riesen-Set mit sich trägt.

Last but not least: die Erste-Hilfe-Tasche

Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Hülle der Bergapotheke sollte passen. Bei kleinen Sets ist der Nachteil, dass der Inhalt oft in einen Beutel „gestopft“ ist, den man dann im Fall eines Unfalls durchwühlen muss. Die allermeisten Outdoor-Erste-Hilfe-Taschen sind jedoch entsprechend durchdacht. Sie bestehen aus robustem Nylon und sind dank Rundumreißverschluss, wie ein Mini-Koffer, aufklappbar. Die besten Taschen lassen sich mehrfach aufklappen, haben durchsichtige Innentaschen und Fächer, und sind übersichtlich geordnet. Viele Sets lassen sich zudem außen am Rucksack oder am Gurt befestigen, wodurch sie immer gut sichtbar und schnell greifbar sind.

Fazit

Der Überblick soll euch hoffentlich gezeigt haben, dass die Erste-Hilfe-Tasche ein absolut Muss im Outdoor-Gepäck ist. Bevor man an ihr einspart, sollte lieber auf ein anderes Outdoor-Gadget verzichtet werden. Mit gutem Gewissen kann man so auf jeden Fall das bisschen Gramm des Erste-Hilfe-Sets auf seinem Rücken tragen und in einer Notfallsituation entsprechend agieren. Trotz allem Risiko und aller Vorsichtsmaßnahme hoffen wir jedoch natürlich, dass das Erste-Hilfe-Set bei euch nie in einen ernsteren Einsatz kommen muss.

Falls ihr noch Fragen habt, könnt ihr uns diese gerne in den Kommentaren hinterlassen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. veitl sagte am 13. Juli 2018 um 10:59 Uhr

    Du schreibst „Die Schere am Taschenmesser oder die Nagelschere im Kulturbeutel kann natürlich auch benutzt werden. Sicherlich ist diese aber nicht steril.“.

    Eine Verbandschere ist auch nicht steril, sondern diese sollte halt sauber sein.
    Ich halte es eher für illusorisch, mit einer Nagelschere, insbesonder in einer Stresssituation, z.B. Kleidung aufzuschneiden.
    Eigentlich sollte es „Kleiderschere“ heissen, den für diesen Zweck muss eine solche Schere hauptsächlich geeignet sein.

  2. Natalie sagte am 8. Oktober 2018 um 18:20 Uhr

    Ich habe ein Autoverbandspäckchen erweitert: Desinfektionsmittel, elastische Binde für umgeknickte Haxen und eine zweite Rettungsfolie (wer bei dem Verletzten wartet friert wahrscheinlich auch irgendwann oder eine weitere Person hat einen Schock). Damit hat man schon das wichtigste beisammen.
    Bei den Gebirgstouren ist nie etwas passiert, beim ausgedehnten Spaziergang über Trampelpfade am Meerufer entlang ist dann tatsächlich ein Gruppenmitglied gestürzt und hat sich die Hand verletzt und natürlich war das Verbandspäckchen im Zelt…

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