Peak Performance Vertical K (c) Eric Mulder Photography

Jenseits von Lönneberga – Nachbericht zum Vertikal K in Åre

25. September 2016

Sportart

02_el-chalten

Bergfreunde Markus und Dennis (c) Eric Mulder Photography

Folköl – die schwedische Bezeichnung für Bier mit mittlerem Alkoholgehalt – läuft uns kühl durch den Hals, als wir wartend am Außengelände des Flughafens Arlanda in Stockholm sitzen. Dennis und ich haben gerade den Anschlussflug nach Östersund verpasst, nachdem der Flug ab Berlin mit eineinhalbstündiger Verspätung gestartet war. Beunruhigt schauen wir auf die Uhr und denken daran, dass unsere Gruppenkollegen wahrscheinlich schon mit dem Shuttle nach Åre unterwegs sind und bald beim Barbecue im Peak Performance Mountain House sitzen werden. Der Magen knurrt.

Was sich erst mal nicht so überzeugend anhört – Dünnbier, Flug verpasst und zwölfstündige Anreise zum Feriendomizil – lässt sich aber leicht ertragen, da wir immerhin bei Sonnenschein mitten in Schweden sitzen und uns auf drei ereignisreiche Tage in Jämtland freuen! Grund für die Reise ist eine Einladung von Peak Performance: Die Bergfreunde dürfen einen Gewinnspielteilnehmer plus einen Mitarbeiter in die Heimat des Outdoor-Ausrüsters schicken, inklusive Teilnahme am Vertical K, einem Berglauf, bei dem die schwedische Firma als Hauptsponsor auftritt. Die Teilnahme an diesem Lauf ist schließlich der Höhepunkt unseres Kurztrips nach Skandinavien, jedoch nicht der einzige Programmpunkt. Damit das Verhältnis zwischen Strapazen und Erholung im urlaubskonformen Bereich liegt, haben Mareen und Hannah von Peak Performance ein Verwöhnprogramm mit Raften, Besuch des Peak Performance – Stores, Training mit Andre Jonsson und – was für hungrige Sportler besonders wichtig ist – viel leckerem Essen organisiert.

Die Peak Performance Homebase

Die Peak Performance Homebase (c) Eric Mulder Photography

Eher zufällig hat es sich währenddessen ergeben, dass ich bei meiner Zwischenlandung in Berlin auf Dennis, den glücklichen Gewinner unseres Preisausschreibens, gestoßen bin. Während des unfreiwilligen Aufenthalts am Flughafen war genügend Zeit, um die anderen Fluggäste des Fluges nach Stockholm zu sondieren und zu überlegen, wer denn jetzt in das Raster Läufer/ Bergfreund passen könnte. Nur durch überragende Menschenkenntnis haben wir uns dann auch zielstrebig gefunden und die Hürden der erschwerten Anreise perfekt gemeistert!

Entspannte Urlaubsstimmung setzt schließlich ein, als wir in Östersund von einem vorher organisierten Taxi abgeholt und direkt in den Wintersportort gekarrt werden. So einen Luxus genießt man nicht alle Tage und wir lassen begeistert die skandinavische Landschaft an uns vorüberziehen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ich Schweden bisher hauptsächlich nur durch die Michel-aus-Lönneberga-Filme gekannt habe und wirklich gerührt war, als kurz nach dem Flughafen die ersten roten Holzhäuser auftauchen, die scheinbar gleichmäßig in die Landschaft aus Wälder, Wiesen und Seen gepflanzt sind. Wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt jedoch noch etwa 800 km nördlich von Lönneberga und werden kurze Zeit später überaus nett von der Peak-Performance-Crew und den anderen Reiseteilnehmern empfangen.

Realität oder Reiseprospekt?

Nationalpark Vålådalen

Nationalpark Vålådalen (c) Eric Mulder Photography

Diese sitzen schon entspannt bei Bier und Wein im Dachgeschoss des mondänen Peak-Performance-Stützpunkts, der direkt oberhalb vom Åresee liegt. Der Blick auf den See selbst, die schicke Einrichtung und eine riesige Terrasse mit Grill bilden hier ein Ambiente, welches ich nur aus Reiseprospekten für hippe Skiurlaube kenne. Also muss zunächst einmal von der ‚Michel-Holzhüttenromantik‘ auf ‚moderne Welt-Modus‘ umgeschaltet werden. Dies gelingt umso besser, als ich zufrieden mit einem 3-Gänge-Menü und kühlem Bier am Tisch sitze und locker mit den anderen Teilnehmern plaudere. Außer Dennis und mir sind noch drei weitere Teams angereist: Die Fast-Namenskollegen von Bergzeit, ein Sport-Conrad Frauenteam sowie ein Mixed-Team von Nora Sports aus Wien. Obwohl wir ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen sind und nur knapp drei Tage miteinander verbringen dürfen, gewöhnen wir uns recht schnell aneinander und fiebern gemeinsam dem Lauf entgegen.

Nicht nur für Wasserratten geeignet (c) Eric Mulder Photography

Nicht nur für Wasserratten geeignet (c) Eric Mulder Photography

Viel intakte Natur gibt es am nächsten Morgen zu bestaunen. Von Åre aus starten wir einen Ausflug in den etwa 30 Kilometer entfernten Nationalpark Vålådalen. Dort soll eine erste große Herausforderung auf mich warten: Als wasserscheuer Läufer und Bergsportler muss ich mich in ein Raftingboot setzen. Mental bereite ich mich also auf panisches Festklammern und Luft anhalten vor – bloß nicht ins Wasser fallen ;)

Davor hab ich jedoch noch genügend Zeit zum Atmen und kann entspannt in die skandinavische Wildnis eintauchen. Gemeinsam mit den Guides sowie dem Fotografen Eric fahren wir auf der kleinen Straße durch pralle Natur: Links der rauschende Bach, rechts Seen und Wälder. Und wenn man die Verstecke der Tiere wüsste, könnte man Polarfüchse, Elche und sogar Bären beobachten. Rentiere hingegen leben hier selten in freier Wildbahn. In Vålådalen sind noch einige Samen angesiedelt, die von der Rentierwirtschaft leben und die Herden auf ihren Wanderungen begleiten. Würde man der Straße bis zu ihrem Ende folgen, käme man wiederum zur Vålådalens Fjällstation. Dieser Ort erfuhr Mitte des letzten Jahrhunderts einen ziemlichen Boom. Auslöser dafür war die schwedische Trainerlegende Gösta Olander, der hier ein Trainingszentrum für Mittel- und Langstreckenläufer aufgebaut hat, aus dem zahlreiche Weltrekordler hervorgehen sollten.

Das Beweisfoto (c) Eric Mulder Photography

Das Beweisfoto (c) Eric Mulder Photography

Unsere Gruppe biegt jedoch schon ein paar Kilometer vorher in einen Waldweg ein, der uns direkt zum Wildbach führt. Was nun folgt, beeindruckt selbst Landratten wie mich: Glasklares Wasser bahnt sich seinen eigenen Weg durch die Wälder, hin und wieder stürzt es über Steilstufen hinab und kräuselt sich – alles in absoluter Trinkwasserqualität! Ein Flip mit dem Boot wäre also nur halb so schlimm, denke ich mir, bin aber trotzdem froh, dass es soweit gar nicht erst kommt. Die gefühlt senkrechte Schlüsselstelle der Raftingtour ist nichts desto trotz für uns alle sehr beeindruckend (siehe Beweisfoto). Nach dem Ausstieg begrüßt uns schließlich der skandinavische Sommer mit moderaten 15°C und einem spontanen Blitzeinschlag neben unserem Rastplatz. Die Dramaturgie könnte kaum besser sein und wir sind gespannt, welche Überraschungen das Wetter noch so für uns und den bevorstehenden Berglauf bereithält.

Rennen statt reden

André Jonsson scheint kein Sprücheklopfer zu sein. Abends treffen wir uns im Peak-Performance-Store in Are auf ein kurzes Kennenlernen. Zügig hakt er die Eckdaten seiner Sportkarriere ab: Die Jugendzeit ist von Langlauftraining und Wettkämpfen geprägt, danach folgt ein kurzer Abschnitt sportlicher Abstinenz. Doch schon nach einem halben Jahr bemerkt er, dass etwas fehlt. Der Körper sehnt sich nach Belastung, worauf hin er sich aufs Rennrad schwingt und die schwedischen Landstraßen erkundet. Diese sind allerdings in der Provinz um Åre so spärlich gesät, dass ihm dieser Sport schnell langweilig wird. Er entschließt sich also für das Naheliegende und trainiert im Winter auf Skitourenrennen hin. Im Sommer nutzt er die unzähligen Trails für das Lauftraining. Inzwischen kann er sich dank dem Sponsoring von Peak Performance voll auf das Laufen konzentrieren, ein Zubrot verdient er sich als Trainer in einem Hochseilgarten. Obwohl er einige Erfolge vorzuweisen hat, bleibt er bei diesem Thema eher wortkarg. Hier scheint jemand Sport zu treiben, weil er diese Strapazen und Erlebnisse braucht – keine Spur von Profilierungssucht. Sehr sympathisch!

Ein Kilometer vertikal

Peak Performance Vertical K (c) Eric Mulder Photography

Steil gehen! (c) Eric Mulder Photography

„Extremely steep“ dachte ich, als ich einen matschigen Pfad durch ein kleines Waldstück nach oben krabbele. Wir haben von André zuvor eine treffende Streckenbeschreibung bekommen, in der er sämtliche Steigerungsformen von „steep“ herhalten mussten. Jeder von uns versucht somit, die angegebene Renntaktik („Nach dem Startschuss Vollgas geben!“) so gut wie möglich umzusetzen.

Der Vertical K ist kein gewöhnlicher Berglauf. Im mittleren Abschnitt der Strecke muss eine Steilstufe mit etwa 200 Höhenmetern überwunden werden, die mit kurzen Leitern und Fixseilen gespickt ist. Insgesamt sind damit auf 5 Kilometern Wegstrecke rund 1000 Höhenmeter zu bewältigen. Nach dem Start im Ortskern von Åre, erreicht man bald die ersten Skipisten, über die man ziemlich direkt in Richtung Gipfel des 1420 Meter hohen Åreskutans geleitet wird. Mein Plan ist es, an dieser Stelle erstmal die Lage zu sondieren und nicht gleich am „Anschlag“ zu laufen. In der oberen Hälfte der Strecke wartet technisch anspruchsvolles Gelände auf uns. Ein sicheres setzen der Schritte ist hier Pflicht, kraftloses Torkeln würde früher oder später zum Sturz führen.
Ungewöhnliches Laufgelände führt zu ungewöhnlichen Wettkampfsituationen: Aufgrund der Steilheit gibt es schwingende Beine auf Nasenhöhe und das Fixseil peitscht teils knapp an den unterschiedlichsten Körperstellen vorbei. Ab dem Mittelplateau des Berges ändert sich das Terrain abermals. Die Landschaft gleicht in kurzen Momenten einer Hochebene bevor der nächste Anstieg aus dem Nebel auftaucht. Die Wege führen über kompakte Felsplatten, durchsetzt von Wiesen und Mooren – alles wunderschön. Wären meine Oberschenkel nicht schon „blau“, könnte hier durchaus richtiges Laufvergnügen aufkommen.

Peak Performance Vertical K (c) Eric Mulder Photography

Dennis im Ziel (c) Eric Mulder Photography

Je näher der Gipfel kommt, umso garstiger wird auch das Wetter. Inzwischen stürmt und graupelt es. Gefühlt liegt die Temperatur im einstelligen Bereich. Trotzdem stehen noch einige gut gelaunte Zuschauer am Wegesrand und feuern uns an. Die Schweden sind anscheinend ein sportbegeistertes Volk, das sich nicht so schnell von miesem Wetter abschrecken lässt! Derartig angespornt, werden die letzten Kräfte mobilisiert. Mein ausgekühlter Körper stellt auf Notstromversorgung um und ermöglicht mir einen Laufstil, der haarscharf an der „Torkelgrenze liegt. Beim Zieleinlauf freue ich mich deshalb nicht nur über meinen 34. Platz, sondern auch über die gemütliche Berghütte auf dem Gipfel, in der jeder Läufer direkt eine Våffla (Waffel) gereicht bekommt. Der Blutzuckerspiegel schießt schnell wieder in den grünen Bereich und die Süßigkeit liefert genügend Energie, die Teamkollegen zu suchen. Dennis kommt schließlich souverän als sechzigster ins Ziel und ist vermutlich der beste Flachländer im ganzen Teilnehmerfeld. Dass wir uns letzten Endes perfekt ergänzt haben, zeigt auch die Addition unserer Laufzeiten: Auf die Sekunde genau hat das Bergfreunde-Team exakt zwei Stunden gebraucht.

Tusen Tack!

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die Leute von Peak Performance, insbesondere Mareen und Hannah. Kein Wunder also, dass die unzähligen schöne Eindrücke dazu führen, dass die ganze Gruppe sichtlich gerührt ist, als wir uns am Flughafen verabschieden. Nicht nur einmal stehe ich andächtig und stumm da und freue mich, dass ich dabei sein durfte. Hört sich jetzt schnulzig an, ist aber wirklich so!

Kommentare zu diesem Artikel
Andere Bergfreunde freuen sich auf deinen Kommentar