Doppelinterview: Bergfreundin Anna und ihr Unfallchirurg Dr. med. Sebastian Scheidt

18. Februar 2020

„Wissen Sie, eigentlich halte ich nichts von Ärzten.“

So sprach mich eine ältere Dame im Wartebereich der Ambulanz der Unfallchirurgie an. „Oh, meinen Sie?“, fragte ich zurück und gab ihr Raum zum Reden. Die Entscheidung über meinen Unfall und den Heilungsprozess journalistisch zu berichten, fiel an diesem Tag.

Auch mit dem Ziel und der Hoffnung aufzeigen zu können, dass eine konstruktive Zusammenarbeit im Bezug auf den Heilungsprozess möglich ist. Eine transparente Erklärung des Arztes und ein Verständnis für die Situation der Patientin sind unabdingbar. Aber auch auf der Seite der Patientin spielt die Bereitschaft zur Mitarbeit eine große Rolle.

Im Doppelinterview erhaltet ihr Tipps, wie ihr im Falle eines Sturzes handeln solltet. Mein behandelnder Unfallchirurg und ich geben euch Einblicke in die Behandlungs- und Entscheidungsprozesse. Wir sprechen über regelhafte und individuelle Heilungsprozesse, aber auch über unausgesprochene Annahmen und gegenteilige Meinungen.

Ich danke Sebastian Scheidt für die Bereitschaft und das Einlassen auf die besondere Interviewsituation.

Dr. med. Sebastian Scheidt ist als Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Bonn tätig. An der Unfallchirurgie reizt ihn besonders die Verbindung manueller Fähigkeiten mit dem theoretischen Hintergrund – vor allem, wenn der ganze Körper in Betracht gezogen werden muss. Nicht zuletzt schätzt er das breite Spektrum von Verletzungen an einem Uniklinikum und die Arbeit im Team. Seinen bisherigen Forschungsschwerpunkt der degenerativen und traumatischen Wirbelsäulenverletzungen und der Infektionsdiagnostik erweitert er derzeit durch Forschungen zu Verletzungen der unteren Extremitäten, im Speziellen der Verletzungen des Knie- und Sprunggelenks.

Was ist Dir noch von der Zeit direkt nach deinem Sturz in Erinnerung geblieben?

Anna: Ich spürte jetzt keine Angst oder Panik und lag durch den Sturzverlauf bereits in der stabilen Seitenlage. Ich bin liegen geblieben, habe die Schockreaktionen meines Körpers wahrgenommen und versucht die Fragen meiner Kletterpartnerin zu beantworten. Der Rettungswagen war nach meinem Empfinden recht schnell vor Ort. Die Rettungskräfte überzeugte ich irgendwie, mich nicht in das nächste Dorfkrankenhaus, sondern in die Uniklinik nach Bonn zu fahren.

Was ist direkt vor Ort nach einem Sturz auf die Füße (Ground Fall) aus notfallmedizinischer Sicht zu tun?

Sebastian Scheidt: Man sollte zunächst schauen, ob die verletzte Person bei Bewusstsein und ansprechbar ist. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte sie in die stabile Seitenlage gebracht werden. Wenn mehrere Personen vor Ort sind, sollten diese um Mithilfe gebeten werden – sodass neben der Notfallversorgung eine andere Person den Rettungsdienst alarmieren kann. Wenn offene Verletzungen zu sehen sind, das heißt blutende Wunden oder Knochenbrüche sollten diese möglichst geschient werden – besonders, wenn man im Gelände unterwegs ist. Wenn der Unfall in der Halle passiert, ist es wichtig, die verletzte Person möglichst schmerzfrei zu lagern bis der Rettungsdienst eintrifft, was ja hier in unserem Fall recht gut funktioniert hat.

Wie hast Du die Zeit in der Uniklinik wahrgenommen? Gibt es etwas, das Du heute anders machen würdest?

Anna: Ich hätte mehr zu meiner Verletzung und den Umständen sagen können. Auch habe ich vielleicht etwas viel geschwiegen, um zu einem unauffälligen Fall zu mutieren, woraus in meiner damaligen Logik resultieren sollte, nicht in der Klinik bleiben zu müssen. (lacht)

Welche Merkmale führten zu der eindeutigen Entscheidung erst mal nicht zu operieren?

Sebastian Scheidt: Bei der vorliegenden Verletzung war eine sofortige OP-Indikation nicht gegeben. Die Gelenke des Fußes und Sprunggelenks waren durch den Abriss des Knochenfragmentes und des gerissenen Bandkomplexes nicht betroffen. Es lag keine Luxation vor – das heißt das Gelenk war nicht aus der Führung gesprungen. Da auch kein Knochenbruch mit Ausstrahlung in das Gelenk und den Knorpel vorlag, konnte zunächst eine Ruhigstellung und weitere Diagnostik erfolgen.

Wie lassen sich die Verletzungen des Fußes zusammenfassen?

Sebastian Scheidt: Es lag eine knöcherne Absprengung an der Innenseite des Sprungbeins vor – also knapp unterhalb des oberen Sprunggelenks. Hier heften in der Regel Kapsel-Band-Strukturen an, die durch den Sturz teilweise abgesprengt wurden – auf der Außenseite, war das vordere Außenband gedehnt und das hintere gerissen. Weitere Sturzfolgen waren Knochenmarködeme, Hämatome und Begleitentzündungen im Fuß.

Dein Fuß war insgesamt für zwei Monate ruhiggestellt. Wusstest Du das direkt nach der Erstversorgung in der Uniklinik?

Anna und Dr. Med. Sebastian Scheidt im Gespräch.

Anna: Oh je, ich glaube nicht. (lacht) Ich hatte ein paar Tage nach der Behandlung im Notfallzentrum einen Termin in der unfallchirurgischen Ambulanz und da haben wir das Vorgehen besprochen. Mein Fuß sollte erst mal für sechs Wochen ruhiggestellt werden. Nach den MRT Bildern Anfang Juli wurde beschlossen die Ruhigstellung auf acht Wochen zu erhöhen.

Wann entscheiden Sie, dass eine zweimonatige Ruhigstellung notwendig ist? Gibt es ähnliche Fälle, in denen Sie zu einer OP raten würden?

Sebastian Scheidt: In der Regel stellen wir solche Verletzungen für sechs Wochen ruhig. Die sechs Wochen dienen zur Erholung der Bandstrukturen, dem Abschwellen der Begleitentzündung und geben auch den Prellungen des Knochens die Möglichkeit abzuheilen. Auch gibt die Phase der Ruhigstellung dem Knochenfragment die Möglichkeit wieder anzuwachsen.

Aufgrund der starken Ödeme haben wir die Ruhigstellung um zwei Wochen verlängert. Bei Verletzungen, die in den Gelenkraum ziehen und somit den Knorpelüberzug beeinträchtigen können, wird in Abwägung der möglicherweise entstehenden Langzeitfolgen eine operative Therapie empfohlen. Auch bei komplexeren Bandverletzungen, die eine Instabilität bewirken, tendieren wir zu einer operativen Stabilisierung, nachdem der Fuß abgeschwollen ist – sodass der Patient wieder mit einer guten Gelenkführung mobil sein kann.

Die Zeit nach der Ruhigstellung war für Dich viel schlimmer. Kannst Du kurz beschreiben, warum?

Anna: Da haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. In erster Linie meine eigenen Erwartungen und die meiner Auftraggeber wieder schnell komplett körperlich fit zu sein – also, dass der Fuß und das Bein wieder komplett funktionsfähig sind. Es war schwierig anzunehmen, dass mein Fuß nicht so schnell abheilt. Dazu kam auch, dass die Ungewissheit über den Heilungsprozess wieder zugenommen hat. Vor allem dadurch, dass von der medizinischen Seite mir keine klare Zeitangabe gegeben werden konnte. Aber auch durch die Physiotherapie, die nur wenig an dem Zustand meines Fußes veränderte. Durch die anhaltenden Schmerzen und starken Bewegungseinschränkungen habe ich auch erst richtig verstanden, wie schwerwiegend meine Verletzung war.

Ist es möglich Patientinnen und Patienten im Vorfeld aufzuklären, wie der Heilungsprozess verläuft?

Sebastian Scheidt: Grundsätzlich werden die Patienten darüber aufgeklärt, dass sie über einen Zeitraum von ca. 12 Wochen mit Einschränkungen in der Mobilität zu rechnen haben. Dazu muss immer vermittelt werden, dass der Heilungsprozess individuell verschieden verlaufen und so auch mal den Zeitraum überschreiten kann.

Lässt sich generell die Heilungsdauer mit der Fitness der Patientin in Verbindung setzen?

Sebastian Scheidt: Patienten, die eine Grundfitness mitbringen – ein gutes Körpergefühl, eine gute Koordinationsfähigkeit haben, kein Übergewicht aufweisen und regelmäßig sportlich aktiv sind, finden häufig zügiger in ihren Alltag und den Sport zurück. Aber auch hier können wir nicht immer davon ausgehen. Auch junge und sportliche Patienten, wie auch hier, können von der regelhaften Heilungsdauer abweichen.

Über eine so lange Behandlungsdauer erwartet man schon fast, dass es Unstimmigkeiten zwischen Arzt und Patientin gab. Fällt Dir da eine Situation ein?

Anna: Ja schon. Nachdem ich von der Ruhigstellung in die Teilbelastung übergegangen bin, habe ich ihn gefragt, ob er mir nicht Physiotherapie verschreiben möchte. Und er sagte nur: „Da Sie eine junge und sportliche Patientin sind, denke ich, dass die Defizite in ihrer Muskulatur sich wieder selbst aufbauen. Durch die Verletzung sind keine Bewegungseinschränkungen an dem Gelenk aufzuweisen … “ Das habe ich anders gesehen und ich hatte auch noch den Druck wieder vollständig funktionieren zu müssen. Ich habe dann trotzdem ab der zehnten Woche mit der Physiotherapie begonnen.

Sebastian Scheidt: Mir war wichtig, dass zunächst die Alltagsbelastung wiedererlangt werden kann. Eine physiotherapeutische oder gar manual-therapeutische Behandlung bei dem vorliegenden knöchernen Abriss war mir noch zu früh. Meine Besorgnis war, dass Heilungsprozesse in der Tiefe durch zu viel Therapie verzögert oder gar unterbrochen werden.

Behindern solche Unstimmigkeiten das Arzt-Patientin-Verhältnis?

Anna: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mir damals gedacht, wenn ich aus seiner Sicht meinem Fuß schwerwiegend schaden kann, wird er mir das schon deutlich sagen. Im weiteren Verlauf war für mich vor allem wichtig, dass er schließlich feststellte, dass die Heilung nicht mehr, wie erwartet, verläuft. Und er für die Verschlimmerung des Zustandes Mitte Oktober eine Erklärung findet – und natürlich den Fuß und den Heilungsprozess nochmal genauer anschaut, um mögliche Prozesse und Annahmen neu beurteilen zu können.

Sebastian Scheidt: Aufgrund der anhaltenden Beschwerden und Einschränkungen führten wir eine erneute MRT Diagnostik durch. Hier zeigte sich zum einen ein rückläufiges Knochenmarködem, welches auf eine rückläufige Verletzung hindeutet. Allerdings zeigte sich auch, dass das abgesprengte Knochenstück weiterhin nicht angewachsen ist. Durch die Zugabe von Kontrastmittel konnten wir ausschließen, dass keine Durchblutungsstörungen im Knochen vorliegen.

Die Verletzung ist jetzt sieben Monate her. Hast Du erwartet, dass die Heilung so langwierig ist?

Anna: Wenn ich zurückdenke, wie stark meine Schmerzen waren und aus welcher Höhe ich auf meinen Fuß gefallen bin… Mir war schon klar, dass ich nach zwei Monaten noch nicht laufen kann. (lacht) Ein anderer Arzt hat mir irgendwann im Sommer mal gesagt, dass Verletzungen am Sprungbein und am Sprunggelenk sehr lange dauern können. Aktuell habe ich weiterhin Einschränkungen in der Funktion des Sprunggelenks, Schwellungen um den Talus, am Innen- und Außenknöchel und kann mich nicht schmerzfrei bewegen. Auch Klettersport ist nach einem kleinen Test noch nicht wieder möglich. Am deutlichsten sind die Einschränkungen für alle sichtbar, wenn ich Treppen hoch oder runtergehe – wo manche Menschen mich doch lieber die Treppe hochtragen möchten, als meine sichtbar eingeschränkten und unharmonischen Bewegungen beobachten zu müssen. (lacht)

Wie sehen Sie das?

Sebastian Scheidt: Im Prinzip haben wir beide erwartet, dass der Fuß nach einer Phase von sieben Monaten eigentlich wieder so stabil ist, dass er im Alltag keine Probleme macht und dass Sport fast wieder auf gleichem Niveau möglich ist. – Wobei wir hier auch wieder bei der individuellen Heilungsdauer sind und auch nach sieben Monaten die Beschwerden mit weiteren Therapien und Maßnahmen in den Griff zu bekommen sind.

Gehen wir ein wenig weg von deiner Verletzung. In deinem zweiten Artikel beschreibst Du, dass der Fuß eine geniale Konstruktion ist. Was begeistert Dich so?

Anna: Im Zusammenhang mit der Körperarbeit bei Schauspielerinnen und Schauspielern finde ich es immer wieder beeindruckend, wie das Sprunggelenk so reibungslos und lautlos unseren Körper bewegen kann. Besonders veranschaulicht das vielleicht ein Bild vom hibbeligen Kleinkind. Ohne viel Kraftaufwand springt es auf und ab und nutzt mühelos seine Sprunggelenke.

Sebastian Scheidt: Dass der Fuß eine geniale Konstruktion ist, dem kann ich nur beipflichten. Es ist immer wieder erstaunlich, dass diese zierlichen Knochen die gesamte Körperlast tragen und auch bei Sprüngen, wo sie ein Vielfaches des Körpergewichts abfedern müssen, nicht zerbrechen. Das gesamte Konstrukt des Fußes und des Sprunggelenks wird neben der marginalen knöchernen Führung hauptsächlich durch die Kapsel – und Bandstrukturen gehalten und stabilisiert. Dieses Zusammenspiel erlaubt überhaupt erst die einzigartige Bewegungsfreiheit und Stabilität. In der Therapie dürfen diese Strukturen nicht vernachlässigt werden. Gerade bei Sportlerinnen und Sportlern sollten diese entsprechend trainiert und im Verletzungsfall ausgiebig rehabilitiert werden.

Welche prophylaktischen Maßnahmen empfehlen Sie ihren Patientinnen und Patienten?

Sebastian Scheidt: Gerade im Klettersport ist es wichtig sich vor der Belastung ausreichend warm zu machen und seinen gesamten Körper zu dehnen, um ihn auf die bestehende Anstrengung vorzubereiten. Ausgleichssportarten sind sehr zu empfehlen, da sie zum einen die Gesamtfitness, aber auch das Körpergefühl und somit die Rumpfstabilität erhöhen. Andere Betätigungen, wie Joggen oder Schwimmen führen beispielsweise zur Kräftigung der Bänder und Knochen. So führen Spitzenbelastungen, wie Stürze, weniger häufig zu Verletzungen.

Der Helikopter startet auf dem Dach der Notfallklinik. Foto: Tim Liss

Hast Du noch was zu ergänzen?

Anna: Im Kletter- und Bouldersport gibt es Sturztrainings. Verschiedene Techniken können helfen Verletzungen zu verhindern oder wenigstens etwas zu mildern. Auch lege ich immer viel Wert auf das Aufwärmen der Muskulatur und der Bänder. So können viele Verletzungen vermieden werden – abgesehen von Unfällen mit starkem Wand- oder Bodenkontakt, die meist schwerwiegendere Verletzungen mit sich bringen. Und auch, wenn es banal klingt, klettert oder bouldert nicht bis zur vollen körperlichen Erschöpfung.

Mit diesem Doppelinterview möchte ich allen Ärztinnen und Ärzten sowie ihren Teams danken, die mich unterstützt haben und teilweise weiterhin unterstützen. Die abschließende Kletterreportage der Artikelreihe wird voraussichtlich im Sommer 2020 veröffentlicht.  

Titebild: Tim Liss

Weitere Artikel der Reihe:

Hoch hinaus oder die Kunst des Sturzes

Der Fuß – eine geniale Konstruktion

„Wir bringen Sie wieder zum Laufen.“

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Katja sagte am 22. Februar 2020 um 11:21 Uhr

    Danke, Anna, für den sehr ausführlichen Einblick in solch einen komplexen Heilungsprozess. Kann besonders das zähe Warten nachvollziehen, da ich zeitgleich mit einer sich nur langsam erholenden Stimmstörung konfrontiert war…und dass das Patienten-Arzt-Verhältnis stimmen muss: habe auch lange nach der richtigen Logopädin gesucht. Das Vertrauen und die Zuversicht, dass Dein Arzt Dir zur Heilung verhilft, ist essenziell, ansonsten: Stagnation.

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