Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

Küss die Wand, schöne Frau – Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

9. November 2017

Sportart

Der Winter ist vorbei und die Sonne scheint wieder in unsere Lieblings-Wand in Kochel. Als eine der „Hausmeister- Seilschaften“ haben wir schon vor längerer Zeit die Sportklettersaison eingeläutet, sind mittlerweile aber nicht mehr allein vor Ort. Je mehr Seilschaften, umso häufiger stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich mich an der Wand so umschaue. Selbst bei routinierten Kletterern sehe ich die schlimmsten Fehler. Erst neulich beobachte ich mit halbem Auge eine vor allem aus der Halle wohl bekannte Situation: ein Sicherungs-Bunny entfernt sich proportional zum Höhengewinn ihres Vorsteigers immer weiter von der Wand. Plötzlich macht sie einen unsanften Abflug in Richtung erste Expresse als ihr Vorsteiger stürzt.

„Küss die Wand schöne Frau, ihr Auge ist jetzt blau?“ Zum Glück ist nichts passiert. Oder heute, als ein Sicherer beim Ablassen lachend seinem Partner zuruft, „gut dass ich einen Halbautomaten verwende, gerade habe ich komplett das Seil losgelassen weil mir die Expresse auf die Finger gefallen ist.“ Gegen unsere Reflexe kommen wir nicht an und das Schlimme ist, dass Fehler oft passieren WEIL man schon so lange klettert – eine Art Betriebsblindheit! Gerade jetzt, nach einer längeren Pause vom „draußen“ klettern, ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, sich die wichtigsten Fehlerquellen aufs Neue bewusst zu machen.

Tausend mal geführt…

Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

Knoten kontrollieren, am besten beim Partnercheck. Foto: Georg Pollinger

Scheinbar hat das Training in der Halle etwas gebracht, denn mein Vorsteiger oben macht gerade lässig einen „no-hand-rest“. Coole Sau, denke ich noch, denn die Route ist nicht einfach. Erst später erfahre ich, dass es eine mehr oder weniger unfreiwillige Pause war, in der schnell der Knoten zu Ende geknüpft wurde. Tausend mal geknüpft… „Wie gut, dass es mir erst nach der Schlüsselstelle aufgefallen ist“, folgt der nüchterne Kommentar. Müssen wir nach zehn Jahren Klettern etwa wieder anfangen, den Partnercheck zu machen?

Ich glaube wir hätten besser nie aufgehört! Die Kontrolle von vier Augen erkennt nebenbei auch ein versehentlich falsch gefädeltes Seil durch nur eine oder die falsche Öse am Gurt. Andere Fehlerquellen lassen sich durch neue Ausrüstung ausmerzen. Zum Beispiel, wenn der Sicherer gern einmal vergisst, den Schraubkarabiner zuzumachen! In diesem Fall schenkt man ihm zum nächsten Anlass besser einen Twist-Lock- oder Ball-Lock-Karabiner, am besten gleich mit Sicherungssteg. Die paar Euro sind es wert! Das gilt auch für die Investition in einen neuen Klettergurt mit „Sicherheitsschnalle“. Die neuen Modelle haben alle etwas wie das „Rock & Lock- System“ von Singing Rock und müssen daher nicht zurück gefädelt werden. Eine weitere Fehlerquelle entfällt.

Mal zu wenig und dann zu viel

Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

Beim Sichern nah an die Wand und den Vorsteiger beobachten. Foto: Georg Pollinger

Vorsteiger sind manchmal wie nörgelnde Ehefrauen. Wie man es macht, ist es verkehrt. Einmal ist es zu wenig Seil und viel zu langsam, dann wiederum zu schnell und zu viel – vor allem beim Sturz. Vielleicht stehen deshalb so viele Sicherer so weit von der Wand weg, um auf alles vorbereitet zu sein? Beim Seil ausgeben schnell zur Wand gelaufen und statt Seil einzuholen, schnell von der Wand zurücktreten. Wer will schon in seiner Freizeit „angezickt“ werden. Das kann fatale Folgen für beide haben – der Sicherer wird durch die erste Expresse gedreht und der Vorsteiger landet schlimmstenfalls am Boden. Wir unterschätzen oft, um wie viel ein Sturz durch dieses zusätzliche Schlappseil verlängert wird.

Bekannte Situation aus der Halle: gerade eben war der Vorsteiger nebenan noch unter dem Dach und jetzt baumelt er einen Meter über dem Boden. Leute, ran an den Fels und Kopf verrenken! Ein steifer Nacken heilt schneller als gebrochene Knochen. Vielleicht kommt man sogar zu einer schönen Nackenmassage? Ähnlich fatal ist ein (zu) großer Gewichtsunterschied zwischen Kletterpartnern, der über den Winter vielleicht noch ausgeprägter ist. Es soll ja schon passiert sein, dass zwischen Weihnachten und Ostern ein paar Speckröllchen hinzugekommen sind, während andere ganzjährig trainieren und „Frühjahrsfasten“. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass die Kletterwand eine der wenigen Orte ist, wo auch Frauen nach ihrem Körpergewicht befragt werden dürfen…

Hans guck in die Luft

Ich hänge kurz unterhalb der Schlüsselpassage und zögere. Ein kurzer Blick nach unten zum Sichernden soll mir Mut geben, stattdessen geht mir die Nähmaschine. Mein Sicherer guckt tatsächlich nach oben, nur leider nicht zu mir! Da hat wohl jemand einen knackigeren Arsch. Was mich um einen Rotpunktversuch bringt, kann auch schlimmer enden. Wenn ich mich so umschaue, dann ist Aufmerksamkeit für den Kletterer Mangelware! Eigentlich könnte man alle bereits genannten Fehler unter dieser Kategorie zusammenfassen. Eigentlich wissen wir es ja alle und doch lassen wir uns so schnell ablenken.

Es gibt ja auch so viel zu sehen – mehr oder weniger schön geformte Köper und mehr oder weniger Haut, Rotpunktversuche Anderer im eigenen Projekt und vieles mehr. Konzentration ist oft eine Höchstleistung der Sinne und das Weghören und Wegsehen strengt manchmal mehr an, als das Klettern. Dagegen wird zwischen den Partnern oft zu wenig gesprochen. Vor allem wenn es darum geht, jemanden aus der Sicherung zu nehmen. „Stand“ bedeutet manchmal einfach nur „ich bin oben“ und meint „du kannst mich ablassen“. Leider kenne ich zu viele Beispiele, wo ein zusätzlicher Satz zwischen Kletterer und Sicherer einen Absturz verhindert hätte. Vor Allem wer nicht mit seinem Standard-Partner unterwegs ist, sollte sich im Hinblick auf die Seilkommandos vorher gut absprechen!

Irren ist menschlich

Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

Prog- klippen statt Panik schieben. Foto: Georg Pollinger

Und doch kann auch einmal das Material versagen. Gerade nach einer Winterpause ist eine gute Gelegenheit, das Seil auf Fehlstellen zu untersuchen und das „Ablaufdatum“ der Bandschlingen unter die Lupe zu nehmen. Ich möchte nur auf den Absturz von Todd Skinner erinnern, der Jahrzehntelang in seiner Lieblingsbandschlinge hing, bis sie gerissen ist. Was ebenso oft vergessen wird: auch Karabiner schleifen sich mit der Zeit durch und werden dadurch scharfkantig. Einfach bei Gelegenheit alle Karabiner mit dem Finger überprüfen, ihr werdet euch wundern. Der Sturz an solch einer scharfen Kante sollte unbedingt vermieden werden, da Seile darauf nicht genormt sind und reißen können.

Was für das eigene Material gilt, zählt exponentiell für fixe Sicherungen in der Wand. Auch die Zwischenstücke von Expressen und Verlängerungsschnürchen an Haken machen über das Jahr hinweg ganz schön was mit. Es ist erschreckend, wie schnell sie durch UV-Einstrahlung und Verwitterung altern. Das gilt auch beziehungsweise vor Allem für den Stand. Im Zweifelsfall lieber Material zurücklassen. Eine gute Alternative zum Clippen von uralten Verlängerungsschnürchen in der Wand (oder bei „Anlaufschwierigkeiten“ der Vorstiegs-Moral) ist der „Prog“ von KONG: der lang ersehnte, verlängerte Arm. Ohne Gentechnik.

Marmor, Stein und Eisen bricht

Die häufigsten Fehler beim Sportklettern

Kurz nach dem Winter kann ein Griffausbruch auch mal größer ausfallen… Foto: Georg Pollinger

Ich möchte jetzt nicht auch noch mit dem Ying und Yang daher kommen, aber Wasser formt bekanntlich den Stein. Durch den Wechsel von Frost- und Tauperioden betrifft das auch uns Kletterer. Ein weiterer Instinkt, der oft über den Winter verloren geht, ist nämlich das Bewusstsein für den Risikofaktor Steinschlag. Den gibt es eher selten in der Halle, oder? Gerade im Frühjahr kann einem unter der Wand Stehenden aber nicht nur durch einen Griffausbruch durchaus mal ein „Kiesel“ um die Ohren fliegen (wer hat den Griff wieder nicht richtig angeschraubt?!).

Schrauben können auch locker Mütter haben – vor dem clippen also besser überprüfen, ob die Mutter am Bohrhaken auch wirklich fest ist. Jetzt muss ich aber aufhören, sonst fallen mir noch dümmere Wortspiele ein. Es gibt nämlich nichts blöderes, als wegen einem unnötigen Leichtsinnsfehler am Fels zu verunfallen. In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Saison- Auftakt am Fels!

Literatur Empfehlungen:
Sicher Sichern, Michael Hoffmann, Panico Alpinverlag, 2010
Lehrbuch Sportklettern, Michael Hoffmann, Panico Alpinverlag, 2012
Rock Warrior, Arno Ilgner, Panico Alpinverlag, 2013

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Janick sagte am 20. September 2017 um 16:12 Uhr

    Ihr habt aufgehört den Partnercheck zu machen, bloss weil ihr lange klettert? Mit sowas würd ich nicht an die Wand wollen, das ist nichts als sträfliche Dummheit!

    Du schlägst vor den Leuten, die unfähig sind, sich auf das Verschliessen von Schraubern zu achten Twist lock’s zu schenken? Mal davon abgesehn, dass Twist lock ein veraltetes und unsicheres System ist (wenn dann bitte Tri lock): wenn jemand nicht in der Lage ist solch essentiellen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, dann nützt auch ein automatisch schliessender Karabinerverschluss nichts – der Fehler wird dann einfach anderswo auftauchen…

    Du schreibst von Steinschlag und kommst mit keinem Wort darauf zu sprechen, dass es sowas wie Helme gibt? Deren Vorhandensein wird nach wie vor von unglaublich vielen Leuten knallhart ignoriert, auch in Gebieten, die nach einem Helm schreien!

    Netter Versuch mit dem Artikel, einige echt vernünftige Sachen dabei, die man so bedenkenlos unterschreiben und verbreiten kann – es fehlen klare, harte Fakten (bspw. zu Materialablegereife, Gewichtsunterschied, etc.), einige Empfehlungen sind keine oder sind mehr gefährlich denn sinnvoll (Twist lock) und einiges fehlt einfach schon mal grundsätzlich (Helm!)

  2. Jörn sagte am 22. September 2017 um 08:46 Uhr

    Hi Janick,

    danke für deinen Kommentar.

    Der Text hat keinesfalls den Anspruch, eine komplette Guideline für das sichere Klettern am Fels zu sein. Er richtet sich vielmehr an alte Hasen (die wissen, dass man Helme am Fels trägt) und sollte mit subjektiven Erfahrungen und leicht ironischem Unterton in erster Linie dazu anregen, das eigene Handeln zu überdenken, weil sich eben viele Dinge über die Zeit einschleifen.

    Ich hoffe, das macht es etwas deutlicher.

    Viele Grüße,

    Jörn

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