Gore Tex Transalpine Run 2014 – Scheitern oder nicht scheitern

23. Dezember 2014

Sportart

Gore-Tex Transalpine Runs 2014 - Johannes am Gipfel

Johannes berichtet von der letzten Etappe des Gore-Tex Transalpine Run 2014

Zugegeben, es ist schon eine Weile her, aber wir schulden Euch noch den Bericht von Johannes zu seiner Teilnahme am Transalpine Run 2014.

Wir, also die restlichen Bergfreunde, haben uns im Vorfeld ja öfters mal gefragt, ob man bei einem solchen Lauf noch von Spaß sprechen kann oder ob es eigentlich die reinste Qual ist.

Aber wenn man Johannes so zuhört, dann scheint es doch sehr viel Spaß gemacht zu haben. Eindruck hat es auf jeden Fall gemacht.

Wir schreiben Samstag, den 6. September. Der Tag hätte nicht besser gemalt werden können. Wir befinden uns direkt nördlich der Sextener Dolomiten im namensgebenden Örtchen Sexten. Von einem leicht bewölkten Himmel schickt die Sonne ihre wärmenden Strahlen gen Erde. Unten liebliche Wiesen und Bergwälder, darin eingebettet die hübschen Dolomitendörfer, oben spitzen schroffe Felstürme, Grate und Zacken gen Himmel. Der perfekte Tag also, um die letzte Etappe des Gore-Tex Transalpine Runs 2014 zu laufen, ja zu zelebrieren. So kam es schließlich, dass ganz viele glückliche Läufer ins Ziel kamen – humpeln, rennend, hüpfend, lachend, grinsend, in sich gekehrt, vor Freude schreiend. Aber eines war sicher, alle waren glücklich, die Strapazen hinter sich zu haben – 8 Etappen, 293 km, 13.730 Hm im Aufstieg lagen hinter allen. Auch Markus war unter ihnen.

An dieser Stelle, lieber Markus, Glückwunsch, zu Deiner Leistung. Lange sind wir gemeinsam gelaufen, haben uns Schlammabfahrten hinunter gekämpft, die Anstiege hoch gequält, haben Wind, Wetter und Schnee getrotzt, haben die Freude einer Zielankunft genossen und sind vor allem über uns hinaus gewachsen. Dafür, für dieses gemeinsame Erleben und für das gemeinsame Wachsen an der Aufgabe Transalpine Run, möchte ich dir danken!!

Einer der fehlte, einer der an seinem Körper scheiterte, war ich. Ist „scheitern“ das richtige Wort? Ich weis es nicht, wahrscheinlich ist „scheitern“ nicht angebracht. Aber in diesem Moment, als ich im Zielbereich stand, all die freudigen Gesichter gesehen habe, fühlte sich das alles wie eine grandiose Niederlage an. Was war passiert? Ich greife nun mal sehr weit vor.

Der Prolog

Gore-Tex Transalpinerun 2014 Karte

Die acht Etappen auf einem Blick

Seit ca. Anfang 2014 habe ich mich intensiv auf den Gore-Tex Transalpine Run vorbereitet. Teilweise klingelte morgens um 3:55 Uhr der Wecker um morgens die 32 Kilometer zur Arbeit zu laufen. Manchmal habe ich die Höhen der Schwäbischen Alb länger am Tag gesehen als die Augen meiner Frau. Alles war ausgerichtet auf dieses eine Ziel: Nach acht Etappen Gore-Tex Transalpine Run in Sexten glücklich durch das Ziel zu laufen.

Je näher der Lauf kam, desto größer wurde die Nervosität, wuchs aber auch die Vorfreude. Hatte man genug trainiert, macht der Körper mit? All das waren Fragen, die mich beschäftigten. Dann, ca. acht Wochen vor der ersten Etappe begannen die Probleme. Mein linker Oberschenkel machte zu, hatte keine Lust mehr. An Lauftraining war kaum zu denken. Die Angst wuchs. Konnte ich mit Rennradtraining die Form über die Zeit retten, würde mein Oberschenkel den Strapazen überhaupt gewachsen sein? Lange war nicht klar, ob es überhaupt Sinn macht zu starten. Ich hätte es mir aber wohl nie verziehen, es nicht versucht zu haben. Und Markus gegenüber war’s auch nur fair, zu starten. Die Entscheidung war also gefallen, die Herausforderung Gore-Tex Transalpine Run wird angegangen.

Das Rennen

Gore-Tex Transalpinerun 2014 Karte

Waldiges Auf und Ab auf herrlichen Trails – das war die dritte Etappe.

Am Morgen des 30. August standen Markus und ich inmitten vieler anderer nervöser Läufer im Startbereich. Gerade hatten wir die Ausrüstungskontrolle passiert. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, es regnete in Strömen. Das war in etwa auch meine Stimmung in diesem Moment. Angst, Unsicherheit. Was würde mein Oberschenkel machen, schaffe ich überhaupt die Strecke nach der nicht gerade idealen Vorbereitung? Die Herausforderung schien übermächtig. Dann die letzten Sekunden, „Peng“, der Startschuss. Angetrieben vom etwas angestaubten AC/DC Klassiker „Highway to Hell“ zieht sich der Wurm an Läufern durch die Innenstadt von Ruhpolding und weiter in die graue, nasse und verregnete Alpenwelt hinein.

Nun wich Angst und Unsicherheit immer mehr dem Spaß. Ein Wohlfühlen inmitten der anderen Läufer aus zig Nationen setzte ein. So geht der erste Tag viel besser als erwartet rum, der Oberschenkel macht kaum Probleme. Der Zweite Tag war auch grau und nass. Aber wir kamen gut voran. Die Unsicherheit war inzwischen ganz gewichen. Markus und ich waren gut drauf, verbesserten uns von Etappe zu Etappe, obwohl wir stets eher defensiv liefen.

So gingen schließlich die ersten vier Tage rum, das Wetter wurde besser. Bei der Zielankunft in Sand in Taufers konnten wir die warme Sonne Südtirols genießen. Gerade hatten wir eine wunderschöne Etappe hinter uns gebracht, gekrönt durch die höchste Stelle des diesjährigen Transalpine Run – die Bretterscharte. Vor dem Start habe ich mir gesagt „Wenn Du die ersten vier Etappen schaffst, kommst Du vollends durch.“ Also wichen die letzten Zweifel.

Voller Zuversicht ging’s am nächsten Tag per Bergsprint auf den Speikboden. Quasi der Ruhetag – und eine Etappe, die ein ganz eigenes Flair hatte. Grandios! Da in umgekehrter Reihenfolge der Rangliste gestartet wurde, gab es auch mal die Chancen, die vorne platzierten Läufer zu genießen – faszinierend, in welchem Tempo sie diese Etappe zurücklegten. Und die Lasagne schmeckt mit Aussicht auf die sonnengetränkten Berge der Rieserferner Gruppe und Zillertaler Alpen noch viel besser.

Vor der folgenden sechsten Etappe von Sand nach St. Vigil hatte ich am meisten Respekt. Der Furcht einflößende Anstieg auf den Kronplatz gleicht auf dem Profil einem drohenden Zeigefinger – 1.400 Hm im Aufstieg mit einer anhaltend extremen Steilheit. Und ich fühlte mich an dem Tag von Anfang an nicht gut, musste viele Gehpassagen einlegen. So kamen wir schließlich irgendwann in St. Vigil an – und da waren sie wieder, diese blöden Zweifel. Ich war an dem Tag extrem fertig und vor allem unzufrieden.

Abends versammelte man sich zur Pastaparty. Ich war dick eingepackt, aber mir war kalt, das Essen war ein notwendiges Übel, ich fühlte mich schlapp. Das waren die Vorzeichen. Nachts schließlich plagten mich Schüttelfrost und Fieber, mein Puls raste. Angst keimte auf – war es das, sollte der Transalpine Run beendet sein? Nicht durch einen verstauchten Knöchel, gereizte Knie oder gerissene Muskelfasern, sondern durch einen Infekt – einen banalen, blöden Infekt, der sich zu etwas großem auswächst, wenn man den Körper an seine Grenzen bringt.

Der Besuch bei der Medical Crew (an dieser Stelle auch hier ein super großes Dankeschön für den grandiosen Job!!) bestätigte schließlich meine Befürchtungen, an ein Weiterlaufen war nicht zu denken – das war’s.

Gore-Tex Transalpinerun 2014 Karte

Auf der Bretterscharte, dem höchsten Punkt des Rennens, gab’s Schnee satt.

Der Gore-Tex Transalpine war für mich beendet, ein Ruhepuls von 120 ist einfach ein bisschen zu hoch. Ein Mann weint nicht oft, aber da saß ich auf einer kalten Steintreppe, verloren in den Straßen von St. Vigil und vergoss dickste Läufertränen – aus der große Traum, am eigenen Körper gescheitert.

Ein Nachwort

Im Nachhinein war Aussteigen die einzig richtige Entscheidung, so weh es damals auch getan hat. Ich würde nicht sagen, dass ich gescheitert bin, ich habe so viel gemeinsam mit Markus geschafft – so viel mehr, als ich jemals zu denken gewagt hätte. Daher sehe ich das jetzt, mit einigem Abstand, nicht mehr als Scheitern, sondern als Chance nochmals zu kommen und das Ganze, nämlich den Transalpine Run, zu Ende zu bringen.

Und für mich, für meine Persönlichkeit und für mein Dasein als ambitionierter Freizeitläufer hat mir die Teilnahme so viel gebracht: sie hat mir gezeigt, wozu mein Körper in der Lage ist, wie er kämpfen kann, ja, was für eine Kampfsau ich sein kann. Das tut gut und macht mich unendlich stolz – Scheitern ist, wenn man es gar nicht erst versucht. Und ich werde es wieder versuchen.

An dieser Stelle geht mein großer Dank an unser Online-Marketing, vor allen Dingen aber an Gore, die Dilettanten wie Markus und mir diese einzigartige Chance geboten haben, am Transalpine Run teilzunehmen. Daneben natürlich an die Hersteller Peak Performance, Inov-8 und Black Diamond, die uns bzw. mich mit sehr hochwertiger Laufausrüstung ausgestattet haben. Danke euch allen!!

Großen Dank an Martin und Anja, Markus’ Bruder und Schwägerin, die uns als „Mädchen für alles“ begleitet haben – ob der Einkauf tagsüber, die Fahrt von der Unterkunft zur Pastaparty oder zum Start, und vor allem die grandiose Anfeuerung. Und nicht zu vergessen meine Schwiegereltern und meine kleine Schwägerin Julia, die die zweite Hälfte ihres Urlaubs quasi an der Strecke verbracht und uns angefeuert haben. Ihr ward spitze!!

Gore-Tex Transalpinerun 2014 Karte

Aussichten gab’s eher in der zweiten Hälfte des Rennens wie hier auf dem Speikboden.

Und mein besonderer Dank geht an die beste Ehefrau der Welt, die es ertragen hat, wenn morgens um 3:55 Uhr der Wecker fürs Training geklingelt hat und all die anderen Eskapaden ihres Ehemannes – und die schließlich nach dem Lauf mit aufmunternden Worten meinen Frust von der Seele gestreichelt hat. Danke Yvonne!!

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