Die Bergfreunde zu Gast bei Gore

Die Bergfreunde zu Besuch bei GORE

14. September 2017

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Was waren das für schöne Zeiten damals im Studium, als wir unseren Professor beim Chemie-Praktikum fast zur Weißglut getrieben haben, weil partout keiner der Versuche klappen wollte. Ob es nun an unserer allgemeinen Unfähigkeit lag oder an einer mangelhaften Versuchsbeschreibung, lasse ich an dieser Stelle einmal unkommentiert. Warum ich überhaupt auf das Thema komme? Nun, weil wir vor kurzem zu Gast bei GORE waren und im dortigen Testlabor bestaunen konnten, was man dem Material alles antut, um das „Guaranteed to keep you dry“-Versprechen einhalten zu können. Und eines ist mal klar: Regenjacke will man im hier wirklich nicht sein…

Zurück im Labor

Im Gegensatz zu unserem damaligen Professor ist Sander, der uns heute durch die heiligen Hallen von GORE führt, sehr viel geduldiger. Er nimmt sich Zeit uns jede Station im Detail zu erklären und versichert uns, dass jeder Stoff (egal ob GORE-Tex Pro, Active, Paclite, Windstopper oder welches Membran-System auch immer), der für kooperierende Marken gefertigt wird, diese Tests durchläuft, bevor daraus Jacken, Hosen oder sonstige GORE-Tex-Textilien hergestellt werden. Doch was muss ein Stoff Im Labor eigentlich alles aushalten? Das wollen wir uns mal näher ansehen:

Flächengewicht, Fadenzähler und Schrumpf-Test

Mit einem genormten Stempel wird ein kreisrundes Stück aus dem Textil herausgelöst und gewogen. Dabei darf die Abweichung maximal 3% betragen. Danach werden mit Hilfe einer speziellen Maschine die Fäden pro Quadratzentimeter gezählt – dies haben Menschen früher noch per Hand und mit Nadel gemacht. Beim Schrumpftest – der Name sagt es auch hier schon – wird überprüft, in wie weit sich das Material verkleinert, wenn es gewaschen, gedämpft oder chemisch gereinigt wird.

Reib- und Farbechtheit

Das Textil wird beim Reibechtheitstest in eine spezielle Maschine eingespannt, die Reibung in Quer-, Längs- oder Diagonalrichtung simuliert. Danach wird anhand einer Grauskala verglichen, ob und in wie weit das Material abgefärbt hat. Ähnlich verhält es sich beim Farbechtheitstest, nur dass die Stoffproben hier verschiedene Waschverfahren durchlaufen und simuliert wird, welche Auswirkungen unterschiedliche Schweißzusammensetzungen haben.

MVTR- und RET-Test

Der „Moisture Vapour Transmission Rate“-Test dient zur Bestimmung der Atmungsaktivität eines Textils. Dabei wird das Material direkt an einer Wasseroberfläche platziert. Darüber wird ein Becher mit Salz und einer Membran gestellt. Durch die feuchtigkeitsanziehende Wirkung von Salz, wird das Wasser quasi langsam durch die – in dem Fall – GORE-Membran gezogen. Mit Hilfe von Formeln und der Gewichtsdifferenz des Bechers vor und nach dem Test wird dann der MVTR-Wert bestimmt und zwar in g/m²/24h. Da diese Tests allerdings nicht ISO genormt sind, hat GORE zusammen mit dem Institut Hohenstein in Köln den RET-Wert (Resistance to Evaporating Heat Transfer) entwickelt. Hier wird der Widerstand gemessen, den ein Stoff dem Wasserdampf entgegen setzt. Je niedriger der Wert, umso besser die Atmungsaktivität. In diesem Basislager-Artikel gibt es noch weitere Infos zu RET und MVTR.

Suter-Test

Wahrscheinlich haben die meisten von euch schon von der berühmten Wassersäule gehört. Sie gilt als Maß dafür, ab wann ein Stoff als wasserdicht angesehen werden kann. Zur Messung dieser Wassersäule wird heute der sogenannte Suter-Test genutzt. Dabei wird der Stoff in einen Rahmen eingespannt und steigendem Wasserdruck ausgesetzt. Sobald drei Tropfen durch das Material hindurchdringen, ist der Test beendet und die Wassersäule bestimmt. Wir mussten allerdings lange darauf warten, bis endlich Wasser durch die GORE-Membran kam. Genauer gesagt solange, bis Sander mit einer Nadel ein kleines Loch in den Teststoff stach.

Kenmore-Test

Hier wird es ganz ungemütlich für die liebe Outdoor-Klamotte. Beim Kenmore-Test werden Produkt-Samples in einem sogenannten Top-Loader, einer von oben zu beladenden Waschmaschine gewaschen. Die werden hauptsächlich in den USA verwendet und haben eine Art Schraube in der Mitte, die die Wäsche immer wieder durchwühlt. Man kann sich vorstellen, dass die Belastung auf das Material enorm ist. Also der ideale Härtetest für Robustheit und Langlebigkeit. Und tatsächlich, die zahlreichen malträtierten Kleidungsstück, die Sander aus der Waschmaschine zieht, haben schon deutlich bessere Tage gesehen. Mindestens 500 Stunden müssen GORE-Klamotten in dem Teil aushalten und danach immer noch wasserdicht sein!

Der Crumple-Test

Auch hier geht es vor allem um die Robustheit des Materials. Im Crumpler wird simuliert, wie sich Stoffe verhalten, wenn sie immer wieder gestreckt, gedreht und gequetscht werden – also z.B. während der Arm- oder Beinbewegung. Das sieht bisweilen ziemlich lustig aus, zeigt aber gleichzeitig, wie nah man versucht, die Realität mit den Tests abzubilden.

Spray-Test

Und es wird wieder nass. Anders wie beim Suter-Test wird beim Spraytest jedoch nicht die Wasserdichtigkeit des Materials geprüft, sondern die wasserabweisende Imprägnierung des Obermaterials ab Werk. Dazu wird einfach eine genormte Menge Wasser aus einer genormten Höhe auf einen Materialträger laufen gelassen. Im besten Fall ist das Material danach trocken. Im schlechtesten Fall saugt es sich mit Wasser voll, was die Atmungsaktivität beeinträchtigt.

Wind-Test

Man könnte natürlich davon ausgehen, dass ein wasserdichtes Material auch winddicht ist – klar. Aber auch die Windstopper-Membran, die selbst nicht wasser- aber winddicht ist, muss natürlich getestet werden. Ähnlich wie beim Suter-Test wird der Stoff auf einen Träger gespannt. Nur wird beim Wind-Test natürlich kein Wasserdruck, sondern ein Luftdruck simuliert. Die tolerierbare Grenze liegt hier unter dem Bereich, den ein Mensch noch wahrnehmen kann. Wir empfinden das Kleidungsstück demnach also als winddicht.

Eines ist uns nach dem Rundgang jedenfalls ziemlich klar: Hier wird mit ziemlich harten Bandagen getestet! Außerdem wissen wir jetzt, dass hinter den zahlreichen Versprechungen, die die Firma GORE zu ihren Membranen geben, viel Aufwand steht. Dennoch – und das erwähnt auch Sander ausdrücklich – kann es natürlich immer sein, dass Wasser durch eine defekte Naht oder einen zwar wasserabweisenden, aber nicht komplett dichten Reißverschluss dringen kann. Darauf kann im Labor natürlich nicht getestet werden und es obliegt zudem den Herstellern bei der Konstruktion keine Mängel in das Produkt zu bauen. Dennoch bietet GORE seinen Kooperationspartner auch hier eine Lösung: Den Regenturm!

Drei Bergfreunde werden nass

Den mussten wir uns natürlich auch uuuuunbedingt anschauen. In dem sechs Meter hohen Turm aus Glas herrscht an diesem Tag eine eher saunaartige Atmosphäre. Die Temperaturen liegen weit über der 30°C-Marke und wir sind eigentlich gar nicht so heiß drauf, uns jetzt in Regenjacke, Regenhose und wasserdichte Schuhe zu schälen.

Erstmal dürfen wir uns das Spektakel aber von außen ansehen. Die Düsen an der Decke und an der Seite springen auf Knopfdruck an und befeuern die Test-Jacke an der sich drehenden Puppe mit Wasser. In wenigen Sekunden ist das Teil nass – und zwar richtig.  Man kann gut erkennen, dass die Imprägnierung schon lange runter ist, denn die Außenseite ist komplett mit Wasser vollgesogen. Nach einigen Minuten stellt Sander die Düsen wieder ab und wir schauen uns näher an, was unter der Jacke passiert ist.

Die Puppe trägt hellblaue Unterwäsche, die bei Feuchtigkeit dunkler wird. So kann man direkt erkennen, ob es Schwachstellen gibt. Aber wie wir einstimmig feststellen durften, gab es diese nicht. Alles ist trocken. Die kleinen Flecken auf dem Bild sind nachträglich beim Öffnen der Jacke entstanden.

Jetzt sind wir dran. Mit ProShell, ActiveShell und der neuen Shake-Dry-Technologie am Leib dürfte ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir packen uns so gut es eben geht ein, stürzen uns in die Fluten und tanzen im Regen – im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich müssen wir die Kleidungsstücke ja ausgiebig testen! Und was soll ich euch sagen – wenn nicht gerade etwas über die Ärmel oder die Gesichtsöffnung durchgedrungen ist, kam kein Tröpfchen Wasser an unsere Körper.

Quasi zum Trockenblasen ging es danach in die Windkammer, in der wir uns dann noch hautnah von der Wirkung des Windchill-Effekts überzeugen durften. Immer wieder erstaunlich, wie schnell man auskühlt, wenn man eben keine winddichte Bekleidung trägt. Da helfen auch keine warmen Außentemperaturen. Wir konnten unsere Windstopper-Jacken gar nicht schnell genug wieder zu bekommen. Hier findet ihr übrigens weitere wichtige Informationen zum Windchill-Faktor und welche Auswirkungen er auf die gefühlte Temperatur hat.

Geheimniskrämerei im Schuhlabor

Schon vor der Tür des GORE-Schuhlabors stehen zahlreiche Warnzeichen mit durchgestrichenen Fotoapparaten und Handys. Es wird deutlich: Hier darf ich heute leider nicht knipsen. Schade, allerdings auch verständlich. Teilweise wurden die Testverfahren exklusiv für GORE entwickelt und es stehen hier Prototypen verschiedener Schuhhersteller herum, die (noch) nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt sind.

Dennoch nimmt man sich ausgiebig Zeit für und präsentiert uns die zahlreichen, ebenfalls sehr ausführlichen Testverfahren. Außerdem gibt’s einen Crash-Kurs zum Thema „Wie konstruiert man überhaupt einen Schuh“.

Imposante Maschinen stehen hier herum: Eine Zentrifuge, in der die Membran auf Wasserdichtigkeit getestet wird und natürlich der Laufsimulator, in dem Schuhe je nach Einsatzzweck auch mal ein ganzes Wochenende lang im Wasser immer wieder geflext werden. Das entspricht dann am Ende bis zu 500.000 Schritten. Zum Vergleich: Wer im Büro arbeitet, kommt auf maximal 3000 bis 4000 Schritte am Tag.

Die Qualitätssicherungsmaßnahmen beschränken sich aber nicht nur auf die Tests im hiesigen Labor. Die GORE-Mitarbeiter besuchen selbst mehrmals jährlich die auf der ganzen Welt verteilten Schuhfabriken, um die Verarbeitung der Membran zu überwachen und sicher zu stellen, dass die hohen Qualitätsansprüche eingehalten werden.

Ein abschließender Dank

Es kommt auch bei uns nicht so häufig vor, dass wir solch tiefe Einblicke in die Welt eines derart großen Outdoor-Unternehmens bekommen. Deshalb wollen wir an dieser Stelle auf jeden Fall einmal Danke sagen, dass wir uns im Regenturm austoben durften. Im Bergfreunde-Basislager findet ihr übrigens weitere Informationen zur Geschichte von GORE und der Funktion der Membran, sowie detaillierte Artikel zu den einzelnen Technologien. Viel Spaß beim Herumstöbern!

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