Von Spionen und Eroberern: Die Entwicklung der Hochtourenausrüstung

Von Spionen und Eroberern: Die Entwicklung der Hochtourenausrüstung

21. September 2017

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In unserer kleinen Geschichtsstunde haben wir bisher die Schuhe und das Seil unter die historische Lupe genommen. Nun wollen wir den noch fehlenden Basics der Bergausrüstung in die Vergangenheit folgen. Doch dabei tauchen mindestens zwei Komplikationen auf:

In den Bergen wohnt die Anarchie

Von Spionen und Eroberern: Die Entwicklung der Hochtourenausrüstung

In voller Montur geht es auf Hochtour. Ausgerüstet mit Steigeisen und Eispickel für den Gletscher. Anselm Klotz (links) and Josef Frey (rechts) vor 1900.

Erstens stellt sich die Frage, was hier dazugehört und was nicht. Wenn wir sämtliches Zubehör und Geklimper am Gurt berücksichtigen, landen wir am Ende bei Klemmkeilentfernern und Eissanduhr-Fädlern. Und wenn wir Outdoor-Produkte wie Zelt und Schlafsack mit hineinnehmen, bekommen wir ein Buch so dick wie der Quelle-Katalog. Und dann noch die unendliche Vielfalt der Klamotten…

Zweitens ist der Bergsport von der (schon in den beiden vorherigen Artikeln erwähnten) Unschärfe in der Geschichte und Entwicklung des Materials geprägt. Man kann es als den anarchistischen Freigeist der Berge deuten, dass bisweilen niemand wirklich weiß, was wann wo erfunden und erstmals benutzt wurde. Es trat nämlich nur in den seltensten Fällen ein neuer Gegenstand mit einem Geistesblitz eines Erfinders in die Welt und revolutionierte ab dem nächsten Tag das Bergsteigen. Oder wie es der Kollege von Bergwelten ausdrückt:

Die Fortschritte im klassischen Alpinismus sind aber keineswegs durch die Entwicklung immer neuer und „besserer“ Ausrüstungsgegenstände geprägt oder vorangetrieben worden. Die Frauen und Männer jeder Generation waren es, die Schwierigkeiten und Exponiertheit der Anstiege gepusht haben. Spät setzte auf dem Ausrüstungssektor eine Entwicklung ein, die mit den technischen Fortschritten auf anderen Gebieten mitzog.

Die Bergwelt bleibt eben länger als andere Gebiete eine wenig regulierte Zone. Das ist gut so, macht aber den Chronisten die Arbeit nicht leichter. Konzentrieren wir uns in der kleinen Ausrüstungschronik also auf das, was Alpinisten unmittelbar brauchen, um in Fels und Eis höher zu kommen. Die Schuhe haben wir ja schon angezogen, das Seil haben wir auch dabei. Jetzt, da wir den Gletscher betreten, müssen die Steigeisen ran. Für das Gleichgewicht in der steilen Eisflanke braucht es den Pickel, zum Einbinden ins Seil am messerscharfen Gipfelgrat muss ein Gurt her und ohne Karabiner nützt das ganze andere Zeug so gut wie nichts.

Ein paar Worte zur „Software“

Bevor es losgeht, sollen unsere geliebten Outdoorklamotten doch noch eine kurze Erwähnung bekommen. Die Beschreibung ihrer Entwicklung lässt sich nämlich mit einem kleinen Trick abkürzen: man nehme einfach die Entwicklung des Bergseils und übertrage sie auf alles andere, was hauptsächlich aus Nylon-, Polyester- und anderen Kunstfasern besteht.

Also auch das Band- und Schnurmaterial, die Zelte, Rucksäcke, Isomatten und Schlafsackhüllen. Denn der Durchbruch, der erdölbasierten Synthetikfasern, in den 40er- und 50er Jahren hat neben dem Seil auch all diese Dinge funktional gemacht. Bei einfachen Tools wie Reepschnüren und Bandschlingen ging es schneller als bei komplizierten Teilen wie den Schuhen.

Mischwesen: Klettergurt und Karabiner

Ausnahmen bilden hier der Klettergurt und der Karabiner. Die sind als Bindeglieder zwischen Mensch und Material nämlich so etwas wie Mischwesen aus Soft- und Hardware. Ihre Entwicklungsgeschichte ist komplizierter und beginnt später als bei anderen „Basistools“. Kein Wunder, denn wenn du draußen in der Wildnis frierst, kommt dir die Erfindung eines künstlichen Fells wohl recht anschaulich in den Sinn.

Das gleiche gilt auch für Schuhe, wenn sich der raue, spitze Untergrund durch die Hornhäute der Füße bohrt. Und wenn du dann auf hart gefrorenem Schnee herumrutschst, liegt die Idee von Zacken und Nägeln an den Schuhen wohl ebenfalls recht nahe. Die flexible Verbindung von Seilen mit Fixpunkten und dem menschlichen Körper ist hingegen ein deutlich abstrakterer Schritt. Hier ist das Prinzip nicht unbedingt sinnlich greifbar.

Die ersten Erwähnungen von Karabinern finden sich dann auch anders als bei den Seilen oder Schuhen nicht vor Jahrtausenden, sondern erst im 17. und 18. Jahrhundert. Damals kamen Metallringe mit Federverschluss in der Schiffahrt, der Viehwirtschaft und beim Militär zum Einsatz. Dort halfen sie den Kavalleristen, „den Karabiner schnell am Bandelier zu befestigen.“ Der Begriff Karabiner ist also vom Schießeisen zum Fixier-Ring gewandert. Um Verwechslungen auszuschließen, spricht man formal vom Karabinerhaken.

Karabiner am Berg

Im Bergsport kamen die ersten Karabiner um das Jahr 1910 zum Einsatz. Hermann Huber, der Alpinchronist und Insider einer noch kleinen Berg-Szene, beschreibt das sehr anschaulich:

Da kam, wie bekannt, unserem Extrem-Pionier Otto Herzog alias „Rambo“ um 1910 die eigentlich einfache Idee zur Lösung des Problems, als er Münchner Maurern zusah, wie sie ihre Mörtelkübel am Aufziehseil mit einem Feuerwehr-Karabiner verbanden: EUREKA!

Diese Karabiner prägten das Klettern und Bergsteigen der Zwischenkriegszeit vor allem in den Ostalpen. Sie bestachen mit ihrer unpraktische Form ebenso wie mit ihrem hohen Gewicht. Leichtmetallkarabiner wurden etwa zeitgleich um 1940 in Kalifornien und Frankreich erfunden, waren aber wegen der Kriegs- und Nachkriegszeit noch Ende der Fünfziger Jahre „nur sporadisch zu sehen“.

Ihre Bruchlast steigerte sich in dieser Zeit von zunächst 8 Kilonewton bis auf 28 KN. Letzteres entspricht in etwa dem noch heute gültigen Standard, wobei das Gewicht zwischenzeitlich deutlich reduziert wurde. Eine wohlverdiente, ausführliche Würdigung hat der Karabiner übrigens auch hier im Basislager-Blog schon bekommen.

Klettergurte

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Abseilen im Dülfersitz. Qulle: Wikipedia, Wulf Alex.

Der Gurt ist ebenfalls ein bescheidener Gesell, den wir nur allzu oft für selbstverständlich nehmen. Und auch er ist ein Spätzünder, der vor dem 20. Jahrhundert weder für das Klettern noch für andere Einsatzbereiche wie Höhlenforschung, Feuerwehr oder Bergrettung bekannt war.

Man band sich bis vor wenigen Jahrzehnten einfach die Seil-Endschlaufe direkt um die Hüfte oder – ganz fortschrittlich mit Zusatzschlaufe – um die Schultern. Auch das Abseilen ging mit direktem Körper-Seil-Kontakt und entsprechend aufreibenden Gefühlen vonstatten.

Die wenig komfortable Standardmethode war der Dülfersitz: Seil von vorne oben zwischen die Beine nehmen, dann hinter der (je nach bevorzugter Abseilhand) rechten oder linken Gesäßhälfte wieder nach vorne ziehen und quer über dem Bauch hoch damit zur linken oder rechten Schulter. Von da wieder nach hinten auf den Rücken und auf Oberschenkelhöhe mit der rechten oder linken Hand gepackt. Das ist die Bremshand. Jetzt reinsetzen und ab die Post.

Wie Hermann Huber berichtet, kamen erst in den 60ern separate Brustgurte aus verknüpften 9mm-Seilstücken auf den Markt. Und bis zur Serienreife des ersten Sitzgurts dauerte es noch bis 1970. Huber weist darauf hin, dass es in der Bergrettung schon seit den 30er Jahren Gurtkonstrukte für den Hüftbereich gab, doch die waren so schwer und unhandlich, dass sie den Bergvagabunden, deren Rucksäcke auch so schon schwer genug waren, wenig einladend schienen. So stiegen sie eben einfach ohne Gurt in die großen Nordwände ein:

Die Lösung der seinerzeit „drei letzten Probleme der Alpen“, die Nordwände von Matterhorn, Grandes Jorasses und Eiger, sowie sämtliche Klettereien aller Schwierigkeitsgrade wurden ohne derartiges Ausrüstungsstück (Hüft-Sitzgurt mit Beinschlaufen, Anm.) durchgeführt, bis in die 1960er Jahre.“

Neben den eigentlichen Aufprallverletzungen durfte man hier im Sturzfall zusätzlich mit schweren inneren Verletzungen durch Seilquetschungen und -einschnitte rechnen. Allerdings ist beim Erschaudern über die Bedingungen früherer Bergunternehmungen zu berücksichtigen, dass die Anzahl solcher Heroen in den damaligen High-End-Touren sehr gering war und sie zur sportlichen Creme de la Creme der Gesellschaft zählten.

Heutzutage wären diese Herrschaften wohl unter den  hochprofessionellen 11er-Kletterern und 8000er-im-Winter-Sammlern. Und sie würden sich im heutigen Auswahl-Dschungel der Gurte wohl eher verirren als in den Spaltenlabyrinthen ihrer abenteuerlichen Gletschertraversen. Gut, dass auch der Gurt in all seiner Pracht und Vielfalt hier ebenfalls schon eine ausführliche Würdigung bekommen hat.

Ab ins Eis: Steigeisen

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Die ersten Steigeisen-Vorläufer fanden Anwendung bei Holzarbeiter, Jäger, Bergbauern und Mineraliensucher. Quelle: Wikipedia, Deutsche Fotothek

Nach den Universaltools kommen wir jetzt zu den Spezialisten für hartes Eis und weichen Firn. Die ersten Steigeisen-Vorläufer sollen schon von Spionen des alten Roms erfunden worden sein. Offenbar lagen deren Arbeitsplätze ganz wie beim jüngeren Kollegen James Bond öfter mal in schwierigem Gelände.

Erneute Erwähnung findet die gezackte Steighilfe dann wieder in der Zeit der Renaissance. Holzarbeiter, Jäger, Bergbauern und Mineraliensucher schnallten sich eiserne Dreizacker nach dem Vorbild von Hufeisen unter die Schuhe. Sie dienten eher für steiles Gras, Schrofen und Waldboden als für Eis.

Erst 200 Jahre später erschienen mit der groß angelegten Alpenerschließung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschmiedete Steigeisen, die in ihrer Grundform den heute Gebräuchlichen ähnelten. Verstellbar waren sie noch nicht, sie mussten für jede Schuhgröße einzeln gefertigt werden.

In der zweiten Jahrhunderthälfte wurden die Eisen zunehmend auch für die Bergsteigerei genutzt. Dabei wurden immer mehr Zacken an den Rahmen geschmiedet, der meist die gesamte Schuhsohle umfasste. Der Zehnzacker kristallisierte sich als Standard heraus. Unter den Alpinisten kam der erste jener alpin-ethischen Dispute auf, die sich später bei den Bohrhaken, dem Flaschensauerstoff  und anderen künstlichen Hilfsmitteln wiederholen sollten:

Die Bergsteiger jener Zeit konnte man grob in zwei Fraktionen aufteilen: Die Tiroler, die Steigeisen grundsätzlich akzeptierten, und die Engländer, die sich als Puristen gegen das neue Gerät als „künstliche Hilfen“ stellten. Edward Whymper, einer der Erstersteiger des Matterhorns, nannte sie „[…] artificial aids on which one cannot depend on dangerous slopes“. Emil Zsigmondy meinte hingegen sinngemäß, die Bergführer in Zermatt würden deswegen keine Steigeisen verwenden, weil das Stufenschlagen damit überflüssig wäre und ihrem Ansehen bei den Kunden Schaden erleide.

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Das Steigeisen wurde schließlich für die Bergsteigerei genutzt. Steigeisen in der Ausstellung des Mount Shasta Sisson Museum

Letztlich hat sich diese „künstliche Hilfe“ voll und ganz durchgesetzt. Nachdem sich die Grundform eingependelt hatte, wurde an den Feinheiten geschliffen. Die wichtigsten Innovationen waren die Zweiteilung des Eisens durch ein Gelenk (um 1910) sowie die Erfindung der horizontal aus dem Rahmen ragenden Frontalzacken (um 1935).

Ersteres verbesserte den Halt am Schuh und das Gehverhalten, letzteres ermöglichte die Überwindung steiler, hart gefrorener Eishänge ohne den bis dato hohen Aufwand an Kraft und Zeit.

Der Zwölfzacker mit zwei Frontalzacken ist laut Hermann Huber der „bis heute gültige, bedeutende Entwicklungssprung – für den mehr als Einer gern das gedankliche „Urpatent“ hätte. Grivel schrieb, schon Mitte der Dreißiger Jahre das Eisen mit Frontalzacken erfunden und auch produziert zu haben. Ersteres kann wohl kaum sein, eine frühe (Klein?-)Serien-Produktion sicher schon.

Hier sehen wir erneut die schon erwähnte „Unschärfe“ der Bergausrüstungsentwicklungsgeschichte. Genauer, die Unschärfe ihrer Dokumentation. Da können sich selbst fundierte Kenner wie Hermann Huber manchmal nur auf Vermutungen stützen. Bisweilen setzt sich auch in der Bergwelt wie im Fall Edison und der Glühbirne einfach der geschickteste Selbstvermarkter als „offizeller“ Erfinder für die Geschichtsbücher durch.

Eispickel

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Eispickel von Emil Zsigmondy, 1885 in der Ausstellung des Messner Mountain Museum Corones

Mit seiner Vielseitigkeit ist der Eispickel im vergletscherten Hochgebirge ebenso unentbehrlich wie die Steigeisen. Laut Wikipedia handelt es sich hier um ein Kind, das einst aus einem Gehstock und einem Küchenbeil geboren wurde.

Tatsächlich gibt es ja auch ein gleichnamiges Küchengerät, mit dem man ebenfalls auf hartes Eis einprügeln kann. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten, denn Bergsteiger setzen ihre Stöße und Schläge nicht, um das Eis für einen Drink zu zerkleinern, sondern um sich darauf fortzubewegen.

Die längeren Pickel dienen als Gleichgewichtsstütze und Sturzbremse, die mit dem kurzen Schaft werden Eisgeräte genannt und mit der Haue ins Steileis getrieben, um so als Klettergriffe zu dienen. Manchmal wird der Pickel auch vergraben, um ihn als Fixpunkt für eine Sicherung zu benutzen (was freilich nur im weicheren Firn funktioniert).

Der frühere Haupteinsatzzweck, das Schlagen von Stufen in steilen Firn- und Eisflanken, spielt seit dem Vorhandensein brauchbarer Steigeisen kaum noch eine Rolle.

Für die ersten Hochgebirgs-Eispickel wurde ein Stahlstück mit Haue vorn und Schaufel hinten auf einen langen Holzschaft mit Stahlspitze am anderen Ende montiert. Mittlerweile ist das Holz wegen der steigenden Sicherheitsansprüche durch Aluminium ersetzt, der Stahl wurde um Chrom-Molybdän- und andere Legierungen ergänzt.

Und wann und wo wurde jetzt der erste Bergsteiger-Pickel geschmiedet? Gute Frage, auch hier greift mal wieder die alpinhistorische Unschärferelation. Denn wenn man die unzähligen Hersteller nach der „Geschichte des Eispickels“ fragt, dann antworten die mit der Geschichte ihrer Eispickel.

Vielleicht war es ja eine Schmiede in Chamonix, von der der Schweizer Bergführer Franz Josef Lochmatter laut Wikipedia um 1860 den ersten Pickel ins Mattertal bzw. in die Schweiz brachte. Und die erste Serienfertigung? Die kam vielleicht von dem kleinen Familienbetrieb Bhend aus Grindelwald, der ab 1870 die Alpinisten des „Goldenen Zeitalters“ mit Metallware fürs ewige Eis versorgte.

Die Fortschritte in Sachen Stabilität, Verlässlichkeit, Handling und Vielseitigkeit erfolgten bei den Pickeln etwa im Gleichschritt mit denen der Steigeisen und weisen auch eine ähnliche Kontinuität auf. Die Ausdifferenzierung der Geräte für immer extremere Einsatzzwecke dauert bis heute an.

Keine Zweifel gibt es hingegen darüber, dass es bei den Steigeisen (so wie bei den meisten anderen Ausrüstungsgegenständen auch) vor allem nach überstandener Nachkriegszeit zu einer regelrechten Explosion der Detailinnovationen kam. Dazu gehörten die Anpassbarkeit an verschiedene Schuhgrößen sowie neue Materialien und Formen bei den Bindungen, deren frühere Lederriemen oft für Probleme sorgten. Neue Metalllegierungen reduzierten das Gewicht der Eisen und sorgten für eine Erweiterung und Ausdifferenzierung des Anwendungsbereichs.

Was hat all das mit dem Militär und den Russen zu tun?

Bis hierhin haben wir das Basic-Material für den Aufstieg am Berg historisch mehr oder weniger lückenhaft begutachtet. Zum Abschluss schauen wir uns noch zwei eher ausgefallene aber sicher interessante Aspekte der Equipment-Welt an.

Einer davon ist eher wenig glanzvoll, denn manche der schier unglaublichen Materialfortschritte verdanken wir nicht zuletzt der ständigen Kriegstreiberei auf dem Planeten. Schließlich möchte jedes Militär bei seiner Heimatverteidigung möglichst gute Ausrüstung haben. Und auch im Zeitalter der Drohnen wird fleißig in der Wildnis umhermarschiert und campiert.

So kommt es, dass manch alpine Materialschmiede erst so richtig durchstartete, als das Militär anklopfte. Besonders bei den Steigeisen, den Pickeln und den Karabinern war der militärische Gebrauch eine Triebfeder der Entwicklung. Die Armee war, ist und bleibt (?) ein „guter Kunde“ und Partner der Outdoorbranche.

Doch welche Branche ist schon völlig frei von zweifelhaften Aspekten? Die werfe gerne den ersten Stein. Und immerhin, in Sachen Qualität und Vielfalt kann es am guten Image der Bergsportbranche wohl kaum einen Zweifel geben. Bei fast jedem Gegenstand hat die Entwicklung zu einer Riesenauswahl hochwertiger Varianten geführt, wobei oft auch noch die unterste Preisstufe vielfach getestet und genormt ist.

Allerdings ist diese lobenswerte Entwicklung keineswegs so „global“, wie wir das gerne hätten. Hauptsächlich kommt sie dem Outdoor-Völkchen in den Wohlstandsoasen Mitteleuropas und Nordamerikas zugute. Woanders kommen die alpintechnischen Errungenschaften erst verspätet, nur teilweise oder überhaupt nicht an. So gibt auch heute noch diverse Länder, die weniger konsumverwöhnt sind und trotzdem eine lebendige Outdoor- und Bergsteigerszene aufweisen.

Dort ist dann eine Materialauswahl an der Tagesordnung, die wir hier wohl nicht nur als veraltet, sondern als unzumutbar zurückweisen würde. Das schillerndste Beispiel ist ganz sicher Russlands Bergszene, die hierzulande wegen der vielen unglaublichen Anekdoten aus Robert Steiners Buch „Allein unter Russen“ ein wenig bekannter wurde.

Offensichtlich wird im Reich des Bären noch heute ein Improvisations- und Erfindergeist gepflegt, bei dem sich wohl nie ganz klären wird, ob er allein aus Ressourcen- und Geldmangel oder auch einer gewissen anarchischen Verwegenheit resultiert. Da besteht der Selfmade-Klettergurt schonmal aus alten Anschnallgurten vom Schrottplatz und die „Daunenjacke“ ist aus Muttis alter Steppdecke gefertigt.

Und wenn es  schonmal „richtig“ gekauftes Equipment gibt, wird dies in einer „Effizienz“ genutzt, die den Westalpinisten schon bei der bloßen Vorstellung zusammenzucken lässt. Da machen es sich im Zweimannzelt bei der Eigernordwand-Winterbegehung nicht drei und nicht vier, sondern sieben Kletterer gemütlich.

Es scheint als ob man in Sachen Kreativität und Pragmatismus einiges von der Parallelwelt des Ostens lernen kann. Allerdings soll die Bewunderung nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche „Originalität“ an Felsen und Bergen auch gewisse Nachteile hat. Der Größte besteht darin, dass sie  bei unbedarften Nachahmern schnell mal zu schweren Verletzungen und Tod führt. Deshalb ist sie in Sachen Sicherheitsausrüstung ganz gewiss nicht empfehlenswert.

Vielleicht freuen wir uns doch lieber über die ganz unkreativ normierten Errungenschaften und ihre leichte Verfügbarkeit.

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