Gabys Gipfelbuch Kolumne

Gabys Gipfelbuch: Die geschenkte Zeit

25. August 2017

Sportart

Beim Bergsteigen bekommt die Zeit eine andere Qualität – vor allem wenn man allein unterwegs ist, vergisst man sie oft völlig, weil man dann in sich selbst versinkt wie bei der Meditation und dennoch die Umgebung dabei präzise wahrnimmt. Vor allem aber rast einem die Zeit in den Bergen nicht davon wie im hektischen Alltag, sondern scheint sich öfter sogar zu „dehnen“.

Wie schnell sind im Büro zehn Minuten verflogen im Vergleich zur „gefühlten Zeitspanne“ eines zehnminütigen Auf- oder Abstiegs. Immer wieder ist man völlig überrascht, welche Strecken man in zehn Minuten bewältigen kann. Beim konzentrierten Gehen in den Bergen wird gleichzeitig die Wahrnehmung geschärft für die tageszeitlich bedingten Veränderungen – die wandernde Sonne, Licht und Schatten, die Schärfe der Konturen, die Dämmerung, der Sonnenauf- und -untergang. Die natürliche Qualität der Zeit rückt einem so viel stärker ins Bewusstsein.

Beim Wandern in den Bergen, beim Klettern oder auch beim Bergsteigen in Fels und Eis sind alle Sinne gefordert. Jeder Tag in den Bergen ist ein einzigartiges Fest für die Sinne: die Sonnenstrahlen, die auf der Haut kitzeln, die kühle Brise, die übers erhitzte Gesicht streicht, der Schluck klaren Quellwassers, der durch die ausgedörrte Kehle rinnt, der betäubende Duft einer Bergwiese in der Sonne, das Knirschen von Eis oder Geröll unterm Schuh, das schmatzende Geräusch beim Begehen eines aufgeweichten Weges, der federnde Waldboden, die ständigen Veränderungen des Lichtes, die deutlich spürbaren Unterschiede von Kalkgestein und Granit in der Hand…

Bergsteigen vermittelt ein intensives Gefühl des Lebendigseins, und wer als junger Mensch zum Bergsteiger wird, bleibt es meist ein Leben lang. Es bereitet Freude, Lust und Erfüllung und stillt für kurze Zeit jenen immensen Lebendigkeitshunger, der einen immer wieder zum Aufbruch in die Ferne und ins Unbekannte drängt, zu Abenteuern und persönlichen Herausforderungen aller Art.

Man erlebt dabei die Natur mit allen Sinnen und staunt über deren Reichtum, Schönheit und Vielfalt. Und jedes einzelne dieser tief empfundenen Erlebnisse vergrößert den Schatz an Erinnerungen in Form von Bildern, Szenen und Empfindungen im Kopf, die einem den zähesten Alltag verschönern und durch schwere Zeiten helfen können. Das Schöne an den Bergen ist nämlich, dass man sie ein Leben lang genießen kann, und wenn es zuletzt auch nur noch der Blick auf die Berge ist und das Schwelgen in seinen Erinnerungen.

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