Women in Adventure - Bergfreundin Cora beim SHAFF

Eigentlich…

24. Mai 2018

Sportart

„Hey, da gibt es einen Filmwettbewerb über abenteuerlustige Frauen. Das wäre doch was für dich“.

So ähnlich lautete damals die Nachricht einer Freundin auf Facebook. Ich schüttelte nur den Kopf darüber. Was bitte hatte ich da verloren? Ich kletterte doch erst seit kurzem und filmen konnte ich gleich dreimal nicht. Schnapsidee… gleich vergessen.

Ein Jahr später, der gleiche Wettbewerb, eine ähnliche Nachricht. Diesmal sah die Sache etwas anders aus. Jetzt kannte ich ein paar mehr Aspekte der Klettergemeinschaft, ich hatte eine Idee und das Wichtigste: Ich hatte inzwischen Freundschaft mit dem genialen Filmemacher Leon Buchholz geschlossen.

Der Filmwettbewerb um den es geht heißt „Women in Adventure“. Er wird seit fünf Jahren jedes Jahr vom BMC (dem britischen DAV) ausgerichtet und die Gründe für eine Teilnahmen klingen durchaus vielversprechend:

  • Der Gewinnerfilm wird bei mehreren Outdoorfilmfestivals gezeigt.
  • Die Anzahl der Frauen in Outdoorfilmen (ob vor oder hinter der Kamera) soll gefördert werden.
  • Motiviere andere Frauen nach draußen zu gehen.
  • Und es gibt sogar noch etwas Preisgeld.

Was will man mehr? Dem eigenen Hobby nachgehen, etwas filmen und dabei vielleicht noch ein paar andere mit der eigenen Begeisterung anstecken. Das klingt doch eigentlich nicht schlecht. Eigentlich.

Nachdem der Entschluss gefasst war, ging es ans Planen. Wenn man noch keinen 6000er bestiegen oder eine schicke 10+ im Sack hat, über was spricht man dann? Nach einigem brainstormen kam ich auf ein Thema, dass mich zu dieser Zeit sehr beschäftigte: die Sturzangst.

Wäre das vielleicht etwas für den Film? Schließlich kennt jeder Kletterer diese Angst. Manche geben es nie zu, manche überwinden sie schnell, manche irgendwann und manche hoffen noch. Oft sind es vor allem Frauen, die das Thema zur Sprache bringen und nicht selten hatte ich erlebt, wie meine Geschlechtsgenossinnen sich dafür schämen. Das Thema passt doch eigentlich perfekt. Eigentlich.

Ein Film entsteht…

Wie es oft ist, wenn man etwas noch nicht gemacht hat, zäumten wir das Pferd gekonnt von hinten auf.

Nur mit einer groben Idee im Gepäck, ging es direkt an den Fels zum Filmen. Sehr viele Stürze und fast ebenso viele Beinah-Herzinfarkte später waren zahlreiche Takes im Kasten und ich machte mich an das Schreiben des Voice-Overs.

Wegen Terminprobleme lag aber alles erst mal etwas auf Halde. Ich kletterte munter weiter und überlegte hin und wieder was ich denn schreiben solle und ob das Ganze am Ende nicht doch zu deprimierend wird. Wer schaut schon gerne jemandem zehn Minuten lang beim Angst haben zu.

Es kam ja dann doch alles anders mit der Angst, wie ihr im finalen Film selbst sehen könnt:

 

15 Minuten Ruhm

Alles entwickelte sich zu einem absoluten Höhenflug: Leons Filmmagie machte aus den schönen Tagen draußen einen noch schöneren Film. Mein Arbeitgeber, die Bergfreunde, waren ebenfalls begeistert und man sagte uns sogar eine kleine monetäre Unterstützung zu.

Women in Climbing - Bergfreundin Cora beim SHAFF

Wo war jetzt genau dieses Kino?

Drei Tage nach der Veröffentlichung des Films hatte ich schon 11.000 Zuschauer. Auf allen Kanälen auf denen wir ihn teilten, hagelte es positives Feedback. Es war klar: Wir waren nicht mehr einzuholen. Von allen eingereichten Film war unserer der mit Abstand am meist gesehene.

Und natürlich wollten wir bei der Preisverleihung und der Vorführung des Films in Sheffield dabei sein. Flug gebucht, Preis für den meist geschauten Film gewonnen, Komplimente ohne Ende. Alles hätte eigentlich perfekt sein können. Eigentlich.

Die Ernüchterung

Als ich den Text für den Film schrieb, war ich hoch motiviert. Mein großes Ziel war es, nicht nur möglichst viel Inspiration zu versprühen, sondern gerade Frauen zu zeigen, dass es völlig normal ist Angst zu haben und man sich dessen nicht zu schämen braucht. Ich freute mich auf inspirierende Filme mit vielen Zuschauern, andere Frauen und auch viele interessierte Männer, mit denen man Erfahrungen über verschiedene Outdoor-Sportarten austauscht und etwaige Mauern zumindest zum Bröckeln bringt. Die meisten dieser Hoffnungen wurden allerdings bitter enttäuscht.

Auf den Karten, die wir für das Filmfestival bekamen, war die Adresse verzeichnet. Ein Kino. Gezeigt wurden die Filme aber nicht etwa in einem Saal. Nein, das Screening fand in einem Durchgangsfoyer im oberen Stockwerk statt.

Von unten dröhnte die meiste Zeit die Musik der ausstellenden Outdoorfirmen nach oben. Vor ungefähr vierzig Zuschauern (die meisten weiblich) saßen vorne an einem Tisch fünf Frauen, die sich über alle möglichen Outdoor-Themen und -filme unterhielten – allerdings nicht über die gezeigten Filme. Die Mikros funktionierten nicht, weshalb die Versuche der Moderatorin, die Diskussion zu steuern, von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren.

Women in Climbing - Bergfreundin Cora beim SHAFF

Die Erwartungen waren irgendwie anders.

Die „Leinwand“ entpuppte sich als ein Fernsehbildschirm – verbunden mit einem Laptop. Durch die Störgeräusche und den schwachen Sound aus der Röhre, was es sehr anstrengend zuzuhören.

Am Schluss gewannen drei Filme, die vor allem eines auszeichnete: Sie waren sehr künstlerisch und nutzten das Thema „Outdoor“ eher als Leinwand, als dass sie motivierten nach draußen zu gehen (diese Meinung ist natürlich subjektiv).

Auch solche Filme waren beim Wettbewerb eingereicht worden (man konnte sich alle im Internet anschauen) und sie wurden auch mehrmals lobend erwähnt, aber gezeigt wurden sie beim eigentlichen Festival trotzdem nicht.

Einen wirklich schönen Teil gab es: Nach den Vorführungen stand man in Gruppen zusammen und diskutierte, genau wie ich es mir vorgestellt hatte… mit der kleinen Schattenseite, dass hinter uns ein Mann alle Stühle verräumte und uns bat doch unsere Sachen aus dem Weg zu schaffen. Nicht sehr gemütlich.

Das hört sich alles eher so nach ‚schlechter Verliererin‘ an. Und natürlich war ich etwas enttäuscht, dass es unser Film – obwohl er beim Internetpublikum sehr gut ankam – so wenig Beachtung fand. Die größere Enttäuschung fand allerdings auf einer ganz anderen Ebene statt.

Ein fader Beigeschmack

Women in Climbing - Bergfreundin Cora beim SHAFF

Die Diskussion hinterher war ein Lichtblick.

Ich muss zugeben, ich war ziemlich verwirrt und fassungslos als ich das Gelände verließ. Ich begann noch stärker als zuvor darüber nachzudenken, was eigentlich der Sinn dieses Filmfestivals war.

Denn immer wieder tauchen derlei Veranstaltungen auf: Sie sollen Frauen in bestimmten Gebieten fördern oder ihnen „Privatsphäre“ geben, um sich ungestört von vermeintlicher männlicher Dominanz entwickeln zu können.

Der Outdoor-Bereich ist da kein Unterschied: Es gibt Klettergruppen nur für Frauen, Kurse nur für Frauen und Wettkämpfe nur für Frauen.

Dem stehe ich schon immer sehr gespalten gegenüber und hatte durchaus große Hoffnungen in das Festival. Ich ging davon aus hier wird die Botschaft gesendet: „Seht her, wir müssen uns nicht verstecken. Wir sind genauso outdoor-verrückt wie jeder Mann und genauso gut.“

Aber warum fühlte es sich so an, als ob eine halbherzige Veranstaltung um ihre Daseinsberechtigung kämpfen musste? Was nützt es, groß etwas anzukündigen, wenn es dann kaum jemand sieht?

Anstatt sich in den Vordergrund zu drängen, hat sich die Filmschau durch den Platz im Durchgangsfoyer im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Ecke gestellt. Meine männlichen Begleiter schüttelten oft den Kopf über die Themen und die Atmosphäre und ich konnte es ihnen nicht verdenken.

Anstatt Geschlechter zu verbinden wird immer wieder – auch hier – eine Mauer errichtet: Männer werden ausgeschlossen statt eingeladen, wenn nicht physisch, dann zumindest bei der Themenauswahl.

Ein gutes Beispiel hierfür gab traurigerweise eine Teilnehmerin selbst: In der lockeren Runde am Schluss überreichte sie mir einen Flyer für ihren Podcast über Outdoor-Frauen. Als mein Begleiter sie erwartungsvoll ansah meinte sie nur trocken „Nur für Frauen“. Was bitte würde denn passieren, wenn er ihn sich anhört? Stürzt der Podcast ab?

Was bleibt…

Diese Veranstaltung hat meiner Ansicht nach einmal mehr gezeigt, worin die Kommunikation zwischen den Geschlechtern beim Klettern, im Outdoorbereich und in vielen anderen Bereichen des Lebens oft kränkelt: Anstatt Brücken zu bauen und die Gemeinschaft zu feiern, kapseln Frauen sich ab um sich „mehr verstanden“ zu fühlen.

Kurzfristig mag das helfen, zu motivieren und „uns“ aus einer Ecke zu holen, in der wir meiner Ansicht nach eigentlich gar nicht stehen. Auf lange Sicht ist dieser Plan aber zum Scheitern verurteilt. Was bringt es mit den Leuten zu reden, die sowieso schon die gleiche Meinung haben wie man selbst? Warum treten wir nicht hinaus und suchen den Diskurs?

Women in Adventure - Bergfreundin Cora beim SHAFF

Quo vaids, Frau am Fels?

Bei einem Spaßwettkampf an dem ich neulich teilnahm erzählte mir der Veranstalter – eine namhafte Sportmarke -, dass sie den gleichen Wettkampf später im Jahr nur für Frauen machen. Im letzten Jahr sei dies sehr gut angekommen, sie hätten sogar Hair- und Nailstylisten da gehabt.

Einerseits denke ich: „Wow cool, ein Mädelstag.“ Andererseits frage ich mich: Warum, warum machen sie so etwas nicht einfach wenn alle da sind? Warum die Eigenbrödelei? Männern wird dies nicht eingeräumt, also warum uns?

Vielleicht habe ich hier eine verzerrte Sicht. Die meisten meiner Kletterpartner sind Männer und ich fand das noch nie seltsam. Wenn mich jemand mit zweideutigen Sprüchen genervt hat, gab es meinerseits eine verbale Klatsche und der Kerl war von meiner Partnerliste gestrichen. Wenn ich jemandem buchstäblich mein Leben anvertraue, muss ich ihn mögen, aber das Geschlecht macht da keinen Unterschied.

Ich plädiere also hiermit: Mädels, geht raus und sagt den Männern wie ihr euch beim Klettern fühlt. Wenn euch jemand komisch kommt, schreibt ihn ab, aber igelt euch nicht ein. Veränderung erreicht man nur durch Beharrlichkeit und die müssen wir hier an den Tag legen. Klettern ist eine dieser wunderbaren Sportarten bei der es völlig egal ist ob du Mann oder Frau bist. Jeder kämpft mit seinen eigenen Problemen und muss diese selbständig überwinden. Unterstützen kann dich dabei jeder.

Packen wir es an. Nur Miteinander können wir zeigen was für einen wunderbaren Sport wir betreiben und was für Abenteuer vor der Tür auf uns warten. Das ist doch nicht so schwer.

Eigentlich.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Timo sagte am 24. Mai 2018 um 09:42 Uhr

    Hey, dass ist doch mal eine erfrischend entspannte Sicht auf das Mann-Frau Thema! Danke für den tollen Film und den Artikel.
    Wenn ich unsere Kletterjugend im DAV Heilbronn anschaue kann ich das beobachten was im Artikel als Ziel formuliert wurde: ein frrundschaftliches Miteinander über die Geschlechtergrenzen hinweg. Das ist toll. Ich hoffe es bleibt so, auch wenn die Jungs zu Männer werden und die Mädels zu Frauen.

  2. Jörn sagte am 24. Mai 2018 um 11:04 Uhr

    Hi Timo,

    danke für deinen Kommentar und dein Lob. Genau die gleiche Hoffnung haben wir auch – und wir sind guter Dinge!

    Liebe Grüße,

    Jörn

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