Bergfreunde

Frauen am Berg, Teil II: Mädels am Fels

2. März 2015

Sportart

Eine historische Aufnahme des bekannten Half Dome im Yosemite Valley.

Eine historische Aufnahme des bekannten Half Dome im Yosemite Valley.

Im letzten Beitrag haben wir einen Blick in die Geschlechtergeschichte des Bergsportes im weitesten Sinne geworfen. Wie sieht es aber beim modernen Felsklettern aus? Heute mal ein Blick in die USA.

Im 20. Jahrhundert trennte sich das moderne Felsklettern vom Bergsteigen immer mehr. Auch wenn sich die Kletterelite in der Nachkriegszeit zwischen den Eispezialisten aus den Westalpen und den Felsakrobaten aus den Ostalpen aufteilte, eine Sache hatten alle Formen des Bergsteigens und Kletterns gemeinsam: Frauen waren immer noch selten, vor allem im Spitzensport. Drüben auf der anderen Seite des Kontinentes sah es nicht viel besser aus.

Die amerikanische Kletterkultur, so hat es Joseph Taylor III in seiner detaillierten Studie „Pilgrims of the Vertical: Yosemite Rock Climbers and Nature at Risk“ beschrieben, war eng an die Tradition des britischen Bergsteigens gebunden. In dieser war, so wie schon in der letzten Folge beschrieben, Männlichkeit eine zentrale Wertvorstellung.

„Valley Uprising“. Der Film zum Thema.

Dennoch, die Entwicklung der Kletterkultur im Amerikanischen Westen war ähnlich wie auf dem alten Kontinent eng mit der Gründung von Vereinen verbunden. Diese waren auch Frauen offen und verschafften dem Klettersport eine starke soziale Komponente. Eine besondere Rolle nahm der Sierra Club ein, der schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zentrale Arbeit für die Schaffung des Yosemite Nationalparks leistete, welcher bald zum Mekka des amerikanischen Klettersportes wurde. Man kletterte in gemischten Gruppen, wobei Frauen eher selten im Klettern einen Ausdruck der Gleichberechtigung sahen. Nach der Tour ging es zumeist an den Herd zurück. Aber immerhin, die Ideologie der exklusive Männergruppe, die in Grossbritannien übrigens vor allem der Alpine Club und nicht die anderen Vereine vertraten, setzte sich zunächst nicht durch.

Unknown

„Climb to Glory“ war das Motto der US-amerikanischen 10. Bergdivision.

Im letzten Beitrag habe ich schon angedeutet, dass der Zweite Weltkrieg zu einer Maskulinisierung im Bergsport geführt hatte. In Deutschland setzte das einen Trend fort, der schon im Ersten Weltkrieg began: der Bergsteiger wird zum Held erhoben und zwar vor allem zu einen nationalen Held. Tod, Ehre, Entbehrung für das Vaterland: schon wieder waren Frauen fehl am Platze. In den USA war die Maskulinisierung aber eher ein Resultat des Zweiten Weltkrieges. Clubs wie der Sierra Club nahmen eine wichtige Rolle in der Rekrutierung der Soldaten ein, Bergsteiger und Skifahrer bildeten auf einmal Militär für den Kampf im Gebirge aus. Technologische Fortschritte in der Kriegsindustrie verbesserten auf der anderen Seite Kletterausrüstung.

Edelrid Werbung von 1971.

Wichtiger aber noch für die Kehrtwende vom sozialen Klettern hin zu Gruppen von männlichen Individualisten und deren „Hypermaskulinität“ war der Generationenwechsel im Yosemite Valley. Im bekannten Camp 4 gaben in den 50er Jahren bald die „Beats,“ Mitglieder der amerikanischen Gegenkultur, den Ton an, nicht mehr die Mitglieder des familienfreundlichen Sierra Clubs. Kletterer wie Yvon Chouinard, Tom Frost und Royal Harding–all diese waren vom Ehrgeiz getriebene Individualisten. Je elitärer es zuging, desto eher wurde Klettern zur Männersache. Dies war in den USA genauso der Fall wie in Europa. War die Sexualisierung im Bergsteigen klassischerweise durch die Eroberung des „jungfräulichen Gipfels“ ausgedrückt, wurden nun neuen Routen Namen gegeben, die zum Teil so frauenfeindlich sind, dass sie in Kletterführern nur noch abgekürzt angegeben werden. Short but Thick, The Cuntress und Gang Bang sind nur einige Beispiele, die besser unübersetzt bleiben. Der Historiker Taylor beschreibt die 70er Jahre im Yosemite folgendermaßen: „Die sexuelle Revolution und die der Drogen vermischte sich und eine Horde junger Kletterer eilte die Wände des Yosemite hoch in der Bereitschaft, ihre hormonellen und chemischen Verlangen unter Beweis zu stellen.“

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Lynn Hills Biographie: ein Muss für jeden Yosemite-Fan.

In den Siebziger Jahren gesellten sich einige talentierte Frauen, darunter Lynn Hill, unter die Yosemite Klettergemeinde und bewiesen, dass Frauen durchaus befähigt waren, harte Routen zu klettern. Männliche Ideale dominierten dennoch und die Frauen passten sich zumeist an. 1993 freikletterte Lynn Hill The Nose (5.13b), eine der wichtigsten Routen am El Capitan im Yosemite. Auch wenn der bekannte Yosemite Kletterer John Long schrieb das Hill per Zauberhand die Geschlechterrollen im Klettersport auf den Kopf stellte, zeigte aber auch wieder, dass Frauen immer sehr viel besser als Männer sein mussten, um von der Rolle „nachts im Zelt“ zu einem respektablen Kletterpartner aufzusteigen.

Heutzutage keine reine Männersache mehr! Eine Frauenseilschaft im Yosemite.

Wer heutzutage einen Blick in die Klettermagazine oder auf die Sponsorenseiten der großen Ausrüster wirft, dem wird schnell klar, dass sich einiges geändert hat. Die Entwicklung des Kletterns hin zu einem Sport, indem der Teilnehmer auch Konsument ist, hilft hier bestimmt auch. Kein Hersteller kann sich heutzutage erlauben, Frauen als „Seilpuppe“ zu benutzen, wie Edelrid in den Siebziger Jahren. Mann muss jedoch sagen, dass diese Werbung den Zeitgeist dieser Epoche widerspiegelt, welche eine wichtige Episode in der Geschichte der Gleichberechtigung darstellt. Die Frau am Herd war immerhin überwunden.

Frauen sind heutzutage nicht nur im Breitensport sichtbar, sondern auch als Topathleten. Josune Bereziartu, Nina Caprez, Sasha diGiulian, Inez Papert, Ashima Shiraishi…die Liste ist lang und umfasst alle Spielarten des Klettersportes.

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