Bergfreunde

Frauen am Berg, Teil 1: Ein einfacher Tag für eine Dame?

21. Januar 2015

Sportart

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Literatur zum Thema

„Alle Berge scheinen verdammt zu sein, drei Stadien zu durchlaufen: Zunächst gelten sie als unerklimmbarer Gipfel, dann als schwierigste Route der Alpen, und zuletzt als ein einfacher Tag für die Dame.“ Keiner wird so oft zitiert wie Alfred Mummery (1856-1895) wenn es um das Thema Frauen am Berg geht. Die Worte des britischen Bergsteigers sprechen in der Tat nicht gerade dafür, dass der Alpinismus ein Sport der Gleichberechtigung ist, stempelte doch Mummery eine Route, die von einer Frau geklettert werden konnte, als wertlos ab.

Was machen wir nun aber aus der Geschlechtergeschichte des Bergsteigens? Richtete sich der Alpinismus nur nach dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, der begrenzten Raum für Frauen außerhalb des Hauses vorsah? Sind Bergsteiger, der moderne Felskletterer eingeschlossen, einfach von Natur aus Machos? Oder hatten Frauen vielleicht einfach keinen Lust auf den Stress am Berg? Ein Blick in die Geschichte in drei Teilen wird zeigen, dass mal wieder alles komplizierter ist, als man so denkt. Heute geht’s um den klassischen Alpinismus.

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Eine gemischte Gruppe auf dem Weg zu Mt. Rainier. Quelle: old-pictures.com

Fangen wir von vorne an. Wie bekannt, waren es die Briten, die das Kraxeln in den Alpen zum Sport gemacht haben. Besagter Mummery und seine Kumpanen also. Die Mitglieder des ersten Alpenvereins der Welt, des Londoner Alpine Clubs, waren in der Tat nicht geneigt, in ihrem Herrenclub auch Damen zuzulassen. Die gründeten 1907 ihren eigenen Club, den Ladies‘ Alpine Club. Ein reiner Herrenclub war an sich nichts Besonderes in viktorianischen Zeiten. Jedoch, so argumentiert der Historiker Peter Hansen, drückte das Bergsteigen eine allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung aus, und zwar über eine gefühlte Feminisierung der britischen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus seinen Komplexen heraus, doch etwas heldenhaft-männliches für das Britische Empire zu tun, erfand der britische Mann aus der gehobenen Mittelklasse den Alpinismus. In den Schweizer Alpen konnte er Mut und Tatkraft, Ausdauer und Härte beweisen, seinen Geist stählen und sich immerhin symbolisch für die Ehre des Empires einsetzen. Wer einer empfundenen Verweiblichung entfliehen zu gedachte, wollte natürlich keine Frauen neben sich haben.

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„Männer sind besser als Frauen“. Diese Anzeige meint das nicht ironisch.

Historisch gesehen liegt also die Wurzel des Bergsteigens unter anderem in dem Gedanken, etwas besonders Männliches zu tun. Es gibt aber auch andere Meinungen. Einige Historikerinnen finden den Schwerpunkt auf die Männlichkeit übertrieben und weisen darauf hin, dass mehr Frauen auf Berge gestiegen sind, als man gemeinhin annimmt. Nur waren es zumeist privilegierte Damen, die es nicht nötig hatten, ein großes Tamtam daraus zu machen und in die Annalen der Geschichte einzugehen.

Je mehr die Vereine am Breitensport ausgerichtet waren, desto offener waren sie für Frauen. So waren in allen kontinentalen Alpenvereine, die sowieso ganz anders organisiert waren als der Alpine Club und sich ausdrücklich nicht als Verein von Bergsteigern sahen, Männer und Frauen gleichermassen erwünscht, zumindest in der Theorie. Nur die Schweizer sprangen mal wieder aus der Reihe. Wer sich dafür interessiert, warum der SAC 1907 beschloss, seine weiblichen Mitglieder rauszuschmeissen und erst 1980 (richtig gelesen!!!) wieder zuzulassen, dem sei das Buch „Gipfelstürmerinnen“ von Tanja Wirz empfohlen.

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Vortragsankündigung von Annie  Smith Peck

Natürlich gab es immer wieder Frauen, die sich aus gesellschaftlichen Konventionen nichts gemacht haben und trotzdem auf hohe Berge gestiegen sind. Annie Peck Smith (1850-1935) war so eine Ausnahme. Sie bestieg Berge der Welt, unter anderem das Matterhorn und 1908 den 6654m hohen Nordgipfel vom Huascaran in Peru. Sie war Professorin für Latein, Verfechterin des Frauenwahlrechtes und wurde in der Presse gerügt für das damals strafbare Vergehen, öffentlich Hosen zu tragen.

Neben einzelnen Persönlichkeiten ist es jedoch auch interessant, die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Geschlechterrollen im Alpinismus zu untersuchen. So haben mehrere Historiker belegt, dass der Bergsport, inklusive dem Felsklettern, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schauplatz des Machismo wurde. Der Krieg hatte zu einer Militarisierung von Sprache, Kultur und Alpinismus geführt, welche sich auch in einer besonderen Betonung männlicher Ideale ausdrückte. Historikerin Eva Maurer erklärt so, warum es nach 1945 immer weniger Frauen in der Sowjetunion gab, die in den staatlichen Bergsteigerlagern ausgebildet wurden. Anthropologin Sherry Ortner legt ebenfalls dar, wie sehr sich das Höhenbergsteigen nach dem Krieg in ein martialischen Wettbewerb verwandelte, dem die Romantik der Zwischenkriegszeit verloren ging.

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Das T-Shirt zur Expedition ist immer noch im Internet erhältlich.

Ortners „Life and Death on Mt. Everest“ geht aber noch weiter und beschreibt, wie der Machismo und das Bild des „hypermaskulinen“ Bergsteigers von einem aufkommenden transnationalen Feminismus herausgefordert wurde. Im Klartext: Ab den 60ern/70ern gab es Frauen wie die Amerikanerin Arlene Blum, die nicht nur aktiv für ihren Platz am Berg gekämpft haben, sondern auch ein alternatives Programm zum männerdominierten Höhenbergsteigen aufstellten. Blum war zwar kein Ausnahmetalent wie die Polin Wanda Rutkiewicz, jedoch sind ihre zwei autobiographischen Bücher ein wertvolles Zeugnis dafür, was es hiess, eine weibliche Bergsteigerin mit deutsch-jüdischen Wurzeln und naturwissenschaftlicher Promotion zu sein.

„A woman’s place is on top“, so hiess der Slogan auf dem T-Shirt, mit dem $80.000 für Blum’s Annapurna-Expedition 1978 erlöst wurden. Eine klare Aussage, die alles andere als keusch ist. Frauenpower gibt es auch in der nächsten Folge, in der es um Frauen im modernen Klettersport geht.

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