Zug? Seil frei! – Fehlkommunikation am Fels

21. Oktober 2020

Falsche Kommunikation führt beim Klettern immer wieder zu Unfällen.

Ich bin zum klettern verabredet und treffe etwas verspätet ein, da ich separat zugestiegen bin. Wir sind in einem alpinen Ambiente, klettern aber kurze Sportkletterrouten. Als ich ankomme, bemerke ich Schrammen und Kratzer im gesamten Gesicht meines Bekannten, der bisher vom dritten Mann gesichert wurde. Auf Anfrage, was passiert sei, bekomme ich keine Antwort. Mein Bekannter klettert eine Route und erklärt daraufhin, dass er auf die Hütte geht um einen Schnaps zu trinken- ich bleibe irritiert zurück.

Erst eine Woche später kann er davon sprechen: „Ich hatte angenommen, vom Sichernden abgelassen zu werden, während er mich aus der Sicherung nahm! Plötzlich der freie Fall ins Ungewisse– instinktiv krallte ich mich in Graswasen, Latschen und Bäume- bis zum Aufprall. Dann kamst du daher…“ Um den psychischen Schock zu verdauen und nicht mit dem Klettern aufzuhören, stieg er von mir gesichert noch eine leichte Route vor, um anschließend den Schock und seine unverhoffte Wiedergeburt zu begießen.

Ablassen oder Abseilen

Immer wieder passieren Unfälle beim Klettern, weil sich Sichernder und Kletterer falsch verstehen: der Sichernde nimmt seinen Kletterer am Ende einer Sportkletterroute aus der Sicherung, während der Kletterer sich ins Seil setzt, um abgelassen zu werden. Der Kletterer stürzt in freiem Fall zu Boden. Ich kenne drei erfahrene Kletterer, die sich genau aufgrund dieser Situation „nur“ verletzten und mit einem „blauen Auge“ davon kamen. Sie haben echtes Glück gehabt!

So etwas darf beim Klettern eigentlich nicht passieren, und tut es doch. Ich habe mich umgehört und stelle fest, dass zum Thema „Fehlkommunikation am Fels“ fast jeder etwas zu erzählen hat. Leider. Anlass genug, um darüber zu schreiben und vielleicht auch die eigene Kommunikation zu überdenken.

Wo bin ich?

Kommandos sollten kurz und eindeutig sein.

Kommandos beim Klettern sind kurz und eindeutig. Am besten, man spricht das Thema vor dem Klettern kurz an und klärt vor allem mit einem neuen Kletterpartner, was mit welchem Kommando gemeint ist. Es gibt eigentlich nicht viele Kommandos- dennoch sollte man sich immer vor Augen führen, was genau sie bedeuten und wo sie Anwendung finden (siehe Glossar). Beim Sportklettern kommen vor allem „zu“ (Seil einziehen und straff nehmen) und „ab“ (bitte ablassen) zum Einsatz.

Mit „Seil“ fordert der Kletterer mehr Seil. Bei Mehrseillängen- Routen kommt das Kommando „Stand“ hinzu, was so viel bedeutet wie: „Ich habe mich selbst gesichert- du kannst mich aus der Sicherung nehmen.“ Das Kommando „Stand“ hat im Sportklettern nichts verloren!!! Es sei denn, man hat sich wirklich selbst gesichert und möchte abseilen. Während das in Kalk- Klettergebieten eher unüblich ist, wird es in Sandstein- Gebieten durchaus praktiziert. Dennoch ist es beim Sportklettern ziemlich ungewöhnlich. Also denkt immer genau darüber nach, was ihr sagt.

Vom Winde verweht

Um das Risiko zu minimieren, ist beim Klettern Redundanz angesagt: zwei Haken verbunden zum Standplatz, der Prusik als Hintersicherung beim Abseilen und das sind nur einige wenige Beispiele. Warum nicht auch in der Kommunikation redundant sein? Lieber einmal nachfragen, bevor etwas passiert. Vor allem, wenn die Kommunikation aufgrund der äußeren Umstände schwierig ist- Lärm, lange Route, Wind. „Hast du Stand?“- „Naaa…“. Dieses bayerische „Naaa“ (zu Deutsch Nein) hörte sich eine Seillänge weiter unten gedämpft wie ein „…aaa“ von „Ja“ an.

Geistesgegenwärtig fragte ich lieber noch einmal nach, ob ich meinen Vorsteiger aus der Sicherung nehmen könne, was mit einem panischen „NEEIN!“ quittiert wurde. Seither lautet meine Devise: rückversichern und vor allem die Bitte um eindeutige Ansagen! Es spricht nichts dagegen, von den allgemeinen Kommandos abzuweichen, von mir aus auch Dialekt zu sprechen, solange die Wörter nicht gleich klingen und unmissverständlich sind. Und selbst unmissverständliche Worte kommen manchmal falsch an: Ich habe gehört, dass die Warnung „Stein“ (Vorsicht es fällt ein Stein herunter) des Kletterers vom Sichernden unten als „Stand“ verstanden wurde und ein „Seil frei“ folgte. Kommunikation ist am Fels keine leichte Sache!

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Auch ein Partnercheck kann Unfälle und eine fehlerhafte Kommunikation verhindern.

Wer jahrelang mit dem gleichen Kletterpartner klettert, versteht einander blind und ohne Worte. Mit neuen Kletterpartnern ist es nicht zwingend so. Ein kurzer Satz zur Kommunikation kann eigentlich nie schaden, genauso wie der obligate Partnercheck. Meistens werden Fehler aufgrund von Redundanz rechtzeitig behoben und man kommt mit einem Schrecken davon. Solche Geschichten lassen sich beim abendlichen Zusammensein nach dem Klettern gut erzählen und gemeinsam „verarbeiten“.

Meine Nummer 1 der Fehlkommunikationen ist folgende: Kletterer ruft „ZUUUU“ und erntet als Antwort ein „Seil frei“. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber nichts ist schlimmer, als Fehler totzuschweigen. Jeder macht Fehler. Wenn darüber gesprochen wird, müssen andere sie nicht wiederholen. Vielleicht habt auch ihr eine Geschichte, die ihr gern teilen möchtet, damit andere daraus lernen können? Ich freue mich auf konstruktive Beiträge!

Glossar Kommunikation beim Klettern

Kommandos müssen immer zwischen den Kletterpartnern abgesprochen werden, um Missverständnisse und Fehler zu vermeiden! Klettern ist ein Risikosport und erfolgt auf eigene Gefahr- für Unfälle aufgrund der im Glossar aufgeführten Kommandos wird nicht gehaftet!

KommandoBedeutungErwartete Aktion
ab / ablassenDer Kletterer möchte vom Sichernden abgelassen werden.Den Kletterer ablassen.
kommen/ nachkommenDer Vorsteiger hat den Nachsteiger in die Sicherung genommen und dieser kann nun losklettern.Antwort: „Ich komme“. 
SeilDer Kletterer bittet um mehr Seil, damit er weiterklettern oder klippen kann.Mehr Seil ausgeben.
Seil einBitte Seil einziehen.Seil einziehen.
Seil freiDer Sichernde hat den Kletterer aus der Sicherung genommen.Der Kletterer kann jetzt das Seil einholen.
Seil ausDer Kletterer zieht gerade Seil ein und der Nachsteiger informiert ihn, dass das Seil zu Ende ist.Der Nachsteiger wartet auf das Kommando „Kommen“ oder ein anderes ausgemachtes Zeichen, um gesichert nachsteigen zu können.
StandDer Kletterer befindet sich am Stand und hat sich selbst gesichert.Der Sichernde kann den Kletterer aus der Sicherung nehmen.
zu / ZugDer Kletterer bittet um weniger Seil, möchte sich ggf im straff gezogenen Seil setzen und ausruhen.Seil einziehen bis es straff ist.
Kommentare zu diesem Artikel

  1. Lisa sagte am 22. Oktober 2020 um 18:59 Uhr

    Du hast mit deinem Artikel absolut recht und eine ähnliche Situation, wie du sie beschreibst, habe ich auch schon erlebt.
    Ich betreue in unserer Klettergruppe immer mal wieder Anfänger und habe auch schon Kurse gegeben. Dabei habe ich festgestellt, dass gerade auch Seilkommandos Anfängern Sicherheit geben. Sie sind einfach zu lernen und ermöglichen eine schnelle und eindeutige Kommunikation.
    Völlig verwirrend ist für viele aber folgende Situation: Der Vorsteiger ist am Umlenkpunkt angekommen und muss dort sein Seil durch den Ring fädeln. Er sichert sich also selbst und beginnt mit dem „Umbau“. Hierfür gibt es kein Kommando: „Stand“ wäre irreführend, „zu“ funktioniert nicht und alle anderen Kommandos ergeben erst recht keinen Sinn. Der erfahrene Kletterer sagt an dieser Stelle einfach nichts und macht das, was zu tun ist. Anfänger verwirrt das aber kolossal. Ich habe in einem Kurs mal versuchsweise das Kommando „ich fädle“ eingeführt und alle waren glücklich. Seither nutze ich das auch privat und meine festen Kletterpartner haben das sehr positiv aufgenommen.

  2. Benedikt sagte am 25. Oktober 2020 um 08:09 Uhr

    Ein guter Artikel. Immer wieder höre ich, dass Leute vor dem Umfädeln „Stand“ sagen. Das ist enorm irreführend. Wir haben ähnlich wie Lisa, im Kommentar weiter oben, ein Wort hierfür eingeführt. Wir sagen dann immer „fix“. Dann weiß der Sichernde, dass er mehr Seil zum umfädeln geben soll.
    In MSL Touren verständige ich mich mit meinen eingespielten Partnern jedoch wortlos. Da gibt es nur dreimal am Seil ziehen, für stand, Seil frei… Nur bei unvorhergesehenen Situationen wird gerufen oder 5+ mal am Seil gezogen.

  3. Florian sagte am 29. Oktober 2020 um 17:42 Uhr

    Guter und sinnvoller Artikel!
    Wir sind in der Fränkischen zuhause und fädeln nicht nur durch, sondern lassen uns selbst ab. Schont das Material, oft ist ja kein Ring etc. vorhanden und einen durchgeschliffenen Haken auszutauschen ist schon aufwändig.

    Das wichtigste ist aber vorher schon zu klären, was man vor hat. Vor allem wenn es eine neue Kletterpaarung ist.

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