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Escalandos statt Galápagos – Kletter-Erkundungsreise durch Ecuador

16. August 2016

Sportart

Ecuadors wilde Landschaft

Ecuadors wilde Landschaft

Das erste Mal Südamerika ist immer etwas Besonderes, obwohl bereits jedes südamerikanische Land für sich genommen etwas Einzigartiges zu bieten hat. Unser persönliches Einstiegsland schließlich sollte Ecuador sein – und das nicht nur, weil es für das Klettern eher unbekannt ist. Unsere Erkundungsreise führt uns also durch wilde Landschaften, vom Dschungel bis auf knapp 5000 m ü.NN., in abwechslungsreiche Klettergebiete ganz unterschiedlichen Charakters. Zudem haben wir die blühende Kletterszene in einer Aufbruchstimmung erlebt, die dem Land laufend neue Routen und Klettergebiete beschert. Und da sich bis dato nur recht wenige ausländische Kletterer nach Ecuador verirren, ist es nach wie vor ein kleiner „Geheimtipp„.

Atemberaubendes Quito

 Die Höhen von Santa Clara

Die Höhen von Santa Clara

Binnen 20 Stunden von 600 m auf 2800m ü.NN. Die Ecuadorianische Hauptstadt Quito ist für uns sprichwörtlich atemberaubend. „Keine Angst wenn du nachts nach Luft japsend aufwachst, das ist während der Akklimatisierung ganz normal“, kommt die Vorwarnung unserer Freunde und Gastgeber für die ersten Tage. Die geplante „Schnell-Akklimatisierung“ verläuft nicht ganz so schnell, wie wir es gern hätten. Zwei Tage Kulturprogramm durch die prunke Altstadt mit ihren bunten Straßenmärkten und den höchst empfehlenswerten Kunstmuseen. Mit Quito’s „Hausberg“, dem 4690 m hohen Rucu Pichincha, setzen wir höhentechnisch jedoch noch einen drauf und kriechen langsam wie die Schnecken die restlichen 600 Höhenmeter zwischen Bergbahn und Gipfel hinauf. Auch die Aussicht auf Cotopaxi und Co. ist atemberaubend! Nach dem Motto „wer auf 4700 Metern wandern kann, muss auf 3000 Metern klettern können“ wagen wir die erste Klettereinheit. Zwischen Quito und dem Parque Metropolitano liegt eingebettet das kleine Klettergebiet Las Canteras mit seinen rund 15 Sport- und Trad-Routen zwischen den Schwierigkeitsgraden 5 und 6c. Gottseidank sind die Linien gleichzeitig ziemlich kurz, denn für mehr reicht die dünne Luft noch nicht. Außerdem sind wir nicht die Einzigen, die leiden. Auch unsere Kletterverabredung Edgar ist käsebleich. Für den nächsten Tag nehmen wir uns Santa Clara vor, eines der besten Klettergebiete nahe Quito und ebenfalls durch eine kurze Busfahrt gut erreichbar. Auf einem schmalen Pfad geht es herunter zum Bach, wo wir über schmale Holzbretter tänzelnd die Felsen erreichen. Der geometrische, kantige Fels mit vielen Absätzen, Verschneidungen und Rissen bietet knackige Herausforderungen. Das Tüpfelchen auf dem „i“ ist anschließend das hervorragende Restaurant bei der Fischzucht!

Auf in den Dschungel

Kreatives Klettern ist gefragt

Kreatives Klettern ist gefragt

Wenn es mit der Akklimatisierung nicht so läuft, sollte man wieder ein Stück absteigen. In Quito lässt sich das mit dem wunderschönen Klettergebiet Cuyuja zu Anfang der Dschungelregion des ecuadorianischen Amazonasbeckens verbinden. Und nur ein paar Telefonate später hat Edgar bereits eine Klettergruppe organisiert, die uns mitnehmen kann. In Sebás altem VW-Bus geht es folglich in Richtung Westen, zunächst auf den 4200 Meter hohen Pass La Virgen. „Jetzt kommt der abenteuerliche Teil“, scherzt Edgar. Ab hier geht es auf einer schmalen Passstraße in engen Kurven talwärts, wer nicht aufpasst landet schneller unten als gewünscht. Ich sitze am Außenfenster und darf die bunten Wrackteile diverser Busse hunderte Meter tiefer in der Schlucht bewundern, auf die mich Edgar grinsend aufmerksam macht. Doch die Schlüsselstelle kommt erst, als wir kurz vor Papallacta über ein paar wackelige Bretter eine Schlucht überqueren müssen – und von einer „Brücke“ kann man hier wahrlich nicht sprechen. Voll konzentriert auf die Fahrt, sind wir fast beiläufig und völlig unbemerkt in einer satt grünen Dschungel-Landschaft gelandet. Lianen-überzogene Bäume, Sträucher und Farne, dazwischen Palmen und Bananenstauden. Hinter dem rauschenden Rio Papallacta stehen steile Kalkwände, die in 8 Sektoren über 70 Routen von 5 bis 7c bieten. Was für interessante Linien das sind! Der Fels ist kantig mit vielen Seitgriffen und fordert kreatives Ansteigen. Spontan entscheiden wir uns, noch zwei Klettertage dranzuhängen. Kein Problem dank Dona Dorila, die eine einfache, aber ebenso heimelig gemütliche Posada betreibt, sodass man es hier durchaus länger aushalten könnte. Eine kleine Besonderheit des Klettergebietes sind zusätzlich die Thermalquellen von Papallacta, wo man nach dem Klettern so richtig gut entspannen kann.

Öffis in Südamerika

Rauschende Flüsse

Rauschende Flüsse

Voll motiviert starten wir von Quito gleich durch, neugierig was uns im südlichen Teil des Landes an Felsen erwartet. Unsere nächste Station ist die Kletterwand in Riobamba, wo wir Edgars Bekannten treffen sollen. Die vier Stunden Busfahrt südwärts entpuppen sich dabei als überraschend kurzweilig. Wir bestaunen unsere Mitreisenden, so wie sie uns: denn je weiter wir uns von der Stadt entfernen, desto bunter werden Kleidung und Kopfschmuck. Im Bus herrscht derweil ein quirliges Durcheinander von Menschen, die einsteigen und aussteigen, hinzu kommen am laufenden Band fliegende Händler durch, die von Getränken und Essen über Schmuck bis zu CD’s wirklich alles verkaufen. Schade nur, dass wir uns aufgrund unserer schlechten Spanisch-Kenntnisse nicht richtig unterhalten können.

Sternstunden am Chimborazo

Ein magischer Ort

Ein magischer Ort

Der nächste Kontakt in Riobamba ist schnell gefunden, an der Kletterwand wird kurzerhand ein junger Kletterer namens Diego angewiesen, uns zum Klettergebiet San Juan auf knapp 3800m, unterhalb des Chimborazo zu bringen. Ein Klettergebiet voller Superlative, das unterhalb des höchsten Berges Ecuadors liegt. Hier gibt es etwa 100 eingerichtete Routen von 5 bis 8c+ sowie einige schöne Trad-Linien. Etwas benebelt von der Höhe testen wir die ersten Risse und Verschneidungen – für Diego ist es eine willkommene Abwechslung vom Training am Plastik, wir wiederum profitieren von seinem Wissen um die besten Linien. Zu schade also, dass er nicht länger bleiben kann und so machen wir es uns zu zweit am Feuer unter dem Überhang gemütlich – völlig allein in diesem riesigen Amphitheater aus Felsen, dahinter strahlt weiß der Gipfel des Chimborazo. Über uns ist bald ein klarer Himmel mit tausend leuchtenden Sternen zu bestaunen. Was für ein magischer Ort. In den nächsten Tagen entdecken wir noch einige wunderschöne Linien und klettern bis zum Umfallen. Der berühmte Chimborazo ist für uns diesmal nur ein Nebendarsteller.

Askese in Paute

Es geht weiter in Richtung Süden. In Cuenca ist die MonoDedo Filiale unsere Anlaufstation, wo uns Gustavo unter seine Fittiche nimmt. In den folgenden Tagen zeigt er uns die umliegenden Kletter- und Bouldergebiete Sayausi und Zhumir. Und gerade als wir uns zu wundern beginnen, ob Gustavo nicht doch ab und zu arbeiten muss, schickt er uns auf eigene Faust ins nahe gelegene Paute. Seines Zeichens ein wunderbares Sport- und Tradgebiet mit zahlreichen Einseillängen, das gut mit dem Bus erreichbar ist. „Es gibt dort eine Plattform wo ihr ein Zelt aufstellen könnt“… So kämpfen wir uns durch das abschüssige Gebüsch entlang der ganzen Wand, die versprochene flache Stelle ist allerdings nicht zu finden. Zwei Stunden und 30kg Steine mit Erdreich später sitzen wir, schmutzig wie zwei Minenarbeiter, in unserem neu geschaffenen Lager. Da das kostbare Wasser hier oben nur zum Trinken da ist, müssen wir den Dreck in den nächsten Tagen somit wieder „abklettern„. Und auch mit dem Essen müssen wir bald rationieren: so viele schöne Linien wie es hier gibt, entscheiden wir uns nämlich lieber für einen zusätzlichen Klettertag, als für volle Mägen, und klettern bis die Sehnen ächzen. Vier Tage später schreit folglich selbst der kleinste Muskel verzweifelt nach einer Pause und wir kommen doch noch zu unserer heiß ersehnten Dusche.

Felsen wie Sand am Meer

Zum Bouldern gerade richtig

Zum Bouldern gerade richtig

Dank Gustavos Gastfreundlichkeit haben wir in Cuenca ein Zuhause mit der besten Alarmanlage der Welt. „50kg Muskelmasse mit einem Gebiss vorne dran“ ist Georgs Beschreibung des schwarzen Pitbulls, der uns im Wohnzimmer „begrüßt“. Bei ihm sind unsere Sachen hundert Prozent sicher, so können wir unbesorgt die schöne Altstadt Cuencas erkunden. Doch es dauert nicht lange und wir löchern Gustavo schon wieder nach weiteren Klettergebieten. Westlich von Cuenca liegt auf 3500 Metern der Nationalpark Cajas. In Serpentinen schrauben wir uns in Gustavos Allrad-Fahrzeug die Passstraße hinauf in eine wilde Hochgebirgslandschaft. Ein Farbspiel aus grünem Gras und Büschen sowie tiefblau leuchtenden Seen. Der Wind streicht über das hohe Gras der Hochlandschaft, während wir uns zwischen kurzen Reibungsplatten und formschönen Überhängen mit Henkeln klettertechnisch austoben. Schon wieder eines dieser Gebiete, das wir schweren Herzens schneller verlassen müssen, als uns lieb ist! Und auch sonst vergeht die Zeit wie im Flug. Gustavo hält uns auf Trab – und wir ihn ebenso. Gemeinsam klettern wir noch in Cojitambo, Jacalata und ein paar weiteren Gebieten, sodass ein Fazit unserer Erkundungsreise nicht anders lauten kann, als: in Ecuador gibt es Felsen wie Sand am Meer. Die Kletterrouten sind nach neuestem Standard eingerichtet und auch als Fremder findet man hier zügig Anschluss. Das macht nicht nur das Reisen sehr viel leichter – in Gesellschaft klettert es sich auch einfach schöner, und macht gleich doppelt so viel Spaß. Und der zählt ja ohnehin wesentlich mehr als Leistung oder Schwierigkeitsgrade

Informationen:

Die besten Informationen zum Klettern in Ecuador sowie Kletterhallen-Infos, um Anschluss an die hiesige Kletterszene zu finden, gibt es auf der MonoDedo Webseite.

Material Empfehlungen

Tendon Master 7.8mm (Halbseile), Master 8.9mm (Einfachseil)

Onyx und Garnet, Helm Kappa, Karabiner, Expressen

Totemcams und Basic Totemcams

Triop Tiger Kletterschuhe

Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen

LEKI Micro Vario Carbon

 

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