Bergfreunde

Ein Yeti im Parteiarchiv

14. Januar 2014

Sportart

Unsere neue Kolumnistin Carolin

Unsere neue Kolumnistin Carolin

Rrrrr….krrrkrrrr…surrt das Gerät. Spule um Spule arbeite ich mich durch unzählige Mikrofilmschachteln. Die Uhr hat schon längst Mitternacht geschlagen. Im Keller der Bibliothek macht das allerdings keinen Unterschied, Tageslicht kommt hier sowieso nicht an. Hunderte Dokumente des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schwirren an mir vorbei. Rkkkrkk. Ich bin auf der Suche nach etwas “interessantem”, einem Aufhänger für ein Forschungsprojekt. Gähn. Die KP ist nicht gerade dafür bekannt, “spannende” Dokumente zu verfassen. Krrr…krrr.

Doch da! Die kyrillischen Buchstaben tanzen vor meiner Nase, fügen sich zu einem Wort zusammen: sne..zhnyi…chel..ov..ek… Schneemensch? Was um alles in der Welt hat ein Schneemensch im Parteiarchiv zu suchen?

 

Wilde Menschen im Kaukasus?

Haarig! Aus der Zeitschrift der sowjetischen Geographischen Gesellschaft, 1957.

Haarig! Aus der Zeitschrift der sowjetischen Geographischen Gesellschaft, 1957.

Es handelte sich um einen Brief des Innenministers von Dagestan, einer autonomen sowjetischen (heute russischen) Republik im Kaukasus. Er beschwerte sich in Moskau über den Zustrom von Abenteurern, die in den kaukasischen Bergen nach Yetis und „wilden Menschen“ suchten. Das Zentralkomitee sollte dies doch bitte unterbinden und der Presse mitteilen, dass nach so vielen Jahren sowjetischer Macht die Bevölkerung von Dagestan vollkommen zivilisiert und fortschrittlich sei. Es gebe schlichtweg keine wilden Schneemenschen in Dagestan! Während ich dies las und über diese Absurdität lachte, erinnerte ich mich an ein Dokument, welches im Jahr zuvor ein Kommilitone von mir gefunden hatte. Auch dieses handelte von einem Schneemenschen. Zwei Yeti-Sichtungen im Parteiarchiv! Ich stopfte die restlichen Mikrofilmspulen in die Schachteln zurück – ich hatte mein Thema gefunden!

Wer hat ihn eigentlich zuerst gesehen?

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Die Tagespresse berichtet! Im Kalten Krieg fühlen sich auch die Schneemenschen wohl.

Und siehe da, suchte ich ihn, war der Yeti überall! Es waren natürlich die Briten, die mit der Story vom Schneemenschen angefangen hatten. 1921, während der ersten Britischen Everest Erkundungsexpedition, entdeckte der Offizier Charles Howard-Bury menschenähnliche Fußstapfen im Schnee. (Sein Expeditionstagebuch hielt ich später in der Schottischen Nationalbibliothek in der Hand!) Seine nepalesischen Träger erzählten etwas von einem „wilden Schneemenschen“. Howard-Bury hielt dies natürlich für eine Legende, aber ein eifriger Journalist in Kalkutta schrieb die Geschichte auf. Dank eines Übersetzungsfehlers wurde aus dem nepalesischen Wort yeti der „Abominable Snowman“, der grässliche Schneemensch. Das britische Zeitungspublikum liebte den haarigen Kerl. Die Himalaya-Begeisterung der Fünfziger Jahre sorgte dafür, dass die sagenhafte Gestalt im Gespräch blieb. Die Amerikaner hatten bald ihren Bigfoot, die Kanadier ihren Sasquatch, die Mongolen ihre Almas, die Chinesen den Yeren und die Alpenvölker, naja, die hatten den Ötzi, aber den gab es ja wirklich.

Wo wohnt der Schneemensch? Vielleicht im Pamir?

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Ernsthafte Wissenschaft? Aus der offiziellen sowjetischen Sportzeitschrift „Fizkultura i sport“, 1959.

Im Kalten Krieg wollten ja alle immer die ersten sein und daher fingen die Sowjets an, bei der Suche auf den Schneemenschen mitzumischen. Im Jahre 1958 berief die Sowjetische Akademie der Wissenschaften allen Ernstes eine Sonderkommission zur Erforschung des Schneemenschproblems ein. Im selben Jahr noch machte sich eine staatlich geförderte Yeti-Expedition auf in das zentralasiatische Pamirgebirge, um dort nach der Kreatur zu suchen. Ein junger Wissenschaftler aus Sankt Petersburg hatte angegeben, auf dem Fedchenko-Gletscher einen Yeti getroffen zu haben. Gefunden haben die Wissenschaftler, alle durchaus sehr anerkannte Geographen, Zoologen, Botaniker und so weiter, natürlich nichts. Das tat der sowjetischen Begeisterung für das Thema allerdings keinen Abbruch. Populärwissenschaftliche Magazine berichteten regelmäßig über den Yeti, ein paar begeisterte Wissenschaftler spekulierten über eine Neufassung der Evolutionsgeschichte (und riskierten damit ihre Karriere), und Kindermagazine liebten den Yeti sowieso. In den Siebziger Jahren pilgerten Truppen von Enthusiasten in den Kaukasus, der Pamir war dann doch zu unzugänglich, und sammelten sogenannte „Indizien“.

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Zwei Generationen Russischer Yeti-Forscher. Ein mancher wird dem Forschungsobjekt immer ähnlicher…

Internationale Schneemenschforschung im Kalten Krieg

Die sowjetischen Yeti-Fans blieben aber nicht unter sich. Ganz im Gegenteil, trotz des gespannten Klimas im Kalten Krieg suchten sie Verbündete auf der ganzen Welt. Gute Kontakte gab es in die kommunistischen Nachbarländer Mongolei und China, welches selbst staatlich geförderte Forschungen zum „Yeren“ durchführte. Aber auch zu den Amerikanischen Fangemeinden gab es Kontakte. Dort hatte die Bigfoot Community wieder aufgelebt, nachdem der Kalifornier Roger Patterson 1967 eine angebliche Begegnung mit der Kamera festhielt. Etablierte Wissenschaftler in den USA hielten sich von diesem Thema fern, und daher kam es den russischen Wissenschaftlern zu, dem Film Glaubwürdigkeit zu verleihen. Nur leider hat das den Rest der Welt nicht wirklich beeindruckt. Inzwischen wurde auch die sowjetischen Wissenschaftler, die nicht von der Existenz des Schneemenschen ablassen wollten, von ihren eigenen Kollegen belächelt.

 

Die Suche geht weiter…

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Spuren im Schnee. Aus einer russischen Bergsteigerbroschüre.

Die Sowjetunion hat es ja bekanntlicherweise nicht in das 21. Jahrhundert geschafft, der Yeti schon. 2011 berichteten die europäischen Zeitungen über eine Internationale Schneemenschkonferenz in Sibirien. Dort versammelten sich hunderte von Anhängern, um sich über die neuesten Erkenntnisse auszutauschen. Sogar Präsident Putin wurde in einem Interview mit dem amerikanischen Outdoor Life Magazine zum Schneemenschen befragt. Alles ist möglich, sagte der, und lud alle ein, nach Russland zu kommen und zu suchen…ein Resultat könne er zwar nicht garantieren, aber die Suche allein würde ja schon Spass machen. Meine Erfahrung aus den Bibliothekskatakomben: wer suchet, der findet…bei den Bergfreunden findet ihr auf alle Fälle die richtige Ausrüstung für eine Schneemenschexpedition.

 

* Carolin ist unsere neue Stimme im Basislager. Wie sie zu ihren Geschichten kommt und was genau es damit auf sich hat, hat sie uns in einem Interview erklärt.

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