Karabiner Ratgeber. Foto: Mountain Hardwear

Ein Ratgeber zu Karabinern – den unbeachteten Helden des Kletterns

17. November 2015

Kaufberatung Karabiner Kletterer beim Sichern

Jetzt sollte es schnell gehen

Karabiner sind die vergessenen Helden des Kletterns. Sie werden regelmäßg geschunden, retten jeden Tag tausende von Leben und das auch noch ohne das leiseste Zeichen von Dankbarkeit oder Hochachtung vor ihrer genialen Form und Funktion. Im Gegensatz zur allgemein gültigen Wahrnehmung, dient ein Karabiner nicht nur dazu die Wasserflasche außen an den Rucksack zu hängen, den Geldbeutel an der Gürtelschnalle zu sichern oder um die Leine des Hundes an dessen Halsband zu fixieren. Karabiner sind für wesentlich Höheres erschaffen worden. Sie ermöglichen Kletterern sprichwörtlich alles vom Einbinden des Kletterseiles ins Sicherungsgerät, den Transport von Material bis zum Sichern von Stürzen. Sie erlauben uns in der vertikalen Welt sicher und effizient unterwegs zu sein.

Wer hat’s erfunden?

Erfunden wurde der Karabiner zu Beginn des ersten Weltkrieges durch den Deutschen Otto Herzog. Um 1921 herum folgte dann der erste Karabiner für Kletterer und wog stattliche 130 Gramm. Heute wiegen Karabiner, dank der technischen Weiterentwicklung bei voller Belastbarkeit vielleicht noch 30 Gramm, und besser aussehen tun sie auch noch.

Außerdem findet man heute dutzende Formen, Designs und Modelle, die alle unterschiedlichen Zwecken und Anwendungsformen in der Kletterwelt dienen. Wir versuchen für Euch mal etwas Klarheit in das Durcheinander von Modellen und Einsatzgebieten zu bringen.

Karabiner Beschreibung

Die wichtigsten Teile des Karabiners

Der Aufbau

Schnapper

Der Teil des Karabiners, der sich öffnet und wieder schließt.

Rücken / Längsseite

Die längste Seite des Karabiners liegt dem Verschluss gegenüber.

Nase

Der Teil in den der Schnapper schnappt um den Karabiner zu veschließen

Bogen

Hier läuft auch das Seil beim Sichern drüber und liegt oberhalb der Öffnung

Noch mehr Fachjargon

Weite der Öffnung

Bezeichnet den größtmöglichen Abstand zwischen dem Klipper und der Nase im offenen Zustand. Ist hilfreich um zu wissen, wie leicht sich ein Karabiner z.B clippen lässt oder wie viel Material man einhängen kann. Besonders für Kletterer mit großen Händen von Bedeutung oder wenn man, wie beim Eisklettern, mit Handschuhen unterwegs ist.

Querbelastung

Optimalerweise werden Karabiner über die Längsseite belastet, denn hier halten sie der größten Belastung stand. In manchen Fällen kommt es aber zu einer Belastung mit Zug auf den Rücken und den Verschluss. Das nennt man dann eine Querbelastung. Muss nicht immer schlimm sein, nur der Karabiner hat hier eine wesentlich niedrigere Bruchlast (7 kN statt 20 kN), deshalb sollte man vorsichtig sein und diese Nutzung tunlichst vermeiden.

Offenbelastung

Bedeutet, wenn der Karabiner bei geöffnetem Verschluss belastet wird. Zu dieser Situation kann es kommen, wenn der Karabiner nicht richtig eingehängt wird und lediglich am Häkchen hängt (nose hooked) oder wenn der Schnapper durch einen vorstehenden Stein eingedrückt wird. Es gibt noch weitere Möglichkeiten, wie es zu so einer Situation kommen kann. Die meisten Fälle kommen eher selten vor, kommen aber vor und sind immer sehr ungut, da Karabiner in geöffneten Zustand keine hohen Bruchwerte (6 KN) haben und leichter brechen.

Zu dem Materialien

Abgenutzter Karabiner

Höchste Zeit für einen neuen Karabiner

Hauptsächlich werden zwei Materialien verwendet: Aluminium und Stahl. Karabiner aus Stahl sind zwar extrem haltbar aber auch relativ schwer. Alu-Karabiner sind wesentlich leichter und ausreichend haltbar um über mehrere Jahre verlässlich zu dienen, aber sie nutzen sich tatsächlich schneller ab.

Stahlkarabiner werden eigentlich nur noch für besondere Anwendungen genommen, z.B. wo sehr hohe Belastungen auftreten, etwa als Fix-Exen in Hallen oder Umlenker in Klettergärten. Alu sollte man niemals als Fixpunkte verwenden!

Stärke verstehen

Ein Karabiner wird für die Beanspruchung beim Klettern gemacht und so gebaut, dass er eine Vielzahl der normalerweise auftretenden Kräfte aushalten kann. Daher muss man sich über die Belastbarkeit der Karabiner keine Sorgen machen, zumindest wenn Dein Karabiner die Europa Norm (EN 12275) oder die Vorgaben der UIAA erfüllt. Das erkennst Du an den Kennzeichnungen CE und UIAA auf der Längsseite des Karabiners. Laut dieser beiden Normen beträgt die Mindestbelastbarkeit eines Karabiners:

  • längs: 20kN
  • quer: 7 kN
  • offen: 6kN

Allerdings übersteigen die Belastungswerte einiger Karabiner die Normanforderungen. Daher graviert jeder Hersteller die Werte des jeweiligen Modells gerne noch mal auf seine Karabiner drauf. Hier stehen immer drei Werte: bei Längsbelastung, Querbelastung und bei Belastung bei geöffnetem Schnapper.

Bei der Auswahl eines Karabiners ist die Belastbarkeit normalerweise nicht das Hauptkriterium, da alle Kletter-Karabiner weit belastbarer sind als das, was wir gewöhnlich von ihnen abverlangen. Aber wenn Du Dich nicht zwischen zwei Karabinern entscheiden kannst, sollte dieses Kriterium eine wichtigere Rolle spielen als zum Beispiel die Farbe.

Die unterschiedlichen Formen

Ovalkarabiner

Das war die Form der ersten Karabiner und wird noch von manchen Herstellern produziert. Beim Klettern werden sie kaum noch verwendet. Mit ihnen kann man zwar relativ viel Material transportieren, sie sind aber etwas weniger belastbar, schwerer und auch schwerer zu bedienen als andere Karabiner. Allerdings gibt es Anwendungsgebiete wo sie noch häufiger zum Einsatz kommen, zum Beispiel beim Baumklettern, in der Erlebnigpädagogik oder beim Industrieklettern.

Herkömmliche D-Form

Sie waren der zweite Schritt in der Entwicklung. Durch die Form konnte die Belastung erhöht werden, während die Bedienbarkeit sich gleichzeitig verbesserte.

Asymetrische D-Form oder Basiskarabiner

Jetzt wird´s schon interessanter. Mit diesem Karabiner kannst Du einfach alles machen, deshalb sollte er einen Großteil Deiner Karabinerausrüstung ausmachen. Die Asymetrie ermöglicht eine sehr hohe Belastung bei gleichzeitiger Reduzierung des Gewichts. Dadurch sind diese Karabiner nochmal ein ganzes Stück leichter als ihre Vorgänger. Die Asymmetrie erzeugt außerdem eine größere Öffnung, was das Handling sehr angenehm macht.

HMS

Kann man rein theoretisch von den Bruchwerten auch für alles nehmen, ist aber eigentlich in Kombination mit einem Sicherungsgerät gedacht. Der große Bogen bietet ausreichend Platz für die Sicherung mit dem HMS-Knoten, daher kommt auch sein Name. Achtung: Nicht alles HMS-Karabiner sollten mit allen Sicherungsgeräten kombiniert werden. Bitte hier auf die Angaben des Herstellers achten!!

Verschließbar oder nicht

Man kann Karanbiner grundsätzlich in zwei Gruppen unterteilen: verschließbare und nicht-verschließbare Karabiner. Bei den nicht-verschließbaren kann der Karabiner jederzeit durch Druck geöffnet werden. Bei den verschließbaren Karabinern wird der Verschluss durch einen Mechanismus arretiert. Um ihn zu öffnen, muss der Kletterer diesen Mechanismus erst überwinden.

Selbst-verriegelnd oder nicht

Bei den verschließbaren Karabinern unterscheidet man außerdem zwischen den selbst-verriegelnden und den nicht selbst-verriegelnden Karabinern. Selbstverriegelnde sind solche, die sich automatisch verriegeln, also ohne dass der Kletterer etwas tun muss, z.B. der Am´D Ball Lock von Petzl oder der Magnetron Vaporlock von Black Diamond. Sie gibt es in unterschiedlichen Ausführungen und auch hier sind nicht alle für jedes Sicherungsgerät geeignet.

Gesichertes oder nicht gesichertes System

Ein gesichertes System kann sich nicht ohne Zutun des Kletterers öffnen. Ungsicherte Systeme können sich z.B. durch Erschütterung (Schrauber) von alleine entsichern. Klingt unwahrscheinlich, ist aber schon mehrfach vorgekommen. Daher sollten zum Beispiel Twistlock Karabiner nicht zum Sichern mit dem HMS verwendet werden.

Der Schnapper

Mammut Classic Express Set

oben: kompakter Schnapper, unten: Draht

Gibt es als  kompakte Variante oder als Drahtschnapper . Die kompakte Variante besteht aus einen Verschluss der über eine Feder automatisch geschlossen wird.

Sieht fragiler aus als sein kompakter Kollege, ist er aber nicht. Der Drahtschnapper hat den Vorteil, dass sich durch das geringere Eigengewicht des Schnappers und die eingebaute Spannung des Drahtes dieser beim Aufschlagen der Exe auf den Fels nicht öffnet (was der Kollege tut). Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Belastung bei offenem Karabiner kommt, ist somit wesentlich geringer.

Gerade oder gebogen

Climbing Technology Lime Set

oben: gerader schnapper, unten: gebogen

Drahtschnapper und die herkömmliche Variante gibt es in gerade und leicht gebogen. Die gerade Version (straight) wird meistens für den Karabiner genutzt, der in den Borhaken eingehängt wird. Gebogene Schnapper (bent) sind etwas angenehmer zum klippen und werden deshalb gerne für den seilführenden Teil der Exe genomment.

Bei einer Expresse sollte man immer denselben Karabiner für die Verwendung am Bohrhaken nehmen, den anderen für das Seil. Deshalb sind viele Expressen so aufgebaut, dass sie zwei unterschieliche Karabiner enthalten, um sie unterscheiden zu können. Gerade und gebogene Karabiner an einer Expresse zu verwenden, ist eine Variante.

Die Nase

Der Bereich wo Schnapper und Bogen sich treffen und den Karabiner verschließen, ist sehr wichtig, nicht nur in Sachen Bruchwert, sondern auch im Handling. Viele Karabiner haben sowas wie einen kleinen Haken, in den sich ein kleiner Steg des Schnappers einhängt. Über diesen Steg  erhält der Karabiner seine Kraft bei der Längsbelastung.

Karabiner mit Keylock und Schnapper mit Nase

Links der Keylock rechts ein Schnapper mit Nase

Dieser kleine Haken kann aber problematisch werden, da ein Karabiner hier beim Ein- oder Aushängen hängen bleiben kann. Hängt er an der Materialschlaufe am Gurt fest, ist es weniger schlimm als lästig, hängt er aber am Bohrhaken, kann es schon brenzliger werden. Man nennt das einen nose hook. Außerdem kann es sehr mühsam werden eine überhängende Route mit Nasen-Karabinern abzubauen.

Um dieses Problem zu umgehen, wurde der Keylock erfunden. Hier fügt sich die verstärkte Nase wie ein Puzzle-Stück in den Schnapper ein. Zunächst war diese Art des Verschlusses bei Drahtschnappern nicht möglich, doch inzwischen wurden hier ähnliche Systeme entwickelt, z.B. Black Diamond Hood Wire oder der Petzl Ange Finesse.

Größe und Gewicht

Heutzutage gibt es Karabiner in allen Formen, Größen, Gewichts- und Preisklassen sowie Farben. Die Größe macht eigentlich keinen so großen Unterschied, sie ist eher Geschmacksache und nur dann interessant, wenn es Dir auf jedes Grann ankommt. Zugegeben, wenn man den Gurt mit 10 Exen voll hat, dann merkt man schon einen Unterschied, aber wirklich entscheidend wird das erst bei den Profis.

Und welchen sollst Du nun nehmen?

Zuerst entscheidest Du Dich für eine Form, also Standartkarabiner oder HMS, muss er verschließbar sein, oder reicht ein Schnapper, welche Nase hättest Du gerne? Kompakt oder Draht? Hier ist entscheidend, für was Du den Karabiner brauchst. Als Sicherungskarabiner, an einer Exe oder als Materialkarabiner? Musst Du den Karabiner einhändigt bedienen können oder hat Du beide Hände frei?

Und die Farbe? Die macht ausnahmsweise mal tatsächlich Sinn, z.B. wenn Du Dich für gleiche Karabiner-Modelle an beiden Enden der Exen entscheidest aber auf den ersten Blick erkennen möchtest, welche Seite für das Seil genommen wird. Bei der Standplatz-Organisation ist es auch angenehmer, wenn man die Karabiner farblich auseinander halten kann: Welcher Karabiner hält die Selbstsicherung, welcher ist für das Sicherungsgerät etc.

Zu Beginn macht es auf jeden Fall Sinn die unterschiedlichen Karabiner zu testen und zu schauen, welcher Dir am besten taugt und mit was Du am besten zurecht kommst.

Wenn du noch Fragen hast oder Dich nicht entscheiden kannst, hilft Dir unser Kundenservice gerne weiter. Du erreichst ihn unter der Woche täglich von 9.00 – 18.00 Uhr telefonisch unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artkel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 17.11.2015 überarbeitet.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Reiner Stahl sagte am 9. September 2015 um 10:13 Uhr

    Bei der Belastung eines Karabiners sollte darauf geachtet werden, dass diese möglichst nahe an dem geschlossenen Schenkel erfolgt. So ist die maximale Festigkeit gewährleistet. (Siehe Pit Schubert, Sicherheit und Risiko in Fels und Eis)

  2. Anna K. sagte am 1. Dezember 2015 um 12:29 Uhr

    Herzlichen Dank für diesen wundervoll geschriebenen Artikel!
    War genau das, was ich gesucht hatte.. :))

  3. Wiebke sagte am 1. Dezember 2015 um 12:31 Uhr

    Hallo Anna,
    vielen Dank für die Blumen. Wenn Du noch Fragen hast, kann Du dich gerne jederzeit an mich oder unseren Kundenservice wenden.
    Lieben Gruß, Wiebke

  4. Andrea W. sagte am 1. Januar 2016 um 14:36 Uhr

    Danke für eure tolle Info. Schön, dass ihr mich eingeladen habt den Blog kennenzulernen.
    Übrigens ein Lob an euer tolles Team.
    Ich wünsche euch ein erfolgreiches neues Jahr

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