Bergfreunde

East meets West – Bergsteigen im Kalten Krieg

16. Juli 2014

Sportart

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Man muss sich nur zu helfen wissen.

Stirnlampe, Klopapier, Sea to Summit Reiseseife…habe ich noch etwas vergessen? Nein, ich packe nicht für eine Nacht im Zelt. Ich bin in Moskau und auf dem Weg in das Russische Staatsarchiv. Chronisch unterfinanziert, funktioniert dort nur jede zweite Tischlampe und Hygieneartikel sind grundsätzlich selber mitzubringen. Es ist Freitag, ich bin schon fast eine Woche in Moskau und hatte die Hoffnung, endlich Dokumente der Sowjetischen Bergsteigerföderation in die Hände zu bekommen. Man vertröstet mich auf nächste Woche.

Gut, dann gehen ich eben klettern. Wo es die beste Kletterhalle gibt, hat mir Google schon zu Hause verraten. Das „Bigwall Skalodrom“ unterscheidet sich nicht großartig von deutschen Hallen. Auch dort sichert man mit Grigri und die belehrenden Comics auf dem Hallenboden sind nur allzu gut bekannt, man fühlt sich fast zu Hause.

Eiserner Vorhang, der schwierigste Grad?

Da - Njet, alles klar! Altbekannte Cartoons.

Da – Njet, alles klar! Altbekannte Cartoons.

Kurz mal nach Moskau und ab in die Kletterhalle, davon konnten die Protagonisten meiner Doktorarbeit nur träumen. Im Kalten Krieg waren Auslandsreisen für Bürger der sozialistischen Länder stark reglementiert. Touristen aus dem Westen mussten sich zumeist organisierten Gruppenreisen anschließen, Individualreisen waren (legal) kaum möglich. Bergsteiger jedoch haben sich noch nie gerne von Grenzen aufhalten lassen, seien es physische, geografische oder politische. Trotz der politischen Lage gab es daher Austausch zwischen Ost und West. Die Gebirge Zentralasiens und der wilde Kaukasus beflügelten die Fantasien der westlichen Alpinisten, derweil die Bergliebhaber des Ostens von den Alpen und den Rocky Mountains träumten.

Bergsteigen „währungsfrei“

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Lenin ruft! Broschüre für das Internationale Bergsteigerlager.

Neben strikten Aus- und Einreisebestimmungen war das leidige Geld immer ein Problem. Für Bergsteiger aus der DDR, Polen oder der Sowjetunion war es unmöglich, auf legalem Wege an harte Währung zu kommen. Daher fanden die meisten Austausche zwischen Alpinvereinen und den zumeist staatlichen sozialistischen Bergsteigerorganisationen währungsfrei statt. Das hieß, die einladende Organisation übernahm alle Kosten ab der Grenze und stattete die Gäste mit einem kleinen Taschengeld aus. Nur so konnten es sich osteuropäische Bergsteiger leisten, in den Alpen zu klettern. Für Kletterer aus dem Westen war der Austausch oft die einzige Möglichkeit, Einreise- und Expeditionsgenehmigungen zu erhalten. Für manche Länder, wie zum Beispiel Polen, war eine starke Bergsteigermannschaft eine Sache des nationalen Prestiges. Daher erteilte man den Alpinisten Ausreisegenehmigungen, um in den Alpen zu trainieren. Politisch durfte man sich natürlich nichts zu Schulden kommen lassen. Besonders in der DDR waren Auslandsreisen nur für Bergsteiger parteitreuer Sportvereinigungen möglich. Wer abseits vom Leistungssport (ein solchen Anspruch hatte der Alpinismus in Ostdeutschland) lieber individuell und freigeistig seine Routen kletterte, musste sich mit der heimischen Sächsischen Schweiz begnügen.

Bergfreundschaften aller Propaganda zum Trotz

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Fast wie ein olympisches Dorf: Pamir 1974.

Ausländische Währung war auch eine der Hauptmotivationen der besagten Sowjetischen Bergsteigerföderation, seit 1974 regelmäßig Internationale Bergsteigerlager im Kaukasus und im Pamir zu veranstalten. Der Teilnehmerbeitrag wurde in Dollar bezahlt, Geld, welches einmal für eine sowjetische Everest-Expedition genutzt werden sollte. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion gab es so Gelegenheit für hunderte von Besuchern, den Pik Lenin, Pik Kommunismus (vormals Pik Stalin) und andere Giganten des Pamirs zu besteigen und sich mit Bergsteigern aus aller Welt auszutauschen. Freundschaften wurden geschlossen, die oft zu Gegenbesuchen führten. So war 1974 auch eine Gruppe des American Alpine Club im Pamir. Ein Jahr später kamen sowjetische Bergsteiger zu Besuch und kletterten in den Rocky Mountains und den Cascades. Ideologische Unterschiede fielen kaum ins Gewicht, am Berg verstand man sich.

Der Geheimdienst klettert (nicht) mit

Es war allerdings so, dass man nie ganz unter sich war. Ein estnischer Bergsteiger erinnerte sich für mich an seine Auslandsreisen nach Deutschland und Österreich in den Siebziger Jahren. Mit von der Partie (Partei…) waren drei Aufpasser vom Geheimdienst. Da keiner der Herren klettern konnte, langweilten sich die drei auf den Hütten und hatten nichts Sinnvolleres zu tun, als zu trinken. Bald hatten sie ihren Namen weg: Party-Gruppe. Einem der Partyspione war sogar so langweilig, dass er sich vom Hüttenwirt einen Eimer Farbe lieh und dem deutsch-österreichischen Grenzschild vor der Hütte einen neuen Anstrich verlieh. Die Anekdote ist erheiternd, doch war die Kontrolle der Bergsteiger durch die Geheimdienste natürlich alles andere als lustig.

Nix mit Bergfreunde.de

Nicht jeder war so gut ausgerüstet wie es  das sowjetische Sportmagazin suggeriert.

Der Mangel an Ausrüstung war eine weitere Herausforderung. In der kaum funktionierenden Planwirtschaft standen Steigeisen und Expeditionszelte nicht gerade auf der Prioritätenliste. Es blieb oft nichts anderes übrig, als sich entweder die Ausrüstung selber zu basteln, auf Freunde im Westen zu hoffen, oder zu warten, bis man endlich eine Daunenjacke per Warteliste vom jeweiligen Bergsteigerverband zugesprochen kam. In der UdSSR waren Nagelstiefel noch in den 1970er Jahren ein begehrter Artikel. Die Qualität der Ausrüstung war oft abenteuerlich. 1977 warnte sogar eine sowjetische Zeitung davor, mit einheimischer Ausrüstung in die Berge zu gehen. Trotz aller Schwierigkeiten erbrachten osteuropäische Bergsteiger beachtenswerte Leistungen.

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es allen Grund zu feiern, dass die Grenzen zumindest in Europa gefallen sind und die Gipfel der Alpen, die Täler der Tatra und die Türme des Elbsandsteingebirge allen Bergbegeisterten offen stehen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Boris sagte am 25. Juli 2014 um 19:18 Uhr

    Liebe Carolin,

    bezüglich der Ausrüstung habe ich von einem Alpinisten aus der ehemaligen Sowjetunion folgendes gehört: er hat in der Fabrik, in der er als Ingenieur gearbeitet hat, Zugang zu der Werkstatt gehabt und war mit dem dortigen Meister gut befreundet. Dieser Meister hat für diesen Alpinisten Titaneisschrauben angefertigt. Titan war in der Sowjetunion nichts besonderes, daraus wurden auch Spaten und Gabel hergestellt und nach dem Zerfall des Ostblocks hat manch einer viel Kohle damit gemacht (aber es ist eine andere Geschichte). Diese Eisschrauben waren bei den westlichen Bergsteigern heiß begehrt und wurden dann gegen westliche Sitzgurte, Klamotten etc. ausgetauscht.
    Wann wirst du deine Doktorarbeit veröffentlichen? Ich bin schon sehr darauf gespannt ;)

  2. Carolin sagte am 29. Juli 2014 um 15:09 Uhr

    Hallo Boris,

    mir hat ein russischer Bergsteiger genau dieselbe Geschichte erzählt, er war damals in der Alpinistengruppe der Tomsker Universität. Ich habe auch mit einem amerikanischen Alpinisten geredet, der sich damals solche Eisschrauben besorgt hat und eine noch heute als Erinnerungsstück auf dem Schreibtisch hat. Es wird noch etwas dauern mit der Doktorarbeit, bis dahin wird es aber noch einige Geschichten im Basislager geben :-).

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