Durch den wilden Kaukasus

28. September 2014

Sportart

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Tschauchi wird auch die georgischen Dolomiten genannt. Auch des bröckelnden Felses wegen?

Als Historikerin mit Schwerpunkt Osteuropa ist es nicht verwunderlich, dass unsere Redakteurin Carolin in ihrem Urlaub nicht die einschlägigen Klettergebiete unsicher macht, sondern sich lieber weniger bekannte alpine Gebiete in Ländern wie z.B. Georgien aussucht. Daher war es auch nicht weiter verwunderlich, als sie mich dann fragte, ob sie etwas über ihre Tour im Kaukasus schreiben soll;  ich war gleich begeistert. Wann bekommt man schon einen Tourenbericht über solche Gebiete?

Hier also Ihr Bericht über Hochtouren in Georgien, herrenlose Hunde weit oberhalb der Baumgrenze und schwere Gewitter in Berghütten. Viel Spaß beim Lesen.

Schchara, Uschba, Kazbeg: die Spitzen Georgiens klingen exotisch und doch vertraut. Schchara, 5200 Meter hoch, ist Georgiens höchster Berg. Uschba, das Matterhorn des Kaukasus mit dem Doppelgipfel, hat schon viele Bergsteigern das Leben gekostet und galt um die Jahrhundertwende als schwierigster Berg der Welt. Kazbeg, der freundliche knubbelige Vulkan, ziert im Hintergrund der Gergetier Dreifaltigkeitskirche jede Touristenbroschüre. Georgien stand schon lange auf meiner Reiseliste, lange bevor ich irgendetwas von Bergen verstand. Nach einem Jahrzehnt, viel hatte sich in dieser Zeit in Georgien ereignet, wurde aus dem Gedanken ein handfester Plan. Nach den Fünftausendern jedoch war mir nicht. Und so suchte ich im Netz, bis ich auf einen Berg stieß, dessen wilde Schönheit mir nicht mehr aus dem Kopf ging: Tschauchi! Der Name erinnerte an einen fauchenden Drache

Wild sind die Berge, wild sind die Straßen

Unser Packpferd wird beladen, aber nicht zu schwer. Man sorgt sich gut um die Vierbeiner.

Unser Packpferd wird beladen, aber nicht zu schwer. Man sorgt sich gut um die Vierbeiner.

Das Dreigestirn traf sich in Tbilisi, Georgiens verzauberter Hauptstadt. Zusammen hatten wir schon im letzten Jahr den Triglav erstiegen. Samo, erprobter Alpinist und stets geduldiger Freund, wenn es bei uns zwei Amateuren etwas langsamer zuging. Maya, welterfahrene Reisende und fließend in sämtlichen Sprachen und ich, die Organisatorin von „Madame Caroline’s Budget Adventure Tours“, wie wir scherzhaft unsere Reiseunternehmungen nennen. Wir waren ein eingespieltes Team. Genaue Informationen zu den Routen am Tschauchi (in Tschauchi, an den Tschauchis? Die Grammatik bleibt rätselhaft) gab es kaum, so entschieden wir uns für einen Bergführer.

In Tbilisi wurden wir in einem Minibus mit Chamonix-Aufdruck abgeholt und schon ging es Richtung Norden. Bald war die geteerte Straße zu Ende, nach holpriger Fahrt erreichten wir das Dorf Juta. Hier sattelten wir auf 1PS um. Eisäxte, Seile, Proviant und Zelte, was das tapfere Packpferd uns nicht alles abnahm! Nach anderthalb Stunden Marsch eröffnete sich das Paradies vor uns. Eine sanfte Wiese auf 2500 Metern, durchzogen von einem gemäßigten Wildbach, das Basislager war erreicht. Im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Spitzen von Tschauchi, einem Drachenrücken gleichend.

Der Drache spuckt Feuer

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Klettern vor Kulisse.

Die erste Zeltnacht im Hochgebirge. Der Drache sendet uns ein Berggewitter, wie ich es noch nie erlebt habe. Blitze erhellen unsere Behausung für viele Stunden, der Donner kommt und geht und kommt doch immer wieder, dreht sich im Kreis. Das wunderschöne Wetter des Vortages ist vorüber. Durch das nasse Gras stapfen wir am späten Morgen zu unserer improvisierten Küche unter blauer Plane. Bakar, unser Führer, hält schon den Tee bereit. Zum Klettern ist es zu spät, die Chance des alpinen Aufbruchs vertan. Doch die Sonne zeigt sich wieder und so wandern wir im grünen Tale herum. Vor großer Kulisse klettern wir an einem großen Boulder, sogar ein paar Haken sind hier eingeschlagen worden. Man kann sich nicht satt sehen an der Weite des Tales und den tiefen Klüften, welche die Berghänge Tschauchis durchziehen.

„Unserer“ Gipfel ganz rechts. Foto: Maya.

Morgen um eins, so verspricht uns Bakar, sollen wir dort in der Scharte stehen, auf die er mit ausgestrecktem Arm hinweist. Doch zunächst erwartet uns noch eine weitere Gewitternacht. Der Drache scheint noch aufgebrachter zu sein als in der Nacht zuvor. Karabiner, Steigeisen, Eisäxte: das Metall wird aus den Zelten geworfen. In meinem Schlafsack eingehüllt, überlege ich, warum wir uns den allerhöchsten Standplatz für unser Zelt ausgesucht haben.

Steile Rinnen, schlagende Steine und eine Überraschung

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Georgie bekommt einen Klettergurt und wird gerettet.

Eingehüllt im feuchtnassen Nebel machen wir uns am nächsten Morgen auf. Über eine Moräne verlassen wir das grüne Tal und nähern uns Tschauchi von der talabgelegenen Seite. Ein düsterer Kar eröffnet sich vor uns. Über eine abschüssige Geröllhalde nähern wir uns der Schneerinne. Unsere Tritte lösen Steinlawinen aus, mir wird flau im Magen. Selbst Samos Gesicht ist in Sorgenfalten gelegt. Dennoch, er spurtet die Rinne hinauf. Maya und ich am kurzen Seil mit Führer, ich hoffe, er weiß was er tut. Wieder Geröll und endlich stehen wir am Einstieg zu eigentlichen Kletterroute. Dort steht ein Hund und begrüßt uns schwanzwedelnd. Ein Hund auf 3700 Metern in dieser unwirtlichen Umgebung? Wir vertrösten ihn kurzfristig mit einem Energieriegel.

Jedoch schon nach einer Seillänge Felsklettern schlug ich vor, den Rückzug anzutreten. Steine prasseln mir auf den Kopf, das Kommentar des einheimischen Bergführers („Wir sind in den Bergen, da gibt es halt Steine“) beruhigt mich nicht, auch seine unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit am Berg nicht. Wir steigen ab mit unserem neuen Freund, der zunächst ein Stück am Seil hinuntergelassen wird und letztendlich in Samos Rucksack Platz findet. Über die Schotterhalde geht es zurück, ein langer Marsch steht noch bevor, bis wir Abends wieder im Basislager sind.

Abschied von einem neuen Freund

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Ein langer Aufstieg für eine kurze Kletterroute.

In Hast bauen wir die Zelte ab und machen uns auf ins Dorf. Dort erwartet uns unser Fahrer schon seit einigen Stunden. Wehmütig schauten wir ein letztes Mal zurück in Richtung Tschauchi. Genau in diesem Moment erhellt der Mond die Bergspitzen. Unser neuer vierbeiniger Freund läuft vorweg. Schweren Herzens lassen wir ihn in Juta zurück und hoffen, dass er seinen Weg findet. Weiter geht es nach Stepantsminda, der Hauptort des Kazbegi Nationalparks und beliebtes Tagesziel für Touristen aus der Hauptstadt. Hier lassen wir es uns in einem schönen Hotel einige Tage gutgehen, bevor wir Samo auf den Weg bringen. An der Dreieinigkeitskirche teilen sich unsere Wege. Für Maya und mich ist es an der Zeit, die Heimreise anzutreten. Mit Ski und schwerem Gepäck macht sich Samo alleine Richtung Kazbeg auf. Gleich zweimal, so lernten wir später, stieg er von der alten Wetterstation, die heutzutage als Hütte fungiert, auf den Gipfel und fuhr hinunter…weil es so viel Spaß machte!

An der Kirche teilt sich die Gefolgschaft. Im Hintergrund Kazbeg.

An der Kirche teilt sich die Gefolgschaft. Im Hintergrund Kazbeg.

Gmadlob, Georgien, danke und auf Wiedersehen, Nachvamdis!

Spaß macht Georgien in jeglicher Hinsicht. Die Leute sind wunderbar, verlässlich und warmherzig. Das Essen ist einfach nur fantastisch, immer und überall. Tbilisi ist cool und spannend und schön. Günstig ist alles noch dazu, die Infrastruktur ausreichend bis abenteuerlich (je nachdem, wo man hin möchte). Schnell da ist man auch, von München direkt oder z.B. über Istanbul. Ein bisschen Russisch ist sehr nützlich (am besten mit drei Wörtern Georgisch kombinieren), mit Englisch kommt man aber zumindest bei den jungen Leuten weiter. Wir sagen gmadlob, Georgien, danke und auf Wiedersehen, Nachvamdis!

 

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