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Die Biografie von Jerry Moffat: Rockgod

27. April 2012

Kategorie

Sportart

Rockgod : die Jerry Moffat Biografie

Rockgod : die Jerry Moffat Biografie

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch leichter lebt’s sich ohne ihr!“ So oder so ähnliche könnte man das Lebensmotto eines Mannes einschätzen, der seine eigene Biographie unter dem Titel „ROCKGOD“ herausbringt. Wer dann einen Blick auf das Cover der Rückseite wirft und Jerry Moffat vor seinem Porsche stehen sieht, in Anzugshose, Lackschuhen und Hemd, im Arm eine spärlich bekleidete Dame – der bekommt endgültig den Eindruck eines reichlich selbstverliebten Menschen.

Doch schon nach wenigen Seiten in diesem Buch, in dem Jerry Moffat seine sportliche Karriere Revue passieren lässt, relativiert sich dieses Bild deutlich. So leicht lässt sich Moffat, einer der besten Kletterer der 80er und frühen 90er Jahre, in keine Schublade pressen. Seine Selbstdarstellung ist oft Fassade, oder entspringt seinem – recht eigenwilligen – Humor. Ein Blick hinter diese Fassade lohnt sich – und genau das bietet das im Panico Alpinverlag erschienene Buch „Rockgod“.

Warum lohnt es sich, dieses Buch zu lesen?

Jerry durchsteigt

Jerry durchsteigt "The Dominator (Font 8b)" in Yosemite, USA. Photo: Kurt Albert

Viele Bücher über das Sportklettern sind vor allem eines – langweilig! Wenn man nun also einen Kawenzmann von gefühlten 500 Seiten vor sich liegen hat, entsteht doch eine gewisse Hemmschwelle, das Buch auch nur aufzuschlagen. Wer kennt sie nicht, die 08/15 Geschichterl aus dem Klettersport: „und dann schnappe ich von einem schmierigen Untergriff in ein erdiges Zweifingerloch. Dann eine Rast-Position um kurz durchzuschnaufen. Die Crux vor Augen, springe ich ab und rhabarberhabarber…“

Alpine Literatur, gerade aus dem Expeditionsbereich, vollgesogen von Abenteuer, ein Erlebnis jagt das nächste, fremde Kulturen, interessante Menschen – das ist Literatur, die einen an den Ohrenstuhl vor dem Kamin fesselt und die Zeit vergessen lässt. Sportkletterbücher dagegen atmen gerne den schnöden Duft von altem Kletterschuh und staubigem Boulderkeller.

Nicht so die Biographie Jerry Moffats, der hier sehr offen sein Leben ausbreitet, in dem er vor allem eines war: schonungslos und ohne Kompromisse! Gegenüber sich selbst, seiner Umwelt und anderen Kletterern. Seine Karriere war gekennzeichnet von einer an Fanatismus grenzenden Fixierung auf den Klettersport, wie man sie selbst in dieser an Bessesenen so reichen Sportart selten findet.

Klettern als Lebensmittelpunkt

Moffat in

Moffat in "Liquid Ambar (F8c+)" in Lower Pen Trwyn, North Wales. Photo: Kurt Albert

Völlig losgelöst von der übrigen Welt widmete sich Jerry Moffat nur den Felsen. Er lebte in Höhlen und windigen Hütten. Über Jahre hinweg hatte er keinen festen Job, lebte nur von Arbeitslosenunterstützung. Das bisschen Geld reichte ihm für etwas zu essen und – falls das alte Seil nur noch aus losen Litzen bestand – die nötige Kletterausrüstung.

Selbstverständlich nehmen auch die Beschreibungen von Routen und teilweise einzelnen Schlüsselstellen einen festen Platz in Moffats Biografie ein. Aber stets werden die Touren in ein enges Verhältnis zur Entwicklung seiner Persönlichkeit gesetzt. Dazu noch mehr, noch intensivere Trainingssessions, noch kompromisslosere Diäten. Außerdem die enge Zusammenarbeit und das gemeinsame Training mit anderen Größen seiner Zeit – Ben Moon, Wolfgang Güllich und Kurt Albert zählten zu Moffats Kletterpartnern.

So kletterte er von einem Erfolg zum nächsten – am Fels und nach und nach auch bei den neu aufkommenden Hallenkletter-Wettkämpfen. Nicht ausgespart wird das tiefe Loch, in das Moffat fiel, als er verletzungsbedingt für viele Monate pausieren musste ohne sicher zu sein, ob er jemals wieder würde klettern können. Doch statt aufzugeben, kam er nur noch stärker und noch besser trainiert zurück. Vom Trad-Climbing zum Sportklettern und Bouldern – überall konnte Moffat Marksteine setzen.

Free-Solo von

Free-Solo von "L'Horla (E1 5c)" in Curbar Edge (Peak District). Photo: Moffatt Collection

Besonders interessant auch das letzte Kapitel, in dem Moffat erzählt, wie er es als einer der ersten geschafft hatte, das Klettern zum Beruf zu machen. Was heute einer ganzen Reihe von Athleten gelingt, war Anfang der 80er Jahre noch absolut undenkbar. Jerry Moffat gelang es früh, an Sponsorengelder zu kommen, er legte Preisgelder aus den Kletterwettkämpfen geschickt an und eröffnete schließlich eine der ersten Kletterhallen Englands. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit arbeitete er auch hier fokussiert – bis es schließlich sogar für den eingangs erwähnten Porsche reichte. Was ihm viele Kletterer selbstverständlich übelnahmen: man fährt ja schließlich nicht mit dem Sportwagen am Fels vor, sondern im klapprigen VW-Bus.

Kaufen, oder nicht kaufen?

Das Buch ist eine Sportlerbiografie. Es ist kein Goethe, es wird nie den Nobelpreis für Literatur bekommen. Literaturkritiker werden es nicht mit Auszeichnungen überhäufen und es ist wohl auch nicht unbedingt was für Leute, die sich nicht gerade brennend für das Klettern interessieren. Möglichweise hätte das Buch auch auf einige seiner rund 400 Seiten verzichten können und wäre dadurch eher besser geworden.

Wer sich aber für den Sportler und Menschen Jerry Moffat interessiert, gerne völlig verrückte Geschichten liest oder eine perfekte Inspiration für die eigene Kletterei sucht – dem kann man „Rockgod“ nur wärmstens empfehlen. Im gut sortieren Bücherregal jedes Kletterers ein klares Muss!

 

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