Alle Artikel zum Thema ‘Die Bergfreunde’

Immer diese Vorurteile. Von wegen kleine Bude mit ein paar Kletterverrückten und Wanderlustigen im Hinterzimmer. Wird Zeit für ein Blick hinter die Kulissen. Klar, eins steht fest: Wir sind echte Bergfexe und in unser Freizeit kraxeln wir auch gerne mal an den senkrechten und überhängenden Wänden herum.

Aber um letztlich alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, erfährst Du hier was wir so treiben und was es neues bei den Bergfreunden gibt. Von Touren, über Mitarbeiter-Aktionen bis hin zu lustigen Geschichten aus den Bergen ist alles dabei.

Erlebt die Bergfreunde in voller Action. Ob beim kraftraubenden, akrobatischen Klettern der ultimativen Route oder der winterlichen Alpenüberquerung.

Skitouren: Ohne Plan geht nix

Skitouren: Ohne Plan geht nix

17. November 2017
Die Bergfreunde

Skitouren sind ein erstaunlicher Trend, denn sie passen eigentlich gar nicht in den Zeitgeist. Sie sind in vielerlei Hinsicht mit gesteigertem Aufwand verbunden und lassen sich damit kaum als einer unter vielen Sidekicks im Erlebnis-Multitasking unterbringen. Okay, da wären noch die Pistenskitouren, bei denen man im Skigebiet oft direkt neben dem Lift aufsteigt und dann die Piste abfährt.

Das ist natürlich nicht ganz so aufwändig, dafür aber auch schon mal mit einem Betrieb wie Samstags in der Kletterhalle verbunden. Aber es gibt tatsächlich auch immer mehr Menschen, die abseits der Pisten nach ursprünglichen Erfahrungen von Stille und Abgeschiedenheit suchen – und zwar nicht erst im reifen Alter.

Wir leben eben in Zeiten der Kontraste. Insofern passt es, dass man sich in der tief verschneiten Landschaft manchmal schon nach wenigen Metern weg vom Trubel in eine andere Welt versetzt fühlt. Doch dann kommt man ohne Planung und Know-how nicht mehr sehr weit. Zumindest nicht auf verantwortbare Weise.

Da man sich mit Ahnungslosigkeit und Unbedarftheit selbst gefährden und umbringen kann – gilt ja auch in anderen Bergdisziplinen. Bei Skitouren allerdings spielt auch der Einfluss auf andere Tourengeher eine große Rolle: wenn jemand aus Unkenntnis und Leichtfertigkeit eine Lawine auslöst, dann kann das auch für andere böse Folgen haben.

Know-how: Nicht alle Theorie ist grau

In aller Kürze gesagt beruht die ganze Tourenplanung auf der Einschätzung der drei Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch. Diese werden dann auf drei räumlichen Ebenen wiederholt, bis zuletzt der genaue Tourenverlauf gefunden ist. Mit dieser vom Schweizer Bergführer und „Lawinenpapst“ Werner Munter entwickelten 3 x 3 Reduktionsmethode lässt sich Ordnung in das Planungschaos bringen.

Falls dieser kurze Zusammenfassungsversuch jetzt unkompliziert klang: super! Doch leider bleibt es nicht so einfach. Denn für das selbstständige Skitourengehen kommt man um eine fundiertere Theoriebasis nicht herum, sieht man schon daran, dass die Kapitel über Schnee- und Lawinenkunde im Alpinlehrplan Skitouren des Deutschen Alpenvereins satte 30 textlastige Seiten einnehmen. Dann kommen nochmal rund 20 Seiten über das Risikomanagement.

Damit ist auch klar, dass ein Artikel wie dieser, eine fundierte Einführung weder ersetzen kann noch soll. Wir beziehen uns hier nur auf die Auswahl und Planung einer konkreten Tour, während das Wissen um die Benutzung der Ausrüstung und die Grundzüge der Lawinen- und Schneekunde vorausgesetzt werden muss, bzw. hier nur an einigen Stellen angerissen werden kann. Wenn hier noch keine Basis vorhanden ist, sollte man sich zunächst mit den Grundpfeilern der Skitouren-Theorie vertraut machen, über die wir hier im Blog schon das eine oder andere mal berichtet haben (Lawinengefahr und ihre Einflussfaktoren oder auch der richtige Umgang mit LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät), Sonde und Schaufel).

Das ist auf den ersten Blick eine Menge Stoff, der sich zudem auch nicht so einfach in die Praxis übertragen lässt. Deshalb schließt man sich für die entsprechende Übung und Erfahrung am besten einem Kurs oder einer geführten Anfängertour an. Dafür gibt es bei den Alpenvereinssektionen, der Alpenvereinszentrale und bei kommerziellen Anbietern jede Menge Möglichkeiten. Die Initiative SAAC bietet hier mit ihren Basic Camps sogar eine kostenlose Möglichkeit: „SAAC Basic Camps – das sind 2-tägige Lawinencamps mit Backgroundinfo und Praxis für Off-piste Freaks. Bergführer und Snowboardpros informieren über alpine Gefahren abseits der gesicherten Pisten.

Der Tourenplanung erster Schritt: das grobe Raster

Die „Grobauswahl“ des Tourenziels wird von den Verhältnissen bestimmt, die man dem Wetterbericht und dem (richtig zu lesenden) Lawinenlagebericht (LLB) entnimmt. Dieser gibt anhand der Schneedeckenstabilität und der Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen eine Gefahrenstufe an.

Die entsprechende fünfstufige Gefahrenskala gilt einheitlich für alle Alpenländer. Zur vollständigen Risikoanalyse gehören außerdem die vergangene und zu erwartenden Schneefallmengen sowie Windsärke und -Richtungen und der Temperaturverlauf mitsamt all der Auswirkungen auf die Schneedecke. Auch Aussagen über besonders lawinengefährdete Höhenlagen, Hangexpositionen oder Geländeformen sind ausschlaggebend für die Wahl des Tourenziels.

Wie gesagt erfolgt die Risikoeinschätzung nicht Pi mal Daumen, sondern möglichst exakt mithilfe diverser Indikatoren in einem mehrstufigen Filtersystem. Dabei gibt es verschiedene, sich ergänzende Werkzeuge:

  • Das schon erwähnte 3 x 3 System ist mittlerweile die Grundlage fast aller Entscheidungs- und Auswahlstrategien. Die 3 Faktoren Verhältnisse (Wetter, Schnee, Lawinenlage), Gelände (Höhe, Steilheit, Hangform, etc.) und Mensch (Kondition, Technik, Kompetenz, Erfahrung) werden dabei in 3 Stufen (regional, lokal, zonal) analysiert, wobei jede Stufe die in Frage kommende Tour samt ihres Verlaufs näher eingrenzt. Munters Reduktionsmethode ist durch ihrem ganzheitlichen Einbezug des menschlichen Subjektivitätsfaktors zurecht State of the Art. Sie ermöglicht ein systematisches, gezieltes Vermeiden gefährlicher Hänge und bietet eine sinnvolle Grundstruktur für die Entscheidungsfindung vor und während der Tour.
  • Die Snowcard ist ein praktisches Werkzeug, dass sich sehr gut in das Munter‘sche 3 x 3 einbauen lässt. Sie ermöglicht auf allen 3 Stufen schnelle Erkenntnisse über die Faktoren Gelände und Verhältnisse und besticht in der Handhabung durch Einfachheit und Übersichtlichkeit. Vor allem kann man mit ihrer Hilfe sehr schön die Steilheit von Hängen direkt ablesen, indem man die entsprechende Skala auf die Stelle in der topographischen Karte hält (die, wie wir gleich noch sehen werden, auch im digitalen Zeitalter keineswegs ausgedient hat).
  • Der Lawinenlagebericht liefert mit seinen Gefahrenstufen in erster Linie Infos zum Faktor Verhältnisse, spielt aber auch bei der Geländebeurteilung eine wichtige Rolle. Denn auf Grundlage des LLB kann man eine Anstiegslinie der in Frage kommenden Tour in die Karte einzeichnen und dabei mit Hilfe der Snowcard die Steilheiten der Hänge messen. Bis Gefahrenstufe 2 bezieht man dabei nur Hänge ein, die man begeht, ab Stufe 3 werden auch die Hänge wichtig, unter denen man durchläuft.
  • Das Kartenstudium ist bei Skitouren also nach wie vor ein unverzichtbarer Bestandteil. Man ermittelt und markiert damit auch die „Schlüsselstellen“: steile Passagen und potentielle Gefahrenstellen wie Kammlagen, Rinnen, Mulden und steile Hänge oberhalb der Route. Zusätzlich sucht man nach  „Checkpunkten“, die während der Tour eine gute Übersicht über den weiteren Routenverlauf bieten sollen. Das erfordert allerdings eine gewisse „dreidimensionale Lesefähigkeit“ der Höhenliniendarstellung.

Tourenplanung zweiter Schritt: Einkreisen und Details checken

Wenn wir mit dem „Grobfilter“ soweit sind, haben wir die möglichen Zielgebiet eingekreist und suchen nun die konkrete Tour. Auch hier gilt die Devise „Safety First“. Vor allem Einsteiger-Skitouren werden von A bis Z an der Gefahrenvermeidung ausgerichtet. Das geht am besten, indem man das eigene Können (und das der Partner, die man idealerweise kennen sollte) sehr zurückhaltend einschätzt und die Tourenwahl bestmöglich an den ermittelten Wetter- und Schneeverhältnisse ausrichtet. Zudem sollte man von vornherein ein Ausweichziel einplanen und sich nicht zu sehr auf das unbedingte Erreichen des ersten Wunschziels fixieren.

Besonders im Frühjahr weichen die Schneeverhältnisse oft stark von dem ab, was man vom „normalen“ Skifahren im Hochwinter her kennt. Deshalb sollte man das Anforderungslevel als Anfänger wirklich sehr tief ansetzen. Auch bei Touren, denen man auf dem Papier locker gewachsen zu sein glaubt, können neben ständig wechselnden Schneearten mit viel Bruchharsch so manche Überraschungen lauern. Deshalb auch bei der Tourenlänge besondere Zurückhaltung üben.

Ideal ist ein realistischer Zeitplan, der nicht nur Start und Rückkehr, sondern auch Pausen beinhaltet und bestimmte Zwischenziele festlegt. Die Tage sind bekanntlich nicht so lang wie im Hochsommer und besonders in Gruppen mit mehreren, nicht aufeinander eingespielten Anfängern geht es in der Regel alles andere als schnell voran. Bei verschiedenen Könnensstufen kommen unter Umständen noch diverse Stimmungen und Dynamiken hinzu, die, sofern nicht erkannt und angesprochen, zu falschen/riskanten Entscheidungen führen können. Hier kann ein Ausweichziel sehr hilfreich sein um Frust zu vermeiden.

Unterwegs vor Ort wird das daheim erarbeitete Tourenprofil natürlich gegengecheckt und falls erforderlich nachgebessert. Letzte Unklarheiten können sowieso nur durch den echten Blick ins Gelände beseitigt werden, vor allem wenn während der Anreise Schnee gefallen ist oder die Sonne einige Stunden richtig geknallt hat. Dann haben sich die Tourenverhältnisse womöglich schon wieder geändert.

Das klingt alles recht umständlich und zeitaufwändig, je nach Vielfalt des Geländes, kann es das auch durchaus sein. Vor allem wenn an mehreren heiklen Stelle eine wohl durchdachte Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Tour erforderlich ist.

Planungswerkzeuge On- und Offline

Unsere Vorfahren benutzten einst Bücher für die Tourenplanung. Diese schweren, viereckigen Objekte aus Papier schleppte man mühsam aus Geschäften oder der Alpenvereinsbibliothek nach Hause, um sie dann einzeln durchzuforsten. Im heutigen digitalen Zeitalter nutzt „man“ hingegen raffinierte Onlinetools, die die perfekte Tour binnen weniger Minuten ausspucken können. Aber: auch wenn man damit die Tourenauswahl mittlerweile komplett online angehen und sich die Beschreibungen abspeichern oder abfotografieren kann, sind die Bücher dennoch nicht verdrängt worden.

Vielleicht liegt das auch daran, dass bei all der digitalen Eleganz die Frage bleibt, ob das Smartphone bei Schneetreiben auf Tour zuverlässig seinen Dienst tut und ob das Touchscreen-Gewische mit kältesteifen Handschuhen bei gleißendem Licht und wirbelndem Schnee wirklich praktikabel ist. Da kann so ein Büchlein plötzlich wieder sehr zeitgemäß wirken. Gleiches gilt für die topographische Karte im Maßstab 1:50.000 oder besser 1:25.000, die man auf jeden Fall in Papierform mitnehmen sollte.

Die Bibliotheken der örtlichen Alpenvereinssektionen sind oft sehr gut mit AV-Karten bestückt (deren Mitnahme auf Tour offiziell nicht erlaubt ist …). Geliehene Karten sollten selbstverständlich nicht mit dem Verlauf der geplante(n) Route(n) und Markierungen potentiell gefährlicher Hänge bemalt werden. Genau diese Möglichkeit ist jedoch ein entscheidender Vorteil der Papierkarte – ebenso wie die im Vergleich zum kleinen Screen bessere Lesbarkeit, Übersicht und Detailfülle.

Hier drei Beispiele bekannter Tourenportale, die die Suche mit einer interaktiven Karte ermöglichen:

  • https://www.alpenvereinaktiv.com – viele Optionen und Filter zum Verfeinern der Suche, man kann auch Hütten suchen und die aktuellen Bedingungen, inklusive Wetter und Lawinenlage abfragen. Besonders praktisch und leicht wird das Handling nicht nur durch die interaktive Landkarte, sondern auch durch die vielen Möglichkeiten unter dem Button „Suche verfeinern“. Dort lassen sich Suchkriterien wie Anstieg, Höhenmeter, Strecken und Dauer der Tour festlegen.
  • https://www.outdooractive.com/de/ – sehr ähnlich aufgebaut wie alpenvereinaktiv, mit ähnlichem Funktionsumfang und vielen überschneidenden Tourenvorschlägen – allerdings mit wesentlich mehr Touren außerhalb des Alpenraums
  • http://www.hikr.org/ – oft gute und genaue Beschreibungen mit schönen Fotos, doch nur wenigen Filtermöglichkeiten der Suche

Tourenpartner finden

Da nicht jeder die passenden Skitourengeher schon fertig im Freundeskreis eingebaut hat, stellt sich oft die Frage, wie man solche findet. Am besten helfen hier natürlich Kurse und geführte Touren, wo man gleich einen echten und lebendigen Eindruck der möglichen künftigen Tourenbuddies gewinnt. Etwas weniger Aufwand macht die Internetrecherche. Der übliche Tipp ist hier natürlich Facebook, wo es bekanntlich keine Gruppe gibt, die es nicht gibt. Der Vorteil bei Facebook ist die Quantität, sprich, dass es an Interessenten selten mangelt. Zweifelhaft ist dann leider oft die Qualität, denn Stichworte wie „verlässlich“, „ernsthaft“ oder „langfristig“ gelten nicht gerade als Hauptmerkmale der schnellen Facebookwelt.

Dann gibt es natürlich den Alpenverein mit seiner DAV-Community samt Tourenpartnersuche und die Tourenforen vieler Sektionen. Dort liegt das Problem dann eher umgekehrt: es finden sich zwar leichter Partner, die nicht nur heiße Luft produzieren, doch die Auswahl für die passende Bergsportdisziplin zum passenden Zeitraum scheint manchmal etwas dünn.

Ein dritter Weg sind die Onlinebörsen von kommerziellen Anbietern wie Mountix.com. Bei Mountix kann man dank mobiler App auch kurzfristig vor Ort noch Touren „klarmachen“. Die Zahl der Gesuche im Bereich Skitouren ist im Moment zwar auch hier eher dünn, aber das könnte auch einfach daran liegen, dass zurzeit (Mitte November) noch nicht wirklich Saison ist. Außerdem kann man ja auch selbst das Heft in die Hand nehmen und ein aussagekräftiges Gesuch einstellen. Und etwas Glück gehört sowieso immer dazu …

Die Tour steht: letzte Schritte vor der Abfahrt

Oft wird es kurz vor der Tour hektisch, da sehr viele Kleinigkeiten in sehr kurzer Zeit erledigt werden wollen. Deshalb hier eine kurze Übersicht:

  1. Ausrüstung: Man kann natürlich am Abend vor der Tour anfangen, das Material zusammenzusuchen und zu packen. Doch wenn dann irgendetwas fehlt, was letztens noch ganz sicher da unten im Kellerregal lag, oder irgendetwas nicht funktioniert (klassischerweise die Stirnlampe mangels Batterieladung), werden die Besorgungen stressig. Also lieber rechtzeitig die Packliste Skitour durchgehen und abhaken.
  1. Notrufnummern speichern, am besten die lokale Nummer auf die Kurzwahltaste. Eine Übersicht über die Notrufnummern in den Alpenländern gibt es hier: https://www.alpenverein.de/dav-services/alpine-auskunft/alpine-telefonnummern_aid_10705.html
  1. Wenn die Tour steigt, Angehörige über den spät möglichsten Rückkehrzeitpunkt informieren. Warum nicht die Skitour nutzen, um endlich mal wieder Mama anzurufen? Im Notfall kommt es dann schneller zu einer Vermisstenmeldung.
  1. Unmittelbar vor Abmarsch: LVS-Geräte checken. Die Tourenteilnehmer müssen im Partnercheck prüfen, ob ihre LVS auch wirklich „auf Sendung“ sind. Hierfür stellt ein „Tester“ sein Gerät in den Sendemodus und alle Teilnehmer prüfen den Signalempfang. Anschließend stellt der „Tester“ sein Gerät in den Empfangsmodus und prüft nacheinander den Empfang des Signals der anderen Teilnehmer, die in den Sendemodus umgeschaltet haben. Zuletzt aktivieren alle den Sendemodus und die Tour startet.

Wer jetzt Lust auf mehr bekommen hat findet bei uns im Basislager noch ein paar tolle Artikel über Skitouren, die ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet. Hier geht´s zu unseren Favoriten im Allgäu und Mittelgebirge. Hautnah berichtet Bergfreundin Klara von ihrem Ausflug zur Wiesbadener Hütte (Silvretta) und der Saarbrücker Hütte (Silvretta).

Der Reiz der Solo Tour

Der Reiz der Solo Tour

16. November 2017
Die Bergfreunde

Es ist ein echtes Abenteuer – und das jedes Mal aufs neue. Alleine unterwegs zu sein, hat für viele Wanderer und Bergsteiger einen ganz besonderen Reiz. Dennoch ist es für den einen oder anderen schwer nachzuvollziehen, was an einer Solo Tour so fasziniert. Vielleicht könnte ein Einblick in mein letztes Abenteuer etwas mehr Klarheit schaffen. Gerade, wenn ich mich an den vorwurfsvollen und zu gleich besorgten Blick meiner Mutter zurückerinnere…

„Musst du das denn alleine machen?“, fragt sie mich, als ich Rucksack, Schlafsack und Bergschuhe ins Auto packe. Aber meine Antwort steht fest – mein Ziel sind die drei Zinnen in den Sextener DolomitenDas wird großartig, denke ich mir während der Fahrt. In meiner Magengegend macht sich Vorfreude breit aber auch Skepsis. Was erwartet mich? Erreiche ich das was ich mir vorgenommen habe?

Der Weg zu sich selbst

Obwohl es bei meiner Ankunft am Startpunkt schon etwas spät geworden ist, packt mich mein Entdeckergeist. Sofort ist klar, ich muss heute noch raus. Voller Enthusiasmus verlasse ich mein Auto, mein heutiges Schlafquartier und wandere los. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, um mein Ziel zu erreichen – die Nordwand der westlichen Zinne aus der Nähe zu betrachten. Es dämmert bereits und der Aufstieg über das Geröllfeld steht noch bevor. Keine Menschenseele weit und breit, um diese Zeit ist hier niemand mehr unterwegs.

Wenn man jetzt im Team unterwegs wäre, würde man sich absprechen. Geht man noch hoch oder lässt man es sein. Vier Augen sehen mehr als zwei, vielleicht hat mein Partner ja mehr Erfahrung und ich kann mich auf seine Einschätzung verlassen. Vor allem in einem unbekannten Gebiet ist das sehr beruhigend und angenehm. Doch hier ist niemand, den ich fragen könnte. So muss ich mich auf meine eigene Erfahrung verlassen, vielmehr jedoch auf mein Bauchgefühl. Also steige ich weiter auf. Ich weiß, dass ich gut ausgerüstet bin und wenn es sein muss, im Abstieg noch mal Gas geben kann. Ungern würde ich in die Finsternis kommen und mich auf einem der vielen kleinen Pfade im Geröll verlaufen. Ich ziehe mein Tempo noch mal an und komme durchgeschwitzt am Wandfuß an.

Ich lehne mich an die mächtige Nordwand und atme tief durch. Der Blick der sich mir jetzt bietet ist umwerfend. Über mir thront der ausladende Überhang, unter mir die Zinnenseen, vor mir ein Bergpanorama, das im Moment nicht zu übertreffen ist. Die abendliche Sonne beleuchtet die drei Zinnen in einem warmen Rot wie auch die umliegenden Gipfel. Ich halte diesen Moment mit meiner Kamera fest, setze mich hin und lausche. Ich höre nur den kalten Wind und mein eigenen Atmen.

Es ist so ruhig, dass ich die Stille förmlich hören kann. So als wäre sie greifbar und ich würde Teil von ihr werden. In diesem Moment bin ich eins mit mir selbst und meinem Umfeld, völlige Zufriedenheit erfüllt mich und ich bin frei. Die Zeit jedoch drängt mich zum Umkehren. Ich reiße mich von dem wundervollen Anblick los und beginne mit dem Abstieg. Ein paar Wolken haben sich vor die untergehende Sonne geschoben und beschleunigen die Dämmerung.

Es wird verdammt schnell dunkel und ich bin noch nicht auf dem richtigen Weg. Meine Schritte werden zwar schneller, jedoch bleibe ich ruhig und gelassen. Ich bin Herr der Lage und habe alles im Griff. Im letzten Funken Tageslicht erreiche ich den Weg und nun hüllt mich die Nacht komplett ein. Die Berge um mich rum werden zu großen schwarzen Ungeheuern, die nun bedrohlich auf mich wirken.

Mein Geist ist absolut wach und nimmt jede kleine Bewegung, jedes Geräusch in meinem Umfeld wahr. Wenn man sich komplett darauf einlässt, sich anpasst und dementsprechend handelt, wird man eins mit der Umwelt. Dann gibt es nur noch das Hier und Jetzt. Dieses Gefühl erlebt man auf Solo Tour oft noch viel intensiver. So ist jeder Weg, den ich alleine gehe, auch immer ein Weg zu mir selbst.

Ich lerne mich und meine eigenen Fähigkeiten intensiv kennen, stoße an Grenzen und muss Verantwortung für mich übernehmen. Zu wissen, dass ich meinen eigenen Fähigkeiten vertrauen kann, beflügelt mich regelrecht und gibt mir gleichzeitig die innere Ausgeglichenheit, die heutzutage oft vielen Menschen fehlt. Ganz nah bei mir selbst zu sein, durch nichts abgelenkt und vollkommen im Moment zu leben. Am Auto angekommen bin, wärmt mich ein Tee, bevor ich mich in den Schlafsack einrolle. Ich habe die leise Befürchtung, dass es eine kalte und somit sehr lange, einsame Nacht wird, denn der Himmel hat aufgeklart und die Sterne funkeln.

Die eigenen Kräfte richtig einschätzen und Risiken vermeiden

Als ich am frühen Morgen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen spüre, ist die unangenehme Nacht mit wenig Schlaf sofort vergessen. Ich freue mich, dass das Wetter besser ist als vorhergesagt. Ich mache mich direkt auf den Weg, um heute das komplette Gebirgsmassiv zu umrunden. Um mich herum zieht Nebel vom Tal herauf, als ich das erste Etappenziel der Tour erreiche, die Dreizinnenhütte.

Es geht alles ganz schnell: von einer Sekunde auf die andere haben mich dicke Nebelwolken eingehüllt und obwohl es erst September ist, beginnt es wenig später zu schneien. Zuerst freue ich mich wie ein kleines Kind über den Schnee, dann denke ich an meine Tour. Ein Partner, der mich im Zweifelsfall bremst, fehlt. Einerseits ist dieses Gefühl, zu handeln wie ich es will befreiend, andererseits kann das auch schnell gefährlich werden. Da ich das Risiko für mich ganz alleine trage, lehren mich Solo Touren wachsam zu sein muss und meine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, um Gefahren zu vermeiden.

Schließlich weiß ich, was zu tun ist und breche ohne groß zu überlegen ab. Man sieht keine 50 Meter weit, obwohl es immer wieder kurze Lichtblicke gibt, bleibt das Wetter unberechenbar. Es fällt mir nicht schwer umzukehren, ohne mein Ziel erreicht zu haben. Im Gegenteil, ich bin vielmehr stolz darauf diese Entscheidung getroffen zu haben.

Allein oder doch lieber zu zweit?

Des Öfteren werde ich gefragt, warum ich alleine auf Tour gehe. Ist alleine Bergsteigen nicht langweilig, einsam oder sogar gefährlich? Zu zweit oder in der Gruppe zu wandern macht unglaublich viel Spaß. Denn eigentlich bin ich ein geselliger Mensch, der sich gern mit Gleichgesinnten umgibt, Erfahrungen austauscht und von Stärkeren lernt.

Ich bin somit kein Einzelgänger der egoistisch und rücksichtslos sein Ding durchziehen muss, um zufrieden zu sein. Vielmehr treibt mich mein unbändiger Freiheitsdrang dazu an, die komfortable Zone einer Gruppe zu verlassen. Alleine am Berg unterwegs zu sein bedeutet für mich absolut fokussiert zu sein, denn schließlich bin ich komplett für mich selbst verantwortlich. Denn dann gibt es niemanden, der neben mir steht und sagt, das ist zu gefährlich, kehr um oder du befindest dich auf dem falschen Weg. Ich muss alle Entscheidungen alleine treffen und auch die Konsequenzen in vollem Umfang tragen.

Es gibt niemanden, der mich aus einer misslichen Lage befreit. Mit diesem Wissen, unterwegs zu sein schärft meine Sinne und lehrt mich auf mein Bauchgefühl zu hören. Jemanden neben dir zu haben der im Ernstfall weiß, was zu tun ist, ist durchaus sehr beruhigend. Aber zu wissen, dass meine eigene Einschätzung vertrauenswürdig ist und dass mein Körper funktioniert wie es die Situation verlangt, ist für mich die ultimative Freiheit. Bei jeder Tour, die ich alleine gehe, sammle ich mehr Erfahrungen, die mich reifen lassen und mir die Sicherheit geben mir selbst zu vertrauen.

Als ich mal wieder alleine auf Tour war und den Gipfel erreiche, treffe ich zwei ältere Herren, die gerade ihre Brotzeit genießen. Als auch nach einer viertel Stunde niemand hinter mir auftaucht, fragen sie mich verdutzt: „Ja Mädel, jetzt musst uns aber schon sagen, warum du des alleine machst?! Hast wohl einen greisligen Partner?“ Die Direktheit überrascht mich und bringt mich zum Lachen. „Nein, daran liegt es nicht. Ich mach das allein weil es mir ab und an gut tut, etwas für mich selbst zu tun und vielleicht auch einfach weil ich es kann.“

Die beiden nicken sich zu und geben mir Recht: „Mein Kumpel hier, der konnte den ganzen Weg nicht den Mund halten, ständig muss er reden.“, wird sogar noch nachgelegt. Es folgt eine hitzige Diskussion darüber wer nun mehr beim Aufstieg geredet hat, ob es eine Einigung gab, werde ich wohl nicht erfahren. Beim Abstieg denke ich aber noch lange über ihre Frage nach. So sehr ich die Zweisamkeit oder Geselligkeit auch liebe, so sehr liebe ich es meine Eigenständigkeit zu fördern und mich selbst herauszufordern.

Das A-Z des Transalpine Runs - Teil 1

Das A-Z des Transalpine Runs – Teil 1

16. November 2017
Die Bergfreunde

Wenn man gerne und oft Ausdauersport betreibt, kommt man unweigerlich an einen Punkt, an dem man darüber nachdenkt, wie man seine Grenzen verschieben kann. Sei es, in dem man sich bei der Strecke steigert, statt 5 km mal 10 km anstrebt oder seine Zeiten verbessern möchte. Soweit relativ normal. Was aber tun, wenn man irgendwann mal das große Ziel Marathon gemeistert hat? Nun, da gibt es dann noch so schöne Dinge wie Ultramarathons. So bezeichnet man prinzipiell alle Strecken, die über die 42,215 km hinaus gehen.

Dann kann man sowas noch in den Bergen machen. Und – für die ganz verrückten – mehrere Tage hintereinander. Einer dieser „Verrückten“ – ganz im positiven Sinne – ist unser Johannes. Er kümmert sich normalerweise im Einkauf um Trekking-Nahrung und Bücher. In seiner Freizeit rennt er aber gerne über die Schwäbische Alb und die Alpen. Dieses Jahr stand für ihn erneut der Transalpine Run auf dem Plan. Ein schwieriges Thema, musste er doch bei seinem ersten Versuch 2014 aufgrund von Krankheit leider aussteigen. Doch 2017 hat er es endlich geschafft und sein Ziel erreicht – so viel sei schon mal verraten. Für euch hat er die sieben Tage in einem ABC zusammengefasst. Im ersten Teil arbeiten wir uns bis zum Buchstaben M vor.

A wie Anfang

Ja, wo fängt man nur an? Vielleicht damit: 4 Länder – 7 Etappen – 2 Läufer – 274,7 Kilometer – 15.258 Höhenmeter. Damit wären die Fakten mal geklärt. Angefangen hat dann alles an einem verregneten Septembermorgen in Fischen im Allgäu. Die Fakten kannte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich. Ich meinte auch zu wissen, was auf mich zukommen wird. Nun …. Ähem …. Ich wusste es nicht. Ich dachte schon, dass es hart werden wird. Ich dachte schon, dass es auch mal weh tun wird. Aber es war noch viel härter und es tat noch viel mehr weh.

B wie barfuß

Lieber Leser, glaube mir, es gibt wenig Schöneres als nach einem Tag voller Transalpine Run seine nassen, stinkigen und matschigen Trailrunningschlappen sowie die nicht minder duftenden Socken auszuziehen und barfuß in einen eiskalten Bergbach zu steigen. Die ganz Harten legen sich gleich komplett rein, aber mir war da doch die warme Dusche lieber.

C wie Chillen

Die Tage beim Transalpine Run liefen eigentlich immer nach dem gleichen Muster ab: Morgens bis mittags wird gelaufen, nachmittags wird gechillt. Diese wertvolle Zeit der Regeneration war enorm wichtig. Heiß duschen, Beine hochlegen, massieren lassen, futtern und trinken sowie einfach mal loslassen, die Seele schweben lassen. Ganz nach dem Motto „Run hard – relax harder“.

D wie Downhill

Downhill, das kann bedeuten vorsichtig einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Dabei dauernd darauf bedacht sein, nur nicht zu stolpern über die vielen Wurzeln und Steine, die sich dem Läufer gerne mal in den Weg stürzen. Downhill kann aber auch bedeuten „Kopf aus, Herz ein“, Beine wirbeln lassen und auf die eigene Trittsicherheit zu vertrauen – und den Berg runter bügeln.

Für mich ist der Downhill eigentlich die anspruchsvollste Disziplin beim Trailrunning und besonders auch beim Transalpine Run. Bergauf ist reines Konditionsbolzen. Dabei kommt es zwar auch auf die richtige Technik an, aber der Gelenkapparat ist nicht besonders gefordert. Ganz anders sieht es im Downhill aus, vor allem in der „Bügelvariante“. Da ist der Gelenkapparat extrem gefordert, die Muskeln glühen. Das Zusammenspiel zwischen Augen und Füßen muss hundertprozentig funktionieren. Und man darf nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn? Dann hast Du verloren. Aber, Du bist zum Siegen beim Transalpine Run, daher nicht denken, lass es wirbeln.

E wie Etappen

Die Etappen konnten fast nicht unterschiedlicher sein. Die ersten beiden waren geprägt vom Schnee, der durch eine Kaltfront vor allem in die Hochlagen der nördlichen Kalkalpen geworfen wurde. Es wurden Alternativstrecken gelaufen. Vor allem die 1. Etappe (Fischen im Allgäu nach Lech am Arlberg; 41,6 Kilometer/ 1.753 Höhenmeter) wurde sehr kontrovers im Läuferfeld diskutiert, glich sie doch eher einem Landschaftslauf mit kleinem Trailanteil und viel Asphalt.

Wesentlich schöner war da bei bestem Wetter die 2. Etappe (Lech nach St. Anton am Arlberg; 26,8 km / 1.827 Hm), die allerdings von Bastis (meinem Teampartner) Gesundheitszustand bestimmt wurde. Etappe 3 (ST. Anton nach Landeck; 43,7 km / 2.185 Hm) war gefühlt eine Übergangsetappe, bot spaßige Matschtrails, geile Flowtrails und weniger schöne Radwege; und das bei teils mystischen Wetterkapriolen. Die 4. Etappe (Landeck nach Samnaun; 45,5 km / 2.950 Hm) war sowas wie meine Schicksalsetappe, mein mentaler und körperlicher Tiefpunkt, aber auch meine Wiedergeburt (siehe K – Königsetappe). Etappe 5 (Samnaun nach Scuol; 39,4 km / 2.244 Hm) führte uns durch herrliche Hochgebirgslandschaften in das nicht minder schöne Engadin. Hier keimte in mir die Gewissheit, dass ich den Transalpine Run finishen würde (S – Scuol). Die Grenze von der Schweiz nach Italien überschritten wir auf der 6. Etappe (Scuol nach Prad am Stilfser Joch; 46,5 km / 1.750 Hm); herrliche Trails, tolle Aussichten, ein Gruß von König Ortler und die wildromantische Uina-Schlucht (U – Uina-Schlucht).

Nebenbei konnte ich Teams hinter mir lassen, von denen ich bisher nur den Rücken sah. Etappe 7 (Prad nach Sulden am Ortler; 31,2 km / 2.591 Hm) sollte das große Finale werden. Leider versteckte sich der Ortler im Nebel. Am Fuße dieses majestätischen Berges zündete ich den Turbo, sammelte bergauf zur Tabarettascharte Team um Team ein und konnte nach einem begeisternden Downhill (J – Jagd) meine beste Platzierung holen. Ich lief die 18. Beste Zeit des Tages von 273 Läufern / Teams, und das nach sieben harten Tagen.

F wie Fans

Man läuft unzählige Kilometer alleine durch hochalpine Landschaften, kämpft sich Asphaltpisten und Forstwege rauf und runter oder gleitet über Matschrutschbahnen gen Tal. Und dann ist da dieser eine Moment, wo liebe und bekannte Menschen stehen und einen anfeuern. Das sind für mich immer ganz spezielle Augenblicke. Beim Transalpine Run haben meine Schwiegereltern jede Etappe mitgemacht. Sie sind bei Wind und Wetter dagestanden und haben mich zu jeder Zeit mit motivierenden Worten unterstützt. Das war schon richtig cool und ich habe feststellen müssen, wie wichtig diese Unterstützung ist. Das kann Dich dann schon mal über die nächsten schwierigen Kilometer beflügeln.

G wie Grenzen

Grenzen gab es einige beim Transalpine Run. Da sind einmal die Ländergrenzen, die wir meist unbemerkt überrannt haben. Es waren drei an der Zahl. Es gibt ja Menschen, die wollen wieder Grenzen, Mauern und Zäune errichten. Ich fand dieses grenzenlose Gefühl genial. Die schönste Ländergrenze war die aus der Schweiz nach Italien rein. Erstens war es die letzte Grenze. Und zweitens die schönste. Hier am Schlinigpass öffnete sich nach der faszinierend-düsteren Uinaschlucht der Horizont wieder, die Sonne strahlte und der Ortler, der König Südtirols, grüßte mit seinen gleisenden Schneefeldern zu uns herüber. Was für eine grandiose Szenerie. Und dann waren da noch die mentalen und körperlichen Grenzen, die meist Hand in Hand gingen. Mehrmals musste ich sie verschieben, musste aus meine Komfortbereich heraus. Aber es hat sich gelohnt.

H wie Hotel

Es gibt die Möglichkeit, die Nächte beim Transalpine Run im Camp zu verbringen. Camp steht in diesem Fall allerdings für laut, unruhig und unbequem. Ich kann mich an Erzählungen erinnern, welche von Weckern handelten, die bei einem Start um 8:00 Uhr schon um 5:00 Uhr die ganze Halle weckten; Erzählungen, die über schmerzende Rücken nach der dritten Nacht auf der Isomatte klagten. Genau aus diesen Gründen haben meine Frau und ich die Woche in Hotels verbracht. Ich brachte meinen Körper in dieser Woche an die Grenze. Da war es Balsam für den geschundenen Läufer, sich im eigenen Hotelzimmer in aller Ruhe erholen zu dürfen, eine Dusche für mich alleine zu haben und morgens nicht von übereifrigen Mitläufern aus den süßesten Läuferträumen gerissen zu werden.

I wie Innerer Schweinehund

Der innere Schweinehund ist ein ständiger Begleiter beim Transalpine Run. Er meldet sich bereits morgens beim Aufstehen. Vor der 1. Etappe ist er noch ganz klein, wird aber mit jedem Tag größer. Irgendwann denkst Du dann nur „Ach Wecker, halt die Klappe, ich will schlafen.“ Aber es hilft ja nix. Er meldet sich beim ersten Anstieg, beim zweiten Anstieg und beim letzten Anstieg. Man muss ihn Bezwingen, schließlich heißt jeder bezwungene Anstieg einer weniger bis zum Ziel. Er meldet sich, wenn Du Dich bei Regen in den Startblock stellst und Dich fragst „Wieso machst Du diesen Quatsch hier? Du könntest warm und gemütlich beim Frühstück sitzen und einen heißen Kaba trinken.“ Er meldet sich, wenn die Schmerzen größer werden und Du Dich einfach hinsetzen und diesen ganzen Blödsinn beenden willst. Dennoch überwindest Du ihn, denn Du hast diesen einen Wunsch: Das Ziel erreichen und diesen nervigen inneren Schweinehund auf seine Decke verweisen.

J wie Jagd

Zugegeben, Jagd hört sich da vielleicht etwas martialisch an. Auf der anderen Seite war es schon sehr mystisch und eben martialisch, als der Wind die Ortlernebel für einen kurzen Moment wegpustete und eine Aussicht freigab, die mir das Blut in den Adern gefrieren lies. Gerade eben hatte ich eines meiner – verzeiht bitte die Wortwahl – geilsten Überholmanöver ever unterhalb der Tabarettascharte gemeistert, hab im technischen Gelände danach nochmal zwei Teams überholt und war dann da oben in der Bärenscharte.

Für einen Augenblick nur hatte ich den Blick frei in den Downhill nach Sulden runter. Und da liefen sie, Marianne und Mathieu, das souverän führende Mixed Team, sowohl diese als auch von jeder Etappe davor. WOW, so weit vorne war ich noch nie. Sollte ich auf der letzten Etappe auch meine beste Platzierung erreichen und vor der schnellsten Frau des gesamten Feldes sein?

Probieren wir’s, die Jagd war eröffnet. Und ich jagte den Berg runter, jagte wie selten zuvor. Ich kam näher, immer näher. Mein Kopf war längst ausgeschaltet, meine Beine und Arme hatten das Kommando an sich gerissen. Gemeinsam wirbelten sie meinen Körper in einer 5:00er Pace über teils sehr technisches Gelände dem Ziel und meiner Beute entgegen. Da sind sie, direkt vor mir. Überholen bei diesem Höllentempo auf dem schmalen Trail war schwierig. Also hinterher, abwarten. Irgendwann kam dann mein Moment. Kurzer Gegenanstieg, breiterer Weg, durchziehen, der Jäger schnappte seine Beute, zog vorbei. Der Kopf schaltete sich wieder dazu und vermeldete: Jagd erfolgreich!!

K wie Königsetappe

46 Kilometer und 2.950 positive Höhenmeter; 6 Stunden 39 Minuten und eine Pace von 8:45 min/km. Das sind die nackten Fakten der Königsetappe von Landeck nach Samnaun. Aber sie war für mich noch viel schlimmer, als sich die Daten lesen. Was war schlimm?

  1. Das Skigebiet oberhalb von Serfaus. Selten habe ich aus Gründen der Bespaßung der Menschheit so viel Naturzerstörung gesehen. Wer dort im Winter fröhlich runterwedelt und beim Aprés Ski feiert möge bitte mal im Sommer dort hochgehen und ein wenig reflektieren oder versuchen, auf den Skipisten einen Blumenstrauß zu pflücken.
  2. Meine Schmerzen an beiden Fersen wurden immer schlimmer. Bergauf durchzuckte mich bei jedem Schritt eine Schmerzfontäne. Bei jeder Labestation habe ich mir überlegt, ob das Sinn macht, wollte mich hinsetzen und heulen, mit der nächsten Bahn ins Tal schweben. Ich musste mich durchbeißen, von Anfang bis Ende. Es war meine härteste Etappe, mein Tiefpunkt, sowohl körperlich als auch mental.
  3. Die Zielankunft in Samnaun musste man sich auf den letzten Kilometern teuer erkaufen. Breiter Schotterweg, leicht ansteigend, im Wald. Irgendwo am Horizont erspähte ich den Ort Samnaun, der sah so weit weg aus und wollte nicht näherkommen. WOW, das war hart. Und für mich war es das tiefe Tal, das ich durchschreiten musste, um den inneren Schweinehund auf seine Decke verweisen zu können.

L wie Laster

Schokolade Geschmacksrichtung „Ganze Haselnuss“ am besten ne ganze 300g Tafel. Und glaubt mir, wenn die mal nicht da war, bin ich wie ein hungriger Tiger im Gehege rumgelaufen. Daher hat meine liebe Frau dafür gesorgt, dass das nie passiert ist.

M wie Miteinander

Hier will ich eigentlich nur ein Zitat eines Läufers bringen, welches er mir hinterherbrüllte, als ich im rasenden Downhill nach Scuol an ihm und seinem Teampartner vorbeiballerte: „Hey, great job Dude!! Come on! Go! Go! Go!“

Und das soll es an dieser Stelle erstmal gewesen sein. Wie es im ABC der Qual… Pardon, des Transalpine Runs weitergeht, erfahrt ihr nächste Woche im Basislager-Blog!

Titelfoto: Sportograf

Local Hero Felix: Mein Weg an den Fels

Local Hero Felix: Mein Weg an den Fels

23. September 2017
Die Bergfreunde

Wie viele Neueinsteiger habe ich das Klettern in der Halle begonnen – vor fast 10 Jahren. Nicht sehr häufig, wohlgemerkt. Sich mit Freunden in der Halle zu treffen um ein paar Routen im Toprope zu versuchen, war damals ein Highlight. Jemals im achten Grad zu klettern, schien schier unerreichbar.

Dann gab es eine längere Pause. Erst mit dem Beginn des Studiums vor fünf Jahren, habe ich mein altes Interesse wieder wecken können. In der Studienzeit habe ich dann erste Erfahrungen mit dem Felsklettern machen können und habe mir das Ziel gesetzt, besser zu werden. Und auch heute, nachdem ich bereits viele schwierige Routen bewältigt habe, ist dieses Ziel noch immer präsent. Natürlich gab es zwischenzeitlich auch einige Rückschläge und die waren nicht gerade von schlechten Eltern…

Nicht alles läuft glatt

Hier in Karlsruhe, mit den zwei Kletterhallen und den Felsen im Schwarzwald vor der Nase, habe ich ziemlich gute Bedingungen um meinen Sport zu trainieren und voranzubringen. Vor zirka zweieinhalb Jahren kam dann aber der erste „Rückschlag“: ich wollte meine erste 8 in der Halle im Vorstieg durchsteigen.

Mit ein wenig Sturztraining habe ich mir die Angst vor dem Fallen abgewöhnt und fühlte mich auch körperlich bereit für den nächsten Schritt. Also stieg ich selbstbewusst in die Route ein. An der vorletzten Exe ging mir dann aber doch der Saft aus. Ich wollte allerdings nicht aufgeben. Die Exe war noch nicht geklippt und meine Position eher unsicher. Das hielt mich aber nicht davon ab, das Seil nach oben zu ziehen und zur Exe zu führen.

Dann ging alles ganz schnell. Die Hand ließ den Griff los und ich sauste nach unten. Aber irgendwie wurde der Sturz nicht so schnell gestoppt wie gewohnt. Das passierte erst zwei Meter vor dem Boden. Meine Sicherungspartnerin hatte mit einem Tuber gesichert und der Ruck der durch meinen Sturz entstand war so fest, dass ihr beim Ausgeben das Seil der Hand gezogen wurde.

Für mich hieß es: freier Fall. Glücklicherweise hat meine Sicherungspartnerin schnellstmöglich reagiert und das Seil in letzter Sekunde nochmal zu fassen bekommen um den Bremsmechanismus auszulösen. Ich hatte einen Schock und sie verbrannte sich ihre Hände. Zum Glück ist mir nicht mehr passiert. Seither besitze ich ein Smart von Mammut. Auf diesen Fall hat unter anderem auch der DAV hingewiesen und empfiehlt seit letztem Jahr nur mit Sicherungsgeräten mit Bremskraftunterstützung zu Sichern.

Trügerische Sicherheit

Nach diesem Erlebnis brauchte ich gut ein Jahr, um wieder vollständig sicher im Vorstieg zu klettern. Die Halle hat mir immer ein gutes Gefühl gegeben und ich habe mich wohl ein wenig davon täuschen lassen. Auch wenn alle Griffe mit einer M10 Schraube befestig sind, der Kletterer augenscheinlich entspannt klettert und die Abstände der Zwischensicherungen sehr klein sind, es kann immer etwas schiefgehen.

Wenn man nicht mit einem Sturz rechnet oder sich ablenken lässt verkürzt sich die Reaktionszeit und somit wird der Sturz für den Sicherer härter oder länger. Deshalb sollte immer die volle Konzentration auf den Kletternden gerichtet werden. Mir hat sich dieser Spruch des DAV eingeprägt: „Wer nicht mit einem Sturz rechnet, sichert nicht!“.

Die gilt besonders in den ersten Metern einer Kletterroute, denn hier kann es ganz leicht zu einem Bodensturz kommen. Mir ist das schon einmal in einer Sechser-Route im Frankenjura passiert. Durch die häufigen Begehungen wird der Kalkstein dort wirklich glatt. In diesem Fall ist mir kurz nach der ersten Exe der Fuß weggerutscht und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde hing ich im Seil. Ich pendelte 30 cm über dem Boden und war froh, dass mein Sicherungspartner aufmerksam war und mich sicher gehalten hat.

Auf ein Neues

Mich wieder nach Draußen an den Fels zu wagen, war nach meinem großen Sturz nicht mehr so leicht. Irgendwann ging es dann mit dem Uni-Kurs an den Battert bei Baden-Baden. Ich hatte eher ein mulmiges Gefühl. Das Abseilen zu Beginn war kein großes Problem. Danach suchte ich mir ein paar leichte Routen zum Vorsteigen. Eine nette 4 war schnell gefunden und eigentlich eher unter meinem physischen Niveau.

Trotzdem ging der Versuch, die Route im Vorstieg zu toppen, so richtig in die Hose. Mit fiel es schwer die richtigen Griffe zu finden. Wo war da nur der tolle neonpinke Griff, wie ich ihn aus der Halle kenne? Und irgendwie stand ich auch nicht so richtig sicher auf den Tritten.

Da die Hakenabstände in diesem Gebiet auch mal sechs Meter betragen können, haben wir ein paar Keile in Risse gelegt. Wenn man das Legen der Keile aber noch nicht so oft gemacht hat, dann kann das ganz schön Angst einflößend sein. Ich entschied mich, an einem dieser Keile abzubrechen. Naja, keine schöne erste Erfahrung. Ich hatte den Fels falsch „gelesen“, konnte mit den Hakenabständen nichts anfangen und dem Routenverlauf nicht wirklich folgen.

In den weiteren Monaten arbeitete ich regelmäßig an meiner Sturzangst. Regelmäßig musste ich Routen abbrechen, um mich wieder auf den sicheren Boden abzulassen. Aber mit einem guten Sturztraining schaffte ich es dann nach gut einem Jahr wieder mit einem freieren Kopf zu klettern und mich alleine auf die Bewegungen zu konzentrieren. Ein großartiges Gefühl. Übrigens gibt es auch hier im Basislager-Blog eine schöne Anleitung dazu.

Es geht wieder aufwärts

Mittlerweile habe ich es geschafft, Routen bis 8+/9- in der Halle zu klettern und habe auch draußen am Fels schon eine 8+ und mehrere 8er auf der „Scorecard“. Das Projekt der ersten 9 ist eröffnet und wird höchstwahrscheinlich beim nächsten Mal getoppt. In der Kletterhalle bin ich nur mit 9- ein wenig stärker. Mein maximaler Klettergrad von Halle und Fels liegt also nicht so weit auseinander.

Da stellt sich die Frage, ob der Spruch „Draußen klettert man mindestens zwei Grade schlechter“ pauschale Gültigkeit hat. Ich sehe das ungefähr so: Die Felsen an denen ich den achten Grad geklettert habe, kenne ich mittlerweile ziemlich gut und das Lesen des Routenverlaufs, sowie das Erkennen von Tritten und Griffen fällt mir leichter als in fremden Gebieten.

Wenn ich zum Beispiel in die plattigen Gebiete des Donautals oder im Basler Jura unterwegs bin, dann schaffe ich bisher nur den sechsten oder siebten Grad zu klettern. Einfach weil die Anforderungen an Klettertechnik und -taktik ganz andere sind, als ich gewohnt bin. In den beiden genannten Gebieten muss man auf Tritten stehen, die viel kleiner sind als Tritte in der Halle. Auf diesen winzigen Hervorhebungen muss man seinen Füßen voll vertrauen.

Man muss sich aber „nur“ bewusstmachen, dass das wirklich hält, auch wenn man sich das anfangs schwer vorstellen kann. Dass mir so diese Art des Kletterns schwer fällt, liegt wahrscheinlich daran, dass die Routen in der Halle sehr viel fingerlastiger geschraubt ist, aber mit vergleichsweise großen Tritten.

So habe ich zwar gelernt, athletischer zu klettern, allerdings fehlt mir die Technik die ich benötige, um in anderen Gebieten eine 6 oder 7 im ersten Versuch durchzusteigen. Im Vergleich dazu fällt mir ein Gebiet wie das Frankenjura zu manchen Teilen viel leichter und da ist dann bei einer 8- mit einer kurzen Boulderkrux auch mal ein Onsight möglich.

Je regelmäßiger ich an einem Felsen geklettert bin, desto leichter fällt es mir, in schwerere Routen einzusteigen. Das ist einfach eine Frage der Gewöhnung. So ähnlich kann einem das auch in der Kletterhalle ergehen. Dort kommt es zwar seltener vor, aber manchmal habe ich mit speziellen Schraubstilen meine Probleme auf Anhieb die richtige Lösung zu finden.

Am Ende eines Klettertages ist es für mich aber immer noch am wichtigsten Spaß zu haben. Für mich lohnen sich nicht nur die schweren Routen, sondern auch die schönen Leichten. Das Klettern ist ein schönes Hobby das Spaß macht. Natürlich sollte man auch auf seine Sicherheit achten und den Knoten oder Karabinier zweimal kontrollieren, dann folgen auch ganz bestimmt weitere schöne Klettertage.

Zu Gast beim The North Face Mountain Festival 2017

So war’s beim The North Face Mountain Festival 2017

19. September 2017
Die Bergfreunde

„Jööööhööörn, fahren wir zum Mountain Festival?“ Als meine Kollegin Britta mit dieser lieb vorgetragenen Bitte bei mir vorstellig wurde, war ich ziemlich schnell ziemlich begeistert von der Idee. Schließlich liest sich die Beschreibung des The North Face Mountain Festivals echt gut:

„Klettere Felswände hinauf, wandere und laufe durch atemberaubende Berglandschaften, erlerne die Kunst der Abenteuerfotografie oder der Outdoor-Küche und genieße bei all dem ein völlig neues Gefühl der Zusammengehörigkeit.“

Klingt ein bisschen Meta, aber hey, immerhin findet das Festival in Lauterbrunnen statt. Ja, genau. DAS Lauterbrunnen. Gelegen im Schatten von Eiger, Jungfrau und Mönch – drei Namen, die das Herz jedes Bergliebhabers vor Freude jubilieren lassen. Und so fiel meine Antwort an Britta auch relativ deutlich aus: Klar fahren wir!

Unter Gleichgesinnten

Als dritter Bergfreund in der Runde ergänzt Thomas unser buntes Triplett, als wir uns an einem Donnerstag Mitte September in die Schweiz aufmachen. Die Fahrt verläuft soweit unspektakulär – zumindest bis kurz vor der Einfahrt ins Lauterbrunnental.

Unsere Augen werden immer größer, fast so groß, wie die riesigen Felswände, die das Tal auf beiden Seiten einrahmen. Feine Wasserfälle rieseln wie Sand herunter und sogar die Sonne blickt nach einem sehr trüben Tag endlich durch die Wolken. Gut so, der Wetterbericht für das Wochenende ist ohnehin eher unschön. Aber das Glück sollte auf unserer Seite sein.

Nach der Ankunft beziehen wir erstmal unser Zelt und schaffen uns einen Überblick. Wo bitte geht es zum Essen? Es ist bereits Abend, als wir das – und das ist an dieser Stelle keine Übertreibung – wirklich extrem leckere Abendessen genießen dürfen. Hier sehen wir auch erstmals das wirkliche Ausmaß dieses Festivals:

Hunderte Bergsportler aus der ganzen Welt haben sich hier versammelt. Wir treffen Briten, Franzosen, Italiener, Niederländer, Asiaten, Amerikaner, Australier. Wahnsinn! Nach dem Genuss einer etwas unterkühlten Flasche Rotwein und einem Bier genießen wir noch die Band auf der Festivalbühne und ziehen uns bei Zeiten ins Zelt zurück, um noch ein paar Stunden Schlaf zu ergattern. Thomas muss am nächsten Tag schon um 5 Uhr raus zur Gletschertour. Britta und ich dürfen noch etwas länger im schön warmen Schlafsack bleiben.

Bergsteigen, wandern, knipsen

Von Thomas‘ Abgang bekommen wir nicht viel mit. Zum Glück. Denn die Nacht war etwas unruhig und wir sind um jede Minute Schlaf dankbar. Gegen 7:30 Uhr müssen wir dann aber langsam raus. Es ist kalt. Sehr kalt. Die Sonne erreicht das Tal erst am späteren Morgen und in der Nacht haben wir Temperaturen rund um den Gefrierpunkt.

Dick eingepackt sitzen wir beim Frühstück und genießen den heißen Kaffee. Thomas besteigt heute das Walcherhorn auf knapp 3700 m Höhe und wir haben uns für eine der kürzeren Wanderungen entschieden.

Um 9 Uhr stehen wir also in den Startlöchern und warten darauf, dass es los geht. Und wir warten. Und warten. Die Kälte kriecht langsam unter unsere Jacken und nach etwa einer halben Stunde geht es dann endlich los. Wir fahren mit der Bahn zur Grütschalp und wandern bergan.

Die Tour ist mit 10 km und 600 hm recht entspannt und bietet uns ein großartiges Panorama mit Blick auf die Eiger Nordwand, die sich majestätisch aufbäumt. Schon ein bisschen genial.

Zu Gast beim The North Face Mountain Festival 2017Die Gruppe ist groß und wir spät dran. Daher teilen wir uns auf. Während die etwas gemächlicheren Wanderer bereits absteigen, geben wir ein bisschen mehr Gas.

Bergab wechseln wir zwischen Speedhiking und Trailrunning, wodurch wir recht zügig unterwegs sind und schließlich mit einer halben Stunde Verspätung wieder im Camp ankommen.

Wir haben kurz Zeit für das Mittagessen, bevor wir weiter zum nächsten Termin eilen: Outdoor-Fotoworkshop. Im Angesicht des Mürrenbachfalls geben uns professionelle Fotografen Tipps, wie wir die Natur perfekt in Szene setzen. Nach eher unspektakulären drei Stunden und einigen hundert Fotos in der Tasche sind wir wieder im Lager. Aber wo ist Thomas?

Eigentlich sollte die Bergsteiger-Truppe schon wieder zurück sein. Wir machen uns frisch und warten mit knurrendem Magen auf den Kollegen, der gegen 19 Uhr am Abend mit freudestrahlendem Gesicht eintrifft. Die für ihn eher entspannte, aber landschaftlich äußerst reizvolle Hochtour hat ihm sichtlich gefallen. Britta und ich sind froh darüber, dass wir uns mit endlich aufs Essen stürzen können.

Am Abend lauschen wir noch einem Vortrag von Hansjörg Auer, der vor allem für seine Free-Solo-Begehung der Route Weg durch den Fisch an der Marmolata Südwand bekannt ist. Eine inspirierende Persönlichkeit. Danach folgt das schon bekannte Programm vom Vorabend. Its Partytime – diesmal mit den Bergfreunden! Immerhin halten wir bis Mitternacht durch, als uns die Müdigkeit langsam in Richtung Schlafsack drängt.

Dünne Luft und atemberaubende Panoramen

Heute sind Britta und ich es, die früh rausmüssen. 6 Uhr ist Abfahrt, 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Zeitoptimierung ist angesagt. Schnell in die Bergstiefel rein, den bereits gepackten Rucksack auf die Schultern und ab an die Futterluke. Mit Essen im Bauch, aber ohne Kaffee stehen wir pünktlich um 6 Uhr zum Abmarsch bereit. Wir treffen die Bergführer am Lauterbrunner Bahnhof, von wo aus unsere Reise zu Jungfraujoch ihren Anfang nimmt.

Mit der Zahnradbahn fahren wir eine gefühlte Ewigkeit auf und später in den Berg. Die vor über 100 Jahren eröffnete Bahn muss ab der Station Kleine Scheidegg noch knapp 10 km und 1500 Höhenmeter bezwingen, die zum Teil durch einen eigens angelegten Tunnel führen.

Der Weg endet schließlich am höchsten Bahnhof Europas am Jungfraujoch – auf zirka 3500 m. Hier tummeln sich auffällig viele Asiaten und eben wir – eine handvoll Freaks, die mit ihrer Bergsteigerausrüstung unter den ganzen Touristen irgendwie auffallen. Komisch. Sind wir denn nicht am Berg?

Das Wetter ist auch heute auf unserer Seite. Über dem Gletscher strahlt die Sonne, so dass wir kurz nach unserem Aufbruch schon die äußere Jackenschicht ablegen können.

Wir sind zu siebt in der Seilschaft und gehen gemächlich über den Aletschgletscher. Wir begutachten die bedrohlich wirkenden Felsspalten, genießen das großartige Wetter und den nicht minder schönen Ausblick. Mir setzt die Höhe ziemlich zu. Das letzte Mal, dass ich auf über 3000 m unterwegs war ist schon etwas her und ich merke, wie mein Herz kräftiger pumpt und mein Kopf dröhnt.

Zum Glück ist das Tempo sehr angenehm und lediglich die kurzen Anstiege lassen mich etwas außer Atem kommen. Britta steckt das ganze deutlich besser weg und strahlt über beide Ohren – verständlich, bei so einem Panorama.

Nach drei Stunden sitzen wir wieder am Bahnhof und warten auf den Zug ins Tal. Es ist schon irgendwie kurios. In der Regel sind die Berge für mich ein Rückzugsort, an dem ich die Ruhe genießen kann. Hier oben auf dem Jungfraujoch hingegen tummeln sich hunderte Touristen in Sneakers und Jeans. Es gibt einen Laden für Luxusuhren und eine Art Schokoladenmuseum. Der Kommerz hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl bei uns.

Ich bin echt kaputt. Das kenne ich sonst gar nicht von mir und hatte eigentlich erwartet, dass ich die Höhe besser wegstecke – so als gut trainierter Trailrunner und Triathlet. Aber hier bewahrheitet sich wohl eine alte Bergsteigerweisheit: Jeder verträgt die Höhe anders. Wir gesellen uns zu zwei Niederländern, mit denen wir uns eine Tafel Schokolade teilen. Der Zucker hilft, mich wieder etwas auf Trab zu bringen.

Allerdings bin ich echt froh, als wir nachmittags wieder im Camp ankommen. Es regnet leicht und wir beschließen, vor dem Abendessen noch eine Mütze Schlaf zu nehmen und dann in den letzten Festival-Abend zu starten. Thomas ist inzwischen auch wieder bei uns und berichtet von einem großartigen Tag am Fels mit herausfordernden Klettereien.

Auf ein Tänzchen mit The North Face

Eine Stunde später klingelt der Wecker. Wir springen schnell unter die Dusche und finden uns kurze Zeit später in der Schlange an der Essensausgabe wieder. Heute gibt es Gegrilltes und auch diesmal ist die Qualität des Essens herausragend gut. Und das ist keine Übertreibung. Lediglich der gegrillte Fenchel raubt uns mit seiner Faserigkeit fast den Nerv.

Nach dem Essen geht es gleich weiter in das große Hauptzelt. Vor der Bühne lassen wir uns mit einem Bierchen auf der Isomatte nieder und lauschen zusammen mit vielen anderen Bergenthusiasten der Podiumsdiskussion mit den The-North-Face-Trailrunnern Seb Chaigneau, Lizzy Hawker und Pau Capell, die von ihren Rennen, ihrem Leben und ihrer Motivation berichten.

Das Highlight des Abends sind dann aber zwei andere Akteure. Nach den Trailläufern betreten Simone Moro und Tamara Lunger die Bühne. Sie sprechen über Erfolg, Scheitern, Freundschaft und der Liebe zu den Bergen und der Natur. Ich habe selten so einem inspirierenden und lustigen Vortrag lauschen dürfen. Die beiden sind wirklich überaus sympathisch und haben das Herz am rechten Fleck.

Nach einem langen Applaus ist er angebrochen – der letzte Partyabend des Mountain Festivals. Und er sollte legendär werden. Ohne zuviel zu verraten: Die versammelten The-North-Face-Athleten haben durchaus viel Spaß am Feiern und Pogo tanzen.

Das kleine Finale

Mit noch weniger Schlaf als am Vortag krabbeln Britta, Thomas und ich aus dem Zelt. Ein letztes Frühstück, ein letzter Kaffee und ein letztes Mal an den Berg. Britta geht heute klettern, Thomas und ich drehen eine Runde mit den Trailrunnern. Wieder haben wir tierisch Glück mit dem Wetter.

Unsere Truppe wird angeführt von Seb Chaigneau, der am Abend noch mit auf der Couch saß und von Angesicht zu Angesicht mindestens genauso sympathisch rüber kommt, wie zuvor schon auf der Bühne.

Nach einer eher kurzen, aber durchaus intensiven Runde kommen wir wieder am Camp an. Etwas wehmütig sitzen Thomas und ich auf einer der vielen Holzsitzkonstruktionen und überblicken das Gelände. Wie es immer so ist mit den schönen Dingen im Leben… Sie gehen einfach zu schnell vorbei.

Nachdem wir uns noch eine kleine Stärkung gegönnt haben, packen wir unsere Sachen und beladen das Auto. Ein letzter Streifzug über das zermatschte Grün und wir sagen Adieu zu diesem wunderbaren Ort. Eine halbe Stunde später haben wir auch Britta am Kletter-Spot eingeladen und machen uns schließlich endgültig auf dem Weg ins Schwabenland.

Ein großes Lob gilt zum Schluss natürlich den Organisatoren von The North Face. Ich will nicht untertreiben – wenn man von manch etwas längerer Wartezeit absieht, hatten wir eine extrem schöne Zeit, mit vielen aufregenden, internationalen Begegnungen, guter Musik, gutem Essen, „Stars“ zum Anfassen und natürlich jeder Menge Berge.

Das Mountain Festival solltet ihr euch auf jeden Fall für das nächste Jahr im Hinterkopf behalten, wenn ihr Lust auf ein verlängertes Wochenende mit zahlreichen Aktivitäten in den Bergen habt!

Gabys Gipfelbuch Kolumne

Gabys Gipfelbuch: Die geschenkte Zeit

25. August 2017
Die Bergfreunde

Beim Bergsteigen bekommt die Zeit eine andere Qualität – vor allem wenn man allein unterwegs ist, vergisst man sie oft völlig, weil man dann in sich selbst versinkt wie bei der Meditation und dennoch die Umgebung dabei präzise wahrnimmt. Vor allem aber rast einem die Zeit in den Bergen nicht davon wie im hektischen Alltag, sondern scheint sich öfter sogar zu „dehnen“.

Wie schnell sind im Büro zehn Minuten verflogen im Vergleich zur „gefühlten Zeitspanne“ eines zehnminütigen Auf- oder Abstiegs. Immer wieder ist man völlig überrascht, welche Strecken man in zehn Minuten bewältigen kann. Beim konzentrierten Gehen in den Bergen wird gleichzeitig die Wahrnehmung geschärft für die tageszeitlich bedingten Veränderungen – die wandernde Sonne, Licht und Schatten, die Schärfe der Konturen, die Dämmerung, der Sonnenauf- und -untergang. Die natürliche Qualität der Zeit rückt einem so viel stärker ins Bewusstsein.

Beim Wandern in den Bergen, beim Klettern oder auch beim Bergsteigen in Fels und Eis sind alle Sinne gefordert. Jeder Tag in den Bergen ist ein einzigartiges Fest für die Sinne: die Sonnenstrahlen, die auf der Haut kitzeln, die kühle Brise, die übers erhitzte Gesicht streicht, der Schluck klaren Quellwassers, der durch die ausgedörrte Kehle rinnt, der betäubende Duft einer Bergwiese in der Sonne, das Knirschen von Eis oder Geröll unterm Schuh, das schmatzende Geräusch beim Begehen eines aufgeweichten Weges, der federnde Waldboden, die ständigen Veränderungen des Lichtes, die deutlich spürbaren Unterschiede von Kalkgestein und Granit in der Hand…

Bergsteigen vermittelt ein intensives Gefühl des Lebendigseins, und wer als junger Mensch zum Bergsteiger wird, bleibt es meist ein Leben lang. Es bereitet Freude, Lust und Erfüllung und stillt für kurze Zeit jenen immensen Lebendigkeitshunger, der einen immer wieder zum Aufbruch in die Ferne und ins Unbekannte drängt, zu Abenteuern und persönlichen Herausforderungen aller Art.

Man erlebt dabei die Natur mit allen Sinnen und staunt über deren Reichtum, Schönheit und Vielfalt. Und jedes einzelne dieser tief empfundenen Erlebnisse vergrößert den Schatz an Erinnerungen in Form von Bildern, Szenen und Empfindungen im Kopf, die einem den zähesten Alltag verschönern und durch schwere Zeiten helfen können. Das Schöne an den Bergen ist nämlich, dass man sie ein Leben lang genießen kann, und wenn es zuletzt auch nur noch der Blick auf die Berge ist und das Schwelgen in seinen Erinnerungen.

Barfuß auf die Zugspitze

Barfuß auf die Zugspitze

24. August 2017
Die Bergfreunde

Menschen die Barfuß auf einem Gipfel rum turnen? Das erinnert doch eher an den Hobbit, mit seinen riesigen, behaarten Füßen auf dem Weg nach Mordor. Naja, zumindest führt der Anblick von Barfuß laufenden Menschen bei dem Großteil von Spaziergängern und Wanderern, erst einmal für Verwirrung, bloßes Entsetzen oder Schmerz entzerrte Gesichter. Allerdings ist Barfußlaufen eine der natürlichsten Bewegungsform die der Körper kennt. Das Gefühl Barfuß zu gehen, verleiht ein gewisses Stück Freiheit sowie Verbundenheit zur Natur und ist sehr gesund für die Füße.

Auch ich nutze im Alltag nahezu jede Gelegenheit, meinen Füßen so viel Freiheit wie möglich zu geben. Als begeisterter Barfußläufer und Botschafter, lernt man nie aus, weshalb ich mich gerne mit anderen Barfuß Enthusiasten austausche und in Kontakt trete. So kam es auch zu dem Projekt „Barfuß auf die Zugspitze“. Bei einem gemeinsamen Barfuß-Workshop in Südtirol, fragte mich Christian Schwarze aus Düsseldorf, ob ich nicht Lust hätte mit ihm Barfuß auf die Zugspitze zu wandern. Klang verrückt im ersten Moment, aber meine Antwort war spontan – ja.

Nur keine kalten Füße bekommen

Ein Training und zugleich ein Test für meine Füße, war die Barfuß Wanderung auf den Säuling im Juli. Diese sollte zeigen, ob meine Füße überhaupt schon bereit waren für solch einen Gipfelsturm. Allerdings erwies sich der Aufstieg als problemlos und gut machbar. So konnten die weiteren Vorbereitungen für die Zugspitze beginnen. Als sehr hilfreich erwiesen sich Wanderstöcke, dadurch konnte der Druck auf die Fußsohlen etwas entlastet werden.

Als nächstes Stand die Beschaffung des Materials an, vom neuen Rucksack, bis hin zu Steigeisen für Barfüße, Wanderstöcke und ein Klettersteigset, musste an alles gedacht werden. Immer wieder diese Unsicherheit, was nehme ich mit, habe ich alles im Kopf, welche Kleider, wie wird das Wetter? Gerade am Morgen vor dem Aufstieg, macht sich die Anspannung deutlich bemerkbar. Noch einmal teste ich die Steigeisen in Verbindung mit meinen Barfuß-Neoprensocken und beginne zu packen was ich sicher weiß. Helme, Rucksäcke, Schlafsack, und Hüttenschlafsack, Steigeisen, Klettersteigsets, Wanderstöcke, Handschuhe, als Sicherheit Barfuß-Wandersandalen und Barfuß-Trekkingschuhe, Regenkleidung, Geld, und klar die Kamera, denn mit dieser wird mein Sohn Tim für eine Filmdokumentation filmen. So langsam ist Land in Sicht und ich beginne etwas ruhiger zu werden.

Aufstieg im Dunkeln

Endlich ist es soweit. Am Freitagnachmittag mache ich mich mit Tim auf den Weg in Richtung Allgäu. Am Wanderparkplatz in Hammersbach angekommen, treffen wir den Rest der Gruppe, wo wir um 20.15 Uhr endlich zum Aufstieg starten. Da es klar ist, es wird Nacht, ziehe ich für diesen Aufstieg meine Barfuß-Sandalen an, damit kann ich etwas zügiger gehen und habe dennoch das Barfußgefühl.  Gleich die ersten Meter geht es rasch bergauf, kaum 30 Minuten gewandert bin ich schon schweißgebadet, der Rucksack und mein Körpergewicht bringen mich zum Schwitzen. Wir kommen flott voran und sind gegen 21.15 Uhr am Eingang der Höllentalklamm. Bis jetzt hielt das Wetter, doch pünktlich hier fängt es an zu regnen. Also Regenjacke an, den Rucksack, den Schlafsack und vor allem die Kamera mit einem Kunsttoffsack einpacken. In der Klamm machen wir nochmals halt für eine weitere Filmaufnahme, dann geht es zügig weiter zu Höllentalangerhütte bei der wir gegen 22.15 Uhr ankommen.

Nun geht es dirket zum Checkin, dort bekommen wir noch die Möglichkeit eine kleine Stärkung zu uns zu nehmen. Als Vegetarier lehnen wir die Gulaschsuppe ab, dafür bekommen wir jeder eine Käseplatte. Solange diese gerichtet wird, bringen wir die feuchten Sachen in den Trockenraum. Uff, leicht müffelig hier. Ich hänge meine Sandalen zu den Wanderstiefeln und auf meine Haken passen auch noch Tim´s Barfuß-Stiefel. Sehr platzsparend und sieht lustig aus zwischen den ganzen „normalen“ Wanderstiefeln. Mit vollen Bäuchen und dem schönen Gefühl den ersten Teil sehr gut gemeistert zu haben, machen wir uns zum Schlafen auf ins 8 Bettzimmer. Es war eine schöne und interessante Wanderung, durch die teilweise beleuchtete Klamm.

Im Flow-Zustand Schritt für Schritt nach oben

Nach einer eher mäßigen Nacht, mit wenig Schlaf, heißt es dann um 5.15 Uhr aufstehen. Als ich in den Flur komme, merke ich, dass wir nicht alleine auf der Hütte sind und somit sicher nicht alleine auf dem Weg zur Zugspitze. Nach der Katzenwäsche, Toilette und Hüttenfrühstück machen wir uns an den Aufbruch. Gegen 6.30 Uhr wandern wir zu sechst in den Sonnenaufgang los. Christian und ich Barfuß, Tim mit den Barfuß-Trekkingstiefeln, Loan, Bendicta und Andreas werden in Wanderstiefeln und zwischendurch Barfuß unterwegs sein.

Ich komme heute sehr schwer in meinen Rhythmus, irgendwie spüre ich den Druck durch die Steine sehr stark an meinen Füßen und zweifle, ob ich das heute den ganzen Tag Barfuß schaffe. Doch nach einiger Zeit komme ich in meinen Flow-Zustand, Schritt für Schritt ganz langsam und achtsam geht es voran. Das Wetter ist angenehm kühl, dennoch schwitze ich schon wieder wie verrückt, so dass Christian meint: „Habe ich den Regen verpasst?“. Doch lieber schwitzend und gehänselt, als frierend unterwegs zu sein.

Das erste Stück bis zur „Leiter“ ist ganz angenehm. Ein steiniger Weg mit viel Grün und immer mal wieder kann man seine Füße im Gras entspannen. Die Leiter ist eine Passage, die mit Eisenstufen am Fels fast senkrecht nach oben geht. Hier ist man durch ein Klettersteigset am Stahlseil gesichert. Zwar drücken die Eisenstufen ein wenig in die Füße, doch es geht ganz gut. Nun geht es weiter am Fels bis zum „Brett“. Eine Passage wo Stahlstangen aus der fast senkrechten Wand ragen, welche man ebenfalls über einen Klettersteig passieren kann. Auch diese Stelle geht ganz prima. Aber das schönste Stück der ganzen Wanderung der „grüne Buckel“ wartet noch auf uns. Diese Passage ist sehr angenehm, viele Blumen, viel Grün, viele Schmetterlinge – einer landet sogar bei Loan auf dem Helm. Und dann das Beste: viel Wasser. Der Fluss, der ins Tal rauscht, eignet sich perfekt für eine Abkühlung der mittlerweile gut durchbluteten und warm gelaufenen Füße. Sehr angenehm, wenn auch die Wasserzeit nicht zu lange sein sollte, denn wenn die Füße aufweichen wird die Haut empfindlicher und die Verletzungsgefahr steigt. Das Plätzchen hier oben eignet sich hervorragend für eine erste Vesperpause, so genießen wir bei Speis und Trank, die erste gemeisterte Herausforderung. Zugleich bereitet uns Christian auf die kommende Passage bis zum Gletscher dem „Höllentalferner“ vor. Diese ist ein Geröllfeld mit vielen spitzen Steinen, welche uns Barfußwanderer stark fordern wird.

Nach Bildaufnahmen und Drohnenflug machen wir uns gestärkt auf den Weg zum Gletscher. Schnell merke ich den Ernst dieser Passage und unterstütze jeden Schritt stark mit meinen Wanderstöcken, um den Druck auf die Fußsohlen zu entlasten. Ich lasse die gesamte Gruppe vor mir und gehe in meinem langsamen Rhythmus hinterher. Trotz des langsamen Tempos fordert mich die Strecke enorm, sowohl körperlich als auch mental. Immer wieder muss ich mich achtsam auf die Situation einstellen und selbst motivieren. In einem schwachen Moment schaffe ich es den linken Wanderstock ungeschickt zwischen meine Zehen des linken Fußes zu rammen. Autsch…und sofort bin ich wieder, angesichts der leichten dennoch spürbaren Verletzung, aufmerksam und hellwach.

Gletscher mit Steigeisen und Barfüßen

Es ist jetzt 12.30 und der Gletscher naht. Doch die Kräfte sind spürbar am Schwinden, weshalb wir nochmals eine kurze Rast einlegen. Noch ein paar Worte von Christian, zum Gehen mit den Steigeisen und es kann losgehen.

Wir ziehen alle unsere Steigeisen an. Christian seine mit Polsterung modifizierten Eisen, direkt an die Barfüße. Ich entscheide mich für meine Neoprensocken, an die ich die Steigeisen mit den vorhandenen Riemen und zusätzlich einem Fahrradspanngurt zurre. Tim bastelt seine Steigeisen so gut es ihm möglich ist an die Barfuß-Stiefel. Das zweite Mal feiere ich heute Premiere. Zuerst die Klettersteigsache und jetzt auch noch ein Gletscher mit Steigeisen.

Der ursprüngliche Plan alle in einer Reihe zu laufen platzt. Christian geht sehr zügig damit die Füße nicht zu kalt werden, Tim ist mit filmen zusätzlich beschäftigt und die anderen inklusive mir haben mit der Situation auf dem Gletscher, zu tun. Nacheinander kommen wir heil oben an und freuen uns, dass es keine Randkluft gibt. Wenn diese da wäre, würde der Übergang vom Eis an den Fels eine weitere Herausforderung darstellen. Wir können, jedoch direkt mit der Klettersteig loslegen. Davor heißt es dann wieder Steigeisen aus und baldigst an den Fels, denn selbst mit den Neoprensocken wird es etwas kühl an den Füßen.

Nun geht es steil auf am Seil, dann wieder seitlich und immer wieder hoch. Immer ein Wechsel zwischen Metallstangen und Metalltritten, aber stetig steil nach oben. Anfangs lasse ich meine Socken an, bis meine Füße recht schnell viel zu warm werden und ich bin wieder ganz Barfuß. Eigentlich viel angenehmer denn ich spüre alles und kann sehr achtsam meine Füße setzen. Dennoch spüre ich die Belastung der Fußsohlen und es schmerzt zwischendurch auch mal der eine oder andere Stein, der in die Sohle drückt. Trotzdem fühle ich mich wohl, denn dieses Zusammenspiel der Nervenenden im Fuß und dem Gehirn der sogenannten „Propriezeption“ ermöglicht es mir, mich sehr achtsam zu bewegen. Das Gehirn reagiert sehr schnell auf die Reize vom Fuß und lassen die körperliche Reaktion zu, vorsichtiges auftreten, das achtsames setzen der Füße und harmonische Bewegungen sind die Folge.

Doch bei jedem Meter spüre ich nun auch die nachlassenden Kräfte, der letzte Klettersteig hat es schon in sich, er ist sehr lange und steil. Als wir gegen 16:00 Uhr noch immer im Klettersteig sind und kein Ende in Sicht ist werde ich etwas nervös. Immer wieder fordert mich Tim auf nicht so zu meckern und hin und wieder zu lächeln, doch dazu ist mir mittlerweile gar nicht mehr so zu mute. Wir hatten angedacht zwischen 14/ 15 Uhr oben zu sein, aber diesen Zeitraum hatten wir schon längst überschritten. Zudem galt ab 16.00 Uhr ein erhöhtes Gewitterrisiko. Alles keine Entspannungsparameter, aber ich mache weiter. Es ist seit einiger Zeit auch leicht neblig, das heißt leider auch keine Aussicht nach unten. Egal ich schaffe es mich immer weiter zu motivieren und mit der einen oder anderen Verschnaufpause die Kräfte zu mobilisieren. Hier ziehe ich auch nochmals die Neoprensocken an, da sie den Druck auf die Fußsohlen nochmals entlasten.

Nun kommt auch etwas Wind auf, dieser lässt mich hoffen, dass wir bald oben ankommen. Und wahrlich wir sehen das erste Mal beim hochschauen das Gipfelkreuz und den darüber stehenden Baukranausleger. Es ist zwar noch ein gutes Stück, doch nun ist das Ziel in Sicht, was meine Motivation und Kraft nochmals aufleben lässt. Es ist kurz nach 17 Uhr, als wir den Gipfel erblicken. Jetzt heißt es noch etwas Geduld, denn es gibt oben auch einige Touristen, die auf den Gipfel gehen. Diese lasse ich passieren und dann geht es die letzten Meter bis zum Gipfel, ich bin der Letzte aus unserer Gruppe der ankommt und wir klatschen ab, es ist geschafft!

Voller Freude und Dankbarkeit

Nach einem Gruppenbild gehe ich alleine hinter das Gipfelkreuz, setze mich hin und mir wird bewusst, was ich heute geschafft habe. Unverletzt und in einem körperlich ordentlichen Zustand sitze ich nun da und eine Träne der Freude kullert mir aus dem Auge, dankbar genieße ich diesen Moment.

Auf dem Weg zurück, treffe ich einige andere Wanderer, die wir unterwegs getroffen hatten und uns Respekt zu sprachen über diese tolle Leistung und sich mit uns freuten. Hier darf ich auch dankbar anmerken, dass wir den ganzen Tag Gespräche mit anderen Wanderern hatten und es gut fanden, was wir machen. Das freute mich, denn als Barfuß-Aktivist ist man dem einem oder anderen blöden Kommentar ausgesetzt, heute nicht. Vielen Dank. Zudem wurde mir auf diesen letzten Metern zum Münchner Haus bewusst, dass ich heute von den etwas turbulenten letzten Wochen abschalten konnte und nun voller Glück über diese erfolgreiche Aktion war.

Voller Freude des Geleisteten und auch in Freude auf zu Hause, gehen wir die letzten Meter zur Gondel. Welche mit uns um 18.30 Uhr für heute letztmalig talwärts fährt. Darin sitzen wir nun glücklich und geschafft. Unseren ersten Hunger stillen wir genussvoll mit veganer Rohkostschokolade, die ich vorgestern zum Geburtstag bekommen habe. Wir genießen die Abfahrt und schauen immer wieder mal hoch zum Gipfel und erfreuen uns am Anblick des Eibsee´s und allem Sonstigem was uns begegnet. Gegen 20.15 Uhr kommen wir unten an und haben noch ca. 500 m Fußweg zum Auto. Zwar geht das nicht mehr ganz so flott, doch in genüsslichem Tempo meistern wir das letzte Wanderstück.

Zum Abschluss des Tages füllen wir beim Abendessen unsere Energiespeicher mit leckerer Pizza, Nudeln und Salat wieder auf und fühlen uns gestärkt für die Heimfahrt und freuen uns auf das eigene Bett und das Aufstehen, wann wir wollen.

Glückliche Füße am Tag danach

Die Befürchtungen am nächsten Tag mit Schmerzen am Körper aufzuwachen waren weit gefehlt. Ich spürte fast nichts. Ja, die Füße kribbeln noch ein wenig, sind jedoch sofort wieder voll belastbar. An der Schulter spüre ich ein wenig die Druckstellen des Rucksackriemens und die Beine sind etwas müde. Aber im Grund ein prima Zustand, nachdem was wir von Freitag bis Samstag geleistet haben. Abends gehe ich schon wieder mit den Kletterfreunden locker drei Routen klettern, dort werde ich schon als Mr. Barfuß auf der Zugspitze begrüßt und habe angeregte und nette Gespräche.

Mein Fazit. Wer so trainierte Barfüße wie ich hat, schafft ein solches Projekt ohne Probleme. Wer nicht ganz so gut trainiert ist oder nicht so extrem sein möchte, dem rate ich, eine Teilstrecke barfuß zu gehen oder, wie Tim, Barfuß-Stiefel oder Barfuß-Schuhe zu benutzen.

Vielen Dank für das interessierte lesen und miterleben in dieser Erzählung, wer mehr wissen möchte darf sich gerne hier informieren.

Die Bergfreunde im Kleinwalsertal

Hüttengaudi à la Bergfreunde

14. September 2017
Die Bergfreunde

Es ist Freitagnachmittag, kurz nach 15:30 Uhr. Knapp oberhalb von Mittelberg im Kleinwalsertal, an einem kleinen Wanderparkplatz, rollen 24 Bergfreunde leicht genervt mit den Augen. Kollege Boris zieht sich gefühlt zum dritten mal um, während der Rest der Truppe ungeduldig mit den Hufen scharrt. Schließlich macht die Küche auf der Hütte auch irgendwann zu und hungrige Bergfreunde sind gemeinhin keine netten Bergfreunde.

Vor allen Dingen nicht, wenn man mit der gesamten Truppe im Matratzenlager nächtigt. Lagerkoller wäre da vorprogrammiert. Glücklicherweise bleibt uns das erspart, denn etwa dreieinhalb verschwitzte Stunden später stehen wir mit versammelter Mannschaft auf der Sonnenterrasse der Fiderepasshütte, die für die nächsten Tage unsere Heimat sein wird.

Endlich wieder da, wo wir hingehören

Nämlich mitten rein in die Berge. Erstmal stärken wir uns bei einem leckeren Abendessen (Brühe mit Grießnockerln, Braten mit Speckknödel und Sauerkraut, Germknödel mit Vanillesoße) und lauschen dabei dem Gewitter, das um uns herum tobt. Durch die Fenster sieht man die Berge immer wieder kurz aufblitzen, während die Donnerkeile durch den Himmel zucken. Faszinierend, aber auch ein bisschen beängstigend. Zum Glück sitzen wir in der gemütlichen Gaststube. Dennoch, die Laune wird dadurch nicht unbedingt aufgeheitert, denn der Wetterbericht ist nicht nur für den heutigen Abend eher unschön. Auch der Samstag soll verregnet und nass werden.

Doch noch bevor wir uns darüber zu viele Gedanken machen können, ereilt uns der Ruf der Müdigkeit und wir schlurfen langsam in Richtung Matratzenlager, das wir mit der gesamten Mannschaft belegen. Eine Hand voll Kollegen macht sich noch auf, die einzige Dusche der Hütte in Beschlag zu nehmen, bevor endgültig zur Hüttenruhe geblasen wird. Ich selbst schleiche nochmal kurz zu einer Außentür und strecke vorsichtig den Kopf raus, was sich nicht wirklich als gute Idee herausstellt. Jedenfalls kann ich mir jetzt die Dusche sparen.

Zurück im Matratzenlager erwartet meine Geruchsnerven schon der wohlig einlullende Geruch aus eingetrocknetem Schweiß und leicht müffelnden Socken. Eines steht jetzt schon fest: Willst du deine Kollegen mal richtig gut kennen lernen, verbringe ein Wochenende mit ihnen im Matratzenlager.

Katzen und Hunde

Bildlich gesprochen: Es regnet Katzen und Hunde. Es war vorhergesagt und es kam so. Die trüben Mienen beim Frühstück entsprechen der Aussicht aus dem Fenster. Eigentlich wollte heute ein großer Teil der Gruppe den Mindelheimer Klettersteig unter die Sohlen nehmen, aber so wie es da Draußen aussieht, ist das nicht unbedingt eine gute Idee.

Aber wir wären ja nicht die Bergfreunde, wenn wir nicht einen Plan hätten: Für den Nachmittag ist eine Wetterbesserung in Sicht. Also wird erstmal zur Mindelheimer Hütte gewandert und wenn es später tatsächlich aufklart, geht eben der Rückweg über den Steig.

Zurück im Lager raschelt es heftig, als alle ihre Regenbekleidung auspacken und sich ordentlich einpacken. Neben dem regnerischen Wetter machen uns auch noch die einstelligen Temperaturen zu schaffen, aber da wir ja bestens ausgerüstet sind, kann uns natürlich kein Wässerchen trüben. Und spätestens als auch die letzten müden Augepaare die Wolkenfetzen erblickt haben, die sich malerisch um die Berggipfel winden, ist die allgemeine Stimmung wieder munter.

Der Großteil der Crew macht sich also auf zur Mindelheimer Hütte. Ich hingegen schnappe mir die Kollegen, die vom Vortag noch etwas müde sind und wir machen eine etwas abgespeckte Tour über einen schönen Panoramaweg unweit des Fiderepass, auf dem uns zahlreiche schwerfällige Paarhufer erwarten und kritisch beäugen als wollten sie sagen „Wer zur Hölle wandert bei so einem miesen Wetter?“. Na, wir natürlich!

Nur zwei Stunden später sitzen wir schon wieder in der warmen Stube und vertreiben uns die Zeit mit Gesellschaftsspielen, Apfelstrudel und Heißgetränken. Erst am späten Nachmittag kommt der Rest der Truppe von der Mindelheimer Hütte zurück. Ohne Klettersteig. Das Wetter war einfach zu schlecht und unnötige Risiken müssen wir auch nicht eingehen.

Langsam füllt sich die Hütte mit immer mehr Wanderern, die dem unwirtlichen Bergwetter entfliehen. Dementsprechend gibt es eine deutliche Überbelegung am Abend und im Gastraum sitzen wir Schulter an Schulter, während am Nachbartisch eine große Gruppe aus dem Schwarzwald Schnäppschen am laufenden Band runterkippt und dabei aus voller Kehle Trinklieder anstimmt. Doch plötzlich herrscht Aufruhr. Die Personen, die am Fenster sitzen schauen ungläubig nach Draußen. Tatsächlich: Die Sonne bricht durch die Wolken. Das verheißt viel Gutes für morgen!

Nach einem weiteren leckeren Abendessen (Tomatensuppe, Gulasch mit Schupfnudeln, Topfenknödel mit Nougatfüllung) und einer guten Stunde Beschallung schmeißen wir uns nochmal in Schale, schnallen die Stirnlampen auf den Kopf und spazieren ein wenig um die Hütte. Die kalte Nachtluft und die gefüllten Mägen sorgen schnell für schläfrige Stimmung und so entschwinden die 25 Bergfreunde wieder schnell im Land der Träume.

Ein versöhnlicher Abschied

Und tatsächlich: Der Morgen beginnt deutlich freundlicher als der vorherige. Gut, viel schlechter geht auch fast nicht. Aber wir freuen uns sehr, dass wir heute zumindest ein paar Sonnenstrahlen abbekommen, auch wenn es nicht viel wärmer ist als am Vortag. Noch schnell Frühstück zwischen die Kiemen schieben, den Rucksack packen und pünktlich um 8:30 Uhr steht die Schar zum Abstieg bereit.

Allerdings verläuft dieser heute auf Umwegen. Während unsere Klettersteiger endlich doch noch den Mindelheimer gehen, entscheidet sich der Rest der Truppe für eine längere Abstiegsvariante über die Kuhgehrenspitze und die Kanzelwand. Es ist natürlich reiner Zufall, dass wir bereits nach eineinhalb Stunden erneut Halt machen und uns an der inneren Kuhgehrenalpe äußerst leckeren Kuchen schmecken lassen. Und die Aussicht ist auch nicht von schlechten Eltern.

Trotz des guten Wetters und des angenehmen Tempos wird die Stimmung in der Gruppe mit der Zeit etwas trüber und es liegt wieder einmal an mir, den Entertainer zu spielen. Also packe ich meine besten Witze aus und entlocke den müden Gesichtern wieder das ein oder andere Lächeln – ob aus Resignation oder tatsächlicher Freude über den Witz ist ja nun egal. Aber bei Knallern wie: Kommt ein Pferd in den Blumenladen und fragt „Haben sie Magheritten?“ bleibt fast kein Auge mehr trocken!

Insgesamt sind wir nochmal gut sechs Stunden unterwegs und es ist wohl unserem äußerst guten Team-Zusammenhalt geschuldet, dass wir fast zeitgleich mit den Klettersteiggehern am Parkplatz ankommen – auf jeden Fall muss es irgend ein 6. Bergfreunde-Sinn sein.

Da es inzwischen schon Nachmittag ist und wir alle sehr hungrig sind, fallen wir mit der Meute noch im nahe gelegenen Gasthof ein. Bei Käsespätzle und Kaiserschmarrn lassen wir das Wochenende revue passieren. Es spricht wohl für sich, dass trotz des engen Raumes, der „menschlichen“ Gerüche und meiner atemberaubenden Witze, kein Anzeichen von Lagerkoller aufkam. Wir beschließen einstimmig, dass wir die ganz schlimmen Stories für immer unter den kratzigen Wolldecken des Matratzenlager begraben und die Aktion zu gegebener Zeit wiederholen!

Bergfreunde Lieblingsplätze Mädlesfelsen Titel

Die Lieblingsorte der Bergfreunde: Zuhause ist es doch am schönsten

18. August 2017
Die Bergfreunde

Willst du immer weiter schweifenSieh, das Gute liegt so nah“ heißt es in Goethes Erinnerung. Eine Weisheit, die auch die Bergfreunde hoch halten. Freilich zieht es einige von uns in die große weite Welt, viele andere wiederum fühlen sich am Albtrauf, im Schwarzwald oder am Thüringer Meer genauso wohl, wie unter Palmen, auf Vulkanen oder in Canyons. Heute führen euch Die Bergfreunde Natalie, Tina, Norma und Jörn durch die schöne Heimat. Los geht’s bei den Bergfreunden um die Ecke:

Bergfreundin Tina (Kundenservice): Der Mädlesfelsen

Der Ausblick auf meine Heimat ist einfach atemberaubend – mir Schwoba hen’s scho schee.

Wenn man von Reutlingen oder Tübingen über die bewaldeten Erhebungen der schwäbischen Alb blickt, fällt einem bei guter Sicht schnell eine kalkweiße Stelle ins Auge, die die Bäume des Albtraufs durchbricht. Schaut man nicht so genau hin könnte man meinen, es handele sich hier um eine Burg oder Wehranlage, wie es sie zuhauf auf der schwäbischen Alb gibt.

Doch weder noch. Der weiße Flecken Fels hört auf den Namen „Mädlesfelsen“, liegt auf 774 m und ist ein wunderschöner Aussichtspunkt oberhalb von Pfullingen bei Reutlingen. Sein Namen entstammt einer alten Sage, nach der ein junges Mädchen sich mit einem beherzten Sprung vom Felsen vor einem finsteren Bösewicht in Sicherheit bringen konnte. Wenn das Wetter gut ist, kann man hier einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben, wie es zum Beispiel die Bergfreunde Johannes, Thomas, Jörn und Sven auf dem Bild getan haben, und sich danach noch ein paar schwäbische Spezialitäten im nahe gelegenen Restaurant schmecken lassen!

Bergfreundin Natalie (Marketing): Der Schluchsee

Mein Opa hat da sein Bienenhäusle ganz versteckt im Wald :)

Unweit des Feldbergs liegt der mit einer Wasseroberfläche von 5,14 km² größte See des Schwarzwalds: Der Schluchsee. Sicherlich, absolut kein Geheimtipp, aber alle mal ein schönes Fleckchen Erde, das für Bergfreundin Natalie ein kleines Stück Heimat ist, das sie gerne bei jeder sich gebenden Gelegenheit besucht – nicht nur um den Honig von ihrem Großvater zu genießen.

Egal ob zum Wandern, zum Biken oder einfach um die Natur zu genießen – rund um den Schluchsee ist jede Menge geboten. Außerdem ist der Schluchsee Teil des Schluchtensteigs, der über 120 km einmal quer durch den Südschwarzwald führt. Und in Schluchsee, dem gleichnamigen Ort direkt am Ufer des Gewässers, soll es angeblich ziemlich gutes Eis geben.

Bergfreundin Norma (Personal): Hohenwartetalsperre

Es gibt dort einen super schönen und wenig begangenen, 80 km langen Rundwanderweg. Zwischendurch kann man immer mal wieder baden, Stand-Up-Paddling machen oder ein Eis/ eine Thüringer Bratwurst essen. Zudem ist der Wanderweg echt abwechslungsreich. Es geht immer schön Berg hoch und runter und durch einen still gelegten Zugtunnel – ein echtes Highlight!

Gleich noch ein See – aber diesmal in einer ganz anderen Ecke: Im schönen Thüringen. Mit 7,3 km² ist der Hohenwarte-Stausee (auch Hohenwartetalsperre oder Thüringer Meer) noch ein gutes Stück größer als der Schluchsee, aber nicht weniger schön. Gleichzeitig ist die Talsperre auch die Viertgrößte ihrer Art in Deutschland. Außerdem verkehrt auf dem See die einzige Autofähre Thüringens.

Der von Bergfreundin Norma benannte Wanderweg gehört zu den Prädikatswanderwegen „Wanderbares Deutschland“ und führt – wer hätte es vermutet – einmal um das Thüringer Meer. Zahlreiche Campingplätze, Gasthöfe und Pension ermöglichen eine gute Planung der Route, die man lieber auf mehreren Etappen absolviert, um die zahlreichen wunderschönen Eindrücke nicht zu verpassen.

Bergfreund Jörn (Marketing): Der Große Feldberg (Taunus)

Mein Schicksalsberg und immer wieder gerne besucht, wenn ich zu Besuch in der Heimat bin.

Als gebürtiger Hesse hat man es nicht leicht, wenn man aus der falschen Ecke kommt. In der Wetterau beispielsweise, dort wo Bergfreund Jörn aufgewachsen ist, ist alles ziemlich flach. Wenn man nun gerne Trails läuft oder bewandert, gibt es zwischen Äckern und Seen derlei wenig. Man hat dann zwei Möglichkeiten: Entweder man fährt in den Vogelsberg oder in den Taunus. Da man den Vogelsbergern aber nachsagt, dass sie kein Autofahren können, und man sich ja nicht unnötig in Gefahr begeben möchte, wählt man also den Taunus.

Dort heißt das Ziel in den allermeisten Fällen: Großer Feldberg! Mit sage und schreibe rund 880 m überragt er das Frankfurter Umland deutlich und ist nicht nur dank der hervorragenden Aussicht ein stark frequentiertes Ausflugsziel. Auf dem gesamten Bergmassiv finden sich viele alte Römerruinen, die man bei einer gemütlichen Wanderung erkunden kann. Und nach der Anstrengung „genießt“ man im Restaurant am Gipfel einen „Handkäs mit Musigg“ zusammen mit einem leckeren „Schöppsche Appelwoi“. Prost!

Schicksalsberg übrigens deshalb, weil Jörn hier seine ersten Versuche als Trailrunner gestartet hat – inzwischen neben dem Triathlon seine zweite Lieblingssportart.

WAS SIND EURE LIEBLINGSPLÄTZE?

Habt ihr auch einen Ort, an dem ihr entweder gerne viel Zeit verbringt oder der euch anderweitig in Erinnerung geblieben ist? Dann lasst gerne einen Kommentar da und erzählt anderen Bergfreunden von euren Touren. Wir freuen uns schon drauf!

Die Lieblingsplätze der Bergfreunde

Die Lieblingsplätze der Bergfreunde: Janz weit draußen!

3. August 2017
Die Bergfreunde

So ein Bergfreund kommt ganz schön rum: Egal ob Waipi’o Valley auf Hawaii, die High Sierras in Californien, der Kings Canyon in Australien oder der Vulkan Visoke in Ruanda – kein Ort dieser Welt ist sicher vor uns! Ok, wir übertreiben ein wenig, aber da draußen gibt es einfach so viel zu entdecken, dass wir auf dem Bürostuhl sitzend manchmal ganz hektisch mit den Hufen scharren, weil wir wieder einmal die große weite Welt erkunden müssen! Und weil wir nach unseren Touren natürlich auch was zu erzählen haben, verraten euch die Bergfreunde Johanna, Sandra, Christian und Matthias heute ihre persönlichen Lieblingsplätze! Die sind zwar nicht gerade um die Ecke, aber definitiv eine Reise Wert!

Bergfreundin Johanna (Marketing): Waipi’o Valley, Hawaii 

Ein besonderer Ort, den ich mit der wohl anspruchsvollsten Wanderung meines (bisherigen) Lebens verbinde. Stundenlang durchs Dickicht, über Felsen klettern und durch den Fluss schwimmen oder waten – ohne Wegmarkierungen oder Landkarte. Am Ende des Tals angekommen, völlig durchnässt und frierend, aber um einiges abenteuerlustiger und reicher :-)

Das Waipi’o-Tal liegt – wie im Titel schon angedeutet – auf Hawaii, genaugenommen auf der größten Insel des Archipels, die inoffiziell „Big Island“ genannt wird. Waipi’o heißt frei übersetzt „kurviges Wasser“. Das Tal ist gesäumt von sattgrünen Hängen und zahlreiche Wasserfällen, die turmhoch von den Klippen fallen und den Fluss speisen, der letztlich ins Meer mündet.

Einst war hier das politische und religiöse Zentrum Hawaiis, heute bewohnen noch etwa 100 Bewohner das Tal. Der höchste Wasserfall Hiilawe misst übrigens knapp 400 Meter – beeindruckend!

Die Wanderung und Erkundung des Waipi’o Valley ist – wie ihr aus Johannas Beschreibung entnehmen könnt – durchaus anspruchsvoll. Zwar kann man ein gutes Stück mit dem Auto (Offroad-Tauglichkeit vorausgesetzt) zurücklegen, aber irgendwann geht es dann nur noch zu Fuß weiter.

Man muss wohl nicht extra erwähnen, dass die Aussicht und der wundervolle Strand die Strapazen mehr als wettmachen. Auf der offiziellen Hawaii-Webseite gibt es weitere Infos zum Waipi’o Valley (englisch).

Bergfreund Christian (Kundenservice): Der Visoke in Ruanda

Unberührte Natur, noch nicht richtig touristisch eingeschlossen. Wie grün es auf 3700 höhe sein kann ist der Wahnsinn. (Bergregenwald). Der Gipfel kann innerhalb eines Tages von der ruandischen Seite aus erreicht werden. Der Kratersee ist die Krönung der Tour!

Mit 3700 m Höhe ragt der Vulkan Visoke (auch: Bisoke oder Bisoko) deutlich aus der Virunga-Vulkangruppe heraus. Der Gipfel ist meist in Nebel gehüllt und an den Hängen findet sich ein Bergregenwald sowie eine alpine Wiesenlandschaft. Der Kratersee ist der größte der Gebirgskette. Der Visoke liegt an der Grenze von Ruanda und dem Kongo und gleichzeitig in zwei Nationalparks. Hier leben die letzten Berggorillas, deren Bestand akut gefährdet ist. Die US-amerikanische Zoologin Dian Fossey, deren Leben im Film „Gorillas im Nebel“ verfilmt wurde, gründete hier das Karisoke Research Center, dass sich der Erforschung dieser sanften Giganten widmete.

Von der ruandischen Seite kann der Gipfel innerhalb eines Tages erreicht werden. Außerdem bieten die hiesigen Guides auch Gorilla-Touren an, die dann zwei oder mehr Tage andauern. Die Touren werden so gestaltet, dass sie die Tiere nicht stören. Dafür werden pro Jahr nur eine sehr limitierte Anzahl an Genehmigungen verteilt und es müssen strikte Anweisungen befolgt werden. 20% der Einnahmen, die durch Genehmigungen generiert werden, kommen lokalen Projekten zugute. Hier findet ihr weitere Infos zum Visoke, zu den Berggorillas und Tourenmöglichkeiten (englisch).

Bergfreundin Sandra (Kundenservice): Kings Canyon, Australien

Die Ruhe und Einsamkeit genießen, in die unendliche Ferne blicken nach anstrengendem Aufstieg sind Weltklasse!

Vielleicht kein allzu riesiger Geheimtipp, aber definitiv eine Reise Wert: Der Kings Canyon in Australien. Er ist die Hauptattraktion des Watarrka-Nationalparks und sehr gut erschlossen, weshalb er von vielen Wanderern erkundet wird. So auch von Bergfreundin Sandra. Im Sommer sind die Temperaturen im australischen Red Centre, der rotsandigen Halbwüste im Zentrum des Kontinents in der der Canyon liegt, ziemlich hoch und können bis zu 38°C auf dem Thermometer erreichen, weshalb die beste Reisezeit im australischen Winter zwischen März und Oktober liegt.

Drei unterschiedlich lange Wanderwege führen durch den Canyon: Der Kings Creek Walk, mit lediglich 2,6 km (Hin- und Rückweg), ist recht entspannt und endet an einer Übersichtsplattform. Weitergehen ist übrigens untersagt, da der dahinterliegende Teil ein Heiligtum der australischen Ureinwohnern, den Aborigines, darstellt. Mit 6 km ist der Kings Canyon Ring Walk etwas länger und führt vor allem über das umliegende Plateau, von dem man einen großartigen Überblick über den Canyon hat. Der Kings Canyon ist auch der Ausgangspunkt für den Giles Track nach Kathleen Springs, der 22 km lang ist. Der Weg ist markiert und es besteht die Möglichkeit, überall zwischen Kilometer 3 und 20 zu campen. Wer sich hier heran wagt, kann sich auf ein weites Plateau mit schmalen Spalten und Schluchten sowie zahlreiche Domes freuen. Mit großer Wahrscheinlichkeit, hoppeln euch hier Bergkängurus über den Weg.

Bergfreund Matthias (Online-Technik): High Sierras, Californien

Can’t get much more remote than the high sierras.

„Abgeschiedener, als in den High Sierras, wird es nicht mehr“! Während seiner Wanderung auf dem Pacific Crest Trail ging es für Bergfreund Matthias auch durch die „High Sierras“ – besser bekannt als Sierra Nevada. Dazu muss man eigentlich nicht viel sagen: Yosemite Nationalpark, Lake Tahoe, Mammoth Lakes. Begriffe wie diese lassen das Herz eines jeden Wanderers und Bergfreunds höher schlagen – entschuldigt die platte Formulierung, aber so ist es nun mal! :)

Und auch wenn das Gebiet touristisch eigentlich gut erschlossen ist, so finden sich noch immer zahlreiche abgeschiedene Plätze, an denen man sich frei fühlen kann. An denen man kaum jemandem begegnet und auf Tuchfühlung mit Flora und Fauna gehen kann. Wenn ihr also mal wieder genug von den Menschen habt, dann nichts wie ab mit euch in die „High Sierras“ – wenn ihr das Grinsen von Matthias sehen könntet, wann immer er davon erzählt, würdet ihr nicht lange zögern!

Was sind eure Lieblingsplätze?

Habt ihr auch einen Ort, an dem ihr entweder gerne viel Zeit verbringt oder der euch anderweitig in Erinnerung geblieben ist? Dann lasst gerne einen Kommentar da und erzählt anderen Bergfreunden von euren Touren. Wir freuen uns schon drauf!

Bergfreundin Gaby im Interview

Bergfreundin Gaby – das wandelnde Berg-Lexikon

7. Juli 2017
Die Bergfreunde

Ich weiß noch, dass ich etwas verdutzt war, als mein Kollege Philip mit unserer neuen Kollegin Gaby die Runde durchs Bergfreunde-Büro machte. Verdutzt, weil dort eine Frau vor mir stand, die locker meine Mutter sein könnte. Was in dem Fall ganz wertfrei gemeint ist, aber unter der doch recht jungen Crew in jedem Fall heraus sticht. Wie sich herausstellt, ist Gaby aber ein echtes alpines Urgestein („Fossil“, wie sie selbst sagt), hat vermutlich mehr auf dem Kasten, als sämtliche Bergfreunde zusammen und kennt quasi die gesamte Szene wie ihre Westentasche. Toll, so jemanden an Bord zu haben. Noch toller, dass es in Zukunft eine regelmäßige Kolumne von Gaby geben wird, sowie natürlich weitere Artikel im Basislager-Blog. Damit ihr wisst, mit wem ihr es zutun bekommt, haben wir sie zum Antritts-Interview gebeten…

Hallo Gaby, herzlich willkommen bei den Bergfreunden. Ich weiß schon, dass Du viel zu erzählen hast, aber versuchen wir es erstmal mit dem Klassiker: Stell‘ dich bitte mit wenigen Sätzen vor:

Bergfreundin Gaby im InterviewIch bin ein alpines Fossil, das mit 16 Jahren auf seinen ersten Viertausendern im Montblanc Massiv stand. Danach war ich völlig „berg-verrückt“, jobbte in Chamonix noch vor dem Studium (Germanistik, Romanistik, Journalismus) und bin bis heute sehr gerne dort. Der rote Faden in meiner Biographie ist, auch auf beruflicher Ebene, das Thema Berg- und Outdoorsport mit dem Spezialthema Ausrüstung sowie Reisen. Natürlich habe ich bis vor wenigen Jahren alles noch selbst betrieben – vom Alpin- und Eisklettern über Skitouren, Canyoning, einigen wenige Expeditionen, Kanutouren in Alaska und Kanada, Tourguide etc. Ich bin ein steinreicher Mensch, wenn es um beeindruckende Naturerlebnisse geht.

Du bist seit kurzem Teil der Online-Redaktion. Was genau machst Du dort hauptamtlich?

Das, was ich seit zig Jahren mache, nämlich über Ausrüstung und Outdoorsport zu schreiben.

Wie gefällt es Dir bisher bei den Bergfreunden?

Es ist toll – schon wegen der vielen sympathischen Kollegen-/innen. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man von Anfang an von so vielen Kollegen-/innen, die viel jünger sind, so nett aufgenommen wird. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Zusammenarbeit und der Austausch machen mir viel Spaß, man kann viel voneinander profitieren. Abgesehen davon wird es bei uns nie langweilig, weil wir eine Uni aufmachen könnten mit all den hier vertretenen Studienabschlüssen und Fachgebieten. Gleichzeitig verbindet alle das Outdoor- und Bergsportgen, wie ich das gerne nenne. Da tickt man in vielen Bereichen ähnlich. Hinzu kommt das tolle Ambiente in diesem Fabrikgebäude, der Gratis-Kaffee, die stets sprudelnde Wasserquelle … Und auch sonst macht die Firma vieles, was mir richtig gut gefällt.

Deine Vita liest sich beeindruckend. Kein Wunder, du bist schließlich schon über 40 Jahren am Berg unterwegs und hast in dieser Zeit für sämtliche namhaften Magazine und überregionale Tageszeitungen geschrieben sowie eigene Bücher veröffentlicht und andere übersetzt. Auch zahlreiche Bergsportler hast du porträtiert. Gibt es da einen, an den Du Dich besonders gut erinnerst?

Jede(r), über den ich geschrieben habe, hat mich auf die eine oder andere Weise fasziniert. Mir ging es nie nur um die bergsteigerische Leistung. Mich interessiert viel mehr, was die Leute antreibt und motiviert. Ganz besonders hat mich der britische Bergsteiger Norman Croucher beeindruckt, der als doppelt Beinamputierter erfolgreich an den hohen Bergen der Welt (bis hin zu Achttausendern, ohne Flaschensauerstoff) unterwegs war. Er reiste mit Ersatzprothese im Gepäck, was oft für Irritationen beim Zoll und bei Gepäckkontrollen sorgte. Schon zu Beginn seiner alpinen Karriere musste er „die Mauern in den Köpfen“ überwinden, wie er das selbst treffend formulierte. Kein Bergführer wollte mit ihm aufs Matterhorn. Er ging trotzdem und steckte seine Ziele im Laufe der Zeit erfolgreich immer höher. Außerdem ist Norman sehr humorvoll und ein begnadeter Vortragsredner. Wir haben anlässlich seines 65. Geburtstags leichte Dreitausender miteinander gemacht – ich hatte Muskelkater vom Lachen. Dabei sammelte er Sponsorengelder für Oxfam.

Als Redakteurin und Journalistin kennst Du sicher fast jedes Buch, das nur ansatzweise mit Bergen zu tun hat. Gibt es eine absolute Leseempfehlung?

Oh je, da gibt es sehr viele Empfehlungen – je nach Interessen. Meine eigenen Lieblingsbücher sind zwei zurecht preisgekrönte Bücher „Mountains of the mind“ (Berge im Kopf) von Robert Macfarlane und Mountaineers (Bergsteiger) herausgegeben von Ed Douglas im Auftrag des British Alpine Club. Darin geht es um die Geschichte des Bergsteigens, die Entwicklung der Ausrüstung, den Einfluss der Wissenschaften und wie sich dadurch das Bild der Berge in den Köpfen im Laufe der Jahrhunderte geändert hat. Als reine Lektüre gefallen mir die Stories von Greg Child sehr gut, darunter Mixed Emotions.

Ferner von James Salter „In der Wand“ und „Selig wer in Träumen stirbt“ von Robert Steiner. Von meiner Kollegin Christine Kopp gibt es zwei Bände mit Kurzgeschichten und Erzählungen, die eine bis dato seltene weibliche Perspektive beim Bergsteigen aufzeigen: „Schlüsselstellen“ und „Betsy Berg“. Und wer gerne Krimis liest, dem empfehle ich die Kletter- und Bergkrimis von Irmgard Braun, ohne bislang auch nur einen davon gelesen zu haben. Sie schreibt als Alpinjournalistin gut, ist Mathematikerin (Logik) und eine ausgezeichnete Bergsportlerin. Das passt bestens.

Welches ist Deine liebste Bergregion?

Keine Frage: Das Massif du Mont Blanc! Eis und Urgestein waren von Anfang an mein Ding. Auch im Wallis habe ich früher sehr viele Touren gemacht. Ich liebte klassische Nordwände. Dolomiten, Karakorum, Nepal und die Berge Südamerikas fand ich auch total beeindruckend. Begeistern konnte ich mich aber auch für die stillen Winkel der Allgäuer Alpen, wo ich lange gelebt habe. Jede Bergregion hat einen speziellen Reiz.

Deine drei Lieblingsartikel aus dem Shop?

Oh je, auch da gibt es viele. Ich kann mich heute noch völlig begeistern für moderne Eisgeräte, praktische Tools und eindrehbare Eisschrauben – auch wenn ich die wohl selbst nicht mehr brauche. Oder leichte, sehr funktionale, dennoch robuste Zelte. Hinzu kommt tolle Funktionsbekleidung … Wer wie ich seit Jahrzehnten die Entwicklung der Bergsportausrüstung aktiv miterlebt hat, der ist und bleibt begeisterungsfähig, wenn ein Teil richtig klasse ist.

Gibt es etwas, das du den Bergsportlern aus deinem reichen Erfahrungsschatz mitteilen möchtest?

Jeder, der anspruchsvolle Bergtouren macht, sollte sich unbedingt intensiv mit Bergrettungstechniken und Erster Hilfe beschäftigen. Das ist ein Muss. Man hat im Notfall die Verantwortung für seinen Seilgefährten und kann sich mit entsprechendem Knowhow auch selbst helfen. Das galt früher und gilt auch heute noch im Zeitalter von Handy und Hubschrauberbergung mit Longline. Und wer es bisher noch nie gemacht hat: Geplante Biwaks sind herrlich – im Winter und im Sommer. Heute ist – auch dank hervorragender Ausrüstung – alles so viel einfacher als früher!

Bergfreund Markus beim Lavaredo Skyrace

Auf den Spuren von Inspektor Clouseau und Toni Sailer beim Lavaredo Ultratrail

6. Juli 2017
Die Bergfreunde

Würde es nur Raum aber keine Zeit geben, könnte man beim „The North Face Lavaredo Ultratrail“ eine Menge interessanter Personen treffen. Der genannte Wettbewerb ist eine viertägige Laufveranstaltung im Herzen der Dolomiten mit dem Start- und Zielort Cortina d’Ampezzo. Diese Kleinstadt mit knapp 6000 Einwohnern war in der Vergangenheit Schauplatz für viele legendäre Sportevents und filmische Meisterleistungen.

Toni Sailer wurde 1956 dreifacher Olympiasieger, bevor sich an gleicher Stelle, aber sieben Jahre später, Peter Sellers als Inspektor Clouseau eine spannende Verfolgungsjagd mit dem Phantom lieferte. In diese illustre Runde reihten sich danach Roger Moore mit dem Bond-Film „In tödlicher Mission“ und Sylvester „Cliffhanger“ Stallone mit seinen Doubles Wolfgang Güllich und Ron Kauk ein. Darüber, wie wichtig diese Ereignisse für unsere Menschheit sind und ob Laufveranstaltungen ohne die Dimension Zeit überhaupt möglich wären, kann man stundenlang nachgrübeln. Eine ideale Nebenbeschäftigung für Ultraläufe!

Ich hatte das Glück, dass sich der Lavaredo-Hauptsponsor „The North Face“ mit seiner VIP-Invitation nicht an solche Berühmtheiten richtete, sondern mich als gewöhnlichen Bergfreund einlud. Meine Mission sollte es sein, an einem von drei Laufwettbewerben teilzunehmen. Zur Auswahl standen das Skyrace mit 20 km (1000 Hm), der Cortina Trail mit knapp 48 km (2600 Hm) und die Königsdisziplin Ultratrail mit 120 km (5850 Hm). Außerdem konnte ich mich zu einem umfangreichen Rahmenprogramm melden, bei dem u.a. die  neue „Flight Series“ (Bekleidung) und „Ultra Series“ (Footwear) getestet werden konnte. Die Einladung versprach, dass ich mich einzig und alleine um die Anreise kümmern musste. Das war auch gut so, da es schon Mitte Mai war und der Event vom 22. bis 25. Juni stattfinden sollte – jetzt war trainieren angesagt.  Nicht nur wegen der knappen Vorbereitungszeit war meine Entscheidung schnell gefällt: Das Skyrace sollte es sein!

Neue Herausforderungen

„Try again“ feuert mich Cristina vom Organisationsteam an. Mein Puls ist knapp an der anaeroben Schwelle und erste Schweißperlen stehen auf der Stirn. Ärgerlich nur, dass ich mich nicht am ersten, selektiven Steilaufschwung der Skyrace-Strecke , sondern zu Hause vor dem Computer befinde. Eine Woche vor dem Lauf empfing ich eine Mail mit dem Betreff „Skyrace – Urgent Registration Markus Schenk“. Innerhalb eines Tages soll ich mich nun anmelden und ein sportmedizinisches Zertifikat beschaffen!? Bin ich nicht schon seit vier Wochen als Gastläufer gemeldet? Eifrig starte ich die Registrierung bei enternow.it und gebe sämtliche Daten von mir preis.

Wollen die jetzt im Ernst auch meinen Schulabschluss wissen? Egal. Natürlich gebe ich ehrlich Auskunft. Jetzt nur noch schnell den 16-stelligen (!) Freischaltecode eintippen und ich bin fertig. Aber wo gibt es ein passendes Textfeld? Verzweifelt versuche ich, mich in die inzwischen gesperrte Registrierung  für das Skyrace einzuloggen. Kein Erfolg, dafür hilfreiche Tipps per Mail: „It works! Please try it again.“ Warum ich dann nicht einfach direkt auf die Startliste gesetzt werde, wird ein ewiges Geheimnis der Veranstalter bleiben. Nach zehn Mails und einem verplempertem Vormittag treffe ich folgende Entscheidung: Kapitulation.

Never stop exploring

Werbeslogans brennen sich ins Hirn ein und steuern unbewusst das menschliche Handeln. Deshalb sitze ich gerade bei 35° Celsius auf meinem Motorrad und versuche, das Pustertal möglichst schnell hinter mich zu bringen. Muss man einmal kurz anhalten, erhitzt sich das  Kühlwasser hurtig Richtung Siedepunkt, was aber zuverlässig vom Kühlerventilator unterbunden wird. Schade, dass dieser Luftstrom nicht auch unter meine schützende Lederkombi strömt, die mir momentan völlig fehl am Platze erscheint. Sehnsüchtig wandert mein Blick Richtung Dolomiten, über denen sich inzwischen imposante Gewitterwolken bilden. Die schattigen Gebirgstäler werden mir die verdiente Abkühlung bringen!

Ganz so drastisch ist der Wechsel zur kühlen Gebirgsluft aber doch nicht. Selbst auf den über 3000 m hohen Gipfeln sind nur wenige Schneereste zu erkennen, als ich von Toblach Richtung Passo di Cima Banche fahre. Nur unterhalb der Nordwand des Monte Cristallos und in der steilen Innerkofler-Rinne halten sich hartnäckig ein paar Firnreste.

Was ich hier mache? Ich habe mich dazu entschlossen, zwei Tage vor dem Skyrace nach Cortina anzureisen. Auch ohne Teilnahme am Lauf  lässt es sich in den Dolomiten prima leben und – wer weiß – vielleicht bekomme ich doch noch eine Chance, an die Startlinie zu treten. Mein Joker sind schließlich die VIP-Invitation und Jessica von The North Face, die im Hintergrund versucht, doch noch einen dieser exklusiven Startplätze für mich zu ergattern. Meine Hoffnung wird geschürt, als ich die Nachricht erhalte, dass eventuell eine Teilnahme außer Konkurrenz möglich ist. Wäre ja auch gemein gewesen, wenn mir das Laufen in Cortina generell verboten wird!

Telefonieren unter der Tofana

Du musst wissen, dass ich sehr ungern Mobiltelefone benütze. Wenn ich mein veraltetes Telefon aus der Tasche ziehe, handelt es sich entweder um einen Notfall oder es ist unterwegs etwas vorgefallen, das weitere Absprachen unausweichlich macht. Durch geschickte Planung versuche ich, den Nachrichtenaustausch bei Ausflügen in die Berge auf ein Minimum zu reduzieren. Alles in allem verwende ich dieses raffinierte Gerät also so, wie es der ursprüngliche Gedanke war. Aber jetzt pass‘ auf. In dieser Urlaubswoche rückte ich ein ganzes Stück von meinen Grundsätzen ab und stellte einen persönlichen SMS-Rekord auf!

Doch alles der Reihe nach. Nach meiner Ankunft in Cortina, schlage ich mein Zelt auf dem Campingplatz „Olympia“ auf, der an einem idyllischem Ort unterhalb der Tofana di Dentro liegt. Mein Plan ist es, möglichst viele Eindrücke von dem Laufevent zu sammeln. Dazu gehört auch die Erkundung der Strecken zu Fuß – zumindest partiell. Einen großen Teil des Ultratrails fahre ich jedoch mit dem Finger auf der Karte ab, wobei mir einzelne Abschnitte von früheren Läufen bekannt sind.

120 Kilometer in wenigen Sätzen

Die Trailrunner umrunden, ausgehend von Cortina, mehrere Berge und kleinere Gebirgsgruppen. Die 40 km lange Einführungsschlaufe schlängelt sich entlang der Tofana di Mezzo und dem nordöstlich davon gelegenen Monte Cristallo, bevor einer der reizvollsten Abschnitte beginnt: Nach dem Rifugio Auronzo werden die Drei Zinnen (di Lavaredo) umrundet- leider geschieht dies für die führenden Läufer noch bei Nacht. Weiter geht es durch das Val Della Rienza zur Verbindungsstraße nach Toblach, parallel zu dieser läuft man wieder ein Stück Richtung Cortina. Wohlgemerkt sind es zu diesem Zeitpunkt immer noch 50 km bis ins Ziel. Die Läufer streifen dann knapp das Gebiet der Senneshütte. Von dort aus treffen sie auf die Strecke des Cortina Trails und werden westlich der Tofana die Mezzo direkt zum Falzaregopass geführt. Jetzt sind es „nur“ noch 25 km bis Cortina, das über den Passo Giau und das Rifugio Croda da Lago erreicht wird.

Das Niveau auf den vorderen Plätzen ist bei den Frauen und Männern extrem hoch. Dies wird schon dadurch deutlich, dass aktuell versucht wird, den Streckenrekord auf unter 12 Stunden zu drücken. Auf dieser Distanz durchschnittlich 10 km/h zu laufen und das bei 5800 Hm, spricht für sich! Daraus ergibt sich aber auch eine große Streuung bei den gemeldeten 1500 Teilnehmern. Schon bei Km 28 gehen die Veranstalter von 3 Stunden Zeitdifferenz vom ersten bis zum letzten Läufer aus. Im Ziel wird diese Abstand auf bis zu 17 Stunden ansteigen…

Sie haben eine neue Nachricht

Nach einem 12km-Dauerlauf und dem Einholen von Infos zum Ultratrail, hatte ich schon wieder einige Anrufe verpasst. Bei einer Tasse Kaffee checke ich die fünf neuesten Nachrichten. Mist, die zugeteilte Betreuerin von North Face reist jetzt doch nicht an! Dafür wird nach dem Skyrace eine Ersatzbetreuerin eintreffen, die mich in Empfang nimmt. Infos zum Start erhalte ich am nächsten Tag gegen Mittag. Aber das ist doch kurz vor dem Start zum Skyrace!? Ich bin genervt.

Eine mögliche Reaktion auf diese Neuigkeiten wäre gewesen, einfach loszuheulen. Ich entscheide mich für die etwas erwachsenere Variante und werde trotzig. Noch einen Tag mit abwarten verbringen und womöglich weitere Enttäuschungen erleben kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich werde vormittags alleine die Skyrace-Runde laufen, bei angenehmeren Temperaturen und mit ausreichend Zeit, um ein paar Bilder zu machen. Außerdem gehe ich auf Nummer sicher und bleibe auf dem schönen Campingplatz in meinem Zelt. Wer weiß, ob wirklich eine Unterkunft für mich gebucht ist?

Skyrace solo

Die Skyrace-Strecke entpuppt sich als anstrengend und heiß. Die ersten drei Kilometer auf einem Radweg sind flach, bevor der Weg in einem Waldstück 400 Hm ziemlich direkt zu einem Geröllfeld führt, das sich unterhalb des Crep de Zumeles entlang zieht. Dieser gut 2000 Meter hohe Bergkamm ist dem Monte Cristallo vorgelagert. An diesem südöstlich ausgerichteten Hang ist es schon in den Morgenstunden extrem warm und ich verliere bestimmt zwei Liter Wasser als ich mich die restlichen 600 Hm zum Passo son Forca hoch quäle.

Nach diesem Kulminationspunkt geht es die verbleibenden 7 km überwiegend bergab bis zum Ziel in der Fußgängerzone von Cortina. Gute Läufer brauchen für diese knapp 20 km lange Runde 1:40 h, ich habe mir inklusive Pausen zum Fotografieren und Trinken fast zweieinhalb Stunden  Zeit gelassen. Trotzdem war es eine harte Laufeinheit! Der obligatorische Telefonanruf blieb nicht aus: Am höchsten Punkt der Strecke bekomme ich von Ricardo, dem Eventmanager von North Face eine SMS mit dem Inhalt: „Are you ready to register for skyrace? Ich ringe mir nur ein kurzes, müdes Lächeln ab.

Abends stehen dann 350 Läuferinnen und Läufer am Start. Natürlich schaue ich mir das Rennen an und fiebere mit den Athleten mit – auch wenn es mir schwer fällt. Überragend ist die Siegerzeit vom Italiener Eddj Nani, der mit großem Abstand in 1:37h das Rennen gewinnt. Insgesamt bleiben fünfzehn Läufer unter der 2h-Marke, kurz darauf läuft die erste Frau Mara Yamauchi (GBR) über die Ziellinie. Meine Zeit hätte immerhin für eine Platzierung unter den ersten Hundert gereicht…

Never stop eating

Zufrieden sitze ich freitagabends im Restaurant „Ra Stua“ in Cortina vor einer Platte mit italienischen Spezialitäten. Neben mir steht ein Glas Bier und mein Gaumen ist verdutzt über die Qualität der Nahrung. Bisher hatte ich mich von einem Pack Nudeln und zwei verschiedenen Tomatensoßen ernährt. Die Variationsmöglichkeiten beim Abendessen waren eingeschränkt. Kaum zu glauben, aber ich habe  mich doch noch mit der North-Face-Reisegruppe getroffen. Carola und Sonja von der Niederlassung München laden zum Essen ein, bevor um 23 Uhr der Ultratrail gestartet wird.

Nachdem die vergangenen Tage von sportlichen Aktivitäten geprägt waren, lag der Schwerpunkt ab diesem Zeitpunkt beim Carboloading. Da ich in diesem Bereich Nachholbedarf hatte, ließ ich mich verwöhnen, ohne dass sich schlechtes Gewissen einstellte. Draußen füllten sich mittlerweile die Gassen von Cortina mit Sportlern, die ihre letzten Vorbereitungen für den Lauf trafen und aufgeregt durcheinander wuselten. Diese besondere Atmosphäre zog uns rechtzeitig zum Startbereich, der direkt an der Basilica dei Santi Filippo e Giacomo liegt.

Manch einem mag diese seltsame Startzeit ungewöhnlich erscheinen, aber viele Ultraläufe finden in der Nacht statt. In der Schlussphase von solch einem Rennen ist sowohl Körper als auch Psyche extrem geschwächt, weshalb es besser ist wenn man in den Sonnenaufgang läuft. Sonnenuntergang und „Mann mit dem Hammer“ wären eine ganz schlechte Kombination! Zudem ist es für Zuschauer und Läufer ein ganz besonderer Moment, wenn 1500 Läuferinnen und Läufer bei Nacht mit Stirnlampen loslaufen.

Laufen statt schlafen

Nicht jedermann darf beim Lavaredo Ultratrail teilnehmen. Die  Läufer müssen sich bei ausgewählten Wettbewerben qualifizieren, was über ein spezielles Punktesystem geschieht. Damit soll u.a. verhindert werden, dass sich Teilnehmer einschreiben, die diesen Strapazen nicht gewachsen sind. Auch die relativ hohe Zahl an Finishern lässt sich dadurch erklären: Dieses Jahr schafften es  1064 Läuferinnen und Läufer vor dem Zielschluss am Sonntag um 5.00 Uhr ins Ziel.

Mich fasziniert dabei jegliche Leistung in diesem weit gefächerten Teilnehmerfeld. Die ersten Läufer sind wahnsinnig schnell unterwegs und wären vermutlich auch bei kürzeren Distanzen auf vorderen Platzierungen zu finden. Was der Ansporn der hinteren Läufern ist, kann ich nicht vollständig nachvollziehen, mich beeindruckt jedoch der Wille, der einen Menschen 30 Stunden in Bewegung hält.

Schon allein deshalb stehe ich mit Gänsehaut an der Strecke als die Läuferschar Cortina verlässt. Schnell steige ich auf mein Motorrad, fahre zurück zum Campingplatz und jogge zu einem gut erreichbaren Platz an der Strecke. Als die ersten Läufer vorbei kommen, sind außer mir nur vier weitere Zuschauer und drei Streckenposten von der Bergwacht vor Ort. Oben am Berg blinken unzählige Stirnlampen  in der Dunkelheit und markieren den Wegverlauf über mehrere Kilometer. Hier beginnt der wirkliche Wettkampf: Die Athleten sind in ihrer eigenen Welt, Reize von außen werden nur noch begrenzt wahrgenommen, Signale von „innen“ geben den Laufrhythmus vor. Und vielleicht denkt auch der ein oder andere an Inspektor Clouseau – wer weiß das schon?

Heimreise

Eine ungewöhnliche Reise war das! Vieles lief schief und es hätte genügend Gelegenheiten gegeben, um sich mal wieder richtig aufzuregen. Glücklicherweise war ein Buch von David Foster Wallace im Reisegepäck. In „Das hier ist Wasser“ geht es – grob zusammengefasst –  um die Entscheidungsfreiheit des Denkens. Ich hatte die Wahl zwischen den Gedanken„Verdammt, hier läuft alles schief“ und „Hey, hier ist es aber schön“. Es gab viele Momente, in denen ich Letzteres dachte. Danke für diese Lektion an „The North Face“!

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