Alle Artikel zum Thema ‘Die Bergfreunde’

Immer diese Vorurteile. Von wegen kleine Bude mit ein paar Kletterverrückten und Wanderlustigen im Hinterzimmer. Wird Zeit für ein Blick hinter die Kulissen. Klar, eins steht fest: Wir sind echte Bergfexe und in unser Freizeit kraxeln wir auch gerne mal an den senkrechten und überhängenden Wänden herum.

Aber um letztlich alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, erfährst Du hier was wir so treiben und was es neues bei den Bergfreunden gibt. Von Touren, über Mitarbeiter-Aktionen bis hin zu lustigen Geschichten aus den Bergen ist alles dabei.

Erlebt die Bergfreunde in voller Action. Ob beim kraftraubenden, akrobatischen Klettern der ultimativen Route oder der winterlichen Alpenüberquerung.

Wann ist der Berg zu voll? Über das rechte Maß und andere schwammige Begriffe

2. Juni 2020
Die Bergfreunde

Ein berühmter Alpinist bezeichnete sich in seiner Autobiogafie als „bergsüchtig“. Wir bezeichnen uns hier als Bergfreunde. Manche sprechen auch von ihrer Liebe zu den Bergen. Aus der menschlichen Sphäre wissen wir, dass Liebe (oder das, was dafür gehalten wird) erdrückend werden kann. Die Zuneigung geht ins Besitz ergreifen über.

Kann da nicht auch der geliebte Berg zum Objekt einer ungesunden Obsession werden? Kann sich auch diese Zuneigung in Besitzanspruch und Rücksichtslosigkeit versteigen? Nimmt das Objekt der Begierde Schaden, weil es als Projektionsfläche benutzt wird? Eine Art Pappkamerad für unerfüllte Bedürfnisse der Kindheit? Papa hat mich nie gesehen, deshalb muss nun der Berg dafür sorgen, dass mich die Instagram-Community nicht übersehen kann?

Womöglich, doch mit Küchenpsychologie allein erklärt man nicht die Menschenmassen am Berg. Und man findet so auch keine Antworten zur Frage nach dem gesunden „Bergmittelmaß“.

Zu voll? Zu viel? Wer sagt das eigentlich?

Wenn ein Thema schwer zu greifen ist, sollte man es in kleine Häppchen aufteilen. Bezogen auf die vollen Berge wäre das dann das Herausgreifen begrenzter Räume wie der Trekking-Hotspots in Nepal und Peru oder des Deutschen Alpenraums. Letzterer bietet sich zurzeit besonders an, da er in jeder Hinsicht gut vermessen und erforscht ist. Außerdem gibt es da noch diese Sache, die wir jetzt mal unausgesprochen lassen wollen und die dafür sorgt, dass die Deutschen Alpen diesen Sommer besonders viel Bergliebe zu spüren bekommen werden.

Neben der „räumlichen Portionierung“ hilft auch der Blick aus verschiedenen Winkeln beim Greifbar-machen des Themas. Denn was am Berg „zu viel“ ist, hängt stark von der Perspektive ab, die wiederum von den persönlichen Vorlieben und Interessen des Betrachters bestimmt wird.

Interessengruppen

Recht großzügige Vorstellungen davon, was „noch geht“ und was „zu viel ist“, haben naturgemäß viele Touristiker, Gastwirte, Seilbahnbetreiber und allgemein „die Wirtschaft“. Sie ändern ihre Vorstellung aus naheliegenden Gründen auch eher zögerlich.

Meist gegenläufige dazu stehen die Umweltschützer. Für den Bund Naturschutz ist die Belastungsgrenze zumindest beim bayrischen Alpentourismus „bereits überschritten“. So führe der Tourismusverkehr zum ständigen Ausbau des Straßen- und Wegenetzes sowie von Parkplätzen. „Ein von manchen angestrebter Ausbau der Verkehrsinfrastruktur auf touristische Spitzenlastzeiten ist unmöglich.“

Der Bund Naturschutz kritisiert auch die wachsende Zahl freizeitpark-artiger Attraktionen wie Aussichtsplattformen, Sommerrodelbahnen, Fluginstrumente, Großspielplätze und Klettergärten. „Natur- und Landschaft sind hier nur noch Kulisse von künstlichen Events.

Im alpinen Skisport dreht sich die Wachstumsspirale mit Schneekanonen, Speicherteichen und Liftbauten ungeachtet aller Umweltprobleme weiter. Neue Großprojekte wie die Skischaukel am Riedberger Horn lassen sich nur durch jahrelangen Widerstand breiter Bürgerbewegungen verhindern.

Hinzu kommen die vielen Sport-Großevents überall im Alpenraum und viele neue Boom-Sportarten wie Schneeschuhwandern, Canyoning oder E-Bike-Touren. Ruheräume für Tiere und Pflanzen können hier nur noch durch Regelwerke und gute Besucherlenkung bewahrt werden.

Selbst die einfachsten und ressourcenschonendsten Aktivitäten wie das Wandern werden gelegentlich zum Problem. So sorgt der Fernwanderboom, der neue Besuchergruppen in die Berge lockt, für neue, stark beanspruchte „Hauptverkehrsachsen“ wie den E5 von Oberstdorf nach Meran. Die Hütten entlang der Route sind meist heillos überfüllt. Als Reaktion darauf entstehen neue „Geheimtipps“ und Alternativrouten, die zu weiteren „Autobahnen“ werden.

Damit sind die Touristen angesprochen – die Interessengruppe zu der wir alle gehören, auch wenn wir uns lieber Bergsportler, Alpinisten oder Reisende nennen. Sogar der Teil der Touristen, der Stille und Ursprünglichkeit sucht und mit möglichst wenig Ressourcenaufwand unterwegs ist, trägt streng genommen zur Belastung des Naturraums bei. Doch allzu streng genommen landet man am Ende dabei, den Menschen aus den ursprünglichen Berglandschaften auszusperren. Dieser Umweltextremismus wiederum dürfte nur zu noch mehr Entfremdung führen.

Touristen stehen als große und heterogene Gruppe zwischen allen Stühlen. Ganz ähnlich sieht es bei den Alpenvereinen aus, die seit eh und je einen Spagat zwischen Tourismusförderung und Naturschutz aufs Parkett legen.

Die wohl kompetenteste, weil sowohl persönlich betroffene als auch beteiligte Interessensgruppe dürften die Bewohner sein. Die sind in der oberbayrischen Idylle des Walchensees mittlerweile sogar auf die Straße gegangen. Allerdings wendeten sich die 150 Anwohner nicht gegen Touristen an sich, sondern gegen „rücksichtslose Besucher“. Letztere hinterlassen Müllberge und Trampelpfade, campen illegal und parken Einfahrten sowie Rettungswege zu. Mit diesen Problemen kämpfen fast alle Gemeinden der Region. Sie fordern mehr Kontrollen und härtere Strafen.

Müll und Autokarawanen sind ein sicheres Zeichen, dass es „zu voll und zu viel ist“. Doch wer beurteilt „wirklich objektiv“, ob der Naturraum überlastet und die Berge zu voll sind? Welche Kriterien soll man anwenden? Was soll man messen? Man könnte den Lärm oder die Abgaswerte nehmen: wenn es in einem Alpental zu Dezibelwerten wie auf dem Münchner Stachus kommt, dann ist das wahrscheinlich zu laut. Und wenn es an einem Bergsee nach „Berliner Luft“ riecht, dann ist sicher auch was faul.

Hilft die Wissenschaft weiter?

Fest steht: kein Mensch kann neutral an die Bewertung herangehen. Auch Wissenschaftler können bei der Auswertung von Daten ihren persönlichen Blickwinkel nie völlig ausklammern. Der wohl bekannteste wissenschaftliche Beobachter der Alpen ist der „Alpenprofessor“ Werner Bätzing. Bätzing betrachtet die Berge (und vor allem auch die Täler!) zunächst aus einer möglichst neutralen „kulturgeographischen Perspektive“. In seinen abschließenden Befunden vom „Verschwinden einer Kulturlandschaft“ äußert er sich dann „auch als Mensch“ mit persönlicher Perspektive. Zu Bätzings lesens- und sehenswertem Standardwerk „Die Alpen“ schreibt das Panorama Magazin des DAV:

„(Bätzings fotografische) Ansicht des Dorfes Neraissa inferiore in den Cottischen Alpen wäre auf den ersten Blick für den Tourismus-Flyer geeignet. Doch Werner Bätzing zählt die 110 Bewohner des Jahres 1890 auf und beziffert exakt deren Abwanderung während mehr als 100 Jahren. Und er lenkt bedenklich den Blick auf die Flur, deren sattes Grün eben keine Äcker, sondern nur noch Wiesen zeigt und die nur vermeintlich intakt wirkt. Er verweist auf die kleinen, aber bedeutenden dunklen Flecke der Wildschweinschäden. Tja, Idylle ist eben nur, wenn man nicht so genau hinschaut. Auf diese Weise ist der Bildband ein grünes Fachbuch, ohne Fenchelteeallüren, klug und gut. Egal, ob seine Analyse schmeckt oder ob sie kritisiert wird – an diesem Band kommt man in der Fachdiskussion nicht vorbei.“

Bätzing zeigt: die landwirtschaftliche, forstwirtschaftliche und industrielle Nutzung der Alpen hinterlässt zahlreiche Abnutzungsspuren, die für das „ungeübte Auge“ gar nicht als solche sichtbar sind. Anders sieht es beim Tourismus aus, dessen Spuren oft alles andere als subtil sind:

„Die Berge bezwingen? Das machen nicht nur Alpinisten, das ist auch ein Trend in der Hochalpinismus-Architektur. Hütten und hochgelegene Seilbahnstationen wurden über Jahrzehnte mit Natursteinen gebaut oder wenigstens verblendet. Neuerdings werden alpine Bauten als Fremdkörper ins Gebirge gepflanzt. Werner Bätzing dokumentiert diese Entwicklung. Er belegt sie mit zurückhaltenden Fotografien.“

Seltsam, angeblich haben wir doch seit den 70ern dazugelernt, als hässliche Hochhauskomplexe und betonstrotzende Skischaukeln bis in die hochalpinen Gipfelzonen gefräst wurden. Anscheinend braucht es nach wie vor scharfsinnige Beobachter und Kritiker. In einem Zeit-Artikel vom Vorjahr heißt es, Bätzing habe in den ganzen Alpen im Grunde erst ein Gebiet gefunden, das wirklich „seinen Vorstellungen entspricht“. In der niederösterreichischen Ötscher-Region gibt es „keine Stadtflucht, keine große Zunahme an Einwohnern. Ein Ausnahmefall sei das.

Wissenschaftler wie Bätzing können eine Menge Daten und Erkenntnisse liefern. Sie können diese auch auswerten und interpretieren. Doch es zeigt sich, dass die Frage nach dem „zu voll“ weiterhin eine subjektive Angelegenheit bleibt. Vielleicht hilft die Frage nach dem warum und woher weiter.

Warum überhaupt? Woher kommen die Massen?

Auch diese Frage lässt sich sehr gut am Beispiel Oberbayern behandeln. Denn hier befinden sich die Berge im Einzugsbereich einer Millionenstadt mit jeder Menge freizeithungrigen und erholungsbedürftigen Bewohnern. In die wachsende Metropole München kommen nicht wenige Zuzügler auch extra wegen der Nähe zu den Bergen.

Sie suchen dann am Wochenende nach der Gegenwelt zum städtischen Dasein. Oder auch nach weiteren Steigerungen, nach „Leistung, die sich am Berg zeigen lässt“, wie es der „Alpinphilosoph“ Jens Badura ausdrückt. Zu dieser „Leistung“ gehört wohl auch die Vorzeigbarkeit, die „Instagramability“ nach dem Motto „been there, done that“. Fotos in den „sozialen Medien“ haben sich auch im Bereich Bergtourismus als Magnet und Wachstumsfaktor erwiesen.

Was tun? Vorschläge?

Es mangelt nicht an Lösungsvorschlägen und es wird auch durchaus in größeren Zusammenhängen gedacht. Es geht nicht mehr nur um die Steuerung der Touristenmassen, sondern zunehmend auch darum, die Überlastungsursachen an der Quelle zu mildern, sprich den Stress der Großstädte zu reduzieren. Am Beispiel München hieße das, die Industrie auszulagern und andere Standorte zu stärken. Dann könnten Probleme wie knapper Wohnraum, hohe Mieten und Verkehrskollaps entschärft werden.

Für den ländlichen Raum wird häufig ein Mangel an Lebens- und Arbeitsperspektiven diagnostiziert. Hier ist man oftmals „durch Globalisierung, falsche Strukturreformen und demografische Veränderungen ins Hintertreffen geraten“. Auch hier könnte nach Ansicht vieler Stadtplaner und Raumentwickler eine Dezentralisierung und gleichmäßigere Verteilung von Wirtschafts- und Freizeitzentren Abhilfe schaffen.

Mehr Verbote oder mehr Vertrauen?

Diese Grundfrage wird derzeit der ganzen Menschheit regelrecht vor die Füße geknallt. Mehr Freiheit? Mehr Sicherheit? Mehr Kontrolle? Wahrscheinlich bevorzugen wir alle die Freiheit, doch die ist „leider“ an Voraussetzungen wie Aufgeklärtheit und menschliche Reife gebunden. An den „mündigen Bürger“, wie es klassischerweise heißt. Eine weiteres „Problem“ scheint, dass Freiheit nie ohne Risiken zu haben ist, egal ob es um Gesundheit, Politik oder Bergtouren geht.

Hinzu kommt, dass Menschen auf völlig verschiedenen Reife- und Entwicklungsstufen stehen: während man bei den einen wohl nicht um Regulierung, Verbote und Zugangsbeschränkungen herumkommt, wäre bei den anderen volles Vertrauen die bessere Lösung. Dummerweise sind „die Unreifen“ und „die Umsichtigen“ zur gleichen Zeit an den gleichen Bergen unterwegs …

Jedermannsrecht als „Vertrauenslösung“?

In der Zeit sorgt aktuell ein Kommentar mit dem Titel „Lasst die Städter wild im Umland campen!“ für rege Diskussionen. Angesichts der momentanen Lage mit drohendem „Lagerkoller“ in den Städten fordert der Autor die Einführung des aus Skandinavien bekannten „Jedermannsrechts“:

Das allemansrätt, wie es in Schweden heißt, erlaubt nicht nur freien Zugang zur Natur – das gibt es als „Betretungsrecht“ auch in Deutschland. Es erlaubt auch das Zelten in der Wildnis und setzt lediglich Einschränkungen wie eine Mindestdistanz des Schlafplatzes zu Häusern fest. Hierzulande braucht es grundsätzlich, um sein Zelt aufzuschlagen, das Einverständnis des Bodeneigentümers. Und wer schon mal versucht hat, den Besitzer einer kleinen Wiese hinter der Pferdekoppel bei Gräfen-Nitzendorf zu ermitteln, der weiß, dass das praktisch kaum möglich ist.

Meiner Ansicht nach wäre das auf jeden Fall einen Versuch wert. Denn ich bin ebenfalls der Meinung, dass Menschen am besten durch direktes Erleben der Natur eine gesunde Verbindung zu ihr entwickeln können. Auch wenn es hier und da zu „Kollateralschäden“ kommt, wäre das immer noch besser als die umgekehrte Lösung: nämlich „die Städter aus den Wäldern und Fluren herauszuhalten“.

Das wird laut Zeit-Autor Nils Erich „der Natur auf Dauer noch weniger helfen, als sie in Scharen hereinzulassen. Letztlich verkennt die Abwehr eines solchen Begehrens auch, dass es nicht Zeltende waren, die das Umland in eine prekäre Lage gebracht haben: Insektensterben, verunreinigte Flüsse, saurer Regen, nitratbelastete Böden sind systemische Auswirkungen der Wirtschaftsweise von Industrie und Landwirtschaft.“

Fazit

Es mangelt beim Thema „überlastete Berge“ weder an Diagnosen noch an Erklärungen oder an Lösungsvorschlägen. Trotzdem lässt sich weder ein einheitliches Lagebild erstellen noch ein allumfassendes und „richtiges“ Urteil fällen. Dafür lassen sich jede Menge Diskussionsanstöße finden, die immer mehr Menschen zu einem verantwortlichen Umgang mit den Bergen und der Natur anregen können. Und damit wäre schon viel erreicht.

Die MOSAiC-Expedition – von Eisbrechern und Viren

18. Mai 2020
Bergfreunde Tourenberichte

Hallo, mein Name ist Laura, ich bin 33 Jahre alt und Diplom-Geographin. Selbst lebe und liebe ich den Bergsport, daher befindet sich meine aktuelle Basis im oberbayerischen Bad Tölz, von dort kann man wunderbar Touren in die Berge unternehmen – ob zu Fuß, mit dem Bike oder auf Tourenski.

Seit fast drei Jahren schreibe ich auf meiner Homepage https://alparctica.com/ über meine Leidenschaft für die Alpen und meiner Faszination und für die Arktisregionen. Dem hohen Norden bin ich schon seit 2011 verfallen, als ich im Rahmen einer geographischen Studienreise an einer Ostgrönland-Exkursion teilnahm.

Mittlerweile bin ich dort als Trekkinguide unterwegs und habe auch schon Touren auf einem kleinen Schiff in Süd- und Westgrönland geleitet. Während der Reisen halte ich Vorträge über die Inuit, das Ökosystem Arktis, erzähle über Wale, Robben und Geschichten bekannter Polarforscher, wie zum Beispiel Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen. Deren Willensstärke, Leidenschaft und Durchhaltevermögen fesselt mich schon sehr lange und ich habe großen Respekt vor ihren teils waghalsigen Expeditionen.

Inzwischen gehört auch Spitzbergen zu „meinem” Gebiet, dort habe ich erst als Trekking Guide gearbeitet und bin ab diesem Jahr Expeditionsleiterin auf dem neuen Schiff „Cape Race“. Das Schiff ist nur für maximal 14 Passagiere ausgelegt und das Tolle ist, dass man Spitzbergen auf eine ganz andere Art und Weise kennenlernen kann. Täglich werden Landgänge unternommen und zusammen mit den Gästen beobachten wir die Tierwelt und die wunderschöne Gletscherlandschaft mit den zahlreichen Bergen ringsum.

Arktis – Hotspot des Klimawandels

Die Arktis ist eine sehr sensible Erdregion und das Epizentrum des Klimawandels. Denn die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Betroffen ist das grönländische Inlandeis mitsamt seiner Gletscher, die Gletscher von Spitzbergen aber besonders auch das Meereis. Denn dieses geht vor allem im Sommer immer stärker zurück und verliert an Fläche.

Das hat gravierende Folgen für das ganze Ökosystem und letztlich auch für uns. Weil mir die Arktis persönlich sehr am Herzen liegt, halte ich mittlerweile auch Vorträge, denn die Zusammenhänge sind ziemlich komplex. Mittels meiner Bilder und Erzählungen versuche ich dies so anschaulich wie möglich zu gestalten. Fakt ist: das was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis.

Die Expedition

Daher ist die größte Arktis-Expedition, die MOSAiC Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate), ins Leben gerufen worden. Ein Jahr lang driftet der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ im Nordpolarmeer. Geplant wird die Expedition seit 10 Jahren hauptsächlich vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und sie ist mit extremen logistischen Herausforderungen verbunden – auch ohne Corona-Virus.

Den Hafen von Tromsö in Nordnorwegen hat die Polarstern bereits im September 2019 verlassen und ist seit Oktober an einer Eisscholle fest gemacht. Seitdem driftet der Eisbrecher mit der sogenannten Transpolardrift durch den arktischen Ozean.

Ziel der Expedition ist es, den Klimawandel in der Arktis besser verstehen. Untersucht wird die Biosphäre, die Atmosphäre, der Ozean mitsamt dem Meereis und vieles mehr. Die Teilnehmer werden ca. alle drei Monate ausgetauscht und insgesamt gibt es sechs sogenannte LEGs, die die Zeitabschnitte definieren. Zumindest, wenn alles nach Plan gelaufen wäre.

Die Quarantäne

Ich selbst bin Teil von LEG 4. Normalerweise wäre mein Flug nach Spitzbergen am 26.03. gegangen. Nach einem mehrtägigen Safety Briefing wäre von der Siedlung Barentsburg das Team aus Wissenschaftlern und Crew mit russischen Kleinflugzeugen auf eine im Meereis künstliche angelegte Landebahn zum Forschungsschiff Polarstern geflogen worden.

Doch seit dem 01.03. befinde ich mich unter selbst auferlegter „Quarantäne“, denn als alles noch in der Schwebe stand, mussten wir uns am 12.03. auf Corona testen lassen. Nachdem Norwegen die Grenzen dicht gemacht hat, war der Test (damals auch negativ), hinfällig.

Seitdem lagen meine Nerven nicht nur einmal blank und ich befinde mich in einem Zustand von Ungewissheit. Um sich von diesem Gefühl nicht zu sehr einnehmen zu lassen, sind Yoga und Mediation große Stützen. Für mich geht es hier nicht nur um ein Abenteuer, sondern um eine finanzielle Einnahme – um einen Job. Leider muss ich davon ausgehen, dass die anderen Aufträge in Norwegen und Spitzbergen dieses Jahr nicht stattfinden können. Ich hoffe es aber weiterhin.

Das Team und die Crew von LEG3 stecken noch immer fest und warten auf den Austausch. Ein paar von ihnen sind über Station Nord (Nordgrönland) mittels Kanadischer Flugzeuge evakuiert worden.

Es geht weiter

Seit Ende April gibt es endlich einen Plan. Wir werden mit den beiden Schiffen „Sonne“ und „Maria S Merian“ von Bremerhaven nach Spitzbergen gebracht, dort werden die Schiffe aufgetankt, das Land dürfen wir aber nicht betreten. Danach geht es weiter zur Eiskante, wo der Forschungseisbrecher Polarstern zu uns trifft und der Austausch von LEG3 und LEG4 endlich erfolgen kann.

Seit dem 30.04. bin ich in einem Hotel am Fischereihafen in Bremerhaven untergebracht, seit dem 01.05. befinden wir uns alle in Einzelquarantäne. Insgesamt handelt es sich mitsamt neuer Besatzung von Polarstern, der Besatzung von Sonne und Merian sowie uns Teilnehmern um ca. 150 Menschen. Für die Quarantäne wurden zwei Hotels organisiert. Wir dürfen die Zimmer bis Freitag, 08.05. nicht verlassen, das Essen wird vor die Türe gestellt und wir stehen unter Beobachtung.

Nach einer Woche werden die Regeln etwas gelockert, wir müssen uns aber sehr distanziert verhalten und dürfen das Hotel nicht verlassen. Sollte jemand die Regel brechen, ist diese Person von der Expedition ausgeschlossen. Insgesamt unterziehen wir uns drei Corona-Tests. Die ersten beiden Testergebnisse waren zum Glück bei allen Teilnehmern negativ! Der Abstrich erfolgt mit einem Wattestäbchen durch ein Nasenloch in den Rachen hinein. Man kann sich Angenehmeres vorstellen und die Warterei in einer Isolation macht es nicht wirklich einfacher.

Es ist eine krasse Erfahrung aber man weiß ja, wofür man das alles macht. Dennoch fühlt sich das Ganze an, wie eine Expedition vor der Expedition. Ich freue mich, dass es endlich weitergeht und gleichzeitig bin ich natürlich auch traurig, dass ich mich von niemandem verabschieden konnte und keine Kontakte seit März hatte. Wir Menschen sind soziale Wesen und wir brauchen Nähe, unsere Freunde und die Familie. Ich hoffe, ich kann das alles nachholen.

Die Schiffe starten am 18.05., dann geht es mit einem Team auf eine schwimmende Isolation in die „Prä-Corona-Zeit“.

Ich werde vor Ort übrigens als Eisbärenwächterin tätig sein und die Logistik organisieren, d.h. ich bin im Team Sicherheit und Logistik und begleite die Wissenschaftler während ihrer Messungen aufs Eis, warte Geräte, bringe die Forscher mit den Skidoos zu den aufgebauten Stationen. Unterm Strich bedeutet das, dass ich die meiste Zeit mit dem Fernglas nach Eisbären Ausschau halten werde. Es geht vor allem darum, Mensch und Tier zu schützen und rechtzeitig zu reagieren. Wenn alles glatt läuft, bin ich am 24.08. wieder zurück in Bremerhaven.

Bergfreundinnen im Portrait

6. März 2020
Die Bergfreunde

Bergsport war lange Zeit männlich. Selbst bis kurz vor der letzten Jahrtausendwende gab es DAV Sektionen, die keine Frauen in ihre Reihen aufgenommen haben. Ein Glück sind diese Zeiten endgültig vorbei. 2004 erfasste die Datenbank des DAV ca. 40% weibliche Mitglieder und zum heutigen Tage dürften es hoffentlich noch ein paar mehr geworden sein – die Berge sind schließlich für alle da.

Hier bei den Bergfreunden ist das zum Glück alles kein Thema. Im Gegenteil. Zur Feier des Weltfrauentages 2020 wollen wir euch deshalb vier Bergfreundinnen vorstellen, die (fast) keine Gelegenheit auslassen, die Berge von nahem zu sehen!

Bergfreundin Mia

Klettern, Bergsteigen, Biken, Trekking, Trailrunning, Schwimmen – wie auch immer und wann auch immer sich die Gelegenheit bietet rauszugehen – Bergfreundin Mia ist mit dabei. Und wenn nicht, dann kümmert sie sich im Bergfreunde Marketing Team um alle Belange rund um Suchmaschinenwerbung.

Warum gehst du raus?

Ich genieße die frische Luft, stille und vielen neuen Erlebnisse draußen. Es gibt immer Neues zu entdecken, egal ob beim Laufen durch den Wald, beim Klettern in den Bergen oder einer Runde mit dem Rennrad.

Dein schönster Outdoor-Moment?

Da gibt es viele! Der letzte war vermutlich eine Biwaknacht auf dem Rossberg (einem Berg in der Gegend von Tübingen) bei minus 5 Grad, Lagerfeuer und mit guten Freunden. Wenn Morgens das Wasser gefroren ist und der Schlafsack mit einer Eisschicht bedeckt ist, weiß man, dass man seine Zeit sinnvoll verbracht hat – denn Draußen ist die beste Zeit! 😊

Dein unschönster Outdoor-Moment?

Mhm, es gab da mal eine sehr unschöne Abseilaktion bei einer Mehrseillängentour in Frankreich, die mir noch sehr lange im Kopf geblieben ist.

Wohin geht der nächste Trip?

Mit einem guten Kletterfreund eine Woche nach Sizilien zum Sportklettern.

Abseits vom Sport – was ist deine zweitliebste Freizeitbeschäftigung?

Da hast du mich erwischt 😉 Wenn ich mal keinen Sport mache oder im Büro arbeite, verbringe ich gerne Zeit mit Freunden bei einem Kochabend in Kombination mit einem guten Spiel oder Film.

Was sind deine drei Lieblingsteile aus dem Bergfreunde-Shop?

Bergfreundin Hannah

Das Lieblingsspielzeug von Bergfreundin Hannah hat zwei Räder und ordentlich Federweg. Bikeparks sind ihr zweites Wohnzimmer und solange der Kopf in einem Fullfacehelm steckt, fühlt sie sich pudelwohl. Hannah ist bei den Bergfreunden im Händlermarketing tätig und war davor in unserem Gearhead-Team.

Warum gehst du raus?

Weil das kalte Radler nach einem Tag im Bike Park am Besten schmeckt und ich die tollsten Bike Freundinnen hab!

Dein lustigster Outdoor-Moment?

Da ich regelmäßig stürze an den seltsamsten Stellen auf dem Trail ist jede Ausfahrt ein Highlight.

Dein peinlichster Outdoor-Moment?

Bei meinem ersten Bike Park Besuch in Albstadt bin ich regelmäßig aus dem Schlepplift gefallen, bis der Mitarbeiter dort Mitleid hatte und ich jedes Mal umsonst Hoch durfte (mittlerweile klappts aber besser).

Wohin geht der nächste Trip?

Ich warte auf die Eröffnung der Parks, dann steht Brandnertal auf der Liste.

Abseits vom Sport – was ist deine zweitliebste Freizeitbeschäftigung?

Da ich Mode und Klamotten liebe – Ganz klar Shopping!

Was sind deine drei Lieblingsteile aus dem Bergfreunde-Shop?

Bergfreundin Britta

Einer der kreativsten Köpfe bei uns hat blonde lange Haare und gehört zu Bergfreundin Britta. Britta kümmert sich bei uns um die Entwicklung der Marke Bergfreunde und hat vor allem in Sachen Grafik und Design richtig was auf dem Kasten. Brittas Outdoor-Leidenschaft hat was mit großen Rucksäcken und weiten Wegen zutun. Meistens bestreitet sie diese zu Fuß, manchmal aber auch mit dem Rad.

Warum gehst du raus?

Um einen Ausgleich zu meinem Alltag am Computer zu schaffen. Frische Luft, Natur und Bewegung sind gesund, lassen einen abschalten und machen glücklich!

Dein schönster Outdoor-Moment?

Mit Freunden am Lagerfeuer sitzen oder unter freiem Himmel schlafen, und sich dabei ganz geborgen fühlen, das ist wohl einer der schönsten Momente, den man draußen haben kann. Außerdem durch schier unendlich weite Berglandschaften wandern und immer wieder dankbar die atemberaubende Schönheit der Natur bewundern, davon werde ich nie genug bekommen!

Dein unschönster Outdoor-Moment?

Als mir auf dem GR20 ein Hund nachts im Vorzelt ein Loch in den Rucksack gebissen hat, um die Mülltüte samt Inhalt aufzufressen!

Wohin geht der nächste Trip?

Seit mir ein Kollege vom Königssee-Radweg erzählt hat, bin ich angefixt…

Abseits vom Sport – was ist deine zweitliebste Freizeitbeschäftigung? 

Gärtnern! Ich liebe es, selber Kräuter und Gemüse anzupflanzen und von Mutter Natur mit einer eigenen kleinen Ernte belohnt zu werden!

Was sind deine drei Lieblingsteile aus dem Bergfreunde-Shop?

  • ARC’TERYX Women’s Cerium LT Hoody: Die ist so unfassbar leicht, sodass man sie kaum am Körper spürt, lässt sich super klein zusammenpacken und hält einen in jeder Situation warm!
  • INOV-8 – Women’s Roclite G 345 GTX Wanderschuhe: Die haben mich durch den GR20 getragen und mich mit ihrer Leichtigkeit am Fuß und ihrem super Grip überzeugt!
  • ENGEL – Baby Body L/S Merinowolle – Merinounterwäsche: Den kriegt jede meiner Freundinnen, die ein Baby hat, und alle sind begeistert! Aus ökologischer Merinowolle mit Seide, produziert in Deutschland!

Bergfreundin Gerbine

„Goede dag“ – solltet ihr mal bei uns anrufen und diese Worte durch den Telefonhörer schallen hören, dann seid ihr möglicherweise bei Gerbine gelandet. Sie stammt ursprünglich aus den schönen Niederlanden und kümmert sich im Bergfreunde Kundenservice als internationale Sachbearbeiterin um die Sorgen und Nöte unserer – vornehmlich – niederländischen Kunden. Abseits des Bergfreunde-Office findet man Gerbine meistens auf den Trails der schwäbischen Alb oder in den Alpen.

Warum gehst du raus?

Das ist einfach: Vor allem um den Kopf frei zu machen und die frische Luft und unsere schöne Natur zu genießen.

Dein schönster/lustigster Outdoor-Moment?

Es gibt doch nichts schöneres als nach einem Trail-Lauf in den Bergen im Ziel anzukommen und mit Sonnenschein und einem schönen Ausblick belohnt zu werden.

Dein peinlichster Outdoor-Moment?

Beim Surfen wehte der Wind etwas stärker als ich dachte und ich schaffte es nicht mehr alleine zum Strand zurückkommen. Meine Brüder haben mich den ganzen Urlaub noch ausgelacht. Peinlich! 😉

Wohin geht der nächste Trip?

Ich fahre in etwa drei Wochen ins Montafon zum Skifahren.

Abseits vom Sport – was ist deine zweitliebste Freizeitbeschäftigung?

Ich liebe es aus alten Dingen etwas Neues zu machen. Mein aktuelles DIY-Projekt ist ein alter Stuhl, den ich im Müll gefunden habe.

Was sind deine drei Lieblingsteile aus dem Bergfreunde-Shop?

Winterbegehung Zugspitze Nordwand „Himmel und Hölle“ mit alternativem Ausstieg und ohne Seilbahnunterstützung

3. März 2020
Die Bergfreunde

27. Januar 2020. Der letzte halbwegs gute Tag, bevor das Wetter komplett umschlägt. Um 4:55 Uhr starten Michaela und ich am Parkplatz der Eibsee-Seilbahn. Es ist trüb und graupelt leicht. Im Morgengrauen stehen wir unter der Nordwand der Zugspitze. Die straffe Westströmung wirbelt im Gipfelbereich Schnee auf, der sich in Form von Spindrifts über die Wand ergießt. Es sieht nicht gut aus für uns, aber wir geben der Sache eine Chance…

In der Wand

Von Eis keine Spur, dafür jede Menge lockerer Schnee. Wir kommen dennoch gut voran und stehen bald unter der steilen, brüchigen Headwall. Hier sei Schluss mit lustig, konnten wir im Vorfeld in mehreren Berichten lesen. Sind die kommenden Seillängen Grund für die wenigen Begehungen dieser Route?

Ein alternativer Ausstieg

Über eine Rampe verlassen wir die Route „Himmel und Hölle“ nach rechts und gelangen so in einfacher aber heikler Kletterei ins große Schneefeld, welches ca. 200 Höhenmeter unterhalb des Zugspitzgipfels liegt. Dort steigen wir empor, halten uns links, erklettern einen Rücken und traversieren schließlich nach links, Richtung Grat. Nun trennen uns nur noch 30 Meter vom Höllental Klettersteig. Wir haben die Schwachstelle der Headwall gefunden!

Gipfel und Abstieg

Die letzten 100 bis 150 Höhenmeter entlang des Klettersteigs (und Jubiläumsgrates) bringen wir schnell hinter uns. Um 14:30 sind wir oben am Ostgipfel der Zugspitze. Längst steht der Entschluss, über die Wiener-Neustädter-Hütte abzusteigen. Bis zur Hütte brauchen wir nur eine gute Stunde.

Der Weiterweg allerdings geht an die Substanz. Mit Hilfe des GPS folgen wir dem exponierten Steig, der mitunter heikel über diversen Abbrüchen quert.

Immer wieder brechen wir bis zum Bauch in den Schnee ein. Zuletzt kämpfen wir uns weglos nach unten, bis wir schließlich den Wald und bald darauf eine Forststraße erreichen.

Der Rest ist Formsache. Längst könnten wir der Pizzeria oder sonst wo sitzen, doch wir genießen den nächtlichen Rückweg zum Eibsee, der uns Zeit und unseren Gedanken Raum bietet für einen Rückblick auf einen großen Tag in den winterlichen Bergen.

Routeninfos Zugspitze Nordwand „Himmel und Hölle“ (Stand: 01/2020)

Die Route „Himmel und Hölle“ ist derzeit die einzige Route im zentralen Teil der 1200 m hohen Zugspitze Nordwand, die häufiger durchstiegen wird. Die Erstbegehung des Ausstiegsteils erfolgte im Mai 2006 durch Matthias Robl und Marcel Rossbach. Im unteren und mittleren Wandteil war wohl auch früher schon immer wieder mal jemand unterwegs. Laut Alpenvereinsführer vom Bayrischen Schneekar zum Westgipfel bereits im Jahr 1895 und zur Irmerscharte im Jahr 1900.

„Himmel und Hölle“ ist als Winterroute zu verstehen. Brauchbare Bedingungen kann es vom Spätherbst bis zum Frühjahr geben, wobei eine gute Schneelage sicher vorteilhaft ist. Für den Spätwinter oder den Beginn des Frühjahrs sprechen auch die längeren Tage. Entscheidend ist allerdings eine gut gesetzte, absolut stabile Schneedecke.

Bezüglich Gesamtanspruch ist eine Einordnung dieser Route nicht einfach. Zwar bewegt man sich über weite Strecken im einfachen Gelände, am Ende werden aber besondere Fähigkeiten im Klettern im brüchigen Fels sowie im Bereich der Sicherungstechnik verlangt. Auch die Routenlänge – vom Ausgangspunkt zum Gipfel sind es immerhin 2000 Höhenmeter – kann unterschiedlich bewertet werden. Ein schnelles Team ist mit Seilbahnunterstützung womöglich mittags wieder im Tal. Wer die Bahn verpasst oder einen Fußabstieg als Teil der Unternehmung versteht, erlebt unter Umständen einen langen, anstrengenden Tag.

Absicherung und Material

Im unteren Wandteil sind einzelne Stände eingerichtet (Schlaghaken und Sichtbohrhaken). Vom Beginn des „Seilbahnquergangs“ bis unter die Headwall haben wir, abgesehen von der Abseilstelle zur „Eisrinne“ (1 Schlaghaken mit Reepschnurschlinge) sowie einem einzelnen Stichtbohrhaken (im Seilbahnquergang), kein fixes Material gefunden.

Problematisch ist, dass der Fels im oberen Wandteil über weite Strecken keine brauchbaren Risse für eine Absicherung mit mobilen Sicherungsmitteln oder Normalhaken aufweist. Folgendes Material können wir empfehlen (Auswahl):

  • 50-m-Einfachseil (für die rechte Ausstiegsvariante besser 60 m)
  • Escaper oder Rapline + Notbohrkit für Rückzüge
  • Cams #0.3–2 + kleines Keilset (mittlere Größen)
  • 1–2 kurze Eisschrauben (bei uns gab es kein Eis)
  • 2 mittlere und ein großer Pecker + kleines Sortiment Schlaghaken + ggf. zusätzlicher Felshammer
  • Stöcke für Zu- und Abstieg, gute Stirnlampen, Jetboil, leichte Daunenjacken, Gerät mit GPS-Funktion und hinterlegter Karte

Rechte Ausstiegsvariante

Die rechte Ausstiegsvariante vermeidet den als sehr brüchig beschriebenen Originalausstieg und führt weiter rechts und etwas höher zum Grat bzw. Höllentalklettersteig. Von den 280 eigenständigen Metern liegen rund 200 m im einfachen Gelände. Die ersten 50 m, ca. M4, sind heikel, weil kaum absicherbar. Die letzten 30 m beinhalten brüchige, schlecht absicherbare Abschnitte, ca. im Grad UIAA 5+.

Einzelne Steigeisenkratzer in der ersten Seillänge deuten darauf hin, dass die hier beschriebene Ausstiegsvariante in dieser oder einer ähnlichen Form auch schon früher begangen wurde. Am Rücken vor der Ausstiegswand fanden wir einen Schlaghaken mit Reepschnurschlinge vor, der sich von Hand aus dem Fels ziehen ließ und nicht mehr neu gesetzt werden konnte.

Aktuell befindet sich in der rechten Ausstiegsvariante kein fixes Material und das Einrichten sicherer Standplätze ist schwierig und aufwändig.

Weitere Infos zur „Himmel und Hölle“ finden sich…

Die Bergfreunde sind klimaneutral – was das genau bedeutet

3. März 2020
Die Bergfreunde

Es ist nicht von der Hand zu weisen: das Thema Nachhaltigkeit spielt in der Outdoor-Industrie gerade eine zentrale Rolle. Das ist ja auch nahe liegend, denn unsere Branche brüstet sich nur allzu gerne mit Naturverbundenheit, da sollte der Schutz eben dieser Natur doch mindestens eine wichtige Prämisse im Handeln der Outdoor-Firmen sein.

Und auch wir werden von unseren Kunden und Bergfreunden immer öfter gefragt: Was genau tut ihr als Bergfreunde eigentlich? Auf diese Frage haben wir nun eine sehr konkrete Antwort gefunden. Die Bergfreunde sind seit Ende 2019 klimaneutral bzw. klimaneutralisiert. Was genau das heißt und wo wir uns sonst noch stark machen, das erfahrt ihr in diesem formschönen Blogartikel.

Die Sache mit dem CO2

Wenn wir von Nachhaltigkeit und Umweltschutz reden, ist der Klimawandel sicher eine DER zentralen Herausforderungen unserer Generation. Die Wirkung von CO2 und anderen Treibhausgasen auf die Erderwärmung ist unumstritten und Lösungen sind gefragt. Wie schaffen wir es, unseren CO2-Ausstoß zu reduzieren oder gar komplett zu vermeiden?

Genau diese Frage haben wir uns im letzten Jahr auch gestellt und uns dafür entschieden, ein klimaneutrales Unternehmen zu werden – und das sogar rückwirkend. Wir mussten allerdings feststellen, dass das gar nicht so einfach ist.

Wie wird man ein klimaneutrales Unternehmen?

Die Antwort auf diese Frage scheint zunächst relativ einfach: In dem man alle CO2-Emissionen reduziert und letztlich verhindert. Über die letzten Jahre haben wir unseren gesamten CO2-Ausstoß durch verschiedene Maßnahmen schon um ein gutes Stück senken können:

  • Eine Photovoltaik-Anlage auf unserem Standort in Kirchentellinsfurt speist uns mit regenerativer Energie
  • Alles, was wir zusätzlich an Strom brauchen, beziehen wir zu 100% aus ökologischen Quellen
  • Durch eine Kartonzuschneidemaschine versenden wir bei einem sehr großen Teil der Bestellungen weniger Luft und können so LKWs effizienter beladen, was den CO2-Abdruck unseres Versands deutlich optimiert.
  • Mit der Einführung von JobRad kommen mehr und mehr Kollegen mit dem Rad

Wir mussten allerdings auch feststellen, dass es Emissionen gibt, die nicht so einfach aus der Gleichung zu streichen sind. Einige Kollegen haben lange Anfahrtswege und natürlich ist da der große Elefant im Raum: Der Versand und Rückversand unserer Ware. Eine Kompromisslösung muss also her. Und die heißt CO2-Kompensation.

CO2-Emissionen kompensieren – wie funktioniert das?

Das Gute bei der ganzen CO2-Problematik: Dem Klima ist es erstmal egal, wo genau die Treibhausgasemissionen entstehen. Oder wo sie eingespart werden. So können wir unseren Ausstoß, den wir gegenwärtig noch nicht reduzieren können, an anderer Stelle ausgleichen.

Damit das Ganze auch Hand und Fuß hat, haben wir uns einen Partner an die Seite geholt, der sich mit dem Thema auskennt. Mit dem Unternehmen ClimatePartner haben wir unseren Verbrauch gemessen, zurückgerechnet und Projekte heraus gesucht, mit denen wir unseren CO2-Ausstoß ausgleichen können – und zwar rückwirkend bis zu unserer Gründung im Jahre 2006.

Bei den Kompensationsprojekten haben wir darauf geachtet, nur solche auszuwählen, die dem hohen Gold-Standard für Klimazertifikate entsprechen, der vom WWF und 40 anderen NGOs entwickelt wurde. Zusätzlich dazu sind alle Projekte TÜV-zertifiziert.

Außerdem wichtig für uns: Entwicklungshilfe sollte bei den Projekten ebenfalls eine Rolle spielen. Und so stand nach kurzer Recherche fest, welche Initiativen wir mit unserem Kompensationsbeitrag unterstützen würden:

  1. Saubere Kochöfen in Peru: Ein großer Teil der Landbevölkerung Perus kocht noch auf offenem Feuer – und das in den Wohnräumen, denn das Feuer dient dort gleichzeitig als Wärmequelle. Das Projekt Qori Q’oncha leitet die Peruaner an, energieeffiziente Öfen zu bauen, die deutlich weniger CO2 emittieren. Dank eines Abluftsystems sammeln sich zudem keine schädlichen Gase mehr in den Häusern.
  2. Windparks in der Türkei: Die Türkei ist eines der Länder, in denen der Anteil an erneuerbaren Energien noch sehr gering ist. Das Potenzial für Windkraft und Co. ist dementsprechend groß. Durch den Ausbau von Windparks werden Treibhausgase sukzessive aus der Gesamtrechnung gestrichen
  3. Wasserfiltersysteme für Kambodscha: Vor allem die Landbevölkerung in Kambodscha kocht ihr Trinkwasser noch über offenem Feuer ab. Das dortige Projekt versorgt die Menschen mit Wasserfiltersystemen, so dass offenes Feuer gar nicht mehr nötig ist. Auch so werden CO2 und andere Treibhausgase schnell und zuverlässig verhindert.

Seid ihr jetzt wirklich klimaneutral?

Wie schon erwähnt, sind wir am Ende des Tages nicht zu 100% klimaneutral. Das ist aus den bereits beschriebenen Gründen rein praktisch noch nicht möglich. Der Begriff klimaneutralisierend trifft den Kern der Sache deutlich besser, denn eine Kompensation kann letztlich auch nur ausgleichen und nicht aktiv vermindern. Das können nur wir selbst tun. Und das wollen wir in den nächsten Jahren tun. 

Wir werden weitere Maßnahmen ergreifen, um unseren CO2-Ausstoß zu senken und uns auch anderen Themen, wie z.B. der Verpackung unserer Produkte widmen. Denn auch das ist Teil eines umfassenden Nachhaltigkeitskonzepts. 

Wir sind gespannt, was die Zukunft für uns und die Branche bringt. Denn ein wenig Vorreiter wollen wir mit unserem Engagement natürlich auch sein. Wir hoffen auf viele Nachahmer und wir hoffen, dass ihr diesen Weg mit uns beschreitet. 

Mit Hilfe unserer ClimatePartner-ID 13467-1912-1001 kannst du dir übrigens ganz einfach selbst ein Bild unserer Kompensationsmaßnahmen machen.

Doppelinterview: Bergfreundin Anna und ihr Unfallchirurg Dr. med. Sebastian Scheidt

18. Februar 2020
Die Bergfreunde

„Wissen Sie, eigentlich halte ich nichts von Ärzten.“

So sprach mich eine ältere Dame im Wartebereich der Ambulanz der Unfallchirurgie an. „Oh, meinen Sie?“, fragte ich zurück und gab ihr Raum zum Reden. Die Entscheidung über meinen Unfall und den Heilungsprozess journalistisch zu berichten, fiel an diesem Tag.

Auch mit dem Ziel und der Hoffnung aufzeigen zu können, dass eine konstruktive Zusammenarbeit im Bezug auf den Heilungsprozess möglich ist. Eine transparente Erklärung des Arztes und ein Verständnis für die Situation der Patientin sind unabdingbar. Aber auch auf der Seite der Patientin spielt die Bereitschaft zur Mitarbeit eine große Rolle.

Im Doppelinterview erhaltet ihr Tipps, wie ihr im Falle eines Sturzes handeln solltet. Mein behandelnder Unfallchirurg und ich geben euch Einblicke in die Behandlungs- und Entscheidungsprozesse. Wir sprechen über regelhafte und individuelle Heilungsprozesse, aber auch über unausgesprochene Annahmen und gegenteilige Meinungen.

Ich danke Sebastian Scheidt für die Bereitschaft und das Einlassen auf die besondere Interviewsituation.

Dr. med. Sebastian Scheidt ist als Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Bonn tätig. An der Unfallchirurgie reizt ihn besonders die Verbindung manueller Fähigkeiten mit dem theoretischen Hintergrund – vor allem, wenn der ganze Körper in Betracht gezogen werden muss. Nicht zuletzt schätzt er das breite Spektrum von Verletzungen an einem Uniklinikum und die Arbeit im Team. Seinen bisherigen Forschungsschwerpunkt der degenerativen und traumatischen Wirbelsäulenverletzungen und der Infektionsdiagnostik erweitert er derzeit durch Forschungen zu Verletzungen der unteren Extremitäten, im Speziellen der Verletzungen des Knie- und Sprunggelenks.

Was ist Dir noch von der Zeit direkt nach deinem Sturz in Erinnerung geblieben?

Anna: Ich spürte jetzt keine Angst oder Panik und lag durch den Sturzverlauf bereits in der stabilen Seitenlage. Ich bin liegen geblieben, habe die Schockreaktionen meines Körpers wahrgenommen und versucht die Fragen meiner Kletterpartnerin zu beantworten. Der Rettungswagen war nach meinem Empfinden recht schnell vor Ort. Die Rettungskräfte überzeugte ich irgendwie, mich nicht in das nächste Dorfkrankenhaus, sondern in die Uniklinik nach Bonn zu fahren.

Was ist direkt vor Ort nach einem Sturz auf die Füße (Ground Fall) aus notfallmedizinischer Sicht zu tun?

Sebastian Scheidt: Man sollte zunächst schauen, ob die verletzte Person bei Bewusstsein und ansprechbar ist. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte sie in die stabile Seitenlage gebracht werden. Wenn mehrere Personen vor Ort sind, sollten diese um Mithilfe gebeten werden – sodass neben der Notfallversorgung eine andere Person den Rettungsdienst alarmieren kann. Wenn offene Verletzungen zu sehen sind, das heißt blutende Wunden oder Knochenbrüche sollten diese möglichst geschient werden – besonders, wenn man im Gelände unterwegs ist. Wenn der Unfall in der Halle passiert, ist es wichtig, die verletzte Person möglichst schmerzfrei zu lagern bis der Rettungsdienst eintrifft, was ja hier in unserem Fall recht gut funktioniert hat.

Wie hast Du die Zeit in der Uniklinik wahrgenommen? Gibt es etwas, das Du heute anders machen würdest?

Anna: Ich hätte mehr zu meiner Verletzung und den Umständen sagen können. Auch habe ich vielleicht etwas viel geschwiegen, um zu einem unauffälligen Fall zu mutieren, woraus in meiner damaligen Logik resultieren sollte, nicht in der Klinik bleiben zu müssen. (lacht)

Welche Merkmale führten zu der eindeutigen Entscheidung erst mal nicht zu operieren?

Sebastian Scheidt: Bei der vorliegenden Verletzung war eine sofortige OP-Indikation nicht gegeben. Die Gelenke des Fußes und Sprunggelenks waren durch den Abriss des Knochenfragmentes und des gerissenen Bandkomplexes nicht betroffen. Es lag keine Luxation vor – das heißt das Gelenk war nicht aus der Führung gesprungen. Da auch kein Knochenbruch mit Ausstrahlung in das Gelenk und den Knorpel vorlag, konnte zunächst eine Ruhigstellung und weitere Diagnostik erfolgen.

Wie lassen sich die Verletzungen des Fußes zusammenfassen?

Sebastian Scheidt: Es lag eine knöcherne Absprengung an der Innenseite des Sprungbeins vor – also knapp unterhalb des oberen Sprunggelenks. Hier heften in der Regel Kapsel-Band-Strukturen an, die durch den Sturz teilweise abgesprengt wurden – auf der Außenseite, war das vordere Außenband gedehnt und das hintere gerissen. Weitere Sturzfolgen waren Knochenmarködeme, Hämatome und Begleitentzündungen im Fuß.

Dein Fuß war insgesamt für zwei Monate ruhiggestellt. Wusstest Du das direkt nach der Erstversorgung in der Uniklinik?

Anna: Oh je, ich glaube nicht. (lacht) Ich hatte ein paar Tage nach der Behandlung im Notfallzentrum einen Termin in der unfallchirurgischen Ambulanz und da haben wir das Vorgehen besprochen. Mein Fuß sollte erst mal für sechs Wochen ruhiggestellt werden. Nach den MRT Bildern Anfang Juli wurde beschlossen die Ruhigstellung auf acht Wochen zu erhöhen.

Wann entscheiden Sie, dass eine zweimonatige Ruhigstellung notwendig ist? Gibt es ähnliche Fälle, in denen Sie zu einer OP raten würden?

Sebastian Scheidt: In der Regel stellen wir solche Verletzungen für sechs Wochen ruhig. Die sechs Wochen dienen zur Erholung der Bandstrukturen, dem Abschwellen der Begleitentzündung und geben auch den Prellungen des Knochens die Möglichkeit abzuheilen. Auch gibt die Phase der Ruhigstellung dem Knochenfragment die Möglichkeit wieder anzuwachsen.

Aufgrund der starken Ödeme haben wir die Ruhigstellung um zwei Wochen verlängert. Bei Verletzungen, die in den Gelenkraum ziehen und somit den Knorpelüberzug beeinträchtigen können, wird in Abwägung der möglicherweise entstehenden Langzeitfolgen eine operative Therapie empfohlen. Auch bei komplexeren Bandverletzungen, die eine Instabilität bewirken, tendieren wir zu einer operativen Stabilisierung, nachdem der Fuß abgeschwollen ist – sodass der Patient wieder mit einer guten Gelenkführung mobil sein kann.

Die Zeit nach der Ruhigstellung war für Dich viel schlimmer. Kannst Du kurz beschreiben, warum?

Anna: Da haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. In erster Linie meine eigenen Erwartungen und die meiner Auftraggeber wieder schnell komplett körperlich fit zu sein – also, dass der Fuß und das Bein wieder komplett funktionsfähig sind. Es war schwierig anzunehmen, dass mein Fuß nicht so schnell abheilt. Dazu kam auch, dass die Ungewissheit über den Heilungsprozess wieder zugenommen hat. Vor allem dadurch, dass von der medizinischen Seite mir keine klare Zeitangabe gegeben werden konnte. Aber auch durch die Physiotherapie, die nur wenig an dem Zustand meines Fußes veränderte. Durch die anhaltenden Schmerzen und starken Bewegungseinschränkungen habe ich auch erst richtig verstanden, wie schwerwiegend meine Verletzung war.

Ist es möglich Patientinnen und Patienten im Vorfeld aufzuklären, wie der Heilungsprozess verläuft?

Sebastian Scheidt: Grundsätzlich werden die Patienten darüber aufgeklärt, dass sie über einen Zeitraum von ca. 12 Wochen mit Einschränkungen in der Mobilität zu rechnen haben. Dazu muss immer vermittelt werden, dass der Heilungsprozess individuell verschieden verlaufen und so auch mal den Zeitraum überschreiten kann.

Lässt sich generell die Heilungsdauer mit der Fitness der Patientin in Verbindung setzen?

Sebastian Scheidt: Patienten, die eine Grundfitness mitbringen – ein gutes Körpergefühl, eine gute Koordinationsfähigkeit haben, kein Übergewicht aufweisen und regelmäßig sportlich aktiv sind, finden häufig zügiger in ihren Alltag und den Sport zurück. Aber auch hier können wir nicht immer davon ausgehen. Auch junge und sportliche Patienten, wie auch hier, können von der regelhaften Heilungsdauer abweichen.

Über eine so lange Behandlungsdauer erwartet man schon fast, dass es Unstimmigkeiten zwischen Arzt und Patientin gab. Fällt Dir da eine Situation ein?

Anna: Ja schon. Nachdem ich von der Ruhigstellung in die Teilbelastung übergegangen bin, habe ich ihn gefragt, ob er mir nicht Physiotherapie verschreiben möchte. Und er sagte nur: „Da Sie eine junge und sportliche Patientin sind, denke ich, dass die Defizite in ihrer Muskulatur sich wieder selbst aufbauen. Durch die Verletzung sind keine Bewegungseinschränkungen an dem Gelenk aufzuweisen … “ Das habe ich anders gesehen und ich hatte auch noch den Druck wieder vollständig funktionieren zu müssen. Ich habe dann trotzdem ab der zehnten Woche mit der Physiotherapie begonnen.

Sebastian Scheidt: Mir war wichtig, dass zunächst die Alltagsbelastung wiedererlangt werden kann. Eine physiotherapeutische oder gar manual-therapeutische Behandlung bei dem vorliegenden knöchernen Abriss war mir noch zu früh. Meine Besorgnis war, dass Heilungsprozesse in der Tiefe durch zu viel Therapie verzögert oder gar unterbrochen werden.

Behindern solche Unstimmigkeiten das Arzt-Patientin-Verhältnis?

Anna: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mir damals gedacht, wenn ich aus seiner Sicht meinem Fuß schwerwiegend schaden kann, wird er mir das schon deutlich sagen. Im weiteren Verlauf war für mich vor allem wichtig, dass er schließlich feststellte, dass die Heilung nicht mehr, wie erwartet, verläuft. Und er für die Verschlimmerung des Zustandes Mitte Oktober eine Erklärung findet – und natürlich den Fuß und den Heilungsprozess nochmal genauer anschaut, um mögliche Prozesse und Annahmen neu beurteilen zu können.

Sebastian Scheidt: Aufgrund der anhaltenden Beschwerden und Einschränkungen führten wir eine erneute MRT Diagnostik durch. Hier zeigte sich zum einen ein rückläufiges Knochenmarködem, welches auf eine rückläufige Verletzung hindeutet. Allerdings zeigte sich auch, dass das abgesprengte Knochenstück weiterhin nicht angewachsen ist. Durch die Zugabe von Kontrastmittel konnten wir ausschließen, dass keine Durchblutungsstörungen im Knochen vorliegen.

Die Verletzung ist jetzt sieben Monate her. Hast Du erwartet, dass die Heilung so langwierig ist?

Anna: Wenn ich zurückdenke, wie stark meine Schmerzen waren und aus welcher Höhe ich auf meinen Fuß gefallen bin… Mir war schon klar, dass ich nach zwei Monaten noch nicht laufen kann. (lacht) Ein anderer Arzt hat mir irgendwann im Sommer mal gesagt, dass Verletzungen am Sprungbein und am Sprunggelenk sehr lange dauern können. Aktuell habe ich weiterhin Einschränkungen in der Funktion des Sprunggelenks, Schwellungen um den Talus, am Innen- und Außenknöchel und kann mich nicht schmerzfrei bewegen. Auch Klettersport ist nach einem kleinen Test noch nicht wieder möglich. Am deutlichsten sind die Einschränkungen für alle sichtbar, wenn ich Treppen hoch oder runtergehe – wo manche Menschen mich doch lieber die Treppe hochtragen möchten, als meine sichtbar eingeschränkten und unharmonischen Bewegungen beobachten zu müssen. (lacht)

Wie sehen Sie das?

Sebastian Scheidt: Im Prinzip haben wir beide erwartet, dass der Fuß nach einer Phase von sieben Monaten eigentlich wieder so stabil ist, dass er im Alltag keine Probleme macht und dass Sport fast wieder auf gleichem Niveau möglich ist. – Wobei wir hier auch wieder bei der individuellen Heilungsdauer sind und auch nach sieben Monaten die Beschwerden mit weiteren Therapien und Maßnahmen in den Griff zu bekommen sind.

Gehen wir ein wenig weg von deiner Verletzung. In deinem zweiten Artikel beschreibst Du, dass der Fuß eine geniale Konstruktion ist. Was begeistert Dich so?

Anna: Im Zusammenhang mit der Körperarbeit bei Schauspielerinnen und Schauspielern finde ich es immer wieder beeindruckend, wie das Sprunggelenk so reibungslos und lautlos unseren Körper bewegen kann. Besonders veranschaulicht das vielleicht ein Bild vom hibbeligen Kleinkind. Ohne viel Kraftaufwand springt es auf und ab und nutzt mühelos seine Sprunggelenke.

Sebastian Scheidt: Dass der Fuß eine geniale Konstruktion ist, dem kann ich nur beipflichten. Es ist immer wieder erstaunlich, dass diese zierlichen Knochen die gesamte Körperlast tragen und auch bei Sprüngen, wo sie ein Vielfaches des Körpergewichts abfedern müssen, nicht zerbrechen. Das gesamte Konstrukt des Fußes und des Sprunggelenks wird neben der marginalen knöchernen Führung hauptsächlich durch die Kapsel – und Bandstrukturen gehalten und stabilisiert. Dieses Zusammenspiel erlaubt überhaupt erst die einzigartige Bewegungsfreiheit und Stabilität. In der Therapie dürfen diese Strukturen nicht vernachlässigt werden. Gerade bei Sportlerinnen und Sportlern sollten diese entsprechend trainiert und im Verletzungsfall ausgiebig rehabilitiert werden.

Welche prophylaktischen Maßnahmen empfehlen Sie ihren Patientinnen und Patienten?

Sebastian Scheidt: Gerade im Klettersport ist es wichtig sich vor der Belastung ausreichend warm zu machen und seinen gesamten Körper zu dehnen, um ihn auf die bestehende Anstrengung vorzubereiten. Ausgleichssportarten sind sehr zu empfehlen, da sie zum einen die Gesamtfitness, aber auch das Körpergefühl und somit die Rumpfstabilität erhöhen. Andere Betätigungen, wie Joggen oder Schwimmen führen beispielsweise zur Kräftigung der Bänder und Knochen. So führen Spitzenbelastungen, wie Stürze, weniger häufig zu Verletzungen.

Hast Du noch was zu ergänzen?

Anna: Im Kletter- und Bouldersport gibt es Sturztrainings. Verschiedene Techniken können helfen Verletzungen zu verhindern oder wenigstens etwas zu mildern. Auch lege ich immer viel Wert auf das Aufwärmen der Muskulatur und der Bänder. So können viele Verletzungen vermieden werden – abgesehen von Unfällen mit starkem Wand- oder Bodenkontakt, die meist schwerwiegendere Verletzungen mit sich bringen. Und auch, wenn es banal klingt, klettert oder bouldert nicht bis zur vollen körperlichen Erschöpfung.

Mit diesem Doppelinterview möchte ich allen Ärztinnen und Ärzten sowie ihren Teams danken, die mich unterstützt haben und teilweise weiterhin unterstützen. Die abschließende Kletterreportage der Artikelreihe wird voraussichtlich im Sommer 2020 veröffentlicht.  

Titebild: Tim Liss

Weitere Artikel der Reihe:

Hoch hinaus oder die Kunst des Sturzes

Der Fuß – eine geniale Konstruktion

„Wir bringen Sie wieder zum Laufen.“

Sardinien: Im Banne des Supramonte

6. Februar 2020
Die Bergfreunde

Schaut man sich die Heckscheiben deutscher VW-Busse und Wohnmobile an, prangt auf gefühlt jedem Zweiten ein Korsika-Aufkleber. Er scheint bei den „Bullis“ eine Art Zugehörigkeitszeichen zu sein – ähnlich wie der Sylt-Aufkleber auf bürgerlichen Mittelklasselimousinen.

Sardinien habe ich noch auf keinem Auto gesehen. Warum eigentlich? Vielleicht weil Korsika höhere und spektakulärere Berge hat? Kann sein, doch vermutlich liegt es einfach daran, dass Korsika von uns aus „weiter vorne“ liegt und schneller zu erreichen ist. Abgesehen von der Höhe der Berge gibt es ansonsten wenig Grund, warum die große Schwester Sardinia sich hinter der kleinen Corsica verstecken müsste.

Die Große hat nämlich alles vorzuweisen, was es für eine abwechslungsreiche Reise braucht: von weißen Sandstränden mit smaragdfarbenem Meerwasser über malerische Städte und urige Bergdörfer mit reicher Kultur und Geschichte, bis zu mediterranen Wäldern und Felsen, Hügeln, Bergen in allen Formen und Farben.

Allerdings wäre ich selbst auch nicht von allein auf Sardinien als Reiseziel gekommen. Mich hat ein Familientreffen dorthin geführt, was die praktischen Vorteile einer gesponserten Ferienwohnung plus Mietwagen mit sich brachte. Letzterer scheint (leider) eine Grundvoraussetzung, wenn man auf Sardinien mit überschaubarem Zeitaufwand herumkommen will.

Immerhin lässt sich schon ab etwa 30 Euro pro Tag ein schotterpistentauglicher Untersatz inklusive Vollversicherung ohne Selbstbeteiligung ergattern. Mit öffentlichem Verkehr kommt man zwar zwischen den Städten und Dörfern durchaus gut herum, doch in den eher abgelegenen, landschaftlich attraktiven Ecken ist das mit enormem (Zeit)Aufwand verbunden. Details dazu bei den vorgeschlagenen Wandertouren und im abschließenden Informationsteil.

Sardinien für Bergfreunde: Nicht schlecht, Herr Specht!

Man kann Sardinien getrost ein Outdoorparadies nennen, von Bergen über Kletterfelsen bis zu Stränden und Tauchrevieren lädt so ziemlich alles zum draußen sein und Sporteln ein. Für Wanderer bieten  Gebirgszüge wie Gennargentu, Supramonte und Limbara große Spielwiesen mit je eigenem Charakter. Sportkletterer, Boulderer und Alpinkletterer finden eine kaum zu überschauende Auswahl an erstklassigem Gestein, vor allem auch in der hier beschriebenen Supramonte-Region. Einen Einblick dazu gibt es beim klettern-Magazin.

Fast hätte ich von „enormer Vielfalt auf engem Raum“ geschrieben, doch das stimmt nur teilweise. Denn obwohl Sardinien auf der großen Südeuropakarte nur eine unter vielen Inseln ist, sind die Entfernungen beachtlich. Tatsächlich bezeichnen manche Reiseautoren Sardinien als „kleinen Kontinent“. Das liegt nicht nur am doch ziemlich beachtlichen Nord-Süd-Durchmesser von 250 Kilometern Luftlinie, sondern auch am eben erwähnten, die Kletterer verzückenden Fels- und Steinreichtum der Insel. Ein solcher Untergrund erfordert unzählige Kurven, sodass der Verkehr vielerorts nur gemächlich dahinrollt. Mit den an jedem Gartenzaun haltenden Nahverkehrsbussen dauert das besonders lang.

Highlight Supramonte

Einen verkehrstechnischen Vorteil hat Sardinien dennoch: es gibt im Osten der Insel nämlich einen Landstrich, an dem Strände vom Feinsten, Sportklettergebiete und wilde, bergige Karstlandschaft nah beieinander liegen. Dieser Landstrich hört auf den klingenden Namen Supramonte.

Hier stimmt die Losung von der großen Vielfalt auf engstem Raum. Eigentlich ist das Supramonte eine Hochebene mit tief eingeschnittenen Schluchten und teils schroffen Berggipfeln, von denen einige trotz ihrer eher bescheidenen 1000 bis 1400 Meter mächtige Felsburgen sind. Die Landschaft wirkt so beeindruckend, weil sie „häufig unterbrochen von engen Schluchten, imposanten Kalkgipfeln, weiten Plateaus, tiefen Dolinen sowie versteckten Klammen“ ist. Da ihr zerklüfteter Kalkstein jeden Niederschlag „schluckt“ und in große unterirdische Reservoirs leitet, gibt es so gut wie keine Seen und Flüsse. Nur in der Karstquelle Su Gologone tritt ein Teil des Wassers an die Oberfläche.

Drei Wandertouren der Marke „in der Kürze liegt die Würze“. Und ein „ungeprüfter“ Vorschlag

Die folgenden drei Touren habe ich nach Vorabrecherche im Internet und in Reiseführern ausgesucht und begangen. Ich kann sie also unbedingt und wärmstens empfehlen. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre ich noch die eine oder andere Tour an der spektakulären Ostküste zwischen Cala Gonone im Norden und Baunei im Süden gegangen. Dort bieten wilde Klippen, traumhafte Buchten, mächtige Felsbögen und -Nadeln über tiefblauem Wasser einen spektakulären Anblick nach dem anderen. Es gibt eine anspruchsvolle Trekkingtour namens Selvaggio Blu, die den südlichen Teil dieses Küstenabschnitts in vier Tagesetappen bewältigt – Klettersteigpassagen inklusive.

1. Gola Gorropu (Gorropu-Schlucht) von der Passhöhe Genna Silana

  • Dauer/ Strecke: 3,5 – 4,5 Std. hin und zurück, je 600 Hm und 4,2 km, zuzüglich Aufenthalt in der Schlucht
  • Zufahrt: von Dorgali auf der SS 125 zum Parkplatz auf der Passhöhe des Genna Silana auf 1020 m

Bis zu 500 Meter hohe, teils stark überhängende Felswände treffen auf einem stellenweise nur wenige Meter breiten Schluchtgrund, der in engen Kurven verläuft, zusammen. Im Grund liegen Steine und Felsbrocken wild aufeinandergewürfelt und in allen Größen herum. Viele von ihnen sind von den nach Regenfällen hier entlang tosenden Wassermassen kugelrund geschliffen.

Einen schönen Zugang zu diesem Naturwunder bietet der beim Parkplatz auf der Passhöhe des Genna Silana startende Wanderweg. Bergab führt der alte Schäferpfad durch schönen Wald mit großen Korkeichen und vorbei an wilden Felsflanken zum Eingang der Schlucht auf 450 m Meereshöhe. Es geht teils steil hinunter, bevor man nach etwa eineinhalb Stunden das Portemonnaie zücken darf: der Eintritt in die Schlucht kostet 5 Euro.

Zwar ist der Blick von vorn in den Schluchteingang auch schon spektakulär, doch mittendrin sind die Eindrücke nochmals viel intensiver. Der Eintritt lohnt also auf jeden Fall, zumal er auch dem Erhalt des sensiblen Naturraums dient. Ich bin etwa 20 Minuten entlang der ersten zwei „Kurven“ der Schlucht hineingelaufen, bis das Gelände nach meinem Empfinden etwas weniger spektakulär wurde. Wer weiter hinein will, kann das natürlich tun, das Gelände soll laut des verpflichtenden „Briefings“ durch die Rangerin technisch und orientierungsmäßig immer anspruchsvoller werden.

Alles in allem ist die Tour nicht nur sehr schön, sondern das Gekraxel und Gewurschtel über die vielen Blöcke im Schluchtgrund auch sehr anregend.

Kletterer kennen die Schlucht wegen der Megaroute Hotel Supramonte, die ich etwa 15 Minuten vom Schluchteingang aufwärts gehend auf der linken Seite anhand eines von der Wand baumelnden Seils zu erkennen glaubte. Sie wurde 1998 von Rolando Larcher und Roberto Vigiani eingerichtet, misst 10 Seillängen mit Schwierigkeiten von 7a+ bis 8b und hängt auf ihren etwa 400 Metern Länge an die 100 Meter(!) über. Sie gilt bis heute als eine der schwierigsten alpinen Sportkletterrouten weltweit.

Alternativ kann die Schlucht auch vom Parkplatz Sa Barva im Tal des (nur nach Regen wasserführenden) Riu Flumineddu erreicht werden. Dieser Weg folgt stets dem Talboden und verspricht damit weniger Aussicht als „meine“ Variante vom Pass aus. Auch die als nächstes vorgestellte Siedlungsstätte am Monte Tiscali ist von Sa Barva aus in 2-3 Stunden Wanderung zu erreichen.

2. Monte Tiscali, 518 m – aus dem Valle Lanaittu

  • Dauer/Strecke: 2-3 Std. hin und zurück, je 350 Hm
  • Zufahrt: von Nuoro/Oliena oder Dorgali auf der SP 46 zum Abzweig nach Su Gologone. Von dort zunehmend ruppiges Sträßchen ins Lanaittu Tal

Der halbrunde, kraterartige Rest einer vor Jahrtausenden eingestürzten Riesendoline ist der beeindruckende Überbau für die Überreste einer prähistorischen Nuraghensiedlung. „Nuraghe“ bezeichnet sowohl die auf Sardinien überall zu sehenden Turmbauten, deren Zweck umstritten ist, als auch die mit diesen Bauten verbundene bronzezeitliche Kultur, die zwischen 1600 und 200 v. Chr. eine bemerkenswerte Blüte erreichte.

Der Weg dorthin führt durch eine wildschöne Szenerie an Bergen, Tälern und Schluchten. Man folgt zunächst auf Forstweg, dann auf immer schmalerem Pfad einigen Serpentinen durch zunehmend felsige Waldflanken, um oben durch eine Felsspalte zu schlüpfen und eine natürliche Felsgallerie entlang zu schreiten, bevor sich am Rand der Doline tolle Blicke eröffnen. Kurz vor Erreichen des Ziels gilt es – wie schon in der Gorropu-Schlucht -, die Brieftasche vorzuholen und 5 Euro beim freundlichen Kassenwart zu zahlen. Das Geld dient dem Erhalt der Stätte und dem Schutz vor (weiterer) Plünderung. Ein abgesteckter Rundgang führt durch diesen erstaunlichen, stimmungsvollen Ort.

Der „Normalweg“ führt ebenfalls von Sa Barva aus dem Tal des Riu Flumineddu hierher. Ich wählte den Zugang aus dem malerischen Valle Lanaittu, da ich diesen besonderen Landstrich erkunden wollte. Auf Schotterpiste folgte ich den „Tiscali“ Schildern soweit es Schlaglöcher und Radstand zuließen, bis ich bei den GPS-Koordinaten 40.2482053N, 9.4898756E das Auto abstellte.

3. Monte Corrasi, 1463 m – von Oliena

  • Dauer/Strecke: ca. 3 Std. hin und zurück, je 450 Hm
  • Zufahrt: von Nuoro über die SP 22 nach Oliena, dort im Zentrum den Schildern Richtung Via/Monte Corrasi folgen

Bis Oliena ist die Anreise zum höchsten Gipfel des Supramonte auch mit dem Bus möglich, danach führt die abenteuerliche, bald unbefestigte „Via Corrasi“ Richtung Punta sos Nidos. Mit robuster Autobereifung kann man ihr etwa 20 Minuten bis zu einer als Parkplatz nutzbaren Verbreiterung auf ziemlich genau 1000 Meter Höhe folgen. Zu Fuß dauert es hierhin ca. 2 Stunden.

Vom schön gelegenen „Parkplatz“ aus folgt man dem weiterhin recht breiten (und mit Allrad wohl noch weiter befahrbaren) Forstweg, bis er sich am Rande des Supramonte-Hochplateaus in einen Wanderweg verwandelt. Der runde Gipfelrücken ist hier bereits in Sicht und erscheint näher als er ist. Die Beschilderung ist gut und der Pfad auch an schmalen Stellen immer erkennbar, sodass man ein Verirren kaum fürchten muss.

Kurz unterhalb des Gipfels wird es mit einigen etwas steileren und steinigeren Stellen zu einer richtigen Bergwanderung. Oben genießt man eine Riesenaussicht über den Supramonte, das benachbarte Gennargentu-Massiv und den zentralen Osten Sardiniens. Auch die Tiefblicke in die steilen Nord- und Westflanken des Supramonte sind beeindruckend. Meerblick ist ebenfalls inklusive.

Praktische Infos:

Reisezeit

Sightseeingurlaub mit Landschaft und Kultur geht auf Sardinien das ganze Jahr, für Outdooraction eignen sich Frühjahr und Herbst am besten.

Anreise

Olbia im Nordosten, Sassari im Norwesten und Cagliari im Süden werden von (Billig)Airlines angeflogen. Von Süddeutschland aus ist die Anreise über Land sicher nachhaltiger und – vor allem mit Zwischenstopps in Florenz oder Rom – sicher auch schöner. Beispiel: Meine Rückreise führte von Olbia mit der Tirrenia-Fähre nach Cittavecchia, von dort per Regionalzug nach Rom und von dort wiederum (3 Tage später) mit Flixbus in süddeutsche Gefilde. Die Kosten von gut 80 € lagen in etwa bei denen des Hinflugs.

Mobilität vor Ort

Laut Sardinien-Inside ist das Unterwegssein mit Bus und Bahn auf Sardinien „abenteuerlich“. Selbst mit der recht gut funktionierenden Bahn kann es passieren, dass man zu ungünstigen Tageszeiten an Orten eintrifft und nicht mehr wegkommt. Nach Tickets für Bus und Bahn muss man laut der Seite hauptsächlich in Bars vor Ort Ausschau halten. Immerhin sind die Preise günstig.

Das Bahnnetz erstreckt sich zwischen den größeren Städten, vor allem zwischen Olbia, Sassari, Oristano, Cagliari, Nuoro und Carbonia. Darüber hinaus gibt es unter dem Label Trenino Verde  einige Schmalspurbahnen mit teils sehr schöner Streckenführung. Informationen und Tickets für die Hauptstrecken gibt es bei Trenitalia.

Zum Pass Genna Silana (Ausgangspunkt für Tour 1) soll ab Siniscola oder Nuoro das Busunternehmen Arst fahren, allerdings nur einmal täglich (Diese Info ist allerdings einem  Michael Müller Wanderführer von 2009 entnommen. Näheres und Aktuelleres dazu eventuell auf der alles andere als einladenden Firmenwebsite, sofern man sich dort zurechtfindet).

Neben Arst betreiben die Firmen Gruppo Turmo Travel und Deplano Bus weitere Linien. Kleinere Unternehmen wie Sun Lines Elite Service, Logudoro Tours, Redentours und Sardabus verkehren nur auf wenigen oder einzelnen Strecken.

Übernachten

Wie bei der Mobilität gilt auch beim Übernachten, dass Sardinien nicht wirklich ein Backpacker-Mekka ist. Dazu gibt es zu wenige gut ausgestattete Campingplätze oder „junge“ Hostel-Dorm-Unterkünfte der Low-Budget Kategorie an strategisch günstigen Orten. Auch die Sportkletterer reisen eher in den eigenen Campern an und herum.

Entlang der Küsten sieht es mit der Auswahl an günstigen Unterkünften besser aus als im Hinterland.

Fazit

Sardinien ist auch für Bergfreunde und Outdoorer allemal eine Reise wert. Vor allem auf Kletterer und Wanderer warten unzählige Möglichkeiten und tolle Eindrücke – von völlig entspannt bis hoch ambitioniert.

Rubihorn Nordwand, „The Nameless Route“, M6+, 355 m, 9 SL

11. Februar 2020
Die Bergfreunde

Brüchiger Fels, schottrige Bänder, Nässe, jede Menge Gras in der Wand – die Beschreibung eines guten Kletterziels liest sich für gewöhnlich anders. Doch im Winter wendet sich das Blatt: Die Nordwand des Rubihorns wird zum attraktiven Mixedkletterziel. Und mit etwas Fantasie erkennt man dann sogar eine Miniatur-Ausgabe der Eiger Nordwand.

Erstbegehung

Hannes Neubert und ich machten uns im Dezember 2016 daran, mögliche neue Linien in der Rubihorn Nordwand auszutüfteln. Von 2017 bis 2019 waren wir immer wieder in der Wand, um diese Route einzurichten. Am Ende fehlte nur noch der passende Routenname, der sich diesmal einfach nicht finden ließ.

Charakter

„The Nameless Route“ ist eine kühne Mixedroute für routinierte Winterkletterer. Die ersten fünf Seillängen bieten steile Kletterei an gefrorenen Graspolstern und Felsrissen. Danach leitet eine Rampe in moderateres aber nicht weniger interessanteres Gelände. Bis zuletzt dominiert die fürs Rubihorn typische Graskletterei. Vorteil: Es braucht keine besonderen Bedingungen, es muss nur kalt sein. Bei Plusgraden wäre das Klettern nicht nur extrem gefährlich, auch würde die Route mit der Zeit zerstört werden.

Absicherung und Ernsthaftigkeit

Die Standplätze (bis auf die letzten beiden) und einzelne Zwischenhaken sind gebohrt und mit Markierungsschlingen ausgerüstet. Darüber hinaus muss die Route selbst abgesichert werden, was eine gute Übersicht und eine gewisse Initiative verlangt. Dennoch teils weite Runouts. Mit Blick auf eine mögliche Lawinengefahr im Zustieg und auch in der Wand ist diese Route sicherer als die Routen im zentralen Wandbereich.

Empfohlenes Material

  • 60-m-Doppelseile
  • Cams Gr. 0.3–3
  • Rocks Gr. 4–9
  • Kleines Sortiment Schlaghaken (insbesondere Knifeblades, evtl. auch 1 gr. BD Pecker)
  • 1–2 BD Spectre als Grasanker
  • Eisschrauben braucht man nicht

Anfahrt und Zustieg

Ausgangspunkt ist Reichenbach bei Oberstdorf. Von dort zu Fuß in 1h 30min zum Einstieg. Details siehe Eiskletterführer „Bregenz bis Garmisch“, Panico Alpinverlag und/oder Alpenvereinskarte Bayerische Alpen BY4.

Abstieg

Abseilen über die Route. In der 6. SL (Rampe) lässt man den Ersten ab (BH clippen), so dass dieser den darunterliegenden Stand anklettern kann. Alternativ, bei günstiger Lawinenlage, Fußabstieg zum unteren Gaisalpsee und weiter zum Wanderweg, der zur Gaisalpe führt.

Der Weiterweg zum Gipfel ist zwar möglich, aber wegen der Latschen sehr mühevoll.

Die einzelnen Seillängen

1. SL: 30 m, M5+ (1 BH, 1 fixer Grashaken)

Der Einstieg befindet sich am Sporn rechts der Schlucht, durch welche die Route „Rubi Love“ verläuft, links des markanten Ausbruchs. BH mit Markierungsschlinge von unten sichtbar. Vom BH gerade hoch, zuletzt Runout nach rechts zum Stand an großem Block (2 BH).

2. SL: 50 m, M5 (3 BH, 1 NH)

Links-rechts-Bogen zu Schuppe in Platte. Dort 2 BH. Danach kühne Graskletterei zu felsigem Aufschwung. Dort Klemmkeilriss, etwas links versteckt. Runout zum Stand (2 BH, vertikal versetzt).

3. SL: 40 m, M6+ (5 BH, 2 NH)

Linkshaltend, zunächst überhängend, dann leicht geneigt, zu Riss und diesen empor. Am Ende im einfacheren Gelände rechtshaltend zu Bolt an kleinem Pfeiler. Von diesem auf Schneeband ca. 7 m nach links zu Stand an Felsriegel (2 BH).

4. SL: 28 m, M4 (2 BH)

Kurz nach links, dann Quergang nach rechts an großen Graspolstern. Empor zu kleiner Rinne und über Felsköpfe nach rechts zum Stand (2 BH).

5. SL: 42 m, M4 (1 BH, 1 FK)

Linkshaltend empor zu Fixkeil und später Bolt. Am Bolt nach rechts. Plattiger Übergang zu Schneefeld mit kleinem Schneegrat. Dieser leitet zum Stand unterhalb eines kleinen Felsdaches (2 BH)

6. SL: 50 m, M4+ (1 BH)

Wenige Meter horizontal nach links zu grasigem Riss. Diesen hoch zu guter Klemmkeilstelle und weiter nach links zur großen Rampe. Achtung, Seilzug! Stand am Ende der Rampe (2 BH vertikal versetzt und mit Seil verbunden).

7. SL: 30 m, M3 (kein fixes Material)

Leicht linkshaltend in einfacher Graskletterei zu Latsche (Zwischensicherung) und weiter gerade hoch zu Stand an der darüberliegenden Wandstufe (2 BH).

8. SL: 55 m, M4 (kein fixes Material)

Zunächst linkshaltend über Rampe empor, dann leicht rechtshaltend in steiler Graskletterei zu Rinne. Über diese empor zu Stand an Latsche. Abseilschlingen müssen ggf. ausgegraben werden.

9. SL: 30 m, M2 (kein fixes Material)

Rechtshaltend zu Schneise in den Latschen und in leichter Kletterei zum Stand an großer Latsche kurz unterhalb des Gipfelgrates.

Hier findet ihr die vollständige Topo der Route zum Download: Topo Rubihorn Nordwand The Nameless Route

Großes Kino am Himmel: Nordlichter und ihre Entstehung

9. Januar 2020
Die Bergfreunde

Das Nordlicht ist eines dieser Naturphänomene, bei denen auch notorische Quasselstrippen mal für einen Moment Ruhe geben. Ein meist grün, manchmal aber auch rot oder mehrfarbig schimmernder und wehender Lichtvorhang zieht sich lautlos über den Nachthimmel. Man steht da mit offenem Mund und ist gebannt von der Größe, Erhabenheit und Schönheit des Kosmos. Man erlebt dieses köstliche Gefühl von Geheimnis und Mysterium, das dem gehetzten Hochgeschwindigkeitsmenschen heute nur noch selten vergönnt ist.

Guter Erfahrungsbericht, oder? Halt nur kein Echter, ich habe diese Zeichen der Götter noch nie in natura gesehen. Aber glaub mir, ich kann mich da beim Youtube-Schauen wirklich gut hineinversetzen. Glaubst du nicht? Dann schau mal dieses Video und sag mir, dass du keinen ehrfürchtigen Schauder verspürst …

Und ich kann jede Menge Fakten liefern. Zum Beispiel, dass wir hier zwar meist „Nordlicht“ sagen, dabei aber gar nicht daran denken, dass das Phänomen auch auf der Südhalbkugel vorkommt. Und eine Benachteiligung des Südpols wollen wir natürlich vermeiden, sodass ab jetzt nur noch wissenschaftlich korrekt von Polarlichtern die Rede ist. Man könnte zwar auch „Nord- und Südlicht“ sagen, doch das klingt irgendwie nach Banalitäten wie Blinker und Rücklicht. Deshalb schlage ich hier die lateinische Unterscheidung vor: Aurora Borealis heißen sie im Norden, Aurora Australis im Süden. Das hat doch mal Klang und Charakter, oder?

Formen und Farben

Bei WasistWas, meiner Lieblings-Wissenslektüre aus Kindertagen, liest man folgende Beschreibung:

Polarlichter können ganz unterschiedliche Erscheinungsformen haben: als Schleier oder Girlanden, die sich verändern. Als ein über dem Horizont liegender weißlicher Bogen oder als Strahlen, als abgeschlossene Flächen oder Flecken, die alle ganz unterschiedlich gefärbt sein können und hell leuchten.

Bei regelmäßiger Beobachtung erkennt man, dass bestimmte Farben und Formen gehäuft vorkommen. Eine grobe Klassifizierung unterteilt vier Arten von Polarlichtern, welche abhängig von den Sonnenwinden sind: Corona, Vorhänge, ruhige Bögen und Bänder. Bei der Corona handelt es sich um ringförmige, an Kronen erinnernde Gebilde. Eine weitere Ausdifferenzierung ist die Vallance-Jones Classification, die zusätzliche Attribute wie diffus, strahlenförmig, pulsierend und flammend einführt.

Das Leuchten

Es ergibt sich natürlich die Quizfrage, warum es da oben leuchtet. Die ganz grobe Erklärung ist, dass Sonnenwind aus dem Weltall auf die Moleküle der oberen Atmosphärenschichten trifft. Sorgt dann die Reibungshitze ähnlich wie bei den Sternschnuppen für das Leuchten? Falsch, die Leuchtenergie entsteht zwar tatsächlich durch Aufeinanderprall von Molekülen, jedoch nicht durch Reibung, sondern durch Ionisation und Anregung von Gasen, ähnlich der in Leuchtstoffröhren.

Die Farben

Welche Farben wir zu sehen bekommen, hängt von den je nach Höhenlage verschiedenen beteiligten Elementen in der Atmosphäre ab. Und von unseren eigenen Wahrnehmungsorganen, denn verschiedene Menschen sehen bei der gleichen Aurora manchmal abweichende Farben.

Die „übliche“ Farbe ist grün, dann folgen rot und blau. Aus diesen Grundfarben entstehen auch Mischungen  wie violett, weiß und manchmal auch gelb. Grüne Polarlichter werden üblicherweise durch Sauerstoff in Höhen zwischen 80 und 150 Kilometern hervorgerufen. In Höhen von 150 bis 600 Kilometern erzeugt der höhere Anteil an Stickstoffatomen rote und blaue Farben.

Polarlicht auf Hawaii? Wo kommt das Phänomen vor?

Polarlichter sind meistens in zwei etwa 3 bis 6 Breitengrade umfassenden Bändern in der Nähe der Magnetpole zu sehen“, könnte man in wikipediatypischer Sperrigkeit zusammenfassen. Was das heißt, versuche ich mal für die Nordhalbkugel aufzudröseln: der nördliche Magnetpol wurde zuletzt 2007 in seiner Position bestimmt, und zwar auf 83° Nord und 112° West. Das ist nördlich von West-Kanada, ziemlich nah am geografischen Nordpol. Das häufigste Vorkommen der Nordlichter spielt sich also entlang des 83ten nördlichen Breitengrades ab. Er markiert die Mitte des Bandes, in dem die meisten Nordlichter vorkommen. Das Band ist maximal 6 Breitengrade breit, demnach reicht es vom 86. Grad ganz nah am Nordpol bis zum 80. Grad. Alles in allem verdammt weit nördlich.

Doch man muss nicht bis nach Spitzbergen reisen, um die Aurora Borealis zu Gesicht zu bekommen. Das müsste man nur, wenn man sie in fast jeder klaren Nacht sehen will. Für eine halbwegs gute Chance, binnen ein-zwei Wochen einen Blick zu erhaschen, reicht es meistens, zwischen September und Mai nach Schweden oder ins südliche Norwegen zu fahren. Die jahreszeitliche Einschränkung hat nur mit der Dunkelheit zu tun: Polarlichter sind das ganze Jahr vorhanden, im Sommer aber wegen der Helligkeit schlecht bis gar nicht zu sehen.

Die Nordlichtzone ist auch kein gleichmäßiges Band um den Nordpol, sondern hat Kurven und Löcher, sodass die Formel „je näher am Magnetpol, desto höher die Sichtungschance“ nicht immer aufgeht.

In Phasen besonders heftiger Sonnenaktivität mit extremen „Sonnenstürmen“ kann man auch ganz zuhause bleiben, denn dann gibt es selbst in Deutschland die Chance auf Nordlicht-Sichtungen (hier ein Foto von einem Polarlicht über Berlin am 8.10.2013). Im Extremfall sind Polarlichter dann bis in die Tropenzone zu sehen – wie zuletzt 1859, als sie bis nach Havanna und Hawaii sichtbar waren.

Bescheidener Superstar: die Sonne

Die Hauptdarstellerin der nächtlichen Show hält sich dezent im Backstagebereich auf. Huch, erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass sie ja wortwörtlich der Superstar ist – der einzig wahre Stern an unserem Himmel. Sie ganz allein bestimmt auch, wann die Polarlichter auftreten:

Die Häufigkeit der Polarlichterscheinungen in den mittleren Breiten (Mitteleuropa) hängt von der Sonnenaktivität ab. Die Sonne durchläuft einen Aktivitätszyklus (Sonnenfleckenzyklus), der vom Anfang (solares Minimum) über die Mitte (solares Maximum) bis zum Ende (erneutes Minimum) im Durchschnitt elf Jahre dauert.“

In Phasen des solaren Maximums gibt es besonders viele Sonneneruptionen, bei denen riesige Materiemengen (Plasma, hauptsächlich aus Elektronen und Protonen bestehend) mit bis zu 2500 km pro Sekunde abgedampft und weggeschleudert werden. Solch einen coronalen Massenauswurf (CME) kann man sich vorstellen wie einen Vulkanausbruch, nur dass die ausgestoßene „Wolke“ größer als die ganze Erde sein kann. Sogar viel größer. Die Produkte einer in Richtung Erde gewandten Eruption wehen als Sonnenwind zum blauen Planeten und erzeugen dort Polarlichter.

Polarlichter machen somit sichtbar, dass die Sonne weit mehr Einflüsse auf die Erde und die Atmosphäre ausübt als „nur“ Wärme und Beleuchtung zu liefern. Über die komplexen elektromagnetischen Einflüsse von Sonne und „Weltraumwetter“ auf Atmosphäre und Klima ist längst noch nicht alles bekannt.

Sonnenwind: ein Lüftchen im Vakuum

Der Teilchenstrom aus dem CME weht je nach Heftigkeit des Ausbruchs schneller oder langsamer zur Erde. Von 100 bis 800 Kilometer pro Sekunde ist in verschiedenen Quellen die Rede. Das ist zwar schneller als Roadrunner und Coyote zusammen, doch draußen im Weltall kommt es eher gemütlich daher. Das Tempolimit liegt dort bekanntlich bei Lichtgeschwindigkeit, zumindest was Strahlen und Wellen angeht. Während das Licht für die 150 Millionen Kilometer zwischen Sonne und Erde etwa acht Minuten braucht, trifft der Sonnenwind erst nach etwa 24 bis 72 Stunden auf die Erdatmosphäre. Der Kontakt mit dem größeren Erdmagnetfeld erfolgt etwas früher, wobei dieses ähnlich wie eine nicht platzende Seifenblase gestaucht und gedehnt wird. Ohne diesen Schutzschild würden die Teilchen und Strahlen der Sonnenwinde das irdische Leben zerstören.

Magnetfeld und Atmosphäre der Erde: die Showbühne

Magnetfeld und Atmosphäre spielen bei der Erzeugung der Polarlichter eine wichtige Rolle. Das Magnetfeld fängt die Teilchen des Sonnenwindes ab und lenkt sie entlang seiner Feldlinien um. Diese Feldlinien „durchstoßen“ an den beiden Magnetpolen die Erdoberfläche, um entlang der Magnetpol-Achse durch den Erdkern zu verlaufen. Dass die Magnetlinien den Erdboden an den Magnetpolen „durchstoßen“, ist der Grund, dass die Sonnenwind-Teilchen dort besonders intensiv mit der Atmosphäre in Kontakt kommen und Polarlichter bilden. Sie stoßen in etwa 50 bis 400 Kilometern Höhe mit den Atomen und Molekülen der Lufthülle zusammen und bringen diese zum Leuchten. Das geschieht, wie schon erwähnt, hauptsächlich durch Ionisation, sprich der Entnahme oder Hinzufügung von Elektronen in den Atomen der Atmosphäre mitsamt damit verbundener Ladungsänderung.

Kann man hier von einem Betrieb mit Atomenergie sprechen? Wahrscheinlich nur, wenn man Nichtphysiker ist und keine Ahnung hat. Auch die Frage, ob die Polarlichter klimaneutral leuchten, muss von Fachleuten abschließend geklärt werden.

Gefahren durch Polarlichter?

Gefahr für Leib und Leben durch einen Angriff wild gewordener Sonnenwindteilchen droht uns in der nordischen Wildnis nicht. Für die Betrachter ist das Schauspiel vollkommen ungefährlich. Von der ganzen Elektronik und Elektrotechnik, die unseren Planeten mittlerweile ziemlich zugeparkt hat, kann man das nicht so uneingeschränkt behaupten. Denn die mit Sonnenwinden verbundenen starken elektromagnetischen Felder können Satelliten, Radio, Funk und Stromnetze stören – und im Extremfall auch zerstören. So brannte 1989 während eines Sonnenfleckenmaximums in Kanada eine zentrale Trafostation durch, was in einer Kettenreaktion zu einem teilweise tagelangen Blackout im ganzen kanadischen Nordosten führte.

Und was lernen wir daraus?

Es soll hier erstmal reichen mit Daten und Zahlen, denn man kann mit dem Polarlicht locker dicke Bücher füllen. Außerdem sterben mit zu vielen Details und Erklärungsversuchen doch irgendwann Romantik und Geheimnis ab. Oder? Hmm, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn bei einem Phänomen wie dem Polarlicht kann man auch zu folgender Einsicht kommen: egal wie viele Details man erfasst und egal wie nah man das Bild heranzoomt – es tut sich neben dem Bekannten immer noch mehr Unbekanntes auf.

Titelbild: commons.wikimedia.org, Ximonic (Simo Räsänen)

Der lange Weg zurück Teil 1: Hoch hinaus oder die Kunst des Sturzes

19. Dezember 2019
Die Bergfreunde

Es sind die Sekunden kurz vor dem Aufprall, in denen Du realisierst, was passieren wird. Die Bilder bleiben in deinem Kopf und kehren immer wieder zurück. Sie sind wie eine Mahnung, die immer bleibt, die immer wieder sagt, was passieren kann und was es zu vermeiden gilt. Den Moment, in dem Du bemerkst, was passieren wird, versuchst du so stark festzuhalten, dass Du am Ende des Aufpralls noch ansprechbar bist.

Es sind die entscheidenden Sekunden.

Ich finde mich in einer perfekten Seitenlage wieder. Ich bin beeindruckt. Selbst meine Hände bilden ein Schutzschild zwischen Kopf und Boden. Schnell denke ich, schnell Hilfe holen – bevor ich das Bewusstsein verliere. Ein Satz, der klar und deutlich für sich steht: „Hol‘ einen Krankenwagen, der Fuß ist komplett kaputt“. Zehn Sekunden später liege ich alleine in einer großen Kletter- und Boulderhalle. Mein Blick folgt meiner Kletterpartnerin, die aus der Halle rennt. Ich versuche bewusst meinen Puls zu halten und beruhige mich mit dem Wissen, dass es nicht mein erster Sturz ist und ich weiß in welcher Reihenfolge die Schockreaktionen eintreten. Nur das Bewusstsein muss bleiben, sonst wird es im Krankenhaus zu lange dauern, denke ich und konzentriere mich auf meine Atmung. Die Schmerzen kommen im Hirn an und lassen mich schaudern. Ich versuche sie in den Hintergrund zu drängen.

Es ist Pfingstsamstag und wir sind zu zweit in der Halle. Eine große Halle nur zu zweit zu nutzen – hat etwas sehr Schönes und irgendwie Gruseliges zugleich. – Das Training für eine Nepal-Exkursion für Anfang 2020 haben wir gerade begonnen. In zwei Monaten soll es ins britische Klettermekka, den Peak District gehen. Der Peak District bietet schöne Gritstone-Klippen, über 2000 Routen und Routenlängen von bis zu einem Kilometer.

Eine atemberaubende Landschaft, Berge und English Tea?!

„Ich kämpfe“, sage ich so leise, dass ich es selbst kaum hören kann. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Kletterpartnerin, die soeben meine Körperfarbe als nicht mehr existent beschrieben hat. „Sogar deine Lippen haben keine Farbe mehr.“ Ich versuche zu lächeln und denke mir, es gibt keine bessere Begleitung ins Krankenhaus. Eine Pharmazeutin, die klinische Studien betreut, wird für mich sprechen, falls ich es nicht mehr kann.

Es vergehen Stunden an verschiedensten Orten der Uniklinik Bonn. Das Gefühl für Zeit und Raum sind gebunden an einen Mikrokosmos, der an diesem Pfingstsamstag keinen Boulderunfall mehr gebraucht hätte. Ein junger Mann tanzt fröhlich mit einer Krücke in der Radiologie und ich wünsche mir nichts mehr als mit ihm tauschen zu können.

Das Zögern der Ärztin und des dazu gerufenen Facharztes strengt mich unglaublich an und ich wechsele in den für mich typischen „Schweigemodus“ und lächele nur noch.

Eine Art der stillen Akzeptanz verbunden mit dem klaren Abgeben von Eigenständigkeit.

Zehn Stunden nach meinem Unfall gibt es endlich eine vorläufige Diagnose, deren Schwere und Komplexität ich erst in den darauffolgenden Wochen und Monaten verstehen werde:

Knöcherner Ausriss aus dem Sprungbein, Absprengung des Deltabandkomplexes – Bänderdreieck am Innenknöchel, teilweise gerissene Bänder des Außenknöchels, Knochenmarködeme und Hämatome.

Für eine Person, die gerne unabhängig und sehr aktiv ist, bedeuten diese Monate auch zu erfahren, wie es sich anfühlt nicht die starke Frau sein zu können und zu lernen, dass Schwäche nichts Negatives ist und vor allem positive Seiten zu bieten hat.

Dass ich jetzt für das Basislager eine Reihe über komplexe Fußverletzungen im Kletter-/ Bouldersport, Behandlungsmethoden und Heilungsprozesse sowie ein Doppelinterview mit meinem behandelnden Unfallchirurgen veröffentlichen werde, habe ich letztlich meiner Verzweiflung zu verdanken. In einem Tweet an die Bergfreunde schrieb ich:

Shoppe gerade bei @Bergfreunde_de – das nenne ich Resignationsstufe 2… #climbingaccident #Sprunggelenk #4of8weeksdone #nowalksanymore  (@Journal.ist.in)

Mit dieser Reihe möchte ich meine Erfahrungen, medizinisches Fachwissen, Tipps und heilungsfördernde Übungen während der Phase der zweimonatigen Ruhigstellung an euch weitergeben.

Hoch hinaus muss nicht immer das Erreichen eines Berggipfels bedeuten.

Bergfreundin Anna:

Anna ist so richtig mit dem Bergsport in Berührung gekommen, als sie vor neun Jahren zum Studieren nach München zog. Seitdem sind Berge und Kletterhallen ihr zweites Zuhause. Als Journalistin fördert sie eine ethisch korrekte Berichterstattung und bringt sich gerne in heikle Recherchen ein. Durch ihre Arbeit als Theaterregisseurin können ihre journalistischen Projekte auch auf der Bühne wiedergefunden werden. Darüber hinaus gibt sie Seminare zu Körperarbeit, Körperwahrnehmung und Stimmbildung.

Techno-Routen im Voralptal: „The Shield“, „The School of Rock“ und „North Face Exit“

9. Dezember 2019
Die Bergfreunde

21. August 2008, Urner Alpen. In der Nacht hatte es geregnet, in den höheren Lagen sogar geschneit. Lukas Binder und ich warteten bis mittags, bis der Fels halbwegs abgetrocknet war. Dann stiegen wir ein und zündeten den Turbo. Nur 2 Stunden und 18 Minuten später blickten wir von der Gipfelnadel des Salbits zurück auf seinen großen, berühmten Westgrat, auf die vielen Granitzacken, die wir gerade überklettert hatten. Am Abend checkten wir am Zeltplatz auf der Göscheneralp ein, zusammen mit dem Rest unseres Expedkader-Teams, mit dem wir damals unterwegs waren.

Bevor wir weiterzogen, machten wir am nächsten Tag noch einen Ausflug ins Voralptal. Ein Teil des Teams landete schließlich am Einstieg der Techno-Route „Muja Hedder“ und ich eher zufällig in einer feinen Rissspur rechts der Route. Allerdings war mein Akku ziemlich leer an diesem Tag und ich kam nicht besonders weit. Daniel Gebel, einer unserer Trainer, kletterte den Riss zu Ende und setzte einen Bolt.

Zurück ins Voralptal

Gut 20 Minuten geht man von der Voralpkurve Richtung Voralphütte, bevor man den Weg nach rechts verlässt und über Blöcke zu einem kleinen Seitental aufsteigt, an dessen Eingang ein perfekter Granitpfeiler steht. Dieser Fels, vor allem aber das traumhaft schöne Voralptal, das Basecamp auf der Göscheneralp – all das hat einen festen Platz in meinem Herzen gewonnen. Es ist nicht die große Bühne, nicht Chamonix, nicht Patagonien, nicht das Yosemite Valley, nicht der Karakorum.

Aber ich fühle mich dort ein Stück weit zuhause. Keine Ahnung, warum es sieben Jahre dauern sollte, bis wir im Sommer 2015 an unserer Route weiterarbeiteten. Vielleicht hat es einfach eine Maschine wie Lorenz Gahse gebraucht. Fast zwei Tage hämmerte, putzte, und bohrte er, bis die 40 Meter lange 2. Seillänge dieser neuen Route geschafft war. Wir hatten nur eine Mini-Bohrmaschine dabei, und deren Akku gab nicht mehr viel her. Den Stand-Bolt bohrte Lorenz im Wesentlichen von Hand, und danach war er wirklich einmal platt.

Ein schwerer Schlag

Ebenfalls im Sommer 2015 gelang Finn Koch und mir die Erstbegehung der Route „The School of Rock“ (7a+, A3+, 195 m). Sie verläuft links der „Muja Hedder“ und mündet kurz vorm Gipfel des Pfeilers in die Route „Traumschiff“. Während der Erstbegehung setzten wir nur einen einzigen Bolt.

Erst später richteten wir die Standplätze mit jeweils zwei Bolts ein. Mitte August 2016 waren wir erneut in der Wand, um der Route den letzten Schliff zu verpassen. Anschließend eröffneten wir, vom Biwakband startend, eine weitere Seillänge der neuen Route. Lorenz war zu dieser Zeit länger verreist und deshalb nicht mit dabei. Wenig später verunglückte er im Alter von 17 Jahren im Wettersteingebirge. Es war ein schwerer Schlag. Ein einschneidendes Ereignis, das unsere Welt von jetzt auf nachher veränderte.

Es folgte eine schwierige Zeit, voller Zweifel und ohne Antrieb für eigene Kletterprojekte. Im Dezember 2016 machten wir, Finn und ich, uns auf den Weg zur Eiger Nordwand. Es war an der Zeit, mich meiner Situation zu stellen, wieder Mut und Energie aufzubringen. Nicht nur zum Klettern, sondern auch, um die Verantwortung für einen jungen Kletterpartner durch eine solche Wand zu tragen (durch diese Wand, von der Lorenz immer geträumt hatte). Uns glückte ein kleiner, für mich bedeutsamer Schritt nach vorn, letztendlich auch in Richtung Voralptal, wo noch immer ein gemeinsames Projekt auf seine Vollendung wartete.

Pendelquergang am Cliff

Von 2017 bis 2018 konnte ich mit dem NRW Alpinkader eine weitere Techno-Route im Voralptal erstbegehen: „Mosquito Circus“ (A3, 6c, 285 m). Parallel dazu, Ende Juni 2018, ging es dann auch endlich beim Langzeitprojekt voran. Vor allem aber tat es gut, nach einer langen Zeit mit Knieproblemen und einer Meniskusoperation überhaupt wieder in den Bergen unterwegs sein zu können.

Diesmal war Michaela Schuster mit von der Partie, und wenn sie am Start ist, dann geht auch was voran. Wir biwakierten in der Wand, am großen Band nach der dritten Seillänge. Urs Waldispühl und Lars Hofer, Erstbegeher der „Muja Hedder“, gaben uns das Okay, weiter oben in der Wand einen zusätzlichen Standplatz bohren zu dürfen.

Von diesem kletterten wir den perfekten Riss der 6. Seillänge der „Muja Hedder“ und von dort nach links weiter, um eine Verbindung zum Ausstieg unserer Route „The School of Rock“ zu schaffen. Ein paar Züge gingen noch an natürlichen Strukturen, bis ich vor einer absolut glatten Platte stand. Zwei 8-mm-Bolts und zwei BAT-Hook-Löcher später war wieder einmal der Akku der kleinen Bohrmaschine leer. Ich legte den Cliff ins letzte Loch und Michaela lies mich daran ab, bis ich tief genug war für einen gewagten Pendelquergang zum nächsten Riss…

The Shield

Zwei Tage später erreichten wir erneut die Headwall des Pfeilers und bohrten den noch fehlenden Bolt für den Pendelquergang. Über den Ausstieg der Route „The School of Rock“, die wiederum in der letzten Seillänge vom „Traumschiff“ mündet, konnten wir unsere Routenkombination schließlich zu Ende klettern.

Wir gaben ihr den Namen „The Shield“, inspiriert von der glatten Headwall des Pfeilers, durch die unsere Linie führt. Ein großer Name für eine solche Route? Vielleicht, aber nicht in meiner Wahrnehmung, in der „The Shield“ für mehr steht als nur ein paar Meter Fels.

Das Horror-Flake

Im Sommer 2018 gab es noch einmal eine Veränderung im Bereich der zweiten Seillänge. Diese beginnt mit einem feinen Hakenriss, gefolgt von einer Platte (Bolt) und einem etwas breiteren Riss, der wiederum zu einem Risssystem links unserer Route führt. Ein paar Haken zeugen davon, dass dort früher schon geklettert wurde. Allerdings wurde der Weiterweg zum Biwakband von einer großen, beängstigend hohlen Schuppe versperrt, die irgendwie an der Wand klebte.

Jedem war klar, dass man daran nicht klettern sollte. Also zweigte Lorenz damals (2015) vor der Schuppe rechts ab, umging das Problem mit Hilfe eines Bathooks und eines 8-mm-Bolts und konnte so einen weiter rechts verlaufenden Riss erreichen. Im August 2018 wurde die Schuppe dann von einem lokalen Bergführer ins Tal geschickt. Dadurch ergab sich nicht nur ein direkterer und einfacherer Zugang zum Biwakband, es änderte sich auch die Einschätzung unserer Linienführung, die plötzlich gesucht  erschien. Letztendlich ändert das aber nichts am Charakter der Route. Es ist offensichtlich, dass sie die interessantesten Strukturen sucht, nicht den einfachsten Weg durch die Wand.

North Face Exit

Im August 2019 erschlossen Korbinian Fischer und ich schließlich noch eine Ausstiegsvariante durch die überhängende Nordwand des Turms. Sie ist schwieriger als der Originalausstieg übers „Traumschiff“ und verleiht der Route mehr Eigenständigkeit. Der „North Face Exit“ verlangt kaum zusätzliches Material, so dass man sich nicht vorher auf eine Variante festlegen muss.

Eine Frage des Stils

Wir haben uns beim Einrichten unserer Routen viele Gedanken darüber gemacht, was wir bezwecken und hinterlassen wollen. Geht es uns primär darum, eine Erstbegehung zu realisieren oder wollen wir etwas für andere schaffen? Was wollen wir Wiederholern an Mühen und Gefahren zumuten?

Ist es überhaupt sinnvoll, eine Route zu zähmen? Je länger ich über diese Fragen nachdenke, desto unsicherer werde ich. So bleibt mir nur zu hoffen, dass unserer Arbeit von Wiederholern verstanden und wertgeschätzt wird – und natürlich, dass sie immer gesund und glücklich aus dem Voralptal zurückkehren.

Routeninfos The Shield (A3-, 6c, 215 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Lorenz Gahse, Michaela Schuster, Daniel Gebel 2008–2018

  • Anspruchsvolle und abwechslungsreiche moderne Technoroute mit eleganter Linienführung und bester Felsqualität. „The Shield“ verläuft in Teilen gemeinsam mit den Routen „Muja Hedder“, „The School of Rock“ und „Traumschiff“. Die Schwierigkeiten (wie auch der Gesamtanspruch) dieser Routenkombination liegen zwischen „Muja Heddder“ und „Mosquito Circus“, weshalb wir uns für den unüblichen Grad A3- entschieden haben. Für die beiden Ausstiegslängen braucht man nur noch Freiklettermaterial inkl. folgender Cams: 1 x C4 #0.4–3 sowie 1 x #6 am Beginn des breiten Risses der 6. SL. Keile, Haken usw. können am Band gelassen werden.

 Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Microkeile
  • Rocks 1-7
  • Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1–2 x Cam C3 #00–1
  • 2–3 x Cam C4 #0.3–0.5
  • 1 x Cam C4 #1–3
  • 5 Beaks/Peckers (3 x klein, 2 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • 2 Drehmomenthaken, kleine und mittlere Größe
  • 2 x Camhook small (optional)
  • 1 x Hook für 8-mm-Bohrloch
  • Kantenschutz fürs Seil empfehlenswert
  • Mückenspray

Routeninfos The School of Rock (7a+, A3+, 195 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Finn Koch 08/2015

Sehr anspruchsvolle Route, die schwierige und teils schlecht absicherbare Freikletterei mit extremer Technokletterei verbindet. Die Standplätze liegen allesamt an bequemen Bändern oder Absätzen und sind mit jeweils zwei Bohrhaken ausgerüstet. Gebohrte Zwischenhaken gibt es aber nicht. In der 4. Seillänge muss eine längere Passage an kleinen Beaks und Cliffs geklettert werden. Achtung, hier sind weite und gefährliche Stürze möglich!

Die dritte Seillänge kann frei geklettert werden (linke Variante, 6c). Interessanter ist aber die rechte Variante, eine stumpfe, glatte Verschneidung (A2+). Am Band nach der Verschneidung fanden wir drei Bolts vor (einer ohne Lasche), deren Herkunft sich bisher nicht klären lies. Wir vermuten, dass diese Seillänge schon früher geklettert wurde. Die fixen Schlaghaken in dieser Länge bitte nicht entfernen – man muss sie beim Abseilen clippen!

Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Micro-Offsetkeile und Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1 x Cam C3 #00 – 1
  • 2 x Cam C4 #0.3 – 2 (kleine Größen besser Aliens)
  • 1 x Cam C4 #3
  • 1 x Cam C4 #6 (empfehlenswert für SL 6)
  • 8 Beaks/Peckers (5 x klein, 3 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • Hooks (2 x Talon, 1 x Cliff, 1 x Grappling Hook)
  • Drahtbürste
  • Mückenspray

Routeninfos „North Face Exit“ (A2+, 5b, 75 m, 2 SL)

EB: Fritz Miller, Korbinian Fischer 08/2019

Luftiger Techno-Ausstieg von „The Shield“ und „The School of Rock“. Die erste Seillänge ist clean, in der zweiten Seillänge haben wir drei Bolts gebohrt sowie ein BAT-Hook-Loch (8mm) vor dem ersten Bolt. Für die letzten Meter der ersten Seillänge braucht man Kletterschuhe (Reibungsplatte). Schuhwechsel bei Absatz mit kleinem Baum (siehe Topo)!

Für den „North Face Exit“ benötigt man einen BD Talon, einen Cliff für das 8-mm-Bohrloch oder einen zweiten Talon sowie einen großen Hook (z. B. BD Grappling Hook).

Routeninfos „Muja Hedder“ (A2+, 5c, 155 m + 40 m 6c)

Der Techno-Klassiker im Voralptal. Infos gibt’s hier: http://www.techno-climbing.ch/

Tipp: Sitzbrett für den Hängestand nach der 1. Seillänge mitnehmen. Außerdem sind Rivethanger (Draht) und/oder ein paar M6-Muttern empfehlenswert, für die 6-mm-Bolts ohne Laschen. Darüber hinaus stecken hier und da noch Schlaghaken, die ich nicht im Topo eingezeichnet habe. In den letzten Jahren konnte man die Route ohne Probleme mit einem deutlich kleineren Hakensortiment als dem ursprünglich empfohlen wiederholen. 10 Schlaghaken verschiedener Art und Größe sowie 3 Beaks sollten locker genügen.

Allgemeine Informationen

Zustieg: Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route „Traumschiff“ am untersten Ansatz des Pfeilers. Weiter aufsteigen, zuletzt über große Blöcke und durch Spalt direkt an der Wand zu den Einstiegen. Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1h10.

Abseilen: Bis zum Biwakband seilt man am besten über „School of Rock“ ab, wie im Topo eingezeichnet. Alle Abseilstellen sind eingerichtet. Vom Gipfel des Turms einmal kurz abseilen (ca. 15 m) zu Bolt mit Maillon und Ring (Zwischenhaken vom „Traumschiff“). In der Verschneidung oberhalb des Biwakbandes Zwischensicherungen clippen, sonst hängt man in der Luft!

Topo der Routen (Fritz Miller): Topo The Shield und The School of Rock klein

Wasser: Am besten mitbringen, denn der Bach im Voralptal ist nicht immer klar. Weiter oben gibt’s kein Wasser mehr.

Taktik/Biwak: Nur schnelle Seilschaften können diese Routen als Tagestour klettern. Die meisten Teams werden Tal bis Tal eineinhalb oder zwei Tage brauchen. Entweder am ersten Tag die ersten Seillängen fixieren und im Tal übernachten oder am großen Band biwakieren. Dort ist Platz für bis zu 6 Personen. Das Gepäck kann mit einem „Haul“ aufgezogen werden (50 m). Thema „Klo“: Das Biwakband und auch der Einstiegs-Bereich darunter dürfen nicht beschmutzt werden! Man verrichtet sein Geschäft am besten in eine Plastiktüte, packt alles in eine weitere Plastiktüte, stopft das dann in eine leere Travellunch-Packung und verschließt diese (ggf. mit Tape). Diese Bombe dann im Tal verantwortungsvoll entsorgen. Für den Transport empfiehlt sich ein kleines Kunststoff-Fass mit Schraubdeckel.

Die Bergfreunde beim Snow and Alpine Awareness Camp by Skylotec

25. November 2019
Die Bergfreunde

Nach einer langen Anfahrt von Tübingen aus, heißt uns das deutlich kühlere Galtür in Tirol willkommen. Wir, das sind Adrian und Kay, zwei Bergfreunde aus dem Gearhead-Team, die auf Einladung von Skylotec an einem der zahlreichen SAAC Klettersteigcamps teilnehmen.

Wir geben schnell unser Gepäck im Hotel ab und machen uns auf den Weg zum Alpinarium, dem örtlichen Erlebnismuseum. Die Gipfel rundum sind das erste Mal seit dem letzten Winter mit Schnee bedeckt. Eine kühle Erinnerung daran, dass Väterchen Frost gar nicht mehr so weit entfernt ist. Im Alpinarium werden wir von der Camp-Leitung begrüßt und schon geht es los.

Die Theorie

Die SAAC-Klettertsteigcamps sind in einen Theorie- und in einen Praxisteil gegliedert. Am ersten Tag werden theoretische Grundlagen erläutert, am zweiten Tag findet die Praxis am Klettersteig selbst statt. Wir lernen erst einmal das Offensichtliche:

“Ein Klettersteig ist ein mit Eisenleitern, Eisenstiften, Klammern (als Trittstufen) und (Stahl-)Seilen gesicherter (versicherter) Kletterweg am natürlichen oder künstlichen Fels.“

Auch die historischen Entwicklungen werden beleuchtet und wie genau sich Klettersteigen vom Wandern und Klettern unterscheidet. Als eigentlicher Sport wurde Klettersteigen in den 1970er Jahren populär und heute finden sich im gesamten Alpenraum Routen in ganz vielen verschiedenen Facetten und Schwierigkeitsgraden. Zuvor wurden Klettersteige primär als Versorgungsrouten zwischen abgelegenen Bergdörfern genutzt – heute ist es ein beliebter Freizeitsport.

Wir lernen natürlich, welche Ausrüstung für den Klettersteig wichtig ist, welche unterschiedlichen Normen es gibt, welche Empfehlungen und Neuentwicklungen. Alles in allem nicht viel Neues für uns, aber es ist ja von Vorteil, sein Wissen hin und wieder aufzufrischen. 

Da Skylotec Partner der SAAC-Camps ist, dürfen wir uns ausführlich mit dem Rider 3.0 beschäftigen. Das Rider funktioniert ähnlich wie eine Prusikschlinge und wird um das Kabel gelegt. Es läuft frei nach vorne und blockiert nur, wenn die Belastung nach unten geht. Es ist etwas schwerer als ein normaler Klettersteigkarabiner, funktioniert aber etwas einfacher und ist sicherer, da es direkt am Stahlseil blockiert und nicht bis zum nächsten Anker durchrutscht.

Denn generell ist Klettersteig zwar ein sicherer Sport, trotzdem solltet ihr nicht fallen. Geschieht dies trotzdem, stoppt euch der Bandfalldämpfer, allerdings ist dieser Stopp nicht unbedingt angenehm und er funktioniert auch nur einmal. Ähnlich wie der Airbag im Auto.

Was man außer einem Klettersteig-Set und etwas Schwindelfreiheit also sonst noch so braucht: Nun, das ist in der Regel ein bunter Mix aus Kletter- und Wanderausrüstung: Helm, Klettergurt zum Befestigen des Klettersteigsets, Schlingen und Karabiner, passendes Schuhwerk, Handschuhe, Erste-Hilfe-Set, ein Smartphone und Outdoor-Bekleidung.

Auch die Planung spielt beim Begehen eines Klettersteigs eine entscheidende Rolle. Es sollte natürlich vor der Tour das Wetter gecheckt werden. Gerade bei Nässe können Stahltritte auch mal rutschig werden und die Stahlseile funktionieren im Zweifel prima als Blitzableiter. Man sollte stets wissen, wann und wo man aus einer Route aussteigen kann. Die meisten Klettersteige bieten diese Möglichkeit. Natürlich sollte man auch mal einen Blick auf die Topo werfen, um zumindest eine ungefähre Idee der Route zu bekommen. Außerdem ist es wichtig, den Steig an das eigene Können anzupassen und vielleicht nicht gleich mit der schwersten Tour zu beginnen. https://www.bergsteigen.com/touren/klettersteig/familienklettersteig-little-ballun/

Bevor es dann endlich losgeht, sollte ein letzter Ausrüstungscheck stattfinden. Sitzt der Hüftgurt? Ist das Klettersteigset richtig eingehängt? Passt alles, kann es losgehen. Während der Tour macht es Sinn, auch immer mal wieder inne zu halten und in sich reinzufühlen, ob alles in Ordnung ist und nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. Ein Klettersteig kann durchaus auch einmal beschädigt sein. Wie immer am Berg gilt auch hier: Vorsicht ist besser als Nachsicht

Tag Zwei – aus Theorie wird Praxis

Tja, da ist er – der Schnee. Und das Anfang September. Fürs Klettersteiggehen nicht optimal. Ganz und gar nicht. Daher geht es für uns heute leider nicht in die Berge. Glücklicherweise bietet das Alpinarium aber einen kurzen Übungsklettersteig mit vielfältigen Passagen, die zum Üben der zuvor erlernten Techniken perfekt sind. 

Also legen wir los: Ausrüstungscheck. Haben wir alles für die Route? Ist die Ausrüstung in Schuss? Und natürlich der Partner-Check. Sicher ist sicher. Dann nochmal: Sitzt alles richtig? Doppelt hält schließlich besser. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir gehen in zwei Gruppen à 4 Personen mit jeweils zwei SAAC-Bergführern, die stets ein Auge auf uns haben und extrem hilfreich sind und uns ständig gute Tipps geben, wie wir die nächste Station am besten angehen. Super!

Wie auch beim Klettern ist es wichtig, das Hindernis genau zu analysieren und zu schauen, wie man es am besten bewältigt, statt einfach mit roher Kraft heranzugehen. Mach Pause, wenn nötig, lass dabei ausreichend Platz für den Vordermann oder die Vorderfrau, falls er oder sie ein Stück zurück klettern muss und am allerwichtigsten: Hab Spaß!

Unterm Strich…

Man muss es so sagen: Klettersteiggehen ist nicht so sicher, wie man gemeinhin denkt. Es ist kein “Klettern-Light” sondern eine eigene Sportart mit eigenen Techniken, spezieller Ausrüstung und Routen. Deshalb sollte man definitiv nicht blind an den ersten Klettersteig herangehen, sondern im Vorfeld alle wichtigen Parameter im Blick haben. Vor allem sollte man sich eine Route aussuchen, der man gewachsen ist. 

Wer sich noch unsicher ist, dem können wir an dieser Stelle eines der SAAC-Camps von Skylotec empfehlen. Obwohl es für Kay und mich nicht der erste Klettersteig war, haben wir dennoch einige neue Impulse bekommen und es kann ja auch nicht Schaden, das Wissen mal wieder aufzufrischen und auf den neuesten Stand zu bringen.

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