Alle Artikel zum Thema ‘Die Bergfreunde’

Immer diese Vorurteile. Von wegen kleine Bude mit ein paar Kletterverrückten und Wanderlustigen im Hinterzimmer. Wird Zeit für ein Blick hinter die Kulissen. Klar, eins steht fest: Wir sind echte Bergfexe und in unser Freizeit kraxeln wir auch gerne mal an den senkrechten und überhängenden Wänden herum.

Aber um letztlich alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, erfährst Du hier was wir so treiben und was es neues bei den Bergfreunden gibt. Von Touren, über Mitarbeiter-Aktionen bis hin zu lustigen Geschichten aus den Bergen ist alles dabei.

Erlebt die Bergfreunde in voller Action. Ob beim kraftraubenden, akrobatischen Klettern der ultimativen Route oder der winterlichen Alpenüberquerung.

Bigwall-Klettern am Monte Brento

17. September 2019
Die Bergfreunde

Längst ein alter Hut aber immer noch bestens geeignet für ein angenehm flaues Gefühl in der Magengegend: die Bigwall-Route Via Vertigine (VI+, A2, ca. 1000 m/28 SL) am Monte Brento! Mit dem „Universo Giallo“ (VII, A2, ca. 1000 m/27 SL), dem „gelben Universum“, gibt es seit 2007 eine weitere, vergleichbare Route. Rechts dieser beiden Linien verläuft „Il grande Incubo“ (VII, A3, ca. 1200 m/32 SL) – eine sehr ernste und nur bedingt empfehlenswerte Technoroute. Und dann gibt’s im zentralen Wandteil mit „Brento Centro“ (8b) auch noch eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Freikletterroute. Da sie in weiten Teilen gemeinsam mit den anderen Routen verläuft, konnte ich ein paar Einblicke bekommen und erlaube mir einmal diese Einschätzung…

Die miese Felsqualität der genannten Routen ist allgemein bekannt, genau wie die Tatsache, dass die Kletterei in der „Vertigine“ und im „Universo Giallo“ eher stumpf ist. Aber die brutale Ausgesetztheit lockt einfach… Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich in den letzten Jahren immer wieder kontaktiert wurde, mit der Bitte um Infos zum Bigwall-Klettern am Monte Brento.

Im Folgenden will ich kurz von zwei Begehungen aus dem letzten Winter (18/19) berichten, vor allem aber Infos zur „Via Vertigine“ und zum „Universo Giallo“ bereitstellen. Einen Bericht und Infos zur Route „Il grande Incubo“ findet ihr auch hier im Basislager.

Via Vertigine, Februar 2019 

Im Anschluss an einen Dolomiten-Eisklettertrip kamen Michaela Schuster und ich abends im Sarcatal an. Am nächsten Morgen fuhren wir gemütlich nach San Giovanni. Von hier kann man zu den Wänden des Monte Brento absteigen. Nach einer Durchsteigung kommt man so recht schnell zurück zum Ausgangspunkt. Es war mein Wunsch, ein paar wärmende Sonnenstrahlen einzufangen, nach vielen Tagen in eisigen Nordwänden. Die Via Vertigine zu klettern bedeutet, in eine komplett andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der man wirklich da ist, in der es keine Ablenkung gibt – einmal abgesehen von den vielen Basejumpern, die sich über die zentrale Wand des Monte Brento stürzen.

Michaela führte am ersten Tag bis zum großen Band in Wandmitte, wo wir biwakierten. Ich war am zweiten Tag an der Reihe. In der Abenddämmerung standen wir dann oben, über dieser verrückten Riesenwand, mit Blick auf verschneite Berge, den Gardasee und die Lichter der Ortschaften des Sarcatals. Ja, die Route ist wirklich cool, immer wieder, und wenn man ein paar Punkte beachtet, auch halb so wild (siehe Tipps und Infos unten).

Universo Giallo, März 2019

Obwohl bei uns in der „Vertigine“ alles gut ging, war sich Michaela nach der Tour sicher, dass sie erstmal genug hätte von dieser Wand. Aber schon Mitte März machten wir uns wieder auf zum Monte Brento, um die Route „Universo Giallo“ in einem Tag zu klettern. Wir kannten die Route nicht, aber ein Kumpel bestätigte, dass man hier schneller voran käme als in der „Vertigine“.

Für die ersten zehn Seillängen, die Michaela vorstieg, brauchten wir nur 1h 45min. Danach, im überhängenden Teil, waren wir nicht mehr ganz so schnell… Trotzdem erreichten wir San Giovanni im letzten Licht des Tages. Oben trafen wir noch zwei Basejumper, die es kaum glauben konnten, dass wir dort wirklich gerade hochgeklettert waren.

Monte Brento Ostwand, Via Vertigine und Universo Giallo – Tipps und Infos für Wiederholer

Hier also ein paar Tipps und Infos, als Ergänzung zu den Informationen des Kletterführers (Versante Sud, „Hohe Wände bei Arco“).

Die beste Zeit

Wenn die Sonne in die Wand scheint, was von morgens bis zum frühen Nachmittag der Fall ist, kann es sehr warm werden. Man klettert also am besten im Frühjahr oder im Herbst, bei kühlem Wetter. Nachmittags, wenn sich die Sonne verabschiedet hat und Wind aufkommt, wird es dann allerdings recht frisch. Man sollte unbedingt eine Isolationsjacke mit Kapuze dabeihaben!

Zustieg und Abstieg

Zustieg: Entweder von San Giovanni durch die Nordflanke der Cima alle Coste. Dort gibt es einen markierten Abstieg für Kletterer. Vorteil: So kommt man vom Ausstieg der Route ganz einfach zurück zum Ausgangspunkt. Eine gute Wegbeschreibung fanden wir auf der Seite klettern-sarcatal.com.

Oder eben klassisch vom Tal aus, vom Parkplatz der Sonnenplatten. Das ist einfacher zu finden, allerdings muss man auch daran denken, dass man irgendwie zurück zum Ausgangspunkt muss. Denn in den meisten Fällen steht ja das Auto dort…

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zurück ins Tal zu kommen:

  • Vorher Fahrräder in San Giovanni deponieren.
  • Sich in San Giovanni abholen lassen.
  • Trampen oder auf ein Base-Taxi hoffen. Allerdings ist das bei Nacht wenig erfolgsversprechend.
  • Alles zu Fuß absteigen. An sich kein Problem, aber lang. Wenn man direkt zum Parkplatz der Sonnenplatten will, nimmt man den oben beschriebenen Steig durch die Nordflanke der Cima alle Coste. Aber Achtung – den findet man eventuell nicht, wenn man nachts durch den Wald stolpert!

Monte Brento Ostwand, Via Vertigine – Routeninfos

Charakter

Im unteren Wandteil Plattenkletterei mit einzelnen steileren Aufschwüngen. Im oberen Wandteil über weite Strecken brutal ausgesetzte und sehr anstrengende Technokletterei an überwiegend zweifelhaftem Hakenmaterial.

Hakenmaterial (Stand 02/2019)

Im Plattenpanzer gibt‘s ausreichend Bohrhaken von guter Qualität. Darüber, im überhängenden Wandbereich, sind zumindest die Stände mit vernünftigen Haken ausgerüstet (10-mm-Expressanker, allerdings teilweise im Bruch). Bei den Zwischenhaken handelt es sich überwiegend um 6-mm-Expressanker, die oft im Bruch stecken und zudem munter vor sich hin rosten.

Statt Bohrhakenlaschen wurden Ringmuttern verwendet. Diese sehen zwar solide aus, führen in vielen Fällen aber zu einer ungünstigen Hebelwirkung. Sinn machen sie leider nur in den horizontalen Dächern… Kein Wunder also, dass diese Haken bzw. ihr Ankerbolzen immer wieder (aus)brechen. Von Wiederholen wurden die entstandenen Lücken dann meist mit anderen Schrotthaken geschlossen oder mit Schlingen verkürzt. Hier und da, insbesondere im letzten Teil der Route, finden sich auch neue, solide Zwischenhaken.

Was tun, wenn Haken fehlen? Rückzüge aus dem oberen Wandteil sind extrem schwierig. Also muss es irgendwie weitergehen, selbst wenn Haken fehlen! Die meisten Seilschaften führen für solche Fälle eine Lawinensonde als „Clipstick“ mit. Ich halte davon nicht viel:

  1. Clipstick beim Bigwallklettern ist uncool.
  2. Fehlen Haken vor einer Dachkante (oder einer anderen Kante), kann man mit dem Clipstick auch nichts ausrichten.
  3. Werden fehlende Haken nicht ersetzt, ist die Route irgendwann überhaupt nicht mehr begehbar.

Man sollte also Material mitnehmen, um Fixpunkte anbringen zu können! Mein Notfall-Kit besteht aus:

  • Leichter Kletter-Hammer
  • Notbohrset: Petzl Rocpec mit 6-mm-Bohrer, 6-mm-Bolts, Schlüssel, Bohrhakenlaschen. Man kann 8-mm-Bohrhakenlaschen nehmen oder – besser – 6er-Laschen selbst basteln bzw. herstellen lassen. Dann fallen die Einzelteile beim Transport und bei der Montage nicht auseinander. Alternativ gehen auch 8-mm-Kronenbohrhaken oder Rivets + Rivethänger. Wobei in den Dächern Bohrhaken mit Lasche besser sind.
  • 2 Profilhaken (es gibt ein paar Risse)
  • 1 Beak, z B. mittlerer Pecker (Joker – kann einem das Bohren ersparen)
  • 1 Cliff für 6-mm-Bohrloch (z. B. von Cassin) 

Taktik

Üblich sind Begehungen in eineinhalb Tagen mit Biwak am großen Band. Der beste Platz befindet sich ganz am rechten Ende des Bandes. Er ist steinschlaggeschützt und es liegen dort schon ein paar alte Isomatten (schmuddelig und von den Mäusen angefressen, aber immer noch besser als selbst tragen…).

Man sollte beim Klettern alles Material in einen kleinen Haulbag (35–55 l) bekommen, den der Nachsteiger am ersten Tag trägt. Gehault wird dann am zweiten Tag. Alternativ funktioniert bei dieser Taktik auch ein robuster, zum Haulbag umfunktionierter Tourenrucksack. Je nach Größe des Haulbags macht ergänzend noch ein (ganz) kleiner Kletterrucksack Sinn.

Der große Plattenpanzer ist grundsätzlich steinschlaggefährdet. Besonders der untere Teil der Route „Via Degli Amici“ (eine große Rinne) und der Bereich rechts der Route „Il Grande Incubo“ (dort wird nicht geklettert). Nach oben hin reduziert sich die Gefahr etwas, aber selbst am großen Band kann man noch getroffen werden.

Man sollte den unteren Wandbereich also schnell hinter sich lassen. Und es ist besser, wenn über einem keine andere Seilschaft unterwegs ist. Mit etwas Simultanklettern sollten die ersten 13 SL in drei Stunden gehen. Man kann also relativ spät einsteigen. Am zweiten Tag sollte man hingegen früh starten und zudem bereit sein, die letzten Längen im Dunkeln zu klettern. Falls die Kraft nicht reicht: Am Standplatz in der Mitte der langen Querung („La Diagonale Volante“), 4 SL vor dem Ende der Route, kann man zur Not im Sitzen biwakieren. Halleluja!

Wegen der vielen Quergänge und Dächer klettert der Nachsteiger alles, anstatt zu jümaren. Der Vorsteiger sichert also nach (Plate) und hault gleichzeitig bzw. abwechselnd, was mit einem leichten Haulbag gut funktioniert. Am besten klettert man mit einem 50-m-Einfachseil und einem 60-m-Halb- oder Zwillingsseil als Haulline. Den Haulbag kann man nach 40 oder sicherheitshalber gut 40 Metern anhängen. Mit dem Restseil kann man den Haulbag „rauslassen“. In der langen Querung am Ende der Route wird der Haulbag aber auch mit 20 m Restseil einen großen Swing machen. Wer wertvolle Keramik im Haulbag mitführt, stückelt in diesen beiden Seillängen besser noch etwas Reepschnur an…

Wer die Route in einem Tag klettert, verzichtet natürlich aufs Haulen und nimmt stattdessen einen kleinen Rucksack mit. Und statt dem Haulseil eine leichte Abseilleine, für Notfälle – oder alternativ ein längeres Einfachseil. Es lohnt sich auch, die ganze Route in Kletterschuhen zu klettern. Sogar im oberen Wandteil gibt’s hier und da Freikletterei bzw. kann man ganz gut A0 klettern.

Rückzüge

Den unteren, plattigen Wandteil kann man recht einfach abseilen – sofern man die Stände wieder findet. Aus dem oberen Wandteil kommend kann das nicht nur bei Nacht schwierig werden.

Dem oberen Wandteil kann man wegen der vielen Dächer und Quergänge nicht mehr so einfach entkommen. Umso wichtiger also, sich vorab ein paar Gedanken zu machen und verschiedene Rückzugstechniken zu trainieren. Eine Kombination aus ablassen des Kletterpartners und zurückklettern sollte am besten funktionieren. Hilfreich für solche Techniken ist ein langes Einfachseil. Für den Fall, dass ein Zwischenstand eingerichtet werden muss, sollten Bohrkit sowie eine lange Reepschnur zum Verbinden mehrerer Haken greifbar sein.

Ab ca. Seillänge 19 sollte man unbedingt über die Route „Universo Giallo“ runter (dort kreuzen sich die beiden Routen). Das Gelände ist hier weniger extrem und es sind überall gute Haken verfügbar. Im Zweifelsfall aber die Flucht nach vorne ergreifen. Selbst bei starkem Regen wird man erst nach dem letzten Dach nass, und dann kommt nur noch eine letzte Seillänge!

Empfohlene Ausrüstung (Stand 02/2019) – ein paar Punkte…

  • Mindestens 25 Exen

  • Solide Bandleitern
  • Handschuhe
  • Bohrkit (siehe oben)
  • Leichtes Biwakkit
  • Wasser: ca. 4,5 l pro Person für eine Begehung mit Biwak
  • Stirnlampen + Notfallstirnlampe
  • Cams und Keile braucht man nicht

Monte Brento Ostwand, Universo Giallo – Routeninfos

Charakter

In den ersten 10 Seillängen einfache Plattenkletterei mit einzelnen steileren Aufschwüngen. Der Fels ist hier meist okay. Ab Seillänge 11 klettert man im überhängenden Wandteil. Ab hier ist der Fels leider sehr durchwachsen. Im Bereich SL 11 bis 20 hängt die Route viel weniger über als die „Via Vertigine“. Seillänge 21 verläuft dann erstmals durch eines der Riesendächer (das „Große Zentrale Dach“). Diese Länge ist zugleich die Schlüssellänge. Die Hakenabstände sind hier größer als in den Dächern der „Vertigine“. Von nun an ist man sehr exponiert, was der Angelegenheit dann letztendlich doch noch einen recht ernsten Charakter verleiht. Fürs „Universo Giollo“ spricht, dass sie insgesamt weniger heikel ist. Die coolere Route ist und bleibt aber ganz eindeutig die „Vertigine“!

Hakenmaterial (Stand 03/2019)

Die ganze Route wurde recht üppig mit 8-mm-Expressankern eingerichtet, was mich persönlich stilistisch überhaupt nicht überzeugt. Die Seillängen 11 bis 17 wurde schon 1975 eröffnet, von H. Steinkötter und Gef. Hier steckt zusätzlich zum neuen Material jede Menge Schrott.

Taktik 

In der vorletzten Seillänge des Plattenpanzers (SL 9) gibt es einen bequemen, aber nicht steinschlaggeschützten Biwakplatz. Ein schnelles Team mit leichtem Gepäck braucht bis dahin allerdings nur ca. 3 h (inkl. Zustieg!). Ich würde die Route deshalb nicht mit Biwak klettern. Voraussetzung für eine entspannte Tagesbegehung ist jedoch, dass man mit den Techniken des Simultankletterns vertraut ist. Bis unters „Große Zentrale Dach“ kann man immer wieder gut simultan klettern.

Rückzüge

Bis einschließlich Seillänge 20 viel weniger problematisch als in der Vertigine. Danach ist Schluss mit lustig. Wahrscheinlich gelingen Rückzüge am besten mit einem 70-m-Einfachseil mit gut sichtbarer Mittenmarkierung.

Empfohlene Ausrüstung (Stand 02/2019) – ein paar Punkte…

  • 25 Exen
  • Solide Bandleitern
  • Handschuhe
  • Wasser: ca. 2,5 l pro Person für eine Begehung ohne Biwak
  • Stirnlampen + Notfallstirnlampe
  • leichtes Biwakkit.
  • Cams und Keile braucht man nicht

Ein Bohrkit wäre an sich sinnvoll, allerdings ist ein Ausbruch eines entscheidenden Hakens nach SL 17 sehr unwahrscheinlich. Und bis zu diesem Punkt sollte ein Rückzug ohne große Probleme gelingen, sofern man wirklich nicht mehr weiterkommt.

Korsika: Der GR20 von Conca bis Vizzavona in 7 Tagen 

12. September 2019
Die Bergfreunde

… mit kurzem Ausblick auf den Mare a Mare Nord von Vizzavona bis Moriani Plage

Fünf Bergfreunde und ein “Mitläufer” (im wahrsten Sinne des Wortes) machen sich auf die Reise: Britta, Joana, Sandra, Adrian, Hannes und Hannes. Die anfängliche Idee, den GR20 nordwärts zu wandern, kommt von Hannes (also dem Bergfreund, nicht dem Mitläufer). Da wir aber alle gerne draußen sind, hin und wieder ein bisschen Abenteuer und Herausforderung suchen und gerne Zeit in toller Gesellschaft verbringen, braucht es nicht viel Überzeugungskraft, den Rest von dieser Idee zu begeistern.

Wir beschließen also, mit dem Flixbus nach Nizza zu fahren, von dort mit der Fähre nach Porto Vecchio und schließlich von Batia über Genua auf dem selben Weg zurück. Um Kartenmaterial und Wegplanung kümmert sich Hannes (wieder der Bergfreund ;)).

Und dann kann es losgehen!

Tag 1: Conca – Ref de Paliri

Wir starten direkt an einem Campingplatz in Conca. Über die Asphaltstraße dorthin nimmt uns der Shuttle Service des Campingplatzes mit. Somit sparen wir uns die ersten zähen Kilometer auf heißem korsischem Asphalt. 

Los geht es mit der für uns ersten und für alle Entgegenkommenden letzten Etappe. Man sieht einige bandagierte Knie, Beine bedeckt mit einer Mischung aus Schweiß und Dreck, aber hin und wieder auch einen etwas leichtfüßigeren Gang, mag auch am weniger schweren Rucksack liegen. Wir machen die ersten Höhenmeter und blicken uns regelmäßig zu dem in weite Ferne rückenden Meer um.

Genau richtig zur Mittagspause erreichen wir eine herrliche Gumpe, bei der wir ausgiebig baden und essen. Das sorgt im Nachhinein für unrealistische Erwartungen an den Rest der Strecke, denn es sollte die schönste Gumpe auf dem ganzen südlichen GR20 gewesen sein. Auch die Aussicht beim abendlichen Tütenessen ist der Hammer und wir haben nachher selten an schöneren Refugios gecampt/biwakiert, obwohl wir nur kaltes Bachwasser zum Waschen haben.

Tag 2: Ref de Paliri – Ref d’Asinao

Am nächsten Tag erwartet uns ein sehr leckeres zweites Panini-Frühstück in Col de Bavella. Ein Traum aus Baguette, Ziegen- und Bergkäse! 

Weiter geht’s auf dem GR20 (es gibt auch eine alpine Variante von Bavella aus) und wir brechen die erste große Tube Sonnencreme an. Das Buff und das T-Shirt in Bachwasser zu tränken schafft Linderung vor der stechenden Sonne. Am Basecamp ähnlichen Refugio – überall leere Gaskartuschen, leerstehende Zelte und einen Haufen an Müll – müssen wir noch einen Rucksack mit Schnüren und Karabiner flicken, der an der unteren Befestigungsnaht des Schultergurtes anfing zu reißen. Das hält sogar bis zum Ende des Urlaubs!

Tag 3: Ref d’Asinao – Biwakplatz am Fluss

Gut, dass wir am nächsten Morgen früh aufstehen und noch etwas kühlere Morgenluft haben. Zum Frühstück gibt’s nämlich Porridge und ein paar anstrengende Höhenmeter! Und als die gerade verdaut sind, gibt es ein Omelett aus 24 (!) Eiern zur weiteren Stärkung. Das ist gut für die Seele, auch wenn der Rucksack dadurch nicht leichter wird.

Uns wurde schon prophezeit, dass es nach 2 Refugios einen fantastischen Biwakplatz am Fluss geben soll. Laut Wegbeschreibung gar nicht so weit entfernt. Wir machen uns also wieder auf den Weg durch eine schottisch-ähnliche Heidelandschaft mit einigen Bademöglichkeiten und lassen viele schöne Übernachtungsplätze links liegen, weil wir zu unserer Mittagspause erst an der ersten Hütte waren. Doch statt dem Biwakplatz finden wir eine Horde korsischer Wildschweine. Die waren zwar ganz süß, hätten uns aber bestimmt nicht schlafen lassen.

Zwei haben die Hoffnung aber nicht aufgegeben, sind den Schwarzsehern vorausgeeilt und haben allen schmerzenden Füßen zum Trotz doch noch die versprochene Biwakstelle gefunden. Heute ist übrigens Waschtag! Für uns und alle Klamotten….

Tag 4: Biwakplatz am Fluss – Col de Laparo

Hier machen wir die erste tolle Gradwanderung und genießen die weite Sicht. 

Mittags, beim Refugio Usciolu angekommen, riechts für manche von uns nach Urlaub, für die meisten aber eher nach brennendem Müll. Wir beschließen ab sofort den anfallenden Unrat in der Zivilisation zu entsorgen. Wir werden auch noch Zeuge wie die Schlacke in Säcke verpackt und von Mulis über mehr Stein als Stock abtransportiert wird.

Der weitere Weg verlangt uns und unseren Schuhsohlen einiges ab. Es ist sehr rau, rutschig und macht mehr den Eindruck eines Fernkletter- als eines Fernwanderweges. Doch einer von uns ist trotzdem nicht ganz ausgelastet und geht voraus, um auf die hart erarbeitete “freie Zeit” noch ein paar Kilometer draufzulegen und für alle 6 l Wasser aus dem Tal zu holen – denn sechs Leute brauchen viel Wasser zum Zähneputzen, Kochen und Kaffee trinken! Außerdem es gibt zwischen dem Refugio Usciolu und unserem Biwakplatz kein Wasser.

Ausnahmsweise muss heute eine Dusche mit Desinfektionstüchern riechen, ähhh reichen!

Tag 5: Col de Laparo – Ref de Prati

“Seid ihr auf dem Weg zur Party?” Ähmm, ja wahrscheinlich. Wir wissen es nur noch nicht. Das Refugio “de Party” erreichen wir schon am Nachmittag und zum Abendessen gibt es Baguette, Käse und Wein!

Was wir uns an diesem Abend an “Rucksackessen” aufgespart haben, haben uns übrigens die (Schweine)Hunde des Hüttenbesitzers in der Nacht aus dem Vorzelt geklaut! Fressen einfach alles weg was wir mühsam hoch geschleppt haben! Und als würde das nicht schon reichen, haben sie auch noch auf der Suche nach mehr Essbarem ein Loch in einen Rucksack gebissen.

Tja, auch das ist der GR20.

Tag 6: Ref de Prati – Biwakplatz mit Aussicht

Die Hälfte der Gruppe ist die mäßig beschilderte Variante des GR20 zum Monte Renoso hoch, um sich dort von der schönen Aussicht berauschen zu lassen und ein bisschen im eiskalten Bergsee zu planschen. 

Für die andere Hälfte, die auf dem Hauptweg weiter geht, kommt die Bergerie de Capannelle genau zur richtigen Zeit. Es ist ein sehr stürmischer Tag. Den kurzen Regenschauer sitzen wir einfach mit einem Bierchen aus! Danach gehen wir noch ein Stück weiter bis zum Biwakplatz, der zu unserer Überraschung über den Wolken liegt. 

Tag 7: Biwakplatz mit Aussicht – Vizzavona

Ab jetzt geht es bergab. Zusätzliche Erleichterung gibt es durch die deutlich geschrumpften Ranzen – vorne wie hinten! ;)

Die Gedanken schwanken zwischen warmer Dusche, frischem Salat, Pizza, Pommes und Eis, während wir die letzten Meter Schritt für Schritt durch den schattigen Wald stapfen.

In Vizzavona können wir endlich mal wieder gemütlich im Restaurant sitzen, in aller Ruhe unsere Kleider waschen, ohne am nächsten Tag in die nasse Hose schlüpfen zu müssen, Karten spielen, die Beine hochlegen und den Luxus der Zivilisation neu zu schätzen lernen. So lässt es sich leben!

Mare a Mare

Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege. Hannes und Hannes nehmen den GR20 Nord in Angriff. Britta nimmt den Zug nach Bastia und muss leider schon nach Hause.

Nur Joana, Sandra und Adrian biegen Richtung Osten ab auf den Mare a Mare Nord.

Hier ist man plötzlich in einer gänzlich anderen Welt:

Der Mare a Mare ist wegen der dürftigen Beschilderung wie eine Schnitzeljagd – nur ohne Schnitzel am Ende…nicht mal ein Panini oder Schokocroissant :( Es gibt auch in den kleinen Dörfern kaum Cafés oder Einkaufsmöglichkeiten.

Es ist allerdings auch viel weniger los als auf dem GR20. Neun Menschen in fünf Tagen vs. 150 Menschen an einem Tag. Dafür sehen wir auf dem Mare a Mare umso mehr freilaufende Tiere. Teilweise können wir die Trampelpfade der Tiere nicht von unserem eigentlichen Weg unterscheiden, auch die Markierungen sind oft von Pflanzen überwuchert und nur schwer zwischen dem hohen Farn und im Dornengestrüpp zu finden. Deshalb ist eine Offline-Karte mit Ortungsfunktion/GPS auf jeden Fall sinnvoll – noch viel sinnvoller mit Solarpanel! 

Der Vorteil am Mare a Mare ist definitiv, dass man die wunderschöne Natur ganz für sich hat und sich sogar herausnehmen kann, länger als bis 5.00 Uhr in freier Wildbahn “auszuschlafen”, weil es allerhöchstens ein Schwein stören könnte.

Für Trinkwasser ist es in der tiefer liegenden Gegend von Vorteil, einen Filter dabei zu haben, auch wenn man in jeder kleinen, urigen Ortschaft einen Brunnen mit Trinkwasser finden kann.

Auf die Herbergen und Zeltplätze sollte man sich allerdings nicht verlassen.Wir stoßen auf einige geschlossene Türen. Einen Biwakplatz zu finden ist jedoch kein Problem. Jetzt sind wir wegen der vielen Mücken zum ersten Mal richtig froh, ein Zelt dabei zu haben, auch wenn wir es auf dem GR20 hin und wieder bereut haben, eins herumschleppen zu müssen (kein Tropfen Regen + im Notfall hätte man auf dem GR20 an jeder Hütte ein Zelt mieten können).

Nach sechs Tagen erreichen wir das Ende des Mare e Mare in Moriani Plage und damit auch das Ende unseres aufregenden Abenteuers. Falls ihr jetzt selbst mal Lust bekommen habt, den GR20 oder den Mare e Mare zu laufen, solltet ihr noch kurz dranbleiben…

Einen großen Dank möchten wir an Mizu und an Lyofood aussprechen, die uns bei diesem Trip mit Wasserfilter und Trekkingnahrung versorgt haben – und in dem mitgebrachten Tarp und Zelt von Hilleberg lässt es sich auch ganz vorzüglich nächtigen!

Sinnvolles Gepäck & praktische Tipps für GR20 & Mare e Mare:

  • Wasserfilter + mind. 3l Wasserbehälter pro Person
  • Offline-Karte mit Ortungsfunktion (z.B. maps.me)
  • Solarpanel
  • stabile Schnur und Materialkarabiner 
  • Diclofenac o.ä. Schmerzgel und man läuft direkt noch eine Stunde länger 
  • Tape/Panzertape (nimmt um eine Trinkflasche gewickelt kaum Platz ein)
  • Kopfbedeckung und T-Shirt nass machen macht die Hitze um Einiges erträglicher
  • Das Gelände ist oft sehr rau und schroff: man muss damit rechnen, dass die Schuhe nach dem GR20 im Eimer sind.
  • Wer kleine Müllbeutel dabei hat, kann seinen Müll nur bei anfahrbaren Hütten zurück lassen und tut der Umwelt etwas Gutes!
  • Die Hütten sind mit dem Nötigsten ausgestattet: Abendessen für ca. 20,00 €, Frühstück und Snacks kann man immer mal wieder zwischendurch an den Hütten kaufen, Zelte gibts an jeder Hütte zu mieten (10-15€/Nacht)
  • In Vizzavona kann man sogar Gaskartuschen, Flickzeug für Zelt und Co., Blasenpflaster, Trinkblasen und alles was das Wanderherz begehrt zu relativ normalen Preisen kaufen.

Kaiserschmarrn, Schluchten und Alpenglühen – die Bergfreunde an der Zugspitze

10. September 2019
Die Bergfreunde

“Lass’ uns dochmal was mit unseren Kunden zusammen machen!?”
“Ne, das können wir doch keinem antun. Die kaufen doch nie mehr bei uns ein…!”

Einige Wochen später sitzen wir mit Martin und Vanessa – zwei unserer Kunden, die bei einem Gewinnspiel teilgenommen haben – in einer Gondel und fahren zum Gipfelhaus Grubigstein in Lermoos. Umringt von vier Bergfreunden, einem Blogger und zwei Kolleginnen von der Zugspitz Arena Bayern-Tirol, mit denen wir dieses besondere Wochenende eingefädelt haben. Sie schauen noch etwas verunsichert drein, während der Rest sich beschwingt Frötzeleien um die Ohren haut. Ob das mal gut geht…

Alpenglühen und Gegrilltes

Die Gondel fährt direkt auf eine Wolke zu und ich habe schon Angst, dass wir auf einen schönen Sonnenuntergang verzichten müssen. Die Wettervorhersage für das Wochenende war ohnehin alles andere als sicher und sah nicht wirklich rosig aus: Gewitterneigung und Regen, starke Hitze und Sonne – da ist alles geboten.

Glücklicherweise tauchen wir kurz unterhalb der Gifpfelstation wieder aus den Wolken auf. Jackpot: Vor uns eröffnet sich ein weites mehr aus Zuckerwatte, aus denen die Berge rundherum, allen voran die Zugspitze, markant herausstechen. Meine Hand wandert sofort zum Rucksack, weiter zum Objektivverschluss meiner Kamera und schließlich zum Auslöser. Eine Bewegungsabfolge, die an diesem Wochenende noch oft stattfinden sollte.

Nachdem die ersten Bilder auf der Speicherkarte sind, geht es für uns erstmal rein in die Hütte und ran ans Buffet. Zünftige Musi, a Hoibe und leckeres Essen erleichtern das erste Kennenlernen ungemein und meine initiale Sorge, dass unsere zwei Gewinner etwas verschreckt von den durchaus extrovertierten Bergfreunden sein könnte (da zähle ich mich ausdrücklich dazu) erweist sich langsam aber sicher als unbegründet – wir verleben einen ziemlich genialen ersten Abend, der von einem atemberaubenden Alpenglühen und einer Runde Schnapps perfekt gekrönt wird.

Die durch Schluchten gehen…

Wie kann man der Natur am nächsten sein? Richtig, in dem man sich direkt in sie hinein begibt. In unserem Fall bedeutet das: Ab in die Schlucht. Canyoning steht auf dem Programm und entsprechend der Vorschriften steht zunächst einmal das Anziehen der Ausrüstung auf dem Plan: Dicker Neoprenanzug, Klettergurt, Helm und spezielle Canyoning-Schuhe. So ausgerüstet kommen wir uns etwas schwerfällig vor, aber klar: Sicher ist sicher. Vor allem, wenn man sich 30 m hohe Wasserfälle abseilt.

Moment. Was?

Man muss dazu sagen, dass der Autor dieser Zeilen kein ausgemachter Kletterer ist und mit ausgesetzten Bergpassagen so seine Schwierigkeiten hat. Gut, ok. Schauen wir uns das erstmal an.

Bevor wir an den ersten “kleinen” Wasserfall kommen, sollen wir beherzt von einem Vorsprung in den Gumpen unter uns springen. Zum Glück gibt es einen Weg drum herum und so schaue ich mir das Spektakel lieber direkt von unten an. Man muss ja nicht gleich in die Vollen gehen. Dann stehen wir am Wasserfall. Während unser Guide sich zum Abseilen bereit macht und die ersten Team-Mitglieder heruntergelassen werden, verstärkt sich das flaue Gefühl in meiner Magengegend. Noch einer vor mir. Was mache ich?

Ich kneife. Natürlich. Hey, ich bin über 30 und muss keine unnötigen Risiken mehr eingehen! ;) Ich steige also wieder aus der Schlucht aus, nehmen den Weg außen herum und kämpfe mich gegen den Strom aufwärts zu meinem Team, das mir gackernd und mit den Armen wackelnd entgegen kommt. Schon verstanden…

Beim nächsten Sprung wage ich dann aber mal das undenkbare und hüpfe in den drei Meter weiter unten liegenden Wasserkessel… So kann ich zumindest Teile meines Gesichts wahren. Beim nächsten Abseiler bin ich dann aber wieder raus – das wird heute nix mit mir.

Und so geht es weiter: Rein ins Wasser, wieder raus. Rein. Raus – bis wir schließlich am Ende der malerischen Stuibenfälle ankommen und uns endlich die Pelle von der Haut streifen können. LUFT!!!

Trotz der wenigen Aussetzer meinerseits überwiegt die Freude. Canyoning hat irgendwie schon Spaß gemacht und war vor allem mal wieder etwas, was ich wirklich noch nie gemacht habe. Sollte man ja regelmäßiger tun, wie man sagt.

Schlucht Nr. 2: Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen

Ja ja, ich weiß schon was du sagen willst. Und irgendwie hast du ja auch recht. Die Partnachklamm ist touristisch – aber so richtig. Aber sie ist auch ziemlich beeindruckend. Vor allem immer dann, wenn sich die tosenden Wassermassen durch die enge Schlucht winden und man kaum sein eigenes Wort versteht.

Service-Info: Eine Klamm ist eine Schlucht, die dadurch charakterisiert ist, dass der gesamte Grund von Wasser eingenommen ist. Wieder was gelernt.

Die Partnachklamm hat schon einige Millionen Jährchen auf dem Buckel und wird vom Schneeferner-Gletscher hoch oben auf dem Zugspitzplatt gespeist. In früheren Zeiten wurde die Klamm als Triftbach genutzt. Brennholz wurde über den Wasserlauf vom Reintal nach Partenkirchen transportiert, was für die Arbeiter mit einer hohen Lebensgefahr verbunden war.

Inzwischen kann man sicher aber höchstens noch den Kopf stoßen, wenn man beim Durchqueren der Partnachklamm nicht ab und zu mal denselbigen einzieht.

Auf unserem Weg machen wir kurz halt in der Kaiserschmarrn-Alm auf dem Graseck. Die heißt wirklich so und wir nehmen es und unsere knurrenden Mägen zum Anlass, eine wahlweise kleine oder große Portion der süßen Mehlspeise zu schnabolieren. Ich habe mich als einziger an letzterer versucht und kann bestätigen, dass es wirklich eine mächtige Portion ist.

Von der Partnachklamm geht es weiter zum Wank. Dort steigt am Abend das sogenannte “Bergfestival am Wank”, ein kleines Musikfestival auf 1700 m Höhe. Hatten wir so auch noch nicht, ist aber wirklich sehr nett. Gespielt wird Indie und Alternative.

Das anwesende Publikum tanzt mit Bergschuhen im Regen – zum Glück, muss man an dieser Stelle sagen, denn der Wetterbericht hatte Gewitter gemeldet. Das blieb glücklicherweise im Seitental hängen und nach einer halben Stunde können wir unsere Kapuzen dann auch abziehen.

Die tief hängenden Wolken lassen uns abermals einen fantastischen Sonnenuntergang erleben. Diesmal sind wir nur nicht ganz so alleine. Das Festivalpublikum wird auf das Spektakel aufmerksam, dass sich auf der anderen Seite des Gipfels abspielt und binnen Minuten wimmelt es nur so von emsigen Smartphone-Fotografen, die versuchen, das Farbenspiel am Himmel auf ihrem kleinen elektronischen Begleiter zu bannen – es sei ihnen gegönnt.

Bei ein paar Bierchen und guter Musik lassen wir den Abend gemütlich ausklingen – ein ereignisreicher Tag neigt sich dem Ende und ein ereignisreicher Tag wartet auf uns.

Früh morgens in der Gondel

Das Hotelfrühstück findet am Sonntag ohne uns statt. Schade eigentlich. Ist eigentlich ziemlich gut. Ok, ich hab mir dann klammheimlich doch schon ein paar Kleinigkeiten gegönnt – bei einem leckeren Hotelfrühstück kann ich kaum widerstehen. Das sollte mir allerdings zum Verhängnis werden, als wir zirka eine Stunde später in einer Gondel sitzen, in der extra für uns ein Frühstückstisch aufgebaut wurde. Kein Witz. Ein echtes Gondelfrühstück.

Bei Kaffee, Brötchen und Müsli schippern wir gemächlich mit der Almkopfbahn in Bichlbach bergauf und bergab, genießen das schöne Wetter und schlagen uns die Mägen voll. Damit wir nicht irgendwann das Mindestgewicht für die Gondel überschreiten, beschließen wir dann doch noch einen gemütlichen Verdauungsspaziergang am Almkopf zu machen. Aber wirklich nur gemütlich, denn der anstrengende Teil des Tages sollte noch kommen – auch wenn dieser erstmal nicht als solcher erkennbar ist. Was soll schließlich beim E-Mountainbiken anstrengend sein?

Bergfreunde unter Strom

Ich muss vorab sagen, dass ich für mich nach wie vor kategorisch ausschließe, E-Bike zu fahren. Allerdings hat sich mein Verständnis für das Nutzen dieser Räder nach unserer Tour doch deutlich vergrößert. Aber fangen wir von vorne an:

Als wir vor unseren Bikes stehen, staune ich erstmal nicht schlecht. Auf dem Unterrohr prangert in großen Lettern “Specialized”. Verdammt teure Dinger, die wir da unter den Hintern geschnallt bekommen. Nach einer kurzen Einführung geht es direkt los. Für mich als Rennradfahrer ist es ohnehin immer ein etwas komisches Gefühl auf einem Mountainbike – und dann auch noch eines mit Motor. Ich schalte ein und gebe Gas – das schwere Gerät setzt sich ohne Mühe in Bewegung und zaubert mir zu meiner Überraschung ein Lächeln aufs Gesicht. Schon auf den Schotterwegen außerhalb Ehrwalds macht das echt Spaß.

Unser Ziel heute soll der Eibseeblick sein. Der liegt genau auf der Grenze zwischen Bayern und Tirol, grob geschätzt 500 Höhenmeter über uns und nur etwa sieben Kilometer entfernt. Macht nach Adam Riese einen ganz ordentlichen Anstieg. Aber genau dafür haben wir ja die Unterstützung. Auf Forst- und Wirtschaftswegen schlängeln wir uns nach oben. Das schöne ist: Jeder kann fahren, wie er möchte. Die einen schalten bei den ganz steilen Stücken auf Stufe 3, andere versuchens auf Stufe 1 – was dann immer noch ganz schön anstrengend ist.

Auf der Hochthörle Hütte gibt es eine kurze Stärkung, gefolgt von einem fantastischen Ausblick auf den Eibsee. Zurück geht’s auf geschotterten Waldwegen mit großartiger Aussicht. Bergab schalte ich die Unterstützung aus und lasse rollen. Das macht das schwere Rad natürlich ganz von alleine. Wird es flach merkt man das Gewicht aber direkt – und schaltet zwangsläufig wieder auf Stufe 1.

Die weitere Abfahrt über schmale Schotterwege macht dann auch für mich als wenig versierten Mountainbiker richtig Spaß und schneller als mir in diesem Moment lieb ist, sind wir wieder am Hotel. Das hat definitiv Laune gemacht. Trotz oder gerade wegen des E-Antriebs. Wie eingangs erwähnt kann ich jetzt deutlich besser verstehen, warum diese Räder so beliebt sind. Unsere Gruppe war trotz individueller Leistungsunterschiede nie weit auseinander – was natürlich in Sachen Motivation und Spaß ein riesiges Plus ist.

Tja, und das wars. Ein Wochenende vollgepackt mit Action, Spaß und ziemlich unvergesslichen Momenten, von denen uns vor allem das herrliche Alpenglühen im Gedächtnis bleiben dürfte. Ok gut, das Gondelfrühstück war schon auch ziemlich genial!

Falls du jetzt auch mal Lust hast, die Region um die Zugspitze wandernd, radelnd oder beim Canyoning zu erleben, empfehlen wir dir einen Blick auf das breite Angebot an Aktivitäten – da ist garantiert auch was für dich dabei!

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Jotunheimen: Zwischen Massentourismus und Abenteuer

22. August 2019
Die Bergfreunde

Noch nie hatte ich eine Gegend dermaßen unterschätzt wie das norwegische Jotunheimen-Gebirge. Und das in mehrfacher Hinsicht. Eigentlich wollte ich auch gar nicht dorthin, sondern in eine weniger bekannte Ecke zwischen Fjorden und Gletschern. Erst zwei Tage vor Abreise brachte mich die ernüchternde Wetterprognose für die Westküste zur Umentscheidung.

Jotunheimen war keine „Priorität“ für mich, obwohl es laut Visit Norwayeine nahezu unberührte Bergregion in Ostnorwegen“ ist, die mit dem Galdhøpiggen (2469 m) und dem Glittertind (2464 m) nicht nur die höchsten Berge Skandinaviens, sondern auch „Wasserfälle, Flüsse, Seen, Gletscher und Täler“ beherbergt.

Ich hatte eben ein paar Vorurteile. „Zu voll“ dachte ich sei es im „beliebtesten Nationalpark Norwegens“. Weil auf der Karte wirkte das Ganze irgendwie klein auf mich. Die Höhenunterschiede zwischen Tal und Gipfel erreichen kaum mal irgendwo die Tausend Meter. Zwar gibt es viele schöne Fotos zu googeln, doch nach den Superlativen und Sensationen sucht der Alpinist vergeblich.

Es kommt nicht (immer) auf die Höhe an

Tja, hätte ich mal genauer hingeschaut. Die Wirklichkeit erweist sich als ganz anders. Einmal dort, muss man nicht mal die eng sitzende Alpinistenbrille abnehmen, um sofort zu verstehen, warum diese Landschaft „Heim der Riesen“ heißt. Sie ist ein perfektes Zusammenspiel von Höhe und Weite. Eine wie absichtlich von den nordischen Göttern arrangierte Komposition aus Himmel und Erde, Fels und Eis, Wasser und Schnee, Gras, Flechten, Moos und Blumen. Für die oft atemberaubende Schönheit spielt das Wasser eine entscheidende Rolle: Es bildet nicht nur (schmelzende) Gletscher und Schneefelder, sondern unzählige Seen, die im wechselnden Licht schimmern und glänzen wie Edelsteine. Sie sind der Schmuck, mit dem sich dieses Gebirge so reich behängt wie kaum ein anderes.

Die befürchtete „Überfüllung“

Das „kleine Gebiet“, das ich vorher für Jotunheimen hielt, ist nur die etwa 20 Kilometer durchmessende Kernzone mit touristischen Anziehungspunkten wie dem Gjendesee und den motorisiert erreichbaren Stützpunkten Leirvassbu und Spiterstulen. Insgesamt umfasst das Gebirge jedoch eine Fläche von mindestens 50 mal 50 Kilometern. Selbst wenn an manchen Sommertagen ein paar Tausend Menschen hier unterwegs sind, verteilen sie sich auf eine Fläche von der dreifachen Größe Berlins. Und der Großteil dieser Menschen ist auf Highlights wie dem Besseggen-Grat versammelt …

Die Tour: Durchquerung von West nach Ost

Startpunkt ist Øvre Årdal, ein Städtchen am hintersten Seitenarm des weit verzweigten  Sognefjords. Ich starte hier, weil ich mir von dem ins Meer mündenden Utladalen mit den darüber aufragenden Hurrungane-Bergen spektakuläre Eindrücke erhoffe (und auch bekomme).

Von Øvre Årdal sind es gut zwei Kilometer bis zum Campingplatz Svalheim, auf dem ich einen Erholungstag von der episch langen Anreise aus Süddeutschland einlege.

Tag 1

Erstaunlicherweise hält der Bus, der das Utladalen talaufwärts fährt, hier nicht. So darf ich mich am ersten Tourentag auf gut fünf Kilometern Asphalt warmlaufen, bevor der Wanderweg beginnt. Am engen Boden des schluchtartigen Tals schlängelt er sich dann bis zur Touristenunterkunft Vetti Gard entlang, bevor es steil durch Wald und Unterholz auf die idyllische Hochebene Vettismorki geht. Dort passiert man den beeindruckenden Vettisfossen, mit 275 Metern der höchste unregulierte Wasserfall Norwegens. Erst jetzt öffnen sich nach und nach die Blicke auf umgebende Berge und Landschaften.

Es folgt der nächste steile Anstieg auf das nächste Plateau. Die Blicke auf das gegenüberliegende, schroff gezackte Hurrungane Massiv und den Canyon des Utladalen sind großes Kino. Doch auch die fast 1000 zurückgelegten Höhenmeter machen sich bemerkbar. Nicht zuletzt wegen des Rucksacks, der neben Zelt, Schlafsack und Isomatte auch Proviant für mehrere Tage und ein völlig unnötiges Notebook beherbergt. Es kommen nochmal 300 Höhenmeter hinzu, bevor es auf den letzten Kilometern wieder 400 Höhenmeter zur Hütte Skogadalsbøen hinuntergeht. Die lasse ich links liegen und wandere das sich östlich öffnende Skogadalen hinauf. Ich hoffe, so schnell wie möglich eine geeignete Stelle fürs Zelt zu finden. Ich bin nicht nur total platt und durchgeschwitzt, sondern auch verblüfft, schon 9 Stunden unterwegs zu sein. Dass ich die Länge der Strecke so unterschätze, liegt auch an meiner rudimentären Planung samt improvisiertem Kartenmaterial (mehr dazu im Infoteil unten).

Zum Glück gibt der lichte Wald ein paar Quadratmeter gemütliche Wiese direkt am Fluss frei. Das abendliche Bad darin ist Wellness pur, der Schlaf im luftig-lichten Innenzelt ebenso.

Tag 2

Das Ziel heute lautet „mitten rein“ ins Jotunheimen, was ich irgendwo in der Nähe der Selbstversorgerhütte Olavsbu verorte. Das Skogadalen hinauf geht es in leichtem Anstieg und begleitet von penetranten Pferdebremsen wieder über die Baumgrenze hinaus. Irgendwann soll laut der Linie auf meiner Handyfoto-Karte links der Abzweig nach Olavsbu kommen. Er kommt auch, nur etwa eineinhalb Stunden und eine Flußdurchwatung später als erwartet. Das sehr lange Tal ist schön, bietet aber nicht allzu viel optische Abwechslung. Dafür entschädigt der nun zu überwindende Bergrücken mit umso gewaltigeren Blicken. Ein erster verheißungsvoller Einblick ins Innere des Jotunheimen.

Der Restweg zum auserkorenen Zeltplatz nahe Olavsbu ist ein heiter beschwingtes Schreiten durch erhabene Berglandschaft. Naja, abgesehen von der Schwitzerei. Und diesem bei manchen Rucksackbewegungen gruselig stechenden Schmerz zwischen Nacken und linker Schulter. Und den nicht genug eingesprühten Sonnenbrandstellen, die weiter der knallenden Sonne ausgesetzt sind. Und den jeweils etwas drei bis vier entstehenden Blasen unter beiden Füßen, die ich mit immer mehr Tape einzudämmen versuche. Und war ich etwa schon wieder jenseits der 8 Stunden Marke? Ich bin jedenfalls froh, als es bei Sonnenuntergang endlich in den Schlafsack geht …

Tag 3: Gipfeltag

Ich brauche definitiv einen Regenerationstag ohne den gefühlten Hundert Kilo Rucksack. Es wird eine 5-Stunden Regenerationstour, einen Berg rauf und runter, der mir am Vortag als formschöne und machbar aussehende Pyramide aufgefallen war. Er entpuppt sich tatsächlich als machbar, ziemlich easy sogar. Es ist wohl der erste größere Berg, den ich spontan, ohne vorher überlegte Route und ohne Kenntnis seines Namens besteige. Ein wunderbares Gefühl, vielleicht ein bisschen so wie in alten Pionierzeiten. Vor allem auch deshalb, weil ich den Berg ganz für mich allein habe. Unglaublich eigentlich, an diesem herrlichen Hochsommertag an einem Wochenende, direkt neben einer der „Hauptrouten“ des Jotunheimen. Liegt es daran, dass es keinen markierten Weg gibt? Taucht der Berg in keinem Wanderführer auf? Ich weiß es nicht und es ist mir auch wurscht. Ich genieße zwei Stunden lang die unglaubliche Aussicht auf dem Gipfel.

Zurück am Zelt mache ich einen Abstecher zur benachbarten Hütte. Olavsbu ist unbewirtet aber komfortabel ausgestattet. An der großen Wandkarte im Vorraum sehe ich den Namen und die Höhe „meines“ Bergs: Skarddalstinden, 2100 moh. Dann sah ich noch etwas in der laminierten Preisliste der Hütte: wer sich im Gastraum aufhält, auch nur kurz, hat 90 Kronen zu zahlen. Alles klar, ich bin dann mal weg.

Entscheidungen

Abends steht eine Entscheidung an: der faule, manchmal etwas weinerliche Hund in mir schlägt vor, morgen nach Leirvassbu zu gehen und so binnen einer Tagesetappe die zivilisatorischen Annehmlichkeiten wieder greifbar zu haben. Seine Argumente sind Ausgepumptheit und Wehwehchen. Der neugierige Abenteurer will hingegen nach Osten, wo er große Natureindrücke bei schönstem Wetter verspricht. Die es allerdings nur um den Preis zweier weiterer richtig strammer Marschtage gibt. Okay, nicht ganz, sie könnten mit einer sündhaft teuren Bootsfahrt und/oder dem Auslassen des Besseggengrats enorm abgekürzt werden. Doch das wäre für den Abenteurer ein nicht vermittelbarer Gesichtsverlust. VerdaJommt, können diese inneren Kämpfe nicht mal im Urlaub aufhören? …

Tag 4

Es geht nach Osten, entlang einer Perlenkette an Seen in Richtung der Hütte Gjendebu. Der Weg ist abwechslungsreich mit sich überraschend öffnenden Blicken. Vorbei an einer grandiosen  Hochplateau-Szenerie geht es ins grüne Vesladalen auf den 20 Kilometer langen Gjendesee zu. In Gjendebu mache ich in einem prachtvollen Gastraum Pause, bevor es kurz den Gjendesee entlang und einen supersteilen, teils gesicherten Aufstieg auf das Plateau Bukkelægret hinaufgeht. Auf diesem Plateau hoffe ich den perfekten Zeltplatz zu finden. Und ich finde ihn, wenige Meter von einem glasklaren Seeauge, nicht zu weit vom Weg entfernt und mit freier Traumaussicht in alle Richtungen. Auch der Wunsch nach wenig Wind wird erfüllt. Wieder bin ich verwundert, einen unglaublich schönen Ort für mich allein zu haben. Ich nehme das Geschenk gern an und verbringe die Stunden bis zum Sonnenuntergang mit einem Bad im See, mit Essen, mit Schauen und mit Staunen.

Tag 5

Der letzte Tourentag führt mich auf einen der laut National Geographic „Top 20 Hikes weltweit“: den Besseggen-Grat. Doch zunächst steht der Abstieg nach Memurubu an, dem „offiziellen“ Ausgangspunkt der Tour. Zum Aufwärmen führt der Weg kontinuierlich leicht bergan, um dann einem spektakulär gelegenen Kamm folgend zum steilen Abstiegs-Endspurt nach Memurubu anzusetzen. Memurubu ist ein weiterer Hütten-Gebäudekomplex mit Bootsanleger. Die meisten Besseggengrat-Wanderer steigen hier aus dem Boot und laufen die Tour zurück zum Ausgangspunkt Gjendesheim. Auf die leichten Rucksäcke bin ich neidisch, doch es finden sich auch viele schwer bepackte „Leidensgenossen“ in der Karawane. Ich frage mich, wo sie alle herkommen. Das Kontrasterlebnis in Bezug auf Menschenmengen verglichen mit den Vortagen entspricht ungefähr dem zwischen Einsiedelei und Alexanderplatz.

Doch das soll kein Lamento sein. Im Gegenteil, ich freue mich über freundliche Grüße, beobachte Kinder, Hunde und Selfie-Filmer, die anscheinend zu ihren Followern ins Tablet quasseln. Auch das gelegentliche fast-auf-die-Füße-latschen an Engstellen stört mich nicht, da Umgebung und Aussichten viel zu fantastisch sind, um sich über irgendetwas aufzuregen.

Zwar halte ich nichts davon, Outdoorerlebnis zu raten und zu ranken, doch dieser Besseggen-Hike wird völlig zu Recht von National Geographic hervorgehoben. Zu den Highlights zählen nicht nur die nette Kraxelei und der berühmte „Zwei-Seen-in-unterschiedlicher-Farbe-Blick“, sondern auch die Abwechslung der Eindrücke und das Panorama auf dem Veslfjellet, das gefühlt halb Norwegen umfasst.

Absolut zufrieden und reichlich platt komme ich abends am Campingplatz Maurvangen an und bin zurück in der „Zivilisation“.

Begleiterscheinungen: körperliche Verausgabung, geistige Erholung

Nach fünf Tagen Trekking von „Rückkehr in die Zivilisation“ zu schreiben, ist etwas dick aufgetragen, doch die Zeit reicht für interessante Beobachtungen. Zum Beispiel die, dass die Zeit „draußen“ ungeachtet körperlicher Anstrengungen eine enorme geistige Erholung bringt. Wie das funktioniert? Dazu habe ich zwei Theorien.

  1. Das Hirn hat während der Tage in der Natur weit weniger Eindrücke zu verarbeiten und das Erleben ist sehr auf den Moment und die Körperaktivitäten bezogen. Da bleibt nicht viel Raum für das alltägliche Umherschwirren in Zukunft und Vergangenheit des eigenen Lebens und der Weltgeschichte. Und es fällt auf, wie viel Energie dieses Umherschwirren eigentlich verbraucht. Das Draußensein und die körperliche Aktivität sorgen eindeutig für weniger Gedankensalat und mehr gegenwärtige Wahrnehmung. Und das ist ein ziemlich erholsamer Zustand, dessen wohltuende Wirkungen noch Wochen später zu spüren sind.
  2. Die in Mitteleuropa nicht zu habende, weiträumige Abwesenheit von Stromleitungen, Handymasten, W-Lans, mobilem Internet, Straßen und Fluglärm ist ebenfalls purer Wellnessurlaub für Hirn und Nerven. Den „Skeptikern“, denen das zu „esoterisch“ klingt, kann ich nur empfehlen, es einfach mal selbst zu probieren :-)

Praktische Infos

Anreise, Kosten

Von Oslo aus fährt u.a. das Unternehmen Nor-Way mit der Linie Valdresekspressen im Sommer mehrmals täglich nach Gjendesheim im Osten, Lom und Leirvassbu im Norden und, mit umsteigen, Øvre Årdal im Westen.

Für Busse, Bahnen, Essen und Unterkünfte legt man im Schnitt etwa das Doppelte der in Deutschland gewohnten Preise auf den Tisch. Ein Vorratseinkauf in einer billigen Supermarktkette wie „Rema 1000“ kostet etwa soviel wie ein Alnatura-Einkauf hierzulande.

Jotunheimen ist großteils Nationalpark, kostet aber keinen Eintritt. Das Jedermannsrecht mit legalem Frei-Zelten gilt meines Wissens nach auch im Nationalpark überall.

Übernachten: Hütten, Camping, Wild zelten

Es gibt genügend Hütten, um theoretisch das ganze Gebirge mit einem leichten Tagesrucksack zu durchqueren. Angesichts von um die Hundert Euro pro Tag, die der Spaß auf diese Weise kosten dürfte, ist das volle Naturerlebnis beim Zelten vielleicht doch schöner. Ich umkurvte die norwegischen Preise mithilfe eines prall gefüllten Vorratsbeutels und perfekten Wetters. Letzteres machte es einfach, das freie Zeltens voll auszukosten. Normalerweise zeigt sich das Wetter nicht so gnädig. Dann dürfte es sinnvoll sein, teils zu zelten und teils die Hütten zu nutzen.

Wege und Gelände

Die „Widerspenstigkeit“ des Terrains ist einer der Faktoren, die ich unterschätzt hatte. Ein Großteil der hier vorgeschlagenen Tour ist auf Wegen zurückzulegen, die mit Steinen in allen Größen gespickt sind. Hinzu kommen jede Menge kleiner Wasserläufe und Schlammpassagen. Was wie eine schöne Wiese zum Zelten aussieht, entpuppt sich nicht selten als Sumpf. Längere Passagen auf komfortablen Wanderpfaden gibt es nach meinem Eindruck im Osten Jotunheimens häufiger als im Westen. Auch Infrastruktur und Frequentierung zeigen ein „Ost-West Gefälle“ (nach Osten zunehmend).

Wasser, Verpflegung

Wasser ist überall in trinkbarer Qualität vorhanden. Ich hatte eine Halbliterflasche am Rucksack, die ich immer wieder an Gewässern nachfüllte. Bei Gipfeltouren sollte man etwas mehr Wasservorrat dabei haben.

In den bewirteten Hütten werden warme Mahlzeiten angeboten. Das Angebot an Verpflegung für unterwegs scheint sich auf Knabberzeug und Süßigkeiten zu beschränken.

Wetter/Klima, „beste“ Jahreszeit

Hauptsaison ist natürlich der kurze Sommer im Juli und August. Auf den Hochflächen und in den Hochtälern kann es jederzeit ungemütlich werden, denn es gibt kaum Schutz vor den Elementen. Also auch nicht vor der Sonne, die sich bei meiner Tour als echte Herausforderung entpuppte.

Auch in der Waldzone bieten die kleinen Bäume nicht allzu viel Schutz. Sie stehen auch oft eng beieinander, auf sumpfigem und unebenem Boden.

Ausrüstung

Ich nenne hier keine Komplettliste der Trekking-Standards, sondern nur einige Besonderheiten, die man womöglich nicht auf der Rechnung hat:

Sonnencreme: normalerweise Sonnencrememuffel habe ich in Norwegen binnen 5 Tagen an die 100 ml verbraucht. Und fühlte mich mit Faktor 20 grenzwertig niedrig versorgt.

Wasserfeste Sandalen/Crocs: Wasserläufe sind oft zu queren. Im komplexen Gelände ohne erkennbaren Weg kann das Waten zeitsparender sein als die Suche nach der trockenen Fußes querbaren Stelle.

Stabile, atmungsaktive und wasserfeste Bergschuhe, die fest am Fuß sitzen, sind kein Luxus, sondern Pflicht.

Spezial-Ultrageheimtipp: Auf 61° nördlicher Breite wird es Ende Juli die ganze Nacht nicht richtig dunkel. Das kann einen lichtempfindlichen Schläfer zum Wahnsinn treiben. Die Schlafmaske vom DM für Zweifünfundvierzig war womöglich mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand.

Orientierung, Karten

„Schnell mal online checken“ ist nicht, da wie gesagt weder Handyempfang noch mobiles Internet. Was auch gut so ist.

Der ganze hier beschriebene Weg ist durchgängig markiert. Einen klar erkennbaren Pfad hat man jedoch nur bei weichem Untergrund. Die meiste Zeit verbringt man in schrofigem und steinigem Gelände, das sich auch gern mal zu kleinen Labyrinthen aus Hügeln auffaltet. Da ist der Wegverlauf dann nicht mehr offensichtlich und es kann etwas dauern, bis man die nächste Markierung entdeckt.

Da meine Jotunheimen Tour eine Kurzfristentscheidung war, hatte ich nur noch Zeit für ein paar abfotografierte Kartenausschnitte aus der Website norgeskart.no. Diese etwa zehn Karten-Fotos lösten für Details im Gelände natürlich viel zu schlecht auf und wären für eine Navigation bei schlechtem Wetter völlig unzureichend gewesen. Besser ist da schon die hier bei den Bergfreunden erhältliche Satmap Norwegen. Idealerweise greift man auf die guten alten Papierkarten zurück, von denen es für Jotunheimen reichlich Auswahl in guter Qualität gibt.

Sicherheit

Wie man unnötige Risiken im Fjell vermeidet, kann man hier bei Visit Norway nachlesen. Wer allein gehen und es noch etwas fundierter wissen möchte, findet hier im Basislager einen Artikel über die Notfallvorsorge auf Solotouren.

Unter den vielen Blogs, die es zu Touren in Jotunheimen gibt, fand ich den Touren-Wegweiser mit seinen vielen praktischen Tipps besonders informativ.

So, damit sollte das pralle und hoffentlich kurzweilige Jotunheimen-Infopaket fertig geschnürt sein. Wenn du Lust bekommen hast, dort selbst herumzustreifen, sehen wir uns vielleicht in einem der nächsten Sommer dort. Denn ich muss mindestens noch einmal dorthin …

Wahnsinn mit Methode? Das Business am Everest

2. August 2019
Die Bergfreunde

Schlange stehen am Gipfelgrat und fast ein Dutzend Tote: der ganz normale Wahnsinn der Everest-Frühjahrssaison machte auch 2019 wieder Schlagzeilen. Jetzt, im europäischen Sommer, hätte man den Berg hingegen ganz für sich allein. Doch man würde es wohl kaum zum Gipfel schaffen, denn der gleicht in der Monsunzeit einem Inferno. Schwere Gewitter laden meterweise Schnee ab, der von Sturmböen zu Fahnen von Hundert Metern Höhe aufgeworfen wird.

Im Oktober kommen noch einmal ein paar Wochen mit stabilem Wetter und einigen „Gipfeltagen“, bevor extreme Kälte bis Ende April einzieht. Alles in allem bleiben nur etwa sieben bis zwölf Tage im Jahr, in denen die Bedingungen eine Gipfelbesteigung mit kalkulierbarem Risiko erlauben. Im Mai 2019 waren es allerdings nur 4 Tage, an denen die etwa 300 Aspiranten den Gipfel versuchen konnten. Und „dank“ der satellitengestützten Wettervorhersage starten die kommerziellen Expeditionen mittlerweile fast alle zeitgleich vom letzten Lager am South Col zum Gipfel.

Der zeitliche Engpass ist ein Grund für die alljährlichen Staus in den Flanken und auf dem Gipfelgrat. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die weitaus meisten Gipfelstürmer auf die Fixseile angewiesen sind, die von den Sherpas vor der Saison fast den gesamten Weg am Berg hinauf installiert werden.

Ohne die mit Eisschrauben, Eissanduhren und Firnankern befestigte „Nabelschnur“ würden die vielfach unerfahrenen und wenig kompetenten „Bergsteiger“ in Gletscherspalten verschwinden, in der steilen Lhotseflanke oder am ausgesetzten Gipfelgrat abstürzen, sich im Nebel und Erschöpfungsdelirium verirren und auf vielfache andere Weise verunfallen.

Zum Höhepunkt kommen: was reizt die Menschen am Everest?

Mehr als 5000 Menschen waren seit der Erstbesteigung 1953 auf dem Gipfel. Die Zahl der Gescheiterten ist um ein Vielfaches höher. Etwa 300 Menschen haben bislang am Everest den Tod gefunden. Hinzu kommen etliche erfrorene Zehen und Finger sowie viele andere bleibende Gesundheitsschäden. Der Gipfelversuch ist trotz aller Zähmung des Berges nach wie vor ein extrem kräftezehrendes und riskantes Unterfangen.

Doch die Anstrengungen und Risiken nehmen Gipfelkandidaten ebenso in Kauf wie den finanziellen Aufwand, der mit bis zu 90.000 US Dollar dem Erwerb einer Oberklasse Limousine entspricht.

Ruhm und Anerkennung gibt es für die große Mühe unter Bergsteigern eher wenig, denn unter ihnen gilt der Everest heute keineswegs mehr als besonders erstrebenswertes Ziel. Im Gegenteil, viele sind vom Ehrgeiz, auf dem höchsten Punkt der Welt zu stehen, genauso abgestoßen wie von der Art und Weise, wie dieser Ehrgeiz umgesetzt wird. Spitzenalpinist Hans Kammerlander, der selbst ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel war, bringt das folgendermaßen auf den Punkt:

80 Prozent der Leute sind bei Weitem nicht geeignet. Sie verlassen sich nur auf die Infrastruktur und die Sherpas. Viele machen das, weil sie glauben, das ist eine tolle Imagesache. Dabei ist es eher lächerlich und alpinistisch völlig bedeutungslos.

Noch zugespitzter kann es nur der Meister höchstselbst formulieren:

„Es ist der Fluch der Eitelkeit, der die Menschen an diesem Berg treibt“, sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. „Der Wille der Menschen ist dort stärker als das bergsteigerische Können. Für sie zählt nichts, außer der Gipfel.“

Wie gesagt, nicht all zuviel Respekt von Seiten des Bergestablishments. In der viel größeren, nicht-bergaffinen Öffentlichkeit dürfte die bewundernde Aufmerksamkeit für Everest-Bezwinger deutlich größer sein.

Gipfel all inclusive: wie läuft das Everest-Business ab?

Neun von zehn Bergsteigern an den Everest-Flanken sind Kunden eines kommerziellen Veranstalters. Viele von ihnen haben wenig bis keine Bergerfahrung, manche wissen zu Beginn der Expedition nicht, wie man Steigeisen oder einen Helm anzieht. Dafür haben sie das nötige Kleingeld. Sie zahlen zwischen 25.000 und 90.000 Dollar an den Touroperator und erwarten dafür, auf den Gipfel gehievt zu werden.

Deutschsprachige Veranstalter mit dem Everest im Katalog sind u.a. Amical Alpin und Summitclimb. Beide sind bestrebt, derartige Kunden im Vorfeld auszusieben. Das scheint auch durchaus zu gelingen, denn bei diesen Anbietern kommt es vergleichsweise selten zu Unglücksfällen.

Beim DAV Summit Club hat man den Everest dennoch seit langem mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass Bergführer und Sherpas in diesen Höhen keine Verantwortung für das Leben zahlender Kuunden übernehmen können.

Es ist zwar definitiv unmöglich, Kunden eine unbeschadete Rückkehr vom Gipfel zu garantieren, doch gute Agenturen versuchen alles, was menschenmöglich ist. So hat „Himalayan Experience“, der größte kommerzielle Veranstalter, den Ruf, strenge Standards zu setzen. Dazu gehört, dass jeder Bergsteiger und Sherpa einer „Himex“-Seilschaft ein Funkgerät erhält und sich täglich melden muss. „Von jedem Teilnehmer wird verlangt, Lawinenverschütteten- Suchgerät (LVS-Gerät), Helm, Klettergeschirr und Steigeisen mitzuführen und sich stets in Sicherungsseile einzuklinken. (…) Die Kunden müssen das Tempo mithalten oder umkehren.

Andere Anbieter versuchen die Sicherheit zu maximieren, indem sie bei jedem Gipfelgang ausgeruhte Sherpa im obersten Lager „stationieren“. Sie sollen helfen, wenn höher oben etwas schief geht. Die Frage ist dann nur, ob die Kunden den Anweisungen der Sherpa auch Folge leisten. Denn: „Sherpa sind an den höchsten Bergen wunderbare und einzigartig leistungsfähige Begleiter. Aber die allermeisten von ihnen sind keine Führungspersönlichkeiten, die klare Zeichen setzen und eine Umkehr anordnen können.“

Everest-Kunden sind hingegen oft „Führungspersönlichkeiten“, die es gewohnt sind, zu bekommen was sie wollen. Sie schaffen es nur zu oft auch unter Sauerstoffmangel und wider aller Vernunft, ihren Willen durchzusetzen. Und damit nicht selten in ihr Verderben zu laufen.

Die Sherpa haben natürlich auch ein monetäres Eigeninteresse an diesem Tourismus. Hochlager-Träger können mehrere Tausend US-Dollar pro Saison verdienen, erfahrene Gipfelbegleiter auch Fünfstellige Beträge. Zusätzlich gibt es Boni, wenn Kunden den Gipfel erreichen. Mit diesen Einnahmen versorgen viele der Einheimischen ganze Großfamilien.

Der Ablauf der Gipfeltour

Die Gipfelaspiranten haben etwa 6-8 Wochen „Urlaub“ und finden sich Anfang-Mitte April in der nepalesischen Khumbu-Region zu Füßen des Everest ein. Die meisten von ihnen wandern vom nächstgelegenen „Flughafen“ in Lukla (2800m) etwa eine Woche zum Basislager. Auf diesem „Teahouse Trek“ wird der Großteil der Ausrüstung von Sherpas und Yaks transportiert und die Touristen können sich relativ komfortabel an die Höhe anpassen.

Spätestens ab dem Basislager auf 5400 Metern ist aber Schluss mit komfortabel, denn die Anpassung des Körpers an den Sauerstoffmangel wird ab dieser Höhe mühsam. Gegen Ende April wird dann mehrfach zwischen Basecamp und den Hochlagern I bis IV auf- und abgestiegen, um im Mai eines der kurzen Wetterfenster zu erwischen, an denen es in der „Todeszone“ oberhalb von 7000 m nicht stürmt und die Temperaturen mit Minus 25 Grad Celsius „mild“ sind.

Auf der tibetischen Nordseite läuft der Prozess ähnlich ab. Es sind aber weit weniger Leute unterwegs, da die Route technisch schwieriger und eine Rettung bei Schwierigkeiten weniger wahrscheinlich ist als auf der nepalesischen Südroute. Die Nordroute ist aber „objektiv“ deutlich sicherer, da sie weder große Eisbrüche noch spaltenreiche Gletscher oder besonders gefährliche Lawinenhänge überwindet. Zudem sind die Wartezeiten an den „Schlüsselstellen“ aufgrund der geringeren Zahl an Leuten nicht so lang.

Der große Andrang

Zu viele Menschen zur gleichen Zeit: das ist das Kernproblem des „Everest Wahnsinns“. Es steht immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Medien, Alpinisten, Tourunternehmern und Nepals Politikern. Dass die 381 Genehmigungen, die dieses Jahr erteilt wurden, zu viel waren, zeigte sich daran, dass die meisten der 11 Toten wegen der langen Staus und Wartezeiten starben. Doch weniger Genehmigungen bedeuten entgangene Einnahmen. In Nepal sind die 9800 Euro für eine Everest-Lizenz und die vielen weiteren Ausgaben, die der Everest-Tourismus auf dem Weg zum Gipfel tätigt (Anreise, Essen, Unterkunft, Träger- und Führerkosten, weitere Permits und Gebühren), eine große Menge Geld.

Es gibt also von vielen Seiten ein reges Interesse an möglichst vielen „Kunden“ am Everest. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum es abgesehen vom Geld kaum Voraussetzungen und Auflagen gibt und so viele unfähige und überforderte Aspiranten unterwegs sind. Reinhold Messners Forderung nach dem Verbot der kommerziellen Touren dürfte in diesem Gemenge nicht viel Anklang finden.

Wie anstrengend und schwierig ist der Everest?

Wenn ihr von einer Everest-Besteigung zurückkehrt, ist euer Körper quasi ein Wrack. Viele Menschen sterben daran.“ Dieser Satz von Kami Rita Sherpa sagt im Grunde alles über den Grad an Anstrengung. Die dünne, sehr trockene und sehr kalte Luft wirkt auf die allermeisten Menschen kräftezehrend und auslaugend. Ab etwa 7000 m Höhe verlangt jeder einzelne Schritt einen großen Willensakt.

Die technischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Der riesige und aufgrund seiner Instabilität sehr gefährliche Gletscherfall des Khumbu-Eisbruchs wird von den „Ice Doctors“ komplett mit einem „Klettersteig“ aus Leitern und Fixseilen präpariert und instand gehalten. Stolperer und Stürze werden normalerweise vom Fixseil aufgefangen.

Der Weiterweg zur Lhotseflanke ist ebenfalls „nur“ anstrengend und gefährlich, nicht aber technisch schwierig. In der Flanke wird es mit bis zu 80° zwar sehr steil, doch da man auch dort immer am Fixseil eingeklinkt ist, hat technisch unsauberes Steigen abgesehen von Kräfteverschleiß keine ernsten Konsequenzen.

Am Gipfelgrat wird es dann richtig ausgesetzt, was vor allem eine psychische Herausforderung ist, die aber wiederum durch Fixseil und Begleiter entschärft wird. Die ehamals als Hillary Step bezeichnete Stelle ist zwar seit dem Wegbrechen durch das Erdbeben im Jahre 2015 weniger anspruchsvoll, gilt allerdings nach wie vor als Nadelöhr.

Höhe, Kälte, Stürme: Wie gefährlich ist der Everest?

Die Normalroute von Süden ist definitiv gefährlich, da es viele Gefahrenquellen gibt, die man nicht beeinflussen kann („objektive Gefahren“). Man befindet man sich tagelang in Gelände, das jederzeit von Lawinen überrollt werden kann. Zugleich befindet man sich auf einem schnell fließenden, von tiefen Spalten zerfurchten Gletscher, auf dem neue Spalten binnen Sekunden mit lautem Getöse aufreißen können.

Die Nordroute von Tibet aus ist objektiv sicherer, allerdings klettertechnisch schwieriger und man kann dort im Falle von Problemen weit weniger mit Hilfe oder gar Rettung rechnen.

Gefährlich ist allein schon der Aufenthalt in der Todeszone, jenem Bereich oberhalb 7000 Meter, in dem der Sauerstoffpartialdruck so gering ist, dass Körper und Geist selbst dann rapide abbauen, wenn man nur schlafen, essen und trinken würde. Ein Aufenthalt von mehr als 48 Stunden führt bei den meisten Menschen zu einem tödlichen – meist durch Erschöpfung und Unterkühlung beschleunigten – Verlauf der Höhenkrankheit. Deshalb sind auch die Wartezeiten so gefährlich: sie sorgen für Erschöpfung und steigern die Wahrscheinlichkeit von Höhenkrankheit und Erfrierungen. Der Sauerstoffmangel (der durch Flaschensauerstoff nur teilweise ausgeglichen wird) schränkt auch die geistige Leistungsfähigkeit ein und trübt das Urteilsvermögen. Deshalb kommt es in der Todeszone häufig zu fatalen Fehlentscheidungen, die aus alltäglicher Perspektive nicht nachvollziehbar scheinen.

Insgesamt liegt der „Bodycount“ des Everest bislang bei etwa 300, was einer Sterblichkeitsrate von etwa vier Prozent entspricht. Angesichts des Rummels am höchsten Berg könnte sie auch weit höher sein. Berglegende Hans Kammerlander beispielsweise wundert sich, warum nicht viel mehr Menschen ums Leben kommen:

Wenn so eine Masse unterwegs ist und ein Sturm aufkommt, können auch schnell 50 oder 100 Menschen sterben. Der Berg kann zur Bestie werden. Oder im unteren Teil, da befindet sich der Khumbu-Eisbruch. Wenn viele Menschen weit oben sind und im Eisbruch eine Lawine abgeht, was jederzeit sein kann, sind dort alle Seile weg und der Weg nach unten ist kriminell. Dann kommt kaum noch jemand runter.

Khumbu-Leitersteig, Internetcafe und Fixseilautobahn: Die Infrastruktur

Nach Ansicht der meisten Extrem- und Spitzenbergsteiger hat eine Everestbesteigung nicht mehr viel mit Bergsteigen und Alpinismus zu tun. Kammerlander erklärt im Interview, wie der Everest für Nichtalpinisten präpariert wird:

Der Berg wird von Spezial-Sherpas jeden Frühling präpariert. Es wird mit Seilen und Leitern eine Art Klettersteig gebaut. Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Die Anbieter klinken sich in diese Infrastruktur ein.

Das Basislager ist längst zu einer Zeltstadt mit bis zu 1000 „Einwohnern“ geworden. Schon zu Anfang des Jahrtausends trampelten sich dort die Expeditionen auf den Füßen herum, konnte man sich mit T-Bone-Steak und Heineken stärken und im Internetcafe einen Heldengruß nach Hause schicken. Es tummeln sich hier auch weit mehr Leute als nur die Gipfelaspiranten. Die meisten der rund 35.000 Touristen, die jährlich den Sagarmatha-Nationalpark besuchen, in dem der Everest liegt, wollen zum Everest Base Camp.

Leichengasse, Müllberge und Massenschlägereien: die Auswüchse

Was es wirklich bedeutet, nahe des Gipfels im Stau zu stehen, macht der Augenzeugenbericht des kanadischen Bergsteigers Elia Saikaly vom Mai diesen Jahres deutlich: „Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4„. Saikaly hat nach eigener Aussage versucht, Bergsteiger zum Umdrehen zu bewegen, die später gestorben seien. Menschen seien niedergerissen worden, er musste über ihre Körper steigen.

Man muss also sprichwörtlich über Leichen gehen, um den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Dazu noch einmal Hans Kammerlander:

Die Moral, die unter Alpinisten das erste Gebot sein sollte, hat heute kaum noch einen Stellenwert. Wenn von oben jemand kommt, total erschöpft und ohne Sauerstoff, helfen die wenigsten, weil sie zurück müssten und den Gipfel verlieren. Die denken sich: Das macht schon der hinter mir.

Wie es aussieht, wenn alle so denken, das wurde 2012 beim üblichen Stau am Hillary Step deutlich, „als dort entkräftete Menschen apathisch im Schnee saßen oder hemmungslos weinten, als andere schrien und wieder andere darum flehten, man möge sie doch bitte hinunterlassen, kannte niemand Gnade oder Rücksicht.

2006 machte ein ähnlicher Fall Schlagzeilen, als dem Briten David Sharp im Abstieg der Sauerstoff ausgegangen war. Rund 40 Bergsteiger sollen passiert haben, ohne zu helfen, bevor Sharp an Ort und Stelle starb.

Man lässt den Anderen lieber sterben, als den eigenen Gipfelerfolg zu gefährden. Mit dieser Art von zwischenmenschlicher Interaktion muss man rechnen, wenn man ganz nach oben will.

Leichen als Wegmarken

Da die Bergung von Leichen mühsam, schwierig und gefährlich ist, blieben von den 300 Toten des Everest etwa 200 auf den Hängen des Berges liegen – begraben unter Eis und Schnee oder offen. Immer mal wieder kommen Leichen oder einzelne Teile in den Camps zum Vorschein. Einige Exemplare dienen sogar als Wegmarken. So ist die nah am Gipfel liegende Leiche eines Inders, der vermutlich 1996 ums Leben kam, als „Green Boots“ bekannt, weil sie nach wie vor die markanten grünen Bergstiefel trägt.

Explosive Anspannung

Ein weiteres Sinnbild für die unappetitlichen Seiten des Everest-Business war 2013 die Massenprügelei im Tal des Schweigens, in der etwa 100 aufgebrachte Sherpas den Schweizer Spitzenalpinisten Ueli Steck und zwei Begleiter beinahe gelyncht haben sollen. Nur durch beherztes Einschreiten anderer westlicher Bergsteiger sollen Steck und die zwei Profibergsteiger-Kollegen mit dem Leben davongekommen sein. Die im Zuge der Kommerzialisierung des Berges aufgestauten Spannungen hatten sich entladen, als die Sherpas meinten, die führerlosen Alpinisten hätten ihre Fixseile traversiert und dabei Eisschlag ausgelöst.

Höchstgelegener Müllberg der Welt

Auch der auf dem Dach der Welt aufgetürmte Müll gibt kein gutes Bild ab. Neben Zelten, Sicherheitsseilen, Lebensmittelpackungen, leeren Sauerstoffflaschen, Kochern und Fäkalien bleiben wie erwähnt auch die Leichen oft liegen. Sherpas brechen immer wieder zu Säuberungsaktionen ihres heiligen Berges auf, bei denen, soweit möglich, auch Tote abtransportiert werden.

Lösungsversuche

Seit 2014 soll ein Pfandsystem den Müllberg bändigen. Jeder Bergsteiger soll etwa 8 Kilogramm Müll wieder mit hinunternehmen – so viel wie jeder im Durchschnitt produziert. Expeditionen müssen eine Kaution von rund 4420 Euro hinterlegen, die sie zurückerhalten, wenn ein Regierungsbeamter bestätigt hat, dass die Expedition „sauber“ war. Die Kontrollen werden allerdings nicht besonders strikt durchgesetzt.

Es mangelt auch nicht an weiteren vernünftigen Vorschlägen, den Everest-Wahnsinn in gesündere Bahnen zu lenken. Doch wie so oft sind Mäßigung und Vernunft umso schwer durchzusetzen, je mehr Dollarbündel im Spiel sind.

Outdoorkleidung in der Innenstadt? Also ich brauch das!

3. Juli 2019
Die Bergfreunde

Sie ist der Alptraum der Stilikonen, Geschmacksverfechter und Kulturbewahrer: die Outdoorwelle, die die Innenstädte überspült. Vor 10 Jahren war man sicher, sie sei einer dieser albernen Kurzzeittrends, über die man sich in 10 Jahren schlapplachen würde. Doch weit gefehlt, sie hält sich unbeirrt und macht keine Anstalten abzuebben. Sie weitet sich sogar auf immer neue Bereiche aus und bedient längst auch die Sehnsucht nach Jagd-, Hundeschlitten und Motorradabenteuern.

Da hat selbst die scharfe Kritik aus dem Feuilleton resigniert. Richtig hartes Contra findet man eigentlich nur in Artikeln älteren Datums. Neueren Datums sind eher die Pro-Meinungen von Outdoorbloggern und Modemagazinen. Werfen wir nun einen Blick auf die Kritiker und Fürsprecher und nehmen dann die gängigen Erklärungen unter die Lupe. Zwischendrin darf ich immer mal etwas eigenen Senf dazugeben.

Vorher aber noch zu einem wichtigen, aber hier schwer einzuordnenden Streitpunkt: der Nachhaltigkeit.

Streitpunkt Nachhaltigkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, es stimmt, eine Multifunktionsjacke bringt mehr Ressourcenaufwand und „Gifteinsatz“ mit sich als Opas guter alter Wollmantel.

Doch ist das „Outdoorzeug“ mit seinen bösen Chemikalien wirklich so viel schlimmer als das „Normalozeug“ in den Kaufhäusern und Onlineshops? Es ist ja keineswegs so, dass die Menschen vor dem „Outdoorboom“ nur nachhaltige Naturkleidung getragen hätten. Im Gegenteil, unter der nichttechnischen Alltagskleidung war und ist der Anteil von „Made unter miesen Bedingungen und mit undeklarierter Chemie“ ziemlich hoch.

Was also ist nachhaltiger: wenn ich zehn Winter lang eine teure, technische Winterjacke von der bekannten Outdoormarke XY trage, oder wenn ich in der gleichen Zeit mehrere „einfache“ und „günstige“ Steppjacken von H&M, New Yorker und Co. verschleiße?

Auch wegen umstrittener „Zutaten“ der Outdoorkleidung wie Daune, Leder oder Pelz gibt es viel Kritik. Doch diese Dinge werden genauso in „Nichtoutdoorprodukten“ verarbeitet und die Outdoorbranche bietet zudem eine wachsende Auswahl an alternativen Stoffen an. Hinzu kommt eine wachsende Sparte namens „Urban-Outdoor“. Deren Produkte sind weniger „hochgezüchtet“, kommen ohne Membranen und Chemikalien aus, sind nicht „polartauglich“ und auch nicht knallfarben. Sie sind funktionaler als herkömmliche Alltagskleidung und zugleich ästhetisch ansprechend.

Dennoch muss man eingestehen, dass es Verschwendung ist, sich für die abendliche Runde mit dem Hund technisch-funktionale Outdoorkleidung extra zuzulegen. Genauso wie es fragwürdig ist, diese Dinge nur fürs Schaulaufen zu nutzen.

Genervt von der Outdoorwelle: das Feuilleton

Die schärfsten Outdoor-Kritiker sitzen wohl in den Kulturressorts der Redaktionen. Eine gute Kurzfassung der klassischen Stilkritik liefert der wohl am häufigsten zu diesem Thema gelesene und zitierte Tagesspiegel-Artikel:

Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen. Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht.

In der Tat, der Geschmack ist in vielen Fällen diskutabel. Leider folgen dann zwei unfertige Sätze, in denen es darum zu gehen scheint, dass die Kleidung für widrigste Bedingungen gemacht ist und die Käufer ganz genau wüssten, wie unsinnig ihr Verhalten ist.

Stimmt, aber nur teilweise: es sind keineswegs alle in den Fußgängerzonen zu sehenden Produkte „polartauglich“ oder „himalayatauglich“ und auch längst nicht alle grellbunt. Solche oft zu lesenden Vergröberungen lassen vermuten, dass die betreffenden Autoren eher weniger outdooraffin sind. Wirklich deutlich wird die Entfernung von der Materie, wenn versucht wird, den technischen Outdoorjargon spöttisch zu imitieren. Das passt dann manchmal nicht so ganz und wird, wie hier in der FR, so haltlos und plump übertrieben, dass der entstehende Humor eher unfreiwilliger Natur ist. Beispiel gefällig? Gerne doch:

Vermutlich können die wilden Farben (der Outdoorkleidung) sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Hoho. Ja, aber wenn Sie wüssten, liebe FR-Autorin, wie viele Bärenattacken das Active-Bearprotect Shield meiner Goretex schon im letzten Moment abgewendet hat. Und vor wie vielen erfrorenen Fingern mich die integrierte InstantFire Jet-Technology schon bewahrt hat …

Noch ein Beispiel? Bitte:

Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Doch! Ich brauche den Öllampen-Stauraum (feuerfest) in meinem immer umgeschnallten Klettergurt. Und die Dörrfleischrationen (Tofuvariante) haben mich in der zentraldeutschen Servicewüste schon vor mancher Hungerperiode bewahrt.

Und noch eins zum Abschluss? Kein Problem:

Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Es stimmt, dass wir Gipfelstürmer beim Almabtrieb, pardon, Almabstieg nicht immer den festesten Stand haben. Doch das liegt oft auch an der einen oder anderen Halben, die nach dem Gipfelsieg über den Almtresen wandert. Da benötigen wir den festen Stand der Wanderboots sehr wohl auch hinterher noch, beim Klopapier holen im DM.

Allerdings müssen wir Almabsteiger zugeben, dass nicht alle Kritik so leicht zu entkräften ist. Einmal mehr der Tagesspiegel:

In meinem Bekanntenkreis gibt es sogar einen Verrückten, der im Urlaub regelmäßig mit Schneeschuhen Wanderungen durch das ewige Eis Grönlands oder Lapplands macht. Dass der so eine Polarpelle braucht, sehe ich ein. Kehrt er allerdings heim in die Zivilisation, verschwindet das Ding im Schrank, wo es hingehört. Zur Arbeit geht er dann im Wollmantel. Er hat verstanden: Alles hat seinen Ort und Platz. (…) Die Thermojacke gehört ins Packeis, nicht in die Innenstadt.

Durchaus beeindruckend. Doch gibt es das wirklich, dieses Naturgesetz, was wohin gehört? Oder wird hier nicht bloß eine Meinung zum allgemeinen Maßstab erhoben? Und was ist, wenn meine bisherigen „Bergpellen“ schon ein bisschen was gekostet haben und mir deshalb der „angemessene“ Wollmantel als unnötige Zusatzausgabe erscheint? Wenn ich womöglich die Goretexjacke auch bei großstädtischem Dauerregen trage, weil schlicht keine weitere Wasserschutzjacke bei mir herumliegt?

Ja, hiermit oute ich mich als „Überschneidungs-User“, als Angehöriger jener eigentlich nie erwähnten Käuferspezies, die mit ihren Outdoorklamotten tatsächlich auch mal in die Berge und die „Wildnis“ geht.

Auch genervt: „echte Bergsteiger“, die „das Zeug wirklich nutzen“

Da wir Überschneidungsuser so wenig gewürdigt werden, regen wir uns natürlich auch über die Invasion der Fakeabenteurer auf. Denn eigentlich haben ja nur wir das Recht, die Insignien des Draußenseins zu tragen.

Also, liebe Outdoorklamottenkritiker, bitte merken: schmeißt uns tatsächlich harte Hunde nicht immer mit diesen verkleideten Karnevalisten in einen Topf! Wir trotzen nämlich wirklich eisigem Wind und fürchterlichem Wetter. Und wenn wir die Goretexjacke, die Softshell, das Fleece und die Kunstfaserhose auch mal im Alltag anziehen, verwechseln uns die Ahnungslosen mit diesen Möchtegerns. Wenn die Leute das nur endlich mal unterscheiden könnten, würden sie uns endlich diese leicht eingeschüchterte Bewunderung geben, die wir verdammt nochmal verdient haben!

Ich schlage deshalb vor, wir führen eine Befugnis für Outdoorkleidung ein: Goretex und Windstopper nur gegen beglaubigte Tourenliste als Kompetenznachweis. Um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, sollten wir zusätzlich Plaketten oder Sticker auf den Textilien anbringen:

„Hey, ich geh wirklich auf über 4000 Meter mit dem Teil!“

oder

„Diese Jacke war in Grönland und Nepal!“

Weitere Vorschläge für effektive Abgrenzungsmaßnahmen bitte in den Kommentaren einbringen ;-)

Beschwingt statt genervt: Die Fürsprecher

Ist denn wenigstens die Fürsprache fundiert und überzeugend? Gibt es gute und starke „Pros“ für Outdoor in the city?

Hm, nicht wirklich, würde ich sagen – zumindest findet man wenig und wirklich nicht mehr ganz folgen kann ich, wenn in der Brigitte Folgendes steht:

Mit der richtigen Kleidung kann man heute seine Vorliebe für Natursport, Trekking, Gefahr und Abenteuer demonstrieren, ohne dass man jemals einen Berg, einen Wald oder einen See aus der Nähe gesehen hat. Das ist auf jeden Fall sehr modisch, auch wenn es vielleicht nicht immer logisch ist, dass wir uns in Kleidung hüllen, die Funktionen hat, die wir gar nicht benötigen.

Wenn ein Mensch in seinem Leben nie einen Berg, Wald oder See aus der Nähe sieht, finde ich das eher sehr traurig als sehr modisch. Aber vielleicht vermisst man ja überhaupt nichts, wenn man eh nichts anderes als die Simulation kennt. Dann wäre auch folgender Gedanke nachvollziehbar:

Sogenanntes „Sensation Seeking“ steht hoch im Kurs. Wenigstens die Kleidung soll an Wildnis erinnern. Falls uns im Großstadtdschungel dann mal eine Gefahr (oder ein Hagelsturm) ereilt, sind wir gewappnet – und können uns in unserer Jack Wolfskin-Jacke ein bisschen wie McGyvers wilde Tochter fühlen.

Hach, ja. Nur wäre ich als einziger männlicher Brigitteleser des Planeten lieber McGyver selbst als seine wilde Tochter. Und noch wichtiger wäre mir, mich nicht nur anhand von Kleidungsstücken an „Wildnis“ zu „erinnern“, sondern irgendwann auch mal in einer solchen unsimulierten Umgebung unterwegs zu sein.

Zusammengefasst: wirklich rational und vernünftig geht es weder auf der Pro- noch der Contra-Seite zu. Hüben wie drüben geht es hauptsächlich um Geschmäcker und persönliche Befindlichkeiten.

Naturliebe, Eitelkeit und Katastrophenangst: Erklärungsversuche

Und weil es so wenig rational zugeht, müssen auch die Erklärungsversuche größtenteils scheitern. Versuchen wir es trotzdem. Den Anfang darf wieder der Tagesspiegel machen:

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. (…) Was für ein Quatsch die These mit der Naturverbundenheit ist, zeigt allerdings schon eine oberflächliche Analyse des Produkts. Schließlich gibt es kaum etwas Künstlicheres als eine Outdoorjacke. Das Innenfutter besteht aus Polyesterfleece oder Polyamid, zum Abdichten gibt es obendrauf eine Schicht Polyurethan oder Polytetrafluorethylen. Klingt das nach etwas, was auf irgendeinem Baum der Welt wachsen würde?

Teflon, PU und Fleece in einem Kleidungsstück sind zwar eher selten, doch so weit, so nachvollziehbar. Auch wenn immer mehr Hersteller Fortschritte machen, die Künstlichkeit durch Naturverträglichkeit zu ersetzen.

Wenn Naturliebe nicht das alleinige Motiv der Outdoorwelle sein kann, müssen wir Weiteres in Betracht ziehen. Eines der weniger schönen Motive wäre die Eitelkeit, die der Tagesspiegel gleich noch für uns mitbeleuchtet:

Wer etwas trägt, was er nicht braucht, will damit etwas darstellen. (…) In dem Sinne geht es beim Tragen von Outdoorkleidung nicht mehr um das Rüsten für Extremsituationen, sondern nur noch um deren Simulation – oder besser: um deren Behauptung. Sehet, ich wäre bereit, Wind und Wetter zu trotzen, arktischen Temperaturstürzen und steilen Geröllhängen – so ich mich denn in Gefahr begeben würde.“

Jepp, ertappt. Das spricht tatsächlich wunde Punkte an. Doch wunde Punkte wovon? Eitelkeit ist eine Triebfeder für sehr viele Arten von Kleidung. Und auch für sehr viele menschliche Handlungen im Allgemeinen. Sie ist also für unsere schöne bunte Outdoorwelt genauso wenig spezifisch wie der (ebenfalls im Artikel angesprochene) Kompensationstrieb.

Jetzt fehlen nur noch die wirklich unterhaltsamen Motivtheorien. Eine wäre die Katastrophenangst, die meiner Meinung nach aber derart im psychologisierenden Nebel stochert, dass sie keines näheren Blicks bedarf…

Was bleibt da als Fazit festzuhalten? Nun, wer mit Outdoorklamotten in der Stadt unterwegs ist, kann immer auf Reaktionen und Aufmerksamkeit hoffen.

 

 

Badezimmer, W-Lan, Daunenduvets: ein Plädoyer gegen die Hotel-Hütten

12. Juni 2019
Die Bergfreunde

Folgendes liest man mittlerweile in allen Medien: Wir müssen Ressourcen schonen und Energie effizienter nutzen. Wir müssen „nachhaltig“ und „ganzheitlich“ denken und wir müssen „achtsamer“ mit „Mutter Erde“ umgehen. Wir müssen unseren Müll reduzieren und unsere Konsumgewohnheiten ändern.

Dann liest man aber auch Folgendes: Wir müssen die Hütten der Alpen mit Hotelkomfort ausstatten. Ja gut, vielleicht werden dadurch ein bisschen mehr Energie und Ressourcen verbraucht, mehr Müll und Abwasser erzeugt, das konsumistische Anspruchsdenken im Bergtourismus bestärkt und vermutlich auch für mehr Verkehrsaufkommen in den Alpen gesorgt. Aber wir müssen nun mal auf veränderte Bedürfnisse reagieren und dürfen uns nicht starrsinnig dem Lauf der Zeit verschließen.

Die Menschen benötigen heute ein eigenes Zimmer, eine durchgängig erhältliche Speisekarte, Duschen, jederzeit warmes Wasser und einwandfreies Internet. Wir dürfen schon aus gesundheitlichen Gründen niemandem mehr diese unhygienischen Filzdecken zumuten und müssen sie durch kuschelige Daunenduvets ersetzen, die für jeden Gast gewechselt und gewaschen werden. Kurz und gut: dass wir erneuern und ausbauen bis die Schwarte kracht und dabei natürlich auch das Preisniveau der Hütten an den Hotelstandard anpassen ist alternativlos.

Was ist besser an den neuen Hütten?

Nun, die frisch geduschten und vom glutenfreien Menü gestärkten Influencer können jetzt endlich ohne Zeitverlust den wartenden Followern ihre neuesten Berg-Selfies servieren. Und ihren schon mit den Hufen scharrenden Bloglesern diese Supergeheimtipp-Insidertour quasi live vor Ort posten.

Okay, okay, das war natürlich nur die polemische Zuspitzung eines Nörglers. Die Gäste brauchen den Luxus und die Netzabdeckung allein schon aus Sicherheitsgründen. Der Wetterbericht muss geprüft, die Lawinenlage sondiert und die Tour geplant werden. So etwas ist heute wegen Zeitmangels nicht mehr vom Tal oder von zuhause aus möglich. Abgesehen davon, dass solche „Steinzeitmethoden“ unpräzise und unverantwortlich waren: es kommt am Berg auf Meter, auf Minuten, auf Echtzeit und auf Milliliter pro Quadratmeter an. Ach so, und die nächste Hütte muss ja auch noch gebucht werden. Das geht bald nämlich auch nur noch online. Willkommen im Hochgebirge 2.0!

Wo liegt das Problem mit den neuen Hütten?

So, das Intro ist vermutlich doch wieder polemischer geraten als erlaubt. Ich verspreche aber, dass ab jetzt seriöse Sachlichkeit waltet. Also, ganz sachlich, worin sehe ich das Problem der schönen neuen Hüttenwelt? Mir scheint es weniger in der wohl eher überschaubaren Umweltmehrbelastung zu liegen. Dass die Monte Rosa Hütte ihre steigenden Abwassermengen einfach in die Natur ableitet, wird nicht zur Katastrophe führen. Und mit etwas „grüner Technologie“ wird man das auch sicher schnell in den Griff kriegen.

Das Problem dürfte eher die Denke hinter diesem neuen Luxusimperativ sein: die ist nämlich von einem ständigen Steigerungs-, Update- und Optimierungseifer beherrscht, der mittlerweile zum Selbstzweck geworden scheint und nicht mehr weit weg ist von diesem alten Eroberungs- und Kontrolleifer. Und das Bequem-konsumieren-wollen der Berge ist ziemlich nah dran an diesem früheren Herrschen-wollen über sie. Hier kommen Dinge wieder hoch, die man längst meinte abgelegt zu haben. Klingt vielleicht nach steiler These, doch es wird gleich noch mit Beispielen untermauert.

Jedenfalls ist die aktuelle Hüttenentwicklung nicht so innovativ, wie sie gern dargestellt wird. Im Gegenteil, gerade umgekehrt wäre es mal etwas wirklich Neues: eine freiwillige Selbstbeschränkung nämlich, die zur Abwechslung mal nicht dem Machbarkeitsdrang nachgibt. Aus Respekt gegenüber den Bergen. Das hieße, man belässt es bei einfacheren Hütten mit geringerem Komfortstandard und möglichst wenig Stahl und Beton. Solche Hütten lassen nämlich einen Rest von direktem Kontakt mit der Natur und vermitteln so auch mehr Respekt.

Die „neuen Hütten“ verstärken eher die Entfremdung und bauen den Respekt weiter ab. Vor allem bei den jungen Menschen, die mangels Vergleich zu früheren Zeiten gar nicht wissen können, was ihnen entgeht. Ihnen nimmt man damit auch eine weitere Möglichkeit, mal unkonfektionierte Erfahrungen und Erlebnisse zu haben. Anschließend wundert man sich, dass sie den Wert von unverbauter Natur nicht erkennen können …

Die vollvernetzte Zivilisationsblase, in der alles reguliert, nummeriert, planbar und vorhersagbar ist – die schiebt man mit den Hüttenhotels weiter in die Alpen hinein. Man muss mittlerweile schon wirklich gut recherchieren oder sehr weit laufen, um noch „wilde Erlebnisräume“ zu finden. Nicht mehr lange und man wird „wilde Hütten“ nur noch mit aktiver Recherche und speziellen Führern wie dem von Mountain Wilderness finden.

Dass in diesem Führer gerade einmal 20 Stück unter den vielen Hundert Alpenvereinshütten vorgestellt sind, dürfte übrigens ein indirekter Hinweis sein, dass die Modernisierungswelle nicht punktuell, nicht geplant und nicht sinnvoll abgestuft über die Alpen rollt, sondern einfach vollgas und auf Teufel komm raus. (Oder weiß jemand etwas von einem Plan oder Konzept dahinter? Ich konnte bei der Artikelrecherche nichts entsprechendes finden).

Wie denken die „Fortschrittsfreunde“?

Ein extremes, aber vielleicht gar nicht so seltenes Beispiel für „Touristikerdenke“ dürfte Thomas Auer, Wirt der zum Hotel upgedateten Höllentalangerhütte, sein. Auer ist der Meinung, die Berge seien „dafür da, dass sie dem Menschen dienen.“ Das klingt aber statt nach Fortschritt eher nach Altem Testament. Auch da war die Natur idealerweise des Menschen Untertan.

Allerdings kann man den Hüttenwirten die Befürwortung der Modernisierung am wenigsten vorwerfen. Sie können mit dem aktuellen Finanzierungsmodell nichts an den bloßen Übernachtungen der Gäste verdienen und sind so quasi gezwungen, möglichst viel touristisches Programm zu veranstalten, wenn sie von der Hüttenbewirtschaftung leben wollen.

Es gibt aber auch Fortschrittfans, für die jeder, der die Entwicklung nicht bejubelt, ein spießiger „Giebeldachtraditionalist“ und „Geranienromantiker“ ist. So geschrieben hier in der Süddeutschen in einer Hymne auf das neue Seethalerhaus am Dachstein. Der Artikel preist dessen überlegene Technik und kanzelt die verfallene alte, kleine und einfache Vorgängerhütte als unzulänglich, kümmerlich und erbärmlich ab. Man feiert die „Umweltfreundlichkeit“ der hochkomplexen neuen Hüttentechnologie mit Miniblockheizkraftwerk, Brauchwasser-Tanklagern und Photovoltaikanlagen und vergisst dabei, dass der ganze Hightech-Aufwand ohne die konsumistische Anspruchshaltung gar nicht nötig wäre. Es passt zu diesem „Ökotempel“, dass sein Unterboden als Antwort auf den schwindenden Permafrost mit Beton verschlossen wurde.

Auch wenn er jetzt in grün daherkommt, hat der Technozentrismus nach wie vor die alte Neigung zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Und ist nicht gerade diese Technikeuphorie irgendwie „von vorgestern“? Hat nicht gerade sie die Umweltprobleme mit verursacht, die man jetzt mit all dem Aufwand zu lösen meint?

Bitte das nun nicht als Technikfeindlichkeit verstehen. Technologie hat ihren sehr berechtigten Platz in vielen Bereichen und sollte auch stets weiterentwickelt werden. Aber eben nicht überall. Es müssen nicht die hintersten Winkel der Berge als Bühne für Großtaten von Ingenieuren und Architekten dienen. Dafür ist doch im „zivilisierten“ Rest der Welt genug Platz.

Die „neuen Bedürfnisse der Gäste“: Woher kommen die eigentlich?

Wenn der „Hotelausbau“ begründet wird, ist von einem „veränderten Anspruchsprofil der Gäste“, dem man „gerecht werden muss“ die Rede. Es ist das Hauptargument in dieser Sache. Es ist aber alles andere als neu: mit „unabwendbaren“ Bedürfnissen und Entwicklungen wurden Erschließungs- und Bauprojekte in den Alpen seit eh und je begründet. Neu ist nur, dass in der Hüttencausa auch die Alpenvereine in den Chor einstimmen. Beim Schweizer Alpenclub beruft man sich auf Umfragen, nach denen sich 57 Prozent der Wanderer wünschen, auch in der SAC-Hütte im Internet surfen zu können.

Das sind zwar Viele, aber die absolute Mehrheit ist das bei weitem nicht. Außerdem sollten wir doch als Kinder gelernt haben, dass nicht jeder Wunsch immer erfüllt werden kann oder muss.

Es sind auch keineswegs alle Hüttenwirte begeistert von den neuen Hotelhütten. Susanne Brand, Hüttenwartin der Gaulihütte im Berner Oberland, ist im Interview mit dem Schweizer SRF der Meinung, die Hütten des Schweizer Alpenclubs böten „heute einen Service, welcher die Gäste anspruchsvoller – und eben auch egoistischer machen würde.

Man achte auf das Wörtchen machen. Es widerspricht der herrschenden These, die neuen Hüttengäste seien a priori anspruchsvoller und man müsse sich dem eben anpassen. Erweist sich diese Alternativlosigkeit am Ende noch als Eigenkreation? Ist es gar erst der Ausbau der Hüttenstruktur, der die Gäste anspruchsvoller macht und eine zunehmend verwöhnte Klientel in die Berge lockt? Beim SRF scheint man das jedenfalls so zu sehen:

Mit der Modernisierung der Hütteninfrastrukturen verändert sich auch die Gästestruktur. Immer mehr Wandergruppen wählen gut erreichbare Hütten als Endziel ihrer Tour und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Moralische Trümpfe: das Sicherheitsargument und die Demokratisierung der Berge

Doch keine Sorge, selbst wenn sich die gottgegebene Nachfrageänderung als Luftnummer erweist, bleiben immer noch die „Sicherheit“ als Argument. Sie wird vor allem dann bemüht, wenn Wege betoniert und verdrahtet oder spektakuläre Hängebrücken quer über schmelzende Gletscherzungen gezogen werden. Denn wegen der schmelzenden Gletscher und dem tauenden Permafrost ist das Berggelände an vielen Stellen schwieriger und gefährlicher geworden. Ganz richtig, doch ist das ein Argument dafür, dieses Berggelände im Sinne tourismusgerechter Sicherheit umzugestalten? Der Mensch könnte sich doch auch an die Veränderungen des Gebirges anpassen, anstatt das Gebirge mit Stahl und Beton anzupassen. Dann gäbe es in manchen Gebieten eben ein paar weniger Hütten. Es würden dann trotzdem immer noch genügend Orte übrig bleiben, an denen anspruchsvollere Gäste die Bergwelt ohne zu große Anstrengungen und „Entbehrungen“ genießen könnten.

Die ständigen Ausbauten hingegen ziehen, vor allem durch spektakuläre Facebook- und Instagramfotos, weitere Menschenmassen in Berggelände, welches unverbaut ein gewisses Maß an Erfahrung und Können erfordern würde. Weitere „notwendige“ Verbauungen sind da nur eine Frage der Zeit. Und jetzt kommt die Moral-Trumpfkarte: wer kann denn bitte schön gegen die Sicherheit von Bergtouristen sein?

Bergromantiker, Mountain Wilderness und andere Spaßbremsen

Schauen wir noch kurz auf die (wenigen?) Gegner der schönen neuen Hüttenwelt. Sind diese „Bergromantiker“ nicht naive Traumtänzer von vorgestern? Oder elitäre Eigenbrötler, die die Berge exklusiv für sich haben wollen? Was ist sie denn wirklich, diese ominöse Bergromantik?

Genau weiß ich das auch nicht, aber meiner Meinung nach ist sie eine Stimmung, die in den Bergen aus der Schönheit und einem gewissen Gefühl von Abgeschiedenheit entsteht. Es ist das Gefühl von Abenteuer und von „aus der Zeit herausgehoben sein“. Sie kann allerdings nur entstehen, wenn Alltag und Zivilisation in eine gewisse Entfernung gerückt sind.

Auf den Hütten entsteht durch sie auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, eine gegenseitige Rücksichtnahme und eine besondere Atmosphäre, in der man schnell ins Gespräch kommen kann. Diese Dinge gehen mit dem Konsumismus und der Fixierung aufs Smartphone ganz sicher „flöten“. Einfach weil die Hüttengäste „dank“ gewohntem Komfort und gewohntem Aktivitätsmuster in der Zivilisationsblase mit ihrem mentalen Alltagszustand bleiben.

So in etwa scheint das auch Gotlind Blechschmidt vom Verein Mountain Wilderness zu sehen:

Wir wollen in den Bergen abseits leben vom Normalen. Das Normale haben wir ja zu Hause. Wir haben Duschen, wir haben alles. Aber die Entspannung und wirklichen Urlaub, das empfindet man nur, wenn man anders lebt.

„Entspannung“ und „Urlaub“ wären demnach nicht unbedingt mit „Full Service rund um die Uhr“ gleichzusetzen …

Ein Kompromiss?

Es ist nichts prinzipiell gegen komfortable Urlaubsmöglichkeiten in den Bergen einzuwenden. Es ist aber falsch, die vom Tal gewohnte Bequemlichkeit flächendeckend bis in die oberen Etagen des Hochgebirges einzuführen. Auch wenn man das mit edlen Motiven wie Umweltschutz, Sicherheit oder „Demokratisierung“ des Bergerlebnisses begründet.

Man sollte den Ausbau auf Hütten beschränken, die sich in den stärker frequentierten und erschlossenen Gebieten befinden. Sonst zieht der flächendeckende Ausbau eine weniger bergaffine, dafür aber zahlungskräftigere Klientel in immer abgelegenere und höhere Naturräume. Man sollte vielleicht auch das Bezahlmodell der Hüttenwirte überdenken.

Oder gleich die Problemlösung

Wie gesagt sollen ja die Hüttengäste von heute wie selbstverständlich davon ausgehen, dass hoch oben am Berg das gleiche Komfortniveau herrscht wie im Tal. Doch wenn es eher umgekehrt wäre und das Anspruchsdenken erst mit dem immer luxuriöseren Infrastrukturausbau samt dessen ständiger Promotion erst so richtig hochgezüchtet wird? Dann könnte man doch mit etwas  realitätsbezogener Gegenaufklärung an Ort und Stelle des Geschehens relativ einfach gegensteuern.  Man bräuchte nur große, signalfarbene Warnschilder an den Seilbahntalstationen und Parkplätzen aufzustellen.

War das jetzt schon wieder polemisch? Gut, vielleicht ein bisschen. Aber es gibt ja auch Schilder, die vor dem Betreten von Gletschern mit High Heels oder vor Absturzgefahr bei Selfies warnen. Da denkt man doch auch erstmal, das sei Satire …

OMM – Original Mountain Marathon

23. Mai 2019
Die Bergfreunde

Ein lange Strecke, zwei Tage Zeit. Nur mit Karte und Kompass und vollkommen autark. Allein dein Partner ist als Support bei dir. Gefällt dir auf Anhieb? Dann freuen wir uns, dir den Original Mountain Marathon vorstellen zu dürfen. Der findet am 31.08. und 01.09.2019 wieder in der Lenzerheide in der Schweiz statt und ist ein Format, das es im deutschsprachigen Raum noch eher selten gibt. Das zweitägige Berg-Abenteuer stellt nämlich ganz besondere Anforderungen an Mensch und Material.

Apropos Material. Das liefert OMM (Original Mountain Marathon) gleich selbst. Du bist jetzt verwirrt? Geht es hier um eine Outdoor-Marke oder ein Event? Keine Angst, wir schaffen Klarheit!

OMM ist… ein Event

Zum einen ist OMM tatsächlich das, was wir eingangs beschrieben haben. Ein außergewöhnliches Berg-Event. Das Ziel ist es, möglichst viele Checkpoints abzulaufen und zwar in einer vorgegebenen Zeit. Nach Ablauf sollte man in der Camping-Area sein, in dem man das mitgeschleppte Zelt aufbaut, um zu nächtigen. Am zweiten Tag muss man es dann ’nur‘ noch vor dem Cut-Off ins Ziel schaffen. Klingt erstmal einfach, oder?

Nun, man muss aber auch mitdenken und planen, da der Kurs nicht vorgegeben ist und es keine Verpflegungsstellen unterwegs gibt. Es gibt lediglich eine Karte, auf der die Checkpoints verzeichnet sind. Das Team bestehend aus zwei Läufern muss sich also seinen Weg selbst bahnen und sämtliche Nahrungsmittel, auch für das Abendessen, dabeihaben. Als weitere Challenge kommt je nach Kurswahl hinzu, dass die Strecken nicht immer kurz und durchaus anspruchsvoll sind – eine gute Kondition ist also Pflicht und es sollte auch nicht das erste Mal sein, dass man die Berge von Nahem sieht.

Je nach dem, wo eure Stärken als Team liegen, könnt ihr euch zwei Wertungen auf jeweils zwei Strecken aussuchen:

  • Zeitwertung auf 55 bzw. 38 km

Hier geht es darum, alle Kontrollposten zwischen Start und Ziel in der richtigen Reihenfolge abzulaufen. Gewinner ist das Team, das dafür am wenigsten Zeit braucht. Dementsprechend solltet ihr hier in Sachen Kondition und Navigieren gut drauf sein!

  • Punktewertung mit Soft-Cut-Off

Liegt die Stärke eures Teams eher im Strategischen, solltet ihr diese Wertung wählen. In einer fest vorgegebenen Zeit müsst ihr beliebig viele Kontrollpunkte anlaufen und dadurch Punkte sammeln. Wer am meisten Punkte sammelt, gewinnt. So einfach ist das… oder auch nicht! Denn wer die Zeit überschreitet, der bekommt Punktabzug. Und zwar pro angefangener Minute gleich Zwei.

Damit sich kein Team an ein anderes dran hängt, gibt es Startzeiten. Dadurch werden zumindest am Start für alle die gleichen Bedingungen geschaffen. An den Checkpoints muss sich das Team mit einem Chip registrieren. Nur so kann eine Wertung erfolgen.

Der OMM findet zum ersten Mal in der Lenzerheide statt. Allerdings schon zum 52. Mal in Großbritannien, denn da kommt die Rennserie ursprünglich her. Dort hat das Event eine deutlich längere Tradition als bei uns und beinhaltet auch Trail- und Fellrunning.

Die Anforderungen ans Equipment sind aber immer die gleichen: Fürs Campen und Laufen muss jeder Athlet alles dabei haben. Zusätzlich noch Verpflegung und Notfallset. Alleine 21 Posten umfasst die offizielle Packliste! Gar nicht so leicht, das alles zusammen zu bekommen. Das hat sich vermutlich auch OMM gedacht und bietet – wie eingangs erwähnt – das passende Equipment gleich selbst an!

OMM ist… eine Marke

Und die ist, wie zu erwarten, vor allem auf Leichtigkeit getrimmt. Denn darauf kommt es an, wenn man schnell und galant durch die Berge laufen oder rennen möchte. Wer mit 2o kg Gepäck startet, hat vermutlich eher schlechte Karten. Haha, Karten… wegen Orientierung und so. Ach, lassen wir das. Zurück zur Ausrüstung.

OMM bietet von der Trinkflasche bis hin zum ulraleichten, wasserabweisenden Schlafsack alles, was man für kurzweilige Abenteuer in den Bergen braucht. Ein besonderes Highlight ist der Mountain Raid Pa 1.0 Kunstfaserschlafsack.  Der lässt sich nämlich mit der dazugehörigen Jacke zu einem Schlafsacksystem umbauen, so dass man im Zweifel nur den Fußteil des Schlafsacks mitschleppen muss. Die Jacke hat man ja sowieso dabei.

Die Bekleidung richtet sich im Groben an Trailrunner und Bergläufer. Leichtigkeit und Atmungsaktivität sind bei der Konzeption die treibenden Kräfte. OMM setzt auf ausgewählte Technologien und Materialien, z.B. Point-Zero, Kamleika oder Primaloft, je nach Verwendungszweck.

Sehr ausführlich ist die Produktpalette außerdem bei Rucksäcken. Zwischen Hüfttaschen um die die 3 L bis hin zu großen und leichten Daypacks mit 32 Litern gibt es hier alles, was das Ultralight-Herz begehrt. Außerdem gibt es zahlreiches Zubehör, mit dem sich die Tragesysteme erweitern lassen. Z.B. der Chestpod, der wie der Name schon sagt, einfach vor der Brust getragen wird oder der Compressor-Pod, der über Kompressionsriemen am Rucksack befestigt werden kann und 5 Liter mehr Stauraum bringt.

Ein derart modulares System ist natürlich ideal, um sich auf alle Eventualitäten einzustellen. Bei gutem Wetter lässt man die dicke Isolationsjacke zuhause, sieht’s eher nach einem kalten Abenteuer aus, schnallt man sich die eben mit einem kleinen Zusatz-Pod an den Rucksack. Easy.

OMM ist… was für dich?

Wenn du immer noch begeistert von der ganzen Geschichte bist, dann können wir dich nur ermuntern, das Abenteuer OMM einmal auszuprobieren. Alle relevanten Infos… ach was, die hast du ja jetzt schon! Hier geht’s zur Anmeldung. Also schnapp dir noch einen Partner und legt los. Wir Bergfreunde sind übrigens auch mit einem Team am Start und versuchen’s mal mit dem navigieren. Wir sind schon ziemlich gespannt!

Kletter- und Bergsteigerfilme: Wer blickt da noch durch?

13. Mai 2019
Die Bergfreunde

Zuerst war da der kühne Trenker mit der feschen Riefenstahl, irgendwo hoch oben in Schwarzweiß gefilmt. Dann kam der bärtige Messner, in Farbe und irgendwo in dünner Luft gefilmt. Später gesellte sich noch der muskelbepackte Stallone hinzu, irgendwo im Studio gefilmt.

Das war die gute alte analoge Filmsteinzeit. Das digitale Zeitalter hat den Berg an Berg- und Kletterfilmen mittlerweile zu einem Achttausender anschwellen lassen. Mann kann jetzt quasi nonstop DVD gucken, legal oder illegal streamen, tuben, trailern, im Kino gucken, kaufen oder nicht kaufen. Es gibt Filme zu jeder Bergregion und jedem größeren Berg der Welt, allen voran natürlich den Everest, der mittlerweile fast ein eigenes Filmgenre hat.

Schon lange versuchen Filmfestivals wie die European Outdoor Film Tour und die Reel Rock bei der Masse an Produktionen die Spreu vom Weizen zu trennen. Dafür braucht es aber Auswahlkriterien, die letztlich wiederum persönliche Vorlieben und Abneigungen der Auswähler widerspiegeln. Das sieht man zum Beispiel, wenn sportalpen.com in einem Best-of-Bergfilm-Artikel schreibt:

„Die Auswahlkriterien: tolle Aufnahmen, interessante Umgebung und ungewöhnliche Geschichten.“

Klingt nachvollziehbar, doch „toll“, „interessant“ und „ungewöhnlich“ sind für verschiedene Zuschauer auch wieder verschiedene Dinge. Für den Einen sind abfahrende Snowboarder auf weißen Hängen über Stunden hinweg das Allergrößte. Mir persönlich schläft da aber schnell das Gesicht ein. Ich kann mich dafür an Bergszenerien in wechselnden Wetterstimmungen stundenlang ergötzen. Mehr zum Thema Geschmack kommt später noch.

Wo Bergfilm draufsteht ist nicht unbedingt Bergfilm drin

Seitdem so gut wie jede Aktivität, die irgendwie im Gebirge stattfindet, als Bergsport bezeichnet wird, werden auch deren Verfilmungen in die Grobkategorie Bergfilm gepresst. Vom Skifahren, Radfahren, Einradfahren, Paragliden, Basejumpen bis hin zu Hundeschlitten und Snowmobil ist dann alles dabei. Doch selbst wenn man den Fokus auf das „wirkliche“ Klettern und Bergsteigen begrenzt, ist die Filmauswahl nicht wirklich übersichtlich.

In der „normalen“ Filmwelt versucht man ja schon seit langem, mit Zahlen etwas Ordnung und Kontrolle zu schaffen. Hauptsächlich durch eine Filmbewertung mit der Skala von 1 bis 10, die dann auch summiert, gemittelt und verglichen werden kann. Und wenn die „durchschnittliche Kritikermeinung“ oder „durchschnittliche Publikumsmeinung“ dann „hoch“ ist, sollte man theoretisch vor filmischen Totalschäden bewahrt werden.

Das Problem ist nur, dass Bergfilme nicht unbedingt nach herkömmlichen Unterhaltungsstandards gewertet werden sollten. Sonst sind Filmknalltüten wie „Cliffhanger“ und „Vertical Limit“, in denen die Bergwelt und das Bergsteigen die Anmutung von Kirmesattrappen haben, ähnlich gut oder gar „besser“ als realitätsnah inszenierte Bergdramen wie „Nordwand“ oder „Nanga Parbat“. Das „Manko“ Letzter sind dann die fehlenden Explosionen und Verfolgungsjagden…

Die Auswahl der Besten

Wie wählt man nun aus diesem Chaos „das Beste“ aus? Ganz einfach: man nehme die letzten fünf bis zehn Filme und Ausschnitte, die man halt zufällig gesehen hat und mache daraus eine völlig willkürliche Liste. Dann suggeriere man den Lesern, dass diese eine sorgfältig und strukturiert erstellte Auswahl aus einer großen Sichtung sei. Und lässt natürlich unerwähnt, dass das Ganze angesichts der extrem verschiedenen Geschmäcker sowieso kaum Aussagekraft hat. Man braucht sich auch keine Sorgen zu machen, ob die Auswahl wirklich Qualität hat, denn nachprüfen und beurteilen kann das eh keiner mehr. Dafür müsste man schon den neuen Berufsstand des Bergfilmkritikers einführen.

Soweit der kleine (und nicht ganz bierernst gemeinte) Einblick in die Arbeitsmethoden des modernen Journalismus. Von dem es natürlich auch wohltuend transparente Abweichungen gibt, wie dieser auf dem Maxdome-Blog veröffentlichte Artikel, der sich um eine nachvollziehbare Einordnung nach Kategorien wie Hollywoodfilm, Genrefilm, Filme nach realen Begebenheiten und Dokus bemüht. Eine sinnvolle Idee, die ich mir für diesen Artikel mal klaue – und noch die Kategorien Internetfilme und frei verfügbare Youtube-Filme hinzufüge.

Auch eine Unterteilung nach Schauplätzen wie hier bei Outdoorsports-Mag ist sinnvoll. Eine Aufteilung nach Erscheinungsjahr bringt zwar mehr Übersicht, hat aber kaum Informationsgehalt.

Und was ist eigentlich mit der Filmlänge? Ab wie viel Minuten ist ein Film kein Clip mehr, sondern ein Film? Ich würde hier die Grenze mal willkürlich bei 20 Minuten ziehen – ab dann lohnt sich das hinfläzen und Bier aufmachen. Doch was ist dann mit den teils überragenden Kurzfilmen, die manchmal bei Filmfestivals wie EOFT oder Banff Mountain Film laufen? Tja, die müssen hier wohl gnadenlos untergehen …

Vorlieben und Abneigungen

Warum liest man in keiner Beste-Filme-Listen irgendetwas über den individuellen Filmgeschmack der Autoren? Na ganz klar, weil sie natürlich vollkommen neutrale und objektive Beobachter ohne Vorlieben und Abneigungen sind. Gerne würde ich das auch sein, doch leider kann ich nicht aus meiner willkürlichen Haut heraus. Also gebe ich lieber gleich zu, dass ich ein erzkonservativer Bergfilmfundi bin. Wenn „Bergfilm“ oder „Kletterfilm“ draufsteht, will ich tatsächlich Berge, Felsen und perfekt eingefangene Bergsteigerei und Kletterei drin haben. Und zwar in den Hauptrollen, nicht als Statisten.

Weniger prickelnd finde ich, wenn Dreiviertel des Films die Gesichter von Kletterstars in Großaufnahme Küchenpsychologie und Kalenderweisheit von sich geben. Klar, es gibt spannende Charaktere, schillernde Gestalten und große Geschichten, doch die gibt es in allen anderen Genres auch. Wenn dann auch noch angesagte Trends hinzukommen wie Stakkatoschnitt, Wackelkamera, grafischer Firlefanz und knallenge Blickwinkel, die nur geweitet werden, um sofort abzublenden, sobald mal eine Zehntel Sekunde Berge in der Totalen zu sehen waren, fange ich insgeheim an, böse Briefe an die Filmemacher zu schreiben.

Jetzt aber mal Vorschläge:

Spielfilme

Es gibt nur wenige rein fiktive Bergfilme und so gut wie keine guten rein fiktiven Bergfilme. Dabei geben die Berge und das Klettern eigentlich genug Stoff für zwei Stunden Drama und Action her. Aber eben leider auch genug für Klischees und Stereotypen der plattesten Art.

Am Rande des Abgrunds (1982)

Viele Bergfilme haben große Ähnlichkeit mit Erotikfilmen: der hölzern konstruierte Plot ist eigentlich nur Füllmasse, um das Strecken der interessanten Szenen auf eineinhalb Stunden zu rechtfertigen. Dummerweise sind dann oft auch noch die vermeintlichen Schmankerl schwach dosiert und fad gewürzt. Nicht so bei „Am Rande des Abgrunds“: hier sind die alpinen Schauwerte der damals noch prall vergletscherten Bernina-Berge so sehenswert, dass die Warterei zwischen den Bergszenen lohnt. Und so schlimm ist die delikate Dreieckstory zwischen dem alternden Sean Connery, dem feschen Bergführer und der von beiden angepeilten jungen Schönheit gar nicht.

Cliffhanger (1993)

Der Film zeigt, wie man sich in Hollywood das Bergführerleben in den Dolomiten vorstellt. Alpines Klettern als eine Art Eventmix aus Kunstturnen, Hochseilgarten und Bungeejumpen mit gelegentlicher Abwechslung durch Explosionen, Verfolgungsjagden und Schießereien. Das Bemerkenswerteste an dem Film ist, dass der legendäre Wolfgang Güllich sich als Stallone-Double hergab. Fazit des Tagesanzeigers: „Der Film ist so hanebüchen, dass er schon wieder lustig ist.“

Vertical Limit (2000)

Und wieder der Tagesanzeiger: „Zuerst verlieren zwei Kinder beim Felsklettern in Utah ihren Papa, dann geht es an den K2, wo James-Bond-Regisseur Martin Campbell die hanebüchene Handlung mit ein paar Ladungen Nitroglycerin aufpeppt. Zentrales Thema: sich selber opfern, damit andere Leben können. Päng.“ Und dass nix von dem Film am echten K2 gedreht wurde, ist eigentlich auch völlig wurscht …

Cerro Torre: Schrei aus Stein (1991)

Das Werk von Regie-Großmeister Werner Herzog ist der umgekehrte Fall zu Cliffhanger und Konsorten: als Unterhaltungsfilm ein müder Flop, als Bergfilm und Bilderbogen jedoch erste Sahne. Zudem mit durchaus realistischer und spektakulärer Kletteraction mit dem damals noch jungen Stefan Glowacz am damals noch einsamen Cerro Torre.

„Nach wahren Begebenheiten“

Sturz ins Leere (2003)

Hier gibt es keine zwei Meinungen: dieser Mix aus Interview und am Originalschauplatz gedrehtem Spielfilm ist der Knaller. Der grandios-authentisch gefilmte Höllentrip in himmlisch schöner Bergwelt hat sich tatsächlich so ereignet und ist in die Mythologie der großen Bergdramen eingegangen. Fünf Tage schleift Joe Simpson sein gebrochenes Bein durch die ebenso fantastische wie lebensfeindliche Gletscherszenerie der peruanischen Cordillera Huayhuash – allein und ohne zu wissen, ob er die Tortur überleben wird. Obwohl man als Zuschauer den Ausgang der Geschichte von vornherein kennt, ist der Film mitreißend und spannend bis zum Nägelkauen. Hier wird zur Abwechslung auch mal zurecht viel geredet, denn dieser außergewöhnliche und hochdramatische Grenzgang mit seinen tiefen Einblicken ins extreme Bergsteigen darf ausführlich in Worte gefasst werden.

Nordwand (2008)

Die Nordwand des Eiger war Jahrzehnte das, was heute die Wände von El Capitan und Cerro Torre sind: Top-Spielwiese der Extremen und Magnet für Aufmerksamkeit und Kameras. Der Film stellt die Besteigunsversuche von 1936 mitsamt dem damaligen Medienrummel dar und verknüpft das Bergdrama mit NS-Historienfilm und einem Schuss Liebesschnulze. Das Ganze ist mit der glaubwürdig inszenierten, damals hochriskanten Bergsteigerei und der spannenden Story ziemlich schick anzuschauen. Nebenbei zeigt der Film eindrucksvoll, dass die Eiger-Nord auch heute noch verdammt hoch und krass steil ist.

Der Mann aus dem Eis (2017)

In dieser Verfilmung des mutmaßlichen Ötzi-Schicksals wird wenig gequasselt. Es gibt höchstens mal genuschelte Halbsätze in einem urtümlichen rhätischen Dialekt. Hartnäckige Differenzen werden ohnehin nicht mit großen Worten, sondern mit der Axt geklärt. Die Stille trägt viel zur dichten Atmosphäre des Films bei, ebenso wie der Originalschauplatz der Ötztaler Alpen. Die sind hier sehr überzeugend als urzeitliche Wildnis eingefangen und dienen nicht nur als austauschbare Kulisse, sondern als Ehrfurcht gebietende Umgebung, in der die traurige, aber spannende und archaische Geschichte sich voll entfalten kann.

Dokus

Masters of Stone V

Keine rundgelutschten Medienstars, sondern echte Typen und ganze Mädels voller Anarcho-Freigeist – das waren die Hardmover in den 90ern. Zumindest die, die man für Masters of Stone V in genialer Kletteraction, unterlegt von fetzig-grooviger Mucke eingefangen hat. Wie ein Dan Osman Höchstleistungen mit spielerischer Kreativität und einer nicht nur wegen der Lycras äußerst bunten Persönlichkeit verknüpft, das ist schon großes Kino. Da ist die Rock-n-Roll-Dramaturgie seines Todes beim Letzten seiner Mega-Seilsprünge fast schon konsequent.

Planet Erde – Bergwelten

Kein eigener Film, sondern Teil der großen BBC-Naturdokumentation ist dieser prächtige Bilderbogen über die Gebirge der Erde und ihre tierischen Bewohner. Besonders beeindruckend die Bilder vom Karakorum, der seltsamerweise auch unter Bergfreunden ein Schattendasein in der Aufmerksamkeit führt. Dabei ist er das großartigste und gewaltigste Gebirge der Welt, wie ich hiermit als objektives Faktum festlege.

Mount St. Elias

Einer der größten, schönsten und wildesten Berge der Welt, der dennoch nur manchen Bergfreunden bekannt ist: der Mount St. Elias. Dieser Fünftausender in Alaska schießt nah am Meeresspiegel der Pazifikküste jäh in die Höhe. So hoch, dass er vom direkten Relief her fast 2000 Meter höher ist als der Everest (der „nur“ 3500 m über seine direkte Umgebung aufragt). Diese Größe wie auch die Steilheit und das extreme Wetter machen den Berg so schwierig, abweisend und gefährlich, dass wohl jeder der seltenen Besteigungsversuche einen Kinofilm wert wäre.

Dieser Film hängt auch noch eine „längste Skiabfahrt der Welt“ dran, denn ohne irgendeinen Weltrekord ist dieser unbekannte Gigant wohl nicht vermittelbar. Nötig hat es der Film freilich nicht, die Bilder sind so oder so episch, der Aufstieg genauso wie die Skiabfahrt. Gelegentlich nerven schnelle Schnitte, Schleichwerbung und Überinszenierung, doch das kann man als Schönheitsfehler locker hinnehmen.

Internetfilme und Youtubevideos

Kostenpflichtig (und sein Geld wert): Summits of my Life

Die filmische Autobiographie vom bergsteigenden und extremskifahrenden Superläufer Kilian Jornet begeistert mit vielen Szenen, die den Protagonisten zeigen, wie er leichtfüßig und unfassbar schnell über messerscharfe Firngrate und ausgesetzte Felsnadeln tänzelt. Da sehe ich auch gern über dick aufgetragenes Pathos bei den Selbstreflektionen hinweg.

Kostenlos: die endlose Youtube-Auswahl

Mit dem Camcorder vom Saturn in der Hand bringen Einzelamateure manchmal spannendere und schönere Bergfilme zustande als manche Profis mit ihren Großproduktionen. Jedenfalls finde ich technisch unschwierige, aber gut eingefangene Trekkingtouren in schönen und noch nicht totgefilmten Weltgegenden spannender als die drölfzigste Profiproduktion über die nächste Megahypersuperextremtour am El Cap.

Ein Beispiel dafür und persönlicher Favorit ist das Video Sarek Trekking – Solo in the Swedish Mountains: Atemberaubende Natur und eine ordentliche Prise Wetterglück mit einfachsten Mitteln grandios eingefangen. Und zwar nach dem Reduce-to-the-Max-Prinzip, denn hier ist keine alberne Offbeatmusik drübergelegt und, besonderes Highlight, es wird kein einziges Wort verloren. Es sprechen allein der Wind und das Wasser. Einziges Manko: der Film reicht wegen seiner 17 Minuten nur mit großzügigem Aufrunden an meine eben definierte 20-Minuten Grenze heran.

Weitere Tipps und Filmlisten

– Beim Outdoorsports-Mag gibt es eine ausführliche Filmliste nach Regionen gegliedert
– Beim DAV gibt es neben der Bestenliste noch folgende Zusatztipps:

„Auch viele Pay-TV-Anbieter, wie Amazon, Netflix oder Maxdome sind mittlerweile mit einer guten Auswahl an Bergfilmen ausgestattet. Für alle, denen unsere kostenlose Top 5 nicht ausreicht, ist hier eine kleine Auswahl von kostenpflichtigen Bergfilmen, bei denen es sich trotzdem lohnt einzuschalten: Dirtbag: The Legend of Fred Beckey (2017), The Summit (2012), Beyond the Edge (2013) und Cold (2011).“

Noch mehr Auswahl mit dem neuen „Outdoor-Netflix“

Als neue Möglichkeit kann man sich gleich einen eigenen Kletter-, Berg- und Outdoorkanal ins Haus holen. Einen solchen gibt es nämlich mittlerweile unter dem Namen Slipstream. Dieses Bezahl-Angebot für professionelle Outdoor-Filme funktioniert wie der Streamingdienst Netflix. Es gibt komplette Filme in hoher Qualität für einen monatlichen Beitrag (derzeit 4,99 Dollar und der erste Monat frei). Das klettern-magazin schreibt dazu:

„Im Angebot von Slipstream warten Filme mit den Schwerpunkten Klettern, Surfen, Ski, Bike sowie Dokumentationen zu ungewöhnlichen Gegenden und Kulturen. Außerdem empfehlen Größen wie Hazel Findlay, Xavier de la Rue und Seb Montaz ihre persönlichen Favoriten. Weitere Kanäle gibt es für extremen Ausdauersport, die Flucht aus dem Alltag sowie die besten Movies der Outdoor-Filmfestivals (Banff und Co) und Frauen im Fokus.“

Und noch eine Möglichkeit: selber finden statt vorkauen lassen!

Da es zu fast jeder Gebirgsregion der Welt Filme und Videos aller Art und Qualitätsstufen gibt, kann man natürlich auch selbst in den Filmdschungel gehen – zum Beispiel auf Youtube die Namen der persönlichen Lieblingsdestinationen eingeben und mit den Sportarten kombinieren, die einen faszinieren. Oder den Lieblingsberg plus „Film“ oder „Movie“. Oder oder oder. Wie immer im Netz muss man sich dann durch einigen Sand und Schlick wühlen, um die Perlen zu finden. Doch manchmal geht es auch ganz schnell. Bei der Artikelrecherche hier habe ich mal kurz „Karakorum Films“ gegoogelt und gleich ganz oben schon ein wahres Schmuckstück gefunden: einen Berg- und Skifilm namens „Zabardast“. Der Trailer macht schon ordentlich Lust auf mehr und den Komplettfilm kann man sich ebenfalls kostenlos anschauen.

Fazit

Wer noch nach einer nerdigen Lebensaufgabe sucht: Berg- und Kletterfilme systematisch sichten, bewerten und sortieren dürfte für einige Jahre eine Vollzeitbeschäftigung in einem ausgefallenen Betätigungsfeld bieten.

Wie man den Sommer in Lappland überwintert

7. Mai 2019
Die Bergfreunde

Du bist kein Hitzetyp? Möchtest Du den Menschenströmen der Städte entfliehen und endlich mal offline gehen? Dann ist ein Sommerurlaub im Norden Schwedens genau das, was du brauchst. Hier kannst du die ruhige Atmosphäre Lapplands spüren, die atemberaubende Fjell-Landschaft und die grenzenlose Tundra bestaunen.

Du bekommst die Chance ganz alleine und nur mit dir selbst zu sein. Denn es gibt hier kein Internet, kein Mobilfunknetz und keinen Strom. Nur sollte man nicht zu lange an einem Fleck verweilen, denn sonst essen einen die Mücken auf, aber dazu später mehr…

Nun zu der Tour. Wir (das sind Boris und Olga) stellen dir eine Variante einer 10-Tägigen Tour vor (bist du eher flott unterwegs, dann schaffst du es auch unter sieben Tagen). Es handelt sich hierbei um den nördlichen Teil des königlichen Fernwanderweges mit einer Abwandlung zwischen Alesjaure und Sälka. Hier die markanten Wegpunkte:

Аbisko fjällstation – Abiskojaure – Alesjaure – Vistas – Nallo – Sälka – Singi – Kebnekaise fjällstation (mit dem Aufstieg zum Kebnekaise) – Nikkaluokta.

Anreise nach Abisko

Die aus unserer Sicht entspannteste Variante ist der Flug von Stockholm nach Kiruna. Aus dem Ausland kommend muss man das Gepäck in Stockholm am Band abholen und beim Inlandsflug nach Kiruna erneut einchecken.

In Kiruna Flughafen nimmt man dann den Shuttlebus zum Stadtzentrum. Achtung! Der Fahrplan des Shuttlebuses ist auf den Flugplan abgestimmt. Es kommen jedoch am Tag maximal drei Flugzeuge in Kiruna an. Also nicht zu lange herumtrödeln – Gepäck abholen und ab nach draußen zum Bus.

In Kiruna nimmt man den Zug in Richtung Narvik. Es ist ratsam die Zugtickets vorher online zu kaufen, auf sj.se oder mit der SJ-app.

1. Abisko fjällstation

Eine geräumige Station mit der Möglichkeit gut zu Essen und zu übernachten. Bist du mit einem Gaskocher unterwegs? Hier kannst du dir die Gaskartuschen kaufen. Toilettenpapier, Zahnbürste, Thermosflasche, Fleecejacke zu Hause vergessen? Der Laden bietet eine gute Auswahl für jeden Outdoor Enthusiasten.

Die Vorzüge der Zivilisation mit fließendem warmen Wasser, Elektrizität und Mobilfunknetz lassen sich hier zum letzten Mal für die kommenden Tage genießen. Da der erste Tourenabschnitt im Abisko Nationalpark liegt, darf man nur in speziell eingerichteten Plätzen zelten. Hier gibt es Feuerstellen und Plumpsklos. Es gibt sogar Feuerholz.

Hat man nach der ersten Etappe noch genug Energie übrig, so kann man sich noch beim Holzhacken austoben. Außerdem haben es die Mücken nicht so leicht wenn man die Axt schwingt.

2. Abiskojaure

Eine Station vor einer pittoresken Kulisse. Hier gibt es ebenfalls einen Laden mit Trekking-Mahlzeiten und allerlei Outdoor Krimskrams, eine Sauna, ein Klohäuschen, einen eingerichteten Badebereich und die Möglichkeit den Müll zu entsorgen. Auf den meisten Stationen gibt es diese Segnungen der Zivilisation.

Solltest du die Sauna besuchen wollen, ist es wichtig zu wissen, dass auf allen Saunas entlang des Weges die gleichen Betriebszeiten gelten: um 17 Uhr beginnt die Damensauna, ab 18:30 sind die Herren dran, und um 20 Uhr wird zusammen geschwitzt. Es gilt das Prinzip «jeder ist für alles zuständig», pack also mit an und fülle bei Bedarf das Wasser auf und achte darauf, dass das Feuer nicht erlischt.

Die Sauna ist im Preis inbegriffen, wenn du auf dem Grundstück der Station zeltest. Anderenfalls sind 50 SEK fällig. Die Preise fürs Zelten direkt neben einer Station schwanken hier und da und liegen im Schnitt bei ca. 300 SEK pro Person.

3. Alesjaure

Auf dem Wegabschnitt zwischen Abiskojaure und Alesjaure befinden sich die ersten Gletscherseen. Das von den Gletschern transportierte Gesteinsmehl reichert sich in diesen Seen an und reflektiert vor allem die blaugrünen Anteile des Lichts, sodass das Wasser in einem wunderschönen Türkis erstrahlt. Außerdem sieht man hier Renntiergehege und saisonale Siedlungen der Samen. Während des Sommers stehen die Siedlungen leer.

Die Station Alesjaure befindet sich in unmittelbarer Nähe einer dauerhaften samischen Siedlung Alisjavri. Die Station ist gut besucht (nicht zu vergleichen mit manchen Alpenhütten, jedoch für schwedische Verhältnisse bereits ziemlich überlaufen). Ein kleiner Tipp für den Sparfuchs: auf der anderen Ufernseite ist das Zelten kostenfrei.

4. Vistas

Von einem der Stationswirte haben wir den Tipp bekommen vom klassischen Kungsleden abzuweichen und den Umweg über Vistastal und Nallo zu nehmen. Die Etappe zwischen den Stationen Alesjaure und Vistas ist leicht, aber mit 19km relativ lang. Auf diesem Streckenabschnitt haben wir den ganzen Tag niemanden getroffen.

Obwohl diese Abzweigung vom Kungsleden sich keiner besonderen Beliebtheit zu erfreuen scheint, stehen die Aussichten entlang des Weges dem «Hauptweg« in nichts nach.

Eine andere Besonderheit auf dem Weg zu der Vistas Station wird denjenigen auffallen, die regelmäßig auf den Kompass schauen: die großen Eisenerzvorkommen in diesem Gebiet lassen die Kompassnadel ratlos hin und her wackeln. Neben der Vistas-Hütte ist das Zelten wegen dem Platzmangel nicht gestattet, 100m weiter gibt es jedoch perfekte Zeltplätze und jede Menge trockenes Holz fürs Lagerfeuer.

5. Nallo

Auf dem Weg nach Nallo haben wir zum ersten Mal Renntiere gesichtet, die uns auf dem anderen Ufer überholt haben. Denn Nallo liegt weiter oben in den Bergen, wohin die Renntiere sich auf der Flucht von den Mücken im Sommer zurückziehen. Hier war es deutlich kühler und alle holten ihre warmen Jacken und Mützen raus (schade, dass wir die Handschuhe vergessen haben).

Um zur Nallo Station zu gelangen wirst du einen eisekalten Gletscherfluss durchwaten müssen. Falls du mehr Glück hast als wir, und es an dem Tag keinen stundenlangen Regenschauer gibt, reicht das Wasser gerade mal bis zu den Knöcheln. Andernfalls ist es ratsam Wassersportschuhe, Crocs oder ähnliches dabei zu haben.

Notiz am Rande: wir waren uns alle einig, dass der Zeltplatz neben der Nallo Station eine der schönsten Aussichten entlang der ganzen Tour hatte.

6. Sälka

Auf dem Weg nach Sälka haben wir beschlossen etwas mehr Abwechslung in unseren Trip zu bringen und den Berg Reaiddanjunni zu erklimmen. Laut dem schwedischen Reiseführer hätte der Aufstieg etwa 2,5 Stunden dauern sollen. Mit unseren schweren Rucksäcken haben wir deutlich länger benötigt.

Unser Plan war es den mit dem Aufstieg verbundenen Zeitverlust beim Abstieg zur Station auf der anderen Seite des Berges wieder aufzuholen. Doch was wir nicht bedacht haben ist, dass wir nicht über einen festgetrampelten Pfad laufen würden. Tatsächlich gibt es auf dem Berg gar keinen Pfad und das Gelände ist teilweise sehr steil und übersät mit losen Felsbrocken aller Formen und Größen. Ganz oben am Rande des schneebedeckten Sattels mussten wir sogar unsere Hände einsetzen und die letzten Meter kraxeln.

Neben der unvergesslichen Aussicht wurden wir noch mit dem Anblick der Renntiere auf dem weißen Schnee entlohnt. Sie sind in unmittelbarer Nähe teils galoppierend, teils rutschend an uns vorbei den Hang hinunter gerast.

Nach dem Abstieg zum Kungsleden haben wir noch ungefähr eine Stunde bis zur Station benötigt. Hier gab es im Laden neben diversem Knabberzeug und Gaskartuschen noch die Möglichkeit einen Filterkaffee zu bestellen.

Take-home message:

  • Der Umweg Alesjaure-Vistas-Nallo-Sälka ist es Wert einen zusätzlichen Tag einzuplanen.
  • Überlege es dir gut, ob du mit einem schweren Rucksack einen steilen Hang hoch und wieder runter kraxeln möchtest. Die Knie werden dir dankbar sein wenn du deinen Rucksack am Bergfuß lässt.
  • Rechne nicht damit in Schweden auf einer Hütte einen Barista anzutreffen. Aber manchmal ist auch irgendein heißer Kaffee besser als gar kein Kaffee…

7. Singi

Der Weg von Sälka zu Singi war relativ leicht und kurz. Zwergbirken, Moose, Flechten, Gräser der Tundra haben die kahle Gebrigslandschaft abgelöst. Ab und zu sah man die Moltebeeren. Solltest du zum ersten Mal so weit in den Norden vorgedrungen sein, empfiehlt es sich die leckere Moltebeermarmelade zu probieren. Und sollte die Jahreszeit stimmen, kannst du natürlich auch die frischen Beeren probieren. Diese leuchtend orangene Beere mit dem einzigartigen süßlichsauren Geschmack ist eines der Symbole Finnlands. Seit 1999 prägt die Prägestätte des Landes die Frucht und die Blüte der Moltebeere auf den 2 Euro Münzen.

In Singi angekommen waren wir überrascht, dass in unmittelbarer Umgebung der Station keine Zeltplätze vorgesehen sind. Jedoch bereits nach einem Kilometer haben wir ein schönes Plätzchen, nicht weit von einem Bach, gefunden. Der Tag war dermaßen warm, dass  das Wasser mal ausnahmsweise wärmer als 8 Grad war und sogar die Frosthasen sich zum baden wagten. Allerdings musste man flink sein, denn die Mücken waren seit Nallo unsere ständigen Begleiter.

8. Kebnekaise fjällstation (mit dem Aufstieg zum Kebnekaise)

Auf dem Abschnitt von Singi nach Kebnekaise war deutlich mehr los – wir haben Wanderer überholt, uns kamen Gruppen entgegen oder wir wurden überholt. Es ist kein Wunder, denn der Aufstieg zum Kebnekaise ist ein begehrtes Ziel auch für die Einheimischen. Manch einer kommt nur übers Wochenende, um den höchsten Berg Schwedens zu erklimmen. Und obwohl es nicht der erste Tag unserer Wanderung war, konnte uns die Landschaft immer noch beeindrucken. Wir sahen eine Schlucht mit einem wilden Fluss und speziell eingerichtete Meditationsplätze, die zum Verweilen einluden.

Nicht weit von der Station gab es zum ersten Mal nach Tagen wieder Empfang. Aber was nutzt einem der Handyempfang wenn es keinen freien Fleck für das Zelt gibt? Zum ersten Mal hatten wir Schwierigkeiten einen geeigneten Platz zu finden. Ein Lehrbuchbeispiel wie der hohen Nachfrage ein sehr begrenztes Angebot gegenübersteht. Ein Königreich für ein Plätzchen für unser Zelt! Nach langem Suchen waren wir auf einem Hügel, weit von dem Zeltenmeer und fließendem Wasser, findig geworden. Wir haben beschlossen zwei Nächte hier zu verbringen, da wir einen Tag für den Kebnekaise eingeplannt hatten.

Der westliche (Normal-)Weg (Västra Leden) erfordert weder eine Materialschlacht noch alpine Erfahrung, dafür aber jede Menge Ausdauer. Der Weg führt von der auf 690m gelegenen Kebnekaise Station zunächst auf den 1711m hohen Vorgipfel Vierramvare, verliert dann ungefähr 200 Höhenmeter um das Kaffetal (Kaffedalen) zu durchqueren und in einem Zickzackkurs den knapp 2100m hohen Südgipfel zu erklimmen. Im August 2018 wurde der Südgipfel erstmals niedriger als der Nordgipfel vermessen. Grund dafür ist der zurückweichende Gletscher des Südgipfels. Ach ja, die letzten Meter über den Gletscher zum Gipfel können sehr rutschig sein und wer ganz nach oben möchte sollte ein Paar Steigeisen oder Grödel mitnehmen. Diese kann man sich auch an der Kebnekaise Station ausleihen.

Der westliche Weg wird an besonders gefährlichen und steilen Wegabschnitten mit breiten Steinstufen entschärft. Der Bau wird in mühsamer Handarbeit von Spezialisten aus Himalaya durchgeführt. Selbst wenn alle Stufen fertig sein werden, wird der Weg zum Gipfel mit seinen 18 km (hin und zurück) weiterhin kein einfacher Spaziergang sein.

9. Nikkalukota

Am letzten Tag unserer Reise hat sich unsere Gruppe aufgeteilt. Es gibt drei Möglichkeiten von Kebnekaise fjällstation in die Zivilisation zurückzukehren:

  1. in 15 Minuten mit dem Hubschrauber-Taxi für 850 SEK/Person, oder für 300 SEK falls nur das Gepäck fliegen sollte.
  2. 18 km zu Fuß.
  3. 13 km zu Fuß und zwischendurch 5km mit dem Boot.

Wir haben uns für die dritte Option entschieden. Wir wollten noch ein wenig wandern und die Wasserlandschaften sehen (im Reiseführer sahen diese sagenhaft schön aus). Nicht einmal das Schmuddelwetter am frühen Morgen konnte unsere gute Laune bremsen. Wir rannten zum Boot und dem Lap Dånalds entgegen.

Direkt neben der Anlegestelle, nicht weit von Nikkaluokta, liegt das Lap Dånalds – hier bekommt man einen echten Renntierburger. Nach dem kleinen Snack waren es nur noch 5 km bis nach Nikkaluokta, dem Endpunkt unserer königlichen Wanderung.

Tipps des Tages:

  • die Bootsfahrt sollte man sich nicht entgehen lassen.
  • Lap Dånalds ist ein Muss für die Karnivoren.
  • In Nikkaluokta gibt es sehr sehr sehr viele Mücken! Hoffentlich hast du vom Mückenabwehrmittel noch etwas übrig… Teilweise hat man es im Zelt mit einem dichten Insektennetz besser als in den kleinen Bungalows.

Wir sind damit am Ende unserer Reise angelangt. Wir hoffen, dass dieser Reisebericht bei der Planung deiner Flucht aus dem kommenden Sommer in den kühlen schwedischen Norden hilfreich sein kann.

Dürfen wir vorstellen: Die Bergfreunde Gearheads

28. Februar 2019
Die Bergfreunde

Hattest du auch so einen Streber in der Klasse? Ja, genau so einer, der immer alles besser weiß und dich ständig verbessert hat, wenn du mal was falsches gesagt hast? Und jetzt stell dir einfach vor, du hast eine ganze Hand voll von diesen Strebern, die aber eine ganz besondere Inselbegabung haben: Outdoor-Ausrüstung. Und jetzt stell dir weiter vor, dass diese „Streber“ immer den passenden Tipp für dich parat haben, wenn du mal wieder auf der Suche nach dem besten Material für deine nächste Tour bist! Klingt doch gar nicht mehr so schlecht, oder?

Wie haben uns unsere ganz eigene Truppe von Strebern ins Haus geholt. Unsere sogenannten „Gearheads“. Und wie du dem Begriff nach erraten kannst, haben sie außer Ausrüstung nichts anderes im Kopf. Ok, vielleicht Ausrüstung und Essen. Aber letzteres ist eher so ein allgemeines Bergfreunde-Ding. Bevor wir zu sehr abschweifen, wollen wir mal zum Kern der Sache kommen. Nämlich der Vorstellung unseres Gearhead-Teams, damit ihr auch mal ein paar Gesichter zu den liebreizenden Telefonstimmen bekommt:

Mr. „ich weiß alles“: Bergfreund Hannes

Nun, ich will Kollege Hannes an dieser Stelle auch nicht glorifizieren, aber als Bergfreund der (fast) ersten Stunde hat sich Hannes über die letzten 10 Jahre zum absoluten Outdoor-Experten entwickelt. Er ist sozusagen unser Oberstreber. Im ganz positiven Sinne…

  • Hannes‘ Fachgebiete: Bergtouren, Trekking, Wintertour, Leichtwandern
  • Lieblingssport: Radfahren, Speedhiking
  • Lieblingstour: Die vielen Tagestouren auf den Lofoten bringen mich total ins schwärmen, aber auch der HW1 Fernwanderweg an unserem schönen Albtrauf der Schwäbischen Alb lässt mein Herz höher schlagen.
  • Funfact: Sammelt gerne topographische Karten

Mr. „Almost Thru-Hike“: Bergfreund Marco

Wie beschreibt man Marco am besten? Vielleicht als Mischung aus Indiana Jones und MacGyver: Immer für das nächste Abenteuer bereit und als echter UL-Hiker macht er natürlich aus jedem noch so unscheinbaren Gegenstand etwas nützliches. Legenden behaupten, er habe aus einer abgesägten Zahnbürste, etwas Nähgarn und Blättern ein 10-Personen-Geodät gebaut. Seinen Titel hat er übrigens, weil er den Pacific Crest Trail fast durchgewandert ist. Eine Verletzung zwang ihn damals zum Aufgeben, aber er wird zurückkommen!

  • Marco’s Fachgebiete:  Trekking, Ultraleicht, Bergwandern
  • Lieblingstour: Pacific Crest Trail (To be thru-hiked!)
  • Lieblingssport: Tischtennis, Fußball
  • Funfact: Hibbeliger Hobbykoch

Mrs. „Pinky with a brain“: Bergfreundin Hannah

Solltest du regelmäßig in den Bikes-Parks in Südwestdeutschland unterwegs sein, ist dir vielleicht schon mal dieser pinke Flummi aufgefallen, der da zwischen den aufgeschütteten Hügeln rumhüpft. Das ist Gearhead Hannah. Ihre absolute Leidenschaft hat zwei Räder und ordentlich Federweg. Bei der Bekleidung setzt sie auf knallige Farben und auch sonst ist Hannah ein echter Sonnenschein.

  • Hannah’s Fachgebiete: Bike, Ski/Snowboard
  • Lieblingssport: Downhill/Rennrad
  • Lieblingsort:  Elsass – Bike Park Lac Blanc und Grand Ballon mit dem Renner (weil es überall leckeren Crepes gibt)
  • Funfact: Immer auffindbar, da ständig Schluckauf (Laut Kollege Marco)

Mr. „Papa Bär“: Bergfreund Robert

Fast zwei Meter groß, ein Bild von einem Mann und ein Lächeln das sagt: „Komm her, ich nehm‘ dich in den Arm!“ Bergfreund Robert fällt definitiv in die Kategorie ‚Sanftmütiger Riese‘. Wobei er es faustdick hinter den Ohren hat! Robert ist nämlich Bergführer und übt diesen Job schon sein halbes Leben aus. Dementsprechend fit ist er sowohl im praktischen als auch theoretischen Bergwissen. Abgesehen davon gibt’s bei Robert öfter mal was zu naschen – denn er ist gelernter Bäcker!

  • Robert’s Fachgebiete: Bergsteigen, Skitouren, Schneeschuhe, Klettersteig und sonst auch alle anderen Bergthemen

  • Lieblingssport: Bergsteigen, Skitour, Klettersteig – Bergführer aus Leidenschaft halt! :)
  • Lieblingstour: Skitour zur Haagspitze, Silvretta
  • Funfacts: Fährt eine BMW GS 1100 und bäckt gerne Nussecken!

Mr. „Darf ich Bitten?“: Bergfreund Max

Von graziler Gestalt ist er. Mit seinen langen wallenden Haaren bewegt er sich fast schon lautlos über den Teppichboden im Bergfreunde-Office. Warum Max das kann? Nun, nebst Hochtouren und alpinen Klettereien ist er im Alltag als Tanzlehrer unterwegs und legt im Großraum Tübingen/Stuttgart gerne mal eine flotte Sohle aufs Parkett. Seine neuste Leidenschaft gilt der Gleitschirmfliegerei, denn „ab spätestens Mitte dreißig wollen die Knie ja noch weniger bergab laufen.“

  • Max‘ Fachgebiete: Hochtouren, Alpinklettern
  • Lieblingssport: Alles in den Bergen, Tanzen, Beachvolleyball
  • Lieblingsort: Dolomiten, Wallis, Sardinien
  • Funfact: Tanzt u.a. Neotango (was das ist, darfst du selbst googeln ;))

Mr. „Le beau“: Bergfreund Kay

Wenn man davon ausgeht, dass sich in jeder Gruppe Stereotypen finden lassen, dann ist Kay definitiv unser Schönling unter den Gearheads (Sorry Marco, Hannes und Co. – nicht böse gemeint! ;)). Aber wenn Kay einen mit seinen tiefblauen Augen anschmachtet und mit seinem sexy holländischen Akzent Ausrüstungstipps ins Telefon säuselt, kann man eigentlich nur schwach werden! Kay macht sich allerdings im Team auch immer mal unbeliebt, wenn er wieder eine Runde Leberkäs-Weckle für alle verspricht, aber dann nicht liefert… So geht das nicht!

  • Kay’s Fachgebiete: Bike, Wassersport
  • Lieblingssport: Surfen (alle Arten!)
  • Lieblingsort: Die Kanaren
  • Funfacts: Konnte surfen bevor er laufen konnte, reizt die Lebensspanne eines jeden Wetsuits aus, den er besitzt

Mrs. „Fels ist mein Gemüse“: Bergfreundin Cora

Nun, es dürfte wohl klar sein, was Cora in ihrer Freizeit am liebsten tut. Für alle, die es trotz des wirklich eindeutigen Titels noch nicht erfassen konnten: es involviert alle vier Extremitäten, zwei davon sind mit engen Schuhen bedeckt, während die anderen beiden situativ mit weißem Pulver möglichst trocken gehalten werden. Ihr Lieblingstätigkeit findet in der Vertikalen statt und hat acht Buchstaben. Na, klingelts jetzt? Na gut, wir helfen. Gemeint ist natürlich Klettern!

  • Cora’s Fachgebiete: Klettern in allen Spielformen (aber nichts was mit Eis zu tun hat. Zu kalt!)
  • Lieblingssport: Klettern (Überraschung!)
  • Lieblingsort: Wales und Spanien
  • Funfacts: Hatte die ersten zwei Jahre des Kletterns unglaubliche Sturz- und Höhenangst und ist trotzdem in einer 300m Schlucht klettern gegangen (unter Tränen) und stellt selbst Handcremes her
Routenkombination „Bobby“ am Seebenseefall

Fritz Miller über die Routenkombination „Bobby“ am Seebenseefall

27. Februar 2019
Die Bergfreunde

Die Erstbegehung der Routenkombination Bobby (WI6+ M7+ A3, 200 m) liegt nun schon ein paar Winter zurück. Am 27. Februar 2013 konnten Markus Koch und ich die komplette Route durchsteigen, nachdem ich sie zuvor mit verschiedenen Partnern eingerichtet hatte. Zwischenzeitlich wurde ich immer wieder auf die Linie angesprochen – hier findet ihr jetzt endlich alle Infos!

Die erste nennenswerte Erstbegehung

Genaugenommen beginnt die Geschichte im Januar 2009, als David Bruder und ich die Route Airgames (WI6 M6- A3, 200 m) eröffneten. Für mich war es die erste nennenswerte Erstbegehung überhaupt, gleichzeitig schärfte sie den Blick für weitere Möglichkeiten am Seebenseefall.

Airgames zweigt vom Hauptfall links ab und schlängelt sich dann durch den oberen Teil der überhängenden Felswand. Das Gelände sieht übel aus, aber dann geht es doch ganz gut. Zumindest bis zum A3-Dach, bei dem sicher der eine oder andere Wiederholer etwas nervös wurde… Klar, eine solche Linie sucht die Schwierigkeiten – man kommt schließlich auch einfacher nach oben – aber ist es nicht die Suche nach besonderen Herausforderungen, die uns im Winter an die Wände lockt?

Bobby – schwieriger und vor allem ernster

Die Routenkombination Bobby folgt dem gleichen Gedanken. Verglichen mit Airgames ist Bobby aber schwieriger und vor allem ernster, obwohl die beiden Mixedlängen im Mittelteil mit Bohrhaken gesichert sind (der Fels war für eine traditionelle Absicherung ungeeignet).

Das liegt an der zweiten Seillänge: Eiskletterei im oberen sechsten Grad, deren Machbarkeit stark davon abhängt, wie sich das Eis geformt hat. Man kann diesen Teil der Route komplett umgehen, indem man der klassischen Linie folgt und vom Bohrhakenstand nach der zweiten Länge nach links traversiert, also vom rechten Rand des Falls zum linken. Das geht schon, man klettert dann aber nicht das Original Bobby, sondern höchstens Bobby light – außerdem wird man dabei sehr nass werden.

Die dritte Seillänge führt nach links, zu einem Bohrhakenstand von Michi Wohllebens Direktroute Stirb langsam. Wir haben den oberen Teil dieser Route gemeinsam eingerichtet, und so verlaufen unsere beiden Routen hier auch ein Stück gemeinsam, bevor Bobby in Airgames mündet. Das A3-Dach lässt sich über Michis Route links umgehen (M8+). Das entspricht natürlich auch nicht der Originallinie, aber was soll’s, wer soweit gekommen ist, der weiß eh, was er will…

Bobby – in dankbarer Erinnerung an Reinhold Fink

Markus und ich klettern jetzt seit gut 20 Jahren zusammen (keiner weiß warum, aber es ist so…). Wir waren zusammen in der Jugendgruppe der Pfullinger Bergwacht. Der damalige Jugendleiter hieß Reinhold Fink, in seiner Generation bekannt unter dem Spitznamen Bobby. Im Winter 2011/12 ist er beim Klettern verunglückt. Ihm ist dieser Weg gewidmet, in dankbarer Erinnerung an eine coole Zeit.

Am 27. Februar 2013 sind Markus und ich geklettert, wie man eine solche Route klettern muss: willensstark, fokussiert, effizient. Und ich bin mir sicher, Reinhold wäre stolz auf uns gewesen, hätte er zugeschaut.

Weitere Infos

Routenverlauf

1. SL: Auf der Route des klassischen Seebenseefalls in leichter Kletterei auf den Vorbau (35 m, WI3).

2. SL: Weitere 20 m der klassischen Route folgen, dann 35 m gerade hoch (ca. WI6+) Stand in Eishöhle.

3. SL: Linkshaltend weiter, erst Eis, dann Fels. Mit vier Bohrhaken vernünftig gesichert. Stand ebenfalls an Bohrhaken. Im Fels zunächst Drytooling, das meiste klettert man dann aber besser mit den Händen. Der Nachsteiger sollte einen Seilstrang in der letzten Zwischensicherung belassen, da abfallender Quergang zu Rinne (35 m, M6).

4. SL: Zunächst schlechter Fels (Absicherung durch Bolts), dann Eisvorhang. Ausgezeichneter Standplatz im „Eisnest“ (20 m, M7+).

5. SL: Das A3-Dach von Airgames. Im Dach verläuft eine Rissspur, dieser folgen, um einen Eiszapfen zu erreichen. Danach ein paar Meter im dünnen Eis nach rechts ansteigen (ca. WI6), bis sich in einer Eisnische ein vernünftiger Standplatz errichten lässt. Insgesamt nur 15 m, aber dennoch fordernd!

6. SL: Kurzer Hangelquergang nach links, weiter links haltend nach oben, zuletzt durch Schnee zu Fichte (35 m, WI6-).

Material

Übliches Eisklettermaterial inkl. 60-m-Doppelseile. Außerdem für die 5. SL: kleines Sortiment an Felshaken, Peckers + evtl. Cliff, Felshammer, Cams Gr. 0.2-0.75, Klemmkeile, 2 Trittleitern (der Vorsteiger kann sie hängen lassen)

Abstieg

Abstieg am besten durch Abseilen über den klassischen Seebenseefall.

Kletterführer

Allgemeine Infos zum Gebiet finden sich im Eiskletterführer Bregenz bis Garmisch, Panico Alpinverlag.

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