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Immer diese Vorurteile. Von wegen kleine Bude mit ein paar Kletterverrückten und Wanderlustigen im Hinterzimmer. Wird Zeit für ein Blick hinter die Kulissen. Klar, eins steht fest: Wir sind echte Bergfexe und in unser Freizeit kraxeln wir auch gerne mal an den senkrechten und überhängenden Wänden herum.

Aber um letztlich alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, erfährst Du hier was wir so treiben und was es neues bei den Bergfreunden gibt. Von Touren, über Mitarbeiter-Aktionen bis hin zu lustigen Geschichten aus den Bergen ist alles dabei.

Erlebt die Bergfreunde in voller Action. Ob beim kraftraubenden, akrobatischen Klettern der ultimativen Route oder der winterlichen Alpenüberquerung.

Rubihorn Nordwand, „The Nameless Route“, M6+, 355 m, 9 SL

21. Januar 2020
Die Bergfreunde

Brüchiger Fels, schottrige Bänder, Nässe, jede Menge Gras in der Wand – die Beschreibung eines guten Kletterziels liest sich für gewöhnlich anders. Doch im Winter wendet sich das Blatt: Die Nordwand des Rubihorns wird zum attraktiven Mixedkletterziel. Und mit etwas Fantasie erkennt man dann sogar eine Miniatur-Ausgabe der Eiger Nordwand.

Erstbegehung

Hannes Neubert und ich machten uns im Dezember 2016 daran, mögliche neue Linien in der Rubihorn Nordwand auszutüfteln. Von 2017 bis 2019 waren wir immer wieder in der Wand, um diese Route einzurichten. Am Ende fehlte nur noch der passende Routenname, der sich diesmal einfach nicht finden ließ.

Charakter

„The Nameless Route“ ist eine kühne Mixedroute für routinierte Winterkletterer. Die ersten fünf Seillängen bieten steile Kletterei an gefrorenen Graspolstern und Felsrissen. Danach leitet eine Rampe in moderateres aber nicht weniger interessanteres Gelände. Bis zuletzt dominiert die fürs Rubihorn typische Graskletterei. Vorteil: Es braucht keine besonderen Bedingungen, es muss nur kalt sein. Bei Plusgraden wäre das Klettern nicht nur extrem gefährlich, auch würde die Route mit der Zeit zerstört werden.

Absicherung und Ernsthaftigkeit

Die Standplätze (bis auf die letzten beiden) und einzelne Zwischenhaken sind gebohrt und mit Markierungsschlingen ausgerüstet. Darüber hinaus muss die Route selbst abgesichert werden, was eine gute Übersicht und eine gewisse Initiative verlangt. Dennoch teils weite Runouts. Mit Blick auf eine mögliche Lawinengefahr im Zustieg und auch in der Wand ist diese Route sicherer als die Routen im zentralen Wandbereich.

Empfohlenes Material

  • 60-m-Doppelseile
  • Cams Gr. 0.3–3
  • Rocks Gr. 4–9
  • Kleines Sortiment Schlaghaken (insbesondere Knifeblades, evtl. auch 1 gr. BD Pecker)
  • 1–2 BD Spectre als Grasanker
  • Eisschrauben braucht man nicht

Anfahrt und Zustieg

Ausgangspunkt ist Reichenbach bei Oberstdorf. Von dort zu Fuß in 1h 30min zum Einstieg. Details siehe Eiskletterführer „Bregenz bis Garmisch“, Panico Alpinverlag und/oder Alpenvereinskarte Bayerische Alpen BY4.

Abstieg

Abseilen über die Route. In der 6. SL (Rampe) lässt man den Ersten ab (BH clippen), so dass dieser den darunterliegenden Stand anklettern kann. Alternativ, bei günstiger Lawinenlage, Fußabstieg zum unteren Gaisalpsee und weiter zum Wanderweg, der zur Gaisalpe führt.

Der Weiterweg zum Gipfel ist zwar möglich, aber wegen der Latschen sehr mühevoll.

Die einzelnen Seillängen

1. SL: 30 m, M5+ (1 BH, 1 fixer Grashaken)

Der Einstieg befindet sich am Sporn rechts der Schlucht, durch welche die Route „Rubi Love“ verläuft, links des markanten Ausbruchs. BH mit Markierungsschlinge von unten sichtbar. Vom BH gerade hoch, zuletzt Runout nach rechts zum Stand an großem Block (2 BH).

2. SL: 50 m, M5 (3 BH, 1 NH)

Links-rechts-Bogen zu Schuppe in Platte. Dort 2 BH. Danach kühne Graskletterei zu felsigem Aufschwung. Dort Klemmkeilriss, etwas links versteckt. Runout zum Stand (2 BH, vertikal versetzt).

3. SL: 40 m, M6+ (5 BH, 2 NH)

Linkshaltend, zunächst überhängend, dann leicht geneigt, zu Riss und diesen empor. Am Ende im einfacheren Gelände rechtshaltend zu Bolt an kleinem Pfeiler. Von diesem auf Schneeband ca. 7 m nach links zu Stand an Felsriegel (2 BH).

4. SL: 28 m, M4 (2 BH)

Kurz nach links, dann Quergang nach rechts an großen Graspolstern. Empor zu kleiner Rinne und über Felsköpfe nach rechts zum Stand (2 BH).

5. SL: 42 m, M4 (1 BH, 1 FK)

Linkshaltend empor zu Fixkeil und später Bolt. Am Bolt nach rechts. Plattiger Übergang zu Schneefeld mit kleinem Schneegrat. Dieser leitet zum Stand unterhalb eines kleinen Felsdaches (2 BH)

6. SL: 50 m, M4+ (1 BH)

Wenige Meter horizontal nach links zu grasigem Riss. Diesen hoch zu guter Klemmkeilstelle und weiter nach links zur großen Rampe. Achtung, Seilzug! Stand am Ende der Rampe (2 BH vertikal versetzt und mit Seil verbunden).

7. SL: 30 m, M3 (kein fixes Material)

Leicht linkshaltend in einfacher Graskletterei zu Latsche (Zwischensicherung) und weiter gerade hoch zu Stand an der darüberliegenden Wandstufe (2 BH).

8. SL: 55 m, M4 (kein fixes Material)

Zunächst linkshaltend über Rampe empor, dann leicht rechtshaltend in steiler Graskletterei zu Rinne. Über diese empor zu Stand an Latsche. Abseilschlingen müssen ggf. ausgegraben werden.

9. SL: 30 m, M2 (kein fixes Material)

Rechtshaltend zu Schneise in den Latschen und in leichter Kletterei zum Stand an großer Latsche kurz unterhalb des Gipfelgrates.

Hier findet ihr die vollständige Topo der Route zum Download: Topo Rubihorn Nordwand The Nameless Route

Großes Kino am Himmel: Nordlichter und ihre Entstehung

9. Januar 2020
Die Bergfreunde

Das Nordlicht ist eines dieser Naturphänomene, bei denen auch notorische Quasselstrippen mal für einen Moment Ruhe geben. Ein meist grün, manchmal aber auch rot oder mehrfarbig schimmernder und wehender Lichtvorhang zieht sich lautlos über den Nachthimmel. Man steht da mit offenem Mund und ist gebannt von der Größe, Erhabenheit und Schönheit des Kosmos. Man erlebt dieses köstliche Gefühl von Geheimnis und Mysterium, das dem gehetzten Hochgeschwindigkeitsmenschen heute nur noch selten vergönnt ist.

Guter Erfahrungsbericht, oder? Halt nur kein Echter, ich habe diese Zeichen der Götter noch nie in natura gesehen. Aber glaub mir, ich kann mich da beim Youtube-Schauen wirklich gut hineinversetzen. Glaubst du nicht? Dann schau mal dieses Video und sag mir, dass du keinen ehrfürchtigen Schauder verspürst …

Und ich kann jede Menge Fakten liefern. Zum Beispiel, dass wir hier zwar meist „Nordlicht“ sagen, dabei aber gar nicht daran denken, dass das Phänomen auch auf der Südhalbkugel vorkommt. Und eine Benachteiligung des Südpols wollen wir natürlich vermeiden, sodass ab jetzt nur noch wissenschaftlich korrekt von Polarlichtern die Rede ist. Man könnte zwar auch „Nord- und Südlicht“ sagen, doch das klingt irgendwie nach Banalitäten wie Blinker und Rücklicht. Deshalb schlage ich hier die lateinische Unterscheidung vor: Aurora Borealis heißen sie im Norden, Aurora Australis im Süden. Das hat doch mal Klang und Charakter, oder?

Formen und Farben

Bei WasistWas, meiner Lieblings-Wissenslektüre aus Kindertagen, liest man folgende Beschreibung:

Polarlichter können ganz unterschiedliche Erscheinungsformen haben: als Schleier oder Girlanden, die sich verändern. Als ein über dem Horizont liegender weißlicher Bogen oder als Strahlen, als abgeschlossene Flächen oder Flecken, die alle ganz unterschiedlich gefärbt sein können und hell leuchten.

Bei regelmäßiger Beobachtung erkennt man, dass bestimmte Farben und Formen gehäuft vorkommen. Eine grobe Klassifizierung unterteilt vier Arten von Polarlichtern, welche abhängig von den Sonnenwinden sind: Corona, Vorhänge, ruhige Bögen und Bänder. Bei der Corona handelt es sich um ringförmige, an Kronen erinnernde Gebilde. Eine weitere Ausdifferenzierung ist die Vallance-Jones Classification, die zusätzliche Attribute wie diffus, strahlenförmig, pulsierend und flammend einführt.

Das Leuchten

Es ergibt sich natürlich die Quizfrage, warum es da oben leuchtet. Die ganz grobe Erklärung ist, dass Sonnenwind aus dem Weltall auf die Moleküle der oberen Atmosphärenschichten trifft. Sorgt dann die Reibungshitze ähnlich wie bei den Sternschnuppen für das Leuchten? Falsch, die Leuchtenergie entsteht zwar tatsächlich durch Aufeinanderprall von Molekülen, jedoch nicht durch Reibung, sondern durch Ionisation und Anregung von Gasen, ähnlich der in Leuchtstoffröhren.

Die Farben

Welche Farben wir zu sehen bekommen, hängt von den je nach Höhenlage verschiedenen beteiligten Elementen in der Atmosphäre ab. Und von unseren eigenen Wahrnehmungsorganen, denn verschiedene Menschen sehen bei der gleichen Aurora manchmal abweichende Farben.

Die „übliche“ Farbe ist grün, dann folgen rot und blau. Aus diesen Grundfarben entstehen auch Mischungen  wie violett, weiß und manchmal auch gelb. Grüne Polarlichter werden üblicherweise durch Sauerstoff in Höhen zwischen 80 und 150 Kilometern hervorgerufen. In Höhen von 150 bis 600 Kilometern erzeugt der höhere Anteil an Stickstoffatomen rote und blaue Farben.

Polarlicht auf Hawaii? Wo kommt das Phänomen vor?

Polarlichter sind meistens in zwei etwa 3 bis 6 Breitengrade umfassenden Bändern in der Nähe der Magnetpole zu sehen“, könnte man in wikipediatypischer Sperrigkeit zusammenfassen. Was das heißt, versuche ich mal für die Nordhalbkugel aufzudröseln: der nördliche Magnetpol wurde zuletzt 2007 in seiner Position bestimmt, und zwar auf 83° Nord und 112° West. Das ist nördlich von West-Kanada, ziemlich nah am geografischen Nordpol. Das häufigste Vorkommen der Nordlichter spielt sich also entlang des 83ten nördlichen Breitengrades ab. Er markiert die Mitte des Bandes, in dem die meisten Nordlichter vorkommen. Das Band ist maximal 6 Breitengrade breit, demnach reicht es vom 86. Grad ganz nah am Nordpol bis zum 80. Grad. Alles in allem verdammt weit nördlich.

Doch man muss nicht bis nach Spitzbergen reisen, um die Aurora Borealis zu Gesicht zu bekommen. Das müsste man nur, wenn man sie in fast jeder klaren Nacht sehen will. Für eine halbwegs gute Chance, binnen ein-zwei Wochen einen Blick zu erhaschen, reicht es meistens, zwischen September und Mai nach Schweden oder ins südliche Norwegen zu fahren. Die jahreszeitliche Einschränkung hat nur mit der Dunkelheit zu tun: Polarlichter sind das ganze Jahr vorhanden, im Sommer aber wegen der Helligkeit schlecht bis gar nicht zu sehen.

Die Nordlichtzone ist auch kein gleichmäßiges Band um den Nordpol, sondern hat Kurven und Löcher, sodass die Formel „je näher am Magnetpol, desto höher die Sichtungschance“ nicht immer aufgeht.

In Phasen besonders heftiger Sonnenaktivität mit extremen „Sonnenstürmen“ kann man auch ganz zuhause bleiben, denn dann gibt es selbst in Deutschland die Chance auf Nordlicht-Sichtungen (hier ein Foto von einem Polarlicht über Berlin am 8.10.2013). Im Extremfall sind Polarlichter dann bis in die Tropenzone zu sehen – wie zuletzt 1859, als sie bis nach Havanna und Hawaii sichtbar waren.

Bescheidener Superstar: die Sonne

Die Hauptdarstellerin der nächtlichen Show hält sich dezent im Backstagebereich auf. Huch, erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass sie ja wortwörtlich der Superstar ist – der einzig wahre Stern an unserem Himmel. Sie ganz allein bestimmt auch, wann die Polarlichter auftreten:

Die Häufigkeit der Polarlichterscheinungen in den mittleren Breiten (Mitteleuropa) hängt von der Sonnenaktivität ab. Die Sonne durchläuft einen Aktivitätszyklus (Sonnenfleckenzyklus), der vom Anfang (solares Minimum) über die Mitte (solares Maximum) bis zum Ende (erneutes Minimum) im Durchschnitt elf Jahre dauert.“

In Phasen des solaren Maximums gibt es besonders viele Sonneneruptionen, bei denen riesige Materiemengen (Plasma, hauptsächlich aus Elektronen und Protonen bestehend) mit bis zu 2500 km pro Sekunde abgedampft und weggeschleudert werden. Solch einen coronalen Massenauswurf (CME) kann man sich vorstellen wie einen Vulkanausbruch, nur dass die ausgestoßene „Wolke“ größer als die ganze Erde sein kann. Sogar viel größer. Die Produkte einer in Richtung Erde gewandten Eruption wehen als Sonnenwind zum blauen Planeten und erzeugen dort Polarlichter.

Polarlichter machen somit sichtbar, dass die Sonne weit mehr Einflüsse auf die Erde und die Atmosphäre ausübt als „nur“ Wärme und Beleuchtung zu liefern. Über die komplexen elektromagnetischen Einflüsse von Sonne und „Weltraumwetter“ auf Atmosphäre und Klima ist längst noch nicht alles bekannt.

Sonnenwind: ein Lüftchen im Vakuum

Der Teilchenstrom aus dem CME weht je nach Heftigkeit des Ausbruchs schneller oder langsamer zur Erde. Von 100 bis 800 Kilometer pro Sekunde ist in verschiedenen Quellen die Rede. Das ist zwar schneller als Roadrunner und Coyote zusammen, doch draußen im Weltall kommt es eher gemütlich daher. Das Tempolimit liegt dort bekanntlich bei Lichtgeschwindigkeit, zumindest was Strahlen und Wellen angeht. Während das Licht für die 150 Millionen Kilometer zwischen Sonne und Erde etwa acht Minuten braucht, trifft der Sonnenwind erst nach etwa 24 bis 72 Stunden auf die Erdatmosphäre. Der Kontakt mit dem größeren Erdmagnetfeld erfolgt etwas früher, wobei dieses ähnlich wie eine nicht platzende Seifenblase gestaucht und gedehnt wird. Ohne diesen Schutzschild würden die Teilchen und Strahlen der Sonnenwinde das irdische Leben zerstören.

Magnetfeld und Atmosphäre der Erde: die Showbühne

Magnetfeld und Atmosphäre spielen bei der Erzeugung der Polarlichter eine wichtige Rolle. Das Magnetfeld fängt die Teilchen des Sonnenwindes ab und lenkt sie entlang seiner Feldlinien um. Diese Feldlinien „durchstoßen“ an den beiden Magnetpolen die Erdoberfläche, um entlang der Magnetpol-Achse durch den Erdkern zu verlaufen. Dass die Magnetlinien den Erdboden an den Magnetpolen „durchstoßen“, ist der Grund, dass die Sonnenwind-Teilchen dort besonders intensiv mit der Atmosphäre in Kontakt kommen und Polarlichter bilden. Sie stoßen in etwa 50 bis 400 Kilometern Höhe mit den Atomen und Molekülen der Lufthülle zusammen und bringen diese zum Leuchten. Das geschieht, wie schon erwähnt, hauptsächlich durch Ionisation, sprich der Entnahme oder Hinzufügung von Elektronen in den Atomen der Atmosphäre mitsamt damit verbundener Ladungsänderung.

Kann man hier von einem Betrieb mit Atomenergie sprechen? Wahrscheinlich nur, wenn man Nichtphysiker ist und keine Ahnung hat. Auch die Frage, ob die Polarlichter klimaneutral leuchten, muss von Fachleuten abschließend geklärt werden.

Gefahren durch Polarlichter?

Gefahr für Leib und Leben durch einen Angriff wild gewordener Sonnenwindteilchen droht uns in der nordischen Wildnis nicht. Für die Betrachter ist das Schauspiel vollkommen ungefährlich. Von der ganzen Elektronik und Elektrotechnik, die unseren Planeten mittlerweile ziemlich zugeparkt hat, kann man das nicht so uneingeschränkt behaupten. Denn die mit Sonnenwinden verbundenen starken elektromagnetischen Felder können Satelliten, Radio, Funk und Stromnetze stören – und im Extremfall auch zerstören. So brannte 1989 während eines Sonnenfleckenmaximums in Kanada eine zentrale Trafostation durch, was in einer Kettenreaktion zu einem teilweise tagelangen Blackout im ganzen kanadischen Nordosten führte.

Und was lernen wir daraus?

Es soll hier erstmal reichen mit Daten und Zahlen, denn man kann mit dem Polarlicht locker dicke Bücher füllen. Außerdem sterben mit zu vielen Details und Erklärungsversuchen doch irgendwann Romantik und Geheimnis ab. Oder? Hmm, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn bei einem Phänomen wie dem Polarlicht kann man auch zu folgender Einsicht kommen: egal wie viele Details man erfasst und egal wie nah man das Bild heranzoomt – es tut sich neben dem Bekannten immer noch mehr Unbekanntes auf.

Titelbild: commons.wikimedia.org, Ximonic (Simo Räsänen)

Der lange Weg zurück Teil 1: Hoch hinaus oder die Kunst des Sturzes

19. Dezember 2019
Die Bergfreunde

Es sind die Sekunden kurz vor dem Aufprall, in denen Du realisierst, was passieren wird. Die Bilder bleiben in deinem Kopf und kehren immer wieder zurück. Sie sind wie eine Mahnung, die immer bleibt, die immer wieder sagt, was passieren kann und was es zu vermeiden gilt. Den Moment, in dem Du bemerkst, was passieren wird, versuchst du so stark festzuhalten, dass Du am Ende des Aufpralls noch ansprechbar bist.

Es sind die entscheidenden Sekunden.

Ich finde mich in einer perfekten Seitenlage wieder. Ich bin beeindruckt. Selbst meine Hände bilden ein Schutzschild zwischen Kopf und Boden. Schnell denke ich, schnell Hilfe holen – bevor ich das Bewusstsein verliere. Ein Satz, der klar und deutlich für sich steht: „Hol‘ einen Krankenwagen, der Fuß ist komplett kaputt“. Zehn Sekunden später liege ich alleine in einer großen Kletter- und Boulderhalle. Mein Blick folgt meiner Kletterpartnerin, die aus der Halle rennt. Ich versuche bewusst meinen Puls zu halten und beruhige mich mit dem Wissen, dass es nicht mein erster Sturz ist und ich weiß in welcher Reihenfolge die Schockreaktionen eintreten. Nur das Bewusstsein muss bleiben, sonst wird es im Krankenhaus zu lange dauern, denke ich und konzentriere mich auf meine Atmung. Die Schmerzen kommen im Hirn an und lassen mich schaudern. Ich versuche sie in den Hintergrund zu drängen.

Es ist Pfingstsamstag und wir sind zu zweit in der Halle. Eine große Halle nur zu zweit zu nutzen – hat etwas sehr Schönes und irgendwie Gruseliges zugleich. – Das Training für eine Nepal-Exkursion für Anfang 2020 haben wir gerade begonnen. In zwei Monaten soll es ins britische Klettermekka, den Peak District gehen. Der Peak District bietet schöne Gritstone-Klippen, über 2000 Routen und Routenlängen von bis zu einem Kilometer.

Eine atemberaubende Landschaft, Berge und English Tea?!

„Ich kämpfe“, sage ich so leise, dass ich es selbst kaum hören kann. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Kletterpartnerin, die soeben meine Körperfarbe als nicht mehr existent beschrieben hat. „Sogar deine Lippen haben keine Farbe mehr.“ Ich versuche zu lächeln und denke mir, es gibt keine bessere Begleitung ins Krankenhaus. Eine Pharmazeutin, die klinische Studien betreut, wird für mich sprechen, falls ich es nicht mehr kann.

Es vergehen Stunden an verschiedensten Orten der Uniklinik Bonn. Das Gefühl für Zeit und Raum sind gebunden an einen Mikrokosmos, der an diesem Pfingstsamstag keinen Boulderunfall mehr gebraucht hätte. Ein junger Mann tanzt fröhlich mit einer Krücke in der Radiologie und ich wünsche mir nichts mehr als mit ihm tauschen zu können.

Das Zögern der Ärztin und des dazu gerufenen Facharztes strengt mich unglaublich an und ich wechsele in den für mich typischen „Schweigemodus“ und lächele nur noch.

Eine Art der stillen Akzeptanz verbunden mit dem klaren Abgeben von Eigenständigkeit.

Zehn Stunden nach meinem Unfall gibt es endlich eine vorläufige Diagnose, deren Schwere und Komplexität ich erst in den darauffolgenden Wochen und Monaten verstehen werde:

Knöcherner Ausriss aus dem Sprungbein, Absprengung des Deltabandkomplexes – Bänderdreieck am Innenknöchel, teilweise gerissene Bänder des Außenknöchels, Knochenmarködeme und Hämatome.

Für eine Person, die gerne unabhängig und sehr aktiv ist, bedeuten diese Monate auch zu erfahren, wie es sich anfühlt nicht die starke Frau sein zu können und zu lernen, dass Schwäche nichts Negatives ist und vor allem positive Seiten zu bieten hat.

Dass ich jetzt für das Basislager eine Reihe über komplexe Fußverletzungen im Kletter-/ Bouldersport, Behandlungsmethoden und Heilungsprozesse sowie ein Doppelinterview mit meinem behandelnden Unfallchirurgen veröffentlichen werde, habe ich letztlich meiner Verzweiflung zu verdanken. In einem Tweet an die Bergfreunde schrieb ich:

Shoppe gerade bei @Bergfreunde_de – das nenne ich Resignationsstufe 2… #climbingaccident #Sprunggelenk #4of8weeksdone #nowalksanymore  (@Journal.ist.in)

Mit dieser Reihe möchte ich meine Erfahrungen, medizinisches Fachwissen, Tipps und heilungsfördernde Übungen während der Phase der zweimonatigen Ruhigstellung an euch weitergeben.

Hoch hinaus muss nicht immer das Erreichen eines Berggipfels bedeuten.

Bergfreundin Anna:

Anna ist so richtig mit dem Bergsport in Berührung gekommen, als sie vor neun Jahren zum Studieren nach München zog. Seitdem sind Berge und Kletterhallen ihr zweites Zuhause. Als Journalistin fördert sie eine ethisch korrekte Berichterstattung und bringt sich gerne in heikle Recherchen ein. Durch ihre Arbeit als Theaterregisseurin können ihre journalistischen Projekte auch auf der Bühne wiedergefunden werden. Darüber hinaus gibt sie Seminare zu Körperarbeit, Körperwahrnehmung und Stimmbildung.

Techno-Routen im Voralptal: „The Shield“, „The School of Rock“ und „North Face Exit“

9. Dezember 2019
Die Bergfreunde

21. August 2008, Urner Alpen. In der Nacht hatte es geregnet, in den höheren Lagen sogar geschneit. Lukas Binder und ich warteten bis mittags, bis der Fels halbwegs abgetrocknet war. Dann stiegen wir ein und zündeten den Turbo. Nur 2 Stunden und 18 Minuten später blickten wir von der Gipfelnadel des Salbits zurück auf seinen großen, berühmten Westgrat, auf die vielen Granitzacken, die wir gerade überklettert hatten. Am Abend checkten wir am Zeltplatz auf der Göscheneralp ein, zusammen mit dem Rest unseres Expedkader-Teams, mit dem wir damals unterwegs waren.

Bevor wir weiterzogen, machten wir am nächsten Tag noch einen Ausflug ins Voralptal. Ein Teil des Teams landete schließlich am Einstieg der Techno-Route „Muja Hedder“ und ich eher zufällig in einer feinen Rissspur rechts der Route. Allerdings war mein Akku ziemlich leer an diesem Tag und ich kam nicht besonders weit. Daniel Gebel, einer unserer Trainer, kletterte den Riss zu Ende und setzte einen Bolt.

Zurück ins Voralptal

Gut 20 Minuten geht man von der Voralpkurve Richtung Voralphütte, bevor man den Weg nach rechts verlässt und über Blöcke zu einem kleinen Seitental aufsteigt, an dessen Eingang ein perfekter Granitpfeiler steht. Dieser Fels, vor allem aber das traumhaft schöne Voralptal, das Basecamp auf der Göscheneralp – all das hat einen festen Platz in meinem Herzen gewonnen. Es ist nicht die große Bühne, nicht Chamonix, nicht Patagonien, nicht das Yosemite Valley, nicht der Karakorum.

Aber ich fühle mich dort ein Stück weit zuhause. Keine Ahnung, warum es sieben Jahre dauern sollte, bis wir im Sommer 2015 an unserer Route weiterarbeiteten. Vielleicht hat es einfach eine Maschine wie Lorenz Gahse gebraucht. Fast zwei Tage hämmerte, putzte, und bohrte er, bis die 40 Meter lange 2. Seillänge dieser neuen Route geschafft war. Wir hatten nur eine Mini-Bohrmaschine dabei, und deren Akku gab nicht mehr viel her. Den Stand-Bolt bohrte Lorenz im Wesentlichen von Hand, und danach war er wirklich einmal platt.

Ein schwerer Schlag

Ebenfalls im Sommer 2015 gelang Finn Koch und mir die Erstbegehung der Route „The School of Rock“ (7a+, A3+, 195 m). Sie verläuft links der „Muja Hedder“ und mündet kurz vorm Gipfel des Pfeilers in die Route „Traumschiff“. Während der Erstbegehung setzten wir nur einen einzigen Bolt.

Erst später richteten wir die Standplätze mit jeweils zwei Bolts ein. Mitte August 2016 waren wir erneut in der Wand, um der Route den letzten Schliff zu verpassen. Anschließend eröffneten wir, vom Biwakband startend, eine weitere Seillänge der neuen Route. Lorenz war zu dieser Zeit länger verreist und deshalb nicht mit dabei. Wenig später verunglückte er im Alter von 17 Jahren im Wettersteingebirge. Es war ein schwerer Schlag. Ein einschneidendes Ereignis, das unsere Welt von jetzt auf nachher veränderte.

Es folgte eine schwierige Zeit, voller Zweifel und ohne Antrieb für eigene Kletterprojekte. Im Dezember 2016 machten wir, Finn und ich, uns auf den Weg zur Eiger Nordwand. Es war an der Zeit, mich meiner Situation zu stellen, wieder Mut und Energie aufzubringen. Nicht nur zum Klettern, sondern auch, um die Verantwortung für einen jungen Kletterpartner durch eine solche Wand zu tragen (durch diese Wand, von der Lorenz immer geträumt hatte). Uns glückte ein kleiner, für mich bedeutsamer Schritt nach vorn, letztendlich auch in Richtung Voralptal, wo noch immer ein gemeinsames Projekt auf seine Vollendung wartete.

Pendelquergang am Cliff

Von 2017 bis 2018 konnte ich mit dem NRW Alpinkader eine weitere Techno-Route im Voralptal erstbegehen: „Mosquito Circus“ (A3, 6c, 285 m). Parallel dazu, Ende Juni 2018, ging es dann auch endlich beim Langzeitprojekt voran. Vor allem aber tat es gut, nach einer langen Zeit mit Knieproblemen und einer Meniskusoperation überhaupt wieder in den Bergen unterwegs sein zu können.

Diesmal war Michaela Schuster mit von der Partie, und wenn sie am Start ist, dann geht auch was voran. Wir biwakierten in der Wand, am großen Band nach der dritten Seillänge. Urs Waldispühl und Lars Hofer, Erstbegeher der „Muja Hedder“, gaben uns das Okay, weiter oben in der Wand einen zusätzlichen Standplatz bohren zu dürfen.

Von diesem kletterten wir den perfekten Riss der 6. Seillänge der „Muja Hedder“ und von dort nach links weiter, um eine Verbindung zum Ausstieg unserer Route „The School of Rock“ zu schaffen. Ein paar Züge gingen noch an natürlichen Strukturen, bis ich vor einer absolut glatten Platte stand. Zwei 8-mm-Bolts und zwei BAT-Hook-Löcher später war wieder einmal der Akku der kleinen Bohrmaschine leer. Ich legte den Cliff ins letzte Loch und Michaela lies mich daran ab, bis ich tief genug war für einen gewagten Pendelquergang zum nächsten Riss…

The Shield

Zwei Tage später erreichten wir erneut die Headwall des Pfeilers und bohrten den noch fehlenden Bolt für den Pendelquergang. Über den Ausstieg der Route „The School of Rock“, die wiederum in der letzten Seillänge vom „Traumschiff“ mündet, konnten wir unsere Routenkombination schließlich zu Ende klettern.

Wir gaben ihr den Namen „The Shield“, inspiriert von der glatten Headwall des Pfeilers, durch die unsere Linie führt. Ein großer Name für eine solche Route? Vielleicht, aber nicht in meiner Wahrnehmung, in der „The Shield“ für mehr steht als nur ein paar Meter Fels.

Das Horror-Flake

Im Sommer 2018 gab es noch einmal eine Veränderung im Bereich der zweiten Seillänge. Diese beginnt mit einem feinen Hakenriss, gefolgt von einer Platte (Bolt) und einem etwas breiteren Riss, der wiederum zu einem Risssystem links unserer Route führt. Ein paar Haken zeugen davon, dass dort früher schon geklettert wurde. Allerdings wurde der Weiterweg zum Biwakband von einer großen, beängstigend hohlen Schuppe versperrt, die irgendwie an der Wand klebte.

Jedem war klar, dass man daran nicht klettern sollte. Also zweigte Lorenz damals (2015) vor der Schuppe rechts ab, umging das Problem mit Hilfe eines Bathooks und eines 8-mm-Bolts und konnte so einen weiter rechts verlaufenden Riss erreichen. Im August 2018 wurde die Schuppe dann von einem lokalen Bergführer ins Tal geschickt. Dadurch ergab sich nicht nur ein direkterer und einfacherer Zugang zum Biwakband, es änderte sich auch die Einschätzung unserer Linienführung, die plötzlich gesucht  erschien. Letztendlich ändert das aber nichts am Charakter der Route. Es ist offensichtlich, dass sie die interessantesten Strukturen sucht, nicht den einfachsten Weg durch die Wand.

North Face Exit

Im August 2019 erschlossen Korbinian Fischer und ich schließlich noch eine Ausstiegsvariante durch die überhängende Nordwand des Turms. Sie ist schwieriger als der Originalausstieg übers „Traumschiff“ und verleiht der Route mehr Eigenständigkeit. Der „North Face Exit“ verlangt kaum zusätzliches Material, so dass man sich nicht vorher auf eine Variante festlegen muss.

Eine Frage des Stils

Wir haben uns beim Einrichten unserer Routen viele Gedanken darüber gemacht, was wir bezwecken und hinterlassen wollen. Geht es uns primär darum, eine Erstbegehung zu realisieren oder wollen wir etwas für andere schaffen? Was wollen wir Wiederholern an Mühen und Gefahren zumuten?

Ist es überhaupt sinnvoll, eine Route zu zähmen? Je länger ich über diese Fragen nachdenke, desto unsicherer werde ich. So bleibt mir nur zu hoffen, dass unserer Arbeit von Wiederholern verstanden und wertgeschätzt wird – und natürlich, dass sie immer gesund und glücklich aus dem Voralptal zurückkehren.

Routeninfos The Shield (A3-, 6c, 215 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Lorenz Gahse, Michaela Schuster, Daniel Gebel 2008–2018

  • Anspruchsvolle und abwechslungsreiche moderne Technoroute mit eleganter Linienführung und bester Felsqualität. „The Shield“ verläuft in Teilen gemeinsam mit den Routen „Muja Hedder“, „The School of Rock“ und „Traumschiff“. Die Schwierigkeiten (wie auch der Gesamtanspruch) dieser Routenkombination liegen zwischen „Muja Heddder“ und „Mosquito Circus“, weshalb wir uns für den unüblichen Grad A3- entschieden haben. Für die beiden Ausstiegslängen braucht man nur noch Freiklettermaterial inkl. folgender Cams: 1 x C4 #0.4–3 sowie 1 x #6 am Beginn des breiten Risses der 6. SL. Keile, Haken usw. können am Band gelassen werden.

 Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Microkeile
  • Rocks 1-7
  • Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1–2 x Cam C3 #00–1
  • 2–3 x Cam C4 #0.3–0.5
  • 1 x Cam C4 #1–3
  • 5 Beaks/Peckers (3 x klein, 2 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • 2 Drehmomenthaken, kleine und mittlere Größe
  • 2 x Camhook small (optional)
  • 1 x Hook für 8-mm-Bohrloch
  • Kantenschutz fürs Seil empfehlenswert
  • Mückenspray

Routeninfos The School of Rock (7a+, A3+, 195 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Finn Koch 08/2015

Sehr anspruchsvolle Route, die schwierige und teils schlecht absicherbare Freikletterei mit extremer Technokletterei verbindet. Die Standplätze liegen allesamt an bequemen Bändern oder Absätzen und sind mit jeweils zwei Bohrhaken ausgerüstet. Gebohrte Zwischenhaken gibt es aber nicht. In der 4. Seillänge muss eine längere Passage an kleinen Beaks und Cliffs geklettert werden. Achtung, hier sind weite und gefährliche Stürze möglich!

Die dritte Seillänge kann frei geklettert werden (linke Variante, 6c). Interessanter ist aber die rechte Variante, eine stumpfe, glatte Verschneidung (A2+). Am Band nach der Verschneidung fanden wir drei Bolts vor (einer ohne Lasche), deren Herkunft sich bisher nicht klären lies. Wir vermuten, dass diese Seillänge schon früher geklettert wurde. Die fixen Schlaghaken in dieser Länge bitte nicht entfernen – man muss sie beim Abseilen clippen!

Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Micro-Offsetkeile und Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1 x Cam C3 #00 – 1
  • 2 x Cam C4 #0.3 – 2 (kleine Größen besser Aliens)
  • 1 x Cam C4 #3
  • 1 x Cam C4 #6 (empfehlenswert für SL 6)
  • 8 Beaks/Peckers (5 x klein, 3 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • Hooks (2 x Talon, 1 x Cliff, 1 x Grappling Hook)
  • Drahtbürste
  • Mückenspray

Routeninfos „North Face Exit“ (A2+, 5b, 75 m, 2 SL)

EB: Fritz Miller, Korbinian Fischer 08/2019

Luftiger Techno-Ausstieg von „The Shield“ und „The School of Rock“. Die erste Seillänge ist clean, in der zweiten Seillänge haben wir drei Bolts gebohrt sowie ein BAT-Hook-Loch (8mm) vor dem ersten Bolt. Für die letzten Meter der ersten Seillänge braucht man Kletterschuhe (Reibungsplatte). Schuhwechsel bei Absatz mit kleinem Baum (siehe Topo)!

Für den „North Face Exit“ benötigt man einen BD Talon, einen Cliff für das 8-mm-Bohrloch oder einen zweiten Talon sowie einen großen Hook (z. B. BD Grappling Hook).

Routeninfos „Muja Hedder“ (A2+, 5c, 155 m + 40 m 6c)

Der Techno-Klassiker im Voralptal. Infos gibt’s hier: http://www.techno-climbing.ch/

Tipp: Sitzbrett für den Hängestand nach der 1. Seillänge mitnehmen. Außerdem sind Rivethanger (Draht) und/oder ein paar M6-Muttern empfehlenswert, für die 6-mm-Bolts ohne Laschen. Darüber hinaus stecken hier und da noch Schlaghaken, die ich nicht im Topo eingezeichnet habe. In den letzten Jahren konnte man die Route ohne Probleme mit einem deutlich kleineren Hakensortiment als dem ursprünglich empfohlen wiederholen. 10 Schlaghaken verschiedener Art und Größe sowie 3 Beaks sollten locker genügen.

Allgemeine Informationen

Zustieg: Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route „Traumschiff“ am untersten Ansatz des Pfeilers. Weiter aufsteigen, zuletzt über große Blöcke und durch Spalt direkt an der Wand zu den Einstiegen. Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1h10.

Abseilen: Bis zum Biwakband seilt man am besten über „School of Rock“ ab, wie im Topo eingezeichnet. Alle Abseilstellen sind eingerichtet. Vom Gipfel des Turms einmal kurz abseilen (ca. 15 m) zu Bolt mit Maillon und Ring (Zwischenhaken vom „Traumschiff“). In der Verschneidung oberhalb des Biwakbandes Zwischensicherungen clippen, sonst hängt man in der Luft!

Topo der Routen (Fritz Miller): Topo The Shield und The School of Rock klein

Wasser: Am besten mitbringen, denn der Bach im Voralptal ist nicht immer klar. Weiter oben gibt’s kein Wasser mehr.

Taktik/Biwak: Nur schnelle Seilschaften können diese Routen als Tagestour klettern. Die meisten Teams werden Tal bis Tal eineinhalb oder zwei Tage brauchen. Entweder am ersten Tag die ersten Seillängen fixieren und im Tal übernachten oder am großen Band biwakieren. Dort ist Platz für bis zu 6 Personen. Das Gepäck kann mit einem „Haul“ aufgezogen werden (50 m). Thema „Klo“: Das Biwakband und auch der Einstiegs-Bereich darunter dürfen nicht beschmutzt werden! Man verrichtet sein Geschäft am besten in eine Plastiktüte, packt alles in eine weitere Plastiktüte, stopft das dann in eine leere Travellunch-Packung und verschließt diese (ggf. mit Tape). Diese Bombe dann im Tal verantwortungsvoll entsorgen. Für den Transport empfiehlt sich ein kleines Kunststoff-Fass mit Schraubdeckel.

Die Bergfreunde beim Snow and Alpine Awareness Camp by Skylotec

25. November 2019
Die Bergfreunde

Nach einer langen Anfahrt von Tübingen aus, heißt uns das deutlich kühlere Galtür in Tirol willkommen. Wir, das sind Adrian und Kay, zwei Bergfreunde aus dem Gearhead-Team, die auf Einladung von Skylotec an einem der zahlreichen SAAC Klettersteigcamps teilnehmen.

Wir geben schnell unser Gepäck im Hotel ab und machen uns auf den Weg zum Alpinarium, dem örtlichen Erlebnismuseum. Die Gipfel rundum sind das erste Mal seit dem letzten Winter mit Schnee bedeckt. Eine kühle Erinnerung daran, dass Väterchen Frost gar nicht mehr so weit entfernt ist. Im Alpinarium werden wir von der Camp-Leitung begrüßt und schon geht es los.

Die Theorie

Die SAAC-Klettertsteigcamps sind in einen Theorie- und in einen Praxisteil gegliedert. Am ersten Tag werden theoretische Grundlagen erläutert, am zweiten Tag findet die Praxis am Klettersteig selbst statt. Wir lernen erst einmal das Offensichtliche:

“Ein Klettersteig ist ein mit Eisenleitern, Eisenstiften, Klammern (als Trittstufen) und (Stahl-)Seilen gesicherter (versicherter) Kletterweg am natürlichen oder künstlichen Fels.“

Auch die historischen Entwicklungen werden beleuchtet und wie genau sich Klettersteigen vom Wandern und Klettern unterscheidet. Als eigentlicher Sport wurde Klettersteigen in den 1970er Jahren populär und heute finden sich im gesamten Alpenraum Routen in ganz vielen verschiedenen Facetten und Schwierigkeitsgraden. Zuvor wurden Klettersteige primär als Versorgungsrouten zwischen abgelegenen Bergdörfern genutzt – heute ist es ein beliebter Freizeitsport.

Wir lernen natürlich, welche Ausrüstung für den Klettersteig wichtig ist, welche unterschiedlichen Normen es gibt, welche Empfehlungen und Neuentwicklungen. Alles in allem nicht viel Neues für uns, aber es ist ja von Vorteil, sein Wissen hin und wieder aufzufrischen. 

Da Skylotec Partner der SAAC-Camps ist, dürfen wir uns ausführlich mit dem Rider 3.0 beschäftigen. Das Rider funktioniert ähnlich wie eine Prusikschlinge und wird um das Kabel gelegt. Es läuft frei nach vorne und blockiert nur, wenn die Belastung nach unten geht. Es ist etwas schwerer als ein normaler Klettersteigkarabiner, funktioniert aber etwas einfacher und ist sicherer, da es direkt am Stahlseil blockiert und nicht bis zum nächsten Anker durchrutscht.

Denn generell ist Klettersteig zwar ein sicherer Sport, trotzdem solltet ihr nicht fallen. Geschieht dies trotzdem, stoppt euch der Bandfalldämpfer, allerdings ist dieser Stopp nicht unbedingt angenehm und er funktioniert auch nur einmal. Ähnlich wie der Airbag im Auto.

Was man außer einem Klettersteig-Set und etwas Schwindelfreiheit also sonst noch so braucht: Nun, das ist in der Regel ein bunter Mix aus Kletter- und Wanderausrüstung: Helm, Klettergurt zum Befestigen des Klettersteigsets, Schlingen und Karabiner, passendes Schuhwerk, Handschuhe, Erste-Hilfe-Set, ein Smartphone und Outdoor-Bekleidung.

Auch die Planung spielt beim Begehen eines Klettersteigs eine entscheidende Rolle. Es sollte natürlich vor der Tour das Wetter gecheckt werden. Gerade bei Nässe können Stahltritte auch mal rutschig werden und die Stahlseile funktionieren im Zweifel prima als Blitzableiter. Man sollte stets wissen, wann und wo man aus einer Route aussteigen kann. Die meisten Klettersteige bieten diese Möglichkeit. Natürlich sollte man auch mal einen Blick auf die Topo werfen, um zumindest eine ungefähre Idee der Route zu bekommen. Außerdem ist es wichtig, den Steig an das eigene Können anzupassen und vielleicht nicht gleich mit der schwersten Tour zu beginnen. https://www.bergsteigen.com/touren/klettersteig/familienklettersteig-little-ballun/

Bevor es dann endlich losgeht, sollte ein letzter Ausrüstungscheck stattfinden. Sitzt der Hüftgurt? Ist das Klettersteigset richtig eingehängt? Passt alles, kann es losgehen. Während der Tour macht es Sinn, auch immer mal wieder inne zu halten und in sich reinzufühlen, ob alles in Ordnung ist und nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. Ein Klettersteig kann durchaus auch einmal beschädigt sein. Wie immer am Berg gilt auch hier: Vorsicht ist besser als Nachsicht

Tag Zwei – aus Theorie wird Praxis

Tja, da ist er – der Schnee. Und das Anfang September. Fürs Klettersteiggehen nicht optimal. Ganz und gar nicht. Daher geht es für uns heute leider nicht in die Berge. Glücklicherweise bietet das Alpinarium aber einen kurzen Übungsklettersteig mit vielfältigen Passagen, die zum Üben der zuvor erlernten Techniken perfekt sind. 

Also legen wir los: Ausrüstungscheck. Haben wir alles für die Route? Ist die Ausrüstung in Schuss? Und natürlich der Partner-Check. Sicher ist sicher. Dann nochmal: Sitzt alles richtig? Doppelt hält schließlich besser. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir gehen in zwei Gruppen à 4 Personen mit jeweils zwei SAAC-Bergführern, die stets ein Auge auf uns haben und extrem hilfreich sind und uns ständig gute Tipps geben, wie wir die nächste Station am besten angehen. Super!

Wie auch beim Klettern ist es wichtig, das Hindernis genau zu analysieren und zu schauen, wie man es am besten bewältigt, statt einfach mit roher Kraft heranzugehen. Mach Pause, wenn nötig, lass dabei ausreichend Platz für den Vordermann oder die Vorderfrau, falls er oder sie ein Stück zurück klettern muss und am allerwichtigsten: Hab Spaß!

Unterm Strich…

Man muss es so sagen: Klettersteiggehen ist nicht so sicher, wie man gemeinhin denkt. Es ist kein “Klettern-Light” sondern eine eigene Sportart mit eigenen Techniken, spezieller Ausrüstung und Routen. Deshalb sollte man definitiv nicht blind an den ersten Klettersteig herangehen, sondern im Vorfeld alle wichtigen Parameter im Blick haben. Vor allem sollte man sich eine Route aussuchen, der man gewachsen ist. 

Wer sich noch unsicher ist, dem können wir an dieser Stelle eines der SAAC-Camps von Skylotec empfehlen. Obwohl es für Kay und mich nicht der erste Klettersteig war, haben wir dennoch einige neue Impulse bekommen und es kann ja auch nicht Schaden, das Wissen mal wieder aufzufrischen und auf den neuesten Stand zu bringen.

Solobegehung der Technoroute „Mosquito Circus“ (A3, 6c, 285 m), 8. – 9. August 2019 + Update Topo und Routeninfos

31. Oktober 2019
Die Bergfreunde

Im Frühjahr 2019 hatte ich einen kleinen Crash beim Bergsteigen – einen Sturz ins Seil aufgrund eines Schneebrettabgangs. Nach mehrmonatiger Verletzungspause tastete ich mich im August wieder ans Klettern heran. Dieser Bericht handelt von meiner ersten größeren Tour.

Allein unterwegs

Der Wetterbericht verspricht zwei gute Tage, eingebettet in labiles Wetter. Wieder einmal mache ich mich auf den Weg ins Voralptal. Mein Ziel: eine Solobegehung der Technoroute „Mosquito Circus“. Für mich ist es gut, allein unterwegs zu sein. So kann ich viele Pausen machen und einfach abbrechen, wenn ich beim Klettern Probleme bekomme. Zunächst aber muss ich 35 kg Material, Wasser und Verpflegung über steiles, wegloses Gelände zum Einstieg wuchten.

Vor über 15 Jahren habe ich ein Solo-Sicherungssystem ausgetüftelt, um mich bei Alleingängen sichern zu können. Nach meiner Solobegehung des „Weg durch den Fisch“ im Sommer 2007 habe ich es aber praktisch nicht mehr angerührt. Jetzt habe ich es wieder angelegt und starte in die Wand – ganz vorsichtig natürlich, denn zum einen traue ich dem Sicherungssystem nicht mehr so recht und zum anderen weiß ich nicht, wie gut ein Sturz meinem beschädigten Knie bekommen würde.

Drei Seillängen muss ich heute schaffen. Die erste führt über eine große Platte, ist 45 m lang und mit 6c, A2+ bewertet. Die nächsten beiden sind etwas leichter und kürzer. Es ist schon dämmrig, als ich endlich alles Zeug am Biwakplatz habe. Im Licht der Stirnlampe sortiere ich meine Ausrüstung für den nächsten Tag und verkrieche mich dann müde im Schlafsack.

Zurück in der Vertikalen

Vor der vierten Seillänge hatte ich etwas Angst. Sie ist knapp 40 Meter lang, startet am großen Band, wo ich biwakiert habe, und folgt einer Rissspur in einer offenen Verschneidung. Zunächst kann man noch ein paar Cams legen, dann muss man sich hochnageln. Man braucht dafür dünne Hartstahlhaken („Knifeblades“) und eine Handvoll „Beaks“ mittlerer Größe. „Beaks“ sind spezielle Haken für feine Risse. Ihre Spitze erinnert an einen Vogelschnabel, daher der Name. Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie aufgrund ihrer Geometrie besser halten als normale Haken. Dummerweise hatte ich aber nur noch einen zu Hause. Die Horrorvorstellung ist, dass irgendwo ein Fixpunkt ausbricht und die immer größer werdende Wucht des Sturzes alle darunterliegenden Sicherungen aus der Wand reißt, bis ich schließlich auf dem Band aufschlage.

Ein unkalkulierbares Risiko? Ich denke nein – sofern es mir gelingt, mein Material so einzusetzen, dass ich immer wieder die richtige Antwort finde auf die kleinen Rätsel, die mir der Fels stellt. Es ist der entscheidende Teil des Spiels: erkennen, welche Sicherung sich wie und wo platzieren lässt, und dann, mit etwas handwerklichem Geschick, einen neuen Fixpunkt schaffen – und sich so einen weiteren Meter erarbeiten. Ganz unabhängig vom Risiko: Hat das noch viel mit Klettern zu tun? Ist es nicht ein Zeichen von Unvermögen oder zumindest Schwäche, sich mit einem derartigen Materialaufwand hochzuarbeiten? Mag sein. Aber ich bin schwach, ich bin verletzt, und doch hänge ich hier und bin glücklich.

Mosquito Circus – eine große Route

Die Sicherungstechnik beim seilgesicherten Soloklettern bringt den Vorteil mit sich, dass Seilreibung kein Thema ist. Es bietet sich deshalb an, längere Seillängen zu klettern und Stände auszulassen. Vor allem, wenn der Stand wie hier, zwischen der vierten und fünften Seillänge, etwas abseits der eigentlichen Kletterlinie liegt. Mit dem 60-m-Seil kann ich diese beiden Seillängen zusammenhängen. Allein der Vorstieg dieses Abschnitts kostet mich zweieinhalb Stunden. Jetzt muss ich wieder runter, den letzten Standplatz abbauen und bei Wiederaufstieg „cleanen“.

Irgendwann kommt die Sonne in die Wand. Ich bin erschöpft, werde immer langsamer und es fällt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Aber irgendwie schaffe ich auch noch die letzte Länge. Fünf Stunden habe ich für die letzten 100 Meter der Route gebraucht. Am Ausstieg bringe ich noch ein Wandbuch an, in der Hoffnung, dass die Route ein paar Mal wiederholt werden wird. Wert ist sie es allemal: „Mosquito Circus“ ist viel mehr als eine Trainingsroute für große Wände. Man taucht schon hier voll ein in die Welt des Bigwallkletterns und erlebt die Ruhe und Einsamkeit der Berge auf eine besondere Art und Weise.

Mosquito Circus (A3, 6c, 285 m) – Routeninfos (Stand August 2019)

Erstbegangen und eingerichtet vom DAV NRW Alpinkader in neun Tagen im Sommer 2017 und 2018

Routenbeschreibung

  1. SL 45 m 6c und A2 bzw. 7a+ (linke Variante) oder 6c und A2+ (rechte Variante): Erst Freikletterei in großer Platte, dann entweder nach links zur Schuppe (einfacher) oder rechtshaltend mit 2 x Bathook zum feinen Riss (bessere Linie).
  2. SL 20 m A1 und 4: Nach rechts auf Rampe und weiter rechtshaltend zu Stand auf Podest.
  3. SL 40 m A2 und 4+: Linkshaltend bis zu großem Band (A2), dort nach rechts queren (4+).
  4. SL 40 m A3: Erst Verschneidung (viele Beaks und Knifeblades!), dann Rechtsquerung an Cam-Schuppe zum Stand. Am Ende der SL den Bogen über links klettern, nicht direkt zum Stand, wegen loser Riesenschuppe!
  5. SL 25 m A3 und 4: Links haltend in überhängende Platte mit 8-mm-Bolt und fixiertem Beak. Zuletzt einfach zum Stand.
  6. SL 45 m A2+ und 5b „Great-Roof-Pitch“: Feiner Riss in der rechten Wand – luftig. Am Ende Runout zum „Zweiten großen Band“.
  7. SL 10 m „Zweites großes Band“: Querung nach links. Stand an Cams.
  8. SL 60 m A2+ und 4+ „Chockstone-Crack“: Geschwungener Offwith-Riss. Die Klemmsteine sind locker – Umgehung rechts über Platte. Danach Pendelquergang an Bolt zu heikler Schuppe und weiter im Kamin.
  9. SL 40 m 5b und A1/2 „Nose“: Bis zum Baum heikel. Danach breiter Riss, Dachquerung nach rechts und kurze Ausstiegsverschneidung. Wandbuch am letzten Stand.

Abstieg/Abseilen

Abstieg entweder über den Gipfel des Mittleren Höhenberges (20-30 min vom Ausstieg der Route) und Salbithütte oder besser durch Abseilen:

  • SL 9 und SL 8 seilt man direkt ab (35 m, 55 m)
  • SL 7 zurückqueren zum 6. Stand („Zweites großes Band“)
  • 16 m zu Abseilstand mit Fixseil an der Dachkante des „Great Roof“
  • 20 m abseilen und sich zum Stand unterm Dach ziehen
  • 42 m zum „Ersten großen Band“
  • 20 m direkt runter zu Podest
  • 50 m zu kleinem Absatz
  • 20 m zum Wandfuß

Absicherung und Material

Die Stände sind gebohrt (jeweils zwei 10er-Bolts), abgesehen vom Cam-Stand am „Zweiten großen Band“. Außerdem stecken vereinzelt gebohrte Zwischenhaken und Schlaghaken. Inklusive Standhaken sind es im Schnitt drei Bohrhaken pro Länge. Davon wurde knapp die Hälfte während der Erstbegehung gesetzt, der Rest nachgebohrt, mit dem Gedanken, einzelne Stellen zu entschärfen und den Materialaufwand für Wiederholer in einem angemessenen Rahmen zu halten. Mit dem aufgeführten Material lässt sich

die Route weitestgehend gut absichern.

  • 60-m-Seile
  • 1 x Cam BD C3 #00
  • 2 x Cam BD C3 #0
  • 3 x Cam BD C4/X4 #0.2–0.5 (besser Aliens)
  • 2 x Cam BD C4 #0.75–4
  • 1 x Cam BD C4 #5
  • Rock 3–7 (besser Offset-Keile)
  • kleines Set Micro-Offset-Keile
  • 7 Beaks (1 x groß, 3 x mittel, 3 x klein)
  • 8 Knifeblades, verschiedene Längen und Dicken
  • 2–3 LAs, eher dünn
  • 2–3 Angles, eher dünn
  • 1 x Talon (für rechte Variante der 1. SL 2 x Talon)
  • 1 x Grappling Hook o. Ä.
  • Drahtbürste und Fugenkratzer empfehlenswert
  • Mückenspray
  • für den Zustieg feste Schuhe und dünne Lederhandschuhe

Tipps und Taktik

Am besten klettert man die Route in zwei Tagen (Tal bis Tal) mit Biwak am „Ersten großen Band“ und fixiert noch am ersten Tag die nächste(n) Seillänge(n). Ein Biwak ist aber auch am „Zweiten großen Band“ möglich. Den 3. Satz Cams #0.2–0.5 sowie die Cams #4–5 kann man bis zur „Great-Roof-Pitch“ im Haulbag lassen.

Zustieg und Einstieg

Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route Traumschiff. Weiter zum Einstieg von Muja Hedder. Nun tendenziell rechts halten, an der Wand entlang (Wegspuren, vereinzelt kurze Fixseile). Nicht links im großen Couloir gehen (Steinschlaggefahr). Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1,5 h. Einstieg auf ca. 1820 m bei kleinem Vorbau der markanten großen Platte (einzelner Bohrhaken).

Ein Alpinist heult nicht – mein (Normal-) Weg auf die große Zinne 2999m, 3+

24. Oktober 2019
Die Bergfreunde

Kennt ihr das? Man steht auf dem Gipfel und heult wie ein Schlosshund. Nein? Ich normalerweise auch nicht. Klar, man ist angetan von der schönen Aussicht, oder froh, dass die Schinderei nun zu Ende ist, aber gleich heulen ist im Normalfall nicht drin. Nun diesen Herbst sollte es soweit sein, mein erster verheulter Gipfel! Wie es dazu kam erfahrt ihr gleich…

Vom Mythos verzaubert

Schon bevor ich überhaupt mit dem Klettern in Kontakt kam, faszinierten mich bekannte Berge und Wände. Ich war durchaus angetan von Bergen um die ein gewisser Mythos rankt. Jeden Bericht, jeden Film über solch bekannte Gipfel habe ich förmlich aufgesaugt. Es muss schon ein besonderes Gefühl sein, dort oben zu stehen, dachte ich mir.

Da die Dolomiten fast vor meiner Haustüre liegen, sind die drei Zinnen in den Sextener Dolomiten natürlich permanent im Fokus. Irgendwie kommt man als Kletterer da nicht dran vorbei. Als ich dann vor zwei Jahren dort eine Rundwanderung unternommen habe und zum ersten Mal dieses Meisterwerk der Natur live gesehen habe, war klar, dass ich da mal rauf möchte. Und dann natürlich gleich auf die Größte, was auch sonst!

Leichter gesagt als getan. Natürlich wusste ich, dass ich mit Alpinklettern so gut wie keine Erfahrung hatte und auch sonst nicht auf mörderisch lange Bergtouren gehe. Aber träumen darf man ja. Das Ziel auf einer der Zinnen zu stehen rückte ziemlich in den Hintergrund, was mir aber erstmal nichts ausmachte. Sportklettern und Bergsteigen machten in der Zwischenzeit viel Spaß und ich habe beständig trainiert, auch Berglaufen ist dieses Jahr dazugekommen. Doch ich wusste eigentlich gar nicht so recht für was ich denn trainiere. Der Spaß stand zwar im Vordergrund, aber mit einem Ziel vor Augen trainiert es sich schon um einiges effektiver.

Spontanität und Selbstzweifel

Als mein Freund dann spontan darauf kam, jetzt im Herbst mal die Zinne anzugehen, da ich das ja mal erwähnt hatte, war ich komplett überrumpelt. Bei mir stellten sich sofort eine Menge Selbstzweifel ein. Bin ich wirklich fit genug? Halte ich solange durch? Was ist wenn ich wieder mal Schiss in der Wand bekomme, wie es beim Sportklettern schon öfter passiert ist?

Eine Blockade an diesem Berg kann man sich nicht erlauben, so viel stand fest. Ich war schon kurz davor zu kneifen, aus Angst zu versagen. Gut, dass die Idee so spontan war, dass ich nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte. Also buchten wir uns ein Zimmer am Misurinasee. Der Abend zuvor war für mich alles andere als entspannt. Wir gönnten uns zwar Pizza und Tiramisu (für die Stärkung), da man die mächtige Südwand aber sogar vom Restaurant aus sehen konnte, kehrte keine Ruhe in meinem Kopf ein. Mir graute vor dem nächsten Tag. Mir graute vor der Anstrengung und vor allem vor der Ungewissheit. „Ein feiner Alpinist bist du!“, dachte ich mir.

Fast eine Stunde vor dem Weckerklingeln konnte ich schon nicht mehr schlafen. Und das ist selten bei mir. Ich musste mich beim Frühstück dazu zwingen eine Scheibe Brot zu essen, denn die Südwand saß mir wortwörtlich im Nacken. Ich wollte einfach so schnell wie möglich los. Am Wanderparkplatz angekommen wussten wir, dass das Wetter perfekt werden sollte.

Die Täler lagen noch leicht im Dunst, doch Wolken waren nicht in Sicht. Wir waren nicht die ersten am Einstieg, eine Seilschaft mit Bergführer war schon vor uns da. Als ich den Einstieg vor mir hatte, hatte ich ein mulmiges Gefühl und war verdammt aufgeregt. Wie werde ich mich fühlen? Bleibt meine Leistung stabil? Und bin ich schnell genug? Denn wir haben uns einen festen Zeitplan überlegt.

Wenn wir nach zwei Stunden nicht eine gewisse Stelle passiert haben, kehren wir um, ohne Diskussion. Denn dann würden wir den restlichen Auf- und Abstieg nicht vor der Dunkelheit schaffen. Das erzeugte zusätzlichen Druck. In den ersten Seillängen konnte ich ein gutes Gespür für den Felsen entwickeln. Tatsächlich hatte ich vorher noch nie Dolomit in den Fingern. Meine Nervosität legte sich und mein Kopf wurde endlich ruhig. Die leichten Stellen und das Gehgelände legten wir am laufenden Seil zurück, während ich die Schlüsselstellen nachsteigen konnte. Denn ein glatter Kamin im 3. Schwierigkeitsgrad mit klobigen Bergschuhen kann schon mal ungemütlich werden.

Wer schneller klettert, hat mehr vom Gipfel

Dass wir gut in der Zeit lagen und uns nur einmal kurz verkletterten, erleichterte mich zusätzlich. Mein Traum schien nicht mehr ganz so weit entfernt. Mit fortschreitender Stunde wurde auch der Andrang in der Wand größer. Bergführer begleiteten ihre Kunden nach oben, andere seilten sich schon wieder ab. An der letzten Schlüsselstelle habe ich schon langsam gemerkt, dass meine Kräfte schwinden.

Noch nicht kritisch, aber man wird einfach langsamer. Der Bergführer hinter mir bemerkte das auch und schob mich kurzerhand von hinten über den Block. In diesem Moment war ich zwar froh über etwas Hilfe, im Nachhinein hätte ich die Stelle aber gerne selbst geklettert, ich hätte einfach nur drei Minuten länger gebraucht. Ich war so aufs Klettern fokussiert, dass mein Freund sagen musste: „Schau, da ist schon das Kreuz!“ Der Energieschub, den ich mit diesem Satz bekommen habe, beflügelte mich. Als wär ich vorher nicht schon 3 Stunden geklettert, flog ich förmlich zum Gipfel.

Und dann brachen alle Dämme. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen! Dieser Moment und das Gefühl, das ich dort oben hatte ist schwer in Worte zu fassen. Es reichte von Erleichterung, über pures Glück, zu Dankbarkeit und Traurigkeit. Ich war traurig, dass dieser Moment, von dem ich so lange geträumt habe, nun vorbei ist. „Ein feiner Alpinist bist du!“, dachte ich mir wieder. Ob Alpinisten heulen, fragte ich mich an diesem Tag auch. Okay, vielleicht hat mich auch die Höhe etwas unzurechnungsfähig gemacht. Aber spürt man auf 3000 Metern überhaupt sowas? Auch egal, ich war einfach unendlich glücklich und lebte in diesem Moment für nichts anderes mehr, als diesen Gipfel.

Da wir so gut in der Zeit lagen, konnten wir uns eine halbe Stunde Gipfelpause gönnen. Dass der Abstieg nochmal mindestens genauso anstrengend war, nahm ich gar nicht mehr wahr. Auch die vielen Leute habe ich völlig ausgeblendet. Ich war so überwältigt von diesem Erlebnis, dass ich die ganze Welt hätte umarmen können.

Bin ich nun Alpinist oder nicht?

Manch einer mag sich sicher denken, das hat ja nichts mit Alpinismus zu tun. Ja und nein. Sicher, die große alpine Einsamkeit, die unberührte Natur und das pure Abenteuer findet man hier vielleicht nicht. Wenn ein Gipfel so bekannt und beliebt ist, dann ist eben mehr los. Trotzdem ist es eine ernst zu nehmende alpine Klettertour, bei der einiges schief gehen kann.

Und für mich als Sportkletterer, der öfter in der Halle turnt, als am Fels, war es das pure Abenteuer. Und genau dieses Gefühl, das ich am Gipfel erlebt habe, ist doch das, was vielleicht jeder Alpinist in seinem Herzen trägt. Das kann man auf der großen Zinne finden, am Everest oder einem namenlosen Grasberg. Eben auf dem Berg, in den man sich aus unerklärlichen Gründen verliebt hat.

Hard Facts

Anfahrt

Über Lienz oder Brixen nach Toblach, dann auf SS51 weiter nach Schluderbach. Von dort auf die SS48b bis zum Ortsbeginn nach Misurina. Dort gibt es viele Unterkünfte und ein paar gute Restaurants. Die Drei-Zinnen-Straße führt hoch bis zum Parkplatz am Rifugio Auronzo (mautpflichtig). Busse fahren regelmäßig von Misurina hoch zum Parkplatz.

Zustieg

Vom Parkplatz auf der Südseite dem breiten Wanderweg Richtung Rifugio Lavaredo folgen, bis ein deutlicher Steig durchs Geröll nach links führt. Dem folgt man bis man die Scharte zwischen großer und kleiner Zinne erreicht. Der Einstieg liegt fast am Ende der Scharte in einem schrägen Rampensystem. Einstiegshöhe liegt etwa auf 2580m.

Route

Über die Einstiegsrampe (UIAA 1) geht es in den Grund einer Kaminrinne (1) und dort hindurch. Wahlweise klettert man an der linken Wand (2+). Danach folgt ein pyramidenartiger Vorbau. Man verlässt die Scharte nach links ansteigend zu einer kleinen Plattform (2). Eine weitere Rinne (2) führt in die zweite Scharte. Man hält sich links an das leichte Gelände durch die breite Schlucht (1) in die dritte Scharte. Diese Scharte verlässt man leicht rechtshaltend über eine steile Wand (3). Dann folgt man den deutlichen Spuren und Steinmännchen bis zwei Gedenktafeln folgen. Eine der Rinnen wählen (maximal 2+), denn alle führen auf das Schuttband. Nach links queren bis zur Rinne, die nach oben in eine große Platte mündet. Man klettert neben der Rinne den Pfeiler (3-) hinauf. Nun folgt eine Schlüsselstelle, der glatte Kamin (3+). Er führt in eine weitere Scharte und die in eine steile Wand (3) bis zu einem Ring. Von dort steigt man ein Stück auf bis zu einem Band mit großem Block, das in einen Kessel führt (2). Den verlässt man auf das obere Ringband (Ausstieg aus der Nordwand). Man folgt dem Band nach links zu einem Steinmann und folgt den deutlichen Spuren. Eine letzte kaminartige Rinne (3-) folgt. An deren Ende hält man sich leicht rechts und quert den „bösen Block“ (3-). Gestuftes Gelände (1-) führt nun zum Gipfel auf 2999 Metern.

Zum Abseilen gibt es ein paar solide gebohrte und geklebte Haken, sodass man die Schlüsselstellen umgehen kann. Das leichte Gelände muss man abklettern.

Gehzeit

Für den Abstieg sollte man genauso viel Zeit wie für den Aufstieg einplanen. Wir haben uns die Gedenktafeln als 2 Stunden Marke festgelegt. Insgesamt sollte man etwa 7,5 Stunden einplanen. Die Wegfindung kann teilweise zu Schwierigkeiten und Zeitverlust führen, da das Gelände unübersichtlich und verwinkelt ist.

Ausrüstung

Kletterausrüstung, Helm, bequeme Schuhe!

Klemmkeile Grundsortiment

60 Meter Seil

Schwierigkeit

Schlüsselstelle 3+, einige glatte Stellen mit 3, viele 2er

Höhendifferenz

700 Höhenmeter, davon 200hm im Zustieg und 500hm Klettern

Beste Jahreszeit

Juni bis Ende September

Fun Fact

Früher war die große Zinne ein echter 3000er. Durch einen Blitzschlag wurde sie jedoch einen Kopf kürzer gemacht.

Bigwall-Klettern am Monte Brento

17. September 2019
Die Bergfreunde

Längst ein alter Hut aber immer noch bestens geeignet für ein angenehm flaues Gefühl in der Magengegend: die Bigwall-Route Via Vertigine (VI+, A2, ca. 1000 m/28 SL) am Monte Brento! Mit dem „Universo Giallo“ (VII, A2, ca. 1000 m/27 SL), dem „gelben Universum“, gibt es seit 2007 eine weitere, vergleichbare Route. Rechts dieser beiden Linien verläuft „Il grande Incubo“ (VII, A3, ca. 1200 m/32 SL) – eine sehr ernste und nur bedingt empfehlenswerte Technoroute. Und dann gibt’s im zentralen Wandteil mit „Brento Centro“ (8b) auch noch eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Freikletterroute. Da sie in weiten Teilen gemeinsam mit den anderen Routen verläuft, konnte ich ein paar Einblicke bekommen und erlaube mir einmal diese Einschätzung…

Die miese Felsqualität der genannten Routen ist allgemein bekannt, genau wie die Tatsache, dass die Kletterei in der „Vertigine“ und im „Universo Giallo“ eher stumpf ist. Aber die brutale Ausgesetztheit lockt einfach… Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich in den letzten Jahren immer wieder kontaktiert wurde, mit der Bitte um Infos zum Bigwall-Klettern am Monte Brento.

Im Folgenden will ich kurz von zwei Begehungen aus dem letzten Winter (18/19) berichten, vor allem aber Infos zur „Via Vertigine“ und zum „Universo Giallo“ bereitstellen. Einen Bericht und Infos zur Route „Il grande Incubo“ findet ihr auch hier im Basislager.

Via Vertigine, Februar 2019 

Im Anschluss an einen Dolomiten-Eisklettertrip kamen Michaela Schuster und ich abends im Sarcatal an. Am nächsten Morgen fuhren wir gemütlich nach San Giovanni. Von hier kann man zu den Wänden des Monte Brento absteigen. Nach einer Durchsteigung kommt man so recht schnell zurück zum Ausgangspunkt. Es war mein Wunsch, ein paar wärmende Sonnenstrahlen einzufangen, nach vielen Tagen in eisigen Nordwänden. Die Via Vertigine zu klettern bedeutet, in eine komplett andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der man wirklich da ist, in der es keine Ablenkung gibt – einmal abgesehen von den vielen Basejumpern, die sich über die zentrale Wand des Monte Brento stürzen.

Michaela führte am ersten Tag bis zum großen Band in Wandmitte, wo wir biwakierten. Ich war am zweiten Tag an der Reihe. In der Abenddämmerung standen wir dann oben, über dieser verrückten Riesenwand, mit Blick auf verschneite Berge, den Gardasee und die Lichter der Ortschaften des Sarcatals. Ja, die Route ist wirklich cool, immer wieder, und wenn man ein paar Punkte beachtet, auch halb so wild (siehe Tipps und Infos unten).

Universo Giallo, März 2019

Obwohl bei uns in der „Vertigine“ alles gut ging, war sich Michaela nach der Tour sicher, dass sie erstmal genug hätte von dieser Wand. Aber schon Mitte März machten wir uns wieder auf zum Monte Brento, um die Route „Universo Giallo“ in einem Tag zu klettern. Wir kannten die Route nicht, aber ein Kumpel bestätigte, dass man hier schneller voran käme als in der „Vertigine“.

Für die ersten zehn Seillängen, die Michaela vorstieg, brauchten wir nur 1h 45min. Danach, im überhängenden Teil, waren wir nicht mehr ganz so schnell… Trotzdem erreichten wir San Giovanni im letzten Licht des Tages. Oben trafen wir noch zwei Basejumper, die es kaum glauben konnten, dass wir dort wirklich gerade hochgeklettert waren.

Monte Brento Ostwand, Via Vertigine und Universo Giallo – Tipps und Infos für Wiederholer

Hier also ein paar Tipps und Infos, als Ergänzung zu den Informationen des Kletterführers (Versante Sud, „Hohe Wände bei Arco“).

Die beste Zeit

Wenn die Sonne in die Wand scheint, was von morgens bis zum frühen Nachmittag der Fall ist, kann es sehr warm werden. Man klettert also am besten im Frühjahr oder im Herbst, bei kühlem Wetter. Nachmittags, wenn sich die Sonne verabschiedet hat und Wind aufkommt, wird es dann allerdings recht frisch. Man sollte unbedingt eine Isolationsjacke mit Kapuze dabeihaben!

Zustieg und Abstieg

Zustieg: Entweder von San Giovanni durch die Nordflanke der Cima alle Coste. Dort gibt es einen markierten Abstieg für Kletterer. Vorteil: So kommt man vom Ausstieg der Route ganz einfach zurück zum Ausgangspunkt. Eine gute Wegbeschreibung fanden wir auf der Seite klettern-sarcatal.com.

Oder eben klassisch vom Tal aus, vom Parkplatz der Sonnenplatten. Das ist einfacher zu finden, allerdings muss man auch daran denken, dass man irgendwie zurück zum Ausgangspunkt muss. Denn in den meisten Fällen steht ja das Auto dort…

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zurück ins Tal zu kommen:

  • Vorher Fahrräder in San Giovanni deponieren.
  • Sich in San Giovanni abholen lassen.
  • Trampen oder auf ein Base-Taxi hoffen. Allerdings ist das bei Nacht wenig erfolgsversprechend.
  • Alles zu Fuß absteigen. An sich kein Problem, aber lang. Wenn man direkt zum Parkplatz der Sonnenplatten will, nimmt man den oben beschriebenen Steig durch die Nordflanke der Cima alle Coste. Aber Achtung – den findet man eventuell nicht, wenn man nachts durch den Wald stolpert!

Monte Brento Ostwand, Via Vertigine – Routeninfos

Charakter

Im unteren Wandteil Plattenkletterei mit einzelnen steileren Aufschwüngen. Im oberen Wandteil über weite Strecken brutal ausgesetzte und sehr anstrengende Technokletterei an überwiegend zweifelhaftem Hakenmaterial.

Hakenmaterial (Stand 02/2019)

Im Plattenpanzer gibt‘s ausreichend Bohrhaken von guter Qualität. Darüber, im überhängenden Wandbereich, sind zumindest die Stände mit vernünftigen Haken ausgerüstet (10-mm-Expressanker, allerdings teilweise im Bruch). Bei den Zwischenhaken handelt es sich überwiegend um 6-mm-Expressanker, die oft im Bruch stecken und zudem munter vor sich hin rosten.

Statt Bohrhakenlaschen wurden Ringmuttern verwendet. Diese sehen zwar solide aus, führen in vielen Fällen aber zu einer ungünstigen Hebelwirkung. Sinn machen sie leider nur in den horizontalen Dächern… Kein Wunder also, dass diese Haken bzw. ihr Ankerbolzen immer wieder (aus)brechen. Von Wiederholen wurden die entstandenen Lücken dann meist mit anderen Schrotthaken geschlossen oder mit Schlingen verkürzt. Hier und da, insbesondere im letzten Teil der Route, finden sich auch neue, solide Zwischenhaken.

Was tun, wenn Haken fehlen? Rückzüge aus dem oberen Wandteil sind extrem schwierig. Also muss es irgendwie weitergehen, selbst wenn Haken fehlen! Die meisten Seilschaften führen für solche Fälle eine Lawinensonde als „Clipstick“ mit. Ich halte davon nicht viel:

  1. Clipstick beim Bigwallklettern ist uncool.
  2. Fehlen Haken vor einer Dachkante (oder einer anderen Kante), kann man mit dem Clipstick auch nichts ausrichten.
  3. Werden fehlende Haken nicht ersetzt, ist die Route irgendwann überhaupt nicht mehr begehbar.

Man sollte also Material mitnehmen, um Fixpunkte anbringen zu können! Mein Notfall-Kit besteht aus:

  • Leichter Kletter-Hammer
  • Notbohrset: Petzl Rocpec mit 6-mm-Bohrer, 6-mm-Bolts, Schlüssel, Bohrhakenlaschen. Man kann 8-mm-Bohrhakenlaschen nehmen oder – besser – 6er-Laschen selbst basteln bzw. herstellen lassen. Dann fallen die Einzelteile beim Transport und bei der Montage nicht auseinander. Alternativ gehen auch 8-mm-Kronenbohrhaken oder Rivets + Rivethänger. Wobei in den Dächern Bohrhaken mit Lasche besser sind.
  • 2 Profilhaken (es gibt ein paar Risse)
  • 1 Beak, z B. mittlerer Pecker (Joker – kann einem das Bohren ersparen)
  • 1 Cliff für 6-mm-Bohrloch (z. B. von Cassin) 

Taktik

Üblich sind Begehungen in eineinhalb Tagen mit Biwak am großen Band. Der beste Platz befindet sich ganz am rechten Ende des Bandes. Er ist steinschlaggeschützt und es liegen dort schon ein paar alte Isomatten (schmuddelig und von den Mäusen angefressen, aber immer noch besser als selbst tragen…).

Man sollte beim Klettern alles Material in einen kleinen Haulbag (35–55 l) bekommen, den der Nachsteiger am ersten Tag trägt. Gehault wird dann am zweiten Tag. Alternativ funktioniert bei dieser Taktik auch ein robuster, zum Haulbag umfunktionierter Tourenrucksack. Je nach Größe des Haulbags macht ergänzend noch ein (ganz) kleiner Kletterrucksack Sinn.

Der große Plattenpanzer ist grundsätzlich steinschlaggefährdet. Besonders der untere Teil der Route „Via Degli Amici“ (eine große Rinne) und der Bereich rechts der Route „Il Grande Incubo“ (dort wird nicht geklettert). Nach oben hin reduziert sich die Gefahr etwas, aber selbst am großen Band kann man noch getroffen werden.

Man sollte den unteren Wandbereich also schnell hinter sich lassen. Und es ist besser, wenn über einem keine andere Seilschaft unterwegs ist. Mit etwas Simultanklettern sollten die ersten 13 SL in drei Stunden gehen. Man kann also relativ spät einsteigen. Am zweiten Tag sollte man hingegen früh starten und zudem bereit sein, die letzten Längen im Dunkeln zu klettern. Falls die Kraft nicht reicht: Am Standplatz in der Mitte der langen Querung („La Diagonale Volante“), 4 SL vor dem Ende der Route, kann man zur Not im Sitzen biwakieren. Halleluja!

Wegen der vielen Quergänge und Dächer klettert der Nachsteiger alles, anstatt zu jümaren. Der Vorsteiger sichert also nach (Plate) und hault gleichzeitig bzw. abwechselnd, was mit einem leichten Haulbag gut funktioniert. Am besten klettert man mit einem 50-m-Einfachseil und einem 60-m-Halb- oder Zwillingsseil als Haulline. Den Haulbag kann man nach 40 oder sicherheitshalber gut 40 Metern anhängen. Mit dem Restseil kann man den Haulbag „rauslassen“. In der langen Querung am Ende der Route wird der Haulbag aber auch mit 20 m Restseil einen großen Swing machen. Wer wertvolle Keramik im Haulbag mitführt, stückelt in diesen beiden Seillängen besser noch etwas Reepschnur an…

Wer die Route in einem Tag klettert, verzichtet natürlich aufs Haulen und nimmt stattdessen einen kleinen Rucksack mit. Und statt dem Haulseil eine leichte Abseilleine, für Notfälle – oder alternativ ein längeres Einfachseil. Es lohnt sich auch, die ganze Route in Kletterschuhen zu klettern. Sogar im oberen Wandteil gibt’s hier und da Freikletterei bzw. kann man ganz gut A0 klettern.

Rückzüge

Den unteren, plattigen Wandteil kann man recht einfach abseilen – sofern man die Stände wieder findet. Aus dem oberen Wandteil kommend kann das nicht nur bei Nacht schwierig werden.

Dem oberen Wandteil kann man wegen der vielen Dächer und Quergänge nicht mehr so einfach entkommen. Umso wichtiger also, sich vorab ein paar Gedanken zu machen und verschiedene Rückzugstechniken zu trainieren. Eine Kombination aus ablassen des Kletterpartners und zurückklettern sollte am besten funktionieren. Hilfreich für solche Techniken ist ein langes Einfachseil. Für den Fall, dass ein Zwischenstand eingerichtet werden muss, sollten Bohrkit sowie eine lange Reepschnur zum Verbinden mehrerer Haken greifbar sein.

Ab ca. Seillänge 19 sollte man unbedingt über die Route „Universo Giallo“ runter (dort kreuzen sich die beiden Routen). Das Gelände ist hier weniger extrem und es sind überall gute Haken verfügbar. Im Zweifelsfall aber die Flucht nach vorne ergreifen. Selbst bei starkem Regen wird man erst nach dem letzten Dach nass, und dann kommt nur noch eine letzte Seillänge!

Empfohlene Ausrüstung (Stand 02/2019) – ein paar Punkte…

  • Mindestens 25 Exen

  • Solide Bandleitern
  • Handschuhe
  • Bohrkit (siehe oben)
  • Leichtes Biwakkit
  • Wasser: ca. 4,5 l pro Person für eine Begehung mit Biwak
  • Stirnlampen + Notfallstirnlampe
  • Cams und Keile braucht man nicht

Monte Brento Ostwand, Universo Giallo – Routeninfos

Charakter

In den ersten 10 Seillängen einfache Plattenkletterei mit einzelnen steileren Aufschwüngen. Der Fels ist hier meist okay. Ab Seillänge 11 klettert man im überhängenden Wandteil. Ab hier ist der Fels leider sehr durchwachsen. Im Bereich SL 11 bis 20 hängt die Route viel weniger über als die „Via Vertigine“. Seillänge 21 verläuft dann erstmals durch eines der Riesendächer (das „Große Zentrale Dach“). Diese Länge ist zugleich die Schlüssellänge. Die Hakenabstände sind hier größer als in den Dächern der „Vertigine“. Von nun an ist man sehr exponiert, was der Angelegenheit dann letztendlich doch noch einen recht ernsten Charakter verleiht. Fürs „Universo Giollo“ spricht, dass sie insgesamt weniger heikel ist. Die coolere Route ist und bleibt aber ganz eindeutig die „Vertigine“!

Hakenmaterial (Stand 03/2019)

Die ganze Route wurde recht üppig mit 8-mm-Expressankern eingerichtet, was mich persönlich stilistisch überhaupt nicht überzeugt. Die Seillängen 11 bis 17 wurde schon 1975 eröffnet, von H. Steinkötter und Gef. Hier steckt zusätzlich zum neuen Material jede Menge Schrott.

Taktik 

In der vorletzten Seillänge des Plattenpanzers (SL 9) gibt es einen bequemen, aber nicht steinschlaggeschützten Biwakplatz. Ein schnelles Team mit leichtem Gepäck braucht bis dahin allerdings nur ca. 3 h (inkl. Zustieg!). Ich würde die Route deshalb nicht mit Biwak klettern. Voraussetzung für eine entspannte Tagesbegehung ist jedoch, dass man mit den Techniken des Simultankletterns vertraut ist. Bis unters „Große Zentrale Dach“ kann man immer wieder gut simultan klettern.

Rückzüge

Bis einschließlich Seillänge 20 viel weniger problematisch als in der Vertigine. Danach ist Schluss mit lustig. Wahrscheinlich gelingen Rückzüge am besten mit einem 70-m-Einfachseil mit gut sichtbarer Mittenmarkierung.

Empfohlene Ausrüstung (Stand 02/2019) – ein paar Punkte…

  • 25 Exen
  • Solide Bandleitern
  • Handschuhe
  • Wasser: ca. 2,5 l pro Person für eine Begehung ohne Biwak
  • Stirnlampen + Notfallstirnlampe
  • leichtes Biwakkit.
  • Cams und Keile braucht man nicht

Ein Bohrkit wäre an sich sinnvoll, allerdings ist ein Ausbruch eines entscheidenden Hakens nach SL 17 sehr unwahrscheinlich. Und bis zu diesem Punkt sollte ein Rückzug ohne große Probleme gelingen, sofern man wirklich nicht mehr weiterkommt.

Korsika: Der GR20 von Conca bis Vizzavona in 7 Tagen 

12. September 2019
Die Bergfreunde

… mit kurzem Ausblick auf den Mare a Mare Nord von Vizzavona bis Moriani Plage

Fünf Bergfreunde und ein “Mitläufer” (im wahrsten Sinne des Wortes) machen sich auf die Reise: Britta, Joana, Sandra, Adrian, Hannes und Hannes. Die anfängliche Idee, den GR20 nordwärts zu wandern, kommt von Hannes (also dem Bergfreund, nicht dem Mitläufer). Da wir aber alle gerne draußen sind, hin und wieder ein bisschen Abenteuer und Herausforderung suchen und gerne Zeit in toller Gesellschaft verbringen, braucht es nicht viel Überzeugungskraft, den Rest von dieser Idee zu begeistern.

Wir beschließen also, mit dem Flixbus nach Nizza zu fahren, von dort mit der Fähre nach Porto Vecchio und schließlich von Batia über Genua auf dem selben Weg zurück. Um Kartenmaterial und Wegplanung kümmert sich Hannes (wieder der Bergfreund ;)).

Und dann kann es losgehen!

Tag 1: Conca – Ref de Paliri

Wir starten direkt an einem Campingplatz in Conca. Über die Asphaltstraße dorthin nimmt uns der Shuttle Service des Campingplatzes mit. Somit sparen wir uns die ersten zähen Kilometer auf heißem korsischem Asphalt. 

Los geht es mit der für uns ersten und für alle Entgegenkommenden letzten Etappe. Man sieht einige bandagierte Knie, Beine bedeckt mit einer Mischung aus Schweiß und Dreck, aber hin und wieder auch einen etwas leichtfüßigeren Gang, mag auch am weniger schweren Rucksack liegen. Wir machen die ersten Höhenmeter und blicken uns regelmäßig zu dem in weite Ferne rückenden Meer um.

Genau richtig zur Mittagspause erreichen wir eine herrliche Gumpe, bei der wir ausgiebig baden und essen. Das sorgt im Nachhinein für unrealistische Erwartungen an den Rest der Strecke, denn es sollte die schönste Gumpe auf dem ganzen südlichen GR20 gewesen sein. Auch die Aussicht beim abendlichen Tütenessen ist der Hammer und wir haben nachher selten an schöneren Refugios gecampt/biwakiert, obwohl wir nur kaltes Bachwasser zum Waschen haben.

Tag 2: Ref de Paliri – Ref d’Asinao

Am nächsten Tag erwartet uns ein sehr leckeres zweites Panini-Frühstück in Col de Bavella. Ein Traum aus Baguette, Ziegen- und Bergkäse! 

Weiter geht’s auf dem GR20 (es gibt auch eine alpine Variante von Bavella aus) und wir brechen die erste große Tube Sonnencreme an. Das Buff und das T-Shirt in Bachwasser zu tränken schafft Linderung vor der stechenden Sonne. Am Basecamp ähnlichen Refugio – überall leere Gaskartuschen, leerstehende Zelte und einen Haufen an Müll – müssen wir noch einen Rucksack mit Schnüren und Karabiner flicken, der an der unteren Befestigungsnaht des Schultergurtes anfing zu reißen. Das hält sogar bis zum Ende des Urlaubs!

Tag 3: Ref d’Asinao – Biwakplatz am Fluss

Gut, dass wir am nächsten Morgen früh aufstehen und noch etwas kühlere Morgenluft haben. Zum Frühstück gibt’s nämlich Porridge und ein paar anstrengende Höhenmeter! Und als die gerade verdaut sind, gibt es ein Omelett aus 24 (!) Eiern zur weiteren Stärkung. Das ist gut für die Seele, auch wenn der Rucksack dadurch nicht leichter wird.

Uns wurde schon prophezeit, dass es nach 2 Refugios einen fantastischen Biwakplatz am Fluss geben soll. Laut Wegbeschreibung gar nicht so weit entfernt. Wir machen uns also wieder auf den Weg durch eine schottisch-ähnliche Heidelandschaft mit einigen Bademöglichkeiten und lassen viele schöne Übernachtungsplätze links liegen, weil wir zu unserer Mittagspause erst an der ersten Hütte waren. Doch statt dem Biwakplatz finden wir eine Horde korsischer Wildschweine. Die waren zwar ganz süß, hätten uns aber bestimmt nicht schlafen lassen.

Zwei haben die Hoffnung aber nicht aufgegeben, sind den Schwarzsehern vorausgeeilt und haben allen schmerzenden Füßen zum Trotz doch noch die versprochene Biwakstelle gefunden. Heute ist übrigens Waschtag! Für uns und alle Klamotten….

Tag 4: Biwakplatz am Fluss – Col de Laparo

Hier machen wir die erste tolle Gradwanderung und genießen die weite Sicht. 

Mittags, beim Refugio Usciolu angekommen, riechts für manche von uns nach Urlaub, für die meisten aber eher nach brennendem Müll. Wir beschließen ab sofort den anfallenden Unrat in der Zivilisation zu entsorgen. Wir werden auch noch Zeuge wie die Schlacke in Säcke verpackt und von Mulis über mehr Stein als Stock abtransportiert wird.

Der weitere Weg verlangt uns und unseren Schuhsohlen einiges ab. Es ist sehr rau, rutschig und macht mehr den Eindruck eines Fernkletter- als eines Fernwanderweges. Doch einer von uns ist trotzdem nicht ganz ausgelastet und geht voraus, um auf die hart erarbeitete “freie Zeit” noch ein paar Kilometer draufzulegen und für alle 6 l Wasser aus dem Tal zu holen – denn sechs Leute brauchen viel Wasser zum Zähneputzen, Kochen und Kaffee trinken! Außerdem es gibt zwischen dem Refugio Usciolu und unserem Biwakplatz kein Wasser.

Ausnahmsweise muss heute eine Dusche mit Desinfektionstüchern riechen, ähhh reichen!

Tag 5: Col de Laparo – Ref de Prati

“Seid ihr auf dem Weg zur Party?” Ähmm, ja wahrscheinlich. Wir wissen es nur noch nicht. Das Refugio “de Party” erreichen wir schon am Nachmittag und zum Abendessen gibt es Baguette, Käse und Wein!

Was wir uns an diesem Abend an “Rucksackessen” aufgespart haben, haben uns übrigens die (Schweine)Hunde des Hüttenbesitzers in der Nacht aus dem Vorzelt geklaut! Fressen einfach alles weg was wir mühsam hoch geschleppt haben! Und als würde das nicht schon reichen, haben sie auch noch auf der Suche nach mehr Essbarem ein Loch in einen Rucksack gebissen.

Tja, auch das ist der GR20.

Tag 6: Ref de Prati – Biwakplatz mit Aussicht

Die Hälfte der Gruppe ist die mäßig beschilderte Variante des GR20 zum Monte Renoso hoch, um sich dort von der schönen Aussicht berauschen zu lassen und ein bisschen im eiskalten Bergsee zu planschen. 

Für die andere Hälfte, die auf dem Hauptweg weiter geht, kommt die Bergerie de Capannelle genau zur richtigen Zeit. Es ist ein sehr stürmischer Tag. Den kurzen Regenschauer sitzen wir einfach mit einem Bierchen aus! Danach gehen wir noch ein Stück weiter bis zum Biwakplatz, der zu unserer Überraschung über den Wolken liegt. 

Tag 7: Biwakplatz mit Aussicht – Vizzavona

Ab jetzt geht es bergab. Zusätzliche Erleichterung gibt es durch die deutlich geschrumpften Ranzen – vorne wie hinten! ;)

Die Gedanken schwanken zwischen warmer Dusche, frischem Salat, Pizza, Pommes und Eis, während wir die letzten Meter Schritt für Schritt durch den schattigen Wald stapfen.

In Vizzavona können wir endlich mal wieder gemütlich im Restaurant sitzen, in aller Ruhe unsere Kleider waschen, ohne am nächsten Tag in die nasse Hose schlüpfen zu müssen, Karten spielen, die Beine hochlegen und den Luxus der Zivilisation neu zu schätzen lernen. So lässt es sich leben!

Mare a Mare

Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege. Hannes und Hannes nehmen den GR20 Nord in Angriff. Britta nimmt den Zug nach Bastia und muss leider schon nach Hause.

Nur Joana, Sandra und Adrian biegen Richtung Osten ab auf den Mare a Mare Nord.

Hier ist man plötzlich in einer gänzlich anderen Welt:

Der Mare a Mare ist wegen der dürftigen Beschilderung wie eine Schnitzeljagd – nur ohne Schnitzel am Ende…nicht mal ein Panini oder Schokocroissant :( Es gibt auch in den kleinen Dörfern kaum Cafés oder Einkaufsmöglichkeiten.

Es ist allerdings auch viel weniger los als auf dem GR20. Neun Menschen in fünf Tagen vs. 150 Menschen an einem Tag. Dafür sehen wir auf dem Mare a Mare umso mehr freilaufende Tiere. Teilweise können wir die Trampelpfade der Tiere nicht von unserem eigentlichen Weg unterscheiden, auch die Markierungen sind oft von Pflanzen überwuchert und nur schwer zwischen dem hohen Farn und im Dornengestrüpp zu finden. Deshalb ist eine Offline-Karte mit Ortungsfunktion/GPS auf jeden Fall sinnvoll – noch viel sinnvoller mit Solarpanel! 

Der Vorteil am Mare a Mare ist definitiv, dass man die wunderschöne Natur ganz für sich hat und sich sogar herausnehmen kann, länger als bis 5.00 Uhr in freier Wildbahn “auszuschlafen”, weil es allerhöchstens ein Schwein stören könnte.

Für Trinkwasser ist es in der tiefer liegenden Gegend von Vorteil, einen Filter dabei zu haben, auch wenn man in jeder kleinen, urigen Ortschaft einen Brunnen mit Trinkwasser finden kann.

Auf die Herbergen und Zeltplätze sollte man sich allerdings nicht verlassen.Wir stoßen auf einige geschlossene Türen. Einen Biwakplatz zu finden ist jedoch kein Problem. Jetzt sind wir wegen der vielen Mücken zum ersten Mal richtig froh, ein Zelt dabei zu haben, auch wenn wir es auf dem GR20 hin und wieder bereut haben, eins herumschleppen zu müssen (kein Tropfen Regen + im Notfall hätte man auf dem GR20 an jeder Hütte ein Zelt mieten können).

Nach sechs Tagen erreichen wir das Ende des Mare e Mare in Moriani Plage und damit auch das Ende unseres aufregenden Abenteuers. Falls ihr jetzt selbst mal Lust bekommen habt, den GR20 oder den Mare e Mare zu laufen, solltet ihr noch kurz dranbleiben…

Einen großen Dank möchten wir an Mizu und an Lyofood aussprechen, die uns bei diesem Trip mit Wasserfilter und Trekkingnahrung versorgt haben – und in dem mitgebrachten Tarp und Zelt von Hilleberg lässt es sich auch ganz vorzüglich nächtigen!

Sinnvolles Gepäck & praktische Tipps für GR20 & Mare e Mare:

  • Wasserfilter + mind. 3l Wasserbehälter pro Person
  • Offline-Karte mit Ortungsfunktion (z.B. maps.me)
  • Solarpanel
  • stabile Schnur und Materialkarabiner 
  • Diclofenac o.ä. Schmerzgel und man läuft direkt noch eine Stunde länger 
  • Tape/Panzertape (nimmt um eine Trinkflasche gewickelt kaum Platz ein)
  • Kopfbedeckung und T-Shirt nass machen macht die Hitze um Einiges erträglicher
  • Das Gelände ist oft sehr rau und schroff: man muss damit rechnen, dass die Schuhe nach dem GR20 im Eimer sind.
  • Wer kleine Müllbeutel dabei hat, kann seinen Müll nur bei anfahrbaren Hütten zurück lassen und tut der Umwelt etwas Gutes!
  • Die Hütten sind mit dem Nötigsten ausgestattet: Abendessen für ca. 20,00 €, Frühstück und Snacks kann man immer mal wieder zwischendurch an den Hütten kaufen, Zelte gibts an jeder Hütte zu mieten (10-15€/Nacht)
  • In Vizzavona kann man sogar Gaskartuschen, Flickzeug für Zelt und Co., Blasenpflaster, Trinkblasen und alles was das Wanderherz begehrt zu relativ normalen Preisen kaufen.

Kaiserschmarrn, Schluchten und Alpenglühen – die Bergfreunde an der Zugspitze

10. September 2019
Die Bergfreunde

“Lass’ uns dochmal was mit unseren Kunden zusammen machen!?”
“Ne, das können wir doch keinem antun. Die kaufen doch nie mehr bei uns ein…!”

Einige Wochen später sitzen wir mit Martin und Vanessa – zwei unserer Kunden, die bei einem Gewinnspiel teilgenommen haben – in einer Gondel und fahren zum Gipfelhaus Grubigstein in Lermoos. Umringt von vier Bergfreunden, einem Blogger und zwei Kolleginnen von der Zugspitz Arena Bayern-Tirol, mit denen wir dieses besondere Wochenende eingefädelt haben. Sie schauen noch etwas verunsichert drein, während der Rest sich beschwingt Frötzeleien um die Ohren haut. Ob das mal gut geht…

Alpenglühen und Gegrilltes

Die Gondel fährt direkt auf eine Wolke zu und ich habe schon Angst, dass wir auf einen schönen Sonnenuntergang verzichten müssen. Die Wettervorhersage für das Wochenende war ohnehin alles andere als sicher und sah nicht wirklich rosig aus: Gewitterneigung und Regen, starke Hitze und Sonne – da ist alles geboten.

Glücklicherweise tauchen wir kurz unterhalb der Gifpfelstation wieder aus den Wolken auf. Jackpot: Vor uns eröffnet sich ein weites mehr aus Zuckerwatte, aus denen die Berge rundherum, allen voran die Zugspitze, markant herausstechen. Meine Hand wandert sofort zum Rucksack, weiter zum Objektivverschluss meiner Kamera und schließlich zum Auslöser. Eine Bewegungsabfolge, die an diesem Wochenende noch oft stattfinden sollte.

Nachdem die ersten Bilder auf der Speicherkarte sind, geht es für uns erstmal rein in die Hütte und ran ans Buffet. Zünftige Musi, a Hoibe und leckeres Essen erleichtern das erste Kennenlernen ungemein und meine initiale Sorge, dass unsere zwei Gewinner etwas verschreckt von den durchaus extrovertierten Bergfreunden sein könnte (da zähle ich mich ausdrücklich dazu) erweist sich langsam aber sicher als unbegründet – wir verleben einen ziemlich genialen ersten Abend, der von einem atemberaubenden Alpenglühen und einer Runde Schnapps perfekt gekrönt wird.

Die durch Schluchten gehen…

Wie kann man der Natur am nächsten sein? Richtig, in dem man sich direkt in sie hinein begibt. In unserem Fall bedeutet das: Ab in die Schlucht. Canyoning steht auf dem Programm und entsprechend der Vorschriften steht zunächst einmal das Anziehen der Ausrüstung auf dem Plan: Dicker Neoprenanzug, Klettergurt, Helm und spezielle Canyoning-Schuhe. So ausgerüstet kommen wir uns etwas schwerfällig vor, aber klar: Sicher ist sicher. Vor allem, wenn man sich 30 m hohe Wasserfälle abseilt.

Moment. Was?

Man muss dazu sagen, dass der Autor dieser Zeilen kein ausgemachter Kletterer ist und mit ausgesetzten Bergpassagen so seine Schwierigkeiten hat. Gut, ok. Schauen wir uns das erstmal an.

Bevor wir an den ersten “kleinen” Wasserfall kommen, sollen wir beherzt von einem Vorsprung in den Gumpen unter uns springen. Zum Glück gibt es einen Weg drum herum und so schaue ich mir das Spektakel lieber direkt von unten an. Man muss ja nicht gleich in die Vollen gehen. Dann stehen wir am Wasserfall. Während unser Guide sich zum Abseilen bereit macht und die ersten Team-Mitglieder heruntergelassen werden, verstärkt sich das flaue Gefühl in meiner Magengegend. Noch einer vor mir. Was mache ich?

Ich kneife. Natürlich. Hey, ich bin über 30 und muss keine unnötigen Risiken mehr eingehen! ;) Ich steige also wieder aus der Schlucht aus, nehmen den Weg außen herum und kämpfe mich gegen den Strom aufwärts zu meinem Team, das mir gackernd und mit den Armen wackelnd entgegen kommt. Schon verstanden…

Beim nächsten Sprung wage ich dann aber mal das undenkbare und hüpfe in den drei Meter weiter unten liegenden Wasserkessel… So kann ich zumindest Teile meines Gesichts wahren. Beim nächsten Abseiler bin ich dann aber wieder raus – das wird heute nix mit mir.

Und so geht es weiter: Rein ins Wasser, wieder raus. Rein. Raus – bis wir schließlich am Ende der malerischen Stuibenfälle ankommen und uns endlich die Pelle von der Haut streifen können. LUFT!!!

Trotz der wenigen Aussetzer meinerseits überwiegt die Freude. Canyoning hat irgendwie schon Spaß gemacht und war vor allem mal wieder etwas, was ich wirklich noch nie gemacht habe. Sollte man ja regelmäßiger tun, wie man sagt.

Schlucht Nr. 2: Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen

Ja ja, ich weiß schon was du sagen willst. Und irgendwie hast du ja auch recht. Die Partnachklamm ist touristisch – aber so richtig. Aber sie ist auch ziemlich beeindruckend. Vor allem immer dann, wenn sich die tosenden Wassermassen durch die enge Schlucht winden und man kaum sein eigenes Wort versteht.

Service-Info: Eine Klamm ist eine Schlucht, die dadurch charakterisiert ist, dass der gesamte Grund von Wasser eingenommen ist. Wieder was gelernt.

Die Partnachklamm hat schon einige Millionen Jährchen auf dem Buckel und wird vom Schneeferner-Gletscher hoch oben auf dem Zugspitzplatt gespeist. In früheren Zeiten wurde die Klamm als Triftbach genutzt. Brennholz wurde über den Wasserlauf vom Reintal nach Partenkirchen transportiert, was für die Arbeiter mit einer hohen Lebensgefahr verbunden war.

Inzwischen kann man sicher aber höchstens noch den Kopf stoßen, wenn man beim Durchqueren der Partnachklamm nicht ab und zu mal denselbigen einzieht.

Auf unserem Weg machen wir kurz halt in der Kaiserschmarrn-Alm auf dem Graseck. Die heißt wirklich so und wir nehmen es und unsere knurrenden Mägen zum Anlass, eine wahlweise kleine oder große Portion der süßen Mehlspeise zu schnabolieren. Ich habe mich als einziger an letzterer versucht und kann bestätigen, dass es wirklich eine mächtige Portion ist.

Von der Partnachklamm geht es weiter zum Wank. Dort steigt am Abend das sogenannte “Bergfestival am Wank”, ein kleines Musikfestival auf 1700 m Höhe. Hatten wir so auch noch nicht, ist aber wirklich sehr nett. Gespielt wird Indie und Alternative.

Das anwesende Publikum tanzt mit Bergschuhen im Regen – zum Glück, muss man an dieser Stelle sagen, denn der Wetterbericht hatte Gewitter gemeldet. Das blieb glücklicherweise im Seitental hängen und nach einer halben Stunde können wir unsere Kapuzen dann auch abziehen.

Die tief hängenden Wolken lassen uns abermals einen fantastischen Sonnenuntergang erleben. Diesmal sind wir nur nicht ganz so alleine. Das Festivalpublikum wird auf das Spektakel aufmerksam, dass sich auf der anderen Seite des Gipfels abspielt und binnen Minuten wimmelt es nur so von emsigen Smartphone-Fotografen, die versuchen, das Farbenspiel am Himmel auf ihrem kleinen elektronischen Begleiter zu bannen – es sei ihnen gegönnt.

Bei ein paar Bierchen und guter Musik lassen wir den Abend gemütlich ausklingen – ein ereignisreicher Tag neigt sich dem Ende und ein ereignisreicher Tag wartet auf uns.

Früh morgens in der Gondel

Das Hotelfrühstück findet am Sonntag ohne uns statt. Schade eigentlich. Ist eigentlich ziemlich gut. Ok, ich hab mir dann klammheimlich doch schon ein paar Kleinigkeiten gegönnt – bei einem leckeren Hotelfrühstück kann ich kaum widerstehen. Das sollte mir allerdings zum Verhängnis werden, als wir zirka eine Stunde später in einer Gondel sitzen, in der extra für uns ein Frühstückstisch aufgebaut wurde. Kein Witz. Ein echtes Gondelfrühstück.

Bei Kaffee, Brötchen und Müsli schippern wir gemächlich mit der Almkopfbahn in Bichlbach bergauf und bergab, genießen das schöne Wetter und schlagen uns die Mägen voll. Damit wir nicht irgendwann das Mindestgewicht für die Gondel überschreiten, beschließen wir dann doch noch einen gemütlichen Verdauungsspaziergang am Almkopf zu machen. Aber wirklich nur gemütlich, denn der anstrengende Teil des Tages sollte noch kommen – auch wenn dieser erstmal nicht als solcher erkennbar ist. Was soll schließlich beim E-Mountainbiken anstrengend sein?

Bergfreunde unter Strom

Ich muss vorab sagen, dass ich für mich nach wie vor kategorisch ausschließe, E-Bike zu fahren. Allerdings hat sich mein Verständnis für das Nutzen dieser Räder nach unserer Tour doch deutlich vergrößert. Aber fangen wir von vorne an:

Als wir vor unseren Bikes stehen, staune ich erstmal nicht schlecht. Auf dem Unterrohr prangert in großen Lettern “Specialized”. Verdammt teure Dinger, die wir da unter den Hintern geschnallt bekommen. Nach einer kurzen Einführung geht es direkt los. Für mich als Rennradfahrer ist es ohnehin immer ein etwas komisches Gefühl auf einem Mountainbike – und dann auch noch eines mit Motor. Ich schalte ein und gebe Gas – das schwere Gerät setzt sich ohne Mühe in Bewegung und zaubert mir zu meiner Überraschung ein Lächeln aufs Gesicht. Schon auf den Schotterwegen außerhalb Ehrwalds macht das echt Spaß.

Unser Ziel heute soll der Eibseeblick sein. Der liegt genau auf der Grenze zwischen Bayern und Tirol, grob geschätzt 500 Höhenmeter über uns und nur etwa sieben Kilometer entfernt. Macht nach Adam Riese einen ganz ordentlichen Anstieg. Aber genau dafür haben wir ja die Unterstützung. Auf Forst- und Wirtschaftswegen schlängeln wir uns nach oben. Das schöne ist: Jeder kann fahren, wie er möchte. Die einen schalten bei den ganz steilen Stücken auf Stufe 3, andere versuchens auf Stufe 1 – was dann immer noch ganz schön anstrengend ist.

Auf der Hochthörle Hütte gibt es eine kurze Stärkung, gefolgt von einem fantastischen Ausblick auf den Eibsee. Zurück geht’s auf geschotterten Waldwegen mit großartiger Aussicht. Bergab schalte ich die Unterstützung aus und lasse rollen. Das macht das schwere Rad natürlich ganz von alleine. Wird es flach merkt man das Gewicht aber direkt – und schaltet zwangsläufig wieder auf Stufe 1.

Die weitere Abfahrt über schmale Schotterwege macht dann auch für mich als wenig versierten Mountainbiker richtig Spaß und schneller als mir in diesem Moment lieb ist, sind wir wieder am Hotel. Das hat definitiv Laune gemacht. Trotz oder gerade wegen des E-Antriebs. Wie eingangs erwähnt kann ich jetzt deutlich besser verstehen, warum diese Räder so beliebt sind. Unsere Gruppe war trotz individueller Leistungsunterschiede nie weit auseinander – was natürlich in Sachen Motivation und Spaß ein riesiges Plus ist.

Tja, und das wars. Ein Wochenende vollgepackt mit Action, Spaß und ziemlich unvergesslichen Momenten, von denen uns vor allem das herrliche Alpenglühen im Gedächtnis bleiben dürfte. Ok gut, das Gondelfrühstück war schon auch ziemlich genial!

Falls du jetzt auch mal Lust hast, die Region um die Zugspitze wandernd, radelnd oder beim Canyoning zu erleben, empfehlen wir dir einen Blick auf das breite Angebot an Aktivitäten – da ist garantiert auch was für dich dabei!

Oder du machst bei unserem Gewinnspiel mit und gewinnst eine Reise an die Zugspitze. Wir schicken dich und deine Begleitung für vier Tage in ein Vier-Sterne-Hotel mit Halbpension – klick dich einfach rein und mach mit!

Jotunheimen: Zwischen Massentourismus und Abenteuer

22. August 2019
Die Bergfreunde

Noch nie hatte ich eine Gegend dermaßen unterschätzt wie das norwegische Jotunheimen-Gebirge. Und das in mehrfacher Hinsicht. Eigentlich wollte ich auch gar nicht dorthin, sondern in eine weniger bekannte Ecke zwischen Fjorden und Gletschern. Erst zwei Tage vor Abreise brachte mich die ernüchternde Wetterprognose für die Westküste zur Umentscheidung.

Jotunheimen war keine „Priorität“ für mich, obwohl es laut Visit Norwayeine nahezu unberührte Bergregion in Ostnorwegen“ ist, die mit dem Galdhøpiggen (2469 m) und dem Glittertind (2464 m) nicht nur die höchsten Berge Skandinaviens, sondern auch „Wasserfälle, Flüsse, Seen, Gletscher und Täler“ beherbergt.

Ich hatte eben ein paar Vorurteile. „Zu voll“ dachte ich sei es im „beliebtesten Nationalpark Norwegens“. Weil auf der Karte wirkte das Ganze irgendwie klein auf mich. Die Höhenunterschiede zwischen Tal und Gipfel erreichen kaum mal irgendwo die Tausend Meter. Zwar gibt es viele schöne Fotos zu googeln, doch nach den Superlativen und Sensationen sucht der Alpinist vergeblich.

Es kommt nicht (immer) auf die Höhe an

Tja, hätte ich mal genauer hingeschaut. Die Wirklichkeit erweist sich als ganz anders. Einmal dort, muss man nicht mal die eng sitzende Alpinistenbrille abnehmen, um sofort zu verstehen, warum diese Landschaft „Heim der Riesen“ heißt. Sie ist ein perfektes Zusammenspiel von Höhe und Weite. Eine wie absichtlich von den nordischen Göttern arrangierte Komposition aus Himmel und Erde, Fels und Eis, Wasser und Schnee, Gras, Flechten, Moos und Blumen. Für die oft atemberaubende Schönheit spielt das Wasser eine entscheidende Rolle: Es bildet nicht nur (schmelzende) Gletscher und Schneefelder, sondern unzählige Seen, die im wechselnden Licht schimmern und glänzen wie Edelsteine. Sie sind der Schmuck, mit dem sich dieses Gebirge so reich behängt wie kaum ein anderes.

Die befürchtete „Überfüllung“

Das „kleine Gebiet“, das ich vorher für Jotunheimen hielt, ist nur die etwa 20 Kilometer durchmessende Kernzone mit touristischen Anziehungspunkten wie dem Gjendesee und den motorisiert erreichbaren Stützpunkten Leirvassbu und Spiterstulen. Insgesamt umfasst das Gebirge jedoch eine Fläche von mindestens 50 mal 50 Kilometern. Selbst wenn an manchen Sommertagen ein paar Tausend Menschen hier unterwegs sind, verteilen sie sich auf eine Fläche von der dreifachen Größe Berlins. Und der Großteil dieser Menschen ist auf Highlights wie dem Besseggen-Grat versammelt …

Die Tour: Durchquerung von West nach Ost

Startpunkt ist Øvre Årdal, ein Städtchen am hintersten Seitenarm des weit verzweigten  Sognefjords. Ich starte hier, weil ich mir von dem ins Meer mündenden Utladalen mit den darüber aufragenden Hurrungane-Bergen spektakuläre Eindrücke erhoffe (und auch bekomme).

Von Øvre Årdal sind es gut zwei Kilometer bis zum Campingplatz Svalheim, auf dem ich einen Erholungstag von der episch langen Anreise aus Süddeutschland einlege.

Tag 1

Erstaunlicherweise hält der Bus, der das Utladalen talaufwärts fährt, hier nicht. So darf ich mich am ersten Tourentag auf gut fünf Kilometern Asphalt warmlaufen, bevor der Wanderweg beginnt. Am engen Boden des schluchtartigen Tals schlängelt er sich dann bis zur Touristenunterkunft Vetti Gard entlang, bevor es steil durch Wald und Unterholz auf die idyllische Hochebene Vettismorki geht. Dort passiert man den beeindruckenden Vettisfossen, mit 275 Metern der höchste unregulierte Wasserfall Norwegens. Erst jetzt öffnen sich nach und nach die Blicke auf umgebende Berge und Landschaften.

Es folgt der nächste steile Anstieg auf das nächste Plateau. Die Blicke auf das gegenüberliegende, schroff gezackte Hurrungane Massiv und den Canyon des Utladalen sind großes Kino. Doch auch die fast 1000 zurückgelegten Höhenmeter machen sich bemerkbar. Nicht zuletzt wegen des Rucksacks, der neben Zelt, Schlafsack und Isomatte auch Proviant für mehrere Tage und ein völlig unnötiges Notebook beherbergt. Es kommen nochmal 300 Höhenmeter hinzu, bevor es auf den letzten Kilometern wieder 400 Höhenmeter zur Hütte Skogadalsbøen hinuntergeht. Die lasse ich links liegen und wandere das sich östlich öffnende Skogadalen hinauf. Ich hoffe, so schnell wie möglich eine geeignete Stelle fürs Zelt zu finden. Ich bin nicht nur total platt und durchgeschwitzt, sondern auch verblüfft, schon 9 Stunden unterwegs zu sein. Dass ich die Länge der Strecke so unterschätze, liegt auch an meiner rudimentären Planung samt improvisiertem Kartenmaterial (mehr dazu im Infoteil unten).

Zum Glück gibt der lichte Wald ein paar Quadratmeter gemütliche Wiese direkt am Fluss frei. Das abendliche Bad darin ist Wellness pur, der Schlaf im luftig-lichten Innenzelt ebenso.

Tag 2

Das Ziel heute lautet „mitten rein“ ins Jotunheimen, was ich irgendwo in der Nähe der Selbstversorgerhütte Olavsbu verorte. Das Skogadalen hinauf geht es in leichtem Anstieg und begleitet von penetranten Pferdebremsen wieder über die Baumgrenze hinaus. Irgendwann soll laut der Linie auf meiner Handyfoto-Karte links der Abzweig nach Olavsbu kommen. Er kommt auch, nur etwa eineinhalb Stunden und eine Flußdurchwatung später als erwartet. Das sehr lange Tal ist schön, bietet aber nicht allzu viel optische Abwechslung. Dafür entschädigt der nun zu überwindende Bergrücken mit umso gewaltigeren Blicken. Ein erster verheißungsvoller Einblick ins Innere des Jotunheimen.

Der Restweg zum auserkorenen Zeltplatz nahe Olavsbu ist ein heiter beschwingtes Schreiten durch erhabene Berglandschaft. Naja, abgesehen von der Schwitzerei. Und diesem bei manchen Rucksackbewegungen gruselig stechenden Schmerz zwischen Nacken und linker Schulter. Und den nicht genug eingesprühten Sonnenbrandstellen, die weiter der knallenden Sonne ausgesetzt sind. Und den jeweils etwas drei bis vier entstehenden Blasen unter beiden Füßen, die ich mit immer mehr Tape einzudämmen versuche. Und war ich etwa schon wieder jenseits der 8 Stunden Marke? Ich bin jedenfalls froh, als es bei Sonnenuntergang endlich in den Schlafsack geht …

Tag 3: Gipfeltag

Ich brauche definitiv einen Regenerationstag ohne den gefühlten Hundert Kilo Rucksack. Es wird eine 5-Stunden Regenerationstour, einen Berg rauf und runter, der mir am Vortag als formschöne und machbar aussehende Pyramide aufgefallen war. Er entpuppt sich tatsächlich als machbar, ziemlich easy sogar. Es ist wohl der erste größere Berg, den ich spontan, ohne vorher überlegte Route und ohne Kenntnis seines Namens besteige. Ein wunderbares Gefühl, vielleicht ein bisschen so wie in alten Pionierzeiten. Vor allem auch deshalb, weil ich den Berg ganz für mich allein habe. Unglaublich eigentlich, an diesem herrlichen Hochsommertag an einem Wochenende, direkt neben einer der „Hauptrouten“ des Jotunheimen. Liegt es daran, dass es keinen markierten Weg gibt? Taucht der Berg in keinem Wanderführer auf? Ich weiß es nicht und es ist mir auch wurscht. Ich genieße zwei Stunden lang die unglaubliche Aussicht auf dem Gipfel.

Zurück am Zelt mache ich einen Abstecher zur benachbarten Hütte. Olavsbu ist unbewirtet aber komfortabel ausgestattet. An der großen Wandkarte im Vorraum sehe ich den Namen und die Höhe „meines“ Bergs: Skarddalstinden, 2100 moh. Dann sah ich noch etwas in der laminierten Preisliste der Hütte: wer sich im Gastraum aufhält, auch nur kurz, hat 90 Kronen zu zahlen. Alles klar, ich bin dann mal weg.

Entscheidungen

Abends steht eine Entscheidung an: der faule, manchmal etwas weinerliche Hund in mir schlägt vor, morgen nach Leirvassbu zu gehen und so binnen einer Tagesetappe die zivilisatorischen Annehmlichkeiten wieder greifbar zu haben. Seine Argumente sind Ausgepumptheit und Wehwehchen. Der neugierige Abenteurer will hingegen nach Osten, wo er große Natureindrücke bei schönstem Wetter verspricht. Die es allerdings nur um den Preis zweier weiterer richtig strammer Marschtage gibt. Okay, nicht ganz, sie könnten mit einer sündhaft teuren Bootsfahrt und/oder dem Auslassen des Besseggengrats enorm abgekürzt werden. Doch das wäre für den Abenteurer ein nicht vermittelbarer Gesichtsverlust. VerdaJommt, können diese inneren Kämpfe nicht mal im Urlaub aufhören? …

Tag 4

Es geht nach Osten, entlang einer Perlenkette an Seen in Richtung der Hütte Gjendebu. Der Weg ist abwechslungsreich mit sich überraschend öffnenden Blicken. Vorbei an einer grandiosen  Hochplateau-Szenerie geht es ins grüne Vesladalen auf den 20 Kilometer langen Gjendesee zu. In Gjendebu mache ich in einem prachtvollen Gastraum Pause, bevor es kurz den Gjendesee entlang und einen supersteilen, teils gesicherten Aufstieg auf das Plateau Bukkelægret hinaufgeht. Auf diesem Plateau hoffe ich den perfekten Zeltplatz zu finden. Und ich finde ihn, wenige Meter von einem glasklaren Seeauge, nicht zu weit vom Weg entfernt und mit freier Traumaussicht in alle Richtungen. Auch der Wunsch nach wenig Wind wird erfüllt. Wieder bin ich verwundert, einen unglaublich schönen Ort für mich allein zu haben. Ich nehme das Geschenk gern an und verbringe die Stunden bis zum Sonnenuntergang mit einem Bad im See, mit Essen, mit Schauen und mit Staunen.

Tag 5

Der letzte Tourentag führt mich auf einen der laut National Geographic „Top 20 Hikes weltweit“: den Besseggen-Grat. Doch zunächst steht der Abstieg nach Memurubu an, dem „offiziellen“ Ausgangspunkt der Tour. Zum Aufwärmen führt der Weg kontinuierlich leicht bergan, um dann einem spektakulär gelegenen Kamm folgend zum steilen Abstiegs-Endspurt nach Memurubu anzusetzen. Memurubu ist ein weiterer Hütten-Gebäudekomplex mit Bootsanleger. Die meisten Besseggengrat-Wanderer steigen hier aus dem Boot und laufen die Tour zurück zum Ausgangspunkt Gjendesheim. Auf die leichten Rucksäcke bin ich neidisch, doch es finden sich auch viele schwer bepackte „Leidensgenossen“ in der Karawane. Ich frage mich, wo sie alle herkommen. Das Kontrasterlebnis in Bezug auf Menschenmengen verglichen mit den Vortagen entspricht ungefähr dem zwischen Einsiedelei und Alexanderplatz.

Doch das soll kein Lamento sein. Im Gegenteil, ich freue mich über freundliche Grüße, beobachte Kinder, Hunde und Selfie-Filmer, die anscheinend zu ihren Followern ins Tablet quasseln. Auch das gelegentliche fast-auf-die-Füße-latschen an Engstellen stört mich nicht, da Umgebung und Aussichten viel zu fantastisch sind, um sich über irgendetwas aufzuregen.

Zwar halte ich nichts davon, Outdoorerlebnis zu raten und zu ranken, doch dieser Besseggen-Hike wird völlig zu Recht von National Geographic hervorgehoben. Zu den Highlights zählen nicht nur die nette Kraxelei und der berühmte „Zwei-Seen-in-unterschiedlicher-Farbe-Blick“, sondern auch die Abwechslung der Eindrücke und das Panorama auf dem Veslfjellet, das gefühlt halb Norwegen umfasst.

Absolut zufrieden und reichlich platt komme ich abends am Campingplatz Maurvangen an und bin zurück in der „Zivilisation“.

Begleiterscheinungen: körperliche Verausgabung, geistige Erholung

Nach fünf Tagen Trekking von „Rückkehr in die Zivilisation“ zu schreiben, ist etwas dick aufgetragen, doch die Zeit reicht für interessante Beobachtungen. Zum Beispiel die, dass die Zeit „draußen“ ungeachtet körperlicher Anstrengungen eine enorme geistige Erholung bringt. Wie das funktioniert? Dazu habe ich zwei Theorien.

  1. Das Hirn hat während der Tage in der Natur weit weniger Eindrücke zu verarbeiten und das Erleben ist sehr auf den Moment und die Körperaktivitäten bezogen. Da bleibt nicht viel Raum für das alltägliche Umherschwirren in Zukunft und Vergangenheit des eigenen Lebens und der Weltgeschichte. Und es fällt auf, wie viel Energie dieses Umherschwirren eigentlich verbraucht. Das Draußensein und die körperliche Aktivität sorgen eindeutig für weniger Gedankensalat und mehr gegenwärtige Wahrnehmung. Und das ist ein ziemlich erholsamer Zustand, dessen wohltuende Wirkungen noch Wochen später zu spüren sind.
  2. Die in Mitteleuropa nicht zu habende, weiträumige Abwesenheit von Stromleitungen, Handymasten, W-Lans, mobilem Internet, Straßen und Fluglärm ist ebenfalls purer Wellnessurlaub für Hirn und Nerven. Den „Skeptikern“, denen das zu „esoterisch“ klingt, kann ich nur empfehlen, es einfach mal selbst zu probieren :-)

Praktische Infos

Anreise, Kosten

Von Oslo aus fährt u.a. das Unternehmen Nor-Way mit der Linie Valdresekspressen im Sommer mehrmals täglich nach Gjendesheim im Osten, Lom und Leirvassbu im Norden und, mit umsteigen, Øvre Årdal im Westen.

Für Busse, Bahnen, Essen und Unterkünfte legt man im Schnitt etwa das Doppelte der in Deutschland gewohnten Preise auf den Tisch. Ein Vorratseinkauf in einer billigen Supermarktkette wie „Rema 1000“ kostet etwa soviel wie ein Alnatura-Einkauf hierzulande.

Jotunheimen ist großteils Nationalpark, kostet aber keinen Eintritt. Das Jedermannsrecht mit legalem Frei-Zelten gilt meines Wissens nach auch im Nationalpark überall.

Übernachten: Hütten, Camping, Wild zelten

Es gibt genügend Hütten, um theoretisch das ganze Gebirge mit einem leichten Tagesrucksack zu durchqueren. Angesichts von um die Hundert Euro pro Tag, die der Spaß auf diese Weise kosten dürfte, ist das volle Naturerlebnis beim Zelten vielleicht doch schöner. Ich umkurvte die norwegischen Preise mithilfe eines prall gefüllten Vorratsbeutels und perfekten Wetters. Letzteres machte es einfach, das freie Zeltens voll auszukosten. Normalerweise zeigt sich das Wetter nicht so gnädig. Dann dürfte es sinnvoll sein, teils zu zelten und teils die Hütten zu nutzen.

Wege und Gelände

Die „Widerspenstigkeit“ des Terrains ist einer der Faktoren, die ich unterschätzt hatte. Ein Großteil der hier vorgeschlagenen Tour ist auf Wegen zurückzulegen, die mit Steinen in allen Größen gespickt sind. Hinzu kommen jede Menge kleiner Wasserläufe und Schlammpassagen. Was wie eine schöne Wiese zum Zelten aussieht, entpuppt sich nicht selten als Sumpf. Längere Passagen auf komfortablen Wanderpfaden gibt es nach meinem Eindruck im Osten Jotunheimens häufiger als im Westen. Auch Infrastruktur und Frequentierung zeigen ein „Ost-West Gefälle“ (nach Osten zunehmend).

Wasser, Verpflegung

Wasser ist überall in trinkbarer Qualität vorhanden. Ich hatte eine Halbliterflasche am Rucksack, die ich immer wieder an Gewässern nachfüllte. Bei Gipfeltouren sollte man etwas mehr Wasservorrat dabei haben.

In den bewirteten Hütten werden warme Mahlzeiten angeboten. Das Angebot an Verpflegung für unterwegs scheint sich auf Knabberzeug und Süßigkeiten zu beschränken.

Wetter/Klima, „beste“ Jahreszeit

Hauptsaison ist natürlich der kurze Sommer im Juli und August. Auf den Hochflächen und in den Hochtälern kann es jederzeit ungemütlich werden, denn es gibt kaum Schutz vor den Elementen. Also auch nicht vor der Sonne, die sich bei meiner Tour als echte Herausforderung entpuppte.

Auch in der Waldzone bieten die kleinen Bäume nicht allzu viel Schutz. Sie stehen auch oft eng beieinander, auf sumpfigem und unebenem Boden.

Ausrüstung

Ich nenne hier keine Komplettliste der Trekking-Standards, sondern nur einige Besonderheiten, die man womöglich nicht auf der Rechnung hat:

Sonnencreme: normalerweise Sonnencrememuffel habe ich in Norwegen binnen 5 Tagen an die 100 ml verbraucht. Und fühlte mich mit Faktor 20 grenzwertig niedrig versorgt.

Wasserfeste Sandalen/Crocs: Wasserläufe sind oft zu queren. Im komplexen Gelände ohne erkennbaren Weg kann das Waten zeitsparender sein als die Suche nach der trockenen Fußes querbaren Stelle.

Stabile, atmungsaktive und wasserfeste Bergschuhe, die fest am Fuß sitzen, sind kein Luxus, sondern Pflicht.

Spezial-Ultrageheimtipp: Auf 61° nördlicher Breite wird es Ende Juli die ganze Nacht nicht richtig dunkel. Das kann einen lichtempfindlichen Schläfer zum Wahnsinn treiben. Die Schlafmaske vom DM für Zweifünfundvierzig war womöglich mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand.

Orientierung, Karten

„Schnell mal online checken“ ist nicht, da wie gesagt weder Handyempfang noch mobiles Internet. Was auch gut so ist.

Der ganze hier beschriebene Weg ist durchgängig markiert. Einen klar erkennbaren Pfad hat man jedoch nur bei weichem Untergrund. Die meiste Zeit verbringt man in schrofigem und steinigem Gelände, das sich auch gern mal zu kleinen Labyrinthen aus Hügeln auffaltet. Da ist der Wegverlauf dann nicht mehr offensichtlich und es kann etwas dauern, bis man die nächste Markierung entdeckt.

Da meine Jotunheimen Tour eine Kurzfristentscheidung war, hatte ich nur noch Zeit für ein paar abfotografierte Kartenausschnitte aus der Website norgeskart.no. Diese etwa zehn Karten-Fotos lösten für Details im Gelände natürlich viel zu schlecht auf und wären für eine Navigation bei schlechtem Wetter völlig unzureichend gewesen. Besser ist da schon die hier bei den Bergfreunden erhältliche Satmap Norwegen. Idealerweise greift man auf die guten alten Papierkarten zurück, von denen es für Jotunheimen reichlich Auswahl in guter Qualität gibt.

Sicherheit

Wie man unnötige Risiken im Fjell vermeidet, kann man hier bei Visit Norway nachlesen. Wer allein gehen und es noch etwas fundierter wissen möchte, findet hier im Basislager einen Artikel über die Notfallvorsorge auf Solotouren.

Unter den vielen Blogs, die es zu Touren in Jotunheimen gibt, fand ich den Touren-Wegweiser mit seinen vielen praktischen Tipps besonders informativ.

So, damit sollte das pralle und hoffentlich kurzweilige Jotunheimen-Infopaket fertig geschnürt sein. Wenn du Lust bekommen hast, dort selbst herumzustreifen, sehen wir uns vielleicht in einem der nächsten Sommer dort. Denn ich muss mindestens noch einmal dorthin …

Wahnsinn mit Methode? Das Business am Everest

2. August 2019
Die Bergfreunde

Schlange stehen am Gipfelgrat und fast ein Dutzend Tote: der ganz normale Wahnsinn der Everest-Frühjahrssaison machte auch 2019 wieder Schlagzeilen. Jetzt, im europäischen Sommer, hätte man den Berg hingegen ganz für sich allein. Doch man würde es wohl kaum zum Gipfel schaffen, denn der gleicht in der Monsunzeit einem Inferno. Schwere Gewitter laden meterweise Schnee ab, der von Sturmböen zu Fahnen von Hundert Metern Höhe aufgeworfen wird.

Im Oktober kommen noch einmal ein paar Wochen mit stabilem Wetter und einigen „Gipfeltagen“, bevor extreme Kälte bis Ende April einzieht. Alles in allem bleiben nur etwa sieben bis zwölf Tage im Jahr, in denen die Bedingungen eine Gipfelbesteigung mit kalkulierbarem Risiko erlauben. Im Mai 2019 waren es allerdings nur 4 Tage, an denen die etwa 300 Aspiranten den Gipfel versuchen konnten. Und „dank“ der satellitengestützten Wettervorhersage starten die kommerziellen Expeditionen mittlerweile fast alle zeitgleich vom letzten Lager am South Col zum Gipfel.

Der zeitliche Engpass ist ein Grund für die alljährlichen Staus in den Flanken und auf dem Gipfelgrat. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die weitaus meisten Gipfelstürmer auf die Fixseile angewiesen sind, die von den Sherpas vor der Saison fast den gesamten Weg am Berg hinauf installiert werden.

Ohne die mit Eisschrauben, Eissanduhren und Firnankern befestigte „Nabelschnur“ würden die vielfach unerfahrenen und wenig kompetenten „Bergsteiger“ in Gletscherspalten verschwinden, in der steilen Lhotseflanke oder am ausgesetzten Gipfelgrat abstürzen, sich im Nebel und Erschöpfungsdelirium verirren und auf vielfache andere Weise verunfallen.

Zum Höhepunkt kommen: was reizt die Menschen am Everest?

Mehr als 5000 Menschen waren seit der Erstbesteigung 1953 auf dem Gipfel. Die Zahl der Gescheiterten ist um ein Vielfaches höher. Etwa 300 Menschen haben bislang am Everest den Tod gefunden. Hinzu kommen etliche erfrorene Zehen und Finger sowie viele andere bleibende Gesundheitsschäden. Der Gipfelversuch ist trotz aller Zähmung des Berges nach wie vor ein extrem kräftezehrendes und riskantes Unterfangen.

Doch die Anstrengungen und Risiken nehmen Gipfelkandidaten ebenso in Kauf wie den finanziellen Aufwand, der mit bis zu 90.000 US Dollar dem Erwerb einer Oberklasse Limousine entspricht.

Ruhm und Anerkennung gibt es für die große Mühe unter Bergsteigern eher wenig, denn unter ihnen gilt der Everest heute keineswegs mehr als besonders erstrebenswertes Ziel. Im Gegenteil, viele sind vom Ehrgeiz, auf dem höchsten Punkt der Welt zu stehen, genauso abgestoßen wie von der Art und Weise, wie dieser Ehrgeiz umgesetzt wird. Spitzenalpinist Hans Kammerlander, der selbst ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel war, bringt das folgendermaßen auf den Punkt:

80 Prozent der Leute sind bei Weitem nicht geeignet. Sie verlassen sich nur auf die Infrastruktur und die Sherpas. Viele machen das, weil sie glauben, das ist eine tolle Imagesache. Dabei ist es eher lächerlich und alpinistisch völlig bedeutungslos.

Noch zugespitzter kann es nur der Meister höchstselbst formulieren:

„Es ist der Fluch der Eitelkeit, der die Menschen an diesem Berg treibt“, sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. „Der Wille der Menschen ist dort stärker als das bergsteigerische Können. Für sie zählt nichts, außer der Gipfel.“

Wie gesagt, nicht all zuviel Respekt von Seiten des Bergestablishments. In der viel größeren, nicht-bergaffinen Öffentlichkeit dürfte die bewundernde Aufmerksamkeit für Everest-Bezwinger deutlich größer sein.

Gipfel all inclusive: wie läuft das Everest-Business ab?

Neun von zehn Bergsteigern an den Everest-Flanken sind Kunden eines kommerziellen Veranstalters. Viele von ihnen haben wenig bis keine Bergerfahrung, manche wissen zu Beginn der Expedition nicht, wie man Steigeisen oder einen Helm anzieht. Dafür haben sie das nötige Kleingeld. Sie zahlen zwischen 25.000 und 90.000 Dollar an den Touroperator und erwarten dafür, auf den Gipfel gehievt zu werden.

Deutschsprachige Veranstalter mit dem Everest im Katalog sind u.a. Amical Alpin und Summitclimb. Beide sind bestrebt, derartige Kunden im Vorfeld auszusieben. Das scheint auch durchaus zu gelingen, denn bei diesen Anbietern kommt es vergleichsweise selten zu Unglücksfällen.

Beim DAV Summit Club hat man den Everest dennoch seit langem mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass Bergführer und Sherpas in diesen Höhen keine Verantwortung für das Leben zahlender Kuunden übernehmen können.

Es ist zwar definitiv unmöglich, Kunden eine unbeschadete Rückkehr vom Gipfel zu garantieren, doch gute Agenturen versuchen alles, was menschenmöglich ist. So hat „Himalayan Experience“, der größte kommerzielle Veranstalter, den Ruf, strenge Standards zu setzen. Dazu gehört, dass jeder Bergsteiger und Sherpa einer „Himex“-Seilschaft ein Funkgerät erhält und sich täglich melden muss. „Von jedem Teilnehmer wird verlangt, Lawinenverschütteten- Suchgerät (LVS-Gerät), Helm, Klettergeschirr und Steigeisen mitzuführen und sich stets in Sicherungsseile einzuklinken. (…) Die Kunden müssen das Tempo mithalten oder umkehren.

Andere Anbieter versuchen die Sicherheit zu maximieren, indem sie bei jedem Gipfelgang ausgeruhte Sherpa im obersten Lager „stationieren“. Sie sollen helfen, wenn höher oben etwas schief geht. Die Frage ist dann nur, ob die Kunden den Anweisungen der Sherpa auch Folge leisten. Denn: „Sherpa sind an den höchsten Bergen wunderbare und einzigartig leistungsfähige Begleiter. Aber die allermeisten von ihnen sind keine Führungspersönlichkeiten, die klare Zeichen setzen und eine Umkehr anordnen können.“

Everest-Kunden sind hingegen oft „Führungspersönlichkeiten“, die es gewohnt sind, zu bekommen was sie wollen. Sie schaffen es nur zu oft auch unter Sauerstoffmangel und wider aller Vernunft, ihren Willen durchzusetzen. Und damit nicht selten in ihr Verderben zu laufen.

Die Sherpa haben natürlich auch ein monetäres Eigeninteresse an diesem Tourismus. Hochlager-Träger können mehrere Tausend US-Dollar pro Saison verdienen, erfahrene Gipfelbegleiter auch Fünfstellige Beträge. Zusätzlich gibt es Boni, wenn Kunden den Gipfel erreichen. Mit diesen Einnahmen versorgen viele der Einheimischen ganze Großfamilien.

Der Ablauf der Gipfeltour

Die Gipfelaspiranten haben etwa 6-8 Wochen „Urlaub“ und finden sich Anfang-Mitte April in der nepalesischen Khumbu-Region zu Füßen des Everest ein. Die meisten von ihnen wandern vom nächstgelegenen „Flughafen“ in Lukla (2800m) etwa eine Woche zum Basislager. Auf diesem „Teahouse Trek“ wird der Großteil der Ausrüstung von Sherpas und Yaks transportiert und die Touristen können sich relativ komfortabel an die Höhe anpassen.

Spätestens ab dem Basislager auf 5400 Metern ist aber Schluss mit komfortabel, denn die Anpassung des Körpers an den Sauerstoffmangel wird ab dieser Höhe mühsam. Gegen Ende April wird dann mehrfach zwischen Basecamp und den Hochlagern I bis IV auf- und abgestiegen, um im Mai eines der kurzen Wetterfenster zu erwischen, an denen es in der „Todeszone“ oberhalb von 7000 m nicht stürmt und die Temperaturen mit Minus 25 Grad Celsius „mild“ sind.

Auf der tibetischen Nordseite läuft der Prozess ähnlich ab. Es sind aber weit weniger Leute unterwegs, da die Route technisch schwieriger und eine Rettung bei Schwierigkeiten weniger wahrscheinlich ist als auf der nepalesischen Südroute. Die Nordroute ist aber „objektiv“ deutlich sicherer, da sie weder große Eisbrüche noch spaltenreiche Gletscher oder besonders gefährliche Lawinenhänge überwindet. Zudem sind die Wartezeiten an den „Schlüsselstellen“ aufgrund der geringeren Zahl an Leuten nicht so lang.

Der große Andrang

Zu viele Menschen zur gleichen Zeit: das ist das Kernproblem des „Everest Wahnsinns“. Es steht immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Medien, Alpinisten, Tourunternehmern und Nepals Politikern. Dass die 381 Genehmigungen, die dieses Jahr erteilt wurden, zu viel waren, zeigte sich daran, dass die meisten der 11 Toten wegen der langen Staus und Wartezeiten starben. Doch weniger Genehmigungen bedeuten entgangene Einnahmen. In Nepal sind die 9800 Euro für eine Everest-Lizenz und die vielen weiteren Ausgaben, die der Everest-Tourismus auf dem Weg zum Gipfel tätigt (Anreise, Essen, Unterkunft, Träger- und Führerkosten, weitere Permits und Gebühren), eine große Menge Geld.

Es gibt also von vielen Seiten ein reges Interesse an möglichst vielen „Kunden“ am Everest. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum es abgesehen vom Geld kaum Voraussetzungen und Auflagen gibt und so viele unfähige und überforderte Aspiranten unterwegs sind. Reinhold Messners Forderung nach dem Verbot der kommerziellen Touren dürfte in diesem Gemenge nicht viel Anklang finden.

Wie anstrengend und schwierig ist der Everest?

Wenn ihr von einer Everest-Besteigung zurückkehrt, ist euer Körper quasi ein Wrack. Viele Menschen sterben daran.“ Dieser Satz von Kami Rita Sherpa sagt im Grunde alles über den Grad an Anstrengung. Die dünne, sehr trockene und sehr kalte Luft wirkt auf die allermeisten Menschen kräftezehrend und auslaugend. Ab etwa 7000 m Höhe verlangt jeder einzelne Schritt einen großen Willensakt.

Die technischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Der riesige und aufgrund seiner Instabilität sehr gefährliche Gletscherfall des Khumbu-Eisbruchs wird von den „Ice Doctors“ komplett mit einem „Klettersteig“ aus Leitern und Fixseilen präpariert und instand gehalten. Stolperer und Stürze werden normalerweise vom Fixseil aufgefangen.

Der Weiterweg zur Lhotseflanke ist ebenfalls „nur“ anstrengend und gefährlich, nicht aber technisch schwierig. In der Flanke wird es mit bis zu 80° zwar sehr steil, doch da man auch dort immer am Fixseil eingeklinkt ist, hat technisch unsauberes Steigen abgesehen von Kräfteverschleiß keine ernsten Konsequenzen.

Am Gipfelgrat wird es dann richtig ausgesetzt, was vor allem eine psychische Herausforderung ist, die aber wiederum durch Fixseil und Begleiter entschärft wird. Die ehamals als Hillary Step bezeichnete Stelle ist zwar seit dem Wegbrechen durch das Erdbeben im Jahre 2015 weniger anspruchsvoll, gilt allerdings nach wie vor als Nadelöhr.

Höhe, Kälte, Stürme: Wie gefährlich ist der Everest?

Die Normalroute von Süden ist definitiv gefährlich, da es viele Gefahrenquellen gibt, die man nicht beeinflussen kann („objektive Gefahren“). Man befindet man sich tagelang in Gelände, das jederzeit von Lawinen überrollt werden kann. Zugleich befindet man sich auf einem schnell fließenden, von tiefen Spalten zerfurchten Gletscher, auf dem neue Spalten binnen Sekunden mit lautem Getöse aufreißen können.

Die Nordroute von Tibet aus ist objektiv sicherer, allerdings klettertechnisch schwieriger und man kann dort im Falle von Problemen weit weniger mit Hilfe oder gar Rettung rechnen.

Gefährlich ist allein schon der Aufenthalt in der Todeszone, jenem Bereich oberhalb 7000 Meter, in dem der Sauerstoffpartialdruck so gering ist, dass Körper und Geist selbst dann rapide abbauen, wenn man nur schlafen, essen und trinken würde. Ein Aufenthalt von mehr als 48 Stunden führt bei den meisten Menschen zu einem tödlichen – meist durch Erschöpfung und Unterkühlung beschleunigten – Verlauf der Höhenkrankheit. Deshalb sind auch die Wartezeiten so gefährlich: sie sorgen für Erschöpfung und steigern die Wahrscheinlichkeit von Höhenkrankheit und Erfrierungen. Der Sauerstoffmangel (der durch Flaschensauerstoff nur teilweise ausgeglichen wird) schränkt auch die geistige Leistungsfähigkeit ein und trübt das Urteilsvermögen. Deshalb kommt es in der Todeszone häufig zu fatalen Fehlentscheidungen, die aus alltäglicher Perspektive nicht nachvollziehbar scheinen.

Insgesamt liegt der „Bodycount“ des Everest bislang bei etwa 300, was einer Sterblichkeitsrate von etwa vier Prozent entspricht. Angesichts des Rummels am höchsten Berg könnte sie auch weit höher sein. Berglegende Hans Kammerlander beispielsweise wundert sich, warum nicht viel mehr Menschen ums Leben kommen:

Wenn so eine Masse unterwegs ist und ein Sturm aufkommt, können auch schnell 50 oder 100 Menschen sterben. Der Berg kann zur Bestie werden. Oder im unteren Teil, da befindet sich der Khumbu-Eisbruch. Wenn viele Menschen weit oben sind und im Eisbruch eine Lawine abgeht, was jederzeit sein kann, sind dort alle Seile weg und der Weg nach unten ist kriminell. Dann kommt kaum noch jemand runter.

Khumbu-Leitersteig, Internetcafe und Fixseilautobahn: Die Infrastruktur

Nach Ansicht der meisten Extrem- und Spitzenbergsteiger hat eine Everestbesteigung nicht mehr viel mit Bergsteigen und Alpinismus zu tun. Kammerlander erklärt im Interview, wie der Everest für Nichtalpinisten präpariert wird:

Der Berg wird von Spezial-Sherpas jeden Frühling präpariert. Es wird mit Seilen und Leitern eine Art Klettersteig gebaut. Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Die Anbieter klinken sich in diese Infrastruktur ein.

Das Basislager ist längst zu einer Zeltstadt mit bis zu 1000 „Einwohnern“ geworden. Schon zu Anfang des Jahrtausends trampelten sich dort die Expeditionen auf den Füßen herum, konnte man sich mit T-Bone-Steak und Heineken stärken und im Internetcafe einen Heldengruß nach Hause schicken. Es tummeln sich hier auch weit mehr Leute als nur die Gipfelaspiranten. Die meisten der rund 35.000 Touristen, die jährlich den Sagarmatha-Nationalpark besuchen, in dem der Everest liegt, wollen zum Everest Base Camp.

Leichengasse, Müllberge und Massenschlägereien: die Auswüchse

Was es wirklich bedeutet, nahe des Gipfels im Stau zu stehen, macht der Augenzeugenbericht des kanadischen Bergsteigers Elia Saikaly vom Mai diesen Jahres deutlich: „Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4„. Saikaly hat nach eigener Aussage versucht, Bergsteiger zum Umdrehen zu bewegen, die später gestorben seien. Menschen seien niedergerissen worden, er musste über ihre Körper steigen.

Man muss also sprichwörtlich über Leichen gehen, um den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Dazu noch einmal Hans Kammerlander:

Die Moral, die unter Alpinisten das erste Gebot sein sollte, hat heute kaum noch einen Stellenwert. Wenn von oben jemand kommt, total erschöpft und ohne Sauerstoff, helfen die wenigsten, weil sie zurück müssten und den Gipfel verlieren. Die denken sich: Das macht schon der hinter mir.

Wie es aussieht, wenn alle so denken, das wurde 2012 beim üblichen Stau am Hillary Step deutlich, „als dort entkräftete Menschen apathisch im Schnee saßen oder hemmungslos weinten, als andere schrien und wieder andere darum flehten, man möge sie doch bitte hinunterlassen, kannte niemand Gnade oder Rücksicht.

2006 machte ein ähnlicher Fall Schlagzeilen, als dem Briten David Sharp im Abstieg der Sauerstoff ausgegangen war. Rund 40 Bergsteiger sollen passiert haben, ohne zu helfen, bevor Sharp an Ort und Stelle starb.

Man lässt den Anderen lieber sterben, als den eigenen Gipfelerfolg zu gefährden. Mit dieser Art von zwischenmenschlicher Interaktion muss man rechnen, wenn man ganz nach oben will.

Leichen als Wegmarken

Da die Bergung von Leichen mühsam, schwierig und gefährlich ist, blieben von den 300 Toten des Everest etwa 200 auf den Hängen des Berges liegen – begraben unter Eis und Schnee oder offen. Immer mal wieder kommen Leichen oder einzelne Teile in den Camps zum Vorschein. Einige Exemplare dienen sogar als Wegmarken. So ist die nah am Gipfel liegende Leiche eines Inders, der vermutlich 1996 ums Leben kam, als „Green Boots“ bekannt, weil sie nach wie vor die markanten grünen Bergstiefel trägt.

Explosive Anspannung

Ein weiteres Sinnbild für die unappetitlichen Seiten des Everest-Business war 2013 die Massenprügelei im Tal des Schweigens, in der etwa 100 aufgebrachte Sherpas den Schweizer Spitzenalpinisten Ueli Steck und zwei Begleiter beinahe gelyncht haben sollen. Nur durch beherztes Einschreiten anderer westlicher Bergsteiger sollen Steck und die zwei Profibergsteiger-Kollegen mit dem Leben davongekommen sein. Die im Zuge der Kommerzialisierung des Berges aufgestauten Spannungen hatten sich entladen, als die Sherpas meinten, die führerlosen Alpinisten hätten ihre Fixseile traversiert und dabei Eisschlag ausgelöst.

Höchstgelegener Müllberg der Welt

Auch der auf dem Dach der Welt aufgetürmte Müll gibt kein gutes Bild ab. Neben Zelten, Sicherheitsseilen, Lebensmittelpackungen, leeren Sauerstoffflaschen, Kochern und Fäkalien bleiben wie erwähnt auch die Leichen oft liegen. Sherpas brechen immer wieder zu Säuberungsaktionen ihres heiligen Berges auf, bei denen, soweit möglich, auch Tote abtransportiert werden.

Lösungsversuche

Seit 2014 soll ein Pfandsystem den Müllberg bändigen. Jeder Bergsteiger soll etwa 8 Kilogramm Müll wieder mit hinunternehmen – so viel wie jeder im Durchschnitt produziert. Expeditionen müssen eine Kaution von rund 4420 Euro hinterlegen, die sie zurückerhalten, wenn ein Regierungsbeamter bestätigt hat, dass die Expedition „sauber“ war. Die Kontrollen werden allerdings nicht besonders strikt durchgesetzt.

Es mangelt auch nicht an weiteren vernünftigen Vorschlägen, den Everest-Wahnsinn in gesündere Bahnen zu lenken. Doch wie so oft sind Mäßigung und Vernunft umso schwer durchzusetzen, je mehr Dollarbündel im Spiel sind.

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