Die Bergfreunde bei den 24 Stunden von Bayern

31. Juli 2015

Sportart

Bergfreunde beim 24 Stunden von Bayern

Trotz Regen gut gelaunt. Foto: Peter Wilson

Vom 27. auf den 28.06.2015 machten sich drei Bergfreunde auf den Weg ins Räuberland. Dass im Norden Bayerns gelegene Gebiet im Spessart-Mainland zählt zu den schönsten deutschen Mittelgebirgs-Wanderregionen. Namensgeber für die Region sind die berühmt-berüchtigten Spessarträuber, um die sich zahlreiche Sagen ranken.

Was Anni, Robert und Simon auf dem Wanderkultevent24 Stunden von Bayern“ und dem abwechslungsreichen Rahmenprogramm alles erlebt haben, berichten sie Euch selbst.

 24 Stunden von Bayern - Das Wanderkultevent


24 Stunden von Bayern – Das Wanderkultevent

 

Simon

Es ist Freitag Mittag und ich sitze zusammen mit meinen Kollegen Anni und Robert im Auto. Wir haben uns aufgemacht, den Spessart bei den 24 Stunden von Bayern wandernd zu erkunden. Vor dem Fahrtantritt mussten wir erst einmal im Internet nachschauen, wo denn genau der Spessart überhaupt liegt. Irgendwie hat jeder den Namen schon gehört, aber wenn man so im Kollegenkreis herum fragt, weiß keiner so recht, in welche Richtung wir fahren müssen. Wir werden also an diesem Wochenende einen weißen Fleck von unserer persönlichen Deutschlandkarte tilgen und sind gespannt darauf, was uns erwarten wird.

Im letzten Jahr bin ich schon einmal mitgewandert bei dieser Wanderung, die jedes Jahr in einem anderen Teil Bayerns ausgerichtet wird. Es ist schon eine besondere Erfahrung, wenn man ohne Schlaf 24 Stunden am Stück auf Wanderschaft geht. Bei meinem Start 2014 war ich ziemlich aufgeregt und wusste nicht so richtig, was auf mich zukommt und auch in diesem Jahr steigt neben der Vorfreude auch ein wenig die Nervosität, warten doch unbekannte Wanderwege und beinahe 75 Kilometer Wanderung auf uns. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was Anni und Robert sich gedacht haben, als ich sie fragte, ob sie nicht spontan Lust hätten, sich zusammen mit mir und den 444 anderen Wanderern dieser Herausforderung zu stellen. Die beiden sind richtig fit, aber eine so lange Strecke und Zeit am Stück haben sie auch noch nicht wandernd zurückgelegt.

Wir biegen ab von der Autobahn und fahren über die Landstraße weiter. Die Landschaft ist geprägt von sanften Hügeln, weiten Feldern und ursprünglich wirkenden Wäldern. Es gefällt uns gut auf dieser Landpartie und wir rollen entspannt unserem Ziel, dem Örtchen Mespelbrunn, entgegen. Hier wurden einige Szenen aus dem Film „Das Wirtshaus im Spessart“ gedreht und rund um diese Gegend wollen wir morgen früh ab 8 Uhr auf unsere lange Wanderung gehen. Wir checken im Hotel ein, schauen uns kurz am Startplatz um und lassen den Abend gemütlich in einem urigen Wirtshaus ausklingen. Wir sind gespannt darauf, was der morgige Tag für uns bereithalten wird.

Robert

7.30 Uhr – Regen

Mit der Laune sieht es trotzdem gut aus, als wir uns alle zum ausgiebigen Frühstück treffen. Danach schnell den Rucksack gepackt und Regensachen übergestülpt – schon geht’s los zum Start.

8.00 Uhr – Regen

Am Start wird noch mal gefachsimpelt. Wie laufen wir? Langsam. Schwere wasserdichte Trekkingstiefel oder leichte Trailrunningschuhe? Stiefel. Wobei wir die letzte Entscheidung im Laufe der Zeit bereuen sollten. Als um 8 Uhr die #24hvb eröffnet werden, geht es erst einmal gemütlich den nachgestellten Kreuzweg von Jesus entlang, was uns wohl ein bisschen auf das Leiden einer so langen Wanderung einstellen sollte. Danach kommt auch schon die erste von gefühlt 50 Verpflegungs- und Informationsstationen, an denen wir Rast machen und nebenbei noch Wissenswertes über die Region erfahren können. Von der Tierwelt, über das hiesige Handwerk bis zu geschichtlichen Stationen gehen den Veranstaltern nie die Ideen, die Fantasie und der Humor aus.

10.00 Uhr – es hört auf zu regnen

10.01 – Regen

Wir erreichen das Infozelt von Hanwag, wo wir lernen, unsere Schuhe richtig zu binden. Bis dahin glaubte ich, dass „meine“ 08/15-Lösung, die ich als Vierjähriger von Opa gelernt habe, die richtige und einzige sei. Weit gefehlt, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Schuhe getragen werden können – abhängig vom Gelände und der Fußform.

Simon steckt seinen Kopf in den Brunnen beim  24 Stunden von Bayern

„Bei einer kurzen Rast stecken wir unsere Köpfe in den Brunnen.“

Allmählich wird der Regen immer weniger und die Luft immer wärmer. Wir hängen die Hardshell-Jacken an den Rucksack und versuchen alles zu trocknen. Bald erreichen wir Rothenbuch, wo es bei Kaiserwetter und Herrengesangsverein ein leckeres Vier-Gänge-Menü gibt. Kurz darauf stolpern wir mit unseren vollen Bäuchen die Wanderwege entlang und versuchen unser Mittagstief mit Geschwindigkeit zu kompensieren. Immer wieder treffen wir auf Informationsstände, welche die Wanderung für uns sehr kurzweilig machen. Die Wanderung ist bis dahin sehr abwechslungsreich. Wir laufen durch schöne Buchenwälder, über Felder, Hügel, Stock und Stein und können erahnen, was der Spessart alles zu bieten hat. Dafür, dass hier knapp 450 Leute wandern, können wir doch erholsame Ruhe genießen und frische Luft einatmen. Bei einer kurzen Rast am Schloss Mespelbrunn stecken wir unsere Köpfe in den Brunnen, kühlen uns ab und schießen ein paar Fotos. Die Abendsonne taucht die Landschaft in goldenes Licht und so kommen wir etwas erschöpft und dennoch mental gestärkt am Ziel der Tagesetappe in Mespelbrunn zum Abendessen an.

Anni

Nach einem hervorragenden Schnitzel und weiteren kulinarischen Köstlichkeiten, welche die Veranstalter für uns Wanderer auftischen, beginnt der herausforderndste Teil unserer Wanderung: es geht auf die Nachtstrecke! Bisher liegen 37,5 Kilometer Tagesstrecke durch den wunderschönen Spessart hinter uns – so weit bin ich in meinem Leben noch nie am Stück gewandert, der helle Wahnsinn. Und jetzt sollen wir diese Zahl nochmal verdoppeln? Aber gut, noch ist die Motivation trotz müder Füße enorm hoch, nur nicht zu viel nachdenken, und schon schwingen wir uns in unserer Vierergruppe zusammen mit Torben vom Wandervideoblog in die Stiefel. Sogleich folgt ein weiteres Highlight – der Flying Fox! Am Drahtseil fliegen wir durch die Lüfte, und die davon ausgelösten Endorphine kommen uns Nachtwanderern ganz gelegen. Es dämmert nämlich bereits. Ein roter Feuerball schießt seine Strahlen durch den Buchenwald und beschert uns einen wunderschönen Moment. Es wird geinstagram’t, was das Zeug hält. #sunporn.

Die nächsten Stunden werden ziemlich witzig, es ist schon schräg, was einem so im Kopf rumschwirrt, wenn man in einer Gruppe lustiger Wanderer durch die Nacht unterwegs ist. An den vielen Verpflegungsstationen gibt es immer noch herrliche Snacks und leckere Getränke zu genießen und die großartigen Helfer sind trotz fortgeschrittener Stunde gut drauf – und raten uns, uns vor den Räubern in Acht zu nehmen. Hui, das kann lustig werden. Also eins ist zumindest klar: die 24 Stunden von Bayern ist wohl die einzige Langstreckenwanderung, bei der man schwerer ankommt als man losgelaufen ist.

Bergfreunde beim 24 Stunden von Bayern

Noch sind die drei Bergfreunde zu Späßen aufgelegt. Foto: Peter Wilson

Bevor wir bei der letzten langen Pause auf einer Anhöhe einen tollen Ausblick genießen dürfen, wird bei den Rittern erstmal Met getrunken und sich in’s Kettenhemd geschmissen – ganz schön schwer. Danach ist es endgültig dunkel, Zeit die Stirnlampen rauszukramen. Langsam werden die Beine immer schwerer, der Körper wehrt sich zusehends – jetzt heißt es einfach einen Schritt nach dem anderen zu machen. Wir stapfen mit Kopfleuchten durch den Wald. Es begegnen uns lallende Gestalten mit glasigen Augen und Bechern gefüllt mit ominösem Inhalt. Sind das etwa die angekündigten Räuber? Richtig glauben, dass wir hier so spät noch rumwandern, können die, genauso wie wir, zumindest nicht. Um etwa 1.00 Uhr ist es soweit – die Erschöpfung und die Schmerzen in Füßen, Muskeln und Gelenken nehmen überhand: ich muss nach 52 Kilometern abbrechen. Dennoch bin ich extrem stolz, es bis hierher geschafft zu haben. Zum Glück gibt es einen Shuttleservice, zu dessen Haltestelle ich quasi im Schneckentempo humpeln muss. Und zum Glück hat Robert, dem es auch nur unwesentlich besser geht als mir, ebenfalls abgebrochen und stützt mich. Wie alt bin ich nochmal? Wir verabschieden uns von Simon und Torben und die beiden verrückten Gestalten verschwinden gut gelaunt in die Nacht. Im Hotel gibt’s natürlich die langersehnte Dusche, nach der wir erschöpft, erleichtert und stolz ins Bett fallen.

Simon

Unglaublich, was Anni und Robert heute so aus dem Stand für eine Leistung hingelegt haben! Mal eben 52 Kilometer zu wandern, dazu gehört schon einiges: Hut ab und Respekt! Morgen früh, wenn sie mit einem riesigen Muskelkater aufwachen werden, können sie mächtig stolz auf sich sein – das steht jetzt schon fest!

Torben und ich machen uns nun auf in die Dunkelheit. Wir winken noch einmal den ermatteten Helden zu und schon sind wir wieder im Tunnel der Nacht. Unsere Stirnlampen weisen uns den Weg, zum Glück waren die Organisatoren pfiffig und haben jeden Wegweiser mit reflektierenden Elementen ausgestattet, so fällt die Orientierung leicht. Das Teilnehmerfeld hat sich mittlerweile ganz schön aufgedröselt, immer mal wieder trifft man auf versprengte kleinere Gruppen oder einzelne Wanderer, die teilweise sichtlich mit sich und ihrer körperlichen Verfassung ringen, um dem Ziel immer näher zu kommen. Alsbald erreichen wir den Anstieg zum höchsten Punkt der Strecke. Von der Geishöhe, rund 300 Höhenmeter weiter oben, soll man einen fantastischen Ausblick bis nach Frankfurt am Main haben. Nun packt uns der 24h-Flow, wir sind immer noch gut drauf und lassen es bergan richtig krachen. Wir sind überrascht, wie gut wir den Anstieg meistern, ja wir überholen sogar noch einige Wanderer. Oben angelangt haben die Veranstalter nicht zu viel versprochen: wir erklimmen den Aussichtsturm und sehen gerade noch, wie ein glutroter Vollmond am Horizont verschwindet und tatsächlich, wir sehen auch die Lichter der Skyline am Main. Ein toller Moment! Wir halten kurz inne, Torben dreht einen kurzen Clip für seinen Videoblog und zwei Minuten später sitzen wir inmitten einiger Wanderer und lassen uns eine nächtliche Stärkung in Form von Chilli con Carne schmecken, die die fleißigen Helfer uns servieren.

Es ist bald 3 Uhr als wir uns wieder auf den Weg machen. Von Tief- oder Totenpunkten ist bisher nichts zu sehen. Wir unterhalten uns über alles mögliche, blödeln herum und machen Witze, die einem nur einfallen, wenn der Kopf und die Gedanken schon ein wenig auf Reserve laufen. Wieder überholen wir einige Wanderer und mitten im Wald gibt es eine Station, bei der man sich auf bequemen Liegen von kundigen Händen die Müdigkeit aus den Beinen massieren lassen kann. Alle Plätze sind belegt und so stapfen wir weiter durch die Nacht. Langsam setzt schon wieder die Dämmerung ein und der Morgen kündigt sich mit kühler Luft an. Wir treten aus dem Wald hinaus und kommen in ein Dorf, selbst hier stehen überall Helfer und versorgen die Wanderer mit Getränken, Obst und Müsliriegeln.

Nachdem Torben und ich die verschlafene Hauptstraße überquert haben, geht es wieder hinaus auf die inzwischen von Morgentau benetzten Feldwege, der letzte große Anstieg wartet auf uns. Unterwegs scherzen wir mit zwei anderen Wanderern, wir entdecken einen Hirsch, der aus dem Unterholz bricht und vor uns über eine Wiese läuft. Endlich oben angekommen warten schon wieder freundliche Helfer und servieren uns frischen Kaffee.

So früh am Morgen durch den Wald zu stapfen ist schon etwas Besonderes, eigentlich sollte man dies viel öfter machen, denke ich mir insgeheim, denn die Stimmung und Ruhe sind einfach unvergleichbar schön. Mittlerweile merken wir aber auch, dass wir schon annähernd 70 km gewandert sind, die Fußsohlen fangen an zu schmerzen. Aber egal, wir zünden noch einmal den Turbo, legen noch einmal einen Zahn zu und ernten sogar anerkennenden Zuspruch von der Bergrettung, die die Strecke überall und unermüdlich sichert.

Torben und Simon beim  24 Stunden von Bayern

„Zur Belohnung gibt es einen Sekt.“ Foto: Bayern Tourismus

Beschwingt machen wir uns an die letzten Kilometer. Die Menschen der Region legen sich nun noch einmal richtig ins Zeug und beinahe auf jedem der finalen Kilometer gibt es etwas zu essen, zu trinken oder noch einmal witzige Erlebnisstationen. Den Anfang machen frischer Kaffee und frische Brötchen aus dem Holzofen mit Marmelade! So gestärkt geht es weiter zu einem kleinen See, wo uns die freiwillige Feuerwehr einlädt, mit ihrem Rettungsboot ein wenig rudern zu gehen. Einige der anderen Wanderer, die uns dabei entdecken, wie wir fröhlich über den Teich rudern, sehen etwas gequält zu uns hinüber – sie wollen nur noch ins Ziel. Wir aber sind jetzt des Wahnsinns fette Beute, spielen noch eine Runde Minigolf, rocken zur Musik einer Band, die um 6 Uhr morgens für die Wanderer aufspielt, zersägen an einer weiteren Station unter den Anfeuerungsrufen der Helfer einen Holzstamm, zur Belohnung gibt es einen Sekt und dann sprinten wir, ja wirklich, wir sprinten unglaublicher Weise gegen 7 Uhr fröhlich und beschwingt in Mespelbrunn ins Ziel! Die Sonne kriecht langsam über die umliegenden Hügel und stolz genießen wir die ersten Strahlen des neuen Tages.

Wie im Rausch haben wir die letzten Kilometer hinter uns gelassen und haben noch einmal eine Menge Spaß gehabt. Wenn ich davon Anni und Robert erzähle, werden sie mich sicher für verrückt halten, aber wir haben ja zum Glück alles auf Video – Torben sei Dank! Nachdem ich im letzten Jahr im Ziel noch dachte, dass ich das nie wieder machen werde, erkundige ich mich doch jetzt schon direkt im Ziel nach dem Veranstaltungsort im nächsten Jahr! Es soll ins Karwendel gehen, das hört sich mächtig spannend an. Und wenn es dort genauso schön wird wie hier im Spessart, dann werde ich ganz sicher wieder an den Start gehen. Die vielen Helfer und Mitwanderer haben die vergangenen 24 Stunden zu einer unvergesslichen Wanderung werden lassen, dafür können wir uns nur ganz herzlich bei allen bedanken! Und nachdem wir ausgeschlafen haben und auf dem Rückweg im Auto sitzen, fängt Robert schon an darüber zu philosophieren, was er im nächsten Jahr anders machen würde … na dann kann die Wanderung ja nicht so schlecht gewesen sein: Schmerz geht – Stolz bleibt!

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