Die 24 Stunden von Bayern (c) Jan Dohle

Die Bergfreunde bei den 24 Stunden von Bayern – Reloaded

2. Juli 2016

Sportart

Im südlichen Oberbayern, rund 100 km südlich von München, liegt die Alpenwelt Karwendel mit den Orten Mittenwald, Krün und Wallgau. Malerische Gebirgsketten ziehen sich hier von West nach Ost bis auf eine Höhe von knapp 2.800 Metern. So ist die Region nicht nur ein altehrwürdiger Anziehungspunkt für Bergsteiger und Outdoor-Liebhaber gleichermaßen, sondern auch Austragungsort der diesjährigen 24 Stunden von Bayern – der mittlerweile achten Auflage des beliebten Wanderkultevents. Nachdem wir bereits im letzten Jahr zum Dunstkreis der 24-Stunden-Wanderer gehörten, ging es diesmal vom 25. – 26. Juni 2016 für gleich vier Bergfreunde unter den offiziell 444 Startern auf die insgesamt über 70 km lange Strecke. Gelebtes Brauchtum, kulinarische Genüsse und qualmende Füße inklusive!

„Sou vü se(h)en“

Die Meute zieht von dannen ...

Die Meute zieht von dannen …

Samstagmorgen, die Uhr zeigt 07:56 Uhr, noch 4 Minuten bis zum offiziellen Startschuss. Die Wanderschuhe sind geschnürt, der Rucksack sitzt. Keine geringere als Magdalena Neuner höchstpersönlich gibt sich die Ehre, uns, begleitet von der Musikkapelle Mittenwald, mit einigen letzten Worten auf die Reise zu schicken. Die Stimmung ist euphorisch, das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite – von den nächtlichen Gewittern zuvor sowie der allgemeinen Unwetterwarnung des DWD weit und breit keine Spur. So erreicht das Thermometer schon bald die 20°C und wir passieren den Steig durch die Leutascher Geisterklamm.

... durch die Leutascher Geisterklamm ...

… durch die Leutascher Geisterklamm …

Im kühlen Schatten der Felsen und begleitet durch das Rauschen der Wassermassen geht es anschließend hinauf zur Ederkanzel. Hier, auf der deutsch-österreichischen Grenze zu Tirol, erwarten uns nicht nur ein kühles Blondes und eiskalter Spezi zur Erfrischung, sondern auch kleine, leckere Häppchen. Frohen Mutes marschieren wir also weiter und hinab bis zum Gasthof Ferchensee, malerisch gelegen am Fuße der Wettersteinspitze. Das Wasser ist selbstredend herrlich temperiert und lässt so manche Wadeln fröhlich jauchzen. Zu Mittag gibt es daraufhin ganz klassisch Nudeln Bolognese und einige Lagen Sonnencreme für die ersten roten Gesichter.

... zum malerisch gelegenen Ferchensee an der Wettersteinspitze!

… zum malerisch gelegenen Ferchensee an der Wettersteinspitze!

Nach gut 40 Minuten Pause heißt es dann wieder Strecke zu machen und die Kilometer vergehen wie im Flug. Stets ein fröhliches Lied auf den Lippen, treffen wir Bekanntschaften, erfreuen uns der zahlreichen Stationen auf dem Weg, vorbei an Schloss Elmau und im Schweinsgalopp hinauf zum Hohen Kranzberg. Hier werden jedoch nicht nur Kaffee und Marillenkuchen kredenzt, nein, auch die Tagesstrecke neigt sich an dieser Stelle inzwischen dem Ende entgegen. Und wie es natürlich anders kaum sein soll, nähern sich auf breiter Front bereits bedrohlich tief-schwarze Wolken aus Richtung Nordwest. Sollte der Wetterbericht also letzten Endes doch noch Recht behalten? Jedenfalls beginnt es kurz darauf, als ob uns Thor persönlich einer Prüfung unterziehen will, erbsengroße Hagelkörner zu schütten. Im Schutz dichter Rotbuchen- und Fichtenwälder geht es somit im Eilschritt hinab, während ein Teil der Nachzügler gar von der Bergwacht in Sicherheit gebracht wird. Unsere Hardshelljacken hingegen halten dem Wolkenbruch stand – und auch der ein oder andere robuste Regenschirm wirkt hier wahre Wunder. Wir schaffen es somit heile hinab und kommen nach gut 30 Kilometern sowie knapp 1100 Höhenmetern in den späten Nachmittagsstunden wieder in Mittenwald an. Hier heißt es dann zunächst die Füße trocken zu legen, eine halbe Stunde relaxen und zu Abend essen, bevor die Nachtstrecke nur darauf wartet, begangen zu werden!

„Von auf’d Nocht bis z’margascht“

Samstagabend, 17:30 Uhr, tatsächlich wird ob der allgemeinen Unwetterlage kurzzeitig überlegt, das Event an dieser Stelle abzubrechen. Letztlich gibt es jedoch grünes Licht vom Veranstalter und es kann weiter gehen – eine wohldurchdachte Entscheidung, die sich letztlich auszahlen soll. Denn so werden alle Teilnehmer mit einer grandiosen Sonnenuntergangsstimmung und mystischen Lichtspielen im Isartal belohnt. So bewältigen wir Kilometer um Kilometer, genießen herrliche Ausblicke und saugen die abenteuerliche Stimmung förmlich in uns auf. Weitere Kaffee- und Verpflegungsstationen, unter anderem bereitgestellt durch das Gebirgsjägerbataillon 233, sorgen dafür, dass wir wach bleiben und unsere Körper ausreichend Energie bekommen. Erst gegen kurz nach 23 Uhr setzt wieder leichter Regen ein, kann die insgesamt hervorragende Moral innerhalb unserer kleinen Wandergemeinschaft jedoch kein bisschen trüben.

Dennoch kommt im Laufe einer so langen Tour für die meisten Wanderer – uns eingeschlossen – beinahe zwangsläufig irgendwann der Punkt, an dem jeder gelaufene Meter seinen Tribut fordert. Kein Wunder, die Füße sind feucht, Knöchel angeschwollen, Bänder und Sehnen arbeiten auf Hochtouren. Hinzu kommen schlimmstenfalls Blasen, vor denen auch Langstreckenerprobte nicht immer gefeit sind, der Kopf wird müde und die Konzentration lässt nach. Man fängt also an nachzudenken; warum tu ich mir das eigentlich an? Soll ich mich weiter quälen oder nehme ich doch den Shuttle-Bus und breche ab?

The way to go ...

The way to go …

Keine Frage, hier spielt die Psychologie ihre ganze Macht aus. Auf jedem weiteren Streckenabschnitt gilt es, solche Gedanken bei Seite zu schieben, einen Schritt nach dem nächsten zu tun, seine Wut auch mal laut hinauszuschreien. Doch wie motiviert man sich immer wieder aufs Neue, wenn der Körper rebelliert, jede Faser schmerzt und das nächste Schild „nur“ noch 26 weitere Kilometer prophezeit? Ich persönlich denke immer an meine alten Tage bei der Bundeswehr zurück, an Gewaltmärsche, an vergangene Bergtouren und Biwaks auf 4000m Höhe – frei nach dem Motto, was mich früher nicht umgebracht hat, das kriegt mich auch heute nicht klein. So muss jeder für sich seinen eigenen „Tunnel“ finden, in dem er weitermacht, denn allein der Wille entscheidet! Trotzdem ist es gerade im Rahmen eines solchen Events beileibe keine Schande vorzeitig aufzugeben. Jeder hat seine individuelle Schmerzgrenze, und die ist einfach irgendwann erreicht. So heißt es auch für unsere Gruppe etwa gegen halb 1 nachts, kurz nach dem Nachtschmaus aus der Gulaschkanone, aus vier mach zwei…

Wie sehr so ein Feuer doch die Stimmung hebt!

Wie sehr so ein Feuer doch die Stimmung hebt!

Sonntagmorgen, 03:00 Uhr, ich wandele im Schein meiner Stirnlampe übernächtigt und von Schmerzen geplagt durch die lauwarme Dunkelheit. Meinem Partner Torben vom Wandervideoblog, mit dem ich mittlerweile zusammen laufe, an der Seite geht es deutlich besser. Es ist seine sechste 24-Stunden-Wanderung und er erzählt mir etwas von einer Art muskulärem Gedächtnis, was mir einigermaßen sinnvoll erscheint. Um wach zu bleiben haben wir uns gerade ein Schlückchen Kirschschnaps gegönnt – keine Ahnung, ob das so sinnvoll war, aber es hebt die Stimmung. Hinzu kommt Musik aus dem Handylautsprecher – es ertönt das Lied „Nackert“ der bayrischen Kultband LaBrassBanda. Wir singen laut mit und lachen – sehr zur Verwunderung mancher Mitstreiter zu dieser wahrhaft unchristlichen Zeit. Auf jeden Fall überstehen wir auch dieses schwarze Loch, wandeln vorbei an gelungenen Lichtilluminationen, durch die Finzklamm, vorbei am Grubsee und auf dem alten Römerweg geradewegs in Richtung Zielgerade. Dabei kommt es mir vor, als würden die letzten 10 Kilometer überhaupt nicht enden wollen. Ich spüre mindestens vier Blasen in meinen feuchten Wanderschuhen, die linke Achillessehe spannt ziemlich unangenehm und irgendwas im linken Knie fühlt sich auch nicht so ganz richtig an. Aber gut, abbrechen ist längst keine Option mehr – auch wenn das Zelt der bayrischen Wasserwacht mit seinen Feldbetten ziemlich verlockend ausschaut. Mehr humpelnd als wandernd schleppe ich mich also die letzten Anhöhen hinauf, über die Buckelwiesen, wo die letzte Verpflegungsstation mit verdammt leckerem Eis auf uns wartet. Noch 6 Kilometer, die meiste Zeit davon über Asphalt, ich verfluche laut alles und jeden, die Sonne geht langsam über dem wolkenverhangenen Karwendel auf, noch 1 Kilometer, Mittenwald, Geschafft.

Geschafft! In jeder Hinsicht ein schönes Gefühl, allen Strapazen zum Trotz

Geschafft! In jeder Hinsicht ein schönes Gefühl, allen Strapazen zum Trotz

Erschöpft aber glücklich überqueren wir um 05:32 Uhr die Ziellinie, auch wenn diese eigentlich gar keine wirkliche Ziellinie darstellt. Denn letztlich definiert jeder für sich selbst, wie weit er bereit ist zu gehen, und wo seine persönlichen Grenzen liegen. Ich selbst habe mein Limit für heute erreicht, mache ein obligatorisches Abschiedsfoto und schaue auf mein GPS-Gerät: 70,8 km Gesamtstrecke auf 4780 Höhenmeter Auf- und Abstieg insgesamt. Kommt mir zwar etwas viel vor, oder zumindest mehr als die offiziellen Angaben besagen, aber das ist mir letztlich auch wurscht. Ich bin einfach nur froh, als ich meine Schuhe ausziehe und mich hinlegen kann.

„The Day After“

Puh, das hat mich doch ganz gut fertig gemacht. Ich verarzte meine Füße, desinfiziere sechs Blasen und schmiere die Gelenke mit Arnikasalbe ein. Soweit so gut. Jetzt mag natürlich manch einer fragen, warum man sich das Ganze antut. Und das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Für mich persönlich ist es das „Raus aus dem Alltag“, das Verlassen der persönlichen Komfortzone, das Erleben von Natur mit allen Sinnen und das sich selbst lebendig fühlen. Und so entscheidet jeder ganz individuell für sich, welche Motive sie oder ihn antreiben. Ob ich im nächsten Jahr wieder mit dabei sein werde? Keine Ahnung. Aber fest steht, dass ich selten ein derart in seiner Gesamtheit perfekt organisiertes Event besucht habe und am Anfang eines neuen Tages so erschöpft ins Bett gefallen bin.

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