Testbericht zum Edelrid Ohm

Das OHM von Edelrid – ein Widerstand, der Sinn macht

11. Oktober 2016

Kategorie

Sportart

Gute Nachrichten für alle Seilschaften mit großem Gewichtsunterschied: Ihr könnt endlich entspannt miteinander Klettern gehen, denn Edelrid hat sich ein neues Gerät ausgedacht, dass dies ermöglicht. Wir haben das OHM für Euch getestet und untersucht, was es kann, was nicht und für wen es eigentlich geeignet ist. Um zu verstehen, was das OHM macht, müssen wir einen kleinen Ausflug in den Bereich der Klettertheorie unternehmen. Denn wer Klettern möchte, muss auf sein Gewicht achten. Allerdings weniger auf das Eigene, als viel mehr auf den Gewichtsunterschied zwischen dem eigenen Gewicht und dem des Kletterpartners. Ist dieser zu groß, wird das Sichern für die leichtere Person nicht nur unbequem, ab einem gewissen Gewichtsunterschied kann es gefährlich werden, besonders im Vorstieg.

Gewichtsunterschiede beim Klettern

Testbericht zum Edelrid Ohm

Das Ohm in Action

Wer sich mit den Gewichten beim Klettern beschäftigt, weiß, dass sich bei einem Sturz schnell große Kräfte entwickeln können. Wie hoch diese genau sind, kann in unserem Kalkulator für Fallhöhen nachgesehen werden.

Daher hat der Deutsche Alpenverein (DAV) eine Empfehlung herausgegeben, welche Gewichtsunterschiede okay sind, welche gerade noch vertretbar sind, und ab welchem Gewichtsunterschied Seilschaften eigentlich nicht mehr gemeinsam klettern sollten. Eine Studie zur Sicherheit in Kletterhallen aus dem Jahr 2012 ergab, dass in 8,5% der untersuchten Fälle der Kletterer zu schwer für den Sichernden war.

Dabei kann man den Gewichtsfaktor ganz leicht errechnen:
Gewicht Kletterer / Gewicht Sicherer = Faktor x

Hier ein Beispiel: Bei einem Kletterer von 75 kg und einem Sicherer/einer Sichernden mit 55 kg ergibt sich ein Gewichtsfaktor von 1,36. Damit liegt die Seilschaft bereits weit über dem vom DAV empfohlenen Gewichtsfaktor (im Vorstieg).

Faktor0,7 – 0,80,9 – 1,11,2 – 1,3> 1,2 – 1,5
SicherungsgerätTubeTube oder HalbautomatHalbautomatHalbautomat und Sandsack
EmpfehlungExtrem weich SichernIdeales Gewichtsverhältnis, weich Sichern durch AbfedernNur erfahrene KlettererNur Experten, wenn überhaupt

Wie man an der obigen Beispielrechnung sieht, ist der Spielraum der noch tolerierbaren Gewichtsunterschiede relativ gering. Gerade, wenn Männer und Frauen zusammen klettern, ist man ziemlich schnell über dem empfohlenen Faktor von 1,1.

Wie funktioniert das Ohm von Edelrid

Testbericht zum Edelrid Ohm

Das Ohm im geöffneten Zustand

Das Ohm ersetzt im Grunde die erste Expressschlinge an der Kletterwand und wird statt ihr in den ersten Haken eingehängt. Kommt es zu einem Zug auf das Bremsseil, wird das Ohm nach oben gezogen. Dadurch verändert sich der Winkel des Seildurchlaufs im Ohm und es entsteht eine erhöhte Reibungswirkung. Durch diese Reibung wird ein Widerstand aufgebaut, welcher das Seil progressiv abbremst – also nicht abrupt stoppt, sondern lediglich die Durchlaufgeschwindigkeit herabsetzt. Beim Sichernden kommt somit weniger Energie an, die stattdessen in den ersten Haken geleitet wird.

Was bringt das Ohm

Die erhöhte Reibung in der Sicherungskette führt dazu, dass der Ruck, der beim Sichernden ankommt, spürbar abgeschwächt wird. Dadurch wird der Sichernde nicht mehr so hart nach vorne an die Wand oder in Richtung der ersten Exe gezogen. Wird mit einem Tube gesichert, wird zudem weniger Handkraft benötigt, um den Sturz zu halten.

Kletterer, die mit wesentlich leichteren Kletterpartnern klettern, müssen zur Vermeidung unkontrollierter Stürze häufig vorsichtiger klettern. Durch das Ohm soll diese Notwendigkeit wegfallen. Da der Gewichtsunterschied „ausgeglichen“ bzw. „vermindert“ wird, können leichtere Sicherer auch unkontrollierte Stürzen kontrolliert sichern. Der Kletterer kann somit unbeschwert an sein Leistungslimit gehen.

Was bringt das Ohm nicht

Ganz wichtig: das Ohm ist kein Sicherungsgerät und es ändert nichts an der aktuellen Lehrmeinung des DAV. Wer das Ohm verwendet, sichert wie gewohnt mit seinem bevorzugten Sicherungsgerät und – ganz wichtig – schaltet seinen Kopf ein.

Das betrifft ebenso das Thema Altersunterschied. Das Ohm gleicht Gewicht aus, aber keine Erfahrung. Wer das Gerät verwendet, muss weiterhin wie gewohnt sichern (Ausbildung) und die Verantwortung für den Kletterer übernehmen können (Alter). Es ist nicht dafür gedacht, dass Eltern mit ihren viel zu jungen Kindern klettern gehen!

Das Ohm im Test – hält es was es verspricht?

Wir haben das Ohm unter verschiedenen Bedingungen getestet: Vorstieg Halle und Fels, Toprope Halle sowie im Kinderkletterkurs (unter Anleitung und Betreuung beim Sichern).

Mehr Komfort und Sicherheit für den Sichernden

Testbericht zum Edelrid OhmJa, das Ohm macht das Sichern von schweren Personen nicht nur wesentlich sicherer, sondern auch komfortabler. Während verschiedener Szenarien (variable Sturzhöhe und Gewichtsunterschiede) zeigt sich, dass der Ruck, der beim Sichernden ankommt, wesentlich geringer ist, als ohne das Ohm, dabei jedoch sehr gleichmäßig verläuft. Das macht das Sichern angenehmer. Das Verwenden eines zusätzlichen Sandsackes als Extra-Gewicht war nicht mehr nötig. Auch das Ablassen funktioniert mit dem Ohm um einiges entspannter. Das Handling erinnert dabei an eine Route mit schrägem Seilverlauf und damit erhöhter Reibungswirkung.

Im Gegensatz zum Sandsack, kann man sich mit dem Ohm als Sicherer frei am Wandfuß bewegen. Dadurch ist der Sicherer in der Lage, seine Position an die Kletterrichtung des Kletternden anzupassen. So kann zusätzlich beim Klettern in Bodennähe, ein Sturz auf das Sicherungsseil verhindert werden. Ein großer Zugewinn.

Mehr Freiheit für den Kletterer

Die testenden Kletterer sind sich einig, dass das Ohm ein Plus an Sicherheit und damit Gelassenheit für den Kletterer bringt, da dieser sich voll auf sein Klettern konzentrieren kann und Stürze nicht länger ein Tabuthema sind. Somit können die Kletterer eher an ihr Leistungslimit gehen und auch schwere Routen in Bodennähe versuchen.

Das Ohm im Toprope

Da nicht alle Seilschaften im Vorstieg unterwegs sind, haben wir das Ohm weiterhin im Toprope getestet. Die Bremseigenschaften funktionierten auch hier wie erwartet einwandfrei. Einziger Nachteil: durch die Führung in der ersten Exe ist der Sichernde in seiner Position an der Wand nicht so frei, wie normalerweise beim Topropesichern. So kommt es eher dazu, dass der Kletterer ein störendes Seil zwischen sich und der Wand hat.

Das Ohm am Fels…

… funktioniert genauso, wie in der Halle. Da am Fels der Seilverlauf häufig jedoch nicht so gerade verläuft wie in der Halle, sollte man berücksichtigen, dass durch diesen Umstand bereits naturgemäß mehr Zug auf dem Seil herrscht. Daher ist das Ohm nicht unbedingt in allen Routen notwendig.

Das Handling…

Testbericht zum Edelrid Ohm

Für euch nachgewogen: Insgesamt 481 Gramm.

…ist einwandfrei. Zugegeben anfangs erscheint einem das Gewicht des Ohm etwas befremdlich, aber schließlich muss man ihn nur bis zur ersten Exe tragen und das Gewicht ist nötig, damit das Ohm bei einer Entlastung des Seils von sich aus herunterfällt und der Widerstand damit wieder wegfällt.

Beim Seilnachziehen merkt man das Ohm ebenfalls kaum. Lediglich nach einer Pause in der Wand sollte man sicherstellen, dass das Seil vollkommen entlastet und das Ohm wieder unterhalb der Exe hängt, sonst kann es hakelig werden. Benutzer eines Grigri2 kennen das bereits. Beim Ablassen in der Halle nicht vergessen das Ohm abzubauen, sonst hängt er an der ersten Exe. Und erst das Bremsseil rausnehmen, sonst rauscht das Ohm am Seil dem Sicherer auf die Finger.

Dynamisches Sichern…

…ist möglich, allerdings hängt dies nach unserem Eindruck mit dem Gewicht des Kletterers zusammen. Je leichter der Kletterer (unter 80 kg), desto mehr muss der Sicherer sehr aktiv Sichern um dem Kletterer einen halbwegs dynamischen Sturz zu ermöglichen. Freunde des sehr weichen Sicherns müssen hier evtl. Abstriche machen oder einen Tube verwenden.

Das Ohm mit Kindern

Kinder können bei gleichem Alter stark in ihrem Gewicht variieren. Daher lag bei uns die Idee nahe, das Ohm könnte im Kursbetrieb Seilschaften im Vorstieg (betreut, mit Hintersicherung) möglich machen oder erleichtern. Bei Kindern ist man schnell bei einem Gewichtsverhältnis von 1,3. Leider war das Ohm hier jedoch nicht hilfreich. Da Kinder selten über einem Gewicht von 65 kg liegen, sind dynamische Stürze nur schwer möglich. Wegen dem oben beschriebenen Umständen im Topropebetrieb kommt eine Anwendung im Grunde also nicht in Frage.

Das Testergebnis zum Ohm

Zusammengefasst: Eine sehr gute Idee, die an einem gänzlich neuen Punkt ansetzt. Eigentlich erstaunlich, dass nicht schon früher jemand auf diese Idee gekommen ist. Schließlich gibt es so viele Seilschaften, die entweder nur in leeren Hallen klettern können („Exe aus der Nachbarroute klippen“) oder ausschließlich in der Halle, denn wer nimmt schon gerne einen Sandsack mit an den Fels. Vom alpinen Klettern mal ganz abgesehen.

Macht das Ohm Sinn?

Unserer Meinung nach ja! Zugegeben, man muss ein paar Abstriche machen (dynamisches Sichern, Gewicht, Toprope) aber wenn man bedenkt, dass durch das Ohm Seilschaften miteinander Klettern können, denen dies vorher nicht möglich war, können diese Einschränkungen als vertretbar in Kauf genommen werden. Umso mehr, wenn man den Zugewinn an Komfort beim Sichern und Klettern mit einrechnet. Alles in allem also eine großartige Idee, für die es eigentlich schon höchste Zeit war!

Wann kommt das Ohm auf den Markt?

Voraussichtlich Mitte November sollte es bei uns im Shop zu haben sein. Auf dieser Seite könnt ihr euch eine Benachrichtigung einrichten! Und wenn ihr von Edelrid nicht genug bekommen könnt, dann schaut euch doch mal die neue Kollektion an!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. matthew sagte am 11. Oktober 2016 um 20:12 Uhr

    ist der ungefähre preis schon bekannt?

  2. Jörn sagte am 12. Oktober 2016 um 09:29 Uhr

    Wird wohl auf 119,95€ (Korrektur, 02.11.2016) hinaus laufen.

    Gruß,

    Jörn

  3. Klaus sagte am 21. November 2016 um 17:18 Uhr

    Im zum Ohm gehörigen Video wird das Ohm noch miit einem Schnapp-Karabiner mit der Exe verbunden.
    In allen sonstigen Darstellungen aber mit einem „Maillon Rapide“.
    Wieso ist das so, der Maillon ist m.E. unhandlicher als ein (Schraub-)Karabiner?

  4. Jörn sagte am 22. November 2016 um 09:34 Uhr

    Hi Klaus,

    wir haben gerade nochmal kurz bei Edelrid nachgehört. Der Maillon Rapid wird verwendet, weil er an dieser Stelle als festes Verbindungsglied dient und nicht aufgemacht werden sollte – daher genügt der Maillon hier. Das Ohm kann man mit einer Verschlussmechanik unabhängig davon öffnen. Am anderen Ende findet sich zudem der Schnappkarabiner, mit dem es dann einfach in die Exe eingehängt werden kann (Auslieferung wie in Bild 3 im Beitrag).

    Hilft dir das weiter?

    Viele Grüße,

    Jörn

  5. Klaus sagte am 23. November 2016 um 14:43 Uhr

    Servus Jörn,

    danke für die rasche Auskunft und die Aufklärung. (super Service!)
    Bei genauerem Hinsehen wird auch klar, dass es eine Verschlußmechanik gibt.
    Jetzt wirds nur noch Zeit, dass Edelrid das Ding ausliefert. Der Markt dafür ist ganz offensichtlich ja da!

    Grüße Klaus

  6. Jörn sagte am 23. November 2016 um 14:46 Uhr

    Hi Klaus,

    danke für die Blumen. Ja, man kann durchaus behaupten, dass ein gewisses Interesse besteht :)

    Gruß,

    Jörn

  7. Patricia sagte am 29. November 2016 um 09:45 Uhr

    Hallo,
    wie sieht es denn mit dem gekrangel vom Seil aus wenn man das Teil benutzt?
    Kann mir vorstellen, dass es die Seile gut zusammen“presst“?

    Lieben Gruß

  8. Jörn sagte am 30. November 2016 um 13:19 Uhr

    Hi Patricia,

    lt. Wiebkes Einschätzung dürfte es bei der Anwendung nicht zum Krangeln kommen. Sie konnte jedenfalls im Testzeitraum nichts feststellen.

    Viele Grüße,

    Jörn

  9. Eddy sagte am 3. Dezember 2016 um 21:00 Uhr

    Wie sieht es denn bei einem Sturz aus beidem das Seil nur im Ohm hängt und die erste Exe oberhalb noch nicht eingehängt ist? Besteht die zusätzliche Bremswirkung obwohl der Zug nicht nach oben geht?

  10. Jörn sagte am 7. Dezember 2016 um 09:41 Uhr

    Hi Eddy,

    laut unserer Testerin Wiebke besteht zumindest eine zusätzliche Reibung, allerdings ist diese nicht so hoch, wie wenn der Zug nach oben geht.

    Gruß,

    Jörn

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