Tipps und Tricks

Das kleine 3×3 der Tourenplanung, Teil 2: Verhältnisse

9. Oktober 2014

Sportart

Wie wird das Wetter ...

Wie wird das Wetter …

Werner Munter ist vielen bekannt als Erfinder der Halbmastwurfsicherung. Der umtriebige Alpinist hat jedoch auch in anderen Bereichen der Bergsicherheit Wichtiges geleistet. Mit seinem “3×3 der Lawinenkunde” lieferte er ein Standardwerk zur Einschätzung der Lawinengefahr bei Wintertouren. In drei Episoden stellen wir euch, angelehnt an Munter, ein kleines 3×3 der Tourenplanung vor.

Im 1. Teil ging es um das Gelände (Tourenlänge, Schwierigkeit, Besonderheiten). In diesem 2. Teil besprechen wir, welche Gedanken man sich zu Verhältnissen (Schnee, Nässe, Wetter) machen muss. Im 3. Teil geht es dann um den Faktor Mensch (Kompetenzen, aktuelle Fitness, Gruppe). Alle Faktoren des 3×3 müssen bei der Tourenplanung, beim Tourenstart und unmittelbar während der Tour bedacht werden.

Wetterbericht: Lesen Bildet!

Verhältnisse, das sind vor allem das Wetter und die Auswirkung des Wetters auf das Gelände. Ich muss also wissen, wie das Wetter war, wie es wird, und was es im einzelnen für die Tour bedeutet. Anfangen tut man mit dem Wetterbericht. Klare Sache! Der hängt normalerweise auf jeder Hütte aus. Wer ein Smartphone mit auf Tour hat, kann natürlich auch unterwegs checken. Aber bitte, verlasst Euch nicht auf das Sonnenzeichen auf der iPhone App!

Ein guter Hüttenwirt sorgt vielleicht nicht für schönes Wetter, aber für den aktuellen Bericht.

Ein guter Hüttenwirt sorgt vielleicht nicht für schönes Wetter, aber für den aktuellen Bericht.

Gute Seiten sind bergfex.at/de/it, auch die Alpenvereine informieren auf ihren Webseiten über das Bergwetter. Es lohnt sich auch, mit dem Hüttenwirt zu sprechen. Der kann die örtliche Wetterlage oft am besten einschätzen. Das Wetter in den Alpen ist oft sehr kleinräumig, einmal über den Pass kann es ganz anders aussehen. Die generelle Wetterlage zu kennen, ist oft nicht ausreichend. Auf keinen Fall sollte man den Fehler machen, die Verhältnisse im Talort als stellvertretend für das Bergwetter anzusehen. Ausserdem ändern sich die Verhältnisse schneller. Generell gilt, alle Wettervorhersagen über mehr als drei Tage hinweg sind Wahrsagerei.

 

Wetter + Gelände = aktuelle Verhältnisse

Nur Spiesser fahren in die Sonne...aber muss man im Sommerurlaub noch die Wegzeiger aus Neuschnee buddeln?

Nur Spiesser fahren in die Sonne…aber muss man im Sommerurlaub wirklich noch Wegzeiger aus dem Neuschnee buddeln?

Den Wetterbericht kennen ist eine Sache. Mann muss aber auch wissen, was Nässe, Schnee und Nebel konkret für die geplante Tour bedeuten. Bei extrem schlechter Wetterlage muss die Tour angepasst werden, im Notfall abgesagt. Ist vielleicht die Routenfindung schon bei gutem Wetter schwierig? Wenn Gewitter vorgesagt sind, hat man auf Bergspitzen und mit Eisen versicherten Wegen nichts zu suchen. Bei starkem Wind ist eine ausgesetzte Gratwanderung gefährlich. Stehen ansonsten gemütliche Almwiesen auf dem Programm, kann Regen sie in gefährliche Schlitterbahnen verwandeln. Jeden Frühsommer stellen eifrige Klettersteiggeher fest, wie eklig ein Klettersteig sein kann, in dem die Seile stellenweise noch tief im Schnee vergraben sind. Wichtig ist auch, den Faktor Mensch in die Entscheidung einzubeziehen. Regen ist nicht nur nass werden. Neben drohender Unterkühlung drückt die Nässe von oben auch auf die Motivation. 

Vorne, hinten, alles Weiss

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Ein Jahr später, schon wieder Schnee…Irgendwo geht’s da steil runter…

Nebel ist besonders tückisch, vor allem wenn es auf dem Gletscher zu einem Whiteout kommt. Um einen herum nur noch Weiss, es sind keine Geländelinien zu erkennen, keine Schluchten, Spalten und Abgründe. In solch einer Situation fängt man am besten an, Stöckchen zu schmeissen. Der geworfene Wanderstock zeigt auf, ob ein Abgrund droht oder flaches Gelände. Besser der Stock weg als man selbst. Eine Episode aus dem Erfahrungsschatz der Autorin: Einmal versprach uns der aktuelle Südtiroler Wetterbericht sechs Stunden Sonnenschein! Tatsächlich verlor sich unsere Gruppe im Nebel, musste kurz vor dem Gipfel umkehren und schaffte dies nur dank GPS. Wir waren allerdings mit einem Bergführer unterwegs. Ohne erfahrene Person sich so weit in den Nebel vorzutasten, wäre fahrlässig gewesen. Unsere Spuren waren längst vom Winde verweht. Auch auf ein GPS alleine sollte man sich nicht verlassen. Man muss es nicht nur bedienen können, sondern auch die Batterien müssen mitmachen.

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Ausrüstung. Oder?

So manch ein Bergführer schwört auf Regenschirme. Gerne auch in ausgefallenen Mustern...

So manch ein Bergsteiger schwört auf Regenschirme. Gerne auch in ausgefallenen Mustern…

Die richtige Ausrüstung ist in der Tat ein wichtiger Faktor im Umgang mit den Verhältnissen. Man sollte sich nach der Nullgradgrenze erkundigen, dementsprechend warme Kleidung einplanen und daran denken, dass pro 100 Höhenmeter die Temperatur um ca. 0,65°C abnimmt. Sommers wie Winters ist ein Regenschutz Pflicht, sowie natürliche weitere von den Verhältnissen geforderte Ausrüstungsmittel (z.B. Steigeisen, Schneeschuhe etc.). Sonne übrigens ist auch Wetter! Wer ohne Sonnenschutz in die Berge geht, riskiert extreme Verbrennungen, auch wenn die Sonne nicht scheint. Schnee reflektiert die Sonneneinstrahlungen, daher müssen auch die Nasenlöcher regelmäßig eingecremt werden. Ein Hut kann vor Sonnenstich und Kopfhautverbrennungen schützen.

Denke daran: Auch die beste Ausrüstung ersetzt weder gewissenhafte Planung noch besonnene Umsetzung einer Tour!

Fazit: Wissen, was Wetter ist

Das Wetter einzuschätzen, ist keine leichte Sache. Auch erfahrenen Berggängern gelingt dies nicht immer. Gerade deswegen sollte man sich jedoch mit dem Thema gut befassen. Wetterkunde ein fester Bestandteil von alpinen Ausbildungskursen (oder sollte es zumindest sein…), es gibt auch spezielle Bergwetterkurse, die zum Beispiel von den Alpenvereinen angeboten werden. Literatur gibt es natürlich auch zum Thema. Bei der Wetterkunde gilt jedoch dasselbe wie bei andere alpinen Fähigkeiten: Lesen bildet zwar, ersetzt aber nicht die praktische Erfahrung. Die ist in diesem Falle jedoch auch oft vom Wissen der speziellen regionalen Besonderheiten abhängig.

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