Tipps und Tricks

Das Kleine 3×3 der Tourenplanung, Teil 1: Gelände

23. September 2014

Sportart

Ein Schild scheint nicht zu reichen

Zur Tourenplanung gehört auch die Wegfindung

In den Bergen läuft nichts nach Schema F, das wissen wir. Und trotzdem können Schemata uns helfen, sicher in hohem Gelände unterwegs zu sein. Das bekannteste Risikoschema ist das “3×3 Lawinen” von dem Sicherheitsexperten Werner Munter, ein Standardwerk zur Einschätzung der Lawinengefahr bei Wintertouren. Das 3×3 Schema lässt sich aber auch als generelle Merkhilfe für die Planung von alpinen Touren anwenden.

In drei Episoden stellen wir euch, angelehnt an Munter, ein kleines 3×3 der Tourenplanung vor, bestehend aus den Teilen:

  1. Gelände (Tourenlänge, Schwierigkeit, Besonderheiten)
  2. Verhältnisse (Schnee, Nässe, Wetter)
  3. Mensch (Kompetenzen, aktuelle Fitness, Gruppe)

Alle diese Faktoren müssen bei der Tourenplanung, beim Tourenstart und unmittelbar während der Tour bedacht werden. Klar, dass unser Beitrag nur Denkanstöße geben kann und weder Lehrbuch noch praktische Erfahrung ersetzt!

1. Tourenlänge. Soweit die Beine reichen?

Tourenplanung fängt zu Hause an. Wanderführer und Wegweiser geben zumeist Gehzeiten ohne Pause an. Jeder sollte aber in der Lage sein, aufgrund von Karten die ungefähre Tourenlänge auszurechnen. Wie rechne ich nun aus, wie lange ich für eine bestimmte Tour brauche? In den Alpenländern gibt es tatsächlich eine Norm zur Marschzeitberechnung! Die DIN 33466 gibt an, dass der Standardwanderer pro Stunde 300m im Aufstieg, 400m im Abstieg und 4km Horizontalentfernung zurücklegt. Die tatsächliche Gehzeit einer Strecke lässt sich dadurch errechnen, dass von den für die Horizontal- und Vertikalentfernung errechneten Zeiten der kleinere Wert halbiert und zum größeren addiert wird. Ein Beispiel:

DSC05488

Weiss-Rot-Weiss: Zur Hörnlihütte führt ein Bergweg in 1h 30min DIN Gehzeit.

Höhenunterschied: 900 m. 900/300 m » 3h
Horizontalentfernung: 16 km/4 km » 4h
3h x 0,5 + 4h = 5,5 h. Die Gehzeit beträgt somit 5,5h.

Die nominelle Zeit weicht jedoch von der realen Tourenzeit oft erheblich ab. Technische Schwierigkeiten, längere Pausen, Kleiderwechsel bei schlechtem Wetter: generell sollte man mindestens eine Stunde Zeitreserve für eine Tagestour einplanen und dazu ca. 10min Pause pro Stunde. Wird die Tour länger als geplant, drohen Erschöpfung, Dunkelheit, und Hunger/Durst. Das individuelle Fitnesslevel spielt natürlich auch eine Rolle, mehr dazu im 3. Teil unserer Serie.

2. Schwierigkeit. Gehen ist nicht gleich Gehen.

Regelmäßig liest man von Bergwanderern, die sich überschätzt haben und trotz körperlicher Unversehrtheit von der Bergwacht gerettet werden müssen. Man spricht in diesen Fällen von einer Blockade. Allzu oft wurden anfangs die Schwierigkeiten der Tour ausser Acht gelassen. Gehen kann doch jeder, oder? Eben nicht. Auch nicht-technische alpine Wege können einiges an Schwierigkeiten mit sich bringen.

Loses Geröll, dazu droht noch Steinschlag.

Loses Geröll, dazu droht noch Steinschlag.

Steile Rinnen mit losem Geröll, weglose schlecht markierte Schuttfelder, ausgesetzte Grade, rutschige Steinplatten mit ständiger Absturzgefahr, Flussüberquerungen— Schlüsselstellen kommen in vielen Formen daher. Bei der Tourenplanung gilt es, auf die Markierungen auf der Karte zu achten. Alpine Wege sind oft gestrichelt dargestellt, teilweise weist ein Symbol auf besondere Schwierigkeiten hin. In der Schweiz gibt die SAC Wanderskala Auskunft über die Schwierigkeit von Wanderwegen, die dementsprechend unterschiedlich markiert sind.

Merke: wo schwierig draufsteht, ist auch schwierig drin. Es kann jedoch gut sein, dass eine Schlüsselstelle aus der Tourenbeschreibung oder Karte nicht ersichtlich ist. Dann muss vor Ort entschieden werden, ob umgekehrt werden muss oder die Schlüsselstelle überwunden werden kann, wenn nötig mit Sicherung. Auch an den Abstieg denken! Bergab werden viele heikle Stellen noch kritischer.

3. Besonderheiten. Es kommt immer anders als man denkt.

Besonderheiten sind solche akuten Umstände, die den Weg zum Zeitpunkt der Tour zusätzlich erschweren. Das können angeschwollene Bergbäche sein, die vor dem letzen Regen noch ein harmloses Rinnsal waren und die jetzt kaum zu überqueren sind. Oder eine Brücke ist beschädigt und noch kurz vor der Hütte stellt sich die Frage ob umkehrt werden muss oder nicht. Ein abgerissenes Drahtseil oder ein wackelnder Stift können einen ansonsten gemütlichen Klettersteig zum Alptraum werden lassen.

Ups, da war doch mal eine Brücke? Zwei Stunden Zeitverlust, zehn Minuten vor der Hütte.

Ups, da war doch mal eine Brücke? Zwei Stunden Zeitverlust, zehn Minuten vor der Hütte.

Vielleicht versperrt ein Erdrutsch den Weg oder eine Kuhherde mit Muttertieren und Kälbern die Almwiese. Am besten ist es natürlich, von solchen Umständen vor der Tour zu erfahren. Der Hüttenwirt oder andere Einheimische können eventuell Auskunft geben, auch sollte man auf aktuelle Aushänge Acht geben. Auch Internetforen über aktuelle Touren können nützlich sein. Ansonsten gilt es, an der besonderen Stelle eine Entscheidung zu treffen. Ist das Risiko kalkulierbar? Muss ich über diesen Weg wieder zurück und traue ich mir es zu, das eventuell traumatische Hindernis ein zweites Mal anzugehen? Wie sieht es mit der Zeitplanung aus, kann ich es mir leisten, viel Zeit hier zu verlieren und eventuell ein weiteres Mal auf dem Rückweg? Ist eine Seilsicherung möglich und nötig? To go or not to go ist hier die Frage.

Fazit: Erst denken, dann gehen.

Tourenplanung fängt zu Hause an. Tourenlänge und Schwierigkeit können und müssen vor Tourenbeginn sorgfältig geprüft werden. Als Regel sollte man immer eine Stufe unter seinem Limit wählen, so dass es Reserven gibt, wenn widrige Umstände auftreten. Auf Besonderheiten trifft man oft, wenn es schon zu spät ist. Hier gilt es, eine Risikoeinschätzung vorzunehmen und auch an den Rückweg zu denken. Ohne Kalkulation des restlichen 3×3 ist die Tourenplanung jedoch noch nicht vollständig. Mehr dazu im 2. und 3. Teil unserer Miniserie.

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Benjamin sagte am 23. September 2014 um 15:07 Uhr

    Irgendwie wurde bei der Rechnung lustig mit den Maßeinheiten rumgespielt:

    Horizontalentfernung: 16 km / ( 4 km/h) = 4h
    Höhenunterschied: 900m / ( 300 m/h) = 3h

    Zitat: „3h x 0,5 + 4h = 5,5 h. Die Gehzeit beträgt somit 4h.“ ???

    Gehzeit ist doch dann 5,5h

    … so ich hör jetzt auf mit klugscheissen ….

  2. Wiebke sagte am 26. September 2014 um 10:44 Uhr

    Hallo Benjamin,
    vielen Dank für Deinen Hinweis. Wir haben sie Fehler gleich ausgebessert. :-) Lieben Gruß, Wiebke

  3. Mauler Christian sagte am 10. Mai 2016 um 01:34 Uhr

    Hallo Leute ,
    find ich toll. Was mich interessieren würde, gibt es auch für das MTB eine DIN und wie berechne ich die Tourenzeit per MTB
    Danke Christian

  4. Magy Linzmeyer sagte am 17. Mai 2016 um 11:59 Uhr

    Hallo Christian, vielen Dank für Deine Anfrage. Ich habe diese an unseren MTB Experten hier im Haus weitergeleitet. Dieser ist allerdings bis 29.05. im Urlaub. Sobald ich eine Antwort von ihm habe, werde ich mich natürlich sofort mit den Infos bei Dir melden. Ich hoffe das geht für Dich in Ordnung. Herzliche Grüße von den Bergfreunden Magy

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