Das A-Z des Transalpine Runs4

Das A-Z des Transalpine Runs – Teil 2

21. November 2017

Sportart

Wer sieben Tage über die Alpen läuft, hat viel zu erzählen. Und wenn man das Erzählte bisweilen so gut zu „Papier“ bringen kann, wie unser Bergfreund Johannes, kommt dabei eben ein fast 4000 Wörter langer Artikel raus. Damit das Ganze etwas verdaulicher daherkommt, haben wir sein ausführliches Transalpine-Run-ABC in zwei Teile gesplittet. Wer gerne die Buchstaben A-M nachlesen möchte, findet den entsprechenden Beitrag hier. Allen anderen wünschen wir viel Spaß mit den Buchstaben N-Z!

N wie Nudelparty

Nudelparty: Nicht nur in den Etappenorten stimmte die Verpflegung, auch auf der Strecke – Wassermelone, Tomaten und Gurken mit Salz, Cola. Da fällt das Grinsen dann auch leichter.

Nicht nur in den Etappenorten stimmte die Verpflegung, auch auf der Strecke – Wassermelone, Tomaten und Gurken mit Salz, Cola. Da fällt das Grinsen dann auch leichter.

Am Abend einer jeden Etappe hat sie stattgefunden, die ominöse Nudelparty, auch Pastaparty genannt. Abend für Abend sammelten sich hier die Transalpine Run Teilnehmer, um die leeren Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen. Es wurde über die letzte Etappe kontrovers diskutiert, es wurde sich gegenseitig wegen diverser Wehwehchen bedauert und es wurde über das Wetter geschimpft – Small Talk eben.

Nudeln konnte ich nach dieser Woche nicht mehr sehen. Sie wurden uns mit unterschiedlichen Saucen serviert, die eine etwas leckerer, die andere eher an rotes, dickes Wasser erinnernd und nicht ganz so lecker. Der nicht nur im übertragenen Sinne Höhepunkt war die Nudelparty in Samnaun. Mir der Seilbahn sind wir direkt ins Herz der Samnauner Bergwelt gebracht worden. Bei bestem Wetter eine Traumaussicht. Und dann erst das Essen. „Nudelparty“ wird dem nicht gerecht. Es war ein Dinner, was uns hier im Gipfelrestaurant serviert wurde – WOW.

O wie Ochsenscharte

Darüber hüllen wir den Mantel des Schweigens. Nur so viel, es war der Höhepunkt des Tiefpunktes – siehe K wie Königsetappe.

P wie Parallelkosmos

Aufstehen – Frühstücken – Laufen – Regenerieren – (Fr)Essen – Schlafen. Sieben Tage am Stück. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Man taucht ein in einen Parallelkosmos, steigt vollkommen aus dem Alltag aus. In diesen Tagen hätte Trump Nordkorea zerstören, der BV 09 Borussia Dortmund nachträglich zum Deutschen Meister erklärt werden oder die Bergfreunde aus Kirchentellinsfurt nach China expandieren können. Ich hätte das nicht mitbekommen. Dieser Parallelkosmos hat sich angefühlt wie eine Entgiftungskur für die all die Sorgen, für all die dunklen Gedanken, die einen im Alltag belasten.

Q wie Qualen

Q – Qualen: Auf dem Höhepunkt meines Tiefpunktes auf der Ochsenscharte (2.787m) oberhalb von Samnaun auf der 4. Etappe. (Foto; Sportograf)

Auf dem Höhepunkt meines Tiefpunktes auf der Ochsenscharte (2.787m) oberhalb von Samnaun auf der 4. Etappe. (Foto; Sportograf)

Udo Bölts schrie einmal Jan Ullrich an „Quäl Dich, Du Sau!“. Am Ende stand der Sieg bei der Tour de France. Nun, wir wollen jetzt nicht über die Dopingpraktiken diskutieren, die unter anderem zu diesem Sieg führten. Viel wichtiger ist doch, dass in diesem Satz viel Wahrheit steckt. Sich zu quälen heißt, seine eigenen Grenzen zu überwinden, diese zu verschieben. Über sich hinauszuwachsen. Es mag beim Transalpine Run Läufer geben, die diesen Lauf auf der linken Arschbacke durchlaufen. Ich nicht, definitiv nicht. Ich musste mich quälen, nicht nur einmal, nicht nur zweimal, oft, sehr oft. Ich musste jeden Tag über meine Grenzen gehen. Mit jedem Tag, den der Transalpine Run dauerte ein wenig mehr. Aber die Qualen haben sich ausgezahlt – mehr dazu unter Z wie Ziel.

R wie Runner’s High

Kennt ihr das? Ihr grinst grenzdebil über das ganze Gesicht, Endorphine sprühen durch euren ganzen Körper, der Schweiß fliest, die Muskeln arbeiten am Anschlag. Ihr seid high, eine innere Wärme breitet sich aus. Warum? Weil ihr lauft, einfach nur lauft. Aber irgendwas macht diesen Laufmoment magisch. Ich hatte beim Transalpine Run mehrere Male ein Runner’s High.

Das macht diesen Wettbewerb aus. Man quält sich, erträgt Schmerzen und Frust – aber immer wieder setzt man dann sein grenzdebiles Grinsen auf und freut sich einfach, dass man hier laufen darf. Gründe können so mannigfaltig wie individuell sein. Für mich war das größte Runner’s High wohl der Downhill nach und die Zielankunft in Scuol.

S wie Scuol

Mein Lieblingsbild – voller Stolz, Erleichterung und Gewissheit beim Zieleinlauf in Scuol.

Mein Lieblingsbild – voller Stolz, Erleichterung und Gewissheit beim Zieleinlauf in Scuol.

In Samnaun stand ich noch grübelnd und unsicher im Startblock. Die Schmerzen in meinen Fersen hatten ihren Höhepunkt erreicht. „No gain, no gain“ – also los. Ich biss mich immer mehr in diese Etappe rein, konnte die Schmerzen ausblenden. Und es lief mit jedem Kilometer besser. Dann war die Fuorcla Campatsch erreicht. Jetzt ging es nur noch bergab, aber nur topografisch gesehen. Denn als ich da oben ankam und mit dem Streckenchef abgeklatscht hatte, machte sich in mir eine Gewissheit breit: „Du schaffst das Ding!“

Also, Kopf aus, Herz ein, Endorphine Marsch. Selten hatte ich so einen grandiosen Downhill – 1.600 Höhenmeter runter, teils steil, teils technisch, teils einfach. Egal, drüber gebügelt und ab ins Ziel nach Scuol. Es fühlte sich an wie ein Triumphzug ins Glück, ein Runner’s High von oben bis unten. Die Gewissheit, den Transalpine Run zu finishen hatte ich spätestens jetzt. Daher war die Zielankunft in Scuol für mich eine ganz besondere. Ich glaube, ich bin wie ein stolzer Hahn durch den Zielbereich stolziert. Heute war ich der King, mein ganz eigener und Scuol war mein Schloss.

T wie Team

Basti – Teampartner, Laufkumpel, Leidensgenosse und Freund.

Basti – Teampartner, Laufkumpel, Leidensgenosse und Freund.

Das Besondere am Transalpine Run ist, dass man als Team antritt. Mein Teampartner war Basti. Wir haben uns sehr gewissenhaft vorbereitet. Unzählige Trainingsläufe haben wir gemeinsam in den Allgäuer Alpen gemacht – wir haben uns läuferisch und menschlich kennen und schätzen gelernt. Die Ergebnisse im Vorfeld waren gut, die Motivation hoch und die Ansprüche nicht minder. Doch schon auf der ersten Etappe steckte Basti mir, dass er seit Wochen mit einer leichten Erkältung kämpft; im Alltag kein Problem, bei einer Grenzerfahrung wie dem Transalpine Run allerdings schon.

So brach er auf der 2. Etappe von Lech nach St. Anton am Arlberg komplett ein. Früh keimte in mir die Erkenntnis, dass unser Team bereits auf der 3. Etappe Geschichte sein sollte. Ich lief fortan als Einzelläufer weiter. Aber Basti reiste weiter mit, unterstütze und motivierte mich wo er konnte. Und einer der magischsten Momente war, als ich im allerletzten Downhill des Transalpine Run von der Tabarettascharte runter nach Sulden hinter dem führenden Mixed-Team herballerte und ca. 4 Kilometer vor dem Ziel Basti auf mich wartete. Gemeinsam jagten wir weiter den Berg runter und hinter den Beiden her. Zusammen liefen wir in Sulden über die Ziellinie. Als Team sind wir in Fischen gestartet, als Freunde sind wir in Sulden angekommen. Danke Dir, Basti!!

U wie Uinaschlucht

Durch die atemberaubende Uinaschlucht – rechts Abgrund, links Fels. (Foto: Sportograf)

Durch die atemberaubende Uinaschlucht – rechts Abgrund, links Fels. (Foto: Sportograf)

Beim Transalpine Run erlebte ich traumhaft schöne Landschaften. Der Höhepunkt war die wildromantische Uina-Schlucht. Aus dem lieblichen Engadin rannten wir durch die immer wilder werdende Landschaft auf einem Forstweg hinauf durch das Val d’Uina. Die Szenerie wurde immer dramatischer. Da, einen Blick auf die Schlucht hatte ich durch die Bäume durch erhaschen können, dann versteckte sie sich wieder.

Irgendwann – die erste Labestation des Tages hatten wir gerade passiert – spuckte uns der Wald aus und sie lag vor uns. Links in der Felswand haben arme Schweine Anfang das 20. Jahrhunderts einen Weg in und durch den Felsen gehauen. Davor war die Uina-Schlucht unpassierbar. Unten hüpfte die Uina von einer Kaskade zur anderen. Gähnend war neben uns der Abgrund, der keinen Fehltritt verzeiht. Dessen ungeachtet zogen wir Läufer unsere Spur, verharrten den ein oder anderen Moment in Demut und waren dankbar dafür, diesen Moment bei bestem Wetter erleben zu dürfen. Oben öffnete sich die Szenerie, der Schlinigpass breitete sich vor uns aus; aus dem Dunkel der Schlucht direkt ins Licht einer gleisend schönen und gleichzeitig lieblichen Bergwelt. Welch ein Moment, welch ein Privileg.

V wie Versuche

Ich habe ihn schonmal versucht, den Transalpine Run. 2014 stand ich gemeinsam mit Markus, einem lieben Kollegen, an der Startlinie. Die Vorbereitung damals lief alles andere als gut. Zugegebenermaßen hatte ich kaum Erfahrung, die eine Teilnahme am Transalpine Run rechtfertigen hätte können. So kam nach der 6. Etappe das Aus. Das war bitter, ich habe damals geheult wie ein Schlosshund, war ein Häufchen Elend. Doch es war mir Ansporn genug, mich diesmal gewissenhaft drauf vorzubereiten. Ich wusste, was auf mich und meinen Körper zukommt. Ich wusste, dass ich es diesmal schaffen werde, allen Widrigkeiten zum Trotz – der zweite Versuch durfte schließlich nicht schiefgehen.

W – weiter

Eigentlich gehört das ja ans Ende. Aber W kommt nun mal vor Z. Ja, wie geht’s weiter? Mein Plan für das nächste Jahr steht schon. Allerdings kommt gerade eine kleinere Verletzung nach der anderen. Daher bin ich nach dem Transalpine Run noch nicht so recht in Schwung gekommen. Es wird sich zeigen, wie ich jetzt dann alles auskuriere. Darauf steht jetzt erstmal der Fokus. Und der Transalpine Run wird in drei Jahren noch mal angegangen. Dann aber in der Mixed Kategorie mit Blick auf das Podium. Mädels, Bewerbungen werden ab jetzt in Empfang genommen.

X – Xtreme

Extrem viel Spaß auf der 5. Etappe nach Scuol. (Foto: Sportograf)

Extrem viel Spaß auf der 5. Etappe nach Scuol. (Foto: Sportograf)

Xtreme ist Neuhochdeutsch für Extreme. Und das ist der Transalpine Run definitiv, ein Lauf der Extreme. Nicht umsonst wird die Schlange vor dem Zelt der Medical Crew jeden Tag länger. Bilder von knochentiefen Blasen machen die Runde. Ein rotglühendes Schienbeinkantensyndrom hier, eine entzündete Achillessehne da oder ein dickes Knie dort. Extremes fordert seinen Tribut.

Der eine ist bereit mehr zu zahlen, der andere weniger. Manche müssen am Weiterlaufen gehindert werden. Die einzelnen Tagesetappen sind jetzt nichts, was einen Ultraläufer wirklich umhaut. Extrem wird der Transalpine Run dadurch, dass man das sieben Tage am Stück läuft. Der Körper schafft es nicht mehr, sich bis zum nächsten Startschuss zu regenerieren. Tag für Tag kämpft und quält man sich über topografische und mentale Höhen und Tiefen, meist am Limit, manchmal darüber. Die Anforderungen an Geist und Körper sind extrem. Schon die Vorbereitung ist extrem, sonst steht man das nicht durch. Die Logistik, die für den Veranstalter PlanB dahintersteckt, ist extrem. Und die Pastaparty in Samnaun war extrem lecker.

Y – Yvonne

Training ist das Eine, das Rennen das Andere. Man investiert Zeit, Schweiß und Geld im Vorfeld. Beim Transalpine Run brauch man den Rücken frei. Am besten, man muss sich nur um sich selber kümmern. Aufstehen, Trailrunningrucksack packen, frühstücken und ab zum Start. Hinterher zum Hotel kommen, regenerieren, essen und schlafen. Das alles kannst Du nur, wenn Du den richtigen Menschen an Deiner Seite hast.

Meine Frau war Logistikmanager, Reiseleiter, Chauffeur, Physiotherapeut, Sportpsychologin und Cateringservice in einem. Sie war mein Fels in der Brandung, hat mich aufgebaut, als ich Schmerzen und Zweifel hatte und hat mich mit meiner eigenen Freude alleine gelassen, wenn es nötig war. Sie hat meine ganzen Eskapaden im Vorfeld ertragen, hat mich aber auch das ein oder anderen Mal wieder auf den Boden geholt. Lange Rede kurzer Sinn, ich muss meiner Frau danken, dass ich sie an meiner Seite haben darf.

Z – Ziel

Gemeinsamer Zieleinlauf mit Basti in Sulden am Fuße des Ortlers – Geschafft und doch nur der Start in neue Abenteuer. (Foto: Sportograf)

Gemeinsamer Zieleinlauf mit Basti in Sulden am Fuße des Ortlers – Geschafft und doch nur der Start in neue Abenteuer. (Foto: Sportograf)

„Der Weg ist das Ziel“ – selten zuvor hat dieser Spruch besser gepasst als auf den Transalpine Run. Es gibt zwar dieses eine Ziel in Sulden, welches alle Läufer erreichen wollen. Dennoch dachte ich da nicht dran, als Basti und ich uns in Fischen auf den Weg machten. Man steckt sich Zwischenziele – der nächste Pass, die nächste Labestation, die nächste Fankurve oder das Tagesziel.

Dennoch spielten sich in meinem Kopf Szenarien ab, als wir durch den Allgäuer Regen in die Alpen hinein liefen. Ich sah mich in Sulden emotional, weinend, aufgelöst vor Freude im Zielbereich liegen. Das Ziel in Sulden habe ich erreicht. Der emotionale Ausbruch blieb allerdings aus. Zu sicher war ich mir seit dem Zieleinlauf in Scuol, den Transalpine Run zu finishen. Ich saß einfach nur still da, die Finishermedaille hing um meinen Hals und grinste in mich hinein. Ich war unheimlich stolz auf meine Leistung. Ich habe mich meinem inneren Schweinehund gestellt und ihn besiegt. Ich habe Zweifel niedergerungen. Ich war 5. Individual Finisher, gehörte zur erweiterten Spitzengruppe. Eine grandiose Woche ging hier zu Ende, die sich im Nachhinein wie ein Traum anfühlt.

Aber, ich habe meinen Traum gelebt und durchlitten. Ich habe mein Ziel erreicht – und das doch nur, um mir neue Ziele zu setzen.

Titelfoto: Sportograf

Kommentare zu diesem Artikel
Andere Bergfreunde freuen sich auf deinen Kommentar

€ 5 sofort
Für deine nächste Bestellung
Nein, danke.