Das A-Z des Transalpine Runs - Teil 1

Das A-Z des Transalpine Runs – Teil 1

16. November 2017

Sportart

Wenn man gerne und oft Ausdauersport betreibt, kommt man unweigerlich an einen Punkt, an dem man darüber nachdenkt, wie man seine Grenzen verschieben kann. Sei es, in dem man sich bei der Strecke steigert, statt 5 km mal 10 km anstrebt oder seine Zeiten verbessern möchte. Soweit relativ normal. Was aber tun, wenn man irgendwann mal das große Ziel Marathon gemeistert hat? Nun, da gibt es dann noch so schöne Dinge wie Ultramarathons. So bezeichnet man prinzipiell alle Strecken, die über die 42,215 km hinaus gehen.

Dann kann man sowas noch in den Bergen machen. Und – für die ganz verrückten – mehrere Tage hintereinander. Einer dieser „Verrückten“ – ganz im positiven Sinne – ist unser Johannes. Er kümmert sich normalerweise im Einkauf um Trekking-Nahrung und Bücher. In seiner Freizeit rennt er aber gerne über die Schwäbische Alb und die Alpen. Dieses Jahr stand für ihn erneut der Transalpine Run auf dem Plan. Ein schwieriges Thema, musste er doch bei seinem ersten Versuch 2014 aufgrund von Krankheit leider aussteigen. Doch 2017 hat er es endlich geschafft und sein Ziel erreicht – so viel sei schon mal verraten. Für euch hat er die sieben Tage in einem ABC zusammengefasst. Im ersten Teil arbeiten wir uns bis zum Buchstaben M vor.

A wie Anfang

Das A-Z des Transalpine Runs - Teil 1

Anfang: Gespannte Erwartung beim verregneten Start in Fischen. Foto: Florian Schütz

Ja, wo fängt man nur an? Vielleicht damit: 4 Länder – 7 Etappen – 2 Läufer – 274,7 Kilometer – 15.258 Höhenmeter. Damit wären die Fakten mal geklärt. Angefangen hat dann alles an einem verregneten Septembermorgen in Fischen im Allgäu. Die Fakten kannte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich. Ich meinte auch zu wissen, was auf mich zukommen wird. Nun …. Ähem …. Ich wusste es nicht. Ich dachte schon, dass es hart werden wird. Ich dachte schon, dass es auch mal weh tun wird. Aber es war noch viel härter und es tat noch viel mehr weh.

B wie barfuß

Lieber Leser, glaube mir, es gibt wenig Schöneres als nach einem Tag voller Transalpine Run seine nassen, stinkigen und matschigen Trailrunningschlappen sowie die nicht minder duftenden Socken auszuziehen und barfuß in einen eiskalten Bergbach zu steigen. Die ganz Harten legen sich gleich komplett rein, aber mir war da doch die warme Dusche lieber.

C wie Chillen

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Chillen: Ftan oberhalb von Scuol. Ein nettes Plätzchen, um sich vom harten Rennalltag zu erholen, findet ihr nicht auch? Foto: Johannes Moll

Die Tage beim Transalpine Run liefen eigentlich immer nach dem gleichen Muster ab: Morgens bis mittags wird gelaufen, nachmittags wird gechillt. Diese wertvolle Zeit der Regeneration war enorm wichtig. Heiß duschen, Beine hochlegen, massieren lassen, futtern und trinken sowie einfach mal loslassen, die Seele schweben lassen. Ganz nach dem Motto „Run hard – relax harder“.

D wie Downhill

Downhill, das kann bedeuten vorsichtig einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Dabei dauernd darauf bedacht sein, nur nicht zu stolpern über die vielen Wurzeln und Steine, die sich dem Läufer gerne mal in den Weg stürzen. Downhill kann aber auch bedeuten „Kopf aus, Herz ein“, Beine wirbeln lassen und auf die eigene Trittsicherheit zu vertrauen – und den Berg runter bügeln.

Für mich ist der Downhill eigentlich die anspruchsvollste Disziplin beim Trailrunning und besonders auch beim Transalpine Run. Bergauf ist reines Konditionsbolzen. Dabei kommt es zwar auch auf die richtige Technik an, aber der Gelenkapparat ist nicht besonders gefordert. Ganz anders sieht es im Downhill aus, vor allem in der „Bügelvariante“. Da ist der Gelenkapparat extrem gefordert, die Muskeln glühen. Das Zusammenspiel zwischen Augen und Füßen muss hundertprozentig funktionieren. Und man darf nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn? Dann hast Du verloren. Aber, Du bist zum Siegen beim Transalpine Run, daher nicht denken, lass es wirbeln.

E wie Etappen

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Etappen: Auf der dritten Etappe ging es über Matschrutschbahnen von St. Anton am Arlberg nach Landeck – meine erste Etappe als Einzelkämpfer. Foto: Sportograf

Die Etappen konnten fast nicht unterschiedlicher sein. Die ersten beiden waren geprägt vom Schnee, der durch eine Kaltfront vor allem in die Hochlagen der nördlichen Kalkalpen geworfen wurde. Es wurden Alternativstrecken gelaufen. Vor allem die 1. Etappe (Fischen im Allgäu nach Lech am Arlberg; 41,6 Kilometer/ 1.753 Höhenmeter) wurde sehr kontrovers im Läuferfeld diskutiert, glich sie doch eher einem Landschaftslauf mit kleinem Trailanteil und viel Asphalt.

Wesentlich schöner war da bei bestem Wetter die 2. Etappe (Lech nach St. Anton am Arlberg; 26,8 km / 1.827 Hm), die allerdings von Bastis (meinem Teampartner) Gesundheitszustand bestimmt wurde. Etappe 3 (ST. Anton nach Landeck; 43,7 km / 2.185 Hm) war gefühlt eine Übergangsetappe, bot spaßige Matschtrails, geile Flowtrails und weniger schöne Radwege; und das bei teils mystischen Wetterkapriolen. Die 4. Etappe (Landeck nach Samnaun; 45,5 km / 2.950 Hm) war sowas wie meine Schicksalsetappe, mein mentaler und körperlicher Tiefpunkt, aber auch meine Wiedergeburt (siehe K – Königsetappe). Etappe 5 (Samnaun nach Scuol; 39,4 km / 2.244 Hm) führte uns durch herrliche Hochgebirgslandschaften in das nicht minder schöne Engadin. Hier keimte in mir die Gewissheit, dass ich den Transalpine Run finishen würde (S – Scuol). Die Grenze von der Schweiz nach Italien überschritten wir auf der 6. Etappe (Scuol nach Prad am Stilfser Joch; 46,5 km / 1.750 Hm); herrliche Trails, tolle Aussichten, ein Gruß von König Ortler und die wildromantische Uina-Schlucht (U – Uina-Schlucht).

Nebenbei konnte ich Teams hinter mir lassen, von denen ich bisher nur den Rücken sah. Etappe 7 (Prad nach Sulden am Ortler; 31,2 km / 2.591 Hm) sollte das große Finale werden. Leider versteckte sich der Ortler im Nebel. Am Fuße dieses majestätischen Berges zündete ich den Turbo, sammelte bergauf zur Tabarettascharte Team um Team ein und konnte nach einem begeisternden Downhill (J – Jagd) meine beste Platzierung holen. Ich lief die 18. Beste Zeit des Tages von 273 Läufern / Teams, und das nach sieben harten Tagen.

F wie Fans

Man läuft unzählige Kilometer alleine durch hochalpine Landschaften, kämpft sich Asphaltpisten und Forstwege rauf und runter oder gleitet über Matschrutschbahnen gen Tal. Und dann ist da dieser eine Moment, wo liebe und bekannte Menschen stehen und einen anfeuern. Das sind für mich immer ganz spezielle Augenblicke. Beim Transalpine Run haben meine Schwiegereltern jede Etappe mitgemacht. Sie sind bei Wind und Wetter dagestanden und haben mich zu jeder Zeit mit motivierenden Worten unterstützt. Das war schon richtig cool und ich habe feststellen müssen, wie wichtig diese Unterstützung ist. Das kann Dich dann schon mal über die nächsten schwierigen Kilometer beflügeln.

G wie Grenzen

Grenzen gab es einige beim Transalpine Run. Da sind einmal die Ländergrenzen, die wir meist unbemerkt überrannt haben. Es waren drei an der Zahl. Es gibt ja Menschen, die wollen wieder Grenzen, Mauern und Zäune errichten. Ich fand dieses grenzenlose Gefühl genial. Die schönste Ländergrenze war die aus der Schweiz nach Italien rein. Erstens war es die letzte Grenze. Und zweitens die schönste. Hier am Schlinigpass öffnete sich nach der faszinierend-düsteren Uinaschlucht der Horizont wieder, die Sonne strahlte und der Ortler, der König Südtirols, grüßte mit seinen gleisenden Schneefeldern zu uns herüber. Was für eine grandiose Szenerie. Und dann waren da noch die mentalen und körperlichen Grenzen, die meist Hand in Hand gingen. Mehrmals musste ich sie verschieben, musste aus meine Komfortbereich heraus. Aber es hat sich gelohnt.

H wie Hotel

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Hotels: Luxus pur. Foto: Yvonne Moll

Es gibt die Möglichkeit, die Nächte beim Transalpine Run im Camp zu verbringen. Camp steht in diesem Fall allerdings für laut, unruhig und unbequem. Ich kann mich an Erzählungen erinnern, welche von Weckern handelten, die bei einem Start um 8:00 Uhr schon um 5:00 Uhr die ganze Halle weckten; Erzählungen, die über schmerzende Rücken nach der dritten Nacht auf der Isomatte klagten. Genau aus diesen Gründen haben meine Frau und ich die Woche in Hotels verbracht. Ich brachte meinen Körper in dieser Woche an die Grenze. Da war es Balsam für den geschundenen Läufer, sich im eigenen Hotelzimmer in aller Ruhe erholen zu dürfen, eine Dusche für mich alleine zu haben und morgens nicht von übereifrigen Mitläufern aus den süßesten Läuferträumen gerissen zu werden.

I wie Innerer Schweinehund

Der innere Schweinehund ist ein ständiger Begleiter beim Transalpine Run. Er meldet sich bereits morgens beim Aufstehen. Vor der 1. Etappe ist er noch ganz klein, wird aber mit jedem Tag größer. Irgendwann denkst Du dann nur „Ach Wecker, halt die Klappe, ich will schlafen.“ Aber es hilft ja nix. Er meldet sich beim ersten Anstieg, beim zweiten Anstieg und beim letzten Anstieg. Man muss ihn Bezwingen, schließlich heißt jeder bezwungene Anstieg einer weniger bis zum Ziel. Er meldet sich, wenn Du Dich bei Regen in den Startblock stellst und Dich fragst „Wieso machst Du diesen Quatsch hier? Du könntest warm und gemütlich beim Frühstück sitzen und einen heißen Kaba trinken.“ Er meldet sich, wenn die Schmerzen größer werden und Du Dich einfach hinsetzen und diesen ganzen Blödsinn beenden willst. Dennoch überwindest Du ihn, denn Du hast diesen einen Wunsch: Das Ziel erreichen und diesen nervigen inneren Schweinehund auf seine Decke verweisen.

J wie Jagd

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Jagd: Die Jagd von der Tabarettascharte runter nach Scuol – die Beute direkt vor mir. Foto: Sebastian Dämmig

Zugegeben, Jagd hört sich da vielleicht etwas martialisch an. Auf der anderen Seite war es schon sehr mystisch und eben martialisch, als der Wind die Ortlernebel für einen kurzen Moment wegpustete und eine Aussicht freigab, die mir das Blut in den Adern gefrieren lies. Gerade eben hatte ich eines meiner – verzeiht bitte die Wortwahl – geilsten Überholmanöver ever unterhalb der Tabarettascharte gemeistert, hab im technischen Gelände danach nochmal zwei Teams überholt und war dann da oben in der Bärenscharte.

Für einen Augenblick nur hatte ich den Blick frei in den Downhill nach Sulden runter. Und da liefen sie, Marianne und Mathieu, das souverän führende Mixed Team, sowohl diese als auch von jeder Etappe davor. WOW, so weit vorne war ich noch nie. Sollte ich auf der letzten Etappe auch meine beste Platzierung erreichen und vor der schnellsten Frau des gesamten Feldes sein?

Probieren wir’s, die Jagd war eröffnet. Und ich jagte den Berg runter, jagte wie selten zuvor. Ich kam näher, immer näher. Mein Kopf war längst ausgeschaltet, meine Beine und Arme hatten das Kommando an sich gerissen. Gemeinsam wirbelten sie meinen Körper in einer 5:00er Pace über teils sehr technisches Gelände dem Ziel und meiner Beute entgegen. Da sind sie, direkt vor mir. Überholen bei diesem Höllentempo auf dem schmalen Trail war schwierig. Also hinterher, abwarten. Irgendwann kam dann mein Moment. Kurzer Gegenanstieg, breiterer Weg, durchziehen, der Jäger schnappte seine Beute, zog vorbei. Der Kopf schaltete sich wieder dazu und vermeldete: Jagd erfolgreich!!

K wie Königsetappe

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Königsetappe: Irgendwann war das Ziel in Samnaun erreicht – mir kam Udo Jürgens Liedtext in den Sinn: „Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden und dass Dir die Hoffnung fehlt“ – kam mir passend vor, gehören beim Transalpine Run doch Liebe, Leiden und Hoffnung unweigerlich zusammen. Foto: Yvonne Moll

46 Kilometer und 2.950 positive Höhenmeter; 6 Stunden 39 Minuten und eine Pace von 8:45 min/km. Das sind die nackten Fakten der Königsetappe von Landeck nach Samnaun. Aber sie war für mich noch viel schlimmer, als sich die Daten lesen. Was war schlimm?

  1. Das Skigebiet oberhalb von Serfaus. Selten habe ich aus Gründen der Bespaßung der Menschheit so viel Naturzerstörung gesehen. Wer dort im Winter fröhlich runterwedelt und beim Aprés Ski feiert möge bitte mal im Sommer dort hochgehen und ein wenig reflektieren oder versuchen, auf den Skipisten einen Blumenstrauß zu pflücken.
  2. Meine Schmerzen an beiden Fersen wurden immer schlimmer. Bergauf durchzuckte mich bei jedem Schritt eine Schmerzfontäne. Bei jeder Labestation habe ich mir überlegt, ob das Sinn macht, wollte mich hinsetzen und heulen, mit der nächsten Bahn ins Tal schweben. Ich musste mich durchbeißen, von Anfang bis Ende. Es war meine härteste Etappe, mein Tiefpunkt, sowohl körperlich als auch mental.
  3. Die Zielankunft in Samnaun musste man sich auf den letzten Kilometern teuer erkaufen. Breiter Schotterweg, leicht ansteigend, im Wald. Irgendwo am Horizont erspähte ich den Ort Samnaun, der sah so weit weg aus und wollte nicht näherkommen. WOW, das war hart. Und für mich war es das tiefe Tal, das ich durchschreiten musste, um den inneren Schweinehund auf seine Decke verweisen zu können.

L wie Laster

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Miteinander: Mit Marcel (rote Hose) bildete ich von Etappe 3 bis 5 ein „Individual Finisher Pärchen“. Auch er hatte seinen Partner verloren. Wir haben uns super verstanden. Leider musste Marcel später auch aussteigen. Foto: Sportograf.

Schokolade Geschmacksrichtung „Ganze Haselnuss“ am besten ne ganze 300g Tafel. Und glaubt mir, wenn die mal nicht da war, bin ich wie ein hungriger Tiger im Gehege rumgelaufen. Daher hat meine liebe Frau dafür gesorgt, dass das nie passiert ist.

M wie Miteinander

Hier will ich eigentlich nur ein Zitat eines Läufers bringen, welches er mir hinterherbrüllte, als ich im rasenden Downhill nach Scuol an ihm und seinem Teampartner vorbeiballerte: „Hey, great job Dude!! Come on! Go! Go! Go!“

Und das soll es an dieser Stelle erstmal gewesen sein. Wie es im ABC der Qual… Pardon, des Transalpine Runs weitergeht, erfahrt ihr nächste Woche im Basislager-Blog!

Titelfoto: Sportograf

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