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„Crazy Germans“ in Afrika: Kletter- Erkundungsreise durch Namibia

24. September 2016

Sportart

Verletzungen sind unangenehm, blöd nur wenn man (oder besser Frau) sich deshalb eine Kletterreise entgehen lassen muss. Einziger Trost für Klara, die diesmal zuhause bleiben muss, ist dass die Felsen auch nächstes Jahr noch stehen. So breche ich diesmal zusammen mit meinem Kumpel Toni auf. Nur Wahnsinnige würden im Februar in die namibische Hitze flüchten, weshalb wir dort gleich das Prädikat „crazy germans“ ernten. Für Einheimische ist völlig unverständlich, warum wir uns in der Bullenhitze freiwillig bewegen.

Leuchtröhren und Lederstiefel

Seit Stunden sitzen Toni und ich schon in den harten Plastiksitzen der Grenzstation zwischen Namibia und Südafrika, wo uns der Übernachtbus von Windhoek ausgespuckt hat. Hinter dem verglasten Schalter vor uns sitzen zwei Grenzbeamte, sonst ist hier niemand. Warum auch, es ist 3 Uhr Nachts und die Zeit dehnt sich wie Kaugummi. Nur widerwillig tickt die Uhr in der aseptischen Halle langsam dahin. Das Neonlicht flackert über uns, immer wieder schwirren übergroße, libellenartige Insekten gegen die Leuchtröhren. Über das Internet habe ich Antonie kennen gelernt, der eine riesige Esstrauben-Plantage in Aussenkehr an der Grenze zu Südafrika leitet. Nur wenige Kilometer weiter liegen die drei Klettergebiete Kings Throne Canyon, Chamkap Canyon und Quivertree Canyon. Wir warten hier, weil er uns eingeladen hat, ihn zu besuchen und kletternd die Gegend zu erforschen, was wir uns nur schwer entgehen lassen können. Hoffentlich hat er uns nicht vergessen, hoffentlich gibt es ihn wirklich? Ein paar Lederstiefel reißen mich aus dem monotonen Starren auf den Boden. Da steht er plötzlich lächelnd da, unser Gastgeber für die nächsten zwei Wochen.

Felsen soweit das Auge reicht

Fels soweit das Auge reicht

Fels soweit das Auge reicht

Schnell flüchten wir hinaus, werfen unser Gepäck in seinen Allrad-Wagen und fliegen kurz darauf mit 120 km/h über sandige Schotterpisten. In den Kurven driftet Antonie gekonnt, so hoffen wir zumindest. Noch ist es stock dunkel und wir sehen nichts, bis auf den schmalen Lichtkegel vor uns. In Aussenkehr ankommend wird es langsam hell. Direkt vor uns liegt der endlose Fluß Oranje – ein grüner Streifen Leben, der sich eindrucksvoll durch die Halbwüste schlängelt. Ein schöner Anblick, aber eigentlich brennen wir darauf, die Felsen zu sehen. Wir bitten Antonie uns gleich zum Hauptklettergebiet im Kings Throne Canyon zu bringen, anstatt unser Lager im Norotshama Resort aufzuschlagen. Dafür ist später noch Zeit genug. Über eine holprige Sandpiste geht es in ein Trockental, das links und rechts von 60 bis 80 Meter hohen Steintürmen gesäumt ist. Die Straße schlängelt sich durch die Hügel, ein Meer von Felsen soweit das Auge reicht. Das Herz geht uns auf bei so viel Potential für neue Routen! Die Sportlinien sind klasse, ebenso die Felsqualität. Hier können wir es lange aushalten!

Spuren im Fels

Wilde Erstbesteigungen

Wilde Erstbesteigungen

Am nächsten Tag nehmen wir uns gleich die Sportkletterrouten im Gamkap Canyon vor. Erst seit 2005 wird hier in Aussenkehr geklettert, die meisten Linien sind von den namibischen Kletterern Antonie van Heerden gemeinsam mit Tony Lourens und Keith James erschlossen worden. Alles wunderschöne Linien, die auch uns ermutigen, Spuren zu hinterlassen. In den nächsten Tagen erkunden wir die Seitentäler und finden super strukturierte Felsen, um unsere Cams und Keile zu verschlingen. Unter genauester Aufsicht der Paviane als Klettermeister im Canyon, gelingen uns zahlreiche neue Linien im Quiver Tree Canyon, als erstem Trad- Gebiet in der Region. Das ist Urlaub genau nach unserem Geschmack, wilde Erstbegehungen zum Frühstück und danach genügend Zeit die intensiven Momente gebührend zu feiern: mit Kaltgetränk in der Hand am Pool liegend. An etwas Anderes ist ab mittags auch nicht zu denken, wer sich nachmittags in die Sonne begibt, wird mit Sicherheit rückstandslos verbrennen. Selbst abends um neun Uhr hat es immer noch unglaubliche 40 Grad Celsius…

The biggest failure is low aim

Eine richtige Herausforderung

Eine richtige Herausforderung

Nach gut zwei Wochen sind Fingerkraft und mentale Stärke wieder auf voller Höhe, Aussenkehr war für uns ein hervorragender Auftakt in die junge Klettersaison. Jetzt wird es Zeit für unser eigentliches Ziel, die berühmte Spitzkoppe. Zurück in Windhoek kommt unser Reisefluss jedoch gewaltig ins Stocken, denn es gibt keine Mietautos mehr. Wir laufen von einer Station zur Nächsten, jeder kennt noch jemanden der jemanden kennt… erst als unsere Nerven fast blank liegen, bekommen wir einen blauen 2er Golf vermietet, der uns endlich aus dieser Stadt herausbringt. In Usakos machen wir das Auto mit Lebensmitteln voll und starten in die Wildnis. Nach vielen, vielen Stunden auf der Straße wechseln wir endlich auf eine lange Schotterpiste. Am Horizont erhebt sich die markante Spitzkoppe als eine riesige Kuppe, die immer mächtiger in den Himmel ragt, je näher wir kommen. Wenig später errichten wir unser Lager direkt unter der etwa 500 Meter hohen Wand. Es gibt viele Routen an diesem formschönen Granitfelsen. Mich interessiert vor allem die legendäre Süd-West Wand, die 1982 von Eckhardt Haber erstbegangen wurde und im steilen Plattengelände den 8ten Grad verlangt. Nach dem Motto „the biggest failure is low aim“, frei übersetzt „der größte Fehler ist eine zu geringe Herausforderung“, starten wir tags drauf in diese Paradetour.

Nervenkrimi 2.0

Ein gigantisches Panorama

Ein gigantisches Panorama

Die extrem glatte, durchaus steile erste Seillänge wirkt nicht gerade einladend. Ich schwindle mich vorsichtig an winzigen Strukturen nach oben, es ist wie ein Tanz auf rohen Eiern. Die folgenden Seillängen sind fast ausschließlich selbst abzusichern, nur hin und wieder finden wir so etwas wie „Bohrhaken“ – es sind verrostete, dünne Bolzen mit einer Beilag-Scheibe – nicht gerade vertrauenerweckend. Mit der Öse der Klemmkeile klippen wir diese moralischen Stützen, zumindest halten sie das Gewicht von Expresse und Seil. Darüber hinaus gehende Belastungstests versuchen wir lieber zu vermeiden. Im nicht enden wollenden, furchterregenden Kamin ergeht es uns mit der Absicherung nicht besser. Es gibt so gut wie keine Placements, meist klettern wir ungesichert von Stand zu Stand ohne nach unten zu schauen. Einziger Trost sind die angenehmen Temperaturen in diesem dunklen Tunnel, der uns nach ein paar intensiven, nervenzerreißenden Stunden auf das Gipfel-Plateau entlässt. Ein gigantisches Panorama liegt vor uns, Wüste soweit das Auge reicht. Nur hier und da ein paar Sträucher als grüne Farbtupfer. Noch viele Stunden später zeichnet sich ein breites Grinsen über unsere Gesichter. Die Tour wird uns mit Sicherheit für lange Zeit in Erinnerung bleiben, was für ein Abenteuer!

Die neue Leistungsdiät

Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Lager, wo wir zu unserer Überraschung mit einem Bier von unserem Zeltnachbarn begrüßt werden. Als Dankeschön nehmen wir Stephane am nächsten Tag über den Normalweg auf die Spitzkoppe mit. Die große Schwierigkeit liegt hier in der reichlich komplexen Wegfindung. Eine tolle Abwechslung, den einfachsten Weg durch das Fels-Labyrinth zu finden! Beeindruckend ist vor allem die erste Kletterlänge aus einem Tunnel heraus in die senkrechte Wand. Mäßig schwer geht es daraufhin weiter bis uns nur noch ein einzelner Offwidth-Riss den Weg zum Gipfel versperrt. Ich klemme vorsichtig hinauf, nach der gestrigen Übung eigentlich kein Problem. Wieder liegt uns von hier oben die gesamte Savanne zu Füßen und es wird nicht das letzte Mal sein. Als kriegten wir nicht genug von dieser Aussicht, stürzen wir uns auf weitere Routen, ob in die Platten und Risse von „to bolt or not to be“ oder in die berühmte „Herero Arch“ am Rhino Horn. Zuletzt gelingt sogar die erste Wiederholung der „active side of infinity„. Ein Grund dafür ist sicherlich unsere unbeabsichtigte Diät – schon nach einer Woche müssen wir das Essen rationieren, seither muss uns trotz aller Anstrengungen eine Packung Nudeln täglich reichen. Wir werden immer dünner und fitter. Gerade als wir merken, wie die Urinstinkte in uns erwachen, besucht uns sogar ein Leopard am Lagerplatz. Auf der Jagd nach Kaninchen kommt er bis auf 30 Meter an uns heran, bevor er im Gewirr der Steinblöcke verschwindet. Er ist für uns jedoch keine Bedrohung, sondern wir spüren, wie sehr wir durch unsere „Askese“ ein Teil der Natur geworden sind.

Unsere Wunschliste für die Spitzkoppe ist schließlich mehr als erfüllt, der Abschied fällt trotz knurrenden Mägen schwer. Wie immer ist die Rückkehr in die Zivilisation ein kleiner Schock, denn die Zeit draußen hat uns wieder einmal gezeigt, was wirklich wichtig ist im Leben. Freundschaft, Ausdauer und eine Vision. Und Nudeln, vielleicht sollten wir in Zukunft etwas mehr davon einkaufen…

Infos:

Reisezeit: Aussenkehr ist eine Steinwüste mit hohen Plusgraden im Sommer, daher bietet sich die Zeit zwischen April und September an, wobei im King Canyon immer einige Routen im Schatten liegen, zumindest für ein paar Stunden.

Unterkunft/ Essen: Die beste Unterkunft ist unserer Meinung nach das Norotshama River Resort, keine 15 Auto- Minuten von den Kletterfelsen entfernt. Hier gibt es entweder die bequemen Chalet’s, wobei auch gezeltet werden darf. Das Resort bietet im Restaurant alles was das Herz begehrt, wer hingegen selbst kochen will, muss sich in den Großstädten auf der Anfahrt eindecken. Im „Dorfladen“ gibt es nur das Nötigste.

Topos der Erstbegehungen findet ihr auf www.d-on-r.de

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