Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

22. Februar 2018

Sportart

Im September nach Patagonien... klingt erst einmal falsch, denn die eigentliche Saison um an diesem Ende der Welt zu klettern ist doch unser europäischer Winter. Stimmt, aber wir suchen ganz bestimmt ein anderes, neues Abenteuer. Wir träumen davon geniale Mixed- und Eisrouten zu klettern, allein in dieser beeindruckenden Landschaft.

Doch ein Abenteuer in Patagonien wäre ja keines, wenn alles nach Plan läuft. Daher bleibt die Kletterei zunächst eine Traumvorstellung für mich mit meinen zwei Freundinnen und Kletterpartnerinnen Brette Harrington und Yvonne Koch.

Dauerregen, extremer Wind und große Schneemassen 

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

Gefährlich große Schneemassen zwingen Caro immer wieder zum Abbruch. An Klettern geschweige denn Bouldern ist nicht zu denken. Foto: Yvonne Koch

Zu unserer Ankunft zeigt sich El Chalten von seiner unangenehmsten Seite. Wind und Regen sind so stark, dass wir nur zum Einkaufen schon unsere komplette GORE-TEX® Ausrüstung anlegen. An Klettern geschweige denn Bouldern im Ort ist nicht zu denken und wir müssen uns mit Klimmzugsessions bei Laune halten.

Als dann endlich ein Wetterfenster auftaucht, ziehen wir motiviert los ins Torre Valley, hier sind wir ganz alleine. Eine Erfahrung, die es so im Sommer nicht mehr gibt. Kaum haben wir die Zelte aufgebaut, lässt der Regen nicht lange auf sich warten. Es regnet ununterbrochen bis zum nächsten Morgen. Wir können es nicht glauben und zu dritt in unserem Zweimannzelt wird es langsam auch etwas zu kuschelig.

Doch unsere Motivation ist nicht zu bremsen und wir ziehen am nächsten Tag los in Richtung Mocho. Noch vor dem Einstieg wühlen wir durch große Schneemassen und der Wind wird immer stärker, sodass wir zum Umdrehen gezwungen werden. Das Wetterfenster, was in der Vorhersage erschien, taucht nie wirklich auf und wir laufen viele Kilometer zurück ins Dorf.

Kilometer um Kilometer – der lange Weg der Erkenntnis

Diese Erfahrung steht sehr gut für die nächsten eineinhalb Monate. Wir tätigen viel Anläufe, laufen Kilometer um Kilometer bis ins Niponinos, mal mit Ski, mal ohne und scheitern doch immer wieder am extremen Wind, der uns nicht vorwärtskommen lässt, im Whiteout oder in gefährlich großen Schneemassen. Mit jedem Versuch lassen wir mehr Energie in den Bergen.

Langsam verstehen wir, warum die meisten hier im Sommer klettern: Die Bedingungen sind viel besser. Im Moment ist es kalt, es gibt kein Eis aber dafür extrem viel Schnee. Schwierig überhaupt ein kletterbares Ziel zu finden. Und noch dazu ist das Wetter patagonisch schlecht. Uns wird klar, dass dieser so schneereicher Winter sich besser zum Skifahren als zum Klettern eignet.

Planänderung: Tausche Eisgeräte gegen Spaß auf Skiern

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

Endlich profitiert Caro von dem weißen Pulver. Es bieten sich noch einige spektakuläre Couloirs vor grandioser Kulisse des Fitzroys. Foto: Yvonne Koch

Im nächsten Wetterfenster legen Brette und ich unsere Ski an und können so endlich von dem weißen Pulver profitieren. Wir entdecken El Chalten in einem ganz anderen Blickwinkel und uns wird plötzlich bewusst, wie gut es hier zum Skifahren ist. Wir fahren steile Wände mit bestem Powder, die das Herz  höher schlagen lassen: über 600 hm in 40° und mehr. Einfach unglaublich! Was will man mehr?

Dann noch einige spektakuläre Couloirs vor grandioser Kulisse des Fitzroys. Wir sind beeindruckt und motivieren uns immer mehr für technisch anspruchsvolle Skitouren. Aber es bleibt nach wie vor Patagonien und die Zustiege sind lang und beschwerlich – oftmals legen wir weite Strecken mit den Ski am Rucksack zurück, bevor wir das weiße Gold genießen können.

Ein letzter Kletterversuch am Piergiorgio

Ganz ungeschlagen wollen wir nicht von dannen ziehen, weshalb wir noch einen letzten Kletterversuch wagen. Auch dieser fordert wieder extrem viel Energie: Noch im Dunkeln im Zustieg müssen wir einen überhängenden Serac überwinden und das Gletschereis ist extrem hart und zudem abdrängend.

Zentimeter um Zentimeter kämpfe ich mich im Licht meiner Stirnlampe höher, während Brette beim Sichern einfriert. Als wir endlich die zwei Seillängen überwunden haben, sind wir trotzdem extrem glücklich endlich unsere Eisgeräte benutzt zu haben und über die Sonnenstrahlen, die uns nun etwas wärmen.

Die nächste große Herausforderung stellt der Bergschrund dar, den wir aufgrund des vielen Schnees kaum überwinden können. Als es endlich gelingt, wartet wieder Schwimmen durch steilen Pulverschnee auf uns. Wir kommen kaum voran und sind froh, als wir endlich auf etwas Eis stoßen. Dann endlich der erste Stand am Anfang eines Eiscouloirs, was von unten leicht ausschaut, entpuppt sich dann aber als extrem anspruchsvoll und nicht absicherbar.

Das Eis wird plötzlich so dünn, dass es kaum für Eisen und Pickel halt gibt und zudem keine Absicherungen zulässt. Ich weiß, dass Fallen jetzt keine Option mehr ist und muss mich vollkommen konzentriert und mit höchster Präzision fortbewegen, um heil am Stand anzukommen. Für mich sicherlich einer meiner anspruchsvollsten Mixedleads.

Brette übernimmt dann und erklimmt eine anspruchsvolle Risslänge im Fels. Währenddessen nimmt der Wind immer mehr zu und es ist so kalt, dass wir uns kaum bewegen können. Es fällt uns nicht leicht die Entscheidung zum Umdrehen zu fällen, aber wir beginnen trotzdem mit dem Abseilen und sind extrem froh, als wir wieder an unseren Ski ankommen und etwas Sonne spüren.

Nach einem sehr langen Tag haben wir wieder viel Energie gelassen. Trotzdem motivieren wir uns am nächsten Tag, der immer noch gutes Wetter verspricht, für eine Skitour in Richtung Cerro Grande. Die Beine sind schwer, aber die Anstrengung wird mit einer genialen Abfahrt belohnt.

Der Traum geniale Mixed- und Eisrouten zu klettern ist geplatzt

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

Caros Traum von großen Klettertouren wurde nicht erfüllt. Nichtsdestotrotz hat sie das Abenteuer auf den Skiern genossen. Foto: Yvonne Koch

Uns bleiben nur noch wenige Tage und wir haben verstanden, dass wir im nächsten Wetterfenster Skifahren müssen, wenn wir unsere Zeit genießen wollen. So verbringen wir noch drei unglaubliche Skitourentage mit Traversierungen, Couloirs und steilen Abfahrten, bevor Yvonne und Brette ihre Rückflüge antreten.

Unsere Träume von großen Klettertouren konnten wir nicht erfüllen, wie so oft in Patagonien und nichtsdestotrotz hatten wir geniale Skitage, einmalige Erfahrungen, haben viel Neues gelernt, die Einsamkeit genossen, die Gewalt der Berge gespürt und unsere Motivation wieder zu kommen ist trotzdem oder genau deswegen groß.

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