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Der lange Weg zurück Teil 3: „Wir bringen Sie wieder zum Laufen“ 

19. Dezember 2019
Tipps und Tricks

„Das MRT zeigt uns, dass das Sprungbein durch den Sturz und den Aufprall doch ausgeprägter geprellt ist, als wir zunächst gedacht haben. Ich würde Sie bitten an ihrer Aktivität etwas zurückzuschrauben. Wir wollen die Ruhigstellung noch etwas verlängern.“ 

Wenige Minuten später:

Zwei Monate sind 61 Tage, 61 Tage sind 1464 Stunden und das noch in Minuten? Ich bin müde. Ich kann die Verletzung und ihre Folgen nicht akzeptieren. Wir haben 35 Grad im Schatten und dieser riesige, schmerzende Stiefel um meinen Fuß, macht die Situation nicht erträglicher. Es sind die zwei Prozent Hoffnung auf eine gute Nachricht, die den Weg in die Uniklinik etwas leichter machten.

Nur sie kam nicht. So sprach die eigene Schmerz- und Körperwahrnehmung auch nicht für eine positive Entwicklung. Es sind die Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen, wenn man die Projekte für die kommenden Monate absagen muss. Es ist die Sprachlosigkeit einiger Leute, die den Zustand nicht besser macht. Ein Satz eines älteren, sehr geschätzten Regisseurs und Kollegen bleibt in meinem Kopf hängen und kommt immer wieder in die Repeat-Schleife: „Ich verstehe das nicht, du bist doch so eine gute Künstlerin, du hast doch so eine gutes Körperbewusstsein, wie kann dir denn nur so ein Unfall passieren?!“ Ich finde keine passende Antwort.

Ich brauche mehr Informationen. Ich brauche Gewissheit. Ich brauche Ruhe.

Tipp 1 – Informationen

Ich will alles wissen – alles zu meinem Fuß, alles über Fußverletzungen im Klettersport und die Nachwirkung von Stürzen im Allgemeinen. Ich empfehle euch euren behandelnden Unfallchirurg oder mitbehandelnden Hausarzt zu fragen, um an weitere Informationen zu kommen. Bei mir lief es etwas anders. In meinem Bekanntenkreis konnte ich meine Fragen und vor allem mein Leid einfacher verständlich machen. Ich telefonierte mit Leistungssportlern aus Deutschland und Österreich.

Sie waren mir eine große Stütze für meine psychische Verfassung und in der Einschätzung der Schmerzen. Auch sprach ich immer wieder mit Unfallchirurgen, die vor allem Bergunfälle in den österreichischen Alpen behandeln. Wichtig hier zu erwähnen ist, dass ich den Chirurginnen und Chirurgen die gleichen Fragen gestellt habe, wie meinem behandelnden Chirurgen vor Ort, um im Idealfall dieselben Erklärungen und Herleitungen zu bekommen und fast immer bekam. Die Antworten führten dazu, dass Gewissheit entstehen konnte. Darüber hinaus hatte das Wissen über die Verletzung, das ich stetig ausbauen konnte, einen sehr befreienden Effekt.

Tipp 2 – Humor

Ich bin überzeugt, dass Lachen und Freude in solchen angespannten Situationen die wichtigsten heilungsfördernden Mittel sind, die es gibt. Sei es Situationskomik, die Witze der besten Freund*innen, lustige Videos oder Serien, die das Leben in der Zeit leichter und entspannter machen.

Tipp 3 – Freund*innen & Familie

Nahestehende und liebe Personen aus meinem Freundeskreis und meiner Familie hatten und haben eine enorme Wichtigkeit. Wenn ich zurückdenke, sind spontane Überraschungsbesuche und Ausflüge die schönsten Momente in der Zeit der Ruhigstellung. Sei es ein kleiner Trip im Rollstuhl zur Eisdiele, ein Ausflug ins Rhein-Main Tal oder ins bergige Umland – ein wenig Höhenluft atmen.

Auch barrierefreie Konzerte kann ich nur empfehlen. Ein wenig vorsichtig wäre ich im Nachhinein bei basslastiger Musik. Der Bass verursachte bei mir sehr starke Schmerzen.

Tipp 4 – Take it slowly – das Laufenlernen

Wenn ich beobachte, wie oft Kleinkinder bei den Versuchen zu Laufen stocken, sich neu sortieren, eine Pause machen und doch immer weiter machen – so langsam verliefe, rückblickend, bestimmt ein idealer Anfang des erneuten Laufenlernens. Durch die lange Ruhigstellung und die Verlagerung des Gewichts auf die linke Körperhälfte und die Krücken, haben sich der Körper und die natürlichen Abfolgen verändert. Das erstmalige Aufsetzen des rechten Fußes ohne feste Schuhe führte zu einer kleinen Nervenachterbahn.

Die Wahrnehmung und Empfindsamkeit gegenüber der Beschaffenheit des Bodens ist sehr hoch. Seien es Wiese, Waldwege, Erhebungen, kleine Steinchen oder Bürgersteige, die mit unebenen Platten gepflastert sind. All das, bekam ich ungefiltert von der Fußsohle ins Hirn gesendet. Positiv lässt sich so das Laufenlernen mit einer kleinen Entdeckungsreise gleichsetzen. Mein Tipp für euch – betrachtet das Laufenlernen als kleine Abenteuerreise und versucht es so entspannt und bewusst wie möglich anzugehen. Forciert keine Belastungen und Abläufe, die der Fuß eventuell noch gar nicht leisten kann.

Tipp 5 – Ausgleich & Sport

Im Hochsommer mit einem großen Stiefel, der bis zu den Knien reicht, ruhig gestellt zu sein, ist keine einfache Situation. Ich habe mir einen Rollstuhl geliehen, um mir die zwei Monate so angenehm, wie möglich zu machen. Durch dieses Extra konnte ich gut einen Ausgleich schaffen. Ideal ist es, wenn der Rollstuhl auch in der eigenen Wohnung nutzbar ist, dann ist das Leid unter der mangelnden Eigenständigkeit sehr viel geringer. In der ersten Zeit nach der Verletzung ist an Sport schon aufgrund der starken Schmerzen im ganzen Körper nicht zu denken.

Nach Absprache und mit sehr gutem Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten des Körpers trainierte ich in der Zeit der Ruhigstellung den Oberkörper. Wenn eher wenig Zugang zu dem eigenen körperlichen Befinden besteht, würde ich die Krücken als „sportliches“ Element empfehlen. Krücken im Hochsommer mit riesigem Stiefel am Bein, Schmerzen und nur einem Fuß als Stütze, dienen auch gut als Sportprogramm. Treppensteigen ist eine kurze und effiziente Auspower-Methode mit Sixpack Garantie.

Für mich hat als ausgleichende Methode die Alexander-Technik gut funktioniert. Statt Alexander-Technik können bestimmt auch Elemente aus Yoga oder Feldenkrais unterstützend sein. Die Alexander-Technik setzt sich mit dem individuellen Aufbau des Körpers und der individuellen Nutzung des Bewegungsapparates auseinander.

Sie ist ein gutes Mittel, um falsche Spannungen und Irritationen in Bewegungsabläufen zu lösen und wieder zu einer natürlichen Laufbewegung zu kommen. Auch während der Ruhigstellung hat die Technik mir geholfen, um die Verletzung und meine neue Lebenssituation anzunehmen und einen guten Zugang zu meinem Körper zu behalten. Natürlich ist in Zeiten der Ruhigstellung keine natürliche Bewegung zu erlernen – hier half mir die bewusste Wahrnehmung der Heilungsprozesse und der Veränderungen im Körper. Durch die Einschränkung schafft der Körper andere Bewegungsmuster.

Das Studieren des eigenen Körpers und das Optimieren von Bewegungsabläufen kann leicht zu einer Wissenschaft werden. Hier ist es wichtig, erst mal nur wahrzunehmen, zu verstehen und in Ruhe zu handeln um neue, stimmige Abläufe zu erreichen.

Im Allgemeinen ist Alexander-Technik hilfreich bei:

  • Stressreaktionen des Körpers und Geistes
  • ungünstigem Gebrauch des Bewegungsapparates
  • Schmerzen und Spannungen des Bewegungsapparates
  • Nervenerkrankungen und Unruhe

Neben der Alexander-Technik kann Physiotherapie hilfreich sein und sollte verschrieben werden, um die Bewegung des Gelenks zu fördern. Am besten geht ihr zu speziellen und erfahrenen Physiotherapie Zentren für Sportlerinnen und Sportler und nehmt nicht die erste Physiotherapie Praxis in eurer Nähe.

Tipp 6 – Reden, reden, reden

Ich kann euch nur ans Herz legen mit allen Personen, die bei eurem Sturz dabei waren, auch darüber zu sprechen. Nicht um den genauen Hergang zu erläutern, sondern vor allem über die Erinnerungen, die bleiben, zu reden. Seien es die Geräusche des Aufpralls, die anderen Personen im Kopf haben und einem selbst nicht präsent sind. Das Austauschen von Erinnerungen hat nicht nur mir geholfen, sondern auch allen Beteiligten ihre Erinnerungen zu verarbeiten.

Bergfreundin Anna:

Anna ist so richtig mit dem Bergsport in Berührung gekommen, als sie vor neun Jahren zum Studieren nach München zog. Seitdem sind Berge und Kletterhallen ihr zweites Zuhause. Als Journalistin fördert sie eine ethisch korrekte Berichterstattung und bringt sich gerne in heikle Recherchen ein. Durch ihre Arbeit als Theaterregisseurin können ihre journalistischen Projekte auch auf der Bühne wiedergefunden werden. Darüber hinaus gibt sie Seminare zu Körperarbeit, Körperwahrnehmung und Stimmbildung.

Der lange Weg zurück Teil 2: Der Fuß, eine geniale Konstruktion 

19. Dezember 2019
Tipps und Tricks

Das leise Aufkommen der Füße, der fließende Übergang zum erneuten Sprung und das Lösen vom Boden lassen das Gefühl von wiederkehrender Leichtigkeit entstehen. Der Fuß ist eine geniale Konstruktion. Allein die Abläufe von Sprüngen begeistern. 

26 Knochen, 33 Gelenke, 20 Muskeln, starke Sehnen und über 100 Bänder sind die Voraussetzung reibungsloser Bewegungen und einen festen Stand auf unseren Füßen. Um kontrollierte Abläufe zu ermöglichen, versorgen sehr viele Nerven unsere Füße. Durch unsere Nerven können wir auch die kleinsten Veränderungen im und um den Fuß wahrnehmen. 

In der natürlichen Bewegung übernehmen unsere Füße das Körpergewicht und verteilen es auf drei Punkte: das Fersenbein, den inneren und äußeren Fußballen. Unser Fersenbein trägt mit der größten Knochenstärke dabei die meiste Last. Sprungbein, Fußwurzelknochen, Mittelfußknochen und Zehen sind in erster Linie für unsere Fortbewegung zuständig. 

In Bezug zum Klettersport lässt sich der Umkehrschluss ziehen. 

Die Form der Kletterschuhe bedingt eine andere Kräfteverteilung. Eine entscheidende Rolle spielen vor allem Sprungbein, Fußwurzel-, Mittelfußknochen und Zehen, um eine Route erfolgreich zu klettern. Die Kletterschuhe konzentrieren den Druck bzw. das Gewicht hauptsächlich auf die großen Zehen. Dadurch soll ermöglicht werden mit mehr Präzision zu klettern. Hier könnte von einer Umkehr der Kräfte gesprochen werden.

Nicht mehr das Fersenbein trägt das meiste Gewicht, sondern der fragile Teil des Fußes. Hinzukommen der Vorspann und die Beugung (Downturn) der Schuhe, die den Füßen und vor allem Sehnen und Bändern stark zusetzen können. 

So kann schon die Wahl der Kletterschuhe zu Einschränkungen und Verletzungen am Fuß führen. Wichtig ist hier die professionelle Beratung. Vor allem beim regelmäßigen Sportklettern sollten die Schuhe eine ideale Passform haben. Die häufigsten Verletzungen durch unzureichendes Wissen bzw. unbedachtes Nutzen der Schuhe sind zum Beispiel Quetschungen, Nagelfrakturen oder die Entwicklung eines Hallux Valgus. 

Durch die Gestaltung der Kletterschuhe sind Fußverletzungen bei einem Aufprall, schon aus geringer Höhe, sehr häufig. 

Je nach Art des Aufpralls mit den Füßen auf den Boden können verschiedene Brüche entstehen. Mögliche Frakturen sind Brüche des oberen Sprunggelenks, vor allem des Sprungbeins, Brüche in und am Sprunggelenk, schließen neben dem Sprungbein, Waden- und Schienbein mit ein. Je nach Sturzverlauf passieren auch Brüche des Fersenbeins. Die Krafteinwirkung, somit die Sturzhöhe ist neben der Art des Aufpralls mitbestimmend für die Form der Fraktur.

Das Sprungbein, der Talus ist der stabilste Knochen des Fußes mit der Besonderheit, dass durch die geringe Durchblutung der Heilungsprozess sehr langwierig sein kann. Talusfrakturen sind im Klettersport mit Aufprall sehr häufig. Ausschlaggebend ist hier das Aufkommen der Füße – sind sie angezogen oder nach vorn gestreckt, in welchem Winkel stehen sie zum Unterschenkel? Ähnliche Verletzungen des Sprungbeins treten häufig bei Motorradstürzen oder anderen Stürzen aus der Höhe auf. Eine Fersenbeinfraktur hingegen kann auch schon durch einen Sturz ins Seil mit schwungvollem Wandkontakt verursacht werden. 

In jedem Fall ziehen Brüche der Knochen auch starke Verletzungen der Bänder, Sehnen, Muskeln und Nerven mit sich. Je nach Verletzung und Schädigung des Fußes sind lange Heilungsprozesse zu erwarten. Leichtere Verletzungen heilen in der Regel in einer Zeitspanne von bis zu drei Monaten ab. Schwerere hingegen fordern von Klettersportlerinnen und -sportlern ein Höchstmaß an Geduld und Eigeninitiative, da sie bis zu zwei Jahre und mehr andauern können. 

„Allen diesen schweren Verletzungen des Sprunggelenkes und des Fußes ist gemeinsam das Behandlungsziel – eine stabile, achsengerechte Heilung zu erzielen mit guter Funktion der Gelenke und Folgeschäden mit vermehrter Abnützung, Arthrose der beteiligten Gelenke zu vermeiden. Besonders wichtig bei diesen Verletzungen ist, die mitverletzten nicht-knöchernen Strukturen wie Haut, Muskulatur und Bandapparat zu beachten und den Operationszeitpunkt gut zu wählen.“ Dr. med. Konstantin Genelin, Tirol Kliniken Innsbruck. 

In meinem Fall lag eine Fraktur des Sprungbeins vor, Abriss einen Knochenfragments und Absprengungen der Bänder. Die Verletzungen des Fußes wurden nach einiger Zeit als schwerwiegend eingeordnet. Ich schreibe den Artikel jetzt sechs Monate nach meinem Sturz aus ca. 2,3 m Höhe. Aktuell gehe ich in der Ebene und habe noch Schwellungen und Schmerzen um den Talus. Die Stelle der Fraktur heilt immer noch. Eine ständige Begleitung nach solchen Verletzungen sind Schmerzen. Je nach Stärke der Verletzung entstehen auch Schmerzen in anderen Bereichen, wie Bein, Knie und Hüfte. Eine Herleitung der Schmerzen sowie ein Verständnis für die verschiedenen Intensitäten half mir sie auszuhalten und verbesserte den Umgang mit der Situation. 

Ein einfacher Erklärungsversuch: Insgesamt verfügen unsere Knochen über Nerven, Nervenfasern, Blutgefäße, Knochenmark, verschiedene Knochenstrukturen, Knochenzellen, Fettgewebe oder blutbildendem Gewebe. Im Knochen sorgen Zellen für die Wiederherstellung.

Neues Knochenmaterial wird durch Osteoblasten gebildet. Die Osteoklasten hingegen fördern überschüssiges Gewebe ab. Beziehen wir uns wieder auf die Fußverletzung haben wir es mit einer Trabekelfraktur zu tun. Diese Knochenstruktur ist komplexer und hat eine längere Heilungsdauer. Knochentrabekel sind Knochenbälkchen, die im Inneren des Knochens eine schwammartige Struktur (Spongiosa) bilden. Entlang der Belastungslinien des Körpers verfügen unsere Knochen über das besonders flexible und leichte Knochengewebe. 

Die hohe Sensibilität des Fußes trägt nicht viel zur Schmerzlinderung bei, ermöglicht jedoch ein umfassendes und treffendes Bild über den Heilungsprozess. 

Mehrere Zweige unserer Hauptnerven laufen in unseren Füßen aus. Die Schädigung der Nerven und zusätzliche Schwellungen führten in meinem Fall dazu, dass ich meine Zehen für ca. sechs Wochen nicht mehr ansteuern konnte. Auch strahlen die Schmerzen der Nerven bis ins Knie und in die Hüfte.

Bei Schädigungen der Bändern, Sehnen und Muskeln verläuft es ähnlich. Verletzungen der Bänder sind an Blutergüssen an den Beinen erkennbar. So zeichnen sie die Bahn der verletzten Bänder nach. Dies verdeutlicht recht anschaulich, wie Verletzungen weitere Strukturen beeinträchtigen. Auch Ödeme und Hämatome beeinflussen das System des Bewegungsapparates und führen zu zusätzlichen Spannungen, die Einschränkungen und Schmerzen verstärken. 

Langwierige Heilungsprozesse mit starken Einschränkungen stellen das Leben von aktiven Sportlerinnen und Sportlern schnell und plötzlich auf den Kopf. Neben der physischen Komponente rate ich daher auch die psychische Komponente wahrzunehmen und nicht zu ignorieren. Meist gibt es die Möglichkeit und Wege trotz starker Einschränkung sportlich aktiv zu sein und sich selbst vorerst neu im Leben zu orientieren. 

Heilungsprozesse beschleunigen?! Gibt es da nicht was? 

Im nächsten Artikel gebe ich Tipps, Anregungen sowie meine Erfahrung weiter, wie ihr lange Phasen der Ruhigstellung gut überstehen, und auch den Weg des erneuten Laufenlernens, entspannt angehen könnt.

Bergfreundin Anna:

Anna ist so richtig mit dem Bergsport in Berührung gekommen, als sie vor neun Jahren zum Studieren nach München zog. Seitdem sind Berge und Kletterhallen ihr zweites Zuhause. Als Journalistin fördert sie eine ethisch korrekte Berichterstattung und bringt sich gerne in heikle Recherchen ein. Durch ihre Arbeit als Theaterregisseurin können ihre journalistischen Projekte auch auf der Bühne wiedergefunden werden. Darüber hinaus gibt sie Seminare zu Körperarbeit, Körperwahrnehmung und Stimmbildung.

Der lange Weg zurück Teil 1: Hoch hinaus oder die Kunst des Sturzes

19. Dezember 2019
Die Bergfreunde

Es sind die Sekunden kurz vor dem Aufprall, in denen Du realisierst, was passieren wird. Die Bilder bleiben in deinem Kopf und kehren immer wieder zurück. Sie sind wie eine Mahnung, die immer bleibt, die immer wieder sagt, was passieren kann und was es zu vermeiden gilt. Den Moment, in dem Du bemerkst, was passieren wird, versuchst du so stark festzuhalten, dass Du am Ende des Aufpralls noch ansprechbar bist.

Es sind die entscheidenden Sekunden.

Ich finde mich in einer perfekten Seitenlage wieder. Ich bin beeindruckt. Selbst meine Hände bilden ein Schutzschild zwischen Kopf und Boden. Schnell denke ich, schnell Hilfe holen – bevor ich das Bewusstsein verliere. Ein Satz, der klar und deutlich für sich steht: „Hol‘ einen Krankenwagen, der Fuß ist komplett kaputt“. Zehn Sekunden später liege ich alleine in einer großen Kletter- und Boulderhalle. Mein Blick folgt meiner Kletterpartnerin, die aus der Halle rennt. Ich versuche bewusst meinen Puls zu halten und beruhige mich mit dem Wissen, dass es nicht mein erster Sturz ist und ich weiß in welcher Reihenfolge die Schockreaktionen eintreten. Nur das Bewusstsein muss bleiben, sonst wird es im Krankenhaus zu lange dauern, denke ich und konzentriere mich auf meine Atmung. Die Schmerzen kommen im Hirn an und lassen mich schaudern. Ich versuche sie in den Hintergrund zu drängen.

Es ist Pfingstsamstag und wir sind zu zweit in der Halle. Eine große Halle nur zu zweit zu nutzen – hat etwas sehr Schönes und irgendwie Gruseliges zugleich. – Das Training für eine Nepal-Exkursion für Anfang 2020 haben wir gerade begonnen. In zwei Monaten soll es ins britische Klettermekka, den Peak District gehen. Der Peak District bietet schöne Gritstone-Klippen, über 2000 Routen und Routenlängen von bis zu einem Kilometer.

Eine atemberaubende Landschaft, Berge und English Tea?!

„Ich kämpfe“, sage ich so leise, dass ich es selbst kaum hören kann. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Kletterpartnerin, die soeben meine Körperfarbe als nicht mehr existent beschrieben hat. „Sogar deine Lippen haben keine Farbe mehr.“ Ich versuche zu lächeln und denke mir, es gibt keine bessere Begleitung ins Krankenhaus. Eine Pharmazeutin, die klinische Studien betreut, wird für mich sprechen, falls ich es nicht mehr kann.

Es vergehen Stunden an verschiedensten Orten der Uniklinik Bonn. Das Gefühl für Zeit und Raum sind gebunden an einen Mikrokosmos, der an diesem Pfingstsamstag keinen Boulderunfall mehr gebraucht hätte. Ein junger Mann tanzt fröhlich mit einer Krücke in der Radiologie und ich wünsche mir nichts mehr als mit ihm tauschen zu können.

Das Zögern der Ärztin und des dazu gerufenen Facharztes strengt mich unglaublich an und ich wechsele in den für mich typischen „Schweigemodus“ und lächele nur noch.

Eine Art der stillen Akzeptanz verbunden mit dem klaren Abgeben von Eigenständigkeit.

Zehn Stunden nach meinem Unfall gibt es endlich eine vorläufige Diagnose, deren Schwere und Komplexität ich erst in den darauffolgenden Wochen und Monaten verstehen werde:

Knöcherner Ausriss aus dem Sprungbein, Absprengung des Deltabandkomplexes – Bänderdreieck am Innenknöchel, teilweise gerissene Bänder des Außenknöchels, Knochenmarködeme und Hämatome.

Für eine Person, die gerne unabhängig und sehr aktiv ist, bedeuten diese Monate auch zu erfahren, wie es sich anfühlt nicht die starke Frau sein zu können und zu lernen, dass Schwäche nichts Negatives ist und vor allem positive Seiten zu bieten hat.

Dass ich jetzt für das Basislager eine Reihe über komplexe Fußverletzungen im Kletter-/ Bouldersport, Behandlungsmethoden und Heilungsprozesse sowie ein Doppelinterview mit meinem behandelnden Unfallchirurgen veröffentlichen werde, habe ich letztlich meiner Verzweiflung zu verdanken. In einem Tweet an die Bergfreunde schrieb ich:

Shoppe gerade bei @Bergfreunde_de – das nenne ich Resignationsstufe 2… #climbingaccident #Sprunggelenk #4of8weeksdone #nowalksanymore  (@Journal.ist.in)

Mit dieser Reihe möchte ich meine Erfahrungen, medizinisches Fachwissen, Tipps und heilungsfördernde Übungen während der Phase der zweimonatigen Ruhigstellung an euch weitergeben.

Hoch hinaus muss nicht immer das Erreichen eines Berggipfels bedeuten.

Bergfreundin Anna:

Anna ist so richtig mit dem Bergsport in Berührung gekommen, als sie vor neun Jahren zum Studieren nach München zog. Seitdem sind Berge und Kletterhallen ihr zweites Zuhause. Als Journalistin fördert sie eine ethisch korrekte Berichterstattung und bringt sich gerne in heikle Recherchen ein. Durch ihre Arbeit als Theaterregisseurin können ihre journalistischen Projekte auch auf der Bühne wiedergefunden werden. Darüber hinaus gibt sie Seminare zu Körperarbeit, Körperwahrnehmung und Stimmbildung.

Steinexkurs XXL – von interessantem Grundwissen bis zum heimischen Kletterfelsen

4. November 2019
Tipps und Tricks

Wir sammeln sie und bewundern sie, halten uns daran fest und klettern an ihnen hoch. Sogar manches Klettererherz scheint daraus zu bestehen. Gemeint sind Steine, Felsen von denen man als Kletterer aber auch Bergsteiger ständig umgeben ist. Man nimmt sie fast schon als selbstverständlich hin, als dass man sich noch sonderlich Gedanken darüber macht. Doch Mutter Natur hatte und hat immer noch eine Menge Arbeit damit, dass die Felsen heute so sind wie sie eben sind.

Und ist es da mal nicht an der Zeit, den ewigen Begleiter des Kletterers, den Felsen, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen?  Denn wer weiß, auf welche Art von Stein man im jeweiligen Klettergebiet trifft, kann sich besser auf die Kletterei einstellen und gegebenenfalls spezielles Sicherungsmaterial mitbringen.

Ausflug in die geologische Geschichte

Dass wir heute überhaupt an Felsen klettern können, verdanken wir inneren und äußeren Dynamiken der Erde über eine lange Zeit hinweg. Die Erde ist nicht nur an der Oberfläche aktiv, sondern auch in ihrem Keller rührt sich einiges. Die unterschiedlich dicke Erdkruste schwimmt quasi als Haut auf dem äußeren Erdmantel, der aus Magma besteht.

Die Erdkruste wird in Platten unterteilt, die sich durch Konvektionsströme bewegen. Das führt dazu, dass an der einen Stelle Land versinkt und an der anderen Stelle wieder etwas neues entsteht (Entstehung der Alpen). An der Oberfläche, also wo wir leben, spielen Dynamiken wie Wetter, Wind und auch wir selbst eine Rolle. Durch diese äußeren Einflüsse werden über Jahrtausende ganze Gebirgsketten zerlegt und Sedimente ins Tal transportiert.

Eine Faustregel, die man sich merken kann, ist, je alpiner die Region ist, desto stärker ist die Erosion und je weicher das Ausgangsgestein ist, desto schneller wird es abgetragen.

Definition Gestein

Laut geologischer Definition ist ein Gestein ein natürlich vorkommendes Aggregat aus Mineralien (zum Beispiel Calzit bei Kalk), dessen Bruchstücke und Resten von Organismen. Teilweise beinhalten Gesteine auch nicht mineralische Substanzen. Daraus bilden sich die drei großen Hauptgruppen heraus, in die man Gesteine einteilt.

Sedimentgesteine

Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet Sediment Bodensatz, also Ablagerung. So sind also Sedimentgesteine durch die Verdichtung und Verfestigung von Gesteinsablagerungen entstanden. Wenn mehrere Schichten aufeinander liegen, wird der Druck erhöht, so dass Luft und Wasser aus den Gesteinen gepresst wird. Dabei verzahnt sich das Gestein ineinander. Wenn dann mineralhaltiges Wasser (beispielsweise mit Calzit) durch die Sedimente fließt entsteht ein natürlicher Zement, der die Schichten verkittet.

So wird aus dem lockeren Sediment eine feste Masse. Dabei gibt es nochmal zwei kleine Untergruppen. Klastische Sedimente (wie Sandstein) bestehen nur aus Bruchstücken anderer Gesteine, während biogene Sedimente wie viele Kalkfelsen aus den Kalkschalen kleiner Meerestiere entstanden. Sedimentgesteine sind in Deutschland weit verbreitet aber auch der Gipfel des Mount Everest besteht aus diesem Gestein.

Magmatische Gesteine

Hier ist der Name Programm. Heißes Magma steigt auf und dringt in umgebene Gesteinsschichten ein oder verdrängt diese. Entweder das Magma erstarrt noch innerhalb der Erdkruste, was man dann als Tiefengestein bezeichnet oder es erstarrt durch vulkanische Aktivität erst an der Oberfläche, was dann als Vulkanit bezeichnet wird.

Der Vorgang ist eng mit endo- und exogenen Vorgängen verbunden. Sie sind die ursprünglichsten Gesteine der Erde. Nicht nur entlang der Anden mit ihren aktiven Vulkanen sind solche Gesteine anzutreffen, auch in Mitteleuropa gibt es davon eine Vielzahl. Besonders bekannt ist hierbei Granit, der nicht nur in den Alpen tolle Wände darstellt.

Metamorphe Gesteine

Dabei können magmatische sowie Sedimentgesteine Ausgangspunkt sein. Diese werden dann unter hohem Druck und Temperatur in der Erdkruste umgewandelt und neu geformt. Somit ist diese Gesteinsart nur eine Neubildung von bereits vorhandenen Formationen, was allgemeine als Metamorphose bezeichnet wird. Dafür typisch ist die feine Schichtung oder Schieferung, die oft senkrecht zur ursprünglichen Schieferung verläuft. Als klettertauglich gilt hier der Gneis.

Ausgestattet mit diesem Grundwissen spaziert man nun zum nächsten Kletterfelsen und nimmt ihn unter die Lupe. Die Vielfalt der geologischen Prozesse ist genauso groß wie die Vielfalt der Gesteine, die uns umgeben. Jedoch gibt es einige, die sich als besonders kletterbar herausgestellt haben und teilweise auch fast vor der Haustüre stehen.

Die verschiedenen Felsarten

Sandstein – der mit der guten Reibung (Sediment)

Boulderer, die schon mal in Fontainebleau waren, erinnern sich sicher an den besonderen Felsen. Ebenso trifft man ihn in der sächsischen Schweiz und in der Pfalz. Sandstein besteht aus Ablagerungen von Quarzsand, der sich unter Druck zu Schichten verfestigt hat. Durch jahrzehntelange Erosion wurden die Steine wieder freigelegt. Die Zusammensetzung des Sandsteins hängt von seinem Ablagerungsort als auch vom Herkunftsort des Gesteins ab.

Durch den Transport in Flüssen weist Sandstein meistens eine Schrägschichtung auf. Er lockt mit guter Reibung und ungewöhnlichen Formen, wie Waben und Slopern, jedoch sollte man ihn nie bei Nässe oder mit dreckigen Schuhen klettern. Durch tonisches Bindemittel ist Sandstein besonders weich und zerbricht bei äußeren Einflüssen relativ schnell. Das erklärt auch die strengen Kletterregeln in Fontainebleau und dem Elbsandstein. Auch im Bezug auf Chalk und Sicherungsmaterial sollte man sich an die örtlichen Regeln halten, um den Felsen zu bewahren.

Konglomerat – der mit den coolen Formen (Sediment)

Unauffällig geht anders. Konglomerat fällt sofort ins Auge. Mit seinen großen Steinen schreit er förmlich danach beklettert zu werden. Man trifft ihn in der Eifel aber auch in Riglos (Spanien). Rund geschliffenen Steine wurden von Flüssen und Gletscherabflüssen zusammengetragen und riesige Ablagerungen entstanden. Diese wurden von weiteren Schichten überdeckt und über Jahrhunderte zusammengepresst.

Unter Druck und mit Hilfe chemischer Bindemittel entstand diese Formation. Dank Erosion ist der Fels heute kletterbar. Das Klettern erweist sich dort meist als sehr anstrengend, da Sloper und große Kiesel als Griffe dienen und kaum Reibung herrscht. Konglomerat wird zudem durch die glatte Oberfläche der eingeschlossenen Steine schnell speckig.

Dolomit und Kalk – die aus dem Meer (Sediment)

In unseren Breiten ist Kalk und Dolomit die häufigste Gesteinsart. In den südlichen Kalkalpen, im nördlichen Frankenjura und in den Dolomiten sind sie zu finden, aber auch in Frankreich und im Donautal. Beide bestehen aus marinen Ablagerungen. Während beim Dolomit Magnesiumcarbonat eingelagert wurde, besteht Kalk aus kristallinem Calzit.

Durch Erosion sind beide Gesteine stark strukturiert und bilden die unterschiedlichsten Griffformen, wie Löcher, Henkel und Leisten. Dolomit neigt zu einer größeren löchrigen Verwitterung und ist daher noch besser zum Klettern geeignet als Kalk. Die Kletterei ist hier vorwiegend fingerlastig und vor allem an Sintern kräftig und athletisch. Als Sicherungspunkte werden häufig die entstandenen Sanduhren verwendet.

Tuff – der für Sportkletterer (magmatisch)

Teneriffa und Gran Canaria beherbergen im Vergleich zu unseren Breiten mehr Tuffgestein. Noch bekannter unter Kletterern sind allerdings die Smith Rocks in Oregon, die die Klettergeschichte prägten. Charakteristisch für Tuff ist raues Gestein mit vielen kleinen und größeren Löchern, die sich perfekt als Tritte und Griffe eignen. Entstanden ist dieses Gestein durch vulkanische Aktivität. Vulkane spucken nicht nur Lava aus, sondern auch Gase, die die Lava in feinstes Material zerstäubt. Neben feinen Aschen können auch kleinere Gesteinsbruchstücke und größere glasige Brocken abgelagert werden.  Aus den verdichteten vulkanischen Aschen entsteht schlussendlich Tuff, der sich bestens für Sportkletterer eignet.

Basalt – der König der Säulen (magmatisch)

Basaltgestein trifft man hauptsächlich in Ettringen und in der Rhön, weltberühmt ist auch der Devil’s Tower in Wyoming. Sie ist die häufigste magmatische Gesteinsform der Welt und Unterlagerung aller Meeresböden. Durch schnelle Abkühlung an der Oberfläche fällt Basalt Feinkristallin aus und ist relativ dunkel gefärbt. Charakteristisch sind die meist hexagonalen, senkrechten Pfeilen, zwischen denen sich Risse bilden. Auch Verschneidungen sind typisch für Basalt. Einziges Manko ist, dass man die Rissstrukturen nicht optimal absichern kann, da sie meist geschlossen sind.

Granit – der aus der alpinen Welt (magmatisch)

Fährt man in den Schwarzwald, ins Harz oder ins Fichtelgebirge hat man Granit unter den Fingern. Er bildet auch die eindrucksvollsten Berggruppen der Alpen wie den Mont Blanc oder das Bergell-Massiv. Granit ist ein in der Tiefe erstarrtes Magma, dass angehoben und durch Erosion freigelegt wurde. Charakteristisch sind die mit dem bloßen Auge erkennbaren Kristalle aus Quarz, Felsspat und Glimmer. Diese sorgen auch für die sehr raue Oberfläche. Es winken zahlreiche massive Risse zum Klettern, die sich, anders als bei Basalt, bestens mobil absichern lassen.

Gneis – der Bruder vom Granit (metamorph)

Sobald man auf Granit trifft ist auch Gneis nicht weit. Im Ötztal, Zillertal aber auch im Tessin und im bayrischen Wald trifft man vermehrt auf den Bruder des Granits. Gneis ist ein metamorphes Gestein, das sich aus Granit oder auch Sandstein bilden kann. Durch hohen Druck verformte sich das Ausgangsgestein zu Gneis, der Bänderungen mit hellen und dunklen Lagen aufweist, weil sich bei der Metamorphose die hellen von den dunklen Bestandteilen trennen. Die starke Bänderung sorgt mit der Erosion dafür, dass sich viel mehr positive Griffe und Tritte bilden als beim Granit. Das geht aber auf Kosten der Reibung. Risse sind im Gneis zwar vorhanden, aber weniger ausgeprägt als im Granit. So gestaltet sich das Klettern und auch das Absichern hier als anspruchsvoller.

Quarzit – der Bruder vom Sandstein (metamorph)

In unseren Breiten ist Quarzit eher selten, dafür findet man ihn aber im Durance-Tal bei Briancon. Ähnlich wie beim Gneis geht der Quarzit aus einer Metamorphose hervor. Er entstand durch die Umwandlung von sehr quarzreichem Sandstein und ist ein helles und vor allem hartes Gestein. Zudem weist Quarzit keine Schieferung auf, ist aber im Gegensatz zum Sandstein viel stabiler und weniger anfällig für Erosion durch Kletterer. Oft wird aber auch Sandstein mit Quarzit verwechselt. Wenn dessen Poren mit Kieselsäure gefüllt und verhärtet sind, sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Dass der Steinexkurs nur einen kleinen Teil der unterschiedlichen Gesteine auf dieser Welt umfasst, versteht sich von selbst. Und was man nun mit dem gesammelten Wissen anfängt, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Aber ist es nicht irgendwie cool, wenn man nicht nur die Wand hochläuft, sondern auch ein wenig Background- Informationen hat? Spätestens bei der Entscheidung wo der nächste Klettertrip hingehen soll und welches Material mit muss, ist es durchaus hilfreich zu wissen, ob man nun die gemütlichen Schlappen mitnehmen soll oder doch die aggressiven Latschen mit Downturn. Eines ist sicher, zu viel gewusst hat man wohl noch nie!

Von A wie „Aua“ bis Z wie „zum Arzt gehen“ – was bei Sportverletzungen zu tun ist

19. November 2019
Tipps und Tricks

Kennt ihr das, man sitzt beim gemütlichen Bierchen mit Freunden, allesamt (Berg-)Sportler und irgendwann kommt einer auf das Thema Sportverletzungen? Stolz zeigt dann jemand seine schon leicht verblasste Narbe als Trophäe und erzählt eine wilde Story, wie es denn dazu kam. Klar hört sich das oft lustig an oder spannend oder heroisch oder oder oder…

Und meist leben diese Geschichten auch von einer kleinen Portion Übertreibung. Aber in ihrem Kern sind sie doch immer wahr und das Erstaunliche ist dabei, dass jeder in der Runde irgendeine Anekdote parat hat, in der er genäht, eingerenkt oder vergipst wurde. Das hört sich jetzt erst einmal krass an, zeigt mir aber auch gleichzeitig wie viel, beziehungsweise wie wenig wirklich Schlimmes beim Sport so passiert. Denn viele der Geschichten sind nicht nur Jahre alt, vielmehr haben sie in der Regel auch keine weiteren Beeinträchtigungen hinterlassen.

Hier geht’s zu Teil 1: Was tun als Ersthelfer

Sportverletzungen und Co. – Wie kann ich schnell und effektiv helfen?

Wer viel unterwegs ist, der wird das kennen: Kratzer, Schnittwunden oder auch ein umgeknickter Fuß, das gibt es schon einmal. Meist ist das auch keine große Sache und mit ein paar Heftpflastern oder einem Beutel Eis halbwegs gut versorgt. Die Rettung muss nicht unbedingt alarmiert werden, oft genügen der Griff in die Hausapotheke und sofern erforderlich der anschließende der Gang zum Arzt. In Teil Zwei unserer kleinen Erste-Hilfe-Serie geht es daher um alle Verletzungen, die auch ohne Notarzt und Rettungswagen gemeistert werden können. Der Artikel soll lediglich zur Sensibilisierung für das Thema Erste-Hilfe dienen. Er kann aber keineswegs einen entsprechenden Kurs beim Roten Kreuz oder vergleichbaren Organisationen ersetzen.

Wunden versorgen – so macht man es richtig

Zu den häufigsten Verletzungen überhaupt gehören Schnitt-, Schürf- und Platzwunden, Schrammen und Kratzer. Diese lassen sich in der Regel recht einfach versorgen. Dennoch wichtig: Wenn möglich sollte man als Ersthelfer Einmalhandschuhe tragen. Alternativ, kann man sich als Betroffener natürlich auch selbst „verarzten“.

Ist die Wunde stark verschmutzt (Erde, Sand etc.) sollte man sie zunächst einmal reinigen, hierzu eignet sich Leitungswasser bestens. Danach werden Wunden in der Regel desinfiziert (Desinfektionsmittel, Desinfektionstücher aus dem Erste-Hilfe-Beutel) und mit einer geeigneten Wundauflage versorgt, dies kann je nach Größe der Wunde ein einfaches Heftpflaster oder auch eine sterile Kompresse sein. Nicht jede Wunde erfordert gleich den Gang zum Arzt. Man sollte die betroffene Stelle und deren Heilung jedoch auch in den Tagen nach dem eigentlichen Unfall gut beobachten. Wird die Stelle rot oder heiß oder nässt die Wunde andauernd stark, braucht es auch hier definitiv nochmals professionelle Hilfe.

Bei Platz- und Schnittwunden kann es je nach Körperstelle auch zu starken Blutungen kommen. Diese sind meist nicht mit den üblichen Hausmitteln dauerhaft zu stillen und ziehen oft den Gang zum Nähen nach sich. Sofortmaßnahmen kann und muss aber auch hier jeder selbst ergreifen. Ein einfacher Druckverband reicht dabei in der Regel aus. Hierzu wir eine möglichst keimfreie Wundauflage direkt auf die Wunde gelegt und mit einer Binde zwei bis drei Mal umwickelt. Darauf kommt dann im Bereich der Wunde ein Druckpolster (z. B. eine noch eingepackte Binde). Dieses wird ebenfalls fest umwickelt und schon ist der Verband fertig.

Wenngleich die eigentliche Wunde vielleicht nicht tief ist, führt bei Schnittwunden, die beispielsweise durch verunreinigte Gegenstände wie Glasscherben, rostige Metallteile etc. zustande gekommen sind, der Weg definitiv zum Arzt. Auch Bisswunden und Kratzer, die durch Tiere entstanden sind, müssen aufgrund der Infektionsgefahr ebenfalls unbedingt nochmals professionell begutachtet werden. Brandwunden werden lediglich abgedeckt und leicht gekühlt, daraufhin führt der Gang direkt zum Arzt, Hausmittel sind hier nicht angesagt.

Knochenbrüche – wie man Schmerzen lindern kann

Die Erfahrung zeigt, ein Knochenbruch wird nicht selten erst beim Arzt erkannt. Steht der betroffene Körperteil nicht besonders seltsam ab oder handelt es sich um einen offenen Bruch, ist ein Knochenbruch oft nicht eindeutig zu erkennen. Wer hat auch schon ein mobiles Röntgengerät im Rucksack dabei. Dennoch gibt es ein paar Anzeichen, die auf einen Knochenbruch schließen lassen. Ist beispielsweise nach einem Sturz die Bewegung des Beins stark eingeschränkt kann es sich um einen Knochenbruch handeln, auch eine Schwellung, oder starke Schmerzen sind typische Symptome.

Aus diesem Grund sollten auch keine großartigen Bewegungsübungen oder dergleichen unternommen werden. Hat der Betroffene eine Schonhaltung gefunden, die für ihn halbwegs angenehm ist, sollte man ihn auch so belassen. Gerade bei gebrochenen Beinen kann auch ein Polstern und leichtes Unterstützen mit weichen Gegenständen dabei helfen, die Schmerzen ein wenig zu lindern. Hierzu eignen sich beispielsweise Decken, Handtücher, Pullover oder auch ein Schlafsack. Auch vorsichtiges Kühlen kann ebenfalls hilfreich sein. Keinesfalls sollte man als Laie versuchen den Knochenbruch einzurenken oder zu schienen. Hierdurch mach man in der Regel alles schlimmer, aber nichts besser.

Vorsicht: Bei einem Knochenbruch besteht immer auch die Gefahr eines Schocks. Zeigt der Betroffene also diesbezüglich deutliche Anzeichen ist es ratsam, einen Notruf abzusetzen. An einer ärztlichen Behandlung geht ohnehin kein Weg vorbei.

Bei Sportverletzungen – PECH-Regel

Zu den typischen Sportverletzungen zählen unter anderem Muskelzerrungen, gedehnte Bänder oder auch Prellungen. Verletzungen dieser Art führen in der Regel zu vergleichsweise starken Schmerzen und müssen schnellstmöglich erst-versorgt werden. Hierbei gilt die sogenannte PECH-Regel, also die Kombination aus „Pause“, „Eis“, „Compression“ und „Hochlagern“.

  • Der Sport ist für heute beendet. Wenn möglich sofort mit der Bewegung aufhören, die betroffene Körperstelle ruhigstellen und nicht unnötig bewegen.
  • Die Verletzung muss gekühlt werden. Dies kann mit einem geeigneten Kühlkissen erfolgen. Alternativ eignet sich aber auch alles, was irgendwie kühlt, vom Beutel Eiswürfel über ein feuchtes Handtuch bis hin zu Omas liebevoll eingefrorenen Himbeeren. Dabei nie Eisbeutel oder Kühlakkus direkt auf die Haut legen, sondern immer mit einem Handtuch oder ähnlichem umwickeln.
  • Schreibt man eigentlich mit K, aber hier geht es ja auch nicht um Rechtschreibung. Gemeint ist damit das Anlegen eines Druckverbands mit mäßiger Spannung. Keinesfalls sollte dieser zu eng sein, da ein Anschwellen des Körperteils trotz Verband und Kühlung möglich ist. Hierzu verwendet man idealerweise eine (elastische) Binde, muss improvisiert werden, tut es beispielsweise am Fußgelenk auch eine enge Socke.
  • Hierbei sollte das verletzte Körperteil immer so gelagert werden, dass er höher als das Herz liegt. Dadurch kann das Blut besser abfließen und Schwellungen und Schmerzen fallen deutlich geringer aus. Zum Unterlegen des Körperteils kann alles verwendet werden, was gerade da ist. Vom dicken Sofakissen über den Rucksack bis hin zum braven Hund, erlaubt ist was funktioniert. 

Wichtig fürs Gemüt – moralischer Beistand

Wer kennt das nicht, schmerzt es irgendwo besonders stark oder hat man sich offensichtlich verletzt geht die Stimmung merklich runter und alles ist gleich noch viel schlimmer. Ist man hingegen ein wenig abgelenkt oder hat man jemanden, der sich nett um einen kümmert, geht es gleich schon ein wenig besser. Einfach mal ein wenig zum Verletzten hinsitzen und mit ihm reden, das hilft schon. Wenn dann der Verletzte das erste mal wieder lacht oder selbst anfängt was zu erzählen ist er meist schon wieder auf dem Weg der (mentalen) Besserung.

Hierzu eine Geschichte aus meinem Leben: Ich habe mir letztes Jahr beim Skifahren bei einem Sturz den linken Ski ans rechte Knie geschlagen und so eine tiefe Schnittwunde zugezogen. Zunächst hatte ich das eigentliche Ausmaß gar nicht wahrgenommen und bin mit leichten Schmerzen noch bis zur Talstation des Lifts gefahren. Erst dort, bei genauerem Hinsehen wurde mir klar, dass ich wohl mehr als ein Pflaster brauchen werde. Mir wurde sofort sterbens schlecht und ich fühlte mich hundeelend. Mein Freund blieb zum Glück in dieser Situation vergleichsweise ruhig und begleitete mich ohne groß mit der Wimper zu zucken zur zufällig nahe gelegenen Erste-Hilfe-Station. Sofort kam ein Rettungssanitäter und hat mir nach kurzer Begutachtung einen Druckverband angelegt.

Dabei hat er mir außerdem sämtliche Geschichten erzählt, die ihm schon beim Bergsport passiert waren. Ein Druckverband ist nicht besonders angenehm. Aber aufgrund der lustigen (und vielleicht auch erfundenen) Geschichten vom Sani war das Verbinden ganz gut zu ertragen. Eine viertel Stunde und drei Gläser Wasser später, war ich dann wieder soweit auf den Beinen, dass ich immerhin ohne fremde Hilfe zum Arzt gehen konnte um die Wunde nähen zu lassen.

Abschließend

Beim Sport passieren immer mal wieder kleinere und größere Unfälle. Handelt es sich da „lediglich“ um einen verstauchten Fuß oder eine Schnittwunde im Finger ist das meist keine große Sache und man kann sich recht gut selbst behelfen. Wer hier ein bisschen weiß, was zu machen ist, kann schnell und einfach für Hilfe sorgen. Schlimmere Verletzungen wie Knochenbrüche oder ausgekugelte Schultern führen aber direkt zum Arzt.

Oft hilft es auch als Verletzter einmal in Ruhe in sich hineinzuhören. Will man beispielsweise dringend wissen, ob da auch wirklich nichts Schlimmeres passiert ist, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen, wenngleich das vielleicht bei einer leichten Verletzung nicht immer notwendig ist. Frei nach dem Motto „morgen sieht die Welt schon ganz anders aus“, kann es aber auch nach einer Verletzung helfen erst einmal zur Ruhe zukommen und die Aufregung des Unfalls zu überwinden. Was in der jeweiligen Situation das Richtige ist, hängt daher immer auch stark von der persönlichen Verfassung und der tatsächlichen Verletzung ab.

Nun zu euch: Welche Story erzählt ihr beim Bierchen in lustiger Runde? Lasst uns doch mal eure Anekdote zum Thema Sportverletzung da.

Übrigens: Falls ihr Lust habt, das Thema mal praktisch anzugehen, schaut mal in der Safety Academy von Ortovox vorbei!

Wie reagiert unser Körper eigentlich auf Belastung?

3. September 2019
Tipps und Tricks

Nach einem anstrengenden Aufstieg bei bestem Bergwetter schaust du nach oben und hast fast schon den Gipfel erreicht, aber auf einmal fühlen sich die Beine wie Pudding an und jeder Schritt wird zu einer Herausforderung. Was ist da nur los? Vielleicht etwas zu schnell gegangen? Eigentlich sollte das Training in den vergangenen Wochen ja ausgereicht haben. Aber ob Klettern auch so viel für die Fitness beim Wandern bringt? Und vielleicht hätte ich bei der Pause auf der letzten Hütte doch nicht so viel auf einmal essen sollen.

Um die nächste Berg- und Klettertour nicht so enden zu lassen, wollen wir heute einmal auf die physiologischen Grundlagen beim Wandern, Bergsteigen, Klettern und Trailrunning eingehen und uns ansehen, was in unserem Körper da genau passiert.

So arbeitet deine Muskulatur beim Bergsport

Alle unsere Bewegungen beruhen auf dem Zusammenspiel aus Nervensystem und Muskulatur. Dabei ist es egal, ob du kletterst oder die Maus am Computer klickst. Die etwa 600 Skelettmuskeln unseres Körpers machen etwa 45 Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Muskeln ziehen sich auf „Befehl“ der Nervenbahnen zusammen und entspannen anschließend wieder.

Jede Muskelgruppe hat zwei oder mehrere Ansatzpunkte an den zu bewegenden Knochen. Ein einfaches Beispiel ist der Unterarm. Winkeln wir ihn an, wird der große Bizepsmuskel am Oberarm angespannt. An seinen Enden läuft er in sogenannte Sehnen aus, die auf der einen Seite am Schulterknochen und auf der anderen Seite am Unterarmknochen verankert sind.

Kontrahiert (=anspannen) sich der Muskel, so bewegen sich diese Ansatzpunkte aufeinander zu, das dazwischen liegende Gelenk wird gebeugt. Gleichzeitig muss der entgegengesetzt arbeitende Streckmuskel, der Trizeps, entspannt werden. Dieses Prinzip nennt sich fachmedizinisch Agonist und Antagonist, im übertragenen Sinn sprechen wir von Spieler und Gegenspieler.

Die Muskeln brauchen Treibstoff

Damit ein Muskel sich an- und wieder entspannen kann, braucht er Energie. Durch eine exotherme Reaktion wird chemische in mechanische Energie umgewandelt. Die für die Muskelkontraktion benötigte Energie wird zum größten Teil durch die Hydrolyse (Wasseranlagerung) von Adenosintriphosphat (ATP) in Adenosindiphosphat (ADP) und Phosphat (Pi) zur Verfügung gestellt.

Das ATP ist quasi der Hauptversorger und primäre Energielieferant der Muskulatur. Da der Vorrat im menschlichen Körper jedoch begrenzt ist, muss die Muskulatur während des Wanderns oder Kletterns weiterhin ATP herstellen, um nicht vorzeitig zu ermüden. Die für den Wiederaufbau benötigte Energie wird durch Oxidation aus Kohlenhydraten, Fettsäuren und Eiweißen bzw. Aminosäuren gewonnen.

„Man isst und trinkt nicht am Berg, um Hunger und Durst zu stillen, sondern um die Leistungsfähigkeit zu erhalten!“ – Dieses Zitat stammt von einem Bergsteiger und gilt nach wie vor.

Energiebereitstellung – wann verbrennt der Körper was?

Entscheidend für die Energiebereitstellung im Muskel ist, ob diese mit ausreichender Sauerstoffaufnahme (aerob) oder unzureichender Sauerstoffaufnahme (anaerob) geschieht und ob dabei Laktat (Milchsäure) entsteht, welches sich in den Muskelfasern ansammelt.

Wer beim 2000 Meter Lauf Vollgas gibt, kann diese Anstrengung nur kurz durchhalten. Hierbei verbrennen die Muskeln nur Kohlenhydrate. Bei einer fünfstündigen Bergwanderung verbrennt der Organismus sowohl Kohlenhydrate als auch Fette. Dies hängt mit der deutlich niedrigeren Intensität zusammen. Das Problem ist, dass der Kohlenhydratspeicher des Körpers nicht sehr groß ist – ganz im Gegensatz zum Fettspeicher.

Umso besser der individuelle Fettstoffwechsel trainiert ist, desto weniger Glykogen (Kohlenhydratspeicher im Muskel) wird benötigt, um die Anstrengung aufrecht zu erhalten. Die Energiebereitstellung ist abhängig vom Trainingszustand und zu einem großen Teil auch von der Ernährung. Bei vielen Volksläufen findet am Abend vor dem Rennen häufig die sogenannte „Pasta Party“ statt, um die Glykogenspeicher in den Muskeln vor dem Wettkampf noch einmal aufzufüllen.

Die muskulären Glykogenreserven sind bei intensiver Belastung beim Bergsport je nach Trainingszustand nach etwa 60 bis 90 Minuten so gut wie verbraucht. Bei anhaltender Ausdauerbelastung ist der Muskelstoffwechsel nun auf eine vermehrte Fettverbrennung angewiesen. Die Energiebereitstellung durch Fette benötigt allerdings deutlich mehr Sauerstoff und erfolgt nur halb so schnell wie durch die Kohlenhydrate.

Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, hat vielleicht schon vom berühmten „Mann mit dem Hammer“ gehört. Dieses Phänomen beschreibt die Erschöpfung der Kohlenhydrat-Speicher im Muskelgewebe. Durch die langsamere Freisetzung der Energie durch die Fette muss die Intensität deutlich verringert werden, um überhaupt noch weiterlaufen zu können. Intensität und Dauer der maximalen Leistung verhalten sich also gegenläufig zueinander. Je mehr ATP in den Zellen gebildet werden kann, desto höher ist auch die Leistung.

Wer beim Wandern oder Klettern zu schnell startet sorgt zudem dafür, dass sich Laktat in den Muskeln ansammelt. Wird die Intensität nicht verringert, ist irgendwann die sogenannte Laktatschwelle erreicht. Diese ist bei jedem Menschen anders und kann während einer Leistungsdiagnostik ermittelt werden. Beim überschreiten der anaeroben Schwelle „übersäuert“ der Muskel und kann nicht mehr richtig arbeiten. Der Muskel kann nicht mehr so viel Energie produzieren, um weiter den Berg hinauf gehen zu können. Die Intensität muss deutlich verringert werden, um die Bergtour überhaupt noch fortsetzen zu können.

Leistungslimitierende Faktoren am Berg

Allgemein lässt sich das Leistungslimit des Körpers dadurch definieren, dass die beanspruchten Muskeln nicht mehr in der Lage sind, eine für eine bestimmte Belastungsintensität geforderte Leistung zu erbringen, sie also zunehmend ermüden. Wie im Beispiel mit der körperlichen Erschöpfung kurz vor dem Gipfel in der Einleitung.

Die Ausdauerleistungsfähigkeit hängt somit von den physiologischen Prozessen ab, die eine Ermüdung der Muskeln herbeiführen. Es ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt, wie groß der Anteil verschiedener Prozesse an der individuellen Ausdauerleistungsfähigkeit ist. Aber folgende Faktoren haben auf jeden Fall einen großen Einfluss auf unser Leistungsvermögen:

  • VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme)
  • Koordination (Trittsicherheit, Schwindelfreiheit)
  • Psychologische Aspekte (ausgesetztes Gelände, Höhenangst)
  • Muskelfaserzusammensetzung (Training)
  • Energiebereitstellung
  • Wärmeregulation (Hitze/Kälte)
  • Wasser- und Elektrolythaushalt
  • Orthopädische Beschwerden

Die Gefäßkapazität in den Muskeln könnte etwa das Vierfache der durch das Herz verfügbaren Blutmenge nutzen. Bei Ausdauersportarten wie dem Bergwandern, Bergsteigen und Trailrunning ist somit die Transportkapazität des Herz-Kreislauf-Systems leistungslimitierend. Jedoch sagt die maximale Durchflussrate in den Blutgefäßen noch nichts über die Effizienz der Sauerstoffversorgung der Muskeln beim Sport aus, die mit regelmäßigem Training gesteigert werden kann, damit die Muskeln beim nächsten Mal eben nicht kurz vor dem Gipfel „schlapp“ machen, sondern bis zum Rückweg am Parkplatz nach der Tour brav ihren Dienst erfüllen.

Die berühmte Ausdauer, von der man gar nicht genug haben kann

Als „Ausdauer“ bezeichnet man die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Organismus gegen Ermüdung und die rasche Regenerationsfähigkeit nach einer körperlichen Belastung wie Klettern oder Bergwandern. Ausdauer beschreibt aber auch die motorische Fähigkeit, eine bestimmte Intensität (zum Beispiel die Lauf- oder Aufstiegsgeschwindigkeit) über eine möglichst lange Zeit aufrechterhalten zu können, ohne vorzeitig körperlich zu ermüden. Ebenso beschreibt sie die Zeit, die nach einer Tour am Berg für die Regeneration benötigt wird.

Durch verbesserte Ausdauer (Training) ist von Beginn an eine höhere Intensität möglich und die zu Verfügung stehenden Energiespeicher des Körpers können deutlich effizienter genutzt werden. Die menschliche Ausdauer stellt neben Kraft, Schnelligkeit, Koordination und der auf Mobilität und Dehnfähigkeit beruhenden Beweglichkeit eine grundlegende motorische Fähigkeit unseres Körpers dar. Jede einzelne Sportart erfordert und trainiert diese Grundfertigkeiten in unterschiedlichen Maßen, deswegen muss im nächsten Abschnitt auch noch auf die unterschiedlichen Bergsportarten eingegangen werden.

Unterschiedliche Belastung bei verschiedenen Spielarten des Bergsports

Generell können die meisten Sportarten am Berg als Ausdauersportarten bezeichnet werden. Der limitierende Faktor, der eine Tour oft schneller scheitern lässt als geplant, ist die körperliche Fitness. Besonders beim Wandern und dem klassischen Bergsteigen gerät das Herz-Kreislauf-System bei einem steilen Aufstieg schnell an seine Grenzen und der Plus geht so steil nach oben wie der Wanderweg.

Ein weiterer Faktor ist die muskuläre Belastung, vor allem beim Abstieg. Bei einem Abstieg von 1000 Höhenmetern ins Tal müssen die Muskeln der Beine jeden Schritt nach unten quasi „auffangen“, indem sie sich anspannen und das Körpergewicht halten. Viele kennen bestimmt den berühmten Muskelkater, der am nächsten Tag nach der ersten Bergtour der Saison eintritt. Bei diesem Phänomen sind die Muskeln am Ende des Abstieges komplett überfordert und verweigern dann erstmal ein paar Tage ihren Dienst.

Beim Alpinklettern, auf Hochtouren und auf Klettersteigen kommen häufig psychische Belastungen durch Ausgesetztheit oder Höhenangst im alpinen Gelände hinzu. Das klassische Felsklettern in den Bergen hat sich durch die zunehmende Popularität von Kletterhallen im städtischen Bereich auch zu einer Indoor Sportart (Sportklettern, Bouldern) entwickelt.

Das Klettern ist in erster Linie durch eine kraftbetonte Belastung der oberen Extremität (Arme, Schultern, Rücken) gekennzeichnet, während der unteren Extremität (vor allem die Beine) meistens eine stützende und stabilisierende Funktion übernimmt.

Beim Sportklettern in der Halle dauert die Belastung oft nur wenige Minuten an, weil die Routen relativ kurz sind. Hier ist vor allem die Muskelausdauer der limitierende Faktor, wenn die gewünschte Route auch nach dem fünften Versuch immer noch nicht funktionieren will. Bei länger andauernden, alpinen Touren ist ein Kletterer oft mehrere Stunden unterwegs und die generelle körperliche Ausdauerfähigkeit steht auf jeden Fall im Vordergrund.

Anaerobe Belastungen (Energiebereitstellung ohne Sauerstoff), wie wir sie im Absatz über die Energiebereitstellung kennen gelernt haben, finden sich beim Bergsport im Bereich des Wettkampfkletterns und beim Bouldern. Hier werden oft kurze Routen in möglichst schneller Zeit bewältigt und die Kletterer kommen gar nicht erst in den „Ausdauerbereich“ der Energieversorgung des Körpers.

Beim Trailrunning ist der Großteil der physiologischen Belastung derselbe wie beim Laufen im flachen. Allerdings kommt besonders in technischem Gelände ein erhöhtes Maß an erforderlicher Koordination hinzu, wenn es darum geht, gekonnt über Steine oder Wurzeln zu tänzeln. Steile Auf- und Abstiege fordern die Muskulatur genauso, wenn nicht sogar noch mehr als das Bergwandern im gleichen Gelände. Regelmäßiges Lauftraining am Berg zahlt sich aus, um die Muskeln an das Laufen in den Bergen zu gewöhnen.

Fazit und weitere Artikel zum Thema

Abschließend bleibt zu sagen, dass unser menschlicher Körper sich insgesamt sehr gut anpassen und auf Veränderungen einstellen kann.

Auch wenn orthopädische Probleme, schwere Beine oder die leeren Energiespeicher die letzte Bergtour doch etwas länger haben werden lassen als ursprünglich geplant, heißt das nicht, dass es beim nächsten Mal wieder so kommen muss. Durch die richtige Vorbereitung, ein an die persönliche Fitness angepasstes Gehtempo und ausreichende Verpflegung wird die nächste Gipfelbesteigung garantiert zu einem vollen Erfolg!

Dieser Artikel über die physiologischen Grundlagen und die körperliche Belastung beim Bergsport ist der Auftakt zu einer kleinen Artikelserie im Basislager der Bergfreunde. Nachdem wir heute die Grundlagen geklärt haben, geht es nächstes Mal noch etwas spezifischer zur Sache und wir sprechen über die Ernährung beim Bergsteigen. Worauf gilt es in der Höhe besonders zu achten? Was sollte unbedingt in die Brotzeitdose und was bleibt lieber daheim?

Das Nachhaltigkeitskonzept von Prana

31. Mai 2019
Ausrüstung

Die Marke Prana entstand 1992 in Südkalifornien und steht für bequeme und stylische Kletter-, Yoga- und Strandklamotten. Nachhaltigkeit hat für die Firma nach eigener Aussage von Anfang an eine Hauptrolle in allen Produktionsschritten gespielt und wird es auch in Zukunft tun. Man sieht sich dabei inspiriert durch die Yoga-Philosophie, die Umweltbewegung der amerikanischen Westküste und die Kletterszene der 90er Jahre.

Nachhaltigkeitskonzepte im Sinne von Umweltschutz und sozialer Verantwortung wurden bislang auch durchaus überzeugend umgesetzt. Auffallend an der Prana-Strategie sind die wiederholten Appelle an die Kundschaft, auch ihren Beitrag zu leisten und ebenfalls Verantwortung für die Umsetzung von Nachhaltigkeit zu übernehmen. Das klingt dann meist in etwa wie folgt:

„From the farm to the factory to our closets, we all have an opportunity to reduce our impact on the environment. Start asking questions about your clothes in the same way you ask about the food you eat, and you can help fundamentally change the way clothing is made.“

Kurz: JedeR kann überall ansetzen und auch mit kleinen Schritten etwas bewirken.

Prana investiert vorwiegend in Partner, die neue Wege in der Produktion von Kleidung gehen und gehört Organisationen wie Fair Trade, bluesign, Textile Exchange, Responsible Down Standard und vielen mehr an. Unter den US-Unternehmen war man einer der ersten bluesign-Systempartner und der erste große Bekleidungshersteller mit einer Fair Trade USA-Zertifizierung. Zudem steigt die Zahl der Fair Trade-Produkte von Saison zu Saison. Gleiches gilt für Produkte aus Bio-Baumwolle, Naturfasern und recycelten Stoffen. Schauen wir uns nun die Maßnahmen im Detail an.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Da Prana kaum technische Outdoorkleidung herstellt, gibt es den ansonsten in der Outdoorbranche sehr ausgeprägten Konflikt zwischen technischer Funktionalität und Umweltfreundlichkeit nicht in dem Maße. Bleibt natürlich immer noch der Rentabilitätskonflikt, mit dem nicht nur Outdoorfirmen, sondern alle Unternehmen zu tun haben. Doch dieser hindert Prana nicht daran, Umweltschutzmaßnahmen konsequent umzusetzen.

Kennzeichnung nachhaltiger Produkte

Prana macht durch das Liefern von guten Argumenten und die vorwegnehmende Beantwortung von Fragen und möglichen Einwänden immer wieder „Werbung“ für Bluesign – und andere Nachhaltigkeitsinitiativen.

Als Gründe werden die Wassereinsparung, die Vermeidung giftiger Chemikalien und die Vertrauenswürdigkeit des Labels genannt. An Fragen wird unter anderem Folgende beantwortet: „Wird die Leistungsfähigkeit der Kleidung durch den reduzierten Einsatz von Chemie beeinflusst?“

Antwort: „Nein, wir können die grundlegende Leistung und Qualität, die wir beabsichtigen, ohne die chemischen Methoden erreichen.“

Bio-Baumwolle, recycelte Wolle und Hanf

Seit 2018 sind 100% der Baumwoll-Produkte von Prana aus Bio-Baumwolle gefertigt. Daneben erweitert Prana laut Angaben der PR-Agentur KGK auch die Verwendung von Hanf und recycelter Wolle. Dafür werden in Italien Altkleider und Schnittreste zu Fasern zurück verarbeitet, um dann in neuen Produkten zum Einsatz zu kommen. Hanf wird wegen seiner Robustheit gern genutzt: weder im Anbau, noch bei der Ernte oder in der Verarbeitung benötigt er Pestizide oder Düngemittel.

Auch bei Biobaumwolle und recycelter Wolle liefert die Prana-Homepage die Argumente gleich mit:

  • Landwirte und ihre Familien sind keinen schädlichen Chemikalien mehr ausgesetzt.
  • Leben und Biodiversität im Boden erholen sich.
  • Mit jedem T-Shirt aus Bio-Baumwolle werden 115 Liter Wasser im Vergleich zu herkömmlicher Baumwolle eingespart.

Im FAQ-Bereich wird jedoch nicht ausschließlich gelobt, sondern auch auf eingegangene Kompromisse und Verbesserungspotentiale hingewiesen.

Gleiches gilt für die recycelte Wolle, deren Verwendung Ressourcen und Energie spart, Abfälle und Abwässer vermeidet, den Flächenverbrauch der Landnutzung verringert und das Tierwohl achtet. Auch ist der notwendige Aufwand zur Aufbereitung der Fasern (z. B. der Färbung) deutlich geringer. All diese Vorzüge werden laut Prana ohne Abstriche in Sachen Leistungsfähigkeit und Funktionalität des Endprodukts erreicht.

Recyceltes Polyester

Seit 2016 verwendet Prana recyceltes Polyester, das in der Regel aus PET-Flaschen stammt. Der Anteil der Produkte mit recyceltem Polyester wird seitdem ausgebaut, vor allem bei Bademode wie Boardshorts, Neopren-Teilen und Bikinis.

Responsible Down Standard (RDS)

Der RDS ist ein freiwilliger weltweiter Standard. Wenn Marken sich für diese Zertifizierung ihrer Produkte entscheiden, halten sie sich strikt an die „fünf Tierfreiheiten“, die da wären:

  1. Freiheit von Hunger und Durst
  2. Freiheit von Unbehagen
  3. Freiheit von Schmerzen, Verletzungen oder Krankheiten
  4. Die Freiheit, normales Verhalten auszudrücken
  5. Freiheit von Angst und Leid

Mehr über den RDS und dessen Vertrauenswürdigkeit erfahrt ihr in diesem Bergfreunde Artikel.

Umweltschutz am Unternehmensstandort

Auch das gehört zum Prana-Nachhaltigkeitskonzept: Recycling, Kompostieren, Energie sparen und Müll vermeiden am eigenen Standort. Die bislang auffälligste Aktion ist wohl die Umstellung von Plastik auf Papier: seit 2011 verzichten die Kalifornier weitestgehend darauf, Produkte in Plastik-Verpackungen zu verschicken. Stattdessen greift man auf Tüten aus 100% Altpapier zurück. Bis 2017 sollen so an die 11 Millionen Plastiktüten eingespart worden sein, deren Gewicht dem von 25 Blauwalen entsprechen sollen.

Soziale Aspekte

Die Maßnahmen im sozialen Bereich beziehen sich – wie bei anderen Outdoorlabels auch – auf die Arbeitsbedingungen bei den Partnern und Zulieferern in den sogenannten Entwicklungsländern. Prana macht deren Erfolg sogar an konkreten Zahlen fest, ohne allerdings deren Herkunft genauer zu spezifizieren: „Since prAna became the first North American apparel brand to produce Fair Trade Certified clothing, we have given back $400,000+ to 33,000+ workers worldwide.“

Außerdem werden auf der Firmenhomepage demokratische Entscheidungsfindungen hinsichtlich der Verwendung von Geldern und die kommunale Entwicklung für die Familien der Landwirte und Fabrikarbeiter erwähnt.

Die wichtigsten „messbaren“ Maßnahmen sind die Teilnahme am Fair-Trade-Certified-Programm und die Mitgliedschaft in der Fair Labor Association. Prana weist auf den Unterschied zwischen der  Fair Trade Zertifizierung einzelner Fabriken (Fair Trade Factory) und der vollständigen Zertifizierung für das „Gesamtpaket“ (also über die ganze Produktionskette bis zu den Ausgangsmaterialien hinweg) hin. Bei Prana sind die Fair Trade Produkte, deren Anteil von Saison zu Saison zunimmt, als Ganzes zertifiziert.

Die Mitgliedschaft in der Fair Labor Association (FLA) besteht seit 2010, seit 2015 läuft das Social Responsibility Programm der Kalifornier offiziell mit Unterstützung der FLA.

Mitarbeiter und Kunden

Den Einbezug von Mitarbeitern und Kunden kann man als sozialen Aspekt der Nachhaltigkeitsbestrebungen betrachten. Prana erwartet von jedem einzelnen Mitarbeiter verantwortungsbewusste und umweltbewusste Praktiken, sei es beim Umgang mit Chemikalien oder bei der Müllentsorgung im Alltag. Die Kunden werden aktiv aufgerufen, sich für nachhaltige(re) Kleidung zu entscheiden.

Ökonomische Aspekte

Seit 2014 gehört prAna zu den Marken der Columbia Sportswear Company (COLM), die in erster Linie Wachstumsziele verfolgt und für Investoren interessant sein möchte.

Was sagen die Kritiker?

In Massenmedien und bei Verbraucherportalen ist Prana zurzeit noch nicht präsent, sodass es von dieser Seite keine Bewertungen gibt. Vereinzelte Berichte von Bloggern und Branchenmagazinen äußern sich bezüglich Nachhaltigkeit überzeugt und positiv.

Fazit

Da Kleidung und Accessoires von Prana viel über die Ansprache von Gefühlen und als Lifestyleprodukte verkauft werden, lässt sich natürlich vortrefflich diskutieren, ob wirklich jedes dieser schönen neuen Yogashirts und Kletter-Hoodies auch wirklich benötigt wird, oder ob nicht auch „unnötiger“ Luxuskonsum dabei herauskommt. Sagen wir mal so: wenn das Prana-Teil anstatt eines kurzlebigen Discounter- oder Großkonzernprodukts gekauft wird, ist das sicherlich ein Nachhaltigkeitsgewinn.

Zuletzt kann man immer noch einwenden, das ganze Nachhaltigkeitsgerede sei nur Eigenwerbung und diene letztlich doch nur dem Zweck der Umsatzsteigerung. Könnte stimmen, doch warum sollte man eigentlich immer den „niedersten“ Beweggrund annehmen? Man kann genauso gut annehmen, dass Prana sich tatsächlich für Biobaumwolle, recycelte Materialien und fairen Handel einsetzt. Letztlich ist es gar nicht so wichtig, denn zumindest kann man als potentieller Käufer bei Prana sehr detailliert nachvollziehen, warum sich die Entscheidung für die nachhaltige Alternative lohnt.

Polygiene: Wie funktioniert der Mief-Blocker und ist er nachhaltig?

9. Mai 2019
Ausrüstung

(Vorsicht, folgende Einleitung könnte Spuren von Ironie enthalten)

Angeblich soll es in den Bergen noch den rückständigen Brauch geben, nach dem Schwitzen nicht sofort zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Igitt, wie eklig und vor allem auch rücksichtslos gegenüber den Mitmenschen. Schuld an diesem Missstand sind vor allem Bergunterkünfte, die keine Duschen und noch nicht mal heißes Wasser rund um die Uhr haben. Dort weht dann in den viel zu engen Massenlagern ein Aroma, das in der Großstadt wohl ABC-Alarm auslösen würde. Wann schafft die EU endlich Gesetze, dass solche Stinkehütten klimatisiert zu sein und  Raumduftsysteme vorzuhalten haben?

Solange die Bergwelt noch lückenhaft reguliert ist, müssen wir uns mit Provisorien behelfen. Eine Möglichkeit wäre, die körperlichen Anstrengungen soweit zu reduzieren, dass kein Schweiß mehr die Poren verlässt. Hier ist man mit vielen neuen Seilbahn- und Straßenbauprojekten schon auf einem guten Weg. Doch was tun, wenn das Schwitzen partout nicht vermieden werden kann und der nächste hochalpinen Sanitärbereich noch in der Planungsphase ist?

Wie kommt der Mief in die Klamotten?

Dann schlägt die Stunde von Technologien wie Polygiene. Polygiene bietet – ab jetzt ohne Ironie –  nicht nur optionalen Luxus wie Parfüm und Deo, sondern wirklich nützliche Vorteile. Warum das so ist, versteht man am besten nach einem genaueren Blick auf den schlechten Schweißgeruch sowie seine Entstehung und Auswirkungen. Obwohl man hier eigentlich nicht viel falsch verstehen kann, denn wie Schweiß entsteht und welche Funktion er hat, dürfte jeder Mensch wissen, der schon einmal selbst geschwitzt hat. Bei Erhitzung des Körpers wird das „Körperwasser“ aus den bis zu 2,6 Millionen Schweißdrüsen herausgepresst, um für kühlende Verdunstung auf der Haut zu sorgen. Diese Kühlung ist lebenswichtig, der Körper braucht sie so, wie ein Verbrennungsmotor Kühlwasser braucht.

Was vielleicht nicht jeder weiß: der Schweiß an sich hat keinerlei Eigengeruch. Er enthält aber Proteine und Fettsäuren, die wiederum als Nährstoffe für Bakterien und andere Mikroorganismen dienen, die sich auf der Haut befinden. Die Mikroorganismen bauen die Stoffe ab, was – analog zur menschlichen Verdauung – zu geruchsintensiven Abfallprodukten führt. Im warmfeuchten Klima sammeln sich diese Hinterlassenschaften zusammen mit den sich prächtig vermehrenden Mikroorganismen auf der Haut und in der Kleidung an.

Das stinkt dann nicht nur, sondern greift auch das textile Gewebe an, da die Abbauprodukte Säuren und Salze enthalten, die der Kleidung chemisch und mechanisch zusetzen können.

Was ist Polygiene?

Kurz und knapp: Polygiene ist ein in Textilien eingearbeitetes Silbersalz aus recyceltem Industriesilber. Zugleich ist es der Name der Herstellerfirma mit Sitz im schwedischen Malmö.

Es gibt mehrere Arten von Silbersalzen. Für Polygiene wird, wie zumeist bei Outdoorkleidung, Silberchlorid verwendet, da es wasserunlöslich ist und nicht aus der Kleidung ausgewaschen wird. Durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen können zwar minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese schädigen im Falle von Polygiene weder Organismen noch Abwassersysteme (dazu mehr im Abschnitt Nachhaltigkeit).

Polygiene basiert auf Silberchlorid aus 100 % recyceltem Silber von photochemischen und industriellen Rückständen. Eine Vermischung mit Silber aus dem Bergbau ist ausgeschlossen. Es wird ähnlich wie Farbe in die Textilfasern eingearbeitet. Dabei wird nur eine sehr geringe Menge Silber verbraucht: die Menge, die in einem Fingerring steckt, reicht für etwa 5000 mit Polygiene ausgerüstete Kleidungsstücke.

Die Silberbehandlung von Polygiene bleibt nach Angaben des Herstellers über die komplette Lebensdauer der Kleidungsstücke erhalten und wäscht sich auch nicht in der Waschmaschine aus. Es handelt sich bei Polygiene auch nicht um Nanosilber, welches aus Silberionen im Größenbereich von Nanometern (10-9 Metern) besteht und im Verdacht steht, sich aus der Kleidung zu lösen und durch die Haut in den Körper zu gelangen. Die für Polygiene verwendeten Silberionen sind mehr als 100mal größer und damit zu groß, um in die Haut einzudringen.

Zudem versichert Polygiene, dass die eigenen Silbersalze sich auch nach längerem Gebrauch nicht von den Textilien lösen. Sie sind zudem nur auf der Außenseite des textilen Trägermaterials aktiv und beeinträchtigen weder die Transpiration noch die natürliche Bakterienflora der Haut. Dementsprechend haben mit Polygiene ausgerüstete Stoffe in Europa die medizinische Zulassung der Kategorie 1, die auch Verbandsmaterial für den direkten Kontakt mit offenen Wunden umfasst.

Polygiene wird zumeist fertig eingearbeitet in Funktionswäsche angeboten, kann jedoch auch als Spray oder Waschzusatz nachträglich aufgebracht werden.

Wie funktioniert es?

Die winzigen Silberpartikel wirken ähnlich wie ein Antibiotikum: sie töten mikrobisches Leben auf breiter Front und verhindern so dessen Wachstum. Als „unverdauliche Brocken“ legen sie den Stoffwechsel der Mikroben lahm.

Die Frage ist aber nicht nur, wie es funktioniert, sondern auch, wie lange und wie gut es funktioniert. Das Outdoor-Magazin hat dazu einen Test über satte 14 Tage gemacht und kam zu folgendem Ergebnis.

Zum testen haben wir ein das Baselayer-Shirt Capilene Thermal Weight von Patagonia und ein Paar Wandersocken von SaferSox zur Verfügung gestellt bekommen. Polygiene empfahl uns das Shirt 8 Tage lang zu testen. Wir sollten Sport machen, das Shirt richtig vollschwitzen und dann lediglich zum Trocknen aufhängen. Zwischendrin durfte das Shirt nicht gewaschen werden.

Für unseren Test sind wir noch einen Schritt weitergegangen. Unser Tester hat das Patagonia-Shirt insgesamt 14 Tage lang getragen. Das Ergebnis: Es bleibt kein Schweißgeruch im Baselayer zurück.

Es blieben zwar andere Gerüche wie Essen oder Deo zurück, doch die Zahl derjenigen Bergfreunde, die sich auch davon beeinträchtigt fühlen und von ihrer Funktionskleidung eine entsprechende Lösung erwarten, dürfte sich zum Glück in Grenzen halten.

Welche Vorteile bringt die Geruchshemmung?

Die direkten Vorteile des Nicht-Stinkens dürften auf der Hand liegen. Sie liegen nicht nur in besserem Wohlgefühl und angenehmerer sozialer Interaktion auf engem Raum, sondern auch in besserer Hygiene. Die Abwesenheit von Bakterien und Pilzen bedeuten auch weniger potentielle Hautirritationen und andere gesundheitliche Probleme.

Hinzu kommen indirekte Vorteile, die daraus resultieren, dass Polygiene-Textilien weniger oft gewechselt und gewaschen werden müssen. Man kann mit deutlich weniger (Wechsel)Wäsche auskommen und dadurch das Rucksack- oder Reisegepäck reduzieren. Auch der Lebenszyklus der Produkte verlängert sich dadurch deutlich, da sowohl Mikroben als auch Waschgänge die Fasern schädigen und das Material abnutzen. Es wird weniger weggeworfen und nachgekauft, was nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel schont. Damit sind wir auch schon mitten im Thema Nachhaltigkeit.

Warum Polygiene nachhaltig ist

Es dürfte schon aus den bisherigen Zeilen hervorgegangen sein, dass Polygiene eine ziemlich nachhaltige Angelegenheit ist. Doch sie ist nicht nur ein bisschen nachhaltig, sondern rundherum und vollkommen. Warum? Weil nicht nur Material und Technologie selbst nachhaltig sind, sondern auch ihre direkten und indirekten Effekte. Das wird auch von Umweltorganisationen und Regulierungsbehörden anerkannt. So ist die permanente Textilbehandlung bluesign-zertifiziert und erfüllt strenge, unabhängige Umwelt- und Produktlebenszyklusstandards wie die EU Umwelt- und Abfallgesetze und den ISO 14001 Standard. Zudem befindet sich Polygiene auf der Öko-Tex-Liste (I-IV) von unabhängig geprüften und zertifizierten Produkten.

Gesundheit

Die Zertifizierungen schaffen eine hohe Verbrauchersicherheit, da mit steigenden Umweltstandards für Ausgangsstoffe und Herstellungsverfahren die Belastungen für die menschliche Gesundheit sinken. So wird beispielsweise die Reinheit des Silbers durchgehend kontrolliert, um Spuren anderer Metalle sicher auszuschließen. Auch eventuelle Wechselwirkungen des Silbers mit der Haut werden gründlich untersucht. So wurde in einer Studie des National Center for Biotechnology Information in den USA überprüft, ob das antimikrobielle Silber das Bakteriengleichgewicht auf der Haut stört. Die Forscher konnten dabei keinen Effekt von antibakterieller Kleidung auf die Mikroflora von gesunder Haut nachweisen. Sicher, Ergebnisse von Studien sind manches mal mit Vorsicht zu genießen, doch im Fall von Polygiene kann man schon aufgrund der Konstruktion von minimierten Risiken ausgehen.

Ressourcenverbrauch

Dieser Bereich dürfte der effektivste Nachhaltigkeitshebel von Polygiene sein, denn der Ressourcenverbrauch wird in allen Phasen des Produktlebenszyklus minimiert. Der Rohstoff Silber wird wie erwähnt aus recyceltem Material (Elektronikschrott) gewonnen und in sehr geringen Konzentrationen verwendet. Zudem kann die Polygiene-Behandlung in einem Arbeitsgang mit anderen Ausrüstungen aufgebracht werden und erfordert dadurch keinen zusätzlichen Wasser- und Energieeinsatz. Ein Bindemittel für die Fixierung der Polygiene-Moleküle am Stoff ist ebenfalls nicht nötig.

Die größte Ressourceneinsparung findet während der Verwendung der Polygiene-Bekleidung statt, denn sie wird deutlich weniger gewaschen als herkömmliche Sportkleidung. Letztere wandert teilweise nach jedem einzelnen Einsatz in die Waschmaschine. Mit Polygiene ist das nicht nötig, denn die unhygienischen Bakterien und Gerüche entstehen gar nicht erst. Wenn der Schweiß verdunstet und das Gewebe getrocknet ist, ist die Wäsche auch tatsächlich noch sauber genug, um  weiter getragen zu werden – natürlich nicht unbegrenzt, aber definitiv um ein mehrfaches länger als unbehandeltes Kunstfaser- oder Baumwollmaterial. Die „Bevor-es-eklig-wird-Tragedauer“ einer Polygiene-Unterwäschegarnitur kann man in etwa mit der von Merinowolle gleichsetzen.

Die Polygiene-Wäsche kann nicht nur seltener, sondern auch bei niedrigerer Temperatur gewaschen werden. Das trägt ebenfalls zu reduziertem Energieverbrauch und längerer Produktlebensdauer bei. Und wenn diese schließlich doch irgendwann ihr Ende erreicht hat, kann die Kleidung inklusive der Polygiene-Ausrüstung recycelt werden.

Aus all dem ergibt sich eine einfache aber wirkungsvolle Nachhaltigkeitsformel:

Weniger waschen = weniger Wasserverbrauch, weniger Reinigungsmittel, weniger Energieverbrauch + längere Produktlebensdauer + mehr freie Zeit + gespartes Geld!

Auf der Polygiene-Homepage ist das Ganze mit diversen Zahlen angereichert. Sogar für die Geld- und Zeiteinsparung sind Zahlen angegeben: so geht man pro Waschmaschinenladung von 28 Minuten Zeitaufwand und 1,34 US$ Kosten aus. Insgesamt geht man davon aus, dass der „ökologische Fußabdruck“ (Wasser- und Energieverbrauch; Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung) eines Kleidungsstücks zu etwa zwei Dritteln aus dem Waschen und Trocknen resultiert.

Zwar können durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen irgendwann doch minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese verbinden sich laut Patagonia rasch mit Sulfiden in der Umwelt zu chemisch stabilem, nicht löslichem Silbersulfid, welches lebende Organismen nicht beeinträchtigt. Die Silberionen werden also deaktiviert, sobald sie in einen natürlichen Wasserlauf gelangen. „Auf gleiche Weise werden sie auch im Wasser einer Kläranlage deaktiviert, sodass sie weder die bakteriellen und Bio-Stufen der Anlagen belasten noch das gereinigte Wasser oder den Klärschlamm.“ Ohnehin sind geringe Mengen an Silberchlorid und Silbersulfid auch auf natürliche Weise im Trinkwasser, Meerwasser und im Boden vorhanden.

Fazit

Polygiene ist ein Paradebeispiel für Outdoor-Technologie, die funktionalen Nutzen mit  Nachhaltigkeit vereint. Die Behandlung sorgt dafür, dass man sich in Sport- und Outdoorklamotten deutlich länger wohlfühlen kann. Das wiederum kann helfen, den Reinlichkeitsdrang des urbanen Lifestyles samt seiner teils absurden Komfortansprüche unten im Tal zu lassen, statt immer tiefer in die Berge einzuschleppen. In dem Falle würde Polygiene womöglich gar zu einer Eindämmung des Erschließungswahns beitragen, der ja manchmal ganz ähnlich wie die fiesen kleinen Stinkebazillen wuchert …

S.Café – Kaffee zum Anziehen

2. Mai 2019
Ausrüstung

Kaffee wird hier langsam aber sicher zum Kernthema. Zuerst gab es den langen Artikel über gepflegten Kaffeekonsum in der wilden Natur, dann kam die revolutionäre Schuh-Innovation zur Lösung des leidigen Problems der Kaffee-to-go-Flecken auf Sportschuhen. Und jetzt kommt auch noch ein Gewebe aus Kaffeesatz um die Ecke.

Aus Kaffeesatz? Ja, das ist technisch möglich und schafft sogar zusätzliche natürliche Funktionalitätsaspekte bei den so produzierten Klamotten. Da kommen natürlich Fragen auf: Kann man aus dem Zeug bei drohendem Bergtod durch Übermüdung noch ein rettendes Käffchen brühen? Lässt sich in S.Café Klamotten die Zukunft lesen? Nein, diese Funktionen bietet die Kaffeekleidung nicht. Was sie wirklich bietet, dazu gleich mehr, zunächst schauen wir uns die Idee und die Entstehung der Marke S.Café an.

Die Idee stammt natürlich aus Kalifornien oder Skandinavien, wie immer, wenn es um Funktionsklamotten geht. Oder etwa nicht? Nein, diesmal kommt die nerdige Outdoor-Innovation aus dem fernen Osten, genauer aus Taiwans Hauptstadt Taipeh.

Die Idee hinter dem Kaffeesatz-Material

Dass Kaffeesatz und etwa nicht Bananenschalen oder Teebeutel als neuer Textilschlager entdeckt wurde, lag wohl daran, dass Jason Chen, Geschäftsführer der Firma Singtex, und seine Frau Mei-hui ihren Geistesblitz in einer Kaffeebar hatten. Verwundert hatten sie eine ältere Dame beobachtet, die den Barista um den Kaffeesatz bat. Auf den fragenden Blick des Ehepaars hin erklärte der Barista, das Kaffeesatz gut sei, um Gerüche aus dem Kühlschrank zu entfernen. Die geruchshemmende Eigenschaft von Kaffeesatz war also schon bekannt.

Chens Frau soll daraufhin scherzhaft vorgeschlagen haben, dass er doch Kaffeereste in seine Textilien einbauen möge, um den Schweißgeruch nach seinen häufigen Marathon-Trainingseinlagen loszuwerden. Der Legende nach dachte Jason dann kurz nach, wandte sich an seine Frau und rief laut aus: „GOOD IDEA!“ Es war also Mei-huis Idee und Jasons Umsetzung, die hier geboren wurde.

Die Idee kam wie gerufen und wurde patentiert, bevor Chen überhaupt wusste, wie er den Kaffee ins Textil bringen will. Schon zuvor hatte Singtex öfter neue Verfahren und Fasern erfunden, wurde jedoch meist zügig von der Konkurrenz auf dem chinesischen Festland kopiert und preislich unterboten. Deshalb stand man kurz vor der Pleite und wollte diesen Fehler nun nicht mehr wiederholen.

Entstehungsgeschichte und Entwicklung

Chen trommelte eine Gruppe von Partnern zusammen und man begann, die Möglichkeiten der Einarbeitung von Kaffeesatz in Garn zu erforschen. Die Umsetzung der scheinbar einfachen Idee nahm vier Jahre Forschung und harte Arbeit in Anspruch. Im Jahr 2009 war es dann soweit und die Erfindung konnte unter dem Markennamen S.Café präsentiert werden.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und die Nachfrage nach S.Café stieg schnell. In Taipeh entstand ein ganzes Netz an Partnerschaften mit Starbucks und lokalen Cafés, um den gebrauchten Kaffeesatz systematisch einzusammeln. Mittlerweile ist ständig ein Tross von Fahrzeugen unterwegs, um tagtäglich etwa eine halbe Tonne Kaffeesatz im Großraum Taipeh einzusammeln. Der andere Rohstoff für das Textilmaterial – Polyester – wird ebenfalls aus in einem nachhaltigen Kreislauf aus größtenteils lokal eingesammelten Abfällen gewonnen: aus recycelten PET Flaschen.

Weitere Entwicklungen

Recht bald nach der Einführung 2009 hat Singtex Unterwäsche, Bettwäsche, Schuhe und eine wachsende Palette weiterer Produkte aus S.Café entwickelt. Hinzu kommen Modifikationen des Materials selbst, die unter Namen wie P4Dry und Mylithe mit neuen Konfigurationen von Polymeren und Kaffeeresten weitere spezielle Funktionen erreichen. So soll Mylithe durch eine “Luftstruktur”-Methode ein baumwollartiges Tragegefühl vermitteln, ohne die ursprünglichen Eigenschaften von S.Café einzubüßen.

Da Jason Chen ein findiger und umtriebiger Firmenpräsident ist, sollen natürlich auch weiterhin neue Anwendungsmöglichkeiten und Geschäftsfelder erschlossen werden. Die wachsende Verbreitung von S.Café wird dank ständig erweiterter, weltweiter Kooperationen mit immer mehr führenden Textilunternehmen wie Timberland, American Eagle, North Face und Puma zielstrebig vorangetrieben. Auf Kosten der Umwelt soll dieses Wachstum aber auch künftig nicht gehen, weshalb Singtex auch weiterhin hohe Standards garantierende Zertifizierungen wie Bluesign, Oekotex und Cradle-to-Cradle anstrebt.

Herstellung

Die ersten Herstellungsschritte finden in den Röstereien und Kaffeebars statt. Die Bohne muss nämlich nicht nur bei Temperaturen zwischen 160 und 220°C geröstet, sondern auch pulverisiert und gebrüht werden, um zusammen mit den Polymeren der alten PET-Flaschen den textilen Stoff zu formen.

Beim Rösten schwillt die Kaffeebohne an, was bedeutet, dass ihr Innenraum größer wird. Beim Brühen entfernt dann das heiße Wasser Materialien aus den so entstandenen Hohlräumen. Aus dem so „präparierten“ Kaffeesatzpulver wird dann der Extrakt gewonnen, der, bei niedrigen Temperaturen und hohem Druck in die Kunststoff-Filamente eingearbeitet und zu einem Garn geformt, die Eigenschaften der Ausgangsmaterialien verbindet.

Es bleiben zwar pro Filterportion nur etwa 2% nutzbarer Kaffee-Extrakt übrig, doch alles in allem klingt die Sache gar nicht mal so unergiebig. So reichen die Rückstände aus einer Tasse Kaffee laut Chen für etwa zwei bis drei T-Shirts.

Materialeigenschaften

Vor allem die Eigenschaften des Ausgangsmaterials Kaffeesatz kommen im Endprodukt gut zur Geltung. Die eben erwähnten Mikroporen absorbieren Gerüche, reflektieren die UV-Strahlung und trocknen doppelt so schnell wie Baumwolle. Feuchtigkeit wird bei S.Café-Gewebe kontinuierlich von der Haut auf die Außenseite transportiert, wo es sich über die Oberfläche verteilt und schnell verdunsten kann. Die Verdunstung trägt dazu bei, dass die Hauttemperatur im Vergleich zu herkömmlichen Stoffen um 1 bis 2°C abgekühlt wird – ein durchaus spürbarer Effekt.

Diese Eigenschaften im Zusammenspiel bewirken ein im Vergleich zu herkömmlichen Kunstfasern angenehmeres, natürlicheres Tragegefühl.

Da sich die Kaffeebestandteile im inneren der S. Café-Fasern befinden, braucht man sich um ein Nachlassen der Funktionalität nicht zu sorgen. Sie übersteht normale Maschinenwäsche problemlos und hält nicht weniger lang vor als andere funktionale Textileigenschaften.

All das macht S.Café nicht nur für Outdoor- und Sportbekleidung interessant, sondern auch für viele weitere Verwendungsbereiche bis hin zu alltäglichen Haushaltsartikeln.

Nachhaltigkeit

Natürlich hat Singtex um sein Vorzeigeprodukt eine Nachhaltigkeitsphilosophie gestrickt. Die ist allerdings kein künstliches PR-Produkt, sondern ein natürlicher Ausdruck des praktizierten Handelns. Der nachhaltige Kreislauf ist klar erkennbar: die eigentlich unnachhaltigen Auswirkungen der Kaffeetrinkkultur werden hier (teilweise) in einen nachhaltigen Kreislauf überführt. Aus den Abfällen eines globalen städtischen Lifestyles mit ständig wachsendem Kaffeekonsum wird ein nützliches Produkt gewonnen. Und es stellt sich heraus, dass in diesem Kreislauf noch viele weitere verborgene Produkte und Technologien auf ihre Entschlüsselung warten.

Zu diesem genial einfachen Konzept passt es bestens, dass Kleidungsstücke aus S.Café am Ende ihres Lebens kompostiert werden können. Wenn ihre Rückstände dann zum Anbau von Kaffee verwendet werden, wäre ein Lebenszyklus abgeschlossen.

Fazit

Die griffige Kurzformel für die Vermarktung von S.Café lautet: „Drink it, wear it“. Das ist einprägsam und fasst die Firmenphilosophie gut zusammen. Die Begeisterung fürs Kaffeetrinken ist hier auch verständlich, denn ohne all die fleißigen Trinker wäre der Kaffeesatz kein recycelter Abfall, sondern ein teurer Rohstoff.

Dennoch sollte man die Ermunterung zu (noch mehr) Kaffeekonsum vielleicht nicht allzu wörtlich nehmen. Auch so schon dürfte die „Leistungsgesellschaft“ mehr als genug vom Kaffee (an)getrieben sein und Singtex muss sicher keinen Mangel an Nachschub befürchten. Außerdem geht unsere persönliche Leistungskurve mit Koffein auf Dauer eher runter als rauf. Also, ruhig lieber öfter mal ein Schläfchen halten statt den nächsten doppelten Espresso zu kippen. Klar, leichter gesagt als getan, denn wir haben ja alle keine Zeit und sich einfach auszuruhen ist schon fast ein subversiver Akt. Aber ich schweife wohl gerade ab und bin nicht mehr beim Thema. Obwohl, es geht doch irgendwie um Kaffee, oder?

Klettertechnik Teil 4 – Stehen

23. April 2019
Tipps und Tricks

Obwohl beim normalen Gehen unbewusst ein Fuß vor den anderen gesetzt wird, zeigt sich an der Kletterwand ein anderes Bild. Der Blick geht nach oben zum nächstbesten Griff und die Beine werden blind gegen die Wand gesetzt, um schnellstmöglich hoch zu dem rettenden Griff zu gelangen. Dann kommt ein fortgeschrittener Kletterer, der mit einer scheinbar spielenden Leichtigkeit diese schwere Route meistert…

Diese scheinbare Eleganz ist zu einem großen Teil einer guten Fußtechnik zuzuschreiben. Doch kein Problem, eine gute Fußtechnik ist erlernbar und bringt schnellere Fortschritte als jedes Kraft- und Beweglichkeitstraining. In diesem Artikel lernst du ein paar kleine Tipps worauf du beim Treten achten kannst.

Präzise und bewusst Treten

Ein häufiger Tipp den man als Anfänger hört, ist das „leise Treten“. Was damit eigentlich gemeint ist, ist das präzise Treten. Wird ein Tritt bewusst gesetzt hört man fast nicht, dass da jemand klettert. Denn wer präzise tritt, tritt auch leise. Hier hilft es nach unten auf den Tritt zu schauen, bis der Fuß gesetzt ist. Es ist ein Vorteil zu wissen, dass man richtig steht, das gibt mehr Vertrauen in den Tritt.

Viele kleine Schritte führen zum Ziel

Der stete Tropfen höhlt den Stein, so soll es auch beim Treten sein.

Mit kleinen Schritten an der Wand sparst du mehr Kraft und bist in der Lage deinen Körperschwerpunkt durchgehend im Lot zu halten. Deshalb macht es Sinn, auch wenn zwei Tritte weiter der bessere Tritt ist, den kleinen Schlechten davor mitzubenutzen.

Auf was stehst du so?

Die Zehen haben ein vergleichbares sensorisches Gefühl wie unsere Finger. Auch wenn man drei bis fünf Millimeter Gummi zwischen Haut und Tritt ist. Für dieses Feedback spielt der große Zeh eine besondere Rolle.

Doch Anfänger machen sich dies nicht zu nutzen und stehen eher auf der Seite des Fußes. Das mindert nicht nur das sensorische Feedback, sondern auch die Bewegungsfreiheit auf dem Tritt. Dabei ist sie hilfreich, um den Körperschwerpunkt optimal zu platzieren. Versuche also auf dem vorderen Bereich deiner Kletterschuhe zu stehen. Das bringt dir nicht nur Trittgefühl und Bewegungsfreiheit, sondern auch ein paar Zentimeter mehr Reichweite, da du dich komplett aus der Wade herausdrücken kannst.

Spitze

Assymetrisch, Vorspannung und Downturn sind Kletterschuhkonstruktionen, die dabei helfen sollen mehr Druck auf die Spitze des Kletterschuhs zu bringen. Auf der Spitze macht agiler bei positionswechseln, da man den Fuß auf dem Tritt meist auch rotieren kann. In überhängendem Gelände erlaubt das Stehen auf der Spitze das aktive Ziehen aus den Beinen. Vor allem sehr kleine Tritte und Löcher können oft nur mit der Spitze gestanden werden. Somit ist das Stehen auf der Spitze eine Fertigkeit, die man von Anfang an lernen sollte.

Innenkante

Die Innenkante kann besonders in senkrechten und leicht geneigten Wänden helfen den Körperschwerpunkt nah an der Wand zu halten. Zusätzlich steht man biomechanisch optimal, auf dem großen Zeh. Da die Innenkante es aber nur wenig zulässt sich auf dem Tritt zu drehen, schränkt es den Bewegungsspielraum ein.

Außenkante

Die wahrscheinlich am wenigsten genutzte Kante des Kletterschuhs, kann angestellt werden um beim Eindrehen besser an die Wand zu kommen. Aber auch beim Durchkreuzen der Füße beim Weitertreten stellt man sich eher auf die Außenkante. Hier steht man auf der kleinen Zehe oder auf dem Kleinzehballen.

Abschüssige Tritte

Bei abschüssigen Tritten und Volumen hilft es die maximale Kontaktfläche von Sole und Tritt zu generieren. Damit das funktioniert, sollte möglichst frontal angestanden und die Ferse aktiv gesenkt werden. Dies ist eine gewöhnungsbedürftige Fußposition, aber mit etwas Übung gewinnt man schnell an Sicherheit.

Volumen

Das Stehen auf Volumen ist sehr spannend, oft vertraut man ihnen nicht so ganz. Um die Reibung zu verbessern gilt es mit aktiv gesenkter Ferse zu stehen. Damit die Körperposition optimal ist, hilft es das Volumen möglichst außen an der Kante zu treten.

Fußwechsel-Techniken

Bei Trittmangel kann es gut möglich sein, dass man viel lieber mit dem einen Fuß auf dem Tritt stehen würde, der gerade mit dem anderen Fuß belegt wird. Ein Fußwechsel kostet immer ein bisschen mehr Energie und Konzentration, aber ist das ein oder andere Mal die beste Option. PS: Achte bei Fußwechseln möglichst im langen Arm zu klettern (Artikel 1).

1. Nachrücken

Ist ein Tritt ausreichend groß, so setzt man von Beginn den ersten Fuß so, dass für den anderen Fuß noch etwas Platz bleibt. Wie im Beispiel wird der linke Fuß an die linke Kante des Trittes gesetzt. Dann wird der rechte Fuß daneben gesetzt und mit einer eleganten Drehbewegung des Linken wird für den Rechten etwas mehr Platz gemacht.

2. Umspringen

Diese Variante funktioniert am besten, wenn der Körperschwerpunkt über dem Standbein (im Bild links) liegt. Dann wird der rechte Fuß direkt über die Zehen des Linken gelegt und durch kurze Kraftübernahme durch die Hände ein schneller Wechsel vollzogen. Dabei wird der linke Fuß sehr schnell unter dem rechten Fuß herausgezogen und der rechte Fuß landet auf dem Tritt.

 

3. An der Wand zwischen stehen

Wenn relativ gute Griffe zur Verfügung stehen kann man auf elegante Weise die Wand mitbenutzen. Durch ein Zwischentreten an der Wand wird der Tritt für den anderen Fuß frei. Dabei muss man etwas höher an der Wand anstehen, damit der Fuß ausreichend Druck auf die Wand bringt. Während des Manövers hängt man primär an den Armen, bis der andere Fuß auf dem freigewordenen Tritt steht. Das ist in Überhängen natürlich deutlich anspruchsvoller als in der Geraden und setzt ein gutes Können voraus.

 

Wir hoffen, dir hat unsere Reihe zur Klettertechnik gefallen. Solltest du noch Fragen haben, stell‘ sie gerne in die Kommentare! Teil 1-3 kannst du hier nachlesen:

Klettertechnik Teil 1: Klettergrundlagen!

Klettertechnik Teil 2: Griffarten!

Klettertechnik Teil 3: Greifen!

Klettertechnik Teil 3 – Greifen

16. April 2019
Tipps und Tricks

Damit man weiß, wie man einen Griff optimal belasten kann, sollte genau hingeschaut werden. Denn mit ein bisschen Knobeln wird aus dem schwersten Sch**ßzug schnell eine schöne Bewegung und die verhasste Tour entpuppt sich als wahrer Schatz. Im letzten Teil habe ich dir gezeigt, welche Griffe in der Halle an die Wand geschraubt werden und in diesem Artikel lernst du, dass kleine Details einen großen Unterschied machen können. Enjoy!

Neigungswinkel von Griffen

Positiv

Sie lassen sich richtig gut festhalten, auch im Überhang! Da der Griff zur Wand neigt, lassen sich die Finger gut einhaken und es ist weniger Kraft nötig um sich festzuhalten.

Neutral

Wenn die Grifffläche senkrecht zur Wand hinausragt, lassen sich große Griffe am besten halb aufgestellt halten. Aber winzig kleine „Microleisten“ lassen sich nur mit voll aufgestellten Fingern halten.

Negativ

Wenn die Griffe von der Wand ab herabfallend sind, lassen sie sich meist nur mit hängenden Fingern halten. Was sie vor allem Abverlangen, ist ein gutes Körpergefühl. Denn wer aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich nicht festkrallen und fällt ab.

Belastungsrichtung von Griffen

Untergriff

Griffe, die nach unten hin offen sind, lassen sich nur gut Belasten, wenn der Körper in der richtigen Position ist. Der Untergriff sollte sich in etwa auf Höhe des Bauchnabels befinden. Höher, zwischen Bauch und Kopfhöhe ist ein wesentlich größerer Kraftaufwand nötig. In diesem Fall sollte man schnellstmöglich auf einen Tritt hochstehen, um sich besser auszurichten. Liegt der Griff noch höher, über Kopfhöhe, lassen sich nur wenige Untergriffe gut halten.

Seitgriff

Seitgriffe lassen sich am besten nutzen, wenn man sich, wie in den Beispielen, zur Griff abgewandten Seite positioniert. Tipp: Eindrehen hilft ;)

Gaston

Ein besonderer Seitgriff, bei dem man über die Schulter zieht, ist der Gaston. Damit er richtig belastet werden kann, muss ein passender Tritt vorhanden sein. Wie im Beispiel zu sehen ist, ist das der Tritt links, so kann der rechte Arm den Körper kontrolliert nach rechts drücken.

Pressen!

In Verschneidungen hilft es sich in die Ecke zu pressen, indem man einen Gegendruck zwischen Händen und/oder Füßen erzeugt.

Bigger = Better?

Prinzipiell unterscheiden sich die Griffarten in ihrem Neigungswinkel, ihrer Größe und Ausrichtung. Dabei bedeutet größer nicht immer besser! So klein ein Griff auch sein mag, wenn man mal genauer hinschaut können sich kleine Unterschiede in ihrer Struktur ergeben.

Versuche doch einfach beim nächsten Hallenbesuch die Griffe etwas genauer zu inspizieren und zu ertasten. Es kann auch mal gut möglich sein, dass du einen kleineren Griff nimmst, um diesen über eine andere Körperposition auf einem anderen Tritt besser zu belasten, als den Großen. Mehr dazu in den folgenden Artikeln.

Klettertechnik Teil 2 – Griffarten

11. April 2019
Tipps und Tricks

Für jemand, der noch nie geklettert ist, zeigt der Blick an die künstliche Kletterwand eine Reihe scheinbar zufällig gesetzter Griffe und Tritte. Ein geübter Blick hingegen sieht viele verschiedene Kletterrouten und Bewegungen. In gleicher Weise erkennt ein Fortgeschrittener schneller, wie ein Klettergriff optimal gegriffen werden sollte und welche Körperposition am besten dazu passt. Dieser und der nächste Artikel sollen dir dabei helfen, deinen Blick für Griffe zu verbessern.

Griffformen

Henkel und Taschen

Für den Anfänger ist er der Lieblingsgriff. Aber in schweren Routen verschwindet er schnell oder ist nur im Überhang zu finden.

Auch wenn Henkel dazu verlocken sich mit purer Kraft an ihnen hochzuziehen, wird diese „Technik“ langfristig zur Frustration führen. Denn mit Klimmzügen kommt man spätestens am Felsen und in den schweren Touren nicht weit. Dann wird es wichtiger mit der richtigen Klettertechnik zu steigen. Deshalb sollte man die senkrechten und leicht überhängenden Henkelrouten in der Halle zum Erlernen der Grundlagen nutzen. Denn wenn das Niveau steigt und Henkel nur noch eine gute Ausruhposition darstellen, ist eine gute Klettertechnik hilfreicher als pure Kraft.

Leisten

Eine erste größere Hürde stellen die kleinen Leisten dar, auf die nur ein bis zwei Fingerglieder passen. Wenn man von Natur aus eine gute Fingerkraft hat, sind sie kein Problem. Da aber Ringbandverletzungen in den Fingern eine der häufigsten Verletzungen im Sportklettern ist, sind Leisten immer mit Vorsicht zu „genießen“. Denn je nach Fingerstellung bedeuten Leisten eine hohe Last auf die Fingerstrukturen.

Durch eine passende Ausrichtung reduziert sich die Verletzungsgefahr, dabei unterscheidet man drei Arten:

  • voll aufgestellte
  • halb aufgestellte
  • hängende Finger

Die schonendste aber technisch anspruchsvollste Variante ist es mit hängenden Fingern zu klettern. Wegen des kleinen Belastungswinkels muss der Körper besser positioniert werden. Deshalb nutzen die meisten Kletterer eher halb oder voll aufgestellte Finger beim Klettern. Mit diesen kann, aufgrund des größeren Belastungswinkels, über einen weiteren Bewegungsraum aktiv an den Griffen gezogen werden (siehe Bilder). Bei voll aufgestellten Fingern unterstützt der Daumen zusätzlich, doch diese Fingerstellung bedeutet gleichzeitig die höchste Last auf den Ringbändern.

In Bezug auf die Verletzungsvorsorge ist es also sinnvoller, mit hängenden Fingern zu klettern. Trotz allem ist das volle Aufstellen der Finger Teil des Kletterns und lässt sich bei winzig kleinen Leisten nicht vermeiden. Wie du die Finger langfristig auf die Belastungen beim Klettern vorbereitest, erfährst du im Artikel zur Fingerkraft.

Fingerloch

Schlanke Finger haben hier meistens einen Vorteil. Denn eine Besonderheit der Fingerlöcher ist ihre Größe, sie bestimmt wie viele Finger man „hineinstopfen“ kann.

Doch wie bei Leisten besteht eine hohe Verletzungsgefahr, weshalb bei Löchern auch auf die Fingerstellung zu achten ist. Zusätzlich bedeuten Löcher mit scharfen Kanten eine höhere Belastung auf die Ringbänder. Zu den häufigsten gehören Zwei-Finger-Löcher, welche Finger du bei diesen nutzt, ist im Prinzip nicht so wichtig. Denn muskulär besteht kein Unterschied zwischen der Kombination von Ring- und Mittelfinger zu Zeige- und Mittelfinger. Aufgrund anatomischer Unterschiede der Fingerlängen ist eine der Varianten angenehmer.

Aufleger (Sloper)

Diese großen glatten Griffe sollten am besten mit der gesamten Handfläche gehalten werden. Denn hier geht es um Haftreibung und diese ist abhängig von Anpressdruck und Kontaktfläche. Manche Sloper haben auch kleine Erhebungen, die sich wie Leisten halten lassen.

Einer der wichtigsten Faktoren bei Slopern ist die Zugrichtung (siehe Artikel 1). In leichteren Routen findet sich meistens direkt unter dem Griff ein Tritt, damit man schön unter den Griff „tauchen“ kann (wie in Bild 2). Anspruchsvolle Routen fordern etwas mehr Technik und Kraft, hier ist es häufig nötig einen Gegenzug mit einem anderen Körperteil zu erzeugen (Wie in Bild 1).

Volumen

Dem Sloper gar nicht so unähnlich und aufgrund ihrer Größe lassen sie sich oft auch wie im ersten Bild stützen. Wer sich unter dem Volumen befindet, hat es etwas kniffliger. Am besten halten lassen sie sich, wenn die Fingergelenke genau an der Kante des Volumens ansetzen.

Stützer

An Griffen muss man nicht immer nur Ziehen, es kann auch helfen sich mit dem Handballen zu stützen. Wenn ein guter Griff in einer weniger abdrängenden Wand vorhanden ist, kann man die Handfläche gegen die Wand pressen, um einen Fuß zu entlasten.

Zange (Pinch)

Zuschrauben angesagt! Durch den Daumen als Gegenspieler kann zusätzlich Druck auf Zangen ausgeübt werden. Breite Zangen sind je nach Handgröße mehr oder weniger schwer zu halten. Außerdem sollte man auf ihre Ausrichtung achten, denn sie könnten sich auch als Leiste halten lassen.

Affengriff (Knubbel und Kanten)

Draußen kaum vorhanden, aber in der Halle doch recht häufig, sind Griffe die wie ein Knubbel aus der Wand herausragen. Hier kann man den gesamten Handballen auflegen und so die Fingermuskulatur entlasten.

Was kommt noch?

In diesem Artikel hast du die verschiedenen Griffarten kennengelernt. Doch auch innerhalb der einzelnen Arten gibt es kleine aber feine Unterschiede, die im Projekt zwischen Erfolg und Misserfolg entscheidend sein können. Diese lernst du im nächsten Artikel kennen.

Bis dahin viel Spaß beim Bouldern und Klettern!

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