Alle Beiträge zum Schlagwort ‘Bouldern’

Mit Kids am Klettersteig – Tipps für Ausrüstung und Begehung

7. Januar 2022
Tipps und Tricks

Eltern, die ihre Kinder bereits in den ersten Lebensjahren ganz selbstverständlich ans Wandern und Klettern gewöhnen, sind beim Thema „Klettersteig mit Kindern“ oft etwas verunsichert. Ähnlich, wie beim Laufen und Wandern, ist Klettern für die meisten Kinder ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess. Ob auf dem Klettergerüst oder an einer kleinen Kletterwand auf dem Spielplatz – beim Klettern können Kinder ihr Feingefühl und ihre Kraft langsam trainieren und so nach und nach steigern. In Boulder- und Kletterhallen finden Eltern oft spezielle Bereiche, um den Nachwuchs spielerisch an das Thema Klettern heranzuführen.

Klettersteige sind dagegen in vielerlei Hinsicht anspruchsvoller. In der Regel sind Klettersteige für Erwachsene konzipiert. Dementsprechend wird oft eine bestimmte Reichweite und natürlich auch eine gewisse Kraft und Ausdauer beim Klettern vorausgesetzt. Anders, als beim Bouldern und Sportklettern in der Halle, ist Abspringen oder Fallenlassen keine Option. Insofern verlangt das Begehen von Klettersteigen auch eine gewisse geistige Reife, Mut und Verantwortungsbewusstsein.

Wichtige Handgriffe im Hochseilgarten trainieren

Um erste Erfahrungen zu sammeln und Kinder auf die Herausforderungen am Klettersteig vorzubereiten, eignen sich entweder einfache Kletterrouten in der Kletterhalle oder Hochseilgärten. Je nach Hochseilgarten gibt es oft leichtere Routen, die speziell für Kinder konzipiert sind und bereits mit einer Körpergröße von ca. 130 cm bzw. einem Alter von ca. 6 Jahren bestens zu klettern sind. Dabei lernen die Kids spielerisch den Umgang mit Klettergurt, Kletterhelm und Karabiner. Auch die wichtigsten Handgriffe und Grundregeln im Umgang mit dem Klettermaterial sind prinzipiell gleich im Hochseilgarten und am Klettersteig. Manche Hochseilgärten und Abenteuerspielplätze ermöglichen sogar Kindern ab 4 Jahren den Einstieg in die Welt aus Bäumen, Plattformen und Drahtseilen – natürlich sehr nahe am Boden und nur mit ständiger Begleitung und Aufsicht.

Die passende Klettersteigausrüstung für Kinder

Klettergurt für Kids

Ganz egal, ob Kletterhalle, Klettersteig oder Hochseilgarten, Kinder benötigen eine passende Ausrüstung die zuverlässige Sicherheit bietet. Ein gewöhnlicher Hüftgurt ist vor allem für kleinere Kinder beim Klettern nicht ausreichend. Da der Körperschwerpunkt bei Kindern stärker in Richtung Kopf liegt, steigt auch das Risiko umzukippen. Im schlimmsten Fall könnten Kinder in einer solchen Situation aus dem Hüftgurt rutschen.

Deshalb sollten Eltern entweder direkt einen Komplettgurt für Kinder oder eine Kombination aus Hüftgurt und zusätzlichem Brustgurt wählen. Besonders für kleinere Kinder ist ein Kombigurt ideal, denn er ist gut gepolstert, lässt sich super einstellen und verfügt in der Regel über eine hoch angesetzte Einbindeschlaufe. Dadurch sind die Kindergurte nicht nur sicher, sondern auch sehr bequem und bewegungsfreundlich.

Größere Kinder und Jugendliche wechseln später oft zum klassischen Hüftgurt. Ab etwa 40 kg Körpergewicht macht diese Überlegung Sinn. Andererseits schätzen auch viele Erwachsene Komfort und Sicherheit von zusätzlichen Brustgurten am Klettersteig.

Kletterhelm für Kids

Leichte Kletterhelme sind auch in Kindergrößen erhältlich und stehen den Modellen für Erwachsene in keiner Weise nach. Wichtig ist, dass der Helm richtig eingestellt wird und dann sicher und gerade auf dem Kopf sitzt. Ein gepolsterter Kinnriemen erhöht dabei den Tragekomfort. Auf jeden Fall darf der Helm nicht zu fest gezogen werden, denn sonst stellt sich schnell Frust bei den jungen Kletterern ein. Andererseits darf der Helm aber auch nicht so locker eingestellt sein, dass er seitlich oder nach hinten wegrutscht.

Für die ersten Versuche muss auch nicht unbedingt ein neuer Kinderkletterhelm angeschafft werden. Ein gut sitzender Skatehelm oder Scooterhelm mit fester Außenschale eignet sich ebenfalls für den Einstieg (ist in der Regel aber schwerer als ein Kletterhelm).

Klettersteigset für Kids

Moderne Klettersteigsets verfügen meistens über elastische Arme, zwei große Karabiner und einen Fangstoßdämpfer bzw. Bandfalldämpfer. Klettersteigsets nach der EN 958:2011 sind für ein Körpergewicht von 80 kg konzipiert und getestet. Die neuere Prüfnorm EN 958:2017 gibt dagegen 40 kg als Minimalgewicht an. Kleinere Kinder und auch viele größere Kinder liegen jedoch teilweise deutlich unter dieser Gewichtsgrenze.

Bei dieser Prüfnorm geht es jedoch primär um das kontrollierte Aufreißen des Bandfalldämpfers. Das bedeutet, wenn ein zu leichtes Kind im Klettersteig stürzt und dabei so weit fällt, dass der Bandfalldämpfer eigentlich auslösen sollte, reißt dieser entweder gar nicht oder nur teilweise aus. Dementsprechend wird dabei der Sturz kaum oder sogar gar nicht durch den Dämpfer abgebremst. Gute Lösungen für dieses Problem bietet beispielsweise Kletterspezialist Skylotec. Das progressiv arbeitende Skylotec Klettersteigset, ist auch für leichtere Kinder sehr gut geeignet.

Ein unkontrollierter Sturz im Klettersteig ist in jedem Fall sehr gefährlich. Ob Kind, Erwachsener, 20 kg oder 90 kg – die Gefahr von Stürzen sollte durch entsprechendes Risikomanagement und zusätzliche Sicherung mit einem extra Kletterseil unbedingt minimiert werden.

Deshalb zeichnet sich ein Klettersteigset für Kinder nicht nur durch Normen und Bandfalldämpfer aus, sondern durch Klettersteigarme in passender Länge und Karabiner, die Kinder sicher greifen und bedienen können.

Klettersteighandschuhe und Kletterbekleidung für Kinder

Handschuhe sind am Via Ferrata Drahtseil Pflicht, um sich vor Verletzungen zu schützen und jederzeit guten Grip zu haben. Lederhandschuhe ohne Fingerkuppen werden meistens favorisiert, da sie gleichzeitig für das nötige Feingefühl in den Fingerspitzen sorgen. Kinder können sich aber zunächst auch mit gut sitzenden Fahrradhandschuhen behelfen.

Stabile Schuhe sind natürlich ebenfalls unverzichtbar. Am besten knöchelhoch und mit einer griffigen Sohle. Verstärkungen im Zehenbereich sorgen für eine bessere Haltbarkeit.

Ansonsten sollte die Kleidung natürlich bequem, bewegungsfreundlich und an Wetter und Temperatur angepasst sein. Eine einigermaßen robuste Outdoorhose wäre sicherlich auch kein Fehler.

Auf geht’s zum Klettersteig

Mit dem richtigen Maß an Vorbereitung, Motivation und der passenden Klettersteigausrüstung steht dem ersten Klettersteig mit den Kids fast nichts mehr im Weg.

Eltern (oder eben Großeltern, Onkel, Tanten, Betreuungspersonen, etc.) sollten jedoch besonders sorgfältig bei der Auswahl der möglichen Klettersteige prüfen und folgende Überlegungen dabei mit einbeziehen:

Wie leicht / schwierig ist der Klettersteig?

Immer beachten, dass die Angaben im Klettersteigführer sich auf Erwachsene beziehen. Am besten eine bekannte Tour machen, oder den Klettersteig vorher ohne Kinder „zur Probe“ machen. Dabei auch ein Augenmerk auf Greifbarkeit und Erreichbarkeit der Griffe, Seile und Leitern für die Kids haben. Im Idealfall verläuft ein einfacher Klettersteig für Kids mit vielen Quergängen, schrägen Passagen und ohne vertikale Abschnitte. So lässt sich ein schwerer Sturz am besten vermeiden und der Fun-Faktor überwiegt den Kraftakt. Manche Klettersteige können auch nur in einzelnen Sektionen teilweise begangen werden. In jedem Fall sollte klar sein, welche Ausstiegs- und Rückzugsmöglichkeiten aus dem Klettersteig vorhanden sind und ob diese mit den Kindern begehbar sind. Für Kinder ist ein Steig im Schwierigkeitsgrad A/B als Einstieg vollkommen ausreichend.

Ist der Klettersteig durchgehend gesichert?

Ist der Klettersteig nicht durchgehend mit Drahtseilen gesichert, sollte auf jeden Fall mit dem Kletterseil (ein 20 m langes Halbseil mit 8 mm Durchmesser reicht) nachgesichert werden. Das gilt auch für vertikale Passagen und Teilstücke, auf denen eine erhöhte Sturzgefahr besteht.

Wie lange dauert die Tour?

Lieber klein anfangen. Ein Klettersteig, der mit 1 h angegeben ist, reicht als erste Herausforderung absolut. Die Steigerungen können dann folgen.

Passt das Wetter?

Weder zu heiß, noch zu kalt, noch zu windig. Und natürlich kein Regenwetter.

Fazit

Generell ist es nicht empfehlenswert als einzelner Erwachsener mit mehreren Kindern einen Klettersteig zu begehen – selbst wenn diese schon ihre ersten Via Ferrata Erfahrungen gesammelt haben. Zur Nachsicherung und für Notfälle ist es besser, wenn pro Kind auch mindestens ein erwachsener Kletterer dabei ist und den Nachwuchs entsprechend sichert und unterstützt.

Ein konkretes Mindestalter für Kinder, um einen Klettersteig zu begeben, gibt es nicht. Dafür sind eher die körperliche Konstitution und die eigene Motivation ausschlaggebend. Viele Kinder sind mit ca. 10 Jahren so groß und kräftig, dass sie sich an die ersten Klettersteige wagen können. Natürlich nur unter dem wachsamen Auge eines routinierten Kletterers, der immer schaut, ob Karabiner richtig eingehängt werden und Tipps zu kraftsparendem und sicherem Steigen geben kann. Manche Kids sind bereits mit 6 Jahren so groß und fit, dass sie sich bereits auf die ersten Klettersteige wagen können. Alle Anderen dürfen sich so lange im Hochseilgarten und Klettergarten ihren physischen und psychischen Herausforderungen stellen.

Blumen der Alpen – Eine bunte Vielfalt

22. Dezember 2021
Die Bergfreunde

Keine Frage, Berge sind was Tolles und dort zu Wandern oder zu Klettern ist einfach nur beeindruckend. Aber steile Wände, schroffer Fels und hohe Gipfel wären nur halb so schön, wenn es dazu nicht auch eine großartige Flora und Fauna gäbe.

In den Alpen gibt es rund 2500 verschiedene Pflanzenarten, die die unterschiedlichsten Gebirgsregionen besiedeln.
Genau aus diesem Grund haben wir uns überlegt, dass wir euch mit diesem Beitrag einmal die faszinierende Pflanzenwelt der Alpen näherbringen wollen. Konkret: Die Blumen der Alpen.

Und ja, zur Pflanzenwelt gehören nicht nur Blumen, sondern auch Bäume, Moose, Gras und dergleichen. Aber das ist nun mal um mit Fontane zu sprechen, ein weites Feld. Wir werden daher in diesem Artikel immer mal wieder zwischen der Flora im Allgemeinen und den Alpenblumen im Besonderen hin und her springen. So, genug geschwafelt! Los geht der wilde Ritt!

Die Alpenflora

Vereinfacht gesagt, zählt man zur Alpenflora alle Pflanzenarten, die in den Alpen oberhalb der Baumgrenze vorkommen. Je nach Gebiet kann es aber auch sein, dass eine oder mehrere Pflanzenarten nicht nur oberhalb der Baumgrenze, sondern vereinzelt auch in Tallagen zu finden sind. In diesem Fall werden auch die Pflanzen, deren Verbreitung sich bis in die Täler erstreckt zur Alpenflora gezählt.

Besonders ist dabei, dass die Flora der Alpen sehr unterschiedlich ist. Während sich manche Pflanzen über nahezu den ganzen Alpenraum verbreitet haben, gibt es aber auch verschiedene Arten, die nur in einzelnen Gebieten vorkommen. Auch bestehen die Alpen aus regional unterschiedlichen Gesteinsarten und Bodenzusammensetzungen, was wiederum das Wachstum einzelner Pflanzen begünstigt oder beeinträchtigt.

Ganz allgemein gesprochen ist die Alpenflora sehr vielfältig und setzt sich aus unzähligen ganz unterschiedlichen Pflanzenarten zusammen. Schaut man sich hierzu einmal die Entstehungsgeschichte an, wird schnell klar, warum das so ist.

Wir reisen also kurze 60 Millionen Jahre zurück: Ganz Gallien ist von den Römern besetzt (ääh, sorry, falscher Text …). In ganz Mitteleuropa herrscht ein subtropisches und feuchtes Klima. In ganz Europa? Ja! In ganz Europa und auch im kleinen gallischen Dorf! In dieser Zeit entsteht durch das günstige Klima ein weitestgehend immergrüner Bewuchs, der sich vor allem durch seinen großen Artenreichtum auszeichnet.

Im jungen Tertiär begann jedoch die Auffaltung der Alpen, in Verbindung mit einer signifikanten Klimaverschlechterung. Dies wiederum bewirkte, dass viele Tropengewächse verdrängt wurden und nur kleinwüchsige verwandte Arten, wie beispielsweise die Hauswurzen zurückgeblieben sind. Diese Verdrängung machte aber auch Platz für andere Arten, deren Besiedlung des Alpenraums nach heutigem Kenntnisstand auf drei unterschiedlichen Wegen erfolgt ist:

  • eingewanderte Tieflandgewächsen, die sich an die neuen Bedingungen angepasst haben
  • zugewanderte Pflanzen aus Gebieten mit ähnlichen klimatischen Bedingungen
  • Pflanzen aus dem Mittelmeerraum, die sich an die Gegebenheiten im Alpenraum angepasst haben

Darüber hinaus hat die einsetzende Eiszeit die Alpenflora und die Verbreitung der einzelnen Arten stark beeinflusst. Auch heute noch herrschen im alpinen Bereich ganz besondere Bedingungen, an die sich die unterschiedlichen Pflanzenarten angepasst haben.

Vegetationsperiode und Schnee

Je nach Höhenlage ist die Vegetationsperiode in den Alpen vergleichsweise kurz. Ab einer Höhe von 2000 Metern geht man von ca. 2 Monaten aus, über 3000 Metern sinkt diese Zeit bereits auf wenige Wochen, was wiederum eine besondere Anpassung der Pflanzen erfordert um den Fortbestand der Arten zu sichern. Ein weiterer Faktor, der die Pflanzen maßgeblich beeinflusst, ist die Auswirkung von Schnee.

Im Hochgebirge ist die Mächtigkeit und Dauer der Schneebedeckung stark unterschiedlich und erfordert ebenfalls eine gute Anpassung der Pflanzen. Die kurze Vegetationszeit führt beispielsweise zu einem sehr langsamen Wuchs und auch die Wuchsform ist überwiegend gedrungen. Außerdem haben zahlreiche Pflanzen besondere Strategien entwickelt, die ihnen in der knapp bemessenen Vegetationszeit eine schnelle Vermehrung ermöglichen.

Klimatische Bedingungen und Wasserversorgung

In den Alpen können die klimatischen Verhältnisse sehr unterschiedlich ausfallen. So ist beispielsweise die UV-Strahlung in großen Höhen stärker als in Tallagen. Auch die Niederschlagsmenge ist unterschiedlich ausgeprägt. Wenngleich der gesamte Alpenraum als Gebiet mit überdurchschnittlich hoher Wasserversorgung gilt, bekommen beispielsweise die Nord- und Westseite der Alpen deutlich mehr Niederschläge ab, als die Gebiete im Süden und Osten.

Auch Faktoren wie Wind oder Temperaturschwankungen, häufig auch innerhalb eines Tages, haben einen starken Einfluss auf die Pflanzenwelt. Daher ist es nur wenig verwunderlich, dass sich die Pflanzen an diese Bedingungen angepasst haben und beispielsweise durch bestimmte Wuchsformen (z. B. Polsterwuchs, gedrungener Wuchs) oder auch durch eine „Behaarung“ oder wachsartige Überzüge den klimatischen Bedingungen in ihrem Verbreitungsgebiet trotzen können.

Typische Blumen der Alpen

Wie bereits erwähnt, gibt es in den Alpen circa 2500 Pflanzenarten. Darunter auch zahlreiche Blumen, die je nach Jahreszeit durch ihre teilweise farbenfrohen Blüten auffallen. Alle Pflanzen, die in den Höhenlagen der Alpen vorkommen, haben sich an ihr Umfeld angepasst und verfügen teilweise über besondere Eigenschaften, die ihnen ein Überleben sichern. Aber schauen wir uns das doch einmal an ein paar ganz konkreten Beispielen an.

Das Edelweiß

Das Alpen-Edelweiß (Leontopodium nivale subsp. alpinum) kommt nicht nur im Alpenraum vor, sondern auch in zahlreichen anderen Gebieten, wie beispielsweise den Pyrenäen oder den Karpaten. Klassischerweise findet man das Edelweiß in Höhenlagen von ca. 1800 bis 3000 Metern. Es besiedelt dabei alpine Grasflächen ebenso wie entlegenere, felsige Gebiete. Das Edelweiß ist keine eigentliche Steilwandpflanze, wenngleich uns das Film und Fernsehen gerne glauben lassen.

Wer einmal ein Edelweiß genauer betrachtet hat, dem wird sicherlich das filzartige Aussehen einzelner Blätter aufgefallen sein. Diese Härchen sind ein gutes Beispiel für die Anpassungen an die Bedingungen im Hochgebirge. Sie sorgen nämlich dafür, dass die Pflanze gut vor UV-Strahlung geschützt ist und auch in warmen Trockenperioden nicht austrocknet. Außerdem wird das Edelweiß oft als Symbol für die Alpen verwendet. Wenn ihr darüber mehr erfahren wollt, dann können wir euch auf jeden Fall unseren Blogbeitrag über das Edelweiß empfehlen.

Der Enzian

Den einen Enzian gibt es nicht, dafür aber zahlreiche unterschiedliche Enzianarten, die nahezu weltweit verbreitet sind. In den Alpen sind davon rund 35 zu finden. Ein typischer Vertreter dieser Gruppe ist der Alpen-Enzian (Gentiana alpina), der vor allem im Westen und Südwesten der mittleren Alpen in Höhenlagen von 2000 bis 2600 Metern vorkommt. Er besiedelt bevorzugt kalkarme Böden und wächst beispielsweise auf steinigen Grasflächen und Magerwiesen.

Auch der Enzian hat sich perfekt an seine Umgebung angepasst, das zeigt sich beispielsweise in der geringen Wuchshöhe von nur rund 8 cm. Auch der Enzian ist ein viel verwendetes Symbol im Alpenraum. Er ist beispielsweise auf österreichischen 1-Cent-Münzen zu finden, aber auch auf dem schweizerischen Fünffrankenstück, er ziert die Verpackung von Butter und Senf und leiht zahlreichen Pensionen und Hotels seinen Namen.

Das Alpenveilchen

Bei deutschen Omas ist das Alpenveilchen als Zimmerpflanze sehr beliebt. Dabei kommt dieser, aus heimischen Wohnzimmern sehr bekannte Vertreter, nicht einmal aus den Alpen, sondern aus Vorderasien. Es klingt paradox aber wenngleich die Pflanzengattung der Alpenveilchen zahlreiche Arten umfasst, kommt lediglich das Europäische Alpenveilchen (Cyclamen purpurascens) in den Alpen vor. Es besiedelt nahezu den gesamten Alpenraum und man findet es sowohl in Tallagen, als auch in Höhen von bis zu 2000 Metern.

Das Europäische Alpenveilchen wird je nach Standort 5-15 Zentimeter hoch und kann auch kalte und schneereiche Winter durch die im Boden liegende, scheibenförmige Knolle problemlos überdauern. Auch rauere Bedingungen sind für die Knolle kein Problem, sie kann auch ohne Wasser oder Erde austreiben und kann sich durch kurze Ausläufer vermehren. In der Regel Blühen Alpenveilchen im Zeitraum von Juni bis September, die Bestäubung erfolgt durch Insekten wie Hummeln oder Selbstbestäubung.

Krokusse

Auch der Krokus ist keine endemische Alpenpflanze. Im Alpenraum sind daher vor allem der Alpen-Krokus (Crocus albiflorus) und der Garten- oder Frühlings-Safran (Crocus vernus) zu finden. Auch Krokusse werden nicht besonders groß, je nach Art kommt eine Pflanze im Alpenraum auf gerade mal 5 bis 15 Zentimeter Wuchshöhe.

Der Krokus verfügt ebenfalls über eine Knolle zur Überdauerung der Zeit außerhalb der Vegetationsperiode. Außerdem bietet er ein weiteres gutes Beispiel für die Anpassung an die besonderen Bedingungen im Hochgebirge: Die Laubblätter des Krokus sind vorne verdickt und laufen spitz zu. Dies hilft der Pflanze beim Austreiben im Frühjahr, da sie so die Schneedecke besser durchstoßen kann.

Naturschutz und Gefährdungslage

Trotz der hohen Pflanzenvielfalt in den Alpen sind zahlreiche Arten stark gefährdet. Dies hat unterschiedliche Gründe, ist aber auf Faktoren wie übermäßige Bewirtschaftung des Lebensraums der Pflanzen, Massentourismus und gewerbsmäßiges Pflücken zurückzuführen.

Kurz und gut: Wer die Pflanzen schützen will, muss auch deren Lebensraum schützen. Hierzu gibt es in den Alpen zahlreiche Naturschutzgebiete, Biotope und Nationalparks, die den Lebensraum seltener Arten Schützen sollen. Außerdem bestehen für stark gefährdete Pflanzen je nach Region oder Land allgemeine Pflückverbote.

Ein Grundstein dazu legt die Alpenkonvention. Hierbei handelt es sich um einen internationalen Staatsvertrag aller Alpenländer. Die Alpenkonvention gibt es sein 1991, sie definiert in mehreren Protokollen die gemeinsamen Ziele, Leitlinien und Grundsätze der Alpenländer zur Einhaltung hoher Naturschutzstandards, zum Klimaschutz und zur Förderung eines sanften Tourismus.

Die Nationalparks der Alpen

In den Alpen gibt es insgesamt 13 Nationalparks, die sich auf die Länder Deutschland (1), Schweiz (1), Slowenien (1), Frankreich (3), Österreich (3) und Italien (4) verteilen. Alle Nationalparks dienen in erster Linie dem Naturschutz, setzen diesen aber unterschiedlich um und verfolgen dabei auch unterschiedliche Ziele. Während beispielsweise der Nationalpark Vanoise im Jahr 1963 vornehmlich dazu gegründet wurde das Aussterben des Alpensteinbocks zu verhindern wird im Nationalpark Berchtesgaden versucht im Kerngebiet einen möglichst ursprünglichen und naturnahen Lebensraum für eine breite Vielfalt an Pflanzen und Tieren zu erhalten.

Der Nationalpark Berchtesgaden ist der einzige deutsche Nationalpark in den Alpen. Dieser liegt in den nördlichen Kalkalpen, an der Grenze zwischen dem Südosten Bayerns und Österreich. Die wichtigste Aufgabe dieses Nationalparks ist der Naturschutz. In einem Großteil des Kerngebiets wird daher die Natur sich selbst überlassen und nicht eingegriffen, was wiederum die Ansiedlung und Festigung des Bestands von (bedrohten) Tieren und Pflanzen begünstigt. Zusätzlich hat der Nationalpark Berchtesgaden aber auch verbindliche Verhaltensregeln für Besucher festgelegt, die unter anderem das Pflücken bedrohter Pflanzen untersagt und die Besucher auffordert auf den Wegen zu bleiben.

Der Schutz gefährdeter Pflanzenarten im Alpenraum

Neben dem allgemeinen Schutz einzelner Gebiete gibt es aber auch Maßnahmen, einzelne Pflanzen gezielt zu schützen. Ein gutes Beispiel liefert uns dazu einmal mehr das Edelweiß. Denn das Edelweiß ist in bestimmten Teilen der Alpen stark gefährdet. Das liegt unter anderem daran, dass die Bestände der ohnehin schon seltenen Pflanze durch übermäßiges Pflücken in der Vergangenheit stark zurückgegangen sind.

Daher wurde das Edelweiß in einzelnen Alpenländern bereits früh unter Naturschutz gestellt und das Pflücken verboten. Auch gibt es Gebiete, in denen die Pflanzen in der Blütezeit von Organisationen wie der Bergwacht bewacht werden bzw. wurden, sodass das illegale Pflücken stark eingedämmt werden konnte.

Verhaltensregeln zum Schutz der Natur

Ist man in den Bergen unterwegs sollte man sich auch so verhalten, dass die Natur durch den Besuch nicht oder nur so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Hierzu haben mehrere Bergsportverbände und Naturschutzorganisationen Vorgaben und Verhaltensregeln aufgestellt. Eigentlich sollten die allermeisten Punkte dieser Liste selbstverständlich sein. Ich habe euch aber trotzdem die wichtigsten Regeln, die zum Schutz der Pflanzenwelt dienen, nochmals zusammengetragen.

  • Keinen Müll in die Landschaft werfen. Generell gilt das ohnehin überall, nicht nur in den Alpen. Aber gerade in entlegenen Gebieten hat Müll wirklich gar nichts zu suchen. Hierzu gehören übrigens auch Zigarettenstummel und organische Abfälle, die schlecht verrotten, beispielsweise Orangenschalen.
  • Keine Pflanzen pflücken. In den Alpen gibt es zahlreiche geschützte Pflanzenarten, hier gilt klipp und klar Finger weg! Aber auch Pflanzen, die nicht direkt unter Naturschutz stehen, sollte man lieber in Ruhe lassen, denn nur so wird die Natur dauerhaft geschont.
  • Auf den Wegen bleiben. Gerade auf viel begangenen Routen oder in beliebten Gebieten lautet die Devise: Immer auf den Wegen bleiben, nicht abkürzen. Der Grund dafür ist einfach: Wer querfeldein läuft stört nicht nur Tiere, sondern zertrampelt auch Pflanzen und trägt zu Bodenerosion bei.

Was lernen wir also daraus?

Die Pflanzenwelt der Alpen ist so vielfältig und anpassungsfähig, wie fragil und gefährdet. Deshalb ist es wichtig, die Alpenflora gezielt zu schützen und die Einwirkungen der Bewirtschaftung und des Tourismus so gering wie möglich zu halten. Wer sich also auch in Zukunft noch an Enzian, Edelweiß und Co. erfreuen will, sollte sich unbedingt an die geltenden Naturschutzbestimmungen halten und die Finger von den Pflanzen lassen. Denn nur so kann sie auch der nächste Bergsteiger noch dort genießen, wo die Blumen am schönsten sind. In der freien Natur!

Das Edelweiß – Zwischen Naturschönheit und Alpenkitsch

13. Dezember 2021
Die Bergfreunde

Das Edelweiß ist sicherlich der Kingpin unter den Pflanzen der Alpen. Ich meine, glaubt man Film, Fernsehen, der Literatur und Musik, sowie zahlreichen Symbolen und Logos gibt es als einzig wahre Pflanze der Berge neben dem Enzian eigentlich nur noch das Edelweiß.

„So when you really love me Darling bring me Edelweiss“

Beispielsweise in alten Heimatfilmen. Wie oft zieht es dort irgendeinen Jüngling in Kniebundhose und mit Tirolerhut hinauf in die hohen, gewaltigen Berge um irgendwo auf kargem Fels ein einsam blühendes Edelweiß für seine Angebetete zu pflücken. Zuvor hat er gar nichts zu melden und wird von der weiblichen Dorfjugend nicht einmal angeschaut. Kaum steht er mit der geklauten Floristik auf der Matte, siehts da schon ganz anders aus. Auf einmal ist er der große Held, wird von allen akzeptiert und heiratet das schönste Mädchen des Ortes. Oder so ähnlich zumindest…

Nichts desto trotz: Das Edelweiß ist nicht einfach nur eine Alpenblume, sondern auch ein viel verwendetes Symbol. Aber warum ist das denn eigentlich so und was macht diese Pflanze so besonders?

„I better start climbing for the dopest flower on the top of the mountain.“

Legen wir also los und fragen ganz naiv:

Gibt es das Edelweiß denn überhaupt?

Überraschung: Nein. Alles frei erfunden, reine Imagination und Kitsch. Kleiner Spaß… Aber DAS Edelweiß gibt es wirklich nicht. Es gibt vielmehr zahlreiche unterschiedliche Edelweißarten, die zusammen eine eigene Pflanzengattung bilden. Der bei uns bekannteste Vertreter dieser Gattung dürfte allerdings das Alpen-Edelweiß sein.

Alpen-Edelweiß (Leontopodium nivale)

  • Gattung: Edelweiß (Leontopodium)
  • Familie: Korbblütler (Asteraceae)
  • Ordnung: Asternartige (Asterales)
  • Wuchstyp: Staude
  • Wuchshöhe: 15-20 cm
  • Blütenfarbe: weiß
  • Blattfarbe: grün
  • Verbreitungsraum: überwiegend Alpen, Karpaten, Jura
  • Standort: Alpenwiesen, aber auch entlegenes, felsiges Gebiet

„I know what you want, they don’t grow on the ground“

Das Alpen-Edelweiß ist entgegen vieler, teilweise romantischer Annahmen keine explizite Steilfelspflanze. Der ursprüngliche Verbreitungsraum sind karge Wiesen, gelegentlich besiedelt das Alpen-Edelweiß aber auch Felsbänder. Durch das Bewirtschaften von Almwiesen, aber auch durch das übermäßige Pflücken wurde es in Teilen der Alpen stark in entlegeneres, teilweise felsiges Gebiet zurückgedrängt.

Die sich daraus ergebende Verbreitungs- und Gefährdungslage ist im Alpenraum sehr unterschiedlich. Während das Alpen-Edelweiß in Deutschland als stark gefährdet gilt, hat sich der Bestand in Österreich und der Schweiz stabilisiert. Im Alpenraum ist das Pflücken außerdem flächendeckend per Gesetz verboten. Also Finger weg!

Das Edelweiß als Symbol

„We’re picking the one and only flower that shows love“

Das Edelweiß ist mehr als nur eine schöne Pflanze. Es ist neben dem Enzian, gefühlt, das Symbol für alles, was in irgendeiner Form mit der Bergwelt der Alpen zu tun hat. Darüber hinaus steht es auch für die Schönheit der Berge, Anmut und Heldentum.

Wappen

Wenngleich das Edelweiß in der klassischen Heraldik keine große Bedeutung hat. Kommt es dennoch auf einigen Wappen vor. In der Regel als einzelne Blüte. Die Verwendung dieser Wappenfigur zieht sich dabei durch den kompletten Alpenraum und ist beispielsweise im Stadtwappen von Chamonix und im Wappen des Landkreises Sonthofen zu finden.

Symbol für Vereine und Vereinigungen

Die zumindest in Bergsportkreisen berühmtesten Vertreter dürften hier sicherlich die großen Bergsportverbände DAV (Deutscher Alpenverein), ÖAV (Österreichischer Alpenverein) und AVS (Alpenverein Südtirol) darstellen. Aber auch kleinere oder unbekanntere Verbände wie beispielsweise einzelne Ortsgruppen der Naturfreunde oder der CAR (Clubul Alpin Român), also der rumänische Alpenverein tragen das Edelweiß in ihrem Logo.

Firmenlogo oder Name

Auch zahlreiche Firmen und Unternehmen tragen das Edelweiß als Symbol. Dies ist nicht nur im Bergsportbereich wie beispielsweise bei Gentic oder Edelweiss der Fall, sondern zieht sich durch zahlreiche Branchen. So trägt beispielsweise die schweizer Fluggeselleschaft „Edelweiss Air“ (übrigens eine Tochtergesellschaft der Lufthansa) die Blume sowohl im Namen, als auch im Logo.

In Österreich vertreibt darüber hinaus die Brau Union Österreich zahlreiche Biersorten unter der Marke Edelweiss, die die Pflanze jedoch nicht im Logo trägt. Aber auch bei kleineren Firmen, Hotels, Pensionen, Restaurants und sogar Zahnärzten ist das Edelweiß ein gerne genommenes Symbol.

Außerdem…

Wer schon einmal in einem typischen Souveniershop in den Alpen oder auch nur in Alpennähe war, der wird das kennen. Es gibt nichts, wirklich nichts, wo man ein Edelweiß nicht aufdrucken kann. T-Shirts, Halstücher und Regenschirme sind da nur der Anfang. Aber auch beispielsweise für Schmuck wie Ohrringe oder Halsketten wird die typische Form gerne verwendet. Außerdem ziert es Trachtenkleidung und dies und das und jenes.

Sogar die Kaiserin Sissi wird auf Gemälden mit mehreren Edelweißen im Haar dargestellt. Damit einher gehen auch zahlreiche romantische Erzählungen und Mythen, die vor allem zu Zeiten der kaiserlichen und königlichen Monarchie entstanden sind. Und das bringt uns gleich zu unserem nächsten Punkt:

Verwendung in Musik, Film und Literatur

„As you look into my eyes, so we can show it with Edelweiss.“

Bis heute ist das Edelweiß ein Symbol, das gerade in Filmen oder auch der Musik von Volksliedern über Neue Deutsche Welle bis hin zu Après-Ski-Hits immer mal wieder auftaucht. Schauen wir uns das also einmal genauer an:

Musik

Von Volksmusik bis Rocksong, das Edelweiß kommt in zahlreichen Liedern vor. Wollt ihr ein paar Beispiele? Die Mutigen unter euch können die Titel gerne nachhören… Gut, ich habe euch gewarnt. Hier kommt die volle Dröhnung:

  • Frl. Menke – Hohe Berge
    „Ich brauch‘ den Auerhahn, die Gams, das Reh, Bergweltidylle und ewigen Schnee,
    Natur, ganz pur, ganz nah am Himmel. Und so brech‘ ich mir das Edelweiß, dann kauf ich mir ein Eis.“
  • Hansi Hinterseer – Ein kleines Edelweiß
    „Ein kleines Edelweiß, das bringst du mir dann mit. Wenn du von deinen Bergen wieder heimwärts ziehst“
  • Ithilien – Edelweiss
    „I lost my home seeking something rare forgotten to be wise you’re my Edelweiss“
  • Edelweiss – Bring me Edelweiss
    „So when you really love me Darling bring me Edelweiss“ aber das kennt Ihr ja bereits…

Film und Literatur

Gerade im Genre Heimat- und Bergfilm ist das Edelweiß viel und oft vertreten und sowohl im Titel, als auch in der Handlung immer wieder zu finden. Aber auch Kriegsfilme, Thriller und Krimis tragen das Edelweiß gerne mal im Titel. Auch hierzu habe ich Beispiele für euch:

  • Der Edelweißkönig. Es gibt insgesamt vier Filme mit dem Titel „Der Edelweißkönig“ hierbei handelt es sich jeweils um die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Ludwig Ganghofer. Alle Filme sind im Bereich des Heimatfilms bzw. Dramas angesiedelt und entstanden in den Jahren 1919, 1939, 1957 und 1975.
  • Unternehmen Edelweiss. Hierbei handelt es sich sowohl um den Decknamen einer deutschen Militäroffensive in der Sowjetunion im Rahmen des Zweiten Weltkriegs als auch um den Namen eines deutschen Kriegsfilms aus dem Jahr 1954. Der Film behandelt jedoch den Deutschen Einmarsch in Norwegen, der in der Realität den Decknamen „Unternehmen Weserübung“ hatte.
  • Aber auch in Filmen, die das Edelweiß nicht im Namen tragen, spielt die Pflanze nicht ganz selten eine wichtige Rolle. Beispielsweise im Film „Sissi – Die junge Kaiserin“ aber auch in amerikanischen Produktionen wie „The Sound of Music“.

Losgelöst von Filmen taucht das Edelweiß auch in der Literatur vermehrt auf. Im gesamten Alpenraum gibt es beispielsweise zahlreiche Erzählungen, die sich mit der Pflanze befassen und auch in vielen Heimatromanen kommt das Edelweiß nicht ganz selten vor. Darüber hinaus greifen aber auch vergleichsweise moderne Alpenkrimis Themen rund um das Edelweiß immer wieder gerne auf.

To cut a long story short…

„Last night the Förster saved my life!“

Ihr seht also, das Edelweiß ist zumindest im erweiterten Alpenraum und allem was irgendwie darauf Bezug nimmt omnipräsent. Als Symbol für das Alpine, Heimat und die Schönheit der Natur kommt es in zahlreichen Liedern, Logos und Geschichten vor.

In der Natur selbst gilt es jedoch vielerorts als gefährdet und erhält daher besonderen Schutz. Der Angebeteten ein Edelweiß zu besorgen ist daher vielleicht nicht die allerbeste Idee. Steile Felswände und entlegene Gipfel müsst ihr dazu auch nicht aufsuchen, a) weil die Pflanze dort nicht wächst und b) weil ihr euch sicherlich mit dem Naturschutz anlegt.

Wenn ihr aber trotzdem ein Edelweiß euer Eigen nennen oder vielleicht verschenken möchtet, dann schaut doch mal in einer gut sortierten Gärtnerei nach. Die verkaufen nämlich mitunter auch Edelweißpflanzen und die könnt ihr dann, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, bei euch in den Steingarten pflanzen.

In diesem Sinn: „Da Hosnträgr is ma abgrissn!“. Ich bin dann mal raus und wir alle wissen jetzt viel besser über das Alpen-Edelweiß Bescheid.

GRAT RAUS – Der Bergfreunde Outdoor-Podcast

14. Januar 2022
Die Bergfreunde

„Und, auf welchem Gipfel warst du am Wochenende?“ Eine typische Frage, an einem Montagmorgen an der Bergfreunde Kaffeemaschine. Und weil bei solchen Gesprächen immer spannende Stories rauskommen dachten wir uns: Warum lassen wir euch nicht an unseren Geschichten teilhaben? Denn Outdoor heißt für uns: Leidenschaft und Erlebnisse mit Freunden teilen. Voila: Der Bergfreunde Outdoor-Podcast war geboren.

Alle zwei Wochen quatschen Bergfreundin Hannah und Bergfreund Jörn im Podcast mit Kolleginnen und Kollegen und anderen Outdoor-Enthusiasten. Bergsteiger, Kletterer, Trailrunner, Wanderer, Camper – gemeinsam haben sie alle: Sie sind am liebsten draußen.

Im Podcast erzählen sie unverblümt und gerade heraus von echten Outdoor-Erlebnissen und spannenden Touren. Sie berichten davon, was sie antreibt und teilen ihre Outdoor-Erfahrungen und Tipps mit dir.

Folge 1: Fun Facts und Nähkästchen-Plauderei über die Bergfreunde

Wer sind die Bergfreunde eigentlich? Ein Online Shop für Outdoor-Produkte aller Art – so viel ist klar. Aber eigentlich noch so viel mehr. Ein bunter Haufen an Outdoor-Begeisterten zum Beispiel.

Zum Podcast-Auftakt plaudern unsere Hosts Hannah und Jörn in Folge 1 ein wenig aus dem Nähkästchen und verraten so manch gut gehütete Geheimnisse aus dem Bergfreunde Kosmos. Mit dabei sind auch weitere Bergfreundinnen und Bergfreunde, die euch hinter die Kulissen blicken lassen. In Folge 1 erfährst Du unter anderem, wer alles hinter den Bergfreunden steckt, welche Geschichte Bergfreunde mit der Marke Crocs verbindet und was wir mit einer WG-Couch in Hamburg zu tun haben.

Viel Spaß beim Reinhören!

GRAT RAUS gibt’s bei Spotify,Youtube, Apple Podcasts und Google Podcasts.

Die Bergfreunde Playlist auf Spotify

Alle Gäste bei GRAT RAUS werden nach ihrem Lieblings Outdoor-Soundtrack gefragt. Die bunte Bergfreunde Playlist füllt sich also bei jeder Folge mit neuen Songs. Du findest die Playlist auf Spotify.

Weitere Podcast-Folgen:

  • Folge 2: Wie läuft es sich über die Alpen?

    • In Folge zwei unseres Outdoor-Podcasts sind Bergfreundin Sandra und Bergfreundin Christa zu Gast. Beide haben zu Fuß die Alpen überquert und zwar auf derselben Route – auf dem anspruchsvollen L1. Sie waren jedoch nicht zusammen unterwegs, sondern jeweils mit einem weiteren Bergfreund. Bei GRAT RAUS erzählen sie, was ihnen am L1 besonders gut gefallen hat, wie sie ihre Alpenüberquerung geplant haben und so einige Anekdoten vom gemeinsamen Unterwegssein. Hier geht’s zur Folge 2.
  • Folge 3: Bestzeit vs. Genuss – Passt das zusammen?

    • Trailrunning & Genusswandern – zwei ganz eigene Arten die Berge zu entdecken. Jede hat auf ihre Art ihren Reiz. Doch sind die Bergerfahrungen wirklich so unterschiedlich? Geht das am Ende vielleicht sogar irgendwie zusammen? Im Podcast unterhalten sich unsere Hosts Hannah und Jörn mit Melli und Johannes über Geschwindigkeit und Genuss, über die Motivation in die Berge zu gehen, über Qual und Faszination. Hier geht’s zur Folge 3
  • Folge 4: Mentale Stärke beim Klettern – Gehört Angst mit dazu?

    • Welche Rolle spielt Angst beim Klettern? Bergfreundin Cora und Bergfreund Mischa sind an der Wand bzw. am Fels zu Hause. Aber auch als erfahrene Kletterer sind sie nicht frei von Ängsten. Im Podcast sprechen sie darüber, welche Ängste sie begleiten und wie sie damit umgehen. Sie erzählen von brenzligen Situationen und wie diese sie auch abseits des Klettersports prägen. Hier geht’s zur Folge 4

Du hast Fragen?

Du hast Fragen, Anmerkungen oder Themen-Wünsche für den Podcast? Dann gerne her damit! Schreib uns eine Mail an: podcast@bergfreunde.de

Kinder beim Klettern – Eine Kinderärztin im Interview

26. Januar 2022
Tipps und Tricks

Klettern und Bouldern sind absolute Fun-Sportarten. Ob beim Kindergeburtstag, in der Ferienfreizeit oder mal kurz zum Schnuppern am Samstagvormittag. Die Sportarten lassen sich entspannt ausprobieren. Für Eltern, die selbst klettern, ist es oft eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihre Kinder mitnehmen und auch vom Sport begeistern möchten. Doch was ist wichtig, wenn ich mit Kindern in die Halle oder am Fels klettern gehen möchte? Wie können Kinder und Jugendliche vom Klettersport profitieren?

Ein Interview mit Sportkletterin und Kinderärztin Isabelle Schöffl

Wir haben für euch mit Isabelle Schöffl gesprochen. Sie ist langjährige Kletterin, selbst Mutter von zwei Kindern und zusammen mit ihrem Mann Volker Schöffl und ihren Kindern auf der ganzen Welt unterwegs. Als Ärztin arbeitet sie am Uniklinikum Erlangen in der Kinderkardiologie. Auch an zahlreichen Studien in der Klettermedizin war und ist sie beteiligt.

Der Kletter- und Bouldersport hat bei vielen Kindern und Jugendlichen einen großen Fun-Faktor. Eignet sich der Klettersport als regelmäßige Sportart?

Mir ist wichtig, dass Kinder überhaupt Sport machen. Der Sport muss immer so sein, dass auch Kinder bereit sind den Sport zu tun. Klettersport ist einfach attraktiv, da Kinder ihn gerne machen.

Boulder- und Klettersport stellt Anforderungen an Kinder, die die kindliche Entwicklung besonders unterstützen. Welche Bereiche werden gefördert?

Klettersport ist ein klarer Ganzkörpersport. Er trainiert Fitness und Motorik gleichzeitig. Durch den intellektuellen und psychischen Aspekt fördert der Sport das Übernehmen von Verantwortung und lässt Kinder die Selbstwirksamkeit deutlich spüren. Klare Regeln, wie man sie von Kampfsportarten kennt, sind im Klettersport nahezu selbsterklärend. Der Klettersport macht diese Regeln fast ein bisschen natürlich – sie werden klar, wenn man sagt: Du darfst das Seil am anderen Ende festhalten, wenn Du aufpasst, dass der andere nicht runterfällt.

In anderen Ländern ist der Klettersport auch an Schulen etabliert. Wäre Kletter- oder Bouldersport auch an Schulen in Deutschland denkbar?

Die Bestimmungen und Regeln im deutschen Schulsystem sind gefühlt immer strenger als im Rest der Welt. Ich fände es super, wenn Klettern sich an deutschen Schulen etablieren würde. Doch wissen wir auch, dass das Schwimmen seit Jahren immer weniger wird. Es braucht hierzulande speziell ausgebildete Lehrkräfte, damit das Klettern in Schulen durchgeführt werden könnte. Da wäre es mir wichtiger, sie lernen schwimmen, denn das ist überlebenswichtig.

In deutschen Kletter- und Boulderhallen gibt es eine Menge an Angeboten für Kinder und Jugendliche. Was ist wichtig beim ersten Besuch in der Halle?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Kinder Spaß haben. In deutschen Boulderhallen braucht man keine Einweisung, um mit den eigenen Kindern dort klettern zu gehen. Die objektiven Gefahren sind daher vielen gar nicht bewusst. Ich finde es auch schwierig Personen das Bewusstsein für bestimmte Sicherheitsaspekte zu geben, wenn sie nicht wissen auf was sie sich vorbereiten müssen oder vom Klettern nichts verstehen.

Es gibt viele Personen, die kritisieren, dass die Aufklärung über Sicherheitsaspekte vor allem in Boulderhallen fehlt. Wie können hier die Betreiber noch nachbessern?

Vielleicht müssen einfach noch mehr Schilder angebracht und noch bildlichere Erklärungen verfasst werden, die jeder, der die Halle besucht unterschreibt und sie so aufbereitet auch versteht. Es gibt genug Erwachsene, die in Kletterhallen Mist bauen. Da habe ich mir abgewöhnt einzuschreiten, aber wenn Kinder gefährdet werden, dann sage ich schon etwas.

Was können Betreuer*innen oder auch die Hallenbetreiber zur Sicherheit der Kinder beitragen?

Ganz wichtig ist für mich die Kinder auszubilden und nicht immer die Verantwortung an die übergeordnete Person abzugeben. Auch als Kinderärztin bin ich jemand, der propagiert die Kinder mit ins Boot zu holen und offen mit ihnen über ihre eigenen Grenzen zu sprechen.

Ein 10-jähriges Kind kann in der Halle schon Verantwortung übernehmen und versteht, was es heißt nicht unter Bouldern durchzulaufen. Ein 4-jähriges Kind versteht das noch nicht und hat es auch direkt wieder vergessen. In dem Fall müssen die Eltern die Verantwortung übernehmen. Ich kann Eltern verstehen, die auch mal Klettern wollen, aber das ist eine klare Kindsgefährdung, wenn man sein Kind durch die Boulder laufen lässt. Da wünsche ich mir auch, dass Kletterhallenbetreiber rechtliche Unterstützung bekommen, um eventuell gegen Unvernunft vorgehen zu können.

In deutschen Hallen können alle Klettertrainer auch Kurse für Kinder und Jugendliche leiten. Sollten die Trainer*innen nicht differenzierter ausgebildet werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Trainerinnen und Trainer, die mit Kindern und Jugendlichen auf Leistungsniveau klettern, sich auch mit den medizinischen Aspekten befassen. Viele haben eine klare Vorbildfunktion und damit auch Verantwortung. Wenn Kinder sehen, dass sie immer hart trainieren, wollen sie das auch. Nur bei Kindern kann falsches Training zu Spätfolgen führen. Wir raten auch davon ab, dass Kinder und Jugendliche das Campusboard nutzen. Da hängen mittlerweile Schilder, dass es verboten ist.

Wann sollten Trainer*innen besonders aufmerksam sein?

Vor allem in der Pubertät ist es wichtig, dass Trainerinnen und Trainer ihrer Rolle bewusst sind. Magersucht, sonderbare Essverhalten, chronische Überlastungen – das sind alles Schäden, die ein Leben lang bleiben können. Ich werde hellhörig, wenn Kinder und Jugendliche plötzlich gar kein Bock mehr auf das Klettern haben.

Ab wann können Kinder andere Kinder und Erwachsene sichern? Lässt sich das am Alter der Kinder bestimmen?

Das ist von der persönlichen Entwicklung des Kindes abhängig. Es gibt auch Erwachsene, von denen man sich nicht sichern lassen möchte. Meine Kinder sichern sich gegenseitig. Wir lassen uns von unseren Kindern sichern, nur dann ist auch klar, dass wir eine entspannte Route klettern und natürlich mit einem Ohm.

Wie erfahren sollten Eltern oder Betreuer*innen sein, wenn sie mit Kindern und Jugendlichen größere Touren planen?

Vielleicht ist das der beste Rat: Wenn ich mit mir selbst ausreichend beschäftigt bin, sollte ich nicht noch Kinder mitnehmen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Geschenkidee gesucht? – Hier kommt Inspiration

2. Dezember 2021
Kaufberatung

Weihnachten naht und Stoic-Socken hast Du schon letztes Jahr verschenkt? Kein Problem, wir haben noch einiges im Petto worüber sich Deine Liebsten freuen werden. Hier ist für jeden etwas dabei.

Zugegeben, nicht jeder kann einfach neue Schuhe, Zelte, Kletter– oder Skiausrüstung aussuchen, die den Vorstellungen und Ansprüchen des anderen entsprechen, aber wir haben noch eine Menge anderer Artikel im Sortiment, mit denen Du nichts falsch machst.

1. Für kleine und große Frostbeulen

Sind wir mal ehrlich: Jeder von uns friert doch im Winter! Unter Mützen, Stirnbändern, Schals und Handschuhen findet sich für jeden das passende Teil.

2. Ich packe meinen Koffer …

… und nehme alles mit, was ich für einen erholsamen Schlaf unterwegs benötige! Dazu gehören, neben dem klassischen Duo aus Schlafsack und Isomatte, das Cocoon Eye Shades Set, ein gemütliches Kissen und die RUMPL Printed Sherpa Fleece-Decke.

3. Immer frisch

Ob in der Natur, auf großen Reisen oder bei einer spontanen Übernachtung bei dem besten Freund / der besten Freundin – den EVOC Wash Pouch 2,5 Kulturbeutel kannst Du mit allen wichtigen Utensilien befüllen: mit der Vaude Dento Fresh Box mit Zahnbürste und Zahnpasta, einer Stück- oder Flüssigseife und einem Hautpflegeprodukt. Falls Du Dich für die Sea to Summit Pocket Shower Campingdusche entscheidest, dann vervollständigt ein praktisches Mikrofaserhandtuch das Set. Die sind nämlich super leicht und klein im Gepäck.

4. Das „wir schenken uns dieses Jahr nichts“-Geschenk

Wer kennt es nicht? Am Ende schenkt Ihr Euch ja doch wieder etwas. Wie wäre es dieses Jahr mit einem T-Shirt oder Longsleeve aus Merinowolle? Merinowolle hat tolle natürliche Eigenschaften: sie ist atmungsaktiv, temperaturregulierend und hemmt unangenehme Gerüche. Das bietet sich sowohl bei sportlichen Aktivitäten als auch im Arbeitsalltag an.

Das ist nicht das Richtige? Wenn Du etwas Handfestes brauchst, dann schau doch mal bei unseren Multi-Tools. Damit fällt das Outdoor-Handwerk besonders leicht.

5. Auch an unsere vierbeinigen Freunde haben wir gedacht

Natürlich dürfen unsere treuen Begleiter nicht zu kurz kommen. Hast Du in unserem Shop schonmal ausgecheckt, welche Auswahl wir an Hundebedarf haben? Ein Blick auf Halsbänder, Leinen, Mäntel, Schuhe, Decken und weiteres Zubehör lohnt sich.

6. Liebe geht durch den Magen

Wir wissen, Kleidung und Ausrüstung sind Geschmackssache! Deshalb haben wir eine Reihe an Hauptgerichten im Sortiment, die sicher jedem schmecken. Diese können einfach unterwegs mit dem Campingkocher zubereitet und mit Campinggeschirr und -besteck in der Natur genossen werden.

Und ob als Dessert, Snack oder für den Kraftschub zwischendurch bieten sich Energieriegel wunderbar an.

Meine persönliche Empfehlung: Die Energieriegel von Cliff Bars. (Die esse ich zugegebenermaßen aber nicht nur Outdoor, sondern auch während ich für Euch im Büro diesen Text schreibe.)

7. Wenn jetzt Sommer wär…

… dann würde ich in meiner Stoic Hängematte liegen. Wusstest Du, dass wir viele Hängematten mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis im Sortiment haben? Darüber freut sich doch wirklich jeder, egal ob klein oder groß!

Falls Dir der Sommer doch noch zu weit weg sein sollte bietet warme, lange Unterwäsche einen entsprechenden Komfortfaktor.

8. Der altbewährte Gutschein

Bist Du doch nicht fündig geworden oder noch unsicher? Mit dem Bergfreunde-Gutschein machst Du sicher nichts falsch. Das weihnachtliche Motiv lässt Herzen höher schlagen und Augen leuchten. Der Gutschein ist unbegrenzt gültig, wird aber vermutlich spätestens vor dem nächsten Outdoor-Urlaub eingelöst.

Alles neu?! Lead, Bouldern und Speed bei den Olympischen Spielen

5. August 2021
Die Bergfreunde

Das Sportklettern ist erstmalig eine olympische Disziplin. Die Covid-19 Pandemie hat vieles verschoben. Endlich haben die Qualifications stattgefunden. Wir haben für euch mit den Team-Ärzten Chris Lutter und Volker Schöffl gesprochen. Sie geben Einblick in die Situation in Tokyo, spannende sportmedizinische Erkenntnisse und einen Ausblick auf das heutige Finale. Das Gespräch wurde am 04.08.2021 geführt.

Wie ist es jetzt nicht vor Ort bei den Athleten dabei zu sein?

Chris Lutter: Es ist so, dass nur eine kleine Delegation geflogen ist. Coaches, DAV-Vertreter und Physiotherapeuten sind vor Ort. Wir bekommen viel über verschiedene Kanäle mit. Für Olympia ist es allerdings auch nicht ungewöhnlich, dass bei kleineren Teams kein eigener Arzt dabei ist. Manchmal ist es für die Athleten psychisch gut, wenn sie wissen, der Doc ist vor Ort. Doch in der Regel sind viele Ärzte anderer Sportarten da, die auch helfen können.

Wie haben sich Alexander Megos und Jan Hojer vor Ort vorbereitet?

Volker Schöffl: Das deutsche Team war viel früher da als viele andere Teams. Wir sind mit zehn Tagen Vorlauf angekommen. So hatten die Athleten eine gute Anpassungszeit, konnten trainieren und sind nicht in den Wettkampf reingestolpert. Dazu muss man sagen, dass wir auch eine Affinität zu Japan haben und oft in zehn oder 14-tägigen Trainingslagern in Japan sind. Die Hallen vor Ort sind sehr gut. Das hat sicherlich auch bei der Entscheidung mit reingespielt so frühzeitig anzureisen.

Chris Lutter: Ich denke auch, dass unser Team gut vorbereitet war und sich so auch gut an die Temperaturen gewöhnen konnte.

Die Hitze in Japan ist eine andere als in Deutschland. Die feuchte Luft und hohe Temperaturen wurden vielfach thematisiert. Haben die Temperaturen auch Einfluss auf den Wettkampf gehabt?

Volker Schöffl: Es ist ja in dem Fall für alle Athleten gleich. Alle müssen schauen, wie sie unter den Bedingungen zurechtkommen. Durchaus wird ja bei solchen Temperaturen auch draußen am Fels geklettert. Ernsthafte Probleme gibt es beim Sportklettern nicht. Speziell bei Alex Megos muss man ein bisschen schauen, da er eine sensible Haut hat, die natürlich durch den Sport und die Temperaturen mehr strapaziert wird.

Chris Lutter: Es ist schon lustig, zu beobachten wie unterschiedlich mit dem Temperaturmanagement umgegangen wird. Manche Teams haben sich Eiswesten- oder Hüte einfallen lassen, andere Pools. Ich denke auch, dass Klettern jetzt keine Sportart ist, bei der diese Bedingungen eine sehr extreme oder belastende Situation für den Körper darstellen.

Eine Verletzung hat die Qualifikation überschattet. Bassa Mawem hat sich den Bizeps abgerissen. Eigentlich ist das jetzt nicht so eine typische Kletterverletzung, oder?

Chris Lutter: Normalerweise passiert so eine Verletzung bei unvorhergesehener maximaler Kraftentwicklung. Natürlich ist es hier so, dass Bassa Mawem vor allem ein Speed-Kletterer ist und er viel auf Maximal- und Schnellkraft trainiert. Bei ihm ist nach unserer Beurteilung der Videoaufnahme die Bizepssehne im Ellenbogenbereich abgerissen; das haben wir sonst eher selten im Klettersport.

Doch durch das enorme Trainingsvolumen, das die beiden Brüder an den Tag legen, kann so eine Verletzung durchaus passieren. Es ist etwa so wie bei den 100 m Sprintern, die auch bei der langjährigen maximalen Belastungssteigerung früher oder später Muskelteilrisse, Muskelbündelrisse oder Muskelfaserrisse bekommen können. Teilweise ist es eben aber auch der Sehnenapparat der die enormen Belastungen nicht aushält und es hier zu Verletzungen kommt.

Führt das Combined-Format nicht auch eher zu Verletzungen? Die Athletinnen und Athleten müssen ja doch in Disziplinen antreten, die sonst nicht ihre Schwerpunkte sind.

Chris Lutter: Das können wir nur mutmaßen, da wir ja noch keine Daten haben. Natürlich haben wir Sportmediziner auch im Vorfeld gesagt, dass die Athletinnen und Athleten ein viel höheres Trainingsvolumen haben werden und zudem mehr und anders trainieren müssen – und das nicht nur in ihrem Spezialgebiet. Es kann sein, dass das durchaus einen Einfluss auf das Verletzungsrisiko hat.

Parallel zu den Olympischen Spielen hat das sportmedizinische Symposium „Olympic academic programme on sport medicine & sport physiotherapy“ stattgefunden. Am Montag habt ihr virtuell zusammen mit Carrie Cooper und Tomoyuki Rokkaku über charakteristische Verletzungen im Klettersport gesprochen. Welche aktuellen Erkenntnisse habt ihr vorgestellt?

Chris Lutter: Wir haben unsere aktuellsten Ergebnisse präsentiert. In einer Studie haben wir nur Leistungssport-Athleten einbezogen und untersucht, welche typischen Verletzungen auftreten. Da ist auffällig, dass diese abweichen von den Verletzungen der Hobby- und Freizeitkletterer. Beispielweise gibt es fast keine Frakturen, wie die klassische Fraktur des Sprunggelenks oder Wirbelbrüche bei Anfängern. Auch treten bei Athleten häufiger überlastungsbedingte Sehnenscheidverletzungen auf, sogar häufiger als die klassische Ringbandverletzung. Auch bei den Schulterverletzungen sind es vielmehr schulternahe-Bizepssehnenverletzungen anstatt des klassischen Impeachment-Syndroms.

Darüber hinaus war es auch sehr spannend im Austausch mit dem japanischen Wettkampfarzt Tomoyuki Rokkaku zu kommen. Rokkaku hat über Wachstumsfugenverletzungen gesprochen und da andere OP-Verfahren und Behandlungsmethoden vorgestellt.

In anderen Ländern spielt die Physiotherapie in der Sportmedizin wissenschaftlich eine große Rolle. Carrie Cooper ist da eine der Führendsten in der kletterspezifischen Physiotherapie. Hat Deutschland Nachholbedarf?

Chris Lutter: Momentan sind es vor allem Physiotherapeuten aus dem amerikanischen und britischen Raum, die viel publizieren. Doch auch hier in Deutschland gibt es sicherlich den ein oder anderen, der sich auch wissenschaftlich mit dem Sportklettern auseinandersetzt.

Volker Schöffl: Das Konzept bei uns ist ein ganz anderes als beispielweise in Amerika, Kanada oder Skandinavien. Dort ist Physiotherapie kein Lehrberuf, sondern wird genauso wie Medizin an Universitäten gelehrt. Physiotherapeuten machen dort genauso einen Doktor und sind quasi konservative Orthopäden. Bei uns hat der Lehrberuf noch einen großen Anteil und wir beginnen gerade erst mit der Umstellung.

Eine Frage zum Schluss: Wer gewinnt die Finals? Was ist eure Einschätzung?

Volker Schöffl: Das ist schwer vorherzusagen. Ich denke, dass der Japaner Tomoa Narasaki sehr gute Chancen hat oder auch der Amerikaner. Es durchmischt sich ja immer wieder. Durchaus kann auch Adam Ondra nochmal ganz anders in Form sein. Ähnlich wie bei anderen Kletterwettkämpfen lässt sich das nicht so leicht sagen.

Chris Lutter: Ja, das sehe ich auch so. Doch kann ich mir vorstellen, dass einer der Routinees gewinnt, vielleicht Adam Ondra oder Jakob Schubert.

Volker Schöffl: Ja, Jakob war gestern echt nicht gut in Form. Der brennt morgen auf jeden Fall gewaltig.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Titelbild: Screenshot Sportklettern im ZDF (03.08.2021)

Magnesia und Chalk – Magnesiumkarbonat, same same but different

28. Juli 2021
Ausrüstung

Kennt ihr das: Es gibt Dinge, die sind einfach da, die nutzt man immer wieder und keiner hat sich jemals Gedanken darüber gemacht, was das denn eigentlich ist. Beispielsweise beim Klettern. Was ist denn das weiße Zeug eigentlich das sich alle so bereitwillig an die Hände schmieren? Quasi als finale Kriegsbemalung vor der Erstürmung der Kletterroute. Worum handelt es sich dabei?
„Magnesia“ werden da die einen sagen, „Chalk“ die anderen und die, die einfach nicht Recht haben und es nicht besser wissen „Magnesium“. Aber das macht mich nicht schlauer. Und warum sehe ich auch immer mehr Kletterer, die mit einer Tube dastehen? Auch das wirft bei mir gewisse Fragen auf. Und ich weiß einmal mehr, dass ich nichts weiß. Legen wir also los und widmen uns der…

Frage Nr. 1 – Chalk, Magnesia und Co. was ist das denn?

Kurzversion: Magnesiumkarbonat. Gut danke. Artikel fertig, ciao!

Naja, ganz so einfach ist das dann doch nicht. Denn immer wenns eine Kurzversion gibt, gibt es auch eine Langversion und die kommt hier: Bei Magnesia oder für die Cooleren unter uns bei Chalk, handelt es sich um nichts anderes als Magnesiumkarbonat. MgCO3 für die Chemiker unter euch. Manchmal besteht Chalk aber auch aus einer Mischung von Magnesiumkarbonat und Magnesiumhydroxid.

Magnesiumkarbonat kann auf unterschiedliche Arten gewonnen werden und kommt nicht nur beim Klettern, sondern unter anderem auch in der Pharma-, Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie zum Einsatz. Magnesiumkarbonat ist hygroskopisch, zieht also Wasser an. Genau dieser Effekt ist beim Klettern oder auch Sportarten wie Geräteturnen und Gewichtheben interessant. Denn auf die Hände aufgetragen, saugt es sich regelrecht mit Schweiß voll und sorgt so dafür, dass ihr keine schwitzigen Finger und Handflächen habt. Kauft ihr Chalk fürs Klettern und Bouldern, handelt es sich dabei nicht selten um reines Magnesiumkarbonat ohne irgendwelche Zusatzstoffe.

Grundsätzlich sind die Begriffe „Chalk“ und „Magnesia“ aber nicht weiter geschützt oder definiert, und die Produkte unterliegen auch nicht der Lebensmittel- oder Kosmetikverordnung, sodass dem Pulver auch ohne weitere Angabe Zusatzstoffe beigefügt werden können, ohne dass das zwingend deklariert sein muss. Das ist zunächst einmal nicht wirklich schlimm und hat auch (sinnvolle) Gründe, aber darauf kommen wir später nochmals genauer zu sprechen.

Aber wie wird denn Magnesia bzw. Chalk nun gewonnen?

Grob gesagt lässt sich das, was wir als Magnesia kennen auf zwei unterschiedliche Arten herstellen. In der Natur kommt Magnesiumkarbonat garnichtmal so selten vor, beispielsweise als Magnesit (Bitterspat) und kann daher abgebaut werden. Dabei wird das Magnesiumkarbonat mittels eines chemischen Prozesses aus dem abgebauten Gestein gelöst und aufbereitet. Ursprungsland ist hierbei nicht selten China, es gibt aber auch Abbaugebiete in Europa oder Amerika. Eine andere Möglichkeit ist die synthetische Gewinnung. Denn Magnesiumkarbonat entsteht bei Prozessen wie der Meerwasserentsalzung als Nebenprodukt. Das so gewonnene Magnesiumkarbonat ist in der Regel reiner und außerdem Schwermetallfrei, was beim abgebauten Produkt nicht immer sichergestellt werden kann. Gerade in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie wird daher überwiegend die synthetische Variante verwendet.

Für den Sport kommt derzeit noch mehrheitlich das durch Abbau gewonnene Magnesiumkarbonat zum Einsatz, es gibt aber auch Hersteller wie beispielsweise Black Diamond, Rewhite oder Tokyo Powder, die den synthetischen Rohstoff für ihr Chalk einsetzen.

Frage Nr. 2 – Welche Formen von Chalk gibt es?

Magnesia gibt es in mehreren unterschiedlichen Formen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Je nach Anwendungsgebiet oder persönlicher Vorliebe kann es also durchaus sinnvoll sein mal das Eine mal das Andere zu verwenden. Eines noch vorweg: Magnesia, wie es beim Geräteturnen und teilweise auch beim Gewichtheben eingesetzt wird, eignet sich oft nicht fürs Klettern. Denn dieses Magnesia ist nicht selten mit Talkum versetzt. Das wiederum sorgt dafür, dass die Haut beim Turnen an beispielsweise einer Reckstange nicht haften bleibt und die einzelnen Übungen besser geturnt werden können. Die Reduzierung der Reibung ist aber beim Klettern definitiv von Nachteil.

Speziell fürs Klettern gibt’s hauptsächlich Chalk in folgenden Varianten:

  • Loses Pulver. Das ist sicherlich die beliebteste und gleichzeitig auch eine der kostengünstigeren Varianten. Das Chalk wird als loses Pulver fix und fertig in einer Tüte angeboten und muss nur noch in den Chalkbag gefüllt werden und gut. Es gibt dabei unterschiedliche Körnungen des Pulvers, was sich mitunter auf die Haftfähigkeit des Chalks auf der Haut auswirkt.
    Vorteil: schnelle Anwendung, günstiger Preis.
    Nachteil: schwer zu dosieren, staubt stark.
  • Gepresste Würfel: Gepresste Chalkwürfel gibt es eigentlich schon immer und auch sie sind vergleichsweise günstig. Auch die Anwendung ist keine große Sache, ihr brecht euch einfach so viel Magnesia wie ihr braucht ab und füllt es in euren Beutel. Zum Chalken der Hände zerdrückt ihr das bzw. die Stücke leicht in der Hand. Mit der Zeit werden die einzelnen Stücke so immer kleiner, bis ihr irgendwann nachfüllen müsst.
    Vorteil: Staubt weniger als reines Pulver, günstiger Preis.
    Nachteil: Block muss erst zerkleinert werden, neigt ebenfalls zum Stauben.
  • Chalkbälle: Bei Chalkbällen handelt es sich um kleine Stoffkugeln aus einem durchlässigen Gewebe, die mit Magnesia gefüllt sind. Diese packt ihr einfach in euer Magnesiasäckchen. Chalken könnt ihr dann ganz einfach, indem ihr den Ball im Beutel ein wenig in der Hand hin und her drückt, sodass sich das Magnesia an eurer Hand festsetzt.
    Vorteil: Einfach zu dosieren, staubt kaum.
    Nachteil: Preis meist höher als für loses Chalk oder Würfel und es kommt weniger raus – Nachteil natürlich nur für „Viel-Chalker“.
  • Flüssigchalk: Hierbei handelt es sich um Magnesia, das mit Alkohol versetzt wurde und als Flüssigkeit bzw. Paste auf die Hände aufgetragen wird, ganz ähnlich wie Handcreme. Der Alkohol verdunstet an der Luft sofort und zurück bleibt nur eine dünne Magnesiaschicht auf euren Händen.
    Vorteile: Super dosierbar, haftet lange an den Händen, staubt nicht.
    Nachteile: Alkohol kann bei empfindlicher Haut zu Irritationen führen und nachchalken in der Route ist schwierig.

Abgesehen von den unterschiedlichen Darreichungsformen, gibt es aber auch Chalk, das nicht aus reinem Magnesiumkarbonat besteht, sondern mit unterschiedlichen Zusatzstoffen versetzt ist. Hierunter fällt, wie bereits erwähnt, das Magnesia für Turner, was wir aber an dieser Stelle einmal außer Acht lassen wollen. Beim Klettern wird Chalk beispielsweise zusätzlich mit Trocknungsmitteln versetzt, was logischerweise den Trocknungseffekt nochmals erhöht. Oft handelt es sich dabei um Silikate oder Uppsalit.

Auch Zusatzstoffe, die für einen besseren Grip sorgen sollen, werden dem Chalk beigemischt. Gerade beim Flüssigchalk kommen hierzu auch Harze wie Kolophonium zum Einsatz, die aber leider die unangenehme Eigenschaft haben die Poren von Griffen zu verstopfen und deshalb in vielen Hallen nicht sonderlich gerne gesehen sind.

Darüber hinaus gibt es auch sogenanntes Eco-Chalk. Hierbei handelt es sich aber nicht um einen ausdrücklich definierten Begriff und die jeweiligen Hersteller können mehr oder weniger frei entscheiden, was sie nun als „Eco“ ansehen.

Beispiele:

Black Diamond Eco Chalk: Hierbei bezieht sich das Wort Eco alleine auf den Herstellungsprozess, denn das Produkt selbst besteht aus reinem Magnesiumkarbonat. Dieses wird synthetisch als Nebenprodukt der Salzgewinnung hergestellt, worauf sich auch das „Eco“ bezieht. Hersteller wie Tokyo Powder beziehen ihr Magnesiumkarbonat aus vergleichbaren Herstellungsprozessen, versehen ihr Produkt aber nicht mit der Vorsilbe „Eco“.

„Eco“ kann aber auch bedeuten, dass Chalk aus Carbosil (Kieselerde) hergestellt wird. Hierbei handelt es sich um ein grundlegend anderes Material, das aber ebenfalls gute Trocknungseigenschaften mitbringt. Carbosil hat darüber hinaus den praktischen Effekt, dass es keine lästigen Flecken am Fels hinterlässt. Produkte dieser Art sind jedoch vergleichsweise selten.

Frage Nr. 3 – Was macht Magnesia mit…?

Immer wieder hört man zahlreiche Meinungen zum Einsatz von Chalk beim Klettern. Nicht nur draußen in der Natur, sondern auch in der Halle ist Chalk (zumindest nicht in jeder Form) immer gerne gesehen. Das hat ganz unterschiedliche Gründe und wir wollen uns das gemeinsam mal genauer ansehen. Und wie wirkt sich das Ganze denn auch auf mich als Kletterer aus. Ist Magnesia gut für mich, macht es mich besser oder eben gerade nicht? Legen wir los:

…a) meiner Haut

Wie bereits erwähnt, hat Chalk die Eigenschaft sich mit Wasser vollzusaugen. Es kann also auch lästigen Handschweiß schnell und einfach aufnehmen und sorgt so dafür, dass die Hände nicht mehr feucht und schmierig sind, sondern trocken und griffig. Da wäre es doch eigentlich nur logisch, einfach immer gleich vor dem Klettern die Hände fett mit Magnesia einzukleistern und ein erfolgreicher Klettertag wäre zuverlässig gesichert. Ganz so einfach ist das aber nicht. Denn Magnesia macht die Hände trocken, Flüssigchalk, das mit Alkohol versetzt ist macht die Hände nicht selten noch trockener. Wer ohnehin schon Probleme mit trockener und rissiger Haut hat, sollte sich daher den Einsatz von Chalk gut überlegen, da sich Magnesia in diesen Fällen auch negativ auswirken kann und vielleicht dazu führt, dass der Klettertag aufgrund stark strapazierter Haut an den Fingern vorzeitig beendet ist.

Ein weiterer Grund warum übermäßiges Chalken nicht besonders sinnvoll ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass reines Magnesiumkarbonat keine besonders gute Reibung hat. Gerade bei Slopern zeigt sich das mitunter deutlich und ihr müsst mit einer dicken Chalkschicht auf den Händen einfach mehr Power bringen als ohne (vorausgesetzt ihr schwitzt nicht an den Händen). Um dem entgegenzuwirken bieten einzelne Hersteller auch Chalk mit Zusatzstoffen an.

…b) mit meiner Umwelt

Magnesiumkarbonat wird nicht nur für die bereits beschriebenen Anwendungsgebiete eingesetzt, sondern ist vielmehr auch ein basischer Dünger. Wird dieser nun in der Natur ausgebracht, beeinflusst der die Vegetation. Zwar ist die Menge Magnesiumkarbonat, die durch das Chalken in die Natur gelangt nicht sonderlich groß, kann aber kleinräumig, beispielsweise bei der kargen Vegetation am Fels, zu deutlichen Veränderungen führen.

Außerdem wird dem Magnesia immer wieder vorgeworfen, dass es die Felsen zerstöre. Hierzu gibt es unterschiedliche Studien, die teilweise auch in unterschiedliche Richtungen gehen. Ich möchte daher nicht zu tief in dieses Thema einsteigen, sondern nur ein paar Beispiele aufzeigen, wie Chalk auch einen negativen Einfluss auf Felsen haben kann.

  • optischer Einfluss: Je nach Gestein und dessen Farbe, sieht man die weißen Kletterspuren mitunter deutlich an den Felsen. Auch durch Regen wir das Chalk oft nicht komplett abgewaschen „verschandelt“ daher gerne auch mal längerfristig die Landschaft.
  • Sprengwirkung: Dieser Aspekt ist stark abhängig vom Gestein und dessen Struktur und darüber hinaus nicht ganz unumstritten. Aber man schreibt Magnesia folgende Wirkung zu. Gerade in viel begangenen Routen setzt sich an den Griffen mitunter immer mehr Magnesia fest. Dieses saugt sich immer mehr mit Wasser voll und dehnt sich sobald das Wasser gefriert stark aus. Hierzu kann es gerade bei porösem Fels zu einer unerwünschten Sprengwirkung kommen.
  • Rutschgefahr: Chalk macht die Griffe nicht griffiger. Gerade im Sandstein setzt sich das Pulver mit der Zeit fest und bildet schon fast eine schmierige Schutzschicht auf dem Gestein. Hierdurch werden Routen nicht gerade leichter, was wiederum die Art und Charakteristik der Kletterei in einem Gebiet stark beeinflussen kann.

Was also tun? Aus meiner Sicht (und damit stehe ich nicht alleine) sollte man den Einsatz von Chalk gut und sinnvoll überdenken. Ich bin nicht der Meinung, dass grundsätzlich darauf verzichtet werden soll. Nur eben stellt sich mir die Frage, ob übermäßiges Rumgeschmiere am Fels wirklich immer sein muss. Reicht es manchmal nicht auch einfach, sich die Hände an Hose oder T-Shirt abzuputzen? Mit Sicherheit! Und wenns doch nicht ohne Chalk geht, dann bitte der Umwelt zu liebe mit Maß und Ziel. Der Deutsche Alpenverein rät außerdem dazu stark eingepuderte Griffe nach dem Begehen einer Tour mit einer Bürste zu reinigen. Aber mal ehrlich: Das habe ich noch äußerst selten beobachtet und kommt in den Gebieten, in denen ich überwiegend unterwegs bin so gut wie nie vor.

…c) mit der Kletterhalle und meinen Mitmenschen?

„Stauben verboten“ ein Schild mit dieser oder einer ähnlichen Aufschrift hängt in vielen Kletterhallen und das hat auch seinen Grund. Denn die erhöhte Feinstaubbelastung in Kletterhallen ist erheblich und messbar. Dies ergibt sich vor allem durch den Einsatz von Magnesia. Gerade Chalk in Pulverform staubt mitunter stark, wer sich seine Hände bis weit übers Handgelenk mit Magnesia einreibt und dieses dann abklopft oder abbläst, sorgt unmittelbar dafür, dass es als Staub in der Hallenluft umherwabert. Dass das beim Sport weder angenehm noch besonders gesund ist, erklärt sich von selbst. Hallenbetreiber versuchen diesem Problem Herr zu werden, indem sie unter anderem loses Chalk verbieten und/oder den Einsatz von Chalkbällen oder Flüssigchalk vorschreiben.

Auch in der Halle besteht das Problem, dass Griffe aufgrund des Einsatzes von Magnesia glatt und schmierig werden. Im Gegensatz zum Freien, sorgt hier auch kein Regenschauer dafür, dass das Chalk, wenn auch nur teilweise, abgewaschen wird. Was drauf ist, ist zunächst einmal drauf und lässt nach und nach eine regelrechte Schicht aus Magnesia, Handschweiß sowie Haut- und Gummiabrieb entstehen. Beläge dieser Art lassen sich mit der Zeit weder mit einer Bürste noch mit einem Hochdruckreiniger anständig beseitigen. Es hilft lediglich spezielles Reinigungsmittel, das unter Einsatz von geballter Chemie dafür sorgt, dass sich die Schichten wieder von den Griffen lösen. Chalks, die um den Grip zu erhöhen beispielsweise mit Harzen versetzt worden sind, verstärkten diesen Effekt erheblich und sind daher inzwischen in vielen Hallen auch nicht mehr besonders gerne gesehen.

Aber was sagt uns das nun?

Magnesia oder auch Chalk ist ein durch aus nützliches Hilfsmittel beim Klettern. Es besteht aus Magnesiumkarbonat und sorgt dafür, dass unsere Hände beim Klettern bei Bedarf trocken sind. Das heißt aber nicht, dass derjenige am besten klettert, der auch am meisten Magnesia auf den Händen hat. Wie so oft im Leben gilt auch hier die Devise „weniger ist manchmal mehr“. Das wirkt sich dann nämlich nicht nur positiv auf euren Grip am Fels aus, sondern schont in gewissem Maß auch die Umwelt und die Lungen eurer Mitkletterer. In diesem Sinn: Gurt und Schuhe an und hoch den Fels!

Nachhaltige Rohstoffe in der Textilindustrie – das Leinen Revival

27. April 2021
Ausrüstung

Schon hunderte von Jahren bevor der erste synthetische Faden zu sogenannter Funktionsbekleidung gesponnen, gewebt und gestrickt wurde, zählte Leinen zu einem der ersten Funktionsgewebe, die der Mensch überhaupt zu Bekleidung verarbeitete. Lein ist bereits im Mittelalter verwendet worden und kann sogar im alten Rom und in Ägypten bis ins vierte Jahrtausend vor Christus nachgewiesen werden. Zusammen mit Hanf und Wolle zählt Lein damit zu den ältesten Rohstoffen in der Textilindustrie.

Während Hanf vielen durch seine auffällig geformten Blätter bekannt ist, erkennt nicht jeder auf Anhieb den Lein, der vor allem mit seiner bläulich-violetten Blüte am hübschesten aussieht. Dabei ist Lein viel mehr als ein reiner Lieferant von Fasern für die Textilindustrie. Lein ist eine uralte Heilpflanze, dient in Form von Leinöl und Leinsamen als Nahrungsmittel und lässt sich für zahlreiche industrielle Anwendungsbereiche einsetzen: von der Papierherstellung, über Lacke, bis hin zu Baustoffen und sogar als Bestandteil von Bremsbelägen.

Lein, Flachs oder Leinen?

Aus der botanischen Familie der sogenannten Leingewächse ist der „Gemeine Lein“ die einzige Sorte, die sich für den wirtschaftlichen Anbau eignet. Daneben gibt es etliche Leinarten, die sich nicht für die  Weiterverarbeitung zur Faser oder als Öl im größeren Umfang eignen. Je nach Nutzung wird in der weiterverarbeitenden Industrie zwischen Öllein und Faserlein unterschieden. Die Bezeichnung Flachs leitet sich sprachlich vom „Flechten“ ab und wird oft synonym zum Lein oder Leinen verwendet. Genau genommen ist Flachs aber nur die Faser des Gemeinen Leins. Allerdings wird der Begriff auch oft für ein fertiges Gewebe in Form von Leintuch oder Leinwand benutzt. Mit seinem lateinischen Namen „Linum usitatissimum“ gibt der Lein bereits einen wichtigen Hinweis auf seine „vielfältige Verwendbarkeit“. Eine dieser Möglichkeiten ist die Herstellung von Leinen, dem textilen Gewebe aus den Fasern der Leinpflanze.

Anbau und Verarbeitung von Faserlein für die Textilindustrie

Faserlein wird als einjährige Pflanzen angebaut, die im Grunde keine zusätzliche Düngung oder Verwendung von Pestiziden erfordert. Dabei ist der Lein sehr anspruchslos und wächst vom Frühjahr bis in den Sommer. So wird er zwischen 20 cm und 1 m hoch und blüht ungefähr zwischen Juni und August.

Während in Nordamerika die größten Anbaugebiete für Öllein zu finden sind, stammt der meiste Flachs – also Faserlein – aus China, Russland, Weißrussland und der Ukraine. In Europa wird lediglich in Frankreich und Großbritannien eine nennenswerte Menge Faserlein angebaut. Im deutschsprachigen Raum ist Flachs dagegen fast überhaupt nicht mehr auf den Anbauflächen zu finden.

Nachdem die Baumwolle seit über einem Jahrhundert die Schlüsselposition in der Textilindustrie übernommen hat, steigt mit der zunehmenden Forderung nach mehr Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit in der Bekleidungsbranche auch die Nachfrage nach natürlichen Fasern, wie zum Beispiel Wolle, Hanf oder Flachs. Im weltweiten Vergleich ist ihr Anteil gegenüber konventionell angebauter Baumwolle oder synthetischer Fasern, wie Polyester und Polyamid, aber immer noch verschwindend gering.

Knapp 27 Millionen Tonnen Baumwolle wurden allein in der Saison 2019/20 angebaut. Dagegen kommen Öllein und Faserlein zusammen nicht einmal auf 10% dieser Menge.

Die Fasern des Leins zählen zu den besonders langen Bastfasern. Sie lassen sich relativ simpel für die Weiterverarbeitung aufbereiten und können sehr fein gesponnen werden. Leinfasern sind sehr glatt und schließen kaum Luft ein. Dennoch sind sie in der Lage, Feuchtigkeit gut aufzunehmen und auch schnell wieder abzugeben. Dadurch eignet sich Lein sehr gut für die Herstellung von funktioneller Sportbekleidung. Ähnlich wie Merinowolle sorgt Leinenbekleidung für angenehmen Temperaturausgleich, also für einen kühlenden Effekt bei Hitze und gleichzeitig für Wärme bei niedrigeren Temperaturen.

Weicher Tragekomfort für Outdoorbekleidung

Der Trend zu nachhaltiger Mode aus natürlichen Rohstoffen lässt das Angebot von Alltags- und Freizeitbekleidung aus Hanf, Bio-Baumwolle und Leinen immer weiter wachsen. Auch funktionelle Outdoorbekleidung und Freizeitmode für Outdoorsportler aus Leinen ist bei Outdoorfirmen immer häufiger im Sortiment zu finden. Beliebt sind dabei vor allem intelligente und funktionelle Materialkombinationen, wie zum Beispiel Boulderhosen von E9, die aus Leinen, Bio-Baumwolle und Elasthan gefertigt werden oder Funktionsshirts von Odlo, bei denen Polyester und Leinen zu einer atmungsaktiven und angenehm kühlenden Materialmischung verwoben werden.

Ivanhoe of Sweden bietet neben Shirts, Kleidern und Röcken aus Mischgewebe auch Bekleidung aus 100% Leinen an. Auch als Kombination mit der Cellulosefaser Lyocell, wie bei Armedangels oder sogar in warmen Hardshellmänteln von Vaude wird regelmäßig Leinen verwendet. Ob Mountainbike-Shorts von ION oder Sneaker von Gola – die funktionelle Naturfaser Lein steckt in viel mehr Outdoorbekleidung, als man zunächst vermuten würde und verändert durch kleinere oder größer Materialanteile nicht nur die einzelnen T-Shirts, Hosen, Jacken und Schuhe, sondern damit auch die gesamte Bekleidungsbranche, die immer mehr auf den nachwachsenden, umweltfreundlichen und funktionellen Rohstoff Lein setzt.

Hypoallergene Faser mit antibakterieller Wirkung

Die Oberfläche der Leinfasern sind besonders glatt. Daher sind Leinenstoffe im Vergleich zu Baumwolle, Wolle und vielen anderen Stoffen praktisch frei von Flusen und Fusseln. Durch das glatte Gewebe haftet am Leinen kaum Schmutz und auch Bakterien haben ihre Schwierigkeiten am Leinengewebe anzuhaften. Diese antibakterielle Eigenschaft macht Bekleidung aus Leinen nicht nur sehr hygienisch, sondern bietet auch für Allergiker sehr gute Alternativen zu vielen anderen Textilfasern.

Auf der Haut fühlt Leinen sich sehr angenehm an. Das liegt einerseits an seinen temperaturregulierenden Eigenschaften und andererseits an seiner weichen und glatten Oberfläche. Trotzdem ist Leinenstoff keinesfalls empfindlich: im Gegensatz zu Baumwolle und anderen Naturfasern ist Leinen sogar ausgesprochen robust. Dadurch ist Bekleidung aus Leinen in der Regel auch länger haltbar, als beispielsweise Bekleidung aus Baumwolle. Dadurch relativiert sich meistens auch der höhere Preis von Leinenbekleidung. Durch die aufwendigere Verarbeitung, entstehen bei der Herstellung von Leinenstoffen höhere Kosten, als bei der konventionellen Baumwollproduktion. Allerdings braucht sich ein ökologisch angebauter und pestizidfreier Leinenstoff, der hypoallergen ist , besonders gut Feuchtigkeit aufnimmt und wieder abgibt und dabei das ganze Jahr über durch angenehmen Temperaturausgleich begeistert, ohnehin nicht mit einer konventionelle angebauten Baumwolle zu messen.

Das Einzige, was die Baumwolle tatsächlich einfach besser kann, ist glatt auszusehen. Reine Leinenstoffe sind durch ihre langen Fasern nie ganz glatt und sehen immer etwas knittrig aus. Natürlich gibt das der Oberfläche reiner Leinenbekleidung auch „das gewisse Etwas“ und sorgt dafür, dass Leinstoffe sich bewusst von anderen Textilien abheben. Wer also einen betont „nachhaltigen Look“ bevorzugt, liegt mit Leinenbekleidung genau richtig.

Im Mischgewebe mit anderen Naturfasern oder synthetischen Fasern kommt der Knitterlook dagegen nicht mehr so zum Vorschein. Vor allem in technischer Funktionsbekleidung für Wanderer, Trailrunner und Mountainbiker kommt Leinen eher wegen seiner hautfreundlichen und atmungsaktiven Eigenschaften zum Einsatz.

Das Gender Data Gap und die Schlange vor dem Damenklo

8. März 2021
Die Bergfreunde

Wer kennt sie nicht, die altbekannte Schlange vor dem Damenklo? Stoff von Legenden, Liedern und zahlreichen Witzen. Doch warum entsteht sie überhaupt? Genau diese Frage (und viele weitere in Bezug auf Frauen) sind in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten oft unbeantwortet geblieben. Kuriose kleine und große Phänomene des Alltags, die einfach so hingenommen wurden. Sammelt und untersucht man diese, stößt man auf eine Gemeinsamkeit, die seit einigen Jahren einen Namen hat: Der Gender Data Gap.

Ganz banal herunter gebrochen besagt dieser: Über Frauen und ihren Alltag wurden und werden in allen Bereich des Lebens, wie z.B. Medizin, Gesellschaft und Wirtschaft, weniger Daten gesammelt als über Männer. Wer ein großes Datenschützerherz hat, findet das sicher erstmal ganz cool, doch der Gender Data Gap entwickelt sich im normalen Alltag zu einem Problem und birgt teilweise handfeste Gefahren.

Woher kommt der Gender Data Gap?

Ein Bereich, der uns als Outdoorsportler und mich als Kletterer am meisten Betrifft ist die Trainingslehre und im weitesten Sinne die Medizin. „Warum soll es denn da bitte ein Problem geben? Der menschliche Körper wird doch schon seit Jahrhunderten ausgiebigst erforscht!“, fragen sich vielleicht jetzt manche von euch. Tja, genau da liegt der Hund, bzw. die Kletterin begraben!

Einer der einflussreichsten und in den folgenden Jahrtausenden meistzitiertesten Forscher der Antike ist Aristoteles. Dieser sah den Mann als Prototyp des Menschen an, die Frau hingegen galt als eine Abweichung von diesem Prototypen. Nun ist der gute Aristoteles ja schon einige Jährchen unter der Erde und vermeintlich sind wir heutzutage viel weiter und haben einen differenzierten Blick auf die Materie… oder?

Die Antwort ist ein klares Jein! Da Frauen lange Zeit überhaupt nicht erforscht wurden, fehlt es an allen Ecken an Daten. Sehr, sehr vielen Daten. Bei klinischen Studien gilt bpsw. noch heute ein Mann von 70kg als „Norm“ für die Bevölkerung. Dass schon das eine starke Vereinfachung ist, ist nochmal ein eigenes Thema.

Weibliche Körper werden bei klinischen Tests oft außen vor gelassen. Der banale Grund: Aufgrund des Zykluses sind sie zu „komplex“ und sorgen für eine schwierigere Interpretation der Ergebnisse. So kommt es vor, dass regelmäßig Ergebnisse aus klinischen Studien universal für Frauen und Männer als gültig angesehen werden, obwohl keine einzige Frau an den Studien teilgenommen hat!

Sind Männer und Frauen anatomisch und physiologisch so unterschiedlich?

Nun ist natürlich die Frage: Ist es überhaupt notwendig, so einen Wirbel um das Thema zu machen? Sind wir, abgesehen von ein paar Geschlechtsorganen und ein paar komischen Hormonen, nicht alle gleich?

Die Forschung zur Gender Data Gap aus den letzten Jahr hat deutlich gezeigt: Das sind wir leider nicht. In jedem Gewebe und Organsystem gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede, sogar in so grundlegenden Funktionen wie dem Herzen oder der Lungenkapazität.

Aber wie können dann Frauen nach den gleichen Plänen trainieren wie Männer? Das ist doch dann nur zum Scheitern verurteilt, oder?  Zum Glück ist das auch inzwischen vielen Trainern und Firmen klar geworden. Wer eine Frau trainieren lässt wie einen Mann, bekommt im besten Fall schlechtere Ergebnisse und im schlechtesten Fall eine gesundheitsgeschädigte Athletin.

Dinge wie die Veränderung der Hormone während des Zyklus, ob es überhaupt eine Periode gibt und wie oft, sollten – wenn es ums Training geht – eine Rolle spielen. Auch die Stärken und Schwächen bei direktem Vergleich von Männern und Frauen helfen dabei heraus zu finden, wo man beim Training den Schwerpunkt setzen muss.

Eine Firma, die diesen Themen bei der Erforschung und Umsetzung viel Raum gibt, ist Lattice Training. Der Gründer Tom Randall erklärt uns im angeschlossenen Interview, was genau sie erforschen und wie die Ergebnisse im Alltag umgesetzt werden können.

Doch bevor wir uns dem Interview widmen: Was hat es denn nun mit der Schlange vor dem Damenklo auf sich?

Nachdem viele, vorher unbeachtete Daten zusammengetragen wurden ergibt sich folgendes Bild: Frau „müssen“ von Natur aus öfter, da sie kleinere Blasen haben. Gleichzeitig sind die Grundrisse von öffentlichen Toiletten für Männer und Frauen gleich groß. Ein Pissoir braucht allerdings viel weniger Platz als eine ganze Kabine! Folglich gibt es für das Geschlecht, das öfter muss, weniger Raum um das Geschäft zu verrichten.

Und schon haben wir eine wunderhübsche Menschentraube.

Tom Randall (Lattice.com) Im Interview zur Gender Data Gap

Eine Firma, die den Themen Frauen und spezifische Trainingsmethoden bei der Erforschung und Umsetzung viel Raum gibt ist Lattice Training. Der Gründer Tom Randall erklärt uns im Interview, was genau sie erforschen und wie die Ergebnisse im Alltag umgesetzt werden können.

Cora: Als Firma setzt Lattice Training sehr darauf Kletterer auf Herz und Nieren mit speziellen Leistungstest zu prüfen, um dann mit den Daten maßgeschneiderte Trainigspläne zu erstellen.
Für Menschen, die euch noch nicht kennen, wie lange gibt es euch schon, wie sammelt ihr eure Daten und was ist euer Hintergrund?

Tom: Als Firma gibt es uns seit 2016, aber das Konzept und die Anfänge der Datenforschung begannen schon 2016. Am Anfang gab es nur mich, der mit privaten Kunden und dem UK Kletterteam gearbeitet hat, aber nach 2016 habe ich mich mit einem zweiten Coach (Ollie) und einem Datenanalysten (Remus) zusammengetan. Als Firma ist es unser Ziel das beste kletterspezifische Leistungsprofiling, Coaching, als auch die besten Trainingspläne und Produkte anzubieten. Heutzutage sind wir ein 20-köpfiges Team, welches aus Doktoranden, Biochemikern, Berufskletterern und internationalen Wettkampfkletterern besteht. Sehr breit aufgestellt!

Die UN hat zum ersten Mal im Jahr 2006 versucht auf den Gender Data Gap aufmerksam zu machen, aber das allgemeine Publikum ist erst richtig 2019 auf das Thema gestoßen, als Caroline Criado Perez diesen Begriff in ihrem Buch “Unsichtbare Frauen” nutzte. Wann und wie ist euch dieses Thema zum ersten Mal bei euren Recherchen untergekommen?

Uns ist der Unterschied zum ersten Mal beim Vergleichen der Ergebnisse von Fingerkraft zwischen Männer und Frauen in Abhängigkeit zu ihrem gekletterten Grad aufgefallen. Es ist ein sehr deutlicher Unterschied!

Sammelt ihr eure Daten in einem zwei verschiedenen Pools, oder liegen sie bei euch als Gesamtpaket vor, egal welches Geschlecht der Kletterer hatte?

Die Antwort ist: Beides. Wir haben aufgeteilte Datenmodelle, sowie allumfassende Modelle. Wir versuchen diese Form kontinuierlich zu verbessern sowie ihre Aussagekraft richtig zu bewerten.

Was sind die größten Unterschiede im Training für Männer und Frauen?

Wenn man die Daten heran zieht liegen die größten Unterschiede bei der Kraft (Finger und Oberkörper), Flexibilität (Unter- und Oberkörper), sowie Schnellkraft (welche, wenn man es genau nimmt, ein Teil der generellen Kraft ist). Wenn man es ganz herunter bricht, kann man sagen, dass Frauen schwerere Grade bei weniger Kraft, aber mit einer größeren Flexibilität klettern, als die männliche Vergleichsgruppe.

2019 fand zum ersten man das „Womens climbing symposium“ unter eurer Führung statt, bei der ihr Tests an einer reinen Frauengruppe durchgeführt habe. Gab es da ein paar interessante Erkenntnisse?

Ja, auf jeden Fall! Hier ein paar Ergebnisse:

Kürzlich hat Dr Dave Giles, ein Forscher hier bei Lattice Training, mit der Hilfe von Ollie Tor (Coach) einen Artikel mit dem Titel „Anthropometry and performance characteristics of recreational advanced to elite female rock climbers“ (Anthropometrie und Leistungscharakteristika von weiblichen Freizeit- und Leistungskletterinnen) herausgebracht. Obwohl einige der Erkenntnisse auf den ersten Blick logisch erscheinen, gab es einige große Erkenntnisse, die wir daraus ziehen konnten – für Frauen haben Oberkörperschnellkraft, Fingerkraft, und Hüftflexibilität einen großen Einfluss auf ihre Kletterleistung.

Warum ist diese Erkenntnis hilfreich? Beim Training kann es schwer sein zu wissen, wo man anfangen sollte was den größten Effekt hat. Wenn man versucht überall gleichzeitig eine Basis aufzubauen, ist es leicht zu viel zu machen, womit dann offensichtlich die Chancen für eine Verletzung steigen. Diese Forschungsergebnisse helfen uns dabei, wo wir den Schwerpunkt beim Training legen müssen. Natürlich muss die Person als Individuum und ihre Ziele mit angeschaut werden! Oberkörperschnellkraft mag vielleicht nicht die höchste Priorität besitzen, wenn man gerne 50m Ausdauerrouten klettert, aber wenn die Hüftflexibilität im Vergleich eine Schwäche ist, dann kann man darauf den Focus legen, um effizienter zu klettern und die restlichen Stärken besser zu nutzen. Auf der anderen Seite kann eine Boulderin mit großartiger Hüftflexibilität sich dafür entscheiden den Fokus eher auf Fingerkraft und Oberkörperschnellkraft zu richten.

Die nächste Frage ist dann, wie trainiert man diese Bereiche?

Oberkörperschnellkraft – Kraft ist die Basis für Schnellkraft, also ist es wichtig zwischen der maximalen Zugkraft und dem Training des Oberkörpers hin und her zu wechseln. Übungen wie Klimmzüge mit extra Gewicht und TRX Zugübungen sind gut, um generelle Kraft aufzubauen. Wenn wir den Fokus auf die Schnellkraft legen, dann geht es darum ein Maximum an Kraft in einer kurzen Zeit zu nutzen. Bouldern ohne Nutzung der Füße, sowie dynamisches Klettern sind kletterspezifische Übungen für diesen Bereich.

Das Campus Board ist das bekannteste Gerät, es ist aber gut daran zu denken, dass eine eintönige vertikale Bewegung nicht so viel bringt wie Bouldern ohne Füße. Dies sind natürlich alles Übungen am oberen Ende des Leistungsspektrums – was also, wenn man nicht ohne Füße bouldern kann? Eine gute Übung sind sehr schnelle Klimmzüge. Eine Gewichtsabnahme kann hier helfen sich ganz auf die Schnelligkeit zu konzentrieren. Diese Fähigkeit kann man nun langsam ins Klettern einbauen, z.B. indem man weiter festhält, wenn die Füße im stark überhängenden Gelände abfallen oder indem man ein paar Züge ohne Füße im steilen Gelände macht.

Fingerkraft – Das klassische Trainingswerkzeug hier ist das Fingerboard, wo man maximalkräftiges Hängen nutzen kann, um die statische Kraft zu verbessern. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass, obwohl Fingerboardtraining ein guter Zusatz zum Klettern bietet, es sich hierbei um eine statische Übung handelt, während Klettern dynamisch ist. Aus diesem Grund muss auch dieses Training mit dem Klettern von schweren Routen oder Bouldern kombiniert werden, damit die Kontaktkraft nicht zurückbleibt. Wenn man das Fingerboard zum ersten Mal beim Training verwendet, ist es wichtig, sich an die hängende Position zu gewöhnen, während man die Schultern anspannt. Die Dauer und Intensität sollten hier langsam gesteigert werden. Falls das Fingerboardtraining eine zu große Belastung für die Schultern, neben dem Klettern darstellt, kann man auf tragbare, beschwerte Leisten und Blöcke (Zangengriff) zurückgreifen.

Hüftflexibilität – Wenn wir beim Klettern die Hüftflexibilität einsetzen, versuchen wir hier eine Ebene zu erreichen, z.B. wenn der Körper näher an die Wand kommen soll, was eine geringere Krümmung der Hüfte voraussetzt. Dehnungen wie Froschbeine sowie der Seitspagat und seine Vorstufen sind sehr hilfreich, um diese Flexibilität zu trainieren.

Zusammenfassend, nach euren Daten, worauf sollten sich Frauen beim Training am meisten konzentrieren und wo liegen hier die Männer im Vergleich?

Die logische Antwort ist natürlich die Schnellkraft (Finger, Arme, Rücken und Schultern). Im Vergleich dazu sollten Männer mehr Flexibilität machen.

Was sind die nächsten Themen, die ihr tiefer recherchieren möchtet?

Tracking und Überwachung von Athleten. Die besten Methoden und welchen Einfluss dies auf die Leistung und die Langzeitentwicklung des Athleten haben Frauenspezifische Trainingsmethoden und wie diese mit und um den weiblichen Zyklus geplant werden können.

Vielen Dank für das Interview!
——————————–

Weiterführende Quellen für die, die es interessiert:

  • Lattice Training
  • Caroline Criado Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, 2019
  • Stacey Sims: Peak – Performance für Frauen: Wie Sie Ernährung und Fitness perfekt auf den weiblichen Organismus abstimmen, 2018
  • David Giles: Anthropometry and performance characteristics of recreational advanced to elite female rock climbers, 2020

Schnelle Hilfe bei Kopf- und Nackenproblemen: Eine anatomische Gebrauchsanweisung mit Klettermediziner Chris Lutter

13. August 2021
Tipps und Tricks

„Der Kopf kann ausweichen“, sagte mal ein Mediziner und Bergretter zu mir. Ich hielt meine Entrüstung zurück und dachte mir freundlich lächelnd, dass das nicht stimmen kann. Es stimmte auch nicht. Denn, wie ich in seinen nächsten Ausführungen erfahren durfte, sprach er von unserem Oberarmkopf im Schultergelenk. Doch die Vorstellung, dass unser Kopf wirklich vor allen Gefahren ausweichen könnte, finde ich sehr befreiend.

Wir wollen heute unseren Kopf- und Nackenbereich näher betrachten. Ich spreche mit Dr. med. Chris Lutter. Zusammen mit Volker Schöffl hat er in den letzten Jahren viel zu Kletterverletzungen geforscht und gearbeitet. Beide betreuen die deutsche Nationalmannschaft im Kletter- und Bouldersport. Aktuell arbeitet Chris Lutter im hohen Norden an der orthopädischen Klinik und Poliklinik der Uniklinik Rostock. 

Blicken wir zuerst auf die Haltung unseres Kopfes und des Nackens beim klassischen Klettern in der Halle oder am Fels: 

Die erste Aktivität, die mir einfällt, ist das Sichern einer anderen Person, die klettert. Dabei legen wir unseren Kopf in den Nacken um die Person besser im Blick zu haben. Je nach Aufrichtung unserer Wirbelsäule und Wandcharakter kann das Sichern für Schmerzen und Verspannungen sorgen. 

„Insgesamt ist darauf zu achten, dass die Haltung den ganzen Körper betrifft. Wenn der Kopf beim Sichern in den Nacken gelegt wird, hat diese Haltung auch Auswirkungen auf die gesamte Wirbelsäule.“

Lebenswichtige Strukturen und unsere Halswirbel

Unsere Halsregion ist besonders diffizil und gibt uns dadurch schnell Rückmeldung über Fehlstellungen oder Verspannungen. Die Wirbelsäule besteht in dem Bereich aus sieben Wirbelkörpern. Das obere Kopfgelenk wird aus dem Hinterhauptsbein und 1. Halswirbel gebildet. Das untere Kopfgelenk besteht aus Atlas und Axis. Der Atlas besitzt als einziger Wirbel keinen Wirbelkörper, sodass der „Zahn“ des Axis sich in unseren Atlas perfekt hineinschieben kann.

Diese Konstruktionen ermöglichen die flexiblen Dreh- und Nickbewegungen. Lebenswichtige Strukturen sind zwischen Kopf und Rumpf vor der Halswirbelsäule angelegt. Neben den Nervenbahnen, Blut- und Lymphgefäßen liegen vor der Wirbelsäule die Luftröhre, Speiseröhre, Schilddrüse sowie der Rachen und der Kehlkopf. Besonders geschützt wird all das mit der starken Halsmuskulatur und den Halsfaszien. Viele großflächige Muskeln gehen vom Kopf aus in die obere Extremitäten, die Schultern und Arme bis in die Finger über. Dadurch können sich starke Verspannungen und Schmerzen auf den ganzen Körper auswirken. 

Ein guter Schutz: Entspannung und Aufwärmen

So ist es nicht nur für die kletternde Person, sondern auch für die Person, die sichert unglaublich wichtig sich vorher aufzuwärmen. Mit einfachen Übungen können wir den ganzen Körper durchwärmen und den Kreislauf in Schwung bringen, sodass die Muskeln für weitere Belastungen vorbereitet sind. Wenn ihr schon in der Halle seid, eignen sich kleinere Übungen wie der Hampelmann, Kniebeugen, Hüpfen oder ein kurzes „die Treppen rauf und runter“ Joggen. Das beste Aufwärmen ist unweigerlich mit dem Rad zur Halle zu fahren oder eine Stelle des Wegs zu joggen. 

„Ganz gut wäre ein kurzes Cardio-Training, sodass der Kreislauf in den Schwung kommt. Anschließend sollte die ganze Wirbelsäule mit Mobilisierungsübungen miteinbezogen werden. Die beste Vorbereitung ist sicherlich, wenn einzelne Bewegungsrichtungen durchspielt werden. Und nicht den Kopf kreisen wie es oft empfohlen und vorgemacht wird, sondern vielmehr zu den Seiten neigen und nacheinander die Bewegungsrichtungen durchgehen.“

Anstelle der Kreisbewegungen macht ihr die Mobilisierung etappenweise. Zuerst legt ihr den Kopf auf die linke und rechte Schulter. Dann neigt ihr ihn nach vorn zur Brust und nach hinten in den Nacken. Ein wenig dreht ihr den Kopf dann, indem ihr entspannt über die linke und über die rechte Schulter schaut. 

Übungen für zwischendurch

Für eine kurze Entspannung und Entlastung der Nackenmuskulatur zwischendurch können zwei kleine Übungen hilfreich sein. 

In einer kleinen Pause legt ihr euch flach auf den Boden oder auf eine härtere Matte und legt den Kopf ab, sodass dieser im Idealfall parallel zur Decke liegt, also keine Neigung nach hinten aufweist. Je nach Körperbau und Gewicht ist es hilfreich eine kleine Erhöhung zum Beispiel ein dünnes Buch unter den Kopf zu legen. Die Hände liegen auf dem Handrücken entspannt neben dem Körper. In dieser Position bleibt ihr eine Weile, atmet bewusst und versucht euch maximal zu entspannen. Im übertragenen Sinne könnt ihr dabei versuchen eure eigene Spannung an den Boden abzugeben. 

Eine andere Übung dient der direkten Entlastung der Nackenmuskulatur. Dafür reicht es aus, wenn ihr aufrecht steht. 

„Für die Entlastung zwischendurch eignet sich die Vorstellung, dass eine Schnur hinten mittig am Kopf nach oben zieht. Zusätzlich versucht man dabei selbst sein Kinn nach hinten zu schieben. Diese Übung bringt die Wirbelsäule in die maximale Aufrichtung und kann entlastend wirken.“

Um den Nackenbereich zu schonen, werden häufig Sicherungsbrillen angeboten. In der Kletterhalle waren es bei mir früher, als ich mit Klettern anfing, meistens ältere Herren, die mit solchen Brillen in den verschiedensten Formen sicherten. Auch in den Pausen habe ich immer mit einem halben Ohr ihren Erläuterungen zugehört.

Macht es Sinn Sicherungsbrillen auch nur für kurze Routen in der Halle zu tragen?

„Einem Anfänger eine Sicherungsbrille aufzusetzen, grenzt an Körperverletzung für die Person, die am scharfen Ende des Seils hängt. Anfänger haben schon genügend mit dem Seilmanagement und ihrem Sicherungstool zu tun. Auch bei Kindern wäre ich zurückhaltend. Auch sie müssen den sicheren Umgang mit dem Seil lernen.“

So eignen sich Sicherungsbrillen am ehesten für Fortgeschrittene, die am Fels lange Touren unternehmen. Ob mit oder ohne Brille können beim Klettern und Sichern Verspannungen und Kopfschmerzen auftreten. Bei länger anhaltenden Beschwerden solltet ihr unbedingt eine Praxis aufsuchen. Wenn ihr Sehstörungen, Schwindel, Kribbelgefühle und generell Muskelschwäche im Oberkörper habt, müsst ihr dies unbedingt abklären lassen. 

Verletzungen beim Klettern und Bouldern und wie man sie vermeidet

Manchmal können auch Bewegungseinschränkungen der Arme ein Hinweis auf eine Verletzung in der Halswirbelsäule sein. Auf dem MRT-Bild seht ihr einen Bandscheibenvorfall bei einer jungen Kletterin. Neben starken Schmerzen machte sich der Vorfall durch eine verminderte Beweglichkeit im linken Arm bemerkbar.

Vor allem im Bouldersport passieren häufiger vermeidbare Wirbelsäulenverletzungen als beim klassischen Sportklettern. Dazu muss man wissen, dass in Deutschland aktuell mehr Boulderhallen als Seilkletteranlagen gebaut werden. Aktuelle Zahlen des Deutschen Alpenvereins belegen generell einen hohen Anstieg an Neubauten in den letzten Jahren. Durchschnittlich werden seit 2010 pro Jahr 24 neue Anlagen erbaut. 

„Die wirklichen Anfängerinnen und Anfänger, die gerade die ersten Male in einer Halle bouldern, verletzen sich leichter als routinierte Sportler. Sie haben wenig Erfahrung und kein Wissen darüber, wie sie sich richtig abrollen. Da kann schon ein Sturz aus 30-50 cm ausreichen, um sich einen Wirbelkörper zu brechen.“

Ein gutes Körpergefühl ist beim Bouldern besonders wichtig. Gerade ungeübte Sportlerinnen und Sportler brauchen Zeit um ein Gefühl für den Sport zu entwickeln. Durch eine Einführung ähnlich wie beim Sportklettern blieben viele Verletzungen auch aus geringer Höhe vermeidbar. 

„Die Einführung interessierter Sportlerinnen und Sportler ist in unseren Hallen völlig unzureichend. Das ist in anderen Ländern zu Recht strenger geregelt. Doch sicherlich wird es früher oder später bei dem hohen Anstieg an Verletzungen in Boulderhallen durch die Versicherungen Druck geben. In den letzten Jahren traten vermehrt Unfälle auf, die keine spezifischen Verletzungen des Sports sind. Durch gezielte Einführungen lassen sich diese sehr leicht vermeiden. Ich wundere mich, dass bisher noch niemand in einer Boulderhalle zu Tode gekommen ist. Eine unachtsame Person kann von einem fallenden oder herabspringenden Boulderer erschlagen werden. Besonders Kinder sind hier gefährdet. Hier sollte besser aufgeklärt und überwacht werden.“

Überlastungen an Händen und Fingern vorbeugen – wer entscheidet über meine Fingerkraft?

12. Januar 2021
Tipps und Tricks

Die Fingerkraft ist erst einmal genetisch bestimmt. Doch gezieltes Fingertraining ist unerlässlich für eine gute und nachhaltige Performance beim Klettern. Viele Kletterinnen und Kletterer kennen es sicher: Hände und Finger können durch das Klettern oder Bouldern schnell mal überreizt und überlastet werden. 

In diesem Artikel spreche ich mit Prof. Dr. med. Volker Schöffl. Er ist ein sehr erfahrener Kletterer, Arzt der deutschen Nationalmannschaft Sportklettern und Leiter der Sektion Sportorthopädie, Sporttraumatologie, Sportmedizin, Chirurgie der oberen Extremität am Klinikum Bamberg. Wir sprechen über das beste Training zum Vorbeugen von Verletzungen sowie das wachsende Interesse an der Klettermedizin. Letztes Jahr stellt man ihn mir als „Primus inter pares“ zur Behandlung von Kletterverletzungen vor. Er wurde 2020 in die Focus Ärzteliste der besten Mediziner und Medizinerinnen Deutschlands aufgenommen. Also Textmarker raus und Obacht!

Unsere Hand- und Fingergelenke bestehen aus insgesamt 27 kleinen Knochen. Viele Sehnen und Muskeln mit denen wir unsere Hand und Finger bewegen können, haben ihren Ursprung im Ellenbogen und Unterarm. Sie fächern sich dann immer mehr auf. Die feine Beweglichkeit kommt auch durch die genialen Konstruktionen mit den Bändern und Sehnen zustande. Beispielsweise sorgen die Ringbänder und Kreuzbänder dafür, dass unsere Sehnen der Finger so fixiert sind, dass das Beugen funktioniert und nichts aneinander reibt während wir sie bewegen. 

Auch bei gut trainierten Leuten, die viel Erfahrung haben und ihren Körper optimal nutzen, fordert der Klettersport viel Kraft aus den Fingern und Händen. Umso wichtiger ist es sie stärker wahrzunehmen, fit zu halten und gezielt zu trainieren um mögliche Überlastungen vorzubeugen.

Übungen der Finger- und Handgelenke sollten immer individuell abgestimmt werden. Der Körperbau, eher breite oder fragile Gelenke und die eigene Fitness sollten bei der Auswahl der Übungen berücksichtigt werden. Um Beschwerden zu vermeiden, ist es immer wichtig bewusst den ganzen Körper beim Klettern oder Bouldern zu nutzen, sodass die Hände und Finger geringeren Belastungen ausgesetzt sind.

Es ist schon so, dass Leute mit dünnen Fingern anfälliger sind für Verletzungen. Die Überstreckbarkeit der Gelenke erhöht die Verletzungsgefahr. Ein isoliertes Fingertraining unabhängig von der Fingerkraft, lässt die Belastungen beim Klettern deutlich besser verkraften. Mit gutem Fingertraining kann ich vieles kontrollierter machen.“ 

Stärkere Fingergelenke bekommt ihr durch das Trainieren mit Softbällen, Tennisbällen, Therabändern, Finger-Stretchern oder Finger-Strengthenern. Von der Firma Theraband gibt es auch spezielle „Handexerciser“, die ganz gut sind. Natürlich eignet sich immer das Finger- oder Hangboard bei ausreichenden Vorkenntnissen und aufgewärmter Muskulatur. Nach den Belastungen durch das Klettern oder Bouldern könnt ihre eure Finger auch gut mit etwas Fingergymnastik verwöhnen. Dazu eignen sich zum Beispiel mittelgroße Holzkugeln, die ihr durch die Finger spielt.

Um vor allem die Finger zu schonen, werden immer häufiger Tapes verwendet. Doch, dass ist gar nicht mal so gut. Das Tapen von Fingergelenken ist keine gute Idee, wenn keine Verletzungen vorliegen. 

Generelles prophylaktisches Tapen hat in zwei Studien gezeigt, dass es zu mehr Verletzungen führt. Tapen nach einer Verletzung ist natürlich kein Problem. Doch zur Vorbeugung von Verletzungen rate ich, sich darauf zu konzentrieren, dass das Klettern nicht nur mit den Fingern stattfindet. Fingerkraft ist genetisch bedingt. Personen, die viel Fingerkraft haben, sind am Anfang vielleicht bevorteilt, doch dies führt oft zu Kletterbewegungen, die nicht auf den ganzen Körper verteilt sind. Dann kommt es schnell zu Überlastungen der Finger.

Finger und Hände können schnell mal zu viel belastet werden. Gerade Personen, die vor einer kurzen Zeit, vor 1 bis 2 Jahren, mit dem Klettern oder Bouldern begonnen haben, holen zu viel Kraft aus den Fingern und Händen, anstatt den ganzen Körper effektiv zu nutzen. Andauernde Schmerzen nach dem Sport weisen auf akute Überlastungen hin. 

Akute Überlastungen können ein bis zwei Wochen anhalten. Sie sind meist einfach zu behandeln. Durch eine Sportpause und Fingergymnastik lassen sich die Überlastungen schnell beruhigen. Wenn nach zwei Wochen keine Besserung eingetreten ist, sollte es weiter ärztlich abgeklärt werden. Über chronische Beschwerden sprechen wir nach 6-8 Wochen.“ 

Im Klettersport gehören Verletzungen an den Fingergelenken zu den häufigsten Verletzungsarten. Auch Verletzungen an den Händen sind häufiger auf zu hohe Belastungen als auf Stürze zurückzuführen. Durch ständige Überlastungen können sich zudem Knochenödeme in der Hand bilden. 

An Fingerverletzungen gibt es eine ganze Menge. Es können Bänder und Sehnen reißen oder der Kapsel-Band-Apparat durch ungünstige Belastung stark beschädigt werden. Die häufigsten Schäden sind Verletzungen der Ringbänder. Durch einen schwierigen Zug in aufgestellter Fingerposition reißen die Ringbänder ganz oder teilweise. Dies wird häufig von einem hörbaren „Schnalzen“ und im Anschluss durch zunehmende Schmerzen begleitet. 

Die meisten Verletzungen werden konservativ behandelt. Operationen an der Hand bringen immer Spätfolgen mit sich. Nach einer OP sollte die verletzte Hand schrittweise trainiert werden. Bei Fußverletzungen braucht es mindestens ein Jahr. Bei Verletzungen der Hand und Finger geht die Anpassung etwas schneller. Doch können bis zur Vollbelastung bei schwerwiegenderen Verletzungen schon mal drei bis sechs Monate vergehen.

Unsere Finger- und Handgelenke scheinen jetzt sehr anfällig für Überlastungen und Verletzungen zu sein. Doch machen sie auch einige Anpassungsprozesse, die uns vielleicht erst einmal gar nicht so bewusst sind. Bei Kletterinnen und Kletterin ist beispielsweise zu beobachten, dass die Gelenke der Finger dicker werden und somit unsere Seitenbänder an Kraft zunehmen und uns so vor Verletzungen schützen. 

Wir akzeptieren in der Klettermedizin viel mehr Anpassungserscheinungen als die normale Orthopädie. Bevor jemand ein Sportverbot ausspricht, gibt es in der Regel noch viele Möglichkeiten und Wege den Klettersport weiter auszuüben.

So sind verdickte Fingergelenke nicht grundsätzlich ein Problem. Auch Anpassungen an den Händen können toleriert werden. Bei anhaltenden Beschwerden oder langjährigem Klettersport, ist es ratsam eine Person aufzusuchen, die sich gut mit Kletterverletzungen auskennt. Volker Schöffl macht Mut, dass es inzwischen fast in jeder Ecke Hilfe gibt.

Natürlich geht die Behandlung von Hand- und Fingerverletzungen etwas weg von der klassischen Orthopädie. Bei anhaltenden Beschwerden nach Unfällen oder Überlastungen sollte man schauen, wer sich in der Region damit beschäftigt. Oft lassen sich auch in Kletterhallen die entsprechenden Kontakte finden. Ich glaube, dass überall jemand da ist, der weiterhelfen kann. Es gibt auch Unfallchirurgen und Sportmediziner, die mit dem Klettern nichts am Hut haben und sich extrem gut auskennen. Letztes Jahr hatte ich zwei chilenische Handchirurgen hier, die sich in die Klettermedizin einarbeiten wollten. Sie kannten alle Paper und waren extrem interessiert.“ 

Teilweise sind klettermedizinische Erkenntnisse schon in die klassische Orthopädie und Unfallchirurgie integriert. Doch längst nicht alle. Für Interessierte, ob mit Doktortitel oder ohne, haben Volker und Isabelle Schöffl, Christoph Lutter und Thomas Hochholzer das Buch „Klettermedizin – Grundlagen, Unfälle, Verletzungen und Therapie“ im Sommer 2020 herausgebracht. 

Über unsere Fingerkraft entscheiden wir Kletterinnen und Klettern nun doch schlussendlich selbst. Regelmäßiges Training und ein gutes Körperbewusstsein helfen uns die Kraft zu erhalten. 

€ 5 sofort
Für deine nächste Bestellung
Nein, danke.