Fernab vom Boden: Bigwall-Klettern in Patagonien

20. April 2018

Sportart

Bigwall-Klettern!? Ja genau. Die Form von Klettern, bei dem man an diesen großen, hohen Felswänden unterwegs ist! Mit einem Team aus weiteren Kletterern habe ich mich aufgemacht und mich an einigen Felsprojekten probiert, die Patagonien zu bieten hat. Dabei habe ich einiges erlebt, das nicht verschwiegen bleiben darf und ich mit euch teilen möchte. Vielleicht packt das Bigwall-Klettern in Patagonien ja auch jemanden von euch!?

Von schönem Wetter, einer Rettungsaktion und der ersten Höhenerfahrung

Caro North steht mit einem Kletterkollegen vor einer Felswand

Da müssen wir hoch!

An meinem ersten Tag sagt der Wetterbericht gutes Wetter für Cochamo voraus. Ziemlich selten hier in Patagonien: kein Regen, sondern Sonne, Sonne und nochmals Sonne. Ich nehme den Bus von Bariloche nach Chile und laufe dieses wunderbare Tal hoch. Schnell treffe ich alte Freunde wieder und lerne neue kennen. Noch am selben Tag probieren wir ein Projekt; ein super Fingerriss.

Während der erste Tag super verlief, wird es am nächsten Tag etwas dramatischer. Wir helfen alle zusammen bei der Rettung eines Kletterers. Er hat sich den Fuß gebrochen und wir bringen ihn gemeinsam ins Tal.

Am dritten Tag stehen wir früh auf um direkt 25 Seillängen zu klettern. Ich führe die komplette Tour Gardens of the Galaxy auf la Junta hoch. Eine Wahnsinnsserfahrung: Anstrengend, aber auch sehr zufriedenstellend. Mit dem letzten Licht erreichen wir den Gipfel und sind spät in der Nacht wieder an unseren Zelten.

Nach etwas Pause finde ich schon den nächsten Kletterpartner: mit Carlos werde ich am nächsten Morgen zum Monstruo, der am weitesten entfernten und längsten Wand hier in Cochamo, aufsteigen.

Das Monster will erklimmt werden

Caro North ist fast am Berggipfel angelangt und blickt über die Wolken

Hier kann man die Wolken berühren

Es ist wieder ein früher Start für uns. Bevor wir am Monstruo sind, müssen wir zunächst drei Stunden zum Wandfuss, durch Schrofen und vor allem den vertikalen Wald, absteigen. Das ist schon ein Abenteuer in sich und es ist unglaublich beeindruckend wie Nate, der Erstbegeher, diesen Pfad frei geschlagen hat.

Danach beginnt unsere Reise über 1600 m perfekten Granit. Wieder stockt einem der Atem. 28 Seillängen. Ziemlich viel für einen Tag und so ist Schnelligkeit gefragt. Nicht zögern, sondern immer weiter. Ich führe erneut einen Großteil aller Seillängen. Am Ende kommen wir dann an ein Schneefeld, für das wir einen Pickel dabei haben. Wer hätte gedacht, dass hier im Dschungel mal ein Pickel nötig ist! Den Abstieg meistern wir gerade noch mit dem letzten Licht und nach 15,5 Stunden harter Tour sind wir zurück im Camp.

Weiter geht’s

Nach Monstruo gönne ich mir nicht mal einen kompletten Ruhetag. Ich muss die Zeit nutzen, denn es sieht so aus, als ob Regen kommt. Also vorher nochmal schnell eine Bigwall klettern. Gemeinsam mit Chip klettern wir die ersten fünf Seillängen von Positive Affect. Das alles machen wir mit Rucksäcken um anschließend auf dem King Ledge zu biwakieren. Schon hier wird uns bewusst, dass eine harte Route vor uns liegt, denn wir müssen eine anspruchsvolle „stemming corner“-Länge (Verschneidung) überwinden.

Kletterer ist an einer hohen Felswand und ist im Vergleich dazu winzig

An diesen Felswänden sieht alles so winzig aus

Die letzten Tage, das viele Laufen und Klettern, machen sich bei mir bemerkbar, aber die Motivation ist groß und wir geben Vollgas. Die Längen sind technisch und fordern uns. Wir wechseln uns ab und steigen in Blöcken vor bis wir an die vorletzte Seillänge gelangen, die die Schlüsselstelle darstellt.

Bis hier waren die Längen anhaltend schwer, doch ich konnte alle onsighten. Jetzt stehe ich vor der letzten großen Herausforderung: eine steile blanke Verschneidung. Mit viel Druck muss ich Füße und Hände gegen die Wand pressen, um nicht abzurutschen. Dabei werden meine Beine immer müder und ich bin froh in der Mitte ein paar Tritte zu finden und kurz zu ruhen.

Dann heißt es wieder spreizen bis ans Ende, wo dann die Schwierigkeit wartet um aus der Verschneidung raus in einen geschlossenen Riss zu klettern. Ich bringe beide Füsse auf eine Seite, merke wie sie rutschen und meine Hände auch an den kleinen Griffen müde werde. Aber ich möchte nicht aufgeben; ich möchte einfach weiterkämpfen. Beinahe verliere ich das Gleichgewicht und ich kann den Haken vor mir nicht klippen. Egal, weiter! Ich erreiche endlich einen Tritt, kann den Haken auf Kniehöhe klippen und mir etwas Ruhe gönnen, bevor ich dann die letzten Meter bis zum Stand klettere.

Wahnsinn! Ich habe die 5.12b Schlüssellänge von Positive Affect geonsightet! Es ist ein super Hochgefühl, wenn mir etwas gelingt, das ich nicht erwartet hätte und für das ich hart kämpfen musste. Noch eine Seillänge und wir stehen am Ende dieser unglaublich guten Tour. Beim Abseilen verhängt sich unser Seil, ich muss wieder eine Seillänge hochklettern, es wird dunkel und dann setzt der Regen ein.

So kommen wir total durchgeweicht am Wandfuss und im Camp an. Aber das beste ist, dass unsere Freundin Paula Essen für alle gekocht hat. Das ist ein unglaublicher Glücksmoment nach dieser langen Kletterei.

Caro North steht mit einem Kletterkollegen auf dem Berggipfel

Geschafft!

Wer hat an aufhören gedacht?

Der Regen ist nur von kurzer Dauer und so hören wir nicht auf, sondern klettern danach gleich wieder weiter. Wir machen uns an einige Versuche am Projekt und dann hoch ins Amfiteatro um Doña Deborah Dedos. Wir spüren immer mehr die Ermüdung, aber das gute Wetter muss einfach ausgenutzt werden! Zu meinem Erstaunen kann ich die harte Fingerrissseillänge onsighten, allerdings bleibt keine Kraft mehr um die nächste harte Seillänge Rotpunkt zu klettern. So bleibt mir dieses Projekt für das nächste Mal. Überglücklich und komplett platt laufen wir im Regen raus.

Fazit

Meine Bilanz mit über 80 Seillängen (die meisten im Vorstieg), 3 Bigwalls und onsight von Positive Affect ist beeindruckend und überrascht mich selbst. Woher nehme ich diese Energie? Wahrscheinlich aus meiner unglaublich großen Motivation. Und alle diese Touren gelangen mir mit meinem Scarpa Maestro. Ich bin vollkommen begeistert von dem Schuh!

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