Big Wall Light Teil 3 – Technik und Taktik

21. August 2019

Sportart

Il Grande Incubo, Monte Brento. H. Neubert

Viele werden sagen, Bigwall-Klettern sei eine reine Materialschlacht, hätte wenig mit Klettern zu tun. Allerdings ist Bigwall-Klettern ein weites Feld. Es schließt selbstverständlich Freikletterei mit ein, und den Gedanken, sich leicht und schnell bewegen zu wollen. In meinem Beitrag geht es um einen eher minimalistischen Stil. Die hier beschriebene Herangehensweise eignet sich nicht für extreme Technorouten, dafür umso besser für Routen, in denen man immer wieder zwischen verschiedenen Kletterstilen und Sicherungstechniken wechseln muss.

Als Beispiele aus dem eigenen Tourenbuch könnte ich einen schnellen Durchstieg der Route „Il Grande Incubo“ (6b, A3, 32 SL, 1200 m) am Monte Brento nennen (in 1,5 Tagen). Oder eine Winterbegehung der Route „Weg durch den Fisch“ (6c, A3, 37 SL, 1220 m) in der Marmolada Südwand. Bei solchen und vielen anderen Projekten darf man nicht in starren Kategorien denken. Vielmehr muss man bereit sein, seine Technik und Taktik immer wieder aufs Neue an die Gegebenheiten anzupassen. Deshalb gibt’s hier auch kein Schema F, sondern eine Auswahl an Vorschlägen und Anregungen, mit Spielraum zum Mitdenken. Bitte auch die ersten beiden Beiträge dieser Serie lesen – sie enthalten wichtige Informationen!

Big Wall Light Teil 1 – Allgemeine Infos

Big Wall Light Teil 2 – Die Ausrüstung

Taktik – ein paar Grundsätze

Freikletterei mit Haulbag am Rücken, Il Grande Incubo, Monte Brento.

Man klettert idealerweise in einer Zweier-Seilschaft. Alles andere macht die Sache recht kompliziert. Überschlagend klettern ist keine gute Idee – Blockvorstieg ist viel effizienter. Wer vor- und wer nachklettert und wann gewechselt wird, muss situativ entschieden werden. Klettert man mit leichtem Gepäck, ist man in der Regel schneller und somit weniger lang unterwegs. Also müssen auch weniger Wasser und Essen mit auf die Reise, was die Sache noch einmal verstärkt…

Alles Gepäck sollte ohne große Probleme auf einmal bewegt werden können. Und das nicht nur zum Wandfuß, sondern auch im einfachen Klettergelände. Gehen wir von einer Mehrtagestour aus, mit ein bis zwei Biwaks: Hier sollte man mit einem leichten Haulbag (ca. 50 l) sowie einem zusätzlichen kleinen Kletterrucksack (ca. 20 l) auskommen.

Leicht unterwegs am Lost Arrow Spire, Yosemite Valley. Foto: M. Schuster

Das geht, wenn man sich beim Wasser und Biwakmaterial etwas zurücknimmt und darüber hinaus den Grundsatz „Kleinvieh macht auch Mist“ beherzigt!

Überschreitet man diese Gepäckmenge nicht, hat man viele Vorteile auf seiner Seite. So kann man sich im leichten Klettergelände, wo man niemals haulen würde, zügig und halbwegs sicher bewegen. Beispielsweise im Schrofen- oder Blockgelände, bei geneigten Platten oder an einem Gipfelgrat.

Ist das Gelände steil und schwierig, wird natürlich gehault. Der Nachsteiger kann den Rucksack bei sich behalten, dann hat er schnellen Zugriff auf den Inhalt. Ist Platz im Haulbag, kann er ihn alternativ dort verstauen. Einen dafür geeigneten Rucksack kann man auch mal unter den Haulbag clippen. Logischerweise wird auch das Haulen stark vereinfacht, wenn man mit leichtem Gepäck unterwegs ist. Es ist dann beispielsweise möglich, dass der Vorsteiger nachsichert und parallel hault. So lässt sich viel Zeit sparen (sofern der Nachsteiger klettert und nicht jümart).

Die Abläufe bei einer Bigwall-Begehung

The Shield, Voralptal. Foto: F. Miller

Je nach Art der Kletterei können die Abläufe und damit verbundenen Techniken komplett unterschiedlich ausfallen. Will man eine Route frei klettern, hat man wahrscheinlich gar kein Material zum Technischen Klettern dabei. Bei einer Tagestour ist man möglicherweise ohne Haulbag unterwegs.

Hier bleibe ich aber beim Beispiel einer moderaten Mehrtagestour, bei der Teile der Route technisch geklettert werden. Wir gehen auch davon aus, dass die Route gleich mit steiler, schwieriger Kletterei beginnt. Also nicht mit einem einfachen Wandvorbau oder Ähnlichem.

Haulbag vorbereiten

  • Träger innen verstauen, Bauchgurt auch (falls man ihn überhaupt dabei hat).
  • Biwakzeug nach unten. Was man tagsüber brauchen könnte, eher nach oben.
  • Harte Gegenstände sollten nicht am Außenmaterial des Haulbags anliegen, sonst wird dieses dort möglicherweise durchgescheuert. Am besten mit einer Isomatte polstern.
  • Haulseil (ggf. auch Lower-Out-Line) mit Wirbel und Schrauber am Haulbag fixieren. Bei Bedarf schützt man den Knoten des Haulseils mit dem Flaschenhals einer PET-Flasche gegen Abrieb.

Vorbereitungen des Vorsteigers

  • Hardware am Gurt (ggf. auch an der Gearsling) sortieren.
  • Petzl Connect Adjust Selbstsicherungsschlinge und/oder Metolius Easy Daisy Positionierungsschlinge(n) am Gurt anbringen. Üblicherweise werden die Daisies durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse mit Ankerstich eingeschlauft. Dabei zieht es allerdings Beinschlaufen und Bauchgurt zusammen, was unangenehm sein kann, wenn der Gurt eng sitzt. Alternativ kann eine Easy Daisy im Anseilring eingeschlauft werden. Bei der Verwendung von zwei Easy Daisies am besten beide in einem Ankerstich vereinen. Dann laufen sie aus einem Punkt heraus.
  • Transport des Haulseils am Klettergurt. Foto: F. Miller

    Im einfachen Aid-Gelände einzelne Leiter, die nicht mit der Easy-Daisy verbunden wird.

  • Im schwierigeren Aid-Gelände zwei Leitern. Bei schlechten Fixpunkten und Cliff-Zügen clippt man die Easy-Daisy-Schlingen mit deren Karabiner in die Karabiner der Leitern.
  • Bei Bedarf auch Fifi-Haken mit kleiner Bandschlinge am Klettergurt fixieren (mit Ankerstich). Entweder durch den Anseilring oder durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse. Letzteres macht aber nur Sinn, wenn man auch die Easy Daisy(s) auf diese Weise am Gurt fixiert hat.
  • Haulseil vorbereiten: am Seilende Sackstichschlaufe knüpfen und leichten Schnapper einhängen. Seil in Klemme (Spoc/Micro Traxion) einlegen. Klemme mit Ovalkarabiner in eine der hinteren Materialschlaufen oder sofern vorhanden in die „Haul Loop“ des Klettergurts clippen.
  • zusätzlich Ropeman oder Ropeman 2 fürs Bodyhauling mitführen. Zum Greifen ein dünner Leinen Ropeman 2 + kleine Griffschlinge (s. u.).
  • Kletterseil mit Achterknoten einbinden: Je nach dem, wie man seine Schlingen und Fifi angeordnet hat, entweder mit ganz kleinem Auge in den Anseilring oder, wie allgemein empfohlen, direkt durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse.

Vorstieg: Technisches Klettern mit zwei Leitern

Vorstieg mit zwei Leitern am Lost Arrow Spire, Yosemite Valley. Foto: M. Schuster

Die Standard-Technik, die auch für heiklere Passagen geeignet ist. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen. Bei Haken clippt man in der Regel eine Exe. Ansonsten, z. B. bei Cams und Keilen, versucht man mit einem einzelnen Schnapper auszukommen (zumindest bei geradem Seilverlauf). Das Seil noch nicht clippen.
  • Erste Leiter einhängen. Bei Exen in den oberen Karabiner, bei Cams am besten direkt in die Drahtschlaufe des Stegs.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens, wenn die Hüfte auf Höhe des ersten Fixpunktes ist, ggf. Seil clippen.
  • Muss man im steilen Gelände einen Fixpunkt anbringen, hängt man sich am besten mit dem Fifi im letzten Fixpunkt ein und steigt in der Leiter möglichst hoch. So hat man die Hände frei zum Arbeiten. Hat man keinen Fifi, kann man beispielsweise mit einer Easy Daisy improvisieren.
  • Im geneigten Gelände kann man ohne sich zu fixieren in der Leiter stehen und bei Bedarf bis zur obersten Stufe hochsteigen. Dabei hält man sich zunächst an der Leiter fest und nützt später natürliche Griffe.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die zweite Leiter einhängen.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In die zweite Leiter steigen.
  • Die erste Leiter aushängen und das Kletterseil in den ersten Fixpunkt clippen (sofern noch nicht geschehen) bzw. den Fixpunkt zusammen mit der Leiter entfernen, wenn er nicht als Sicherung benötigt wird.
  • In der zweiten Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Vorstieg: Technisches Klettern mit einer Leiter und einer Easy Daisy

Vorstieg mit einer Leiter und einer Easy Daisy am Half Dome, Yosemite Valley. Foto: F. Miller

So lassen sich einfache, kürzere Aid-Passagen unkompliziert überwinden. Voraussetzung ist, dass die Fixpunkte einem leichten Zug nach außen standhalten. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen.
  • Leiter einhängen.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den zweiten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens ggf. Seil clippen.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die Easy Daisy einhängen.
  • Easy Daisy straffen und Gewicht auf die Easy Daisy übertragen.
  • Leiter am ersten Fixpunkt aushängen und Seil clippen (sofern noch nicht geschehen).
  • Leiter im zweiten Fixpunkt einhängen (neben der Easy Daisy).
  • In die Leiter stehen.
  • Easy Daisy wieder aushängen und verlängern.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Testen von Fixpunkten 

Das Testen von Fixpunkten mittels „Bounce Test“ wird bei zweifelhaften Fixpunkten angewandt, insbesondere wenn ein Ausbrechen des Fixpunktes zu einem gefährlichen Sturz führen könnte. Die Idee: Übersteht ein Fixpunkt den „Bounce Test“, wird er danach auch das Körpergewicht tragen. Bricht ein Fixpunkt beim Testen aus, soll der darunterliegende Fixpunkt einen Sturz ins Seil verhindern. Bei beiden hier beschriebenen Varianten beginnt man mit vorsichtigem Testen und steigert die Intensität dann langsam. Liegt ein Fixpunkt über dem Kopf und bricht beim Testen aus, kann es passieren, dass er im Gesicht landet. Also nicht hochschauen!

Variante 1 – Bounce Test mit Daisy Chain (oder ähnlichem): Man clippt die Daisy Chain in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit der Hüfte nach unten wippt. Für hartes Testen sind „Adjustable Daisies“ wie die empfohlene Metolius „Easy Daisy“ weniger geeignet. Allerdings zielen die hier beschriebenen Techniken auch nicht aufs extreme Techno-Klettern ab.

Variante 2 – Bounce Test mit Leiter: Man clippt die Leiter in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit einem Fuß schwungvoll in die Leiter tritt. Für diesen Test sind lange Leitern wichtig, sofern die Fixpunkte in einem größeren Abstand übereinander liegen. Mit kurzen Leitern wird man eher Variante 1 anwenden. Außer natürlich bei Querungen, wo die Fixpunkte nebeneinander liegen…

Backcleanen

Backcleanen bedeutet, dass der Vorsteiger von ihm angebrachte Sicherungen wieder entfernt. So kann er Material sparen und Seilreibung reduzieren. Dabei sollte klar sein, dass entscheidende Sicherungen in der Wand bleiben müssen! Die schnelle Variante: Anstatt das Seil in den letzten Punkt zu clippen, diesen direkt wieder entfernen. Dies bietet sich beispielsweise bei Cams in langen Rissen an. Die sichere Variante: Zunächst eine absolut sichere Zwischensicherung einrichten (ggf. mehrere Punkte verbinden). Daran wird der Vorsteiger ein Stück weit abgelassen. Beim Wiederaufstieg entfernt er dann das Material, welches unterhalb seiner letzten, absolut sicheren Zwischensicherung liegt.

Pendelquergänge

Pendelquergang in der Route The Shield, Voralptal. Foto: M. Schuster

Die Technik, wenn es auf direktem Wege nicht mehr weiter geht: Der Vorsteiger wird über die letzte, hoffentlich solide Zwischensicherung ein Stück weit abgelassen. Nun pendelt er hin und her, um die nächste kletterbare Struktur zu erreichen. An dieser klettert er weiter – zunächst allerdings, ohne das Seil zu clippen! Nur so bleibt der Seilzug im grünen Bereich und der Nachsteiger kann die Passage ohne Schwierigkeiten „cleanen“.

Standplatz einrichten

Wir bleiben bei der Annahme, dass der Nachsteiger jümart und dass gehault wird. Der Standplatz sollte so aufgebaut werden, dass nicht alles an einem Zentralpunkt hängt. Stattdessen sollten die Aufhängungen fürs Haulseil und fürs Seil, das zum Nachsteiger führt, mit etwas Abstand nebeneinander liegen.

Die simpelste Variante eines Bigwallstandes. Die Vorraussetzung für diesen Aufbau sind zwei solide Bohrhaken. Foto: F. Miller

Bei schweren Haulbags wird der Punkt an dem gehault wird, stärker belastet als der Punkt, an dem das Seil fürs Jümarn fixiert ist. Allerdings sind wir mit leichtem Gepäck unterwegs und wählen deshalb einen etwas anderen, vereinfachten Aufbau, der nicht dem typischen Bigwall-Standplatz entspricht!

Das Ganze in Schritten:

  1. Man fixiert sich mittels Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge in einer guten Arbeitsposition (sofern man nicht zufällig auf einem breiten Band steht).
  2. Einen soliden Zentralpunkt einrichten. Es gelten im Wesentlichen die gleichen Kriterien wie beim Alpinklettern. Allerdings sollte man daran denken, dass sich manche Knoten in dünnen Bandschlingen bzw. Reepschnüren extrem zuziehen, wenn daran gejümart wird. Also Techniken bzw. Materialien verwenden, die sich wieder gut lösen lassen.
  3. Kletterseil im Zentralpunkt mittels Mastwurf fixieren als „lange Selbstsicherung“, die einem noch genug Spielraum zum Arbeiten lässt. Man hängt am Standplatz also nicht im Kletterseil, sondern in der Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge.

Die weiteren Abläufe

Haulbag hoch über dem Sarcatal. Foto: M. Schuster

Die weiteren Abläufe sind variabel und müssen vorher im Team abgesprochen werden, damit es in der Wand keine Unklarheiten und kein unnötiges Geschrei gibt. So muss beispielsweise folgende Reihenfolge klar definiert werden: Zuerst wird das Kletterseil so fixiert, dass daran gejümart werden kann, und erst dann wird der Haulbag nachgezogen. So kann man genaugenommen ohne weitere Seilkommandos auskommen – ein großes Plus bei starkem Wind!

Variante 1: Seilkommando: „Stand, Seil fix!“ Der Vorsteiger beginnt mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Die simpelste und sicherste Variante. Nachteil: Der Nachsteiger muss das ganze Seil mitführen.

Variante 2: Seilkommando: „Stand!“ Der Vorsteiger zieht das Restseil ein und fixiert das Seil, das zum Nachsteiger führt, mit einem weiteren Mastwurf und einem weiteren Schrauber im Zentralpunkt. Seilkommando: „Seil fix!“ Dann beginnt der Vorsteiger mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Der Nachsteiger muss nicht unnötig viel Seil mitführen. Nachteil: etwas kompliziertere Abläufe. Evtl. fehlt dem Nachsteiger Seil für einen „Lower out“ (s. u.).

Haulen

Haulbag hängt an der Klemme Spoc von Edelrid. Foto: F. Miller

Zentrales Teil des Aufbaus ist ein Gerät wie Petzl Micro Traxion oder Edelrid Spoc, das Seilrolle und Seilklemme vereint. Dargestellt ist hier der Spoc, weshalb ich in der folgenden Beschreibung auch diesen Begriff verwende, stellvertretend für alle Geräte dieser Art.

Das Ganze in Schritten:

  1. Der Vorsteiger wählt/baut eine zuverlässige Aufhängung für den Spoc – am besten seitlich des Zentralpunkts – und hängt das Gerät dort ein.
  2. Der Vorsteiger fixiert das Ende des Haulseils am Stand und zieht das überschüssige Haulseil durch den Spoc (Haulseil ggf. in Schlingen am Stand anhängen).
  3. Der Nachsteiger löst den Schleifknoten, der den Haulbag bis dahin hielt (s. u.), und hält den Haulbag in der HMS.
  4. Der Vorsteiger strafft das Seil und baut Zug auf (zunächst von Hand).
  5. Der Nachsteiger überträgt die Last aufs Haulseil. Bei schrägem Seilverlauf gibt er langsam weiter Seil aus, um ein Pendeln des Sacks zu vermeiden.
  6. Gleichzeitig zieht der Vorsteiger den Haulbag auf.

So wird am Haulseil gezogen (Haulbag hängt bereits am Spoc):

  • Leichter Haulbag, griffiges Haulseil: einfach per Hand ziehen.
  • Leichter Haulbag mit Rapline als Haul-Line: Ropeman 2 mit Griffschlinge ins „Lastseil“ einlegen. Mit einer Hand durch die Griffschlinge fahren, so dass diese am Handgelenk liegt. Der Zug erfolgt nun hauptsächlich über diese Konstruktion. Gleichzeitig zieht die andere Hand am „unbelasteten Seil“, welches aus dem Spoc ausläuft.
  • Schwerer Haulbag: „Body-Hauling“. Dafür Ropeman ins „unbelastete Seil“ einlegen, welches aus dem Spoc ausläuft, und in die Anseilschlaufe des Gurts clippen. Nun wird mit der Hüfte gezogen.

Wenn der Haulbag am Stand angekommen ist:

  1. Einige cm Seil zwischen Spoc und dem Knoten der Haulbag-Aufhängung lassen.
  2. Haulbag mit HMS und Schleifknoten neben dem Zentralpunkt fixieren. Dafür nimmt man, je nach Setup, das restliche Haulseil, welches von der Aufhängung des Haulbags nach unten hängt, oder die Lower-Out-Line des Haulbags.
  3. Last vom Spoc auf die neue Aufhängung übertragen. Dafür Zähne des Spoc wegklappen. Das gelingt, in dem man den Haulbag ein kleines Stück (es reicht 1 cm) weiter hault und gleichzeitig die Zähne des Spoc wegklappt und arretiert.
  4. Spoc ausbauen, am Ende des Haulseils wieder einbauen und an den Klettergurt des Vorsteigers clippen, für den Vorstieg der nächsten Länge.

Nachstieg

Es kommen verschieden Varianten in Frage:

  1. Der Nachsteiger klettert alles. Diese Variante eignet sich für eher einfaches Gelände mit viel Freikletterei oder auch für komplett eingerichtete „Hakenleitern“. Die Seilschaft braucht in diesem Fall kein Jümar-Kit dabei zu haben und die Abläufe sind unkompliziert. Ggf. muss improvisiert werden, z. B. wenn der Vorsteiger zur Fortbewegung benötigte Fixpunkte wieder entfernt hat („Backcleaning“ oder Fortbewegung an Cliffs).
  2. Der Nachsteiger jümart alles. Diese Variante eignet sich am besten für schwieriges Techno-Gelände. Der Nachsteiger kann bequeme Schuhe tragen und sich beim „Cleanen“ eigenständig in die jeweils beste Arbeitsposition bringen. Der Vorsteiger kann in Ruhe haulen, ohne sich um den Nachsteiger kümmern zu müssen.
  3. Der Nachsteiger wechselt je nach Gelände zwischen der 1. und 2. Variante – wenn nötig auch innerhalb einer Seillänge.

Jümarn

Jümarn in der Headwall der Salathe, El Capitan. Foto: F. Miller

Für den Aufstieg am Seil gibt es unzählige Techniken, Varianten und persönliche Vorlieben. Ich beschreibe hier ein modulares System, das sich ganz einfach anpassen, erweitern und auch abwandeln lässt. Es kommen zwei Handsteigklemmen zum Einsatz, eine für links und eine für rechts (unterschiedliche Ausführungen!). Für das hier beschriebene Setup ist es wichtig, dass unterm Griff der Klemmen jeweils zwei Karabiner eingeclippt werden können. In vielen Fällen geht das nicht, weil ein Loch zu klein bzw. der verwendete Karabiner zu massiv ist. Also das erst mal checken!

Achtung: Eine Handsteigklemme darf nicht als vollwertige Sicherung verstanden werden. Man muss immer an mindestens zwei Klemmen gesichert sein. Also müssen auch die Verbindungen der Klemmen zum Klettergurt sicher sein. Ist das nicht der Fall, z. B. weil man Easy Daisies o. Ä. einsetzt, braucht man zusätzlich ein Backup-System. Gleiches gilt fürs „Cleanen“, wo man die obere Klemme immer wieder vom Seil nimmt (s. u.).

Basis-Setup: Dieser simple Aufbau ist gut geeignet für senkrechtes und überhängendes Gelände und ermöglicht ein motorisch einfaches Aufsteigen am Seil.

Jümarn mit Basis- Setup. Foto: F. Miller

  • Rechte Klemme oben, Verbindung zum Klettergurt am besten mit Petzl Adjust Schlinge.
  • Rechter Arm leicht angewinkelt beim Hängen im Gurt.
  • Linke Klemme darunter, Verbindung zum Klettergurt z. B. mit 60-cm-Dyneema-Bandschlinge und Schrauber.
  • Trittschlinge in die linke Klemme.

Erweiterung mit zweiter Trittschlinge: So kann man im geneigten Gelände schnell und effizient Aufsteigen. Motorisch schwieriger, besonders, bis man voll im Seil hängt.

  • Last primär in den Trittschlingen, Füße bewegen sich wie beim Treppensteigen höher.
  • Kein Absitzen in den Klettergurt, außer bei Pausen.
  • Position der Klemmen am Seil ist tiefer, die Arme sind stärker angewinkelt.

Backup T Bloc. Foto: F. Miller

Erweiterung mit Backup-System Variante T-Bloc: Diese Technik verwende ich für heikle Jümar-Passagen (z. B. Fixseile durch Dächer) oder wenn die Verbindung zu den Handsteigklemmen nicht sicher ist oder auch beim Cleanen. Ein großer Vorteil dieses Backup-Systems ist, dass es sehr gut am Seil mitläuft.

  • T-Bloc der ersten Generation gleitet bei dicken Seilen besser nach oben. Bei dünnen Seilen eignet sich das T-Bloc der zweiten Generation besser.
  • Einen Ovalkarabiner mit möglichst rundem Profil verwenden.
  • Als Verbindung zum Klettergurt eine 30-cm-Dyneema-Bandschlinge verwenden, damit man etwas Spiel hat.
  • Bei Verwendung eines T-Bloc der ersten Generation ist es in dieser Anwendung nach meinen Erfahrungen besser, den T-Bloc so einzuhängen, dass das Seil außerhalb des Karabiners liegt.

Cleanen

Beim Cleanen in der Salathe Wall, El Capitan. Foto: F. Miller

Beim Bigwall-Klettern bedeutet cleanen, dass der Nachsteiger die Zwischensicherungen entfernt und mitbringt. Folgende Technik hat sich dabei bewährt (wobei sie im stark überhängenden Gelände auch an ihre Grenzen stößt): Erreicht der Nachsteiger eine Zwischensicherung, verlagert er die Last auf die untere Klemme, hängt die obere Klemme aus und hängt sie oberhalb Zwischensicherung wieder ins Seil. Nun hängt sich der Nachsteiger in die obere Klemme und entfernt die Zwischensicherung.

Während des Umhängens der oberen Klemme hängt man also nur noch in der unteren Klemme. Wie bereits erwähnt, ist deshalb ein Backup-System notwendig. Üblich ist, das lockere Seil in großen Schlaufen an den Anseilring des Gurtes zu hängen (mittels locker geknüpfter Sackstichschlaufe und Schrauber). So wird die mögliche Sturzstrecke reduziert, sollte(n) die Klemme(n) aus irgendeinem Grund versagen. Mit solchen Seilschlaufen als Backup sind allerdings immer noch weite Stürze möglich.

Die Zwischensicherung (blaue Exe) befindet sich nach dem Umhängen der oberen Klemme nun zwischen den beiden Klemmen. Foto: F. Miller

Kleine Seilschlaufen bringen wiederum den Nachteil mit sich, dass das nötige Seilgewicht unter den Klemmen fehlt, um diese mitschieben zu können. Das Hochschieben der unteren (linken) Klemme ohne Zuhilfenahme der rechten Hand ist dann gar nicht so einfach (der Trick ist, die Zähne der Klemme mit dem Daumen etwas wegzuklappen). Zum gleichen negativen Effekt führt ein Grigri, das von manchen als (zusätzliches) Backup am Seil mitgeführt wird. Mein Ansatz ist deshalb die Verwendung des zuvor beschriebenen Backup-Systems mit T-Bloc. Unabhängig vom Backup-System sollten die Seilschlaufen nicht allzu weit herunterhängen, da sie sich beispielsweise an Felsschuppen verhängen können. Insbesondere bei starkem Wind!

Ergänzung: Es besteht auch die Möglichkeit, zu cleanen ohne im Seil eingebunden zu sein. Dies erleichtert den Aufstieg am Seil und ist beispielsweise in einem Gelände vorteilhaft, wo das Mitziehen der Seilschlaufen nicht praktikabel wäre. Nach dem Cleanen einer Länge wird das Seil dann nachgezogen und der Nachsteiger bindet sich wieder ein. Für eine sichere Anwendung muss ein Backup-System mit zusätzlicher Seilklemme (T-Bloc) und Stopp-Knoten (Sackstichschlaufe) unter der Klemme gewährleistet sein. Achtung: Wegen des vorübergehenden Ausbindens ist diese Variante potenziell fehleranfällig!

Lower out: Diese Technik ist wichtig, um Quergänge mit größeren Abständen zwischen den Zwischensicherungen bzw. Pendelquergänge zu cleanen. Prinzip dieser Technik: Der Nachsteiger lässt sich mittels einer großen Schlaufe des Restseils an einem Fixpunkt ab, der in der Wand belassen wird. So wird ein unkontrolliertes Pendeln vermieden. Eine ausführliche Beschreibung gibt’s in diesem Clip von Supertopo.

Cleanen von Dächern und Quergängen mit vielen Zwischensicherungen: Für solche Passagen, die sich mit Jümarn (wie oben beschrieben) nur schlecht cleanen lassen, gibt es folgende Alternativen:

  1. Jümarn mit Grigri. Aufbau des Systems. Foto: F. Miller

    Der Nachsteiger klettert.

  2. Jümarn mit Grigri. Bei dieser Technik handelt es sich um eine Mischform aus der klassischen Jümar-Technik und einem Selbstflaschenzug. Der Nachsteiger hängt dabei im Grigri (mit Safelock-Karabiner!). Das auslaufende, lockere Seil wird an der linken Handsteigklemme umgelenkt (es wird nur eine Klemme verwendet). Außerdem wird eine Trittschlinge an der Handsteigklemme eingehängt. Mit welchem Fuß man in die Trittschlinge geht, spielt bei diesem Aufbau keine entscheidende Rolle. Beim Aufstieg hat man die linke Hand an der Klemme und zieht mit der rechten Hand am lockeren Seil nach unten.

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

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