Big Wall Light Teil 1 – los geht’s!

19. August 2019

Sportart

Der Yosemite National Park in Kalifornien beherbergt einige traumhafte „Big Walls“, wie den El Capitan oder den Half Dome, dessen Nordwestwand hier erklommen wird.

Fasziniert vom Klettern in großen, schwierigen Wänden, wollte ich schon lange etwas zu diesem Thema schreiben. Aber keinen Erlebnisbericht oder Ähnliches, sondern einen Fachbeitrag mit ausgewählten Techniken, Tipps und Tricks, die sich bei meinen Touren bewährt haben. Die allermeisten Kletterer werden bisher noch keinen Kontakt zum Bigwall-Klettern gehabt haben. Wer sich aber fürs ambitionierte Alpinklettern interessiert, wen die Ausgesetztheit steiler Wände reizt und wer von den großen Routen des El Capitan träumt, der ist hier richtig.

Wenn ich mein Zeug packe für eine Bigwall-Route, gibt es in meinem Kopf eine klare Struktur. Über dieses komplexe, äußerst umfangreiche Thema zu schreiben, ist für mich hingegen viel schwieriger. Deshalb grenze ich es erst mal ein. „Big Wall Light“ – das klingt vielleicht bescheuert, aber es passt als Titel für diesen Beitrag ganz gut. Denn ich will einen leichten, reduzierten Stil beschreiben, der zwischen dem klassischen Alpinklettern und dem, nennen wir es „amerikanischen Bigwall-Klettern“ angesiedelt ist.

Mit dem „amerikanischen Bigwall-Klettern“ ist ein üppigerer Stil gemeint, der sicher für manche Routen erforderlich ist. Er ist aber auch mit einer gewissen Trägheit verbunden. Darüber hinaus soll ein einfacher Zugang zum Bigwall-Klettern vermittelt werden, ohne allzu große Hürden. Soll heißen: Man braucht nicht gleich ein Portaledge, es muss auch nicht zwingend alles Ersparte in dubiose Spezial-Hardware investiert werden, die am Ende dann doch kaum mehr hält als ihr Eigengewicht. Für die „Nose“ zum Beispiel hatten Flo und ich nur einen 16-l-Rucksack dabei und waren pünktlich zum Abendessen wieder zurück am Campingplatz.

Auch in den Alpen gibt es einige Felsen, die für Big Wall Kletterer ideal sind.

Okay, ganz so einfach ist es dann vielleicht doch nicht. Dieser Beitrag ist für Leute gedacht, die sich bereits beim Alpinklettern bewährt haben und die sich – zumindest gedanklich – schon einmal mit dem Thema beschäftigt haben. Die gängigen Sicherungstechniken, der Umgang mit Seilklemmen usw. müssen sitzen, bevor man in große Wände einsteigt.

Ein gewisses handwerkliches Geschick kann auch nicht schaden. Außerdem sollte man sich dem Thema „Behelfsmäßige Bergrettung Fels“ widmen. Dabei entwickelt sich ein gutes Verständnis für kompliziertere Seiltechniken und man lernt zu improvisieren, wenn es einmal klemmt.

Mein persönlicher Zugang zum Bigwall-Klettern erfolgte in ganz kleinen, nicht immer zielführenden Schritten. Die meisten Techniken haben Lukas und ich uns in jungen Jahren irgendwie selbst erarbeitet. Erst später erhielten wir als Mitglieder des DAV Expeditionskaders eine halbwegs seriöse Bigwall-Ausbildung. Allerdings standen für mich damals immer andere Themen – klassischer Alpinismus, Eisklettern, die Bergführerausbildung – im Vordergrund. Nach jeder Bigwall-Aktion hatte ich erst einmal die Schnauze voll vom Schleppen schwerer Säcke, dem Kuddelmuddel mit dem ganzen Material und dem langsamen vorankommen. Es lief nicht rund. Wir waren damals zwar stark, aber technisch und taktisch einfach nicht gut genug.

Mittlerweile läuft es deutlich besser. Bigwall-Klettern steht in meiner Wahrnehmung nicht mehr für Schinderei, sondern für eine große Spielwiese. Darüber hinaus ist es für mich ein entscheidendes Puzzleteil beim Erfüllen von Bergträumen. Entscheidend für diese Entwicklung war nicht zuletzt, dass es mir Freude bereitet hat, mein System über viele Jahre hinweg immer weiter zu optimieren. Klar, es ist noch nicht perfekt und das wird es auch nie sein. Aber ich denke, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt guten Gewissens ein paar Erfahrungen teilen kann.

Das Big Wall Klettern will geübt sein: Kraft allein reicht nicht. Die richtige Technik und Taktik sind mindestens genauso wichtig. Foto: M. Schuster.

Mein Beitrag soll in vier Teilen erscheinen. Nach dieser Einführung wird es im zweiten Teil konkreter: Es geht dort um die Zusammenstellung der wichtigsten Ausrüstung. Teil Drei trägt den Titel „Technik und Taktik“. Hier wird es spannend (hoffe ich). Im vierten Teil – „Gebiete, Ziele, Routenempfehlungen“ – beschreibe ich ein paar ausgewählte Gebiete in den Alpen (und darüber hinaus). Parallel empfehle ich folgende Literatur:

  • How to Big Wall Climb, Chris McNamara, Supertopo Verlag (englischsprachig)
  • DAV Alpin Lehrplan 5 – Klettern – Sicherung und Ausrüstung, Chris Semmel, blv Verlag

Gute allgemeine Informationen finden sich auch in folgenden beiden Lehrschriften:

  • Alpinklettern, Peter Albert, Bruckmann Verlag
  • Handbuch Ausbildung des Deutschen Alpenvereins

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

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