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Korsika: Der GR20 von Conca bis Vizzavona in 7 Tagen 

12. September 2019
Die Bergfreunde

… mit kurzem Ausblick auf den Mare a Mare Nord von Vizzavona bis Moriani Plage

Fünf Bergfreunde und ein “Mitläufer” (im wahrsten Sinne des Wortes) machen sich auf die Reise: Britta, Joana, Sandra, Adrian, Hannes und Hannes. Die anfängliche Idee, den GR20 nordwärts zu wandern, kommt von Hannes (also dem Bergfreund, nicht dem Mitläufer). Da wir aber alle gerne draußen sind, hin und wieder ein bisschen Abenteuer und Herausforderung suchen und gerne Zeit in toller Gesellschaft verbringen, braucht es nicht viel Überzeugungskraft, den Rest von dieser Idee zu begeistern.

Wir beschließen also, mit dem Flixbus nach Nizza zu fahren, von dort mit der Fähre nach Porto Vecchio und schließlich von Batia über Genua auf dem selben Weg zurück. Um Kartenmaterial und Wegplanung kümmert sich Hannes (wieder der Bergfreund ;)).

Und dann kann es losgehen!

Tag 1: Conca – Ref de Paliri

Wir starten direkt an einem Campingplatz in Conca. Über die Asphaltstraße dorthin nimmt uns der Shuttle Service des Campingplatzes mit. Somit sparen wir uns die ersten zähen Kilometer auf heißem korsischem Asphalt. 

Los geht es mit der für uns ersten und für alle Entgegenkommenden letzten Etappe. Man sieht einige bandagierte Knie, Beine bedeckt mit einer Mischung aus Schweiß und Dreck, aber hin und wieder auch einen etwas leichtfüßigeren Gang, mag auch am weniger schweren Rucksack liegen. Wir machen die ersten Höhenmeter und blicken uns regelmäßig zu dem in weite Ferne rückenden Meer um.

Genau richtig zur Mittagspause erreichen wir eine herrliche Gumpe, bei der wir ausgiebig baden und essen. Das sorgt im Nachhinein für unrealistische Erwartungen an den Rest der Strecke, denn es sollte die schönste Gumpe auf dem ganzen südlichen GR20 gewesen sein. Auch die Aussicht beim abendlichen Tütenessen ist der Hammer und wir haben nachher selten an schöneren Refugios gecampt/biwakiert, obwohl wir nur kaltes Bachwasser zum Waschen haben.

Tag 2: Ref de Paliri – Ref d’Asinao

Am nächsten Tag erwartet uns ein sehr leckeres zweites Panini-Frühstück in Col de Bavella. Ein Traum aus Baguette, Ziegen- und Bergkäse! 

Weiter geht’s auf dem GR20 (es gibt auch eine alpine Variante von Bavella aus) und wir brechen die erste große Tube Sonnencreme an. Das Buff und das T-Shirt in Bachwasser zu tränken schafft Linderung vor der stechenden Sonne. Am Basecamp ähnlichen Refugio – überall leere Gaskartuschen, leerstehende Zelte und einen Haufen an Müll – müssen wir noch einen Rucksack mit Schnüren und Karabiner flicken, der an der unteren Befestigungsnaht des Schultergurtes anfing zu reißen. Das hält sogar bis zum Ende des Urlaubs!

Tag 3: Ref d’Asinao – Biwakplatz am Fluss

Gut, dass wir am nächsten Morgen früh aufstehen und noch etwas kühlere Morgenluft haben. Zum Frühstück gibt’s nämlich Porridge und ein paar anstrengende Höhenmeter! Und als die gerade verdaut sind, gibt es ein Omelett aus 24 (!) Eiern zur weiteren Stärkung. Das ist gut für die Seele, auch wenn der Rucksack dadurch nicht leichter wird.

Uns wurde schon prophezeit, dass es nach 2 Refugios einen fantastischen Biwakplatz am Fluss geben soll. Laut Wegbeschreibung gar nicht so weit entfernt. Wir machen uns also wieder auf den Weg durch eine schottisch-ähnliche Heidelandschaft mit einigen Bademöglichkeiten und lassen viele schöne Übernachtungsplätze links liegen, weil wir zu unserer Mittagspause erst an der ersten Hütte waren. Doch statt dem Biwakplatz finden wir eine Horde korsischer Wildschweine. Die waren zwar ganz süß, hätten uns aber bestimmt nicht schlafen lassen.

Zwei haben die Hoffnung aber nicht aufgegeben, sind den Schwarzsehern vorausgeeilt und haben allen schmerzenden Füßen zum Trotz doch noch die versprochene Biwakstelle gefunden. Heute ist übrigens Waschtag! Für uns und alle Klamotten….

Tag 4: Biwakplatz am Fluss – Col de Laparo

Hier machen wir die erste tolle Gradwanderung und genießen die weite Sicht. 

Mittags, beim Refugio Usciolu angekommen, riechts für manche von uns nach Urlaub, für die meisten aber eher nach brennendem Müll. Wir beschließen ab sofort den anfallenden Unrat in der Zivilisation zu entsorgen. Wir werden auch noch Zeuge wie die Schlacke in Säcke verpackt und von Mulis über mehr Stein als Stock abtransportiert wird.

Der weitere Weg verlangt uns und unseren Schuhsohlen einiges ab. Es ist sehr rau, rutschig und macht mehr den Eindruck eines Fernkletter- als eines Fernwanderweges. Doch einer von uns ist trotzdem nicht ganz ausgelastet und geht voraus, um auf die hart erarbeitete “freie Zeit” noch ein paar Kilometer draufzulegen und für alle 6 l Wasser aus dem Tal zu holen – denn sechs Leute brauchen viel Wasser zum Zähneputzen, Kochen und Kaffee trinken! Außerdem es gibt zwischen dem Refugio Usciolu und unserem Biwakplatz kein Wasser.

Ausnahmsweise muss heute eine Dusche mit Desinfektionstüchern riechen, ähhh reichen!

Tag 5: Col de Laparo – Ref de Prati

“Seid ihr auf dem Weg zur Party?” Ähmm, ja wahrscheinlich. Wir wissen es nur noch nicht. Das Refugio “de Party” erreichen wir schon am Nachmittag und zum Abendessen gibt es Baguette, Käse und Wein!

Was wir uns an diesem Abend an “Rucksackessen” aufgespart haben, haben uns übrigens die (Schweine)Hunde des Hüttenbesitzers in der Nacht aus dem Vorzelt geklaut! Fressen einfach alles weg was wir mühsam hoch geschleppt haben! Und als würde das nicht schon reichen, haben sie auch noch auf der Suche nach mehr Essbarem ein Loch in einen Rucksack gebissen.

Tja, auch das ist der GR20.

Tag 6: Ref de Prati – Biwakplatz mit Aussicht

Die Hälfte der Gruppe ist die mäßig beschilderte Variante des GR20 zum Monte Renoso hoch, um sich dort von der schönen Aussicht berauschen zu lassen und ein bisschen im eiskalten Bergsee zu planschen. 

Für die andere Hälfte, die auf dem Hauptweg weiter geht, kommt die Bergerie de Capannelle genau zur richtigen Zeit. Es ist ein sehr stürmischer Tag. Den kurzen Regenschauer sitzen wir einfach mit einem Bierchen aus! Danach gehen wir noch ein Stück weiter bis zum Biwakplatz, der zu unserer Überraschung über den Wolken liegt. 

Tag 7: Biwakplatz mit Aussicht – Vizzavona

Ab jetzt geht es bergab. Zusätzliche Erleichterung gibt es durch die deutlich geschrumpften Ranzen – vorne wie hinten! ;)

Die Gedanken schwanken zwischen warmer Dusche, frischem Salat, Pizza, Pommes und Eis, während wir die letzten Meter Schritt für Schritt durch den schattigen Wald stapfen.

In Vizzavona können wir endlich mal wieder gemütlich im Restaurant sitzen, in aller Ruhe unsere Kleider waschen, ohne am nächsten Tag in die nasse Hose schlüpfen zu müssen, Karten spielen, die Beine hochlegen und den Luxus der Zivilisation neu zu schätzen lernen. So lässt es sich leben!

Mare a Mare

Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege. Hannes und Hannes nehmen den GR20 Nord in Angriff. Britta nimmt den Zug nach Bastia und muss leider schon nach Hause.

Nur Joana, Sandra und Adrian biegen Richtung Osten ab auf den Mare a Mare Nord.

Hier ist man plötzlich in einer gänzlich anderen Welt:

Der Mare a Mare ist wegen der dürftigen Beschilderung wie eine Schnitzeljagd – nur ohne Schnitzel am Ende…nicht mal ein Panini oder Schokocroissant :( Es gibt auch in den kleinen Dörfern kaum Cafés oder Einkaufsmöglichkeiten.

Es ist allerdings auch viel weniger los als auf dem GR20. Neun Menschen in fünf Tagen vs. 150 Menschen an einem Tag. Dafür sehen wir auf dem Mare a Mare umso mehr freilaufende Tiere. Teilweise können wir die Trampelpfade der Tiere nicht von unserem eigentlichen Weg unterscheiden, auch die Markierungen sind oft von Pflanzen überwuchert und nur schwer zwischen dem hohen Farn und im Dornengestrüpp zu finden. Deshalb ist eine Offline-Karte mit Ortungsfunktion/GPS auf jeden Fall sinnvoll – noch viel sinnvoller mit Solarpanel! 

Der Vorteil am Mare a Mare ist definitiv, dass man die wunderschöne Natur ganz für sich hat und sich sogar herausnehmen kann, länger als bis 5.00 Uhr in freier Wildbahn “auszuschlafen”, weil es allerhöchstens ein Schwein stören könnte.

Für Trinkwasser ist es in der tiefer liegenden Gegend von Vorteil, einen Filter dabei zu haben, auch wenn man in jeder kleinen, urigen Ortschaft einen Brunnen mit Trinkwasser finden kann.

Auf die Herbergen und Zeltplätze sollte man sich allerdings nicht verlassen.Wir stoßen auf einige geschlossene Türen. Einen Biwakplatz zu finden ist jedoch kein Problem. Jetzt sind wir wegen der vielen Mücken zum ersten Mal richtig froh, ein Zelt dabei zu haben, auch wenn wir es auf dem GR20 hin und wieder bereut haben, eins herumschleppen zu müssen (kein Tropfen Regen + im Notfall hätte man auf dem GR20 an jeder Hütte ein Zelt mieten können).

Nach sechs Tagen erreichen wir das Ende des Mare e Mare in Moriani Plage und damit auch das Ende unseres aufregenden Abenteuers. Falls ihr jetzt selbst mal Lust bekommen habt, den GR20 oder den Mare e Mare zu laufen, solltet ihr noch kurz dranbleiben…

Einen großen Dank möchten wir an Mizu und an Lyofood aussprechen, die uns bei diesem Trip mit Wasserfilter und Trekkingnahrung versorgt haben – und in dem mitgebrachten Tarp und Zelt von Hilleberg lässt es sich auch ganz vorzüglich nächtigen!

Sinnvolles Gepäck & praktische Tipps für GR20 & Mare e Mare:

  • Wasserfilter + mind. 3l Wasserbehälter pro Person
  • Offline-Karte mit Ortungsfunktion (z.B. maps.me)
  • Solarpanel
  • stabile Schnur und Materialkarabiner 
  • Diclofenac o.ä. Schmerzgel und man läuft direkt noch eine Stunde länger 
  • Tape/Panzertape (nimmt um eine Trinkflasche gewickelt kaum Platz ein)
  • Kopfbedeckung und T-Shirt nass machen macht die Hitze um Einiges erträglicher
  • Das Gelände ist oft sehr rau und schroff: man muss damit rechnen, dass die Schuhe nach dem GR20 im Eimer sind.
  • Wer kleine Müllbeutel dabei hat, kann seinen Müll nur bei anfahrbaren Hütten zurück lassen und tut der Umwelt etwas Gutes!
  • Die Hütten sind mit dem Nötigsten ausgestattet: Abendessen für ca. 20,00 €, Frühstück und Snacks kann man immer mal wieder zwischendurch an den Hütten kaufen, Zelte gibts an jeder Hütte zu mieten (10-15€/Nacht)
  • In Vizzavona kann man sogar Gaskartuschen, Flickzeug für Zelt und Co., Blasenpflaster, Trinkblasen und alles was das Wanderherz begehrt zu relativ normalen Preisen kaufen.

Alpenglühen: was es ist und wie es entsteht

5. September 2019
Tipps und Tricks

„Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian, wenn beim Alpenglühn wir uns wiedersehn.“

Der gute Heino wusste, dass man mit einem romantischen Alpenglühn mehr anfangen kann, als nur ergriffen davor zu sitzen. Geschickt ein Tête-à-Tête in der Almhütte einfädeln zum Beispiel. Oder sich zu einem landauf landab geträllerten Kassen-Schlager inspirieren lassen. Allerdings ist der von Heino nicht mehr ganz so frisch und würde heute eher nicht mehr funktionieren. Selbst wenn man den Text ein wenig zeitgemäß anpasst:

„Boah wie krass blühen die blauen Blumen da, vor dieser abgefahrnen Optik von den Bergen da …“

Vielleicht hat auch Bergfreund Jörn ein Liedchen geträllert, als er kürzlich ein perfektes Alpenglühen erlebte. Er war jedenfalls tief beeindruckt, so tief, dass gleich mal der Auftrag an mich erging, alles über dieses Naturwunder herauszufinden. Hier die Ergebnisse.

Was genau ist Alpenglühen?

Nun, Alpenglühen ist, wenn die Berggipfel bei Sonnenauf- oder Untergang so aussehen, als ob sie glühen würden. Besonders intensiv und farbenprächtig ist das Ganze, wenn die Berghänge verschneit sind oder es kurz vor Sonnenuntergang geregnet hat, so dass die nassen Felshänge im Licht der untergehenden Sonne glänzen.

In aller Regel werden nur die Gipfelregionen eingefärbt und die tieferen Regionen liegen im Schatten. Das Phänomen kommt – Überraschung – nicht nur in den Alpen, sondern in allen Gebirgen der Welt vor. Dennoch wird es im internationalen Sprachgebrauch „Alpenglow“ genannt. Mit Sicherheit gibt es unzählige regionale Bezeichnungen in unzähligen Sprachen, doch Trekker, Wanderer und Bergsteiger sagen auch in den Anden oder im Himalaya: „Oh, look: Alpenglow!“

Was ist Alpenglühen nun genau und wie entsteht es? In einem Bergwelten-Artikel dazu steht an der Stelle, an der ich dachte, jetzt käme die detaillierte Erklärung, folgendes:
„Wer Zeuge des Schauspiels sein darf, sollte darum auch nicht weiter über die Ursachen und Erklärungen des Alpenglühens nachdenken – sondern vielmehr: es in vollen Zügen genießen.“

Kann man so sehen, doch dann könnte man sich eigentlich auch gleich einen Artikel zum Thema sparen. Im Moment des Erlebens muss ich ja wirklich nicht parallel wissenschaftliche Erklärungen abspulen. Aber hinterher am Schreibtisch muss genießen und Bescheid wissen nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Also, hier die knochentrockene Wissenschaft:

Wie entsteht das Alpenglühen?

Welche Erklärung für den rätselhaften Farbenzauber gibt es? Bringt die im Laufe des Tages angesammelte Strahlungshitze die Gipfelregionen zum glühen? Rührt das Ganze von aus Flugzeugen versprühter Leuchtfarbe her? Ist eine veränderte Farbzusammensetzung der Atmosphäre infolge des Klimawandels schuld?

Nicht ganz, die Berge färben sich, weil sie von den Strahlen der tief stehenden Sonne gelblich, orange oder rötlich eingefärbt werden. Dabei gibt es häufig zwei unterscheidbare Phasen, die erste Färbung und die zweite Färbung.

Wenn die Sonne die Felsen und Schneeflächen der Gipfel vom Licht der tief stehenden Sonne erreicht werden, spricht man von der ersten Färbung. Die Gipfelbereiche „heben sich in dieser rot gefärbten Beleuchtung vom Vordergrund ab, der bereits oder noch im Dunkeln liegt.

Die zweite Färbung tritt auf, wenn die Sonne die Berggipfel nicht mehr (oder noch nicht) direkt beleuchtet. Das Sonnenlicht wird in dieser Phase „an Partikeln in der Atmosphäre (wie Eiskristallen, Staub etc.) gestreut, sodass es abgeschwächt auf die Gipfel fallen kann. Vor dem sich violett verfärbten Himmel erscheinen schneebedeckte und hellfelsige Gipfel dann weiterhin in einem schwachen, aber sehr deutlichen und gleichmäßigen Rot.

Der Streueffekt ist auch mitverantwortlich für den allgemeinen Farbwechsel des Sonnenlichts im Laufe des Tages. Er ist umso stärker, je länger der Weg der Lichtstrahlen durch die Atmosphäre ist. Mittags ist er am kürzesten, da die Strahlen die Atmosphäre im steilsten Winkel durchqueren und somit am wenigsten atmosphärische Partikel im Weg sind, die das Licht streuen könnten. Bei Sonnenauf- und Untergang ist der „Durchquerungswinkel“ flach und die Strecke am Längsten.

Durch diesen Mechanismus bekommt auch das Abend- und Morgenrot seine Färbung. Abend- und Morgenrot „unterstützen“ das Alpenglühen durch eine zusätzliche indirekte Beleuchtung des Bereichs direkt oberhalb der Schattengrenze.

„Dieses Licht fällt unter sehr flachem Winkel auf die Landschaft im Rücken des Beobachters. Es wird reflektiert und macht sich als Aufhellung oberhalb des Schattens bemerkbar. Die Effizienz dieser Reflexion nimmt bei steigendem Winkel schnell ab. Daher ergibt sich ein heller Streifen statt einer allgemeinen Aufhellung.“

Farben und Wellenlängen

Doch warum wird das bläulich-weißliche Licht stärker herausgefiltert als das Rötliche? Dazu muss man eine weitere Komponente betrachten: die verschiedene Wellenlängen des sichtbaren elektromagnetischen Spektrums. Sie reichen von den kürzeren Wellen des blau erscheinenden Lichts bis zu den längeren Wellen des rot erscheinenden Lichts. Das blaue Licht wird stärker aus der Atmosphäre „herausgestreut“, weil es mit seinen „kurzen Wellen“ wesentlich häufiger von Partikeln absorbiert und reflektiert wird.

Das rote Licht kommt „ungehinderter“ durch, weshalb sein Anteil mit wachsender Wegstrecke durch die Atmosphäre zunimmt. Soweit der Erklärungsversuch eines Nicht-Naturwissenschaftlers. Ich hoffe nicht nur, dass ich die Sache verständlich erklären konnte, sondern dass ich sie selbst überhaupt richtig kapiert habe ;-)

Wie reagiert unser Körper eigentlich auf Belastung?

3. September 2019
Tipps und Tricks

Nach einem anstrengenden Aufstieg bei bestem Bergwetter schaust du nach oben und hast fast schon den Gipfel erreicht, aber auf einmal fühlen sich die Beine wie Pudding an und jeder Schritt wird zu einer Herausforderung. Was ist da nur los? Vielleicht etwas zu schnell gegangen? Eigentlich sollte das Training in den vergangenen Wochen ja ausgereicht haben. Aber ob Klettern auch so viel für die Fitness beim Wandern bringt? Und vielleicht hätte ich bei der Pause auf der letzten Hütte doch nicht so viel auf einmal essen sollen.

Um die nächste Berg- und Klettertour nicht so enden zu lassen, wollen wir heute einmal auf die physiologischen Grundlagen beim Wandern, Bergsteigen, Klettern und Trailrunning eingehen und uns ansehen, was in unserem Körper da genau passiert.

So arbeitet deine Muskulatur beim Bergsport

Alle unsere Bewegungen beruhen auf dem Zusammenspiel aus Nervensystem und Muskulatur. Dabei ist es egal, ob du kletterst oder die Maus am Computer klickst. Die etwa 600 Skelettmuskeln unseres Körpers machen etwa 45 Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Muskeln ziehen sich auf „Befehl“ der Nervenbahnen zusammen und entspannen anschließend wieder.

Jede Muskelgruppe hat zwei oder mehrere Ansatzpunkte an den zu bewegenden Knochen. Ein einfaches Beispiel ist der Unterarm. Winkeln wir ihn an, wird der große Bizepsmuskel am Oberarm angespannt. An seinen Enden läuft er in sogenannte Sehnen aus, die auf der einen Seite am Schulterknochen und auf der anderen Seite am Unterarmknochen verankert sind.

Kontrahiert (=anspannen) sich der Muskel, so bewegen sich diese Ansatzpunkte aufeinander zu, das dazwischen liegende Gelenk wird gebeugt. Gleichzeitig muss der entgegengesetzt arbeitende Streckmuskel, der Trizeps, entspannt werden. Dieses Prinzip nennt sich fachmedizinisch Agonist und Antagonist, im übertragenen Sinn sprechen wir von Spieler und Gegenspieler.

Die Muskeln brauchen Treibstoff

Damit ein Muskel sich an- und wieder entspannen kann, braucht er Energie. Durch eine exotherme Reaktion wird chemische in mechanische Energie umgewandelt. Die für die Muskelkontraktion benötigte Energie wird zum größten Teil durch die Hydrolyse (Wasseranlagerung) von Adenosintriphosphat (ATP) in Adenosindiphosphat (ADP) und Phosphat (Pi) zur Verfügung gestellt.

Das ATP ist quasi der Hauptversorger und primäre Energielieferant der Muskulatur. Da der Vorrat im menschlichen Körper jedoch begrenzt ist, muss die Muskulatur während des Wanderns oder Kletterns weiterhin ATP herstellen, um nicht vorzeitig zu ermüden. Die für den Wiederaufbau benötigte Energie wird durch Oxidation aus Kohlenhydraten, Fettsäuren und Eiweißen bzw. Aminosäuren gewonnen.

„Man isst und trinkt nicht am Berg, um Hunger und Durst zu stillen, sondern um die Leistungsfähigkeit zu erhalten!“ – Dieses Zitat stammt von einem Bergsteiger und gilt nach wie vor.

Energiebereitstellung – wann verbrennt der Körper was?

Entscheidend für die Energiebereitstellung im Muskel ist, ob diese mit ausreichender Sauerstoffaufnahme (aerob) oder unzureichender Sauerstoffaufnahme (anaerob) geschieht und ob dabei Laktat (Milchsäure) entsteht, welches sich in den Muskelfasern ansammelt.

Wer beim 2000 Meter Lauf Vollgas gibt, kann diese Anstrengung nur kurz durchhalten. Hierbei verbrennen die Muskeln nur Kohlenhydrate. Bei einer fünfstündigen Bergwanderung verbrennt der Organismus sowohl Kohlenhydrate als auch Fette. Dies hängt mit der deutlich niedrigeren Intensität zusammen. Das Problem ist, dass der Kohlenhydratspeicher des Körpers nicht sehr groß ist – ganz im Gegensatz zum Fettspeicher.

Umso besser der individuelle Fettstoffwechsel trainiert ist, desto weniger Glykogen (Kohlenhydratspeicher im Muskel) wird benötigt, um die Anstrengung aufrecht zu erhalten. Die Energiebereitstellung ist abhängig vom Trainingszustand und zu einem großen Teil auch von der Ernährung. Bei vielen Volksläufen findet am Abend vor dem Rennen häufig die sogenannte „Pasta Party“ statt, um die Glykogenspeicher in den Muskeln vor dem Wettkampf noch einmal aufzufüllen.

Die muskulären Glykogenreserven sind bei intensiver Belastung beim Bergsport je nach Trainingszustand nach etwa 60 bis 90 Minuten so gut wie verbraucht. Bei anhaltender Ausdauerbelastung ist der Muskelstoffwechsel nun auf eine vermehrte Fettverbrennung angewiesen. Die Energiebereitstellung durch Fette benötigt allerdings deutlich mehr Sauerstoff und erfolgt nur halb so schnell wie durch die Kohlenhydrate.

Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, hat vielleicht schon vom berühmten „Mann mit dem Hammer“ gehört. Dieses Phänomen beschreibt die Erschöpfung der Kohlenhydrat-Speicher im Muskelgewebe. Durch die langsamere Freisetzung der Energie durch die Fette muss die Intensität deutlich verringert werden, um überhaupt noch weiterlaufen zu können. Intensität und Dauer der maximalen Leistung verhalten sich also gegenläufig zueinander. Je mehr ATP in den Zellen gebildet werden kann, desto höher ist auch die Leistung.

Wer beim Wandern oder Klettern zu schnell startet sorgt zudem dafür, dass sich Laktat in den Muskeln ansammelt. Wird die Intensität nicht verringert, ist irgendwann die sogenannte Laktatschwelle erreicht. Diese ist bei jedem Menschen anders und kann während einer Leistungsdiagnostik ermittelt werden. Beim überschreiten der anaeroben Schwelle „übersäuert“ der Muskel und kann nicht mehr richtig arbeiten. Der Muskel kann nicht mehr so viel Energie produzieren, um weiter den Berg hinauf gehen zu können. Die Intensität muss deutlich verringert werden, um die Bergtour überhaupt noch fortsetzen zu können.

Leistungslimitierende Faktoren am Berg

Allgemein lässt sich das Leistungslimit des Körpers dadurch definieren, dass die beanspruchten Muskeln nicht mehr in der Lage sind, eine für eine bestimmte Belastungsintensität geforderte Leistung zu erbringen, sie also zunehmend ermüden. Wie im Beispiel mit der körperlichen Erschöpfung kurz vor dem Gipfel in der Einleitung.

Die Ausdauerleistungsfähigkeit hängt somit von den physiologischen Prozessen ab, die eine Ermüdung der Muskeln herbeiführen. Es ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt, wie groß der Anteil verschiedener Prozesse an der individuellen Ausdauerleistungsfähigkeit ist. Aber folgende Faktoren haben auf jeden Fall einen großen Einfluss auf unser Leistungsvermögen:

  • VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme)
  • Koordination (Trittsicherheit, Schwindelfreiheit)
  • Psychologische Aspekte (ausgesetztes Gelände, Höhenangst)
  • Muskelfaserzusammensetzung (Training)
  • Energiebereitstellung
  • Wärmeregulation (Hitze/Kälte)
  • Wasser- und Elektrolythaushalt
  • Orthopädische Beschwerden

Die Gefäßkapazität in den Muskeln könnte etwa das Vierfache der durch das Herz verfügbaren Blutmenge nutzen. Bei Ausdauersportarten wie dem Bergwandern, Bergsteigen und Trailrunning ist somit die Transportkapazität des Herz-Kreislauf-Systems leistungslimitierend. Jedoch sagt die maximale Durchflussrate in den Blutgefäßen noch nichts über die Effizienz der Sauerstoffversorgung der Muskeln beim Sport aus, die mit regelmäßigem Training gesteigert werden kann, damit die Muskeln beim nächsten Mal eben nicht kurz vor dem Gipfel „schlapp“ machen, sondern bis zum Rückweg am Parkplatz nach der Tour brav ihren Dienst erfüllen.

Die berühmte Ausdauer, von der man gar nicht genug haben kann

Als „Ausdauer“ bezeichnet man die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Organismus gegen Ermüdung und die rasche Regenerationsfähigkeit nach einer körperlichen Belastung wie Klettern oder Bergwandern. Ausdauer beschreibt aber auch die motorische Fähigkeit, eine bestimmte Intensität (zum Beispiel die Lauf- oder Aufstiegsgeschwindigkeit) über eine möglichst lange Zeit aufrechterhalten zu können, ohne vorzeitig körperlich zu ermüden. Ebenso beschreibt sie die Zeit, die nach einer Tour am Berg für die Regeneration benötigt wird.

Durch verbesserte Ausdauer (Training) ist von Beginn an eine höhere Intensität möglich und die zu Verfügung stehenden Energiespeicher des Körpers können deutlich effizienter genutzt werden. Die menschliche Ausdauer stellt neben Kraft, Schnelligkeit, Koordination und der auf Mobilität und Dehnfähigkeit beruhenden Beweglichkeit eine grundlegende motorische Fähigkeit unseres Körpers dar. Jede einzelne Sportart erfordert und trainiert diese Grundfertigkeiten in unterschiedlichen Maßen, deswegen muss im nächsten Abschnitt auch noch auf die unterschiedlichen Bergsportarten eingegangen werden.

Unterschiedliche Belastung bei verschiedenen Spielarten des Bergsports

Generell können die meisten Sportarten am Berg als Ausdauersportarten bezeichnet werden. Der limitierende Faktor, der eine Tour oft schneller scheitern lässt als geplant, ist die körperliche Fitness. Besonders beim Wandern und dem klassischen Bergsteigen gerät das Herz-Kreislauf-System bei einem steilen Aufstieg schnell an seine Grenzen und der Plus geht so steil nach oben wie der Wanderweg.

Ein weiterer Faktor ist die muskuläre Belastung, vor allem beim Abstieg. Bei einem Abstieg von 1000 Höhenmetern ins Tal müssen die Muskeln der Beine jeden Schritt nach unten quasi „auffangen“, indem sie sich anspannen und das Körpergewicht halten. Viele kennen bestimmt den berühmten Muskelkater, der am nächsten Tag nach der ersten Bergtour der Saison eintritt. Bei diesem Phänomen sind die Muskeln am Ende des Abstieges komplett überfordert und verweigern dann erstmal ein paar Tage ihren Dienst.

Beim Alpinklettern, auf Hochtouren und auf Klettersteigen kommen häufig psychische Belastungen durch Ausgesetztheit oder Höhenangst im alpinen Gelände hinzu. Das klassische Felsklettern in den Bergen hat sich durch die zunehmende Popularität von Kletterhallen im städtischen Bereich auch zu einer Indoor Sportart (Sportklettern, Bouldern) entwickelt.

Das Klettern ist in erster Linie durch eine kraftbetonte Belastung der oberen Extremität (Arme, Schultern, Rücken) gekennzeichnet, während der unteren Extremität (vor allem die Beine) meistens eine stützende und stabilisierende Funktion übernimmt.

Beim Sportklettern in der Halle dauert die Belastung oft nur wenige Minuten an, weil die Routen relativ kurz sind. Hier ist vor allem die Muskelausdauer der limitierende Faktor, wenn die gewünschte Route auch nach dem fünften Versuch immer noch nicht funktionieren will. Bei länger andauernden, alpinen Touren ist ein Kletterer oft mehrere Stunden unterwegs und die generelle körperliche Ausdauerfähigkeit steht auf jeden Fall im Vordergrund.

Anaerobe Belastungen (Energiebereitstellung ohne Sauerstoff), wie wir sie im Absatz über die Energiebereitstellung kennen gelernt haben, finden sich beim Bergsport im Bereich des Wettkampfkletterns und beim Bouldern. Hier werden oft kurze Routen in möglichst schneller Zeit bewältigt und die Kletterer kommen gar nicht erst in den „Ausdauerbereich“ der Energieversorgung des Körpers.

Beim Trailrunning ist der Großteil der physiologischen Belastung derselbe wie beim Laufen im flachen. Allerdings kommt besonders in technischem Gelände ein erhöhtes Maß an erforderlicher Koordination hinzu, wenn es darum geht, gekonnt über Steine oder Wurzeln zu tänzeln. Steile Auf- und Abstiege fordern die Muskulatur genauso, wenn nicht sogar noch mehr als das Bergwandern im gleichen Gelände. Regelmäßiges Lauftraining am Berg zahlt sich aus, um die Muskeln an das Laufen in den Bergen zu gewöhnen.

Fazit und weitere Artikel zum Thema

Abschließend bleibt zu sagen, dass unser menschlicher Körper sich insgesamt sehr gut anpassen und auf Veränderungen einstellen kann.

Auch wenn orthopädische Probleme, schwere Beine oder die leeren Energiespeicher die letzte Bergtour doch etwas länger haben werden lassen als ursprünglich geplant, heißt das nicht, dass es beim nächsten Mal wieder so kommen muss. Durch die richtige Vorbereitung, ein an die persönliche Fitness angepasstes Gehtempo und ausreichende Verpflegung wird die nächste Gipfelbesteigung garantiert zu einem vollen Erfolg!

Dieser Artikel über die physiologischen Grundlagen und die körperliche Belastung beim Bergsport ist der Auftakt zu einer kleinen Artikelserie im Basislager der Bergfreunde. Nachdem wir heute die Grundlagen geklärt haben, geht es nächstes Mal noch etwas spezifischer zur Sache und wir sprechen über die Ernährung beim Bergsteigen. Worauf gilt es in der Höhe besonders zu achten? Was sollte unbedingt in die Brotzeitdose und was bleibt lieber daheim?

Verhalten bei Unfällen – wie man es als Ersthelfer richtig macht

28. August 2019
Tipps und Tricks

Fast täglich hört man in den Nachrichten, dass sich irgendwo ein Unfall ereignet hat, meistens im Straßenverkehr. Aber auch in den Bergen passiert Sommers wie Winters so einiges. Nicht jeder Fall schafft es da in die Medien und das ist auch gut so. Dennoch, wer in der Hochsaison einmal ein oder mehrere Tage in den Alpen verbracht hat, der wird höchstwahrscheinlich auch einen Rettungshubschrauber gesehen haben. Was aber ist eigentlich zu tun wenn sich ein Unfall ereignet? Wie verhalte ich mich richtig, wenn es zum Notfall kommt und wie sollte man sich auf den Ernstfall vorbereiten? Wir haben hier für euch eine kleine Artikelserie zusammengestellt, die sich genau mit diesem Thema befasst.

In unserem ersten Teil geht es daher rund um das Thema schwere Unfälle und die Alarmierung der Rettungskräfte. An dieser Stelle vorab noch ein Hinweis. Dieser Artikel soll nur zur Sensibilisierung für dieses wichtige Thema dienen, er kann aber keineswegs einen Erste-Hilfe-Kurs oder dergleichen ersetzen.

Ein Unfall ist passiert – Wie gehe ich richtig vor?

Ein Unfall ist passiert. Von jetzt auf sofort ohne Vorwarnung. Keiner weiß zunächst was genau los ist, aber eines steht ohne Frage fest. Wer nicht selbst von dem Unfall unmittelbar betroffen ist, muss und kann helfen. Was aber ist genau zu tun und vor allem in welcher Reihenfolge? Wie haben hier einmal die wichtigsten Schritte zusammengetragen.

  • Ruhe bewahren. Egal was passiert ist und wie eklig oder schlimm das vielleicht aussieht, es ist niemandem geholfen, wenn einer der Ersthelfer in Panik ausbricht und alle anderen verrückt macht. Für den Verunfallten macht es die Lage in der Regel sogar noch schlimmer. Daher ganz wichtig: tief durchatmen und besonnen an die Sache rangehen.
  • Überblick verschaffen. Bevor es mit der Ersten Hilfe so richtig los geht, ist es wichtig zu wissen, womit man es eigentlich zu tun hat. Wie viele Personen sind verletzt? Wem muss zuerst geholfen werden? Ist der Unfall beispielsweise durch etwas entstanden von dem weiterhin Gefahr ausgehen kann? z.B. Lawine, Steinschlag oder auch Straßenverkehr?
  • Schutz / Eigenschutz. Ist dies der Fall, muss unbedingt als erste Maßnahme dafür gesorgt werden, dass der Unfallort so gut wie möglich abgesichert oder der Betroffene nach Möglichkeit aus der Gefahrenzone gebracht wird. Im Straßenverkehr heißt das beispielsweise Warnweste anziehen, Warndreieck aufstellen etc. In den Bergen dann eher Steinschlaghelm tragen, Unfallort auf Skipiste mit gekreuzten Skiern absichern oder für die notwendige Eigensicherung am Fels sorgen. Außerdem ganz wichtig bei offenen Wunden: Einweghandschuhe tragen.
  • Hilfe leisten / Hilfe holen. Ist der Unfallort soweit sicher bzw. das Unfallopfer in Sicherheit, ist es wichtig einen genaueren Überblick über die Schwere der Verletzungen zu bekommen. Ganz wichtig ist hierbei die Frage, ob die Person bewusstlos oder ansprechbar ist. Gibt es schwerwiegende Verletzungen wie starke Blutungen etc.? Generell ist an dieser Stelle auch die Entscheidung zu treffen ob es notwendig ist einen Notruf abzusetzen und somit die Rettungskräfte zu alarmieren. Wie man das fachgerecht macht und wie der Betroffene bis zum Eintreffen der Rettung betreut werden sollte, schauen wir uns noch einmal genauer an.

Lebensbedrohliche Situationen – was ist zu tun bis der Notarzt kommt?

Ob Haushalt, Sport oder Straßenverkehr, wenn es mal so richtig knallt braucht es schnelle und professionelle Hilfe. Grundsätzlich sollte ein Notruf immer dann getätigt werden, wenn die Situation nicht einzuschätzen ist, akute Lebensgefahr besteht oder Zweifel am Gesundheitszustand des Betroffenen besteht. Wichtig ist aber nicht nur, dass ein Notarzt und die entsprechenden Rettungskräfte schnell fachgerecht alarmiert werden, es ist vielmehr auch notwendig, das Opfer bis zum Eintreffen der Rettung bestmöglich zu betreuen.  

Notruf per Telefon

Der wohl häufigste und auch schnellste Weg Rettungskräfte nach einem Unfall zu alarmieren ist der Notruf per Telefon. In Europa gibt es hierzu die einheitliche Notrufnummer 112, auch Euronotruf genannt. Die 112 wird von allen europäischen Staaten zusätzlich zu eventuell bestehenden nationalen Rufnummern unterstützt und ist absolut kostenfrei. Auch andere Länder wie beispielsweise Kasachstan oder Japan verwenden die 112 als Notrufnummer. Auf dem amerikanischen Kontinent ist hingegen die Notrufnummer 911 weit verbreitet. Diese kommt vor allem in Nordamerika, aber auch in Ländern wie Costa Rica oder Argentinien vor. Je nach Land werden beim Notruf unterschiedliche Dinge in unterschiedlicher Reihenfolge abgefragt. Grundsätzlich gilt jedoch: Das Personal der Leitstelle ist professionell geschult und fragt alle wichtigen Fakten ab. Man wird quasi durch den Notruf gelotst und das Gespräch wird immer auch vom Mitarbeiter in der Leitstelle beendet. Um erst einmal Klarheit über die Situation vor Ort zu bekommen wenden die Leitstellen in der Regel die sogenannten W-Fragen an. Bei einem geregelten Ablauf des Notrufes würde dies in Deutschland beispielsweise so aussehen:

  • Wo ist etwas geschehen?

Hier ist es wichtig, den Unfallort so genau wie möglich anzugeben. Also mittels genauer Adresse (Ort, Ortsteil, Straße, Hausnummer, Etage) oder auch Kilometerangaben an Straßen, Bahnlinien oder Flüssen. In den Bergen können hierbei auch GPS-Angaben, Angaben zu Höhenmetern, Wanderrouten etc. helfen.

  • Wer ruft an?

Hier ist vor allem der eigene Name, der Standort und die Rufnummer wichtig, unter der man aktuell erreichbar ist.

  • Was ist geschehen?

Der Unfall / das Ereignis müssen möglichst knapp und genau geschildert werden. Beispielsweise: Absturz, bewusstlose Person, Lawinenabgang, Verkehrsunfall etc.

  • Wie viele Betroffene?

Handelt es sich um eine oder mehrere betroffene Personen? Ist die genaue Zahl bekannt oder kann diese bei Gruppen in etwa abgeschätzt werden? Bei einem Betroffenen werden zumeist auch das Alter und weitere Angaben zur Person abgefragt.

  • Warten auf Rückfragen!

Das Gespräch wird immer von den Mitarbeitern der Leitstelle beendet. Oft werden hier noch weiterführende Informationen abgefragt. Auf keinen Fall sollte man auflegen, bevor die Leitstelle das Gespräch offiziell für beendet erklärt. Auch sollte man nach Absetzen des Notrufs die Leitung für eventuelle Rückrufe der Retter freihalten. 

Das alpine Notsignal

Gerade in den Bergen ist der Handyempfang oft eingeschränkt. Ist der Notruf per Telefon nicht möglich muss versucht werden, die Rettungskräfte auf andere Art und Weise zu alarmieren. Hierzu gibt es das alpine Notsignal. Dieses wird klassischerweise durch Pfiffe, Rufe oder Lichtsignale abgegeben. Wichtig ist dabei, dass folgendes Muster strikt eingehalten wird:

  • Sechsmal in Folge alle 10 Sekunden ein Signal abgeben, danach eine Minute Pause, danach wiederholen, bis eine „Antwort“ zu vernehmen ist.
  • Für die Antwort wird dreimal in Folge alle 20 Sekunden ein Signal abgegeben, danach eine Minute Pause, danach wiederholen.

Wer selbst ein alpines Notsignal sieht oder hört, sollte sich unbedingt genau einprägen woher es kommt und unverzüglich die Rettungskräfte alarmieren. Hierzu kann man entweder einen Notruf per Handy absetzen oder im Fall eines Funklochs bei der nächste Hütte oder Seilbahnstation Bescheid geben.

Den Verletzten bestmöglich betreuen

Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte muss der Verletzte so gut es geht betreut werden. Wichtig ist es hierbei, dass man sich selbst nicht in Gefahr bringt. Kann man den Betroffenen aber gut erreichen ist es wichtig so schnell wie möglich mit (lebenserhaltenden) Sofortmaßnahmen zu beginnen. Diese richten sich immer nach der Verfassung der verletzten Person.

  • Bewusstloser, atmender Verletzter. Atmet ein Betroffener, ist aber nicht ansprechbar oder erweckbar, gilt er als bewusstlos. In dieser Situation sollte er schnellstmöglich in die stabile Seitenlage gebracht werden. Danach muss regelmäßig die Atmung kontrolliert und das Auskühlen des Körpers verhindert werden. Ablauf der stabilen Seitenlage: neben den Verletzen knien, die Beine des Betroffenen strecken, den nahen Arm des Betroffenen nach oben abwinkeln (Handfläche zeigt nach oben), den fernen Arm vor der Brust des Verletzen kreuzen (Handoberfläche liegt auf der Wange, Hand weiterhin halten), das ferne Bein des Betroffenen beugen und den Betroffenen zu sich herüberziehen, Hals überstrecken, ggf. Mund des Verletzten leicht öffnen.
  • Bewusstloser Verletzter ohne Atmung. Reagiert der Verletzte nicht und hat auch keine Atmung mehr, ist Eile geboten. Es muss eine Herzdruckmassage sowie eine Beatmung erfolgen. Steht ein AED-Gerät (Defibrillator) zur Verfügung, sollte dieses auf jeden Fall verwendet werden. Geräte dieser Art sind in der Regel in oder an öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Turnhallen oder Bahnhöfen zu finden. Sie sind für Laien konzipiert und können daher von jedem schnell und einfach eingesetzt werden. Ist ein solches Gerät nicht greifbar, muss eine Herzdruckmassage mit Atemspende nach folgendem Muster durchgeführt werden: 30 x Herzdruckmassage (in der Mitte des Brustkorbs ansetzen), 2 x Atemspende (Mund-zu-Mund-Beatmung, dabei Kopf des Betroffenen überstrecken und Nase zuhalten). Pro Minute sollten auf diese Weise 100-120 Massagen erfolgen, das ist in etwa der Takt von „Staying alive“ von den Bee Gees. Diese Maßnahmen müssen im Wechsel so lange durchgeführt werden, bis die Rettungskräfte eintreffen. Sind mehrere Ersthelfer vor Ort, empfiehlt es sich regelmäßig abzuwechseln.
  • Große Wunden. Gerade bei großen Schnitt- und Platzwunden kommt es schnell zu einem nicht unerheblichen Blutverlust. Damit einher gehen Schmerzen und die Gefahr von Infektionen. Bereits der Verlust von 1 Liter Blut kann bei einem Erwachsenen lebensgefährlich sein. Hier ist also Eile geboten. Stark blutende Wunden werden mit einem Druckverband versorgt. Das ist für den Verletzten nicht besonders angenehm, hilft aber schnell und effektiv. Hierzu wird eine möglichst keimfreie Wundauflage direkt auf die Wunde gelegt. Diese wird mittels einer Binde fixiert (betroffenen Körperteil 2-3 mal umwickeln), danach kommt ein Druckpolster (noch eingepackte Mullbinde o.ä.) auf den Wundbereich und wird wiederum 2-3 mal fest umwickelt. Bei stark blutenden Wunden ist die Stillung der Blutung immer vorrangig, auch wenn es dadurch zu einer Infektion kommen kann. Ist kein Verbandsmaterial zur Hand, kann man sich hier auch beispielsweise mit einem in Streifen gerissenen T-Shirt oder dergleichen behelfen. Außerdem besteht bei Blutungen immer auch die Gefahr eines Schocks, sodass man den Betroffenen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte gut betreuen sollte. Eine Anleitung für einen Druckverband gibt es hier:

Rettungskräften den Weg weisen

Immer wieder tritt das Problem auf, dass zwar ein Notruf abgesetzt wird und somit die Rettungskräfte schnell unterwegs sind, dann aber vor Ort erst einmal suchen müssen, wo genau sich der Verletzte befindet. Auch bei Unfällen, die beispielsweise im Wald oder sonstigen abgelegenen Gebieten passiert sind, ist der Weg zum Unfallort für die Rettungskräfte nicht immer leicht zu finden. Sind also mehrere Ersthelfer vor Ort, ist es ratsam dass eine oder mehrere Personen als Lotse für die Rettungskräfte fungieren. Bei einem Wohnblock oder Bürogebäude wäre es beispielsweise ratsam, dass diese Person gut sichtbar an die Straße steht und die Rettungskräfte in Empfang nimmt. Bei einem Unfall im Wald oder unwegsamen Gelände ist es außerdem sinnvoll einen Lotsen zum nächsten Parkplatz oder Anfahrtspunkt zu schicken oder im Skigebiet zum nächsten Lift. Gerade an schwer erreichbaren Unfallstellen kommt die Rettung nicht selten auch aus der Luft, hierbei ist es jedoch wichtig ein paar Regeln im Umgang mit dem Hubschrauber zu beachten.

  • Hubschrauber einweisen. Für Laien ist es nicht möglich einen Hubschrauber fachgerecht einzuweisen, denn hierzu müssen zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden. Um dem Piloten aber zu zeigen, dass Hilfe benötigt wird und er sofern möglich landen soll, geht man wie folgt vor: Ein Helfer streckt beim Anflug des Helikopters beide Arme nach oben, Handflächen nach innen, sodass er wie ein großes Y aussieht. Das bedeutet „Ja! Wir brauchen Hilfe! Hier landen!“. Außerdem sollte der Einweiser mit dem Rücken zum Wind am Rand des Landeplatzes stehen.
  • Keine losen Gegenstände. Helikopter verursachen Wind und Luftverwirbelungen, diese können wiederum dazu führen, dass lose Gegenstände durch die Luft fliegen. Hier sollte also vorab alles sicher verstaut werden. Auch das Auslegen von grellen Jacken, Biwaksäcken oder gleichem ist keine gute Idee. Diese erhöhen zwar die Sichtbarkeit aus der Luft, können aber aufgewirbelt und so zur Gefahr für umstehende Personen und den Hubschrauber selbst werden.
  • Ausreichend Abstand halten. Von aufgewirbelten Gegenständen wie Steinen aber auch vom Hubschrauber und dessen Rotoren geht bei der Landung eine Gefahr aus. Daher ist es wichtig ausreichend Sicherheitsabstand einzuhalten. Der ADAC empfiehlt hier im Idealfall mindestens 50 Meter. Auch das Annähern an den Hubschrauber darf nur bei Stillstand der Rotoren und von vorne erfolgen, dabei Sichtkontakt mit dem Piloten halten.

Hilfe für Ersthelfer – Wo bekomme ich im Ernstfall schnell Unterstützung?

Ist man als Ersthelfer mit einer schwer verletzten Person auf sich alleine gestellt, hat man unweigerlich Stress. Doch auch bei mehreren Ersthelfern läuft nicht immer alles glatt. Oft liegt der letzte Erste-Hilfe-Kurs schon Jahre oder Jahrzehnte zurück und unter Druck abliefern zu müssen ist auch nicht jedermanns Sache. Auch Handy und Internet sind in der Natur nicht immer verfügbar. Wie gut nur, dass es da für den Ernstfall ein paar einfache Hilfen gibt.

  • SOS-Labels

Unter SOS-Labels versteht man zumeist in Rucksäcke fest vernähte Etiketten, die wichtige Informationen zum Verhalten im Notfall geben. Hersteller wie Deuter rüsten damit ihre Rucksäcke aus und bieten so eine kleine Anleitung wie man einen Notruf absetzt oder einem Hubschrauber signalisiert, dass man Hilfe braucht.

  • Erste-Hilfe-Beutel

Verbandskästen und Erste-Hilfe-Beutel enthalten normalerweise eine Art Kurzanleitung, in der alle wichtigen Verhaltensregeln und Maßnahmen bei einem Unfall kurz zusammengefasst sind. Diese Anleitungen kommen in der Regel als kleine Broschüre daher, es gibt aber auch Verbandstaschen, auf die die wichtigsten Anweisungen auch direkt aufgedruckt sind.

  • Rettungsleitstellen

Ist es möglich einen Notruf per Telefon abzusetzen, können die Leitstellen nicht nur die notwendigen Rettungskräfte alarmieren, sondern vielmehr auch  in akuten Notsituationen telefonische Unterstützung leisten.

Zusammengefasst

Unfälle passieren und haben mitunter auch schwere Folgen. Wer selbst als Ersthelfer an einem Unfallort eintrifft muss helfen. Meist reicht aber das alleinige Absetzen eines Notrufs nicht aus und es muss selbst Hand angelegt werden. Hier ist der größte Fehler nichts zu machen. Wer kann sollte sich andere Personen zur Hilfe holen, denn gerade Wiederbelebungsmaßnahmen sind für den Ersthelfer sehr anstrengend. Dabei hilft es Personen konkret anzusprechen z.B. „Sie mit der roten Jacke, ich brauche Hilfe“. Viele Menschen haben auch Angst Fehler zu machen und helfen deshalb nicht. Das ergibt aber keinen Sinn, denn wenn jemand beispielsweise bewusstlos ist und nicht atmet, stehen seine Überlebenschancen ohne Hilfe denkbar schlecht. Versucht man eine Wiederbelebung steigen seine Chancen wieder. Bricht man ihm dabei aber vielleicht die Rippen, hat man sich nichts vorzuwerfen, denn die Durchführung der lebenserhaltenden Maßnahmen geht in diesem Fall klar vor.

Nicht immer muss es aber gleich zum Ernstfall kommen. Gerade auch im Sport kommen aber immer mal wieder kleinere Unfälle mit Sportverletzungen, Schürfwunden und Co. vor. Wie man damit am besten umgeht verraten wir euch daher im zweiten Teil unserer Artikelserie.

Jotunheimen: Zwischen Massentourismus und Abenteuer

22. August 2019
Die Bergfreunde

Noch nie hatte ich eine Gegend dermaßen unterschätzt wie das norwegische Jotunheimen-Gebirge. Und das in mehrfacher Hinsicht. Eigentlich wollte ich auch gar nicht dorthin, sondern in eine weniger bekannte Ecke zwischen Fjorden und Gletschern. Erst zwei Tage vor Abreise brachte mich die ernüchternde Wetterprognose für die Westküste zur Umentscheidung.

Jotunheimen war keine „Priorität“ für mich, obwohl es laut Visit Norwayeine nahezu unberührte Bergregion in Ostnorwegen“ ist, die mit dem Galdhøpiggen (2469 m) und dem Glittertind (2464 m) nicht nur die höchsten Berge Skandinaviens, sondern auch „Wasserfälle, Flüsse, Seen, Gletscher und Täler“ beherbergt.

Ich hatte eben ein paar Vorurteile. „Zu voll“ dachte ich sei es im „beliebtesten Nationalpark Norwegens“. Weil auf der Karte wirkte das Ganze irgendwie klein auf mich. Die Höhenunterschiede zwischen Tal und Gipfel erreichen kaum mal irgendwo die Tausend Meter. Zwar gibt es viele schöne Fotos zu googeln, doch nach den Superlativen und Sensationen sucht der Alpinist vergeblich.

Es kommt nicht (immer) auf die Höhe an

Tja, hätte ich mal genauer hingeschaut. Die Wirklichkeit erweist sich als ganz anders. Einmal dort, muss man nicht mal die eng sitzende Alpinistenbrille abnehmen, um sofort zu verstehen, warum diese Landschaft „Heim der Riesen“ heißt. Sie ist ein perfektes Zusammenspiel von Höhe und Weite. Eine wie absichtlich von den nordischen Göttern arrangierte Komposition aus Himmel und Erde, Fels und Eis, Wasser und Schnee, Gras, Flechten, Moos und Blumen. Für die oft atemberaubende Schönheit spielt das Wasser eine entscheidende Rolle: Es bildet nicht nur (schmelzende) Gletscher und Schneefelder, sondern unzählige Seen, die im wechselnden Licht schimmern und glänzen wie Edelsteine. Sie sind der Schmuck, mit dem sich dieses Gebirge so reich behängt wie kaum ein anderes.

Die befürchtete „Überfüllung“

Das „kleine Gebiet“, das ich vorher für Jotunheimen hielt, ist nur die etwa 20 Kilometer durchmessende Kernzone mit touristischen Anziehungspunkten wie dem Gjendesee und den motorisiert erreichbaren Stützpunkten Leirvassbu und Spiterstulen. Insgesamt umfasst das Gebirge jedoch eine Fläche von mindestens 50 mal 50 Kilometern. Selbst wenn an manchen Sommertagen ein paar Tausend Menschen hier unterwegs sind, verteilen sie sich auf eine Fläche von der dreifachen Größe Berlins. Und der Großteil dieser Menschen ist auf Highlights wie dem Besseggen-Grat versammelt …

Die Tour: Durchquerung von West nach Ost

Startpunkt ist Øvre Årdal, ein Städtchen am hintersten Seitenarm des weit verzweigten  Sognefjords. Ich starte hier, weil ich mir von dem ins Meer mündenden Utladalen mit den darüber aufragenden Hurrungane-Bergen spektakuläre Eindrücke erhoffe (und auch bekomme).

Von Øvre Årdal sind es gut zwei Kilometer bis zum Campingplatz Svalheim, auf dem ich einen Erholungstag von der episch langen Anreise aus Süddeutschland einlege.

Tag 1

Erstaunlicherweise hält der Bus, der das Utladalen talaufwärts fährt, hier nicht. So darf ich mich am ersten Tourentag auf gut fünf Kilometern Asphalt warmlaufen, bevor der Wanderweg beginnt. Am engen Boden des schluchtartigen Tals schlängelt er sich dann bis zur Touristenunterkunft Vetti Gard entlang, bevor es steil durch Wald und Unterholz auf die idyllische Hochebene Vettismorki geht. Dort passiert man den beeindruckenden Vettisfossen, mit 275 Metern der höchste unregulierte Wasserfall Norwegens. Erst jetzt öffnen sich nach und nach die Blicke auf umgebende Berge und Landschaften.

Es folgt der nächste steile Anstieg auf das nächste Plateau. Die Blicke auf das gegenüberliegende, schroff gezackte Hurrungane Massiv und den Canyon des Utladalen sind großes Kino. Doch auch die fast 1000 zurückgelegten Höhenmeter machen sich bemerkbar. Nicht zuletzt wegen des Rucksacks, der neben Zelt, Schlafsack und Isomatte auch Proviant für mehrere Tage und ein völlig unnötiges Notebook beherbergt. Es kommen nochmal 300 Höhenmeter hinzu, bevor es auf den letzten Kilometern wieder 400 Höhenmeter zur Hütte Skogadalsbøen hinuntergeht. Die lasse ich links liegen und wandere das sich östlich öffnende Skogadalen hinauf. Ich hoffe, so schnell wie möglich eine geeignete Stelle fürs Zelt zu finden. Ich bin nicht nur total platt und durchgeschwitzt, sondern auch verblüfft, schon 9 Stunden unterwegs zu sein. Dass ich die Länge der Strecke so unterschätze, liegt auch an meiner rudimentären Planung samt improvisiertem Kartenmaterial (mehr dazu im Infoteil unten).

Zum Glück gibt der lichte Wald ein paar Quadratmeter gemütliche Wiese direkt am Fluss frei. Das abendliche Bad darin ist Wellness pur, der Schlaf im luftig-lichten Innenzelt ebenso.

Tag 2

Das Ziel heute lautet „mitten rein“ ins Jotunheimen, was ich irgendwo in der Nähe der Selbstversorgerhütte Olavsbu verorte. Das Skogadalen hinauf geht es in leichtem Anstieg und begleitet von penetranten Pferdebremsen wieder über die Baumgrenze hinaus. Irgendwann soll laut der Linie auf meiner Handyfoto-Karte links der Abzweig nach Olavsbu kommen. Er kommt auch, nur etwa eineinhalb Stunden und eine Flußdurchwatung später als erwartet. Das sehr lange Tal ist schön, bietet aber nicht allzu viel optische Abwechslung. Dafür entschädigt der nun zu überwindende Bergrücken mit umso gewaltigeren Blicken. Ein erster verheißungsvoller Einblick ins Innere des Jotunheimen.

Der Restweg zum auserkorenen Zeltplatz nahe Olavsbu ist ein heiter beschwingtes Schreiten durch erhabene Berglandschaft. Naja, abgesehen von der Schwitzerei. Und diesem bei manchen Rucksackbewegungen gruselig stechenden Schmerz zwischen Nacken und linker Schulter. Und den nicht genug eingesprühten Sonnenbrandstellen, die weiter der knallenden Sonne ausgesetzt sind. Und den jeweils etwas drei bis vier entstehenden Blasen unter beiden Füßen, die ich mit immer mehr Tape einzudämmen versuche. Und war ich etwa schon wieder jenseits der 8 Stunden Marke? Ich bin jedenfalls froh, als es bei Sonnenuntergang endlich in den Schlafsack geht …

Tag 3: Gipfeltag

Ich brauche definitiv einen Regenerationstag ohne den gefühlten Hundert Kilo Rucksack. Es wird eine 5-Stunden Regenerationstour, einen Berg rauf und runter, der mir am Vortag als formschöne und machbar aussehende Pyramide aufgefallen war. Er entpuppt sich tatsächlich als machbar, ziemlich easy sogar. Es ist wohl der erste größere Berg, den ich spontan, ohne vorher überlegte Route und ohne Kenntnis seines Namens besteige. Ein wunderbares Gefühl, vielleicht ein bisschen so wie in alten Pionierzeiten. Vor allem auch deshalb, weil ich den Berg ganz für mich allein habe. Unglaublich eigentlich, an diesem herrlichen Hochsommertag an einem Wochenende, direkt neben einer der „Hauptrouten“ des Jotunheimen. Liegt es daran, dass es keinen markierten Weg gibt? Taucht der Berg in keinem Wanderführer auf? Ich weiß es nicht und es ist mir auch wurscht. Ich genieße zwei Stunden lang die unglaubliche Aussicht auf dem Gipfel.

Zurück am Zelt mache ich einen Abstecher zur benachbarten Hütte. Olavsbu ist unbewirtet aber komfortabel ausgestattet. An der großen Wandkarte im Vorraum sehe ich den Namen und die Höhe „meines“ Bergs: Skarddalstinden, 2100 moh. Dann sah ich noch etwas in der laminierten Preisliste der Hütte: wer sich im Gastraum aufhält, auch nur kurz, hat 90 Kronen zu zahlen. Alles klar, ich bin dann mal weg.

Entscheidungen

Abends steht eine Entscheidung an: der faule, manchmal etwas weinerliche Hund in mir schlägt vor, morgen nach Leirvassbu zu gehen und so binnen einer Tagesetappe die zivilisatorischen Annehmlichkeiten wieder greifbar zu haben. Seine Argumente sind Ausgepumptheit und Wehwehchen. Der neugierige Abenteurer will hingegen nach Osten, wo er große Natureindrücke bei schönstem Wetter verspricht. Die es allerdings nur um den Preis zweier weiterer richtig strammer Marschtage gibt. Okay, nicht ganz, sie könnten mit einer sündhaft teuren Bootsfahrt und/oder dem Auslassen des Besseggengrats enorm abgekürzt werden. Doch das wäre für den Abenteurer ein nicht vermittelbarer Gesichtsverlust. VerdaJommt, können diese inneren Kämpfe nicht mal im Urlaub aufhören? …

Tag 4

Es geht nach Osten, entlang einer Perlenkette an Seen in Richtung der Hütte Gjendebu. Der Weg ist abwechslungsreich mit sich überraschend öffnenden Blicken. Vorbei an einer grandiosen  Hochplateau-Szenerie geht es ins grüne Vesladalen auf den 20 Kilometer langen Gjendesee zu. In Gjendebu mache ich in einem prachtvollen Gastraum Pause, bevor es kurz den Gjendesee entlang und einen supersteilen, teils gesicherten Aufstieg auf das Plateau Bukkelægret hinaufgeht. Auf diesem Plateau hoffe ich den perfekten Zeltplatz zu finden. Und ich finde ihn, wenige Meter von einem glasklaren Seeauge, nicht zu weit vom Weg entfernt und mit freier Traumaussicht in alle Richtungen. Auch der Wunsch nach wenig Wind wird erfüllt. Wieder bin ich verwundert, einen unglaublich schönen Ort für mich allein zu haben. Ich nehme das Geschenk gern an und verbringe die Stunden bis zum Sonnenuntergang mit einem Bad im See, mit Essen, mit Schauen und mit Staunen.

Tag 5

Der letzte Tourentag führt mich auf einen der laut National Geographic „Top 20 Hikes weltweit“: den Besseggen-Grat. Doch zunächst steht der Abstieg nach Memurubu an, dem „offiziellen“ Ausgangspunkt der Tour. Zum Aufwärmen führt der Weg kontinuierlich leicht bergan, um dann einem spektakulär gelegenen Kamm folgend zum steilen Abstiegs-Endspurt nach Memurubu anzusetzen. Memurubu ist ein weiterer Hütten-Gebäudekomplex mit Bootsanleger. Die meisten Besseggengrat-Wanderer steigen hier aus dem Boot und laufen die Tour zurück zum Ausgangspunkt Gjendesheim. Auf die leichten Rucksäcke bin ich neidisch, doch es finden sich auch viele schwer bepackte „Leidensgenossen“ in der Karawane. Ich frage mich, wo sie alle herkommen. Das Kontrasterlebnis in Bezug auf Menschenmengen verglichen mit den Vortagen entspricht ungefähr dem zwischen Einsiedelei und Alexanderplatz.

Doch das soll kein Lamento sein. Im Gegenteil, ich freue mich über freundliche Grüße, beobachte Kinder, Hunde und Selfie-Filmer, die anscheinend zu ihren Followern ins Tablet quasseln. Auch das gelegentliche fast-auf-die-Füße-latschen an Engstellen stört mich nicht, da Umgebung und Aussichten viel zu fantastisch sind, um sich über irgendetwas aufzuregen.

Zwar halte ich nichts davon, Outdoorerlebnis zu raten und zu ranken, doch dieser Besseggen-Hike wird völlig zu Recht von National Geographic hervorgehoben. Zu den Highlights zählen nicht nur die nette Kraxelei und der berühmte „Zwei-Seen-in-unterschiedlicher-Farbe-Blick“, sondern auch die Abwechslung der Eindrücke und das Panorama auf dem Veslfjellet, das gefühlt halb Norwegen umfasst.

Absolut zufrieden und reichlich platt komme ich abends am Campingplatz Maurvangen an und bin zurück in der „Zivilisation“.

Begleiterscheinungen: körperliche Verausgabung, geistige Erholung

Nach fünf Tagen Trekking von „Rückkehr in die Zivilisation“ zu schreiben, ist etwas dick aufgetragen, doch die Zeit reicht für interessante Beobachtungen. Zum Beispiel die, dass die Zeit „draußen“ ungeachtet körperlicher Anstrengungen eine enorme geistige Erholung bringt. Wie das funktioniert? Dazu habe ich zwei Theorien.

  1. Das Hirn hat während der Tage in der Natur weit weniger Eindrücke zu verarbeiten und das Erleben ist sehr auf den Moment und die Körperaktivitäten bezogen. Da bleibt nicht viel Raum für das alltägliche Umherschwirren in Zukunft und Vergangenheit des eigenen Lebens und der Weltgeschichte. Und es fällt auf, wie viel Energie dieses Umherschwirren eigentlich verbraucht. Das Draußensein und die körperliche Aktivität sorgen eindeutig für weniger Gedankensalat und mehr gegenwärtige Wahrnehmung. Und das ist ein ziemlich erholsamer Zustand, dessen wohltuende Wirkungen noch Wochen später zu spüren sind.
  2. Die in Mitteleuropa nicht zu habende, weiträumige Abwesenheit von Stromleitungen, Handymasten, W-Lans, mobilem Internet, Straßen und Fluglärm ist ebenfalls purer Wellnessurlaub für Hirn und Nerven. Den „Skeptikern“, denen das zu „esoterisch“ klingt, kann ich nur empfehlen, es einfach mal selbst zu probieren :-)

Praktische Infos

Anreise, Kosten

Von Oslo aus fährt u.a. das Unternehmen Nor-Way mit der Linie Valdresekspressen im Sommer mehrmals täglich nach Gjendesheim im Osten, Lom und Leirvassbu im Norden und, mit umsteigen, Øvre Årdal im Westen.

Für Busse, Bahnen, Essen und Unterkünfte legt man im Schnitt etwa das Doppelte der in Deutschland gewohnten Preise auf den Tisch. Ein Vorratseinkauf in einer billigen Supermarktkette wie „Rema 1000“ kostet etwa soviel wie ein Alnatura-Einkauf hierzulande.

Jotunheimen ist großteils Nationalpark, kostet aber keinen Eintritt. Das Jedermannsrecht mit legalem Frei-Zelten gilt meines Wissens nach auch im Nationalpark überall.

Übernachten: Hütten, Camping, Wild zelten

Es gibt genügend Hütten, um theoretisch das ganze Gebirge mit einem leichten Tagesrucksack zu durchqueren. Angesichts von um die Hundert Euro pro Tag, die der Spaß auf diese Weise kosten dürfte, ist das volle Naturerlebnis beim Zelten vielleicht doch schöner. Ich umkurvte die norwegischen Preise mithilfe eines prall gefüllten Vorratsbeutels und perfekten Wetters. Letzteres machte es einfach, das freie Zeltens voll auszukosten. Normalerweise zeigt sich das Wetter nicht so gnädig. Dann dürfte es sinnvoll sein, teils zu zelten und teils die Hütten zu nutzen.

Wege und Gelände

Die „Widerspenstigkeit“ des Terrains ist einer der Faktoren, die ich unterschätzt hatte. Ein Großteil der hier vorgeschlagenen Tour ist auf Wegen zurückzulegen, die mit Steinen in allen Größen gespickt sind. Hinzu kommen jede Menge kleiner Wasserläufe und Schlammpassagen. Was wie eine schöne Wiese zum Zelten aussieht, entpuppt sich nicht selten als Sumpf. Längere Passagen auf komfortablen Wanderpfaden gibt es nach meinem Eindruck im Osten Jotunheimens häufiger als im Westen. Auch Infrastruktur und Frequentierung zeigen ein „Ost-West Gefälle“ (nach Osten zunehmend).

Wasser, Verpflegung

Wasser ist überall in trinkbarer Qualität vorhanden. Ich hatte eine Halbliterflasche am Rucksack, die ich immer wieder an Gewässern nachfüllte. Bei Gipfeltouren sollte man etwas mehr Wasservorrat dabei haben.

In den bewirteten Hütten werden warme Mahlzeiten angeboten. Das Angebot an Verpflegung für unterwegs scheint sich auf Knabberzeug und Süßigkeiten zu beschränken.

Wetter/Klima, „beste“ Jahreszeit

Hauptsaison ist natürlich der kurze Sommer im Juli und August. Auf den Hochflächen und in den Hochtälern kann es jederzeit ungemütlich werden, denn es gibt kaum Schutz vor den Elementen. Also auch nicht vor der Sonne, die sich bei meiner Tour als echte Herausforderung entpuppte.

Auch in der Waldzone bieten die kleinen Bäume nicht allzu viel Schutz. Sie stehen auch oft eng beieinander, auf sumpfigem und unebenem Boden.

Ausrüstung

Ich nenne hier keine Komplettliste der Trekking-Standards, sondern nur einige Besonderheiten, die man womöglich nicht auf der Rechnung hat:

Sonnencreme: normalerweise Sonnencrememuffel habe ich in Norwegen binnen 5 Tagen an die 100 ml verbraucht. Und fühlte mich mit Faktor 20 grenzwertig niedrig versorgt.

Wasserfeste Sandalen/Crocs: Wasserläufe sind oft zu queren. Im komplexen Gelände ohne erkennbaren Weg kann das Waten zeitsparender sein als die Suche nach der trockenen Fußes querbaren Stelle.

Stabile, atmungsaktive und wasserfeste Bergschuhe, die fest am Fuß sitzen, sind kein Luxus, sondern Pflicht.

Spezial-Ultrageheimtipp: Auf 61° nördlicher Breite wird es Ende Juli die ganze Nacht nicht richtig dunkel. Das kann einen lichtempfindlichen Schläfer zum Wahnsinn treiben. Die Schlafmaske vom DM für Zweifünfundvierzig war womöglich mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand.

Orientierung, Karten

„Schnell mal online checken“ ist nicht, da wie gesagt weder Handyempfang noch mobiles Internet. Was auch gut so ist.

Der ganze hier beschriebene Weg ist durchgängig markiert. Einen klar erkennbaren Pfad hat man jedoch nur bei weichem Untergrund. Die meiste Zeit verbringt man in schrofigem und steinigem Gelände, das sich auch gern mal zu kleinen Labyrinthen aus Hügeln auffaltet. Da ist der Wegverlauf dann nicht mehr offensichtlich und es kann etwas dauern, bis man die nächste Markierung entdeckt.

Da meine Jotunheimen Tour eine Kurzfristentscheidung war, hatte ich nur noch Zeit für ein paar abfotografierte Kartenausschnitte aus der Website norgeskart.no. Diese etwa zehn Karten-Fotos lösten für Details im Gelände natürlich viel zu schlecht auf und wären für eine Navigation bei schlechtem Wetter völlig unzureichend gewesen. Besser ist da schon die hier bei den Bergfreunden erhältliche Satmap Norwegen. Idealerweise greift man auf die guten alten Papierkarten zurück, von denen es für Jotunheimen reichlich Auswahl in guter Qualität gibt.

Sicherheit

Wie man unnötige Risiken im Fjell vermeidet, kann man hier bei Visit Norway nachlesen. Wer allein gehen und es noch etwas fundierter wissen möchte, findet hier im Basislager einen Artikel über die Notfallvorsorge auf Solotouren.

Unter den vielen Blogs, die es zu Touren in Jotunheimen gibt, fand ich den Touren-Wegweiser mit seinen vielen praktischen Tipps besonders informativ.

So, damit sollte das pralle und hoffentlich kurzweilige Jotunheimen-Infopaket fertig geschnürt sein. Wenn du Lust bekommen hast, dort selbst herumzustreifen, sehen wir uns vielleicht in einem der nächsten Sommer dort. Denn ich muss mindestens noch einmal dorthin …

Geschirr für draußen: welche Materialien sind outdoortauglich?

2. August 2019
Ausrüstung

Die Auswahl von Kochgeschirr ist normalerweise sprichwörtlich Geschmackssache. Welche der unzähligen Formen, Materialien und Materialkombinationen man nimmt, hängt großteils von persönlichen Vorlieben ab. Anders sieht das in der Outdoorküche aus, wo praktische Erwägungen viel mehr Bedeutung haben. Kochgeschirr für die Campingküche muss leicht, robust, vielseitig und langlebig sein. Es soll sich mit möglichst wenig Aufwand reinigen lassen, ohne dass es bei etwas festerem Scheuern gleich zu Kratzern und Materialabrieb kommt. Auch sollte das Material möglichst nicht mit Lebensmitteln, Salz und Säuren reagieren.

Was die ideale Wärmeleitfähigkeit des Materials ist, hängt vom persönlichen „Nutzungsprofil“ ab. Ist sie niedrig, dann eignet sich das Kochgeschirr eher für Wasser, Suppen und wasserhaltige Speisen. Wasserarme Gerichte werden bei schlechter Wärmeleitfähigkeit schneller mal anbrennen.

Das waren schon einige wichtige Kriterien. Schauen wir uns nun die gängigen Alternativen im Angebot an. Da auch beim Kochgeschirr jeder Outdoorer die Frage „was ist am besten für mich geeignet“ anders beantwortet, gibt es hier nicht „das beste Material“. Deshalb stelle ich nur die gängigen Materialien mit ihren Vor- und Nachteilen vor und lasse sie nebeneinander stehen.

Die „gängigen“ Alternativen reichen aus, weil wir für die Outdoorküche nicht wirklich tief in die Feinheiten der Metalle und ihrer vielen verschiedenen Legierungen, Beschichtungen, chemischen Strukturen, Wärmekapazitäten, Wärmeleitfähigkeiten sowie all deren Wechselwirkungen und Auswirkungen auf Geschmack und Gerüche eintauchen müssen. Sonst müssten wir zum Beispiel  die kleinen Abweichungen der diversen Edelstahl-Legierungselemente wie Chrom, Nickel, Titan oder Wolfram mit ihren Änderungen der Topf- und Pfanneneigenschaften und der Kochergebnisse beleuchten. Doch da man von all dem in der Outdoorküche bei einer robusten Tütenmahlzeit oder ein paar „Armen Rittern“ eher weniger bemerkt, bleiben wir hier bei den Basics und heben uns die Haute Cuisine für die Bulthaupküche daheim auf.

Neben den outdoorspezifischen, weil praktischen Materialien wie Aluminium und Titan kommt draußen vereinzelt auch durchaus der gute alte Edelstahl zum Einsatz. Schauen wir uns die drei nun näher an.

Aluminium

Kurzfassung: leicht, billig, hervorragender Wärmeleiter, aber gesundheitlich in der Diskussion. Laut Verbraucherzentrale weiß man inzwischen, „dass sich unter bestimmten Umständen Aluminiumionen lösen und ins Lebensmittel wandern können“. Doch diese „bestimmten Umstände“ kann man gut beeinflussen. Bei einem Espressokocher aus Aluminium ganz einfach dadurch, dass man ihn nicht in der Geschirrspülmaschine wäscht. Denn dadurch wird eine Schutzschicht entfernt, die sich mit der ersten Benutzung bildet und „Übergänge von Aluminium weitestgehend reduziert“.

Die zweite einfache Vorsichtsmaßnahme ist, den Kontakt von Aluminium mit Salz und sauren Lebensmitteln zu minimieren. Generell reagiert Aluminium im Vergleich zu anderen Materialien stärker mit Lebensmitteln. Allerdings haben die meisten angebotenen Aluminiumtöpfe und -Pfannen eine PTFE- oder Keramikbeschichtung, oder sind mit einer nicht löslichen Oxidschicht versehen (eloxiert). Der Nachteil mancher Beschichtungen kann zwar wiederum eine höhere Empfindlichkeit gegen Abrieb sein, doch wenn man etwas Sorgfalt walten lässt und in Töpfen nicht wie wild herumkratzt, wird man sicher keine ernsthaften Gesundheitsschäden davontragen.

Dadurch dürfte, im Zusammenspiel mit den anderen Vorsichtsmaßnahmen, das Risiko auf ein überschaubares Maß sinken. Wenn man dann noch das Aluminiumgeschirr nur beim Zelten und nicht im Alltag in der Wohnung verwendet, dürfte die eventuelle Schadstoffaufnahme bei einem zu vernachlässigenden Maß angekommen sein.

Vor- und Nachteile

Auf der Habenseite stehen der günstige Preis, das geringe Gewicht und die superschnelle Wärmeleitung. Letztere Eigenschaften gehen mit einer geringen Dichte und schlechten Wärmespeicherkapazität einher. Die dürfte aber im Outdoorbereich kaum ein Nachteil sein, da Mahlzeiten und Heißgetränke hier in aller Regel gleich nach der Zubereitung verzehrt werden. Ich habe jedenfalls am Zeltplatz oder Lagerfeuer noch kein Buffet mit warmgehaltenen Speisen gesehen …

Dass sich Aluminium leicht verformt und verbeult, ist hauptsächlich ein ästhetischer Aspekt. Die Benutzbarkeit der Töpfe und Pfannen ist dadurch nicht eingeschränkt. Solange es keine zu starken Dehnungen und Stauchungen gibt, kommt es nicht zum Reißen oder Abplatzen von Partikeln auf der Oberfläche. Das Problem kann ohnehin leicht umgangen werden, indem man auf härtere (und dadurch auch weniger reaktive) Varianten wie HA-Aluminium oder Duossal umsteigt.

Alu-Spezialitäten: HA und Duossal

HA steht für hartanodisiertes Aluminium. Die mit einer HA-Keramikschicht behandelten Pfannen und Töpfe sind absolut kratzfest. Die HA-Schicht ist nicht einfach nur aufgetragen, sondern regelrecht mit dem Aluminium verwachsen. Dadurch können Minimalismus-Cracks das Geschirr nach MacGyver-Art mit Sand „ausspülen“ und in ihm sogar mit der Metallgabel herumkratzen. Diese Unempfindlichkeit unterscheidet HA von normalen Beschichtungen wie Teflon. Dafür kann sie nicht mit deren Anti-Haft-Eigenschaften mithalten. Speisen können anbrennen und ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit beim Kochen bleibt erforderlich.

Bei Duossal ist die Innenseite der Töpfe und Pfannen mit Edelstahl ausgekleidet. Daraus resultiert  eine extrem kratzfeste, garantiert aluminiumfreie und lebensmittelechte Oberfläche bei geringem Gewicht und guter Wärmeleitfähigkeit.

Alles in allem kann Aluminium mit seinen vielen Varianten die eventuellen Nachteile durch Gewichts- und Preiseinsparungen mehr als wettmachen.

Kochen wie daheim: Edelstahl

Edelstahl ist ein Stahl, dem in der Regel Chrom und Nickel zugesetzt wurden. Er ist das schwerste, aber auch härteste und stabilste der hier genannten Materialien. Für den Outdooreinsatz werden dünne Wandstärken fabriziert, die das Gewicht etwas drücken.

Vor und Nachteile

Edelstahl ist relativ preisgünstig, stoßfest, rostfrei, sehr lang haltbar und leicht zu reinigen. Er zeigt keine Reaktivität mit Lebensmitteln und bietet in Verbindung mit dem oft vorhandenen Kupfer- oder Aluminiumkern eine passable Wärmeleitfähigkeit. Reine Edelstahlpfannen, die es im Handel allerdings kaum gibt, haben sehr schlechte Wärmeeigenschaften. Die eher schlechte Antihaftwirkung kann bei fehlender Aufmerksamkeit beim Kochen für angebranntes Essen sorgen.

Leider spielt der Nachteil des hohen Gewichts im Outdoorbereich eine große Rolle, weshalb Edelstahl hier selten erste Wahl ist.

Titan

Titan bietet neben einem klangvollen Namen eine unverwüstliche Stabilität und einen hohen Anschaffungspreis. Oft wird ihm ein geringes Gewicht zugeschrieben, doch der entscheidende Faktor ist eher seine enorme Härte. Wegen ihr kann Titan extrem dünnwandig verarbeitet werden, was zu einem sehr leichten Endprodukt führt. Die Härte des Titans geht auch mit einer hohen Kratzfestigkeit (auch hier „Sandspülung“ möglich) und einer geringen Reaktivität mit Säuren einher.

Vor- und Nachteile

Die Produktion ist allerdings sehr aufwendig, da Titan auf enorme 1668 °C erhitzt werden muss, um  zu schmelzen. Dadurch erklärt sich der im Vergleich zu Alternativmaterialien sehr hohe Preis. Neben diesem kann man die schlechte Wärmeleitfähigkeit von Titan als Minuspunkt werten. Zusammen mit der geringen Wandstärke kann das schon mal zu schnellem Anbrennen von Speisen führen.

Wer allerdings dazu neigt, seinen Topf oder Kessel auf dem Feuer zu vergessen, kann das auch als Vorteil sehen. Denn ein Titantopf kann lange in der Glut verweilen, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen.

Dass die Speisen mit einem Titantopf etwas mehr Zeit brauchen als mit Aluminium- oder Edelstahlgeschirr fällt bei einem oder zweimal kochen sicher nicht ins Gewicht, doch bei einer wochenlangen Tour kann der höhere Brennstoffverbrauch den Gewichtsvorteil von Titan womöglich aufheben. Wobei dies eine Spekulation meinerseits und keine „gesicherte Erkenntnis“ ist.

Fazit

Wie bei fast jedem Teil der Ausrüstung gibt es auch beim Outdoor-Geschirr nicht „das beste“ Material. Als Käufer sollte man sich die eigenen Bedürfnisse und Präferenzen (Gewicht, Preis, Stabilität, Kocheigenschaften, usw.) klar machen und in der richtigen Reihenfolge gewichten. Dann wird man sich entweder eine individuelle Auswahl zusammenstellen, oder – wenn man sich nicht über jedes Detail den Kopf zerbrechen will –, auf ein komplettes Kochset zurückgreifen.

Wahnsinn mit Methode? Das Business am Everest

2. August 2019
Die Bergfreunde

Schlange stehen am Gipfelgrat und fast ein Dutzend Tote: der ganz normale Wahnsinn der Everest-Frühjahrssaison machte auch 2019 wieder Schlagzeilen. Jetzt, im europäischen Sommer, hätte man den Berg hingegen ganz für sich allein. Doch man würde es wohl kaum zum Gipfel schaffen, denn der gleicht in der Monsunzeit einem Inferno. Schwere Gewitter laden meterweise Schnee ab, der von Sturmböen zu Fahnen von Hundert Metern Höhe aufgeworfen wird.

Im Oktober kommen noch einmal ein paar Wochen mit stabilem Wetter und einigen „Gipfeltagen“, bevor extreme Kälte bis Ende April einzieht. Alles in allem bleiben nur etwa sieben bis zwölf Tage im Jahr, in denen die Bedingungen eine Gipfelbesteigung mit kalkulierbarem Risiko erlauben. Im Mai 2019 waren es allerdings nur 4 Tage, an denen die etwa 300 Aspiranten den Gipfel versuchen konnten. Und „dank“ der satellitengestützten Wettervorhersage starten die kommerziellen Expeditionen mittlerweile fast alle zeitgleich vom letzten Lager am South Col zum Gipfel.

Der zeitliche Engpass ist ein Grund für die alljährlichen Staus in den Flanken und auf dem Gipfelgrat. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die weitaus meisten Gipfelstürmer auf die Fixseile angewiesen sind, die von den Sherpas vor der Saison fast den gesamten Weg am Berg hinauf installiert werden.

Ohne die mit Eisschrauben, Eissanduhren und Firnankern befestigte „Nabelschnur“ würden die vielfach unerfahrenen und wenig kompetenten „Bergsteiger“ in Gletscherspalten verschwinden, in der steilen Lhotseflanke oder am ausgesetzten Gipfelgrat abstürzen, sich im Nebel und Erschöpfungsdelirium verirren und auf vielfache andere Weise verunfallen.

Zum Höhepunkt kommen: was reizt die Menschen am Everest?

Mehr als 5000 Menschen waren seit der Erstbesteigung 1953 auf dem Gipfel. Die Zahl der Gescheiterten ist um ein Vielfaches höher. Etwa 300 Menschen haben bislang am Everest den Tod gefunden. Hinzu kommen etliche erfrorene Zehen und Finger sowie viele andere bleibende Gesundheitsschäden. Der Gipfelversuch ist trotz aller Zähmung des Berges nach wie vor ein extrem kräftezehrendes und riskantes Unterfangen.

Doch die Anstrengungen und Risiken nehmen Gipfelkandidaten ebenso in Kauf wie den finanziellen Aufwand, der mit bis zu 90.000 US Dollar dem Erwerb einer Oberklasse Limousine entspricht.

Ruhm und Anerkennung gibt es für die große Mühe unter Bergsteigern eher wenig, denn unter ihnen gilt der Everest heute keineswegs mehr als besonders erstrebenswertes Ziel. Im Gegenteil, viele sind vom Ehrgeiz, auf dem höchsten Punkt der Welt zu stehen, genauso abgestoßen wie von der Art und Weise, wie dieser Ehrgeiz umgesetzt wird. Spitzenalpinist Hans Kammerlander, der selbst ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel war, bringt das folgendermaßen auf den Punkt:

80 Prozent der Leute sind bei Weitem nicht geeignet. Sie verlassen sich nur auf die Infrastruktur und die Sherpas. Viele machen das, weil sie glauben, das ist eine tolle Imagesache. Dabei ist es eher lächerlich und alpinistisch völlig bedeutungslos.

Noch zugespitzter kann es nur der Meister höchstselbst formulieren:

„Es ist der Fluch der Eitelkeit, der die Menschen an diesem Berg treibt“, sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. „Der Wille der Menschen ist dort stärker als das bergsteigerische Können. Für sie zählt nichts, außer der Gipfel.“

Wie gesagt, nicht all zuviel Respekt von Seiten des Bergestablishments. In der viel größeren, nicht-bergaffinen Öffentlichkeit dürfte die bewundernde Aufmerksamkeit für Everest-Bezwinger deutlich größer sein.

Gipfel all inclusive: wie läuft das Everest-Business ab?

Neun von zehn Bergsteigern an den Everest-Flanken sind Kunden eines kommerziellen Veranstalters. Viele von ihnen haben wenig bis keine Bergerfahrung, manche wissen zu Beginn der Expedition nicht, wie man Steigeisen oder einen Helm anzieht. Dafür haben sie das nötige Kleingeld. Sie zahlen zwischen 25.000 und 90.000 Dollar an den Touroperator und erwarten dafür, auf den Gipfel gehievt zu werden.

Deutschsprachige Veranstalter mit dem Everest im Katalog sind u.a. Amical Alpin und Summitclimb. Beide sind bestrebt, derartige Kunden im Vorfeld auszusieben. Das scheint auch durchaus zu gelingen, denn bei diesen Anbietern kommt es vergleichsweise selten zu Unglücksfällen.

Beim DAV Summit Club hat man den Everest dennoch seit langem mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass Bergführer und Sherpas in diesen Höhen keine Verantwortung für das Leben zahlender Kuunden übernehmen können.

Es ist zwar definitiv unmöglich, Kunden eine unbeschadete Rückkehr vom Gipfel zu garantieren, doch gute Agenturen versuchen alles, was menschenmöglich ist. So hat „Himalayan Experience“, der größte kommerzielle Veranstalter, den Ruf, strenge Standards zu setzen. Dazu gehört, dass jeder Bergsteiger und Sherpa einer „Himex“-Seilschaft ein Funkgerät erhält und sich täglich melden muss. „Von jedem Teilnehmer wird verlangt, Lawinenverschütteten- Suchgerät (LVS-Gerät), Helm, Klettergeschirr und Steigeisen mitzuführen und sich stets in Sicherungsseile einzuklinken. (…) Die Kunden müssen das Tempo mithalten oder umkehren.

Andere Anbieter versuchen die Sicherheit zu maximieren, indem sie bei jedem Gipfelgang ausgeruhte Sherpa im obersten Lager „stationieren“. Sie sollen helfen, wenn höher oben etwas schief geht. Die Frage ist dann nur, ob die Kunden den Anweisungen der Sherpa auch Folge leisten. Denn: „Sherpa sind an den höchsten Bergen wunderbare und einzigartig leistungsfähige Begleiter. Aber die allermeisten von ihnen sind keine Führungspersönlichkeiten, die klare Zeichen setzen und eine Umkehr anordnen können.“

Everest-Kunden sind hingegen oft „Führungspersönlichkeiten“, die es gewohnt sind, zu bekommen was sie wollen. Sie schaffen es nur zu oft auch unter Sauerstoffmangel und wider aller Vernunft, ihren Willen durchzusetzen. Und damit nicht selten in ihr Verderben zu laufen.

Die Sherpa haben natürlich auch ein monetäres Eigeninteresse an diesem Tourismus. Hochlager-Träger können mehrere Tausend US-Dollar pro Saison verdienen, erfahrene Gipfelbegleiter auch Fünfstellige Beträge. Zusätzlich gibt es Boni, wenn Kunden den Gipfel erreichen. Mit diesen Einnahmen versorgen viele der Einheimischen ganze Großfamilien.

Der Ablauf der Gipfeltour

Die Gipfelaspiranten haben etwa 6-8 Wochen „Urlaub“ und finden sich Anfang-Mitte April in der nepalesischen Khumbu-Region zu Füßen des Everest ein. Die meisten von ihnen wandern vom nächstgelegenen „Flughafen“ in Lukla (2800m) etwa eine Woche zum Basislager. Auf diesem „Teahouse Trek“ wird der Großteil der Ausrüstung von Sherpas und Yaks transportiert und die Touristen können sich relativ komfortabel an die Höhe anpassen.

Spätestens ab dem Basislager auf 5400 Metern ist aber Schluss mit komfortabel, denn die Anpassung des Körpers an den Sauerstoffmangel wird ab dieser Höhe mühsam. Gegen Ende April wird dann mehrfach zwischen Basecamp und den Hochlagern I bis IV auf- und abgestiegen, um im Mai eines der kurzen Wetterfenster zu erwischen, an denen es in der „Todeszone“ oberhalb von 7000 m nicht stürmt und die Temperaturen mit Minus 25 Grad Celsius „mild“ sind.

Auf der tibetischen Nordseite läuft der Prozess ähnlich ab. Es sind aber weit weniger Leute unterwegs, da die Route technisch schwieriger und eine Rettung bei Schwierigkeiten weniger wahrscheinlich ist als auf der nepalesischen Südroute. Die Nordroute ist aber „objektiv“ deutlich sicherer, da sie weder große Eisbrüche noch spaltenreiche Gletscher oder besonders gefährliche Lawinenhänge überwindet. Zudem sind die Wartezeiten an den „Schlüsselstellen“ aufgrund der geringeren Zahl an Leuten nicht so lang.

Der große Andrang

Zu viele Menschen zur gleichen Zeit: das ist das Kernproblem des „Everest Wahnsinns“. Es steht immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Medien, Alpinisten, Tourunternehmern und Nepals Politikern. Dass die 381 Genehmigungen, die dieses Jahr erteilt wurden, zu viel waren, zeigte sich daran, dass die meisten der 11 Toten wegen der langen Staus und Wartezeiten starben. Doch weniger Genehmigungen bedeuten entgangene Einnahmen. In Nepal sind die 9800 Euro für eine Everest-Lizenz und die vielen weiteren Ausgaben, die der Everest-Tourismus auf dem Weg zum Gipfel tätigt (Anreise, Essen, Unterkunft, Träger- und Führerkosten, weitere Permits und Gebühren), eine große Menge Geld.

Es gibt also von vielen Seiten ein reges Interesse an möglichst vielen „Kunden“ am Everest. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum es abgesehen vom Geld kaum Voraussetzungen und Auflagen gibt und so viele unfähige und überforderte Aspiranten unterwegs sind. Reinhold Messners Forderung nach dem Verbot der kommerziellen Touren dürfte in diesem Gemenge nicht viel Anklang finden.

Wie anstrengend und schwierig ist der Everest?

Wenn ihr von einer Everest-Besteigung zurückkehrt, ist euer Körper quasi ein Wrack. Viele Menschen sterben daran.“ Dieser Satz von Kami Rita Sherpa sagt im Grunde alles über den Grad an Anstrengung. Die dünne, sehr trockene und sehr kalte Luft wirkt auf die allermeisten Menschen kräftezehrend und auslaugend. Ab etwa 7000 m Höhe verlangt jeder einzelne Schritt einen großen Willensakt.

Die technischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Der riesige und aufgrund seiner Instabilität sehr gefährliche Gletscherfall des Khumbu-Eisbruchs wird von den „Ice Doctors“ komplett mit einem „Klettersteig“ aus Leitern und Fixseilen präpariert und instand gehalten. Stolperer und Stürze werden normalerweise vom Fixseil aufgefangen.

Der Weiterweg zur Lhotseflanke ist ebenfalls „nur“ anstrengend und gefährlich, nicht aber technisch schwierig. In der Flanke wird es mit bis zu 80° zwar sehr steil, doch da man auch dort immer am Fixseil eingeklinkt ist, hat technisch unsauberes Steigen abgesehen von Kräfteverschleiß keine ernsten Konsequenzen.

Am Gipfelgrat wird es dann richtig ausgesetzt, was vor allem eine psychische Herausforderung ist, die aber wiederum durch Fixseil und Begleiter entschärft wird. Die ehamals als Hillary Step bezeichnete Stelle ist zwar seit dem Wegbrechen durch das Erdbeben im Jahre 2015 weniger anspruchsvoll, gilt allerdings nach wie vor als Nadelöhr.

Höhe, Kälte, Stürme: Wie gefährlich ist der Everest?

Die Normalroute von Süden ist definitiv gefährlich, da es viele Gefahrenquellen gibt, die man nicht beeinflussen kann („objektive Gefahren“). Man befindet man sich tagelang in Gelände, das jederzeit von Lawinen überrollt werden kann. Zugleich befindet man sich auf einem schnell fließenden, von tiefen Spalten zerfurchten Gletscher, auf dem neue Spalten binnen Sekunden mit lautem Getöse aufreißen können.

Die Nordroute von Tibet aus ist objektiv sicherer, allerdings klettertechnisch schwieriger und man kann dort im Falle von Problemen weit weniger mit Hilfe oder gar Rettung rechnen.

Gefährlich ist allein schon der Aufenthalt in der Todeszone, jenem Bereich oberhalb 7000 Meter, in dem der Sauerstoffpartialdruck so gering ist, dass Körper und Geist selbst dann rapide abbauen, wenn man nur schlafen, essen und trinken würde. Ein Aufenthalt von mehr als 48 Stunden führt bei den meisten Menschen zu einem tödlichen – meist durch Erschöpfung und Unterkühlung beschleunigten – Verlauf der Höhenkrankheit. Deshalb sind auch die Wartezeiten so gefährlich: sie sorgen für Erschöpfung und steigern die Wahrscheinlichkeit von Höhenkrankheit und Erfrierungen. Der Sauerstoffmangel (der durch Flaschensauerstoff nur teilweise ausgeglichen wird) schränkt auch die geistige Leistungsfähigkeit ein und trübt das Urteilsvermögen. Deshalb kommt es in der Todeszone häufig zu fatalen Fehlentscheidungen, die aus alltäglicher Perspektive nicht nachvollziehbar scheinen.

Insgesamt liegt der „Bodycount“ des Everest bislang bei etwa 300, was einer Sterblichkeitsrate von etwa vier Prozent entspricht. Angesichts des Rummels am höchsten Berg könnte sie auch weit höher sein. Berglegende Hans Kammerlander beispielsweise wundert sich, warum nicht viel mehr Menschen ums Leben kommen:

Wenn so eine Masse unterwegs ist und ein Sturm aufkommt, können auch schnell 50 oder 100 Menschen sterben. Der Berg kann zur Bestie werden. Oder im unteren Teil, da befindet sich der Khumbu-Eisbruch. Wenn viele Menschen weit oben sind und im Eisbruch eine Lawine abgeht, was jederzeit sein kann, sind dort alle Seile weg und der Weg nach unten ist kriminell. Dann kommt kaum noch jemand runter.

Khumbu-Leitersteig, Internetcafe und Fixseilautobahn: Die Infrastruktur

Nach Ansicht der meisten Extrem- und Spitzenbergsteiger hat eine Everestbesteigung nicht mehr viel mit Bergsteigen und Alpinismus zu tun. Kammerlander erklärt im Interview, wie der Everest für Nichtalpinisten präpariert wird:

Der Berg wird von Spezial-Sherpas jeden Frühling präpariert. Es wird mit Seilen und Leitern eine Art Klettersteig gebaut. Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Die Anbieter klinken sich in diese Infrastruktur ein.

Das Basislager ist längst zu einer Zeltstadt mit bis zu 1000 „Einwohnern“ geworden. Schon zu Anfang des Jahrtausends trampelten sich dort die Expeditionen auf den Füßen herum, konnte man sich mit T-Bone-Steak und Heineken stärken und im Internetcafe einen Heldengruß nach Hause schicken. Es tummeln sich hier auch weit mehr Leute als nur die Gipfelaspiranten. Die meisten der rund 35.000 Touristen, die jährlich den Sagarmatha-Nationalpark besuchen, in dem der Everest liegt, wollen zum Everest Base Camp.

Leichengasse, Müllberge und Massenschlägereien: die Auswüchse

Was es wirklich bedeutet, nahe des Gipfels im Stau zu stehen, macht der Augenzeugenbericht des kanadischen Bergsteigers Elia Saikaly vom Mai diesen Jahres deutlich: „Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4„. Saikaly hat nach eigener Aussage versucht, Bergsteiger zum Umdrehen zu bewegen, die später gestorben seien. Menschen seien niedergerissen worden, er musste über ihre Körper steigen.

Man muss also sprichwörtlich über Leichen gehen, um den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Dazu noch einmal Hans Kammerlander:

Die Moral, die unter Alpinisten das erste Gebot sein sollte, hat heute kaum noch einen Stellenwert. Wenn von oben jemand kommt, total erschöpft und ohne Sauerstoff, helfen die wenigsten, weil sie zurück müssten und den Gipfel verlieren. Die denken sich: Das macht schon der hinter mir.

Wie es aussieht, wenn alle so denken, das wurde 2012 beim üblichen Stau am Hillary Step deutlich, „als dort entkräftete Menschen apathisch im Schnee saßen oder hemmungslos weinten, als andere schrien und wieder andere darum flehten, man möge sie doch bitte hinunterlassen, kannte niemand Gnade oder Rücksicht.

2006 machte ein ähnlicher Fall Schlagzeilen, als dem Briten David Sharp im Abstieg der Sauerstoff ausgegangen war. Rund 40 Bergsteiger sollen passiert haben, ohne zu helfen, bevor Sharp an Ort und Stelle starb.

Man lässt den Anderen lieber sterben, als den eigenen Gipfelerfolg zu gefährden. Mit dieser Art von zwischenmenschlicher Interaktion muss man rechnen, wenn man ganz nach oben will.

Leichen als Wegmarken

Da die Bergung von Leichen mühsam, schwierig und gefährlich ist, blieben von den 300 Toten des Everest etwa 200 auf den Hängen des Berges liegen – begraben unter Eis und Schnee oder offen. Immer mal wieder kommen Leichen oder einzelne Teile in den Camps zum Vorschein. Einige Exemplare dienen sogar als Wegmarken. So ist die nah am Gipfel liegende Leiche eines Inders, der vermutlich 1996 ums Leben kam, als „Green Boots“ bekannt, weil sie nach wie vor die markanten grünen Bergstiefel trägt.

Explosive Anspannung

Ein weiteres Sinnbild für die unappetitlichen Seiten des Everest-Business war 2013 die Massenprügelei im Tal des Schweigens, in der etwa 100 aufgebrachte Sherpas den Schweizer Spitzenalpinisten Ueli Steck und zwei Begleiter beinahe gelyncht haben sollen. Nur durch beherztes Einschreiten anderer westlicher Bergsteiger sollen Steck und die zwei Profibergsteiger-Kollegen mit dem Leben davongekommen sein. Die im Zuge der Kommerzialisierung des Berges aufgestauten Spannungen hatten sich entladen, als die Sherpas meinten, die führerlosen Alpinisten hätten ihre Fixseile traversiert und dabei Eisschlag ausgelöst.

Höchstgelegener Müllberg der Welt

Auch der auf dem Dach der Welt aufgetürmte Müll gibt kein gutes Bild ab. Neben Zelten, Sicherheitsseilen, Lebensmittelpackungen, leeren Sauerstoffflaschen, Kochern und Fäkalien bleiben wie erwähnt auch die Leichen oft liegen. Sherpas brechen immer wieder zu Säuberungsaktionen ihres heiligen Berges auf, bei denen, soweit möglich, auch Tote abtransportiert werden.

Lösungsversuche

Seit 2014 soll ein Pfandsystem den Müllberg bändigen. Jeder Bergsteiger soll etwa 8 Kilogramm Müll wieder mit hinunternehmen – so viel wie jeder im Durchschnitt produziert. Expeditionen müssen eine Kaution von rund 4420 Euro hinterlegen, die sie zurückerhalten, wenn ein Regierungsbeamter bestätigt hat, dass die Expedition „sauber“ war. Die Kontrollen werden allerdings nicht besonders strikt durchgesetzt.

Es mangelt auch nicht an weiteren vernünftigen Vorschlägen, den Everest-Wahnsinn in gesündere Bahnen zu lenken. Doch wie so oft sind Mäßigung und Vernunft umso schwer durchzusetzen, je mehr Dollarbündel im Spiel sind.

Wie quere ich einen Fluss?

17. Juli 2019
Tipps und Tricks

Fließendes Gewässer kreuzt den Weg beim Trekking, Wandern und Bergsteigen recht häufig. In den Alpen findet man oft genau da, wo man es braucht, eine Brücke oder ähnliche Konstruktion. Ganz anders kann das aussehen, wenn man in Skandinavien oder auf anderen Kontinenten unterwegs ist. Dann braucht es fürs Gewässer queren hier und da etwas Knowhow und Equipment.

Wenn das womöglich noch kräftig strömende Hindernis breiter als nur ein paar Schritte und tiefer als Kniehöhe ist, kann das Waten oder Furten, wie man die Gewässerquerung fachfrauisch nennt, zu einer kniffligen und zeitintensiven Angelegenheit werden.

Planung ist die halbe Querung

Man sollte Touren natürlich nicht zu Tode planen, denn eine Prise Abenteuer, Spontanität und Überraschung ist das Salz in der Outdoorsuppe. Doch das heißt nicht, dass man Gewässerquerungen blind dem Zufall überlassen sollte. Denn sie sind oftmals „Schlüsselstellen“, an denen man nicht vorbeikommt und wo ein Scheitern das vorzeitige Ende einer ganzen Trekkingreise bedeuten kann.

Deshalb ist Vorabrecherche betreffs Wasserständen und günstigsten Furtstellen vor allem dann angesagt, wenn man abgelegene und wenig erschlossene Gegenden anpeilt. Hat man nämlich kritische Querungen in der geplanten Route ausgemacht, kann man von daheim aus in aller Ruhe mögliche Umwege und Alternativrouten sondieren. Vor Ort kann man, sofern vorhanden, andere Wanderer, Hüttenwarte oder Parkranger nach dem neuesten Stand fragen.

Wann queren?

Zeit und Ort spielen natürlich eine große Rolle, besonders im Gebirge und in der Nähe von Gletschern. Sowohl die jahreszeitlichen als auch die tageszeitlichen Schwankungen der Wassermenge können enorm sein. Gründe dafür können nicht nur Regen und Schneeschmelze, sondern auch geothermale Aktivitäten in vulkanisch geprägten Zonen sein.

Die tageszeitliche Schwankung hat für meine bislang kniffligste eigene „Furt“ gesorgt. Frühmorgens hatte der Gletscherbach noch bis Höhe halber Unterschenkel gereicht. Kein Problem, die zwei als Stützen mitgebrachten Äste brauchte ich nicht. Doch da ich nachmittags den gleichen Weg zurück musste, legte ich sie sorgsam in einer Felsnische ab (wenn ein Ast mehr als körperlang und robust ist, reicht einer, doch diese waren kürzer und schwächer, deshalb zwei).

Nachmittags war der Bach wie erwartet angeschwollen. Das war klar, doch dass er in der Mitte bis über die Gürtellinie reichte, war doch etwas mehr als gedacht. Dummerweise war von den Ästen nur noch einer da. Sollte den anderen etwa jemand geklaut haben? …

Wie auch immer, es klappte bis zur Mitte auch ganz gut mit dem einen Ast. Doch dann saugte mir die Strömung den rechten Croc (diese praktischen Gummischuhe) trotz geschlossenem Bügels vom Fuß. Ich verlor für einen Sekundenbruchteil das Gleichgewicht, als der nackte Fuß auf den Kieseln Halt suchte und nahm um ein Haar ein Vollbad, das frühestens ein paar hundert Meter weiter in einem kleinen See geendet hätte. Der Rest gelang trotz höchster Konzentration nur mit Ach und Krach.

Welche Lehren kann man daraus ziehen? Nun, Bäche, die von Schmelzwasser gespeist werden, sollten so früh wie möglich morgens gequert werden. Doch wie man sieht, kann man das Timing eben nicht immer passend steuern. Womöglich muss man gar mal eine ungeplante Zwischenübernachtung einlegen. Und: Trekkingstöcke sind nicht nur dazu da, alternde Knie zu schonen. Einst standhafter Stockverweigerer würde ich heute nicht mehr ohne Stöcke in abgelegenen Ecken herumtrekken.

Schlechtes Timing und andere Fehler: Chris McCandless

Der wohl bekannteste, spektakulärste und irgendwie auch vermeidbarste Todesfall durch gescheiterte Flussquerung ist wohl der von Christopher Johnson McCandless. McCandless erlangte post mortem Weltruhm, als tragischer Held in Jon Krakauers Bestseller „Into the Wild“.

Seine letzte Reise führte McCandless zu einem alten Schulbus, der im Denali Nationalpark in Alaska vor sich hin rostet. Ein Fluss, den McCandless bei seiner Ankunft ohne große Probleme überqueren konnte, hatte sich wegen der sommerlichen Schneeschmelze in einen reißenden Strom verwandelt, sodass er beim Versuch der Rückkehr nicht mehr durchwaten konnte. „Als fatal erwies sich, dass ihm eine (detaillierte) Landkarte fehlte, denn darauf wäre eine handbetriebene Schwebefähre über den Fluss etwa 400 Meter stromabwärts eingezeichnet gewesen – ebenso wie mehrere Hütten (z. T. von der Nationalparkverwaltung) wenige Kilometer entfernt im Süden. McCandless kehrte zum Bus zurück und hoffte durchzuhalten, bis zufällig, vor allem bedingt durch die Jagdsaison, Hilfe käme.

Die Hilfe kam jedoch nicht, sodass McCandless nach 113 Tagen allein in der Wildnis an nicht genau geklärten Ursachen starb.

Wo queren?

Manchmal hat man aufgrund der Geländestruktur keine Auswahl. Dann klappt es entweder an Ort und Stelle oder gar nicht. Wenn das Terrain es aber zulässt, sollte man sich natürlich die günstigste Stelle suchen. Das kann dort sein, wo der Fluss sich in viele Arme verästelt. Oder auch dort, wo er zwar breiter ist, dafür aber Strömung und Wassertiefe geringer sind. Wenn die Strömung gering ist, kann auch tieferes Wasser leichter gequert werden. Doch Vorsicht: an solchen „trägen“ Stellen kann tiefer Sand oder Schlamm abgelagert sein. Hier hilft ein möglichst langer Watstock zum vorantasten.

In Führern beschriebene Stellen können schon nach kurzer Zeit unbrauchbar sein, da natürliche Gewässer besonders im Gebirge ihr Bett und ihren Verlauf ständig ändern.

Das Outdoor-Magazin gibt den Tipp, nie vor einem Wasserfall zu furten. Nun, das leuchtet ein. Ähnliches gilt für Stromschnellen und Stufen. Neben den eher offensichtlichen Gefahren kann es aber auch verborgene Überraschungen geben: so wälzen sich bei stärkerer Strömung bisweilen große Gesteinsbrocken über den Gewässergrund und können einen aus dem Gleichgewicht bringen.

Wichtig ist, wie das Outdoor-Magazin schreibt, auch stets der prüfende Blick ans andere Ufer: „steile, lockere Moränenhänge, ausgespülte und damit rutschige Felswände sowie angeschwemmtes Treibholz können unüberwindbare Hindernisse darstellen.“

Vor dem Wasserkontakt beachten

Bevor es losgeht, ist ein kurzer Ausrüstungscheck angesagt. Sind alle wichtigen und wasserempfindlichen Gegenstände abgedichtet? Gibt es für den Notfall genug Wechselklamotten? Liegt der Schwerpunkt des Rucksacks nicht zu hoch?

Schuhwerk unter den Sohlen ist hier ein Muss. Es sollte die Zehen schützen und fest am Fuß sitzen. Crocs sind zwar vielseitig, leicht, wasserfest und prinzipiell geeignet, sollten aber wirklich gut sitzen. Sonst können sie sich – siehe oben – eventuell doch mal verabschieden. Mit Trekkingstiefeln queren ist keine gute Idee, es sei denn man hat die Zeit und das Wetter fürs trocknen. Sie werden so am Rucksack befestigt, dass sie sich nicht lösen und das Gleichgewicht möglichst wenig stören.

Den Brustgurt des Rucksacks lässt man immer offen, um ihn im Fall des Falles loswerden zu können. Oft wird geraten, auch den Hüftgurt offen zu lassen, doch es gibt auch Gegenmeinungen. In seinem Standardwerk Outdoor Praxis schreibt Rainer Höh, dass der Rucksack mit offenem Gurt bei plötzlichen Bewegungen leicht verrutschen und das Gleichgewicht gefährden kann. Wenn man vorbereitet ist, kann die Hüftschnalle laut Höh meist auch schnell geöffnet werden.

Die eine goldene Regel gibt es hier nicht, da der Rucksack zwar in ungünstiger Position den Kopf nach unten drücken kann, normalerweise aber durch die Luftpakete im Inneren nicht sinkt und somit sogar Hilfe beim Schwimmen bieten kann. Man sollte ihn jedenfalls nicht leichtfertig opfern, da der Verlust des gesamten Gepäcks schwerer wiegen kann als das unfreiwillige Bad.

Wie queren? Tipps zum Furten

Spätestens ab Knietiefe beginnt man, mit dem Stock/ den Stöcken voranzutasten und für sicheren Stand zu sorgen. Die folgenden Tipps sind dem Buch von Rainer Höh entnommen, da Tipps aus Blogs und Foren sich teils widersprechen und Details wie Blickrichtung und Gehrichtung nicht immer sauber unterscheiden.

Höh rät, in einem Winkel von etwa 45° stromabwärts und mit dem Gesicht stromauf zu gehen. Für das optimale Gleichgewicht stehe man dabei quer zum Strom oder leicht seitlich, mit dem vorderen Bein stromab versetzt.

Den Watstock setze man immer stromauf etwa einen Meter vor dem Körper auf und lehne sich dagegen. Stockspitze und Füße bilden möglichst immer ein Dreieck (mit Trekkingstöcken kann man entsprechend ein Viereck bilden). Setzt man den Stock/die Stöcke stromab, gerät man beim Weitersetzen in eine instabile Position.

Wollen mehrere Personen sich gegenseitig helfen, sollte die kräftigere Person nicht versuchen, die „Schwächere“ von stromab aus zu stützen, sondern die Strömung von stromauf aus „abfangen“. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass bei Gleichgewichtsproblemen beide baden gehen.

Bei drei oder mehr Personen kann man gemeinsam waten, indem man eine lange, kräftige Stange festhält und quer zur Strömung vorangeht. Die Stange verläuft also parallel zur Strömung. Die schwerste Person befindet sich stromab als „Anker“, die leichteste Person macht den „Strömungsbrecher“. Verliert Letztere das Gleichgewicht, kann sie sich an der Stange festhalten. Das Risiko, dass die ganze Gruppe den Halt verliert, lässt sich zwar nicht ausschließen, doch je größer die Gruppe ist, desto geringer wird es.

Breit und tief: Furten mit Hilfsmitteln

Trekkingstöcke oder ein langer, starker Ast von etwa zwei Meter Länge gehören zur Grundausstattung einer Querung. Sie reichen aus, wenn das Gewässer bis etwa Hüfthöhe reicht und keine starke Strömung hat. Wenn es darüber hinausgeht, wird auch der stärkste Mensch vom Wasser umgeworfen. Queren ist dann nicht mehr ohne technische Hilfsmittel möglich. Ein extra mitgebrachtes Seil wäre solch ein Hilfsmittel.

Das Seil kann zwar theoretisch vielseitig unterstützen, hilft aber in der Praxis manchmal ernüchternd wenig weiter. Die Probleme können hier schon ziemlich komplex und das Flussqueren zur Wissenschaft werden – wie dieser Diskussionsthread der Outdoorseiten zeigt.

Dort wird viel über Pendelmethoden gefachsimpelt, bei denen man das Seil möglichst weit in Gewässermitte an einem Baum oder anderen Fixpunkt verankert und an diesem gesichert das Gewässer in einer Pendelbewegung durchwatet. Das Handling einer solchen Aktion, bei der gleichzeitig das Seil geführt und gewatet werden muss, stellt sich aber nicht selten als schwierig bis unmöglich heraus. Rainer Höh hat solche Selbstsicherungen mittlerweile als „Unfug“ verworfen …

Bei anderen Seilmethoden wie der Seilbrücke besteht das Problem, dass das Seil zuerst ohne Seilhilfe ans jenseitige Ufer gelangen und verspannt werden muss. Ein weiteres Problem der Seilbrücke ist, dass sie ein Statikseil benötigt. Ein Kletterseil würde bei Belastung durch eine Person viel zu tief durchhängen, egal wie fest man es verspannt.

Und selbst mit Statikseil wird die Konstruktion kaum mehr als den Rucksacktransport ermöglichen. Hinzu kommt, dass es mit zunehmender Flussbreite immer schwieriger wird, das in der Strömung hängende Seil nachzuziehen. Man müsste eine dünne Schnur verwenden, an der nach erfolgter Querung das Seil nachgezogen wird.

Ein Seilgeländer ist schon eher eine realisierbare Konstruktion. Dieses von der erfahrensten/stärksten Person nachgezogene und gespannte Seil kann von anderen Gruppenmitgliedern als Geländer zum Festhalten benutzt werden. Letztere können sich auch mit einem Karabiner daran fixieren (Verbindung über kurzes Seilstück unter den Armen oder Brustgurt).

Weitere Hilfsmittel wie selbstgebaute Flöße sind eher etwas für erlebnispädagogische Aktionen und bieten wohl nur bei verschärften Wildnisabenteuern ein realistisches Verhältnis von Aufwand zu Ertrag. Ein sehr kleines Floß, das nur das Gepäck trägt und neben dem man herschwimmt, kann aber durchaus schnell gebaut sein. Eine Bauanleitung sprengt hier dennoch den Rahmen. Vielleicht wäre das ja einen künftigen eigenen Artikel wert …

Feinheit vs. Reißfestigkeit: Was hat es mit Denier, Tex und Co. auf sich?

11. Juli 2019
Ausrüstung

„Schreib doch mal was über Denier“, haben sie gesagt. „Das ist sicher informativ und spannend“, haben sie gesagt. Und ich stehe nur so da und denke: „WTF. Denier Alter, echt. Was ist das denn? Oh Mann, nie gehört, da muss mir was entgangen sein.“ Und die weiter so: „Kennste nicht. Ist ja auch kein Wunder, kennen nämlich viele nicht und deshalb brauchen wir da mal einen Blogbeitrag.“ Und bei mir so: Plop, klatsch, Stein vom Herzen, doch nicht so hinterm Mond.

Ich dann so zu Google, erstmal nachschauen. Aha hat was mit Feinheit von Textilien zu tun. Klar doch, drum kenne ich das nicht, hab ich mich noch nie mit befasst. Warte mal, Moment: Textilfeinheit!?! Nicht wirklich. Also mal nachfragen: „Ey, is nicht euer Ernst, oder? Ist sicherlich irgendein Kletterhotspot in Frankreich oder so. (Bitte?!?).“ Und dann bäääm die Antwort: „Nix Kletterhotspot, Textilfeinheit rulez. Bezeichnungen wie ‚70D‘ sind dir im Shop doch sicherlich auch schon aufgefallen. Darum geht’s.“

Alles klar, check, das große D also. So langsam verstehe ich, wo die reise hingeht. Das ließt man ja tatsächlich immer mal wieder, gerade bei Outdoorbekleidung ist Bezeichnung D=Denier gut vertreten. Eine genauere Einordnung kann da sicherlich nicht schaden… Und dann die weiter: „Kannst ja auch gleich noch dazu schreiben, was das so über die Robustheit und Langlebigkeit aussagt. Passt ja irgendwie zum Thema.“ Okay, ich also so: „Geht klar, mach ich dir passend, easy.“

Wer sich einmal ein wenig in das Thema einliest, der merkt schnell: So easy ist das nicht. Wir sollten daher vorab mal reden (so ganz unter uns, versteht sich). Ich hab im Mathe-Abi 5 Punkte und auch in Chemie und Physik sieht’s da nicht besser aus. Ich habe für dieses Thema so einiges recherchiert und bereits nach der Lektüre des ersten Wikipedia-Artikels schwirrt mir der Kopf. Ich will aber, dass ihr es einmal besser habt als ich. Darum gilt für diesen Blogbeitrag ab sofort die Abmachung: Es wird verallgemeinert und vereinfacht, wo es nur geht.

Also stürzen wir uns ins Thema und fragen:

Was bedeutet denn eigentlich robust bzw. langlebig?

Tja, und damit machen wir schon ganz am Anfang ein riesengroßes Fass auf. Robust oder langlebig ist etwas, das nicht so schnell kaputt geht, lange hält und auch mit härteren Bedingungen klar kommt. Wichtig ist es dabei erst einmal zu klären, wogegen ein Material oder Kleidungsstück robust ist.

Ein Kleidungsstück könnte beispielsweise gegen Abrieb, äußere Einwirkung (Risse, Schnitte) oder auch Feuer (z.B. Funkenflug) robust sein. Gegen knautschen, drücken, knüllen oder Weichspüler, Senf und 4711, große Luftfeuchtigkeit oder extrem niedrige Temperaturen und und und. Diese unterschiedlichen Anforderungen haben jedoch nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.

Da wir uns aber bereits darauf geeinigt haben, im Sinne der Verständlichkeit stark zu vereinfachen, schlage ich an dieser Stelle vor, ääh lege ich fest, dass wir nur über die Aspekte Abrieb und äußere Einwirkung sprechen. Denn nicht selten werden in diesem Kontext auch Angaben zur Feinheit der verarbeiteten Materialien gemacht. Und was uns das bringt, klärt die folgende Frage:

Feinheit von Textilien – was ist das denn?

Bei der Feinheit von Textilien geht es zunächst einmal um die Feinheit einzelner Fasern und die Feinheit von Garnen, Zwirnen und dergleichen. Die Feinheit definiert sich dabei in erster Linie über den jeweiligen Durchmesser. Je kleiner also der Durchmesser einer Faser oder eines Garns ist, desto größer ist seine Feinheit. Bis dahin, check, kein Problem. Das Problem ist allerdings, dass es sich bei textilen Fasern nicht selten auch um natürliche Materialien handelt, die keinen exakt runden Querschnitt haben. Auch können Fasern leicht zusammengedrückt werden und verändern so ihren Querschnitt teilweise auch dauerhaft. Hierzu ein Beispiel:

Stellt euch einmal einen Gartenschlauch vor. Jetzt nehmen wir einfach an, dass dieser Gartenschlauch im Normalzustand einen exakt runden Querschnitt hat. Wird dieser Schlauch nun zusammengedrückt, wird er in die eine Richtung breiter, aber gleichzeitig auch flacher. In diesem Zustand ließe sich also ein mit anderen „Fasern“ vergleichbarer Durchmesser nur schlecht berechnen.

Um aber eine Vergleichbarkeit der Feinheit zu gewährleisten und auch bei der industriellen Fertigung verlässliche Richtgrößen gebraucht werden, ist es heute weitestgehend üblich eine Feinheitsdefinition zu verwenden, die durch die Beziehung von Masse (Gewicht) und Länge beschrieben wird. Es muss also mindestens eine Maßeinheit her. Wir bieten hier aber beste Servicequalität und schicken in den Ring:

Tex vs Denier

In Deutschland sowie der restlichen EU inklusive der Schweiz ist die Einheit Tex die offizielle Maßeinheit, wenn es um die Feinheit von „linienförmigen textilen Gebilden“ geht. Also Fasern, Garne und dergleichen. Dies ist auch so in der ISO 1144 und DIN 60905 festgehalten. Wer an Schlafstörungen leidet, kann es ja mal nachlesen.

Beim Tex-System gibt es ebenso wie bei den Maßeinheiten Gramm und Meter zahlreiche Untereinheiten. Wir merken uns hier aber zur Vereinfachung lediglich:

1 tex = 1 g pro 1000 m

Noch einfacher: je höher die Zahl, desto grober (weniger fein) die Faser.

Das Denier-System (den) funktioniert gleich wie das Tex-System. Das Problem ist dabei nur, dass andere Einheiten bzw. Ausgangswerte verwendet werden. Daher merken wir uns an dieser Stelle:

1 den = 1 g pro 9000 m

Somit gilt auch automatisch: 1 tex = 9 den

Jetzt wird sich so manch einer fragen, wer sich denn den Quatsch ausgedacht hat. Und da kann man nur sagen: „Vielen Dank, Frankreich, für diese schöne Maßeinheit.“ Dazu muss man aber folgendes wissen: Die Einheit Denier wurde ursprünglich als Maßeinheit in der französischen Seidenindustrie verwendet. Sie bezieht sich auf die alte französische Gewichtseinheit Denier, die mit unserem heutigen metrischen System nicht sonderlich viel zu tun hat. Somit erklärt sich auch die halbwegs „krumme“ Einheit. Heute ist Denier als Wert für die Feinheit von Textilien vor allem in den USA und Asien gebräuchlich und taucht somit nicht ganz selten auch mal im Outdoorbereich auf.

Jetzt könnte man sich denken: je höher der Tex- oder Denier-Wert desto robuster auch das Material. Klingt im ersten Moment ja auch logisch, eine Jeans hält beispielsweise mehr aus, als eine Seidenbluse. Aber so einfach ist das nicht. Denn die Reißfestigkeit von Textilien hängt nicht nur von der Feinheit des Stoffes bzw. der Garne ab, sondern vielmehr auch von der Verarbeitung und dem generellen Ausgangsmaterial. Und daher sind auch nur Materialien über den Tex- oder Denier-Wert vergleichbar, die abgesehen von der Feinheit, exakt identisch aufgebaut sind.

Die Reißfestigkeit von Textilien

Hierzu ein kleines Beispiel: Bei der industriellen Herstellung gibt es den Wert der Zug- oder Reißfestigkeit. Hierbei handelt es sich um die mechanische Zugspannung, die ein Material maximal aushält. Die Zugfestigkeit zu errechnen ist nicht ganz einfach, es brächte uns aber auch keinen Vorteil. Wir müssen an dieser Stelle nur wissen, sie wird unter anderem in Megapascal (MPa) gemessen. Auch hier gilt: je höher der Wert, desto reißfester das Material. Dieser Wert kann schon einmal eine gute Orientierung bieten. Hierzu ein paar Beispiele:

  • Wolle: 130 -210 MPa
  • Baumwolle: 287 – 800 MPa
  • Polyethylen (Dyneema): 3510 MPa
  • Aramid (Kevlar): 3620 MPa

Die Reißfestigkeit sagt schon recht viel über die eigentliche Robustheit eines Materials aus. Kennt man ja auch: Eine Bandschlinge aus Dyneema, ist in der Regel deutlich filigraner als ihre Kollegin aus Polyamid. Ist ja auch klar, Dyneema hält (die Alterung mal außer Acht gelassen) deutlich mehr Belastung aus.

Aber Moment: Muttis alte Nylonstrümpfe sind doch auch aus Polyamid und halten dennoch deutlich weniger aus, als beispielsweise eine Bandschlinge!? Zumindest habe ich noch niemanden gesehen, der sich am Standplatz mit einer Feinstrumpfhose sichert. Wie also kann das sein?

Na ja, so schwer ist das gar nicht. Wer sich einmal die beiden Produkte genauer anschaut, der wird schnell feststellen, das Ausgangsmaterial wurde ganz anders verarbeitet. Und somit kommen wir zu unserem letzten Punkt des heiligen Dreigestirns und sagen Vorhang auf für:

Die Verarbeitung von Textilien

Fasern und Garne können auf ganz unterschiedliche Arten verarbeitet werden. So ist beispielsweise ein Jeansstoff ein Gewebe, besteht also aus zwei Fadensystemen, die miteinander verwoben sind. Eine Fleecejacke hingegen ist in der Regel aus einem Veloursstoff gefertigt. Dieser ist kein Gewebe, sondern Maschenware. Hier werden mittels Faden gebildete Schleifen ineinander verschlungen und bilden so ein „textiles Flächengebilde“ (zu deutsch: ein Stück Stoff).

Dies sind aber nur zwei von unzähligen Möglichkeiten, wie Stoffe hergestellt werden können. Und selbst in den einzelnen Bereichen gibt es dann wieder unterschiedliche Verarbeitungsmöglichkeiten. Kurz und gut, ein weiteres Fass ohne Boden. Und somit stehen wir eigentlich wieder ganz am Anfang unseres kleinen Textilexkurses und wissen noch immer nicht so recht, was wir mit der Info anfangen sollen. Dennoch habe ich auch hier eine kleine Faustregel, die vielleicht weiter helfen kann:

Kommen bei der Verarbeitung feine Garne zum Einsatz, liegen diese nach dem Weben oder Stricken oft enger beieinander und bilden so eine glattere Oberfläche. Auch liegen die Einzelfäden je nach Webart enger zusammen oder weiter von einander weg. Je glatter dabei die Oberfläche des Stoffes ist, desto weniger anfällig ist sie zumeist gegenüber Pilling. Das heißt, dass sie beispielsweise bei der dauerhaften Belastung durch einen Rucksack nicht so schnell Abrieberscheinungen zeigt wie bei gröberen Stoffen.

Ein schönes Beispiel, wie die Verarbeitung die Robustheit von Textilien beeinflussen kann, liefern auch beispielsweise Materialien mit der Beta-Spun-Technologie. Diese kommen beispielsweise bei Ortovox zum Einsatz und sehen wie folgt aus: Das Garn dieses Materials besteht aus zwei Komponenten. Der Kern wird dabei aus feiner Merinowolle gebildet und bringt alle guten Eigenschaften des Naturprodukts mit. Um diesen aber besser zu schützen wurden zusätzlich Polyamidfilamente um den Kern gesponnen. So entsteht ein Material, das laut Herstellerangaben bis zu 70 % reißfester und abriebfester als herkömmliches Merinogarn sein soll.

Was aber sagt uns das?

Gerade im Bereich der Textilien gibt es zahlreiche unterschiedliche Materialien. Manche unterscheiden sich dabei in ihrer Zusammensetzung und Verarbeitung kaum, andere erheblich. Von einzelnen Werten pauschal auf spezifische Eigenschaften zu schließen ist daher zunächst einmal kaum möglich. Schaut man allerdings ein wenig genauer hin, kann man aus der Beschaffenheit von Textilien so einiges ableiten. Die Denier-Angabe bietet aber zumindest eine grobe Orientierung, wie robust ein Gewebe oder ein Stoff ist, denn wie wir ja jetzt wissen, gilt: Je höher die Denier-Zahl umso ’schwerer‘ und ‚robuster‘ ist der Faden. Und leider finden wir in der Regel keine bzw. nur wenige Informationen zur genauen Verarbeitung oder MPa-Werte, die uns etwas über die Reißfestigkeit eines Gewebes verraten.

Außerdem ist unser Basislager eine gute Anlaufstelle für Infos zu unterschiedlichsten Material wie z.B. Aramid/Kevlar, Polyester oder die gute alte Gore-Pro-Shell!

Outdoorkleidung in der Innenstadt? Also ich brauch das!

3. Juli 2019
Die Bergfreunde

Sie ist der Alptraum der Stilikonen, Geschmacksverfechter und Kulturbewahrer: die Outdoorwelle, die die Innenstädte überspült. Vor 10 Jahren war man sicher, sie sei einer dieser albernen Kurzzeittrends, über die man sich in 10 Jahren schlapplachen würde. Doch weit gefehlt, sie hält sich unbeirrt und macht keine Anstalten abzuebben. Sie weitet sich sogar auf immer neue Bereiche aus und bedient längst auch die Sehnsucht nach Jagd-, Hundeschlitten und Motorradabenteuern.

Da hat selbst die scharfe Kritik aus dem Feuilleton resigniert. Richtig hartes Contra findet man eigentlich nur in Artikeln älteren Datums. Neueren Datums sind eher die Pro-Meinungen von Outdoorbloggern und Modemagazinen. Werfen wir nun einen Blick auf die Kritiker und Fürsprecher und nehmen dann die gängigen Erklärungen unter die Lupe. Zwischendrin darf ich immer mal etwas eigenen Senf dazugeben.

Vorher aber noch zu einem wichtigen, aber hier schwer einzuordnenden Streitpunkt: der Nachhaltigkeit.

Streitpunkt Nachhaltigkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, es stimmt, eine Multifunktionsjacke bringt mehr Ressourcenaufwand und „Gifteinsatz“ mit sich als Opas guter alter Wollmantel.

Doch ist das „Outdoorzeug“ mit seinen bösen Chemikalien wirklich so viel schlimmer als das „Normalozeug“ in den Kaufhäusern und Onlineshops? Es ist ja keineswegs so, dass die Menschen vor dem „Outdoorboom“ nur nachhaltige Naturkleidung getragen hätten. Im Gegenteil, unter der nichttechnischen Alltagskleidung war und ist der Anteil von „Made unter miesen Bedingungen und mit undeklarierter Chemie“ ziemlich hoch.

Was also ist nachhaltiger: wenn ich zehn Winter lang eine teure, technische Winterjacke von der bekannten Outdoormarke XY trage, oder wenn ich in der gleichen Zeit mehrere „einfache“ und „günstige“ Steppjacken von H&M, New Yorker und Co. verschleiße?

Auch wegen umstrittener „Zutaten“ der Outdoorkleidung wie Daune, Leder oder Pelz gibt es viel Kritik. Doch diese Dinge werden genauso in „Nichtoutdoorprodukten“ verarbeitet und die Outdoorbranche bietet zudem eine wachsende Auswahl an alternativen Stoffen an. Hinzu kommt eine wachsende Sparte namens „Urban-Outdoor“. Deren Produkte sind weniger „hochgezüchtet“, kommen ohne Membranen und Chemikalien aus, sind nicht „polartauglich“ und auch nicht knallfarben. Sie sind funktionaler als herkömmliche Alltagskleidung und zugleich ästhetisch ansprechend.

Dennoch muss man eingestehen, dass es Verschwendung ist, sich für die abendliche Runde mit dem Hund technisch-funktionale Outdoorkleidung extra zuzulegen. Genauso wie es fragwürdig ist, diese Dinge nur fürs Schaulaufen zu nutzen.

Genervt von der Outdoorwelle: das Feuilleton

Die schärfsten Outdoor-Kritiker sitzen wohl in den Kulturressorts der Redaktionen. Eine gute Kurzfassung der klassischen Stilkritik liefert der wohl am häufigsten zu diesem Thema gelesene und zitierte Tagesspiegel-Artikel:

Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen. Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht.

In der Tat, der Geschmack ist in vielen Fällen diskutabel. Leider folgen dann zwei unfertige Sätze, in denen es darum zu gehen scheint, dass die Kleidung für widrigste Bedingungen gemacht ist und die Käufer ganz genau wüssten, wie unsinnig ihr Verhalten ist.

Stimmt, aber nur teilweise: es sind keineswegs alle in den Fußgängerzonen zu sehenden Produkte „polartauglich“ oder „himalayatauglich“ und auch längst nicht alle grellbunt. Solche oft zu lesenden Vergröberungen lassen vermuten, dass die betreffenden Autoren eher weniger outdooraffin sind. Wirklich deutlich wird die Entfernung von der Materie, wenn versucht wird, den technischen Outdoorjargon spöttisch zu imitieren. Das passt dann manchmal nicht so ganz und wird, wie hier in der FR, so haltlos und plump übertrieben, dass der entstehende Humor eher unfreiwilliger Natur ist. Beispiel gefällig? Gerne doch:

Vermutlich können die wilden Farben (der Outdoorkleidung) sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Hoho. Ja, aber wenn Sie wüssten, liebe FR-Autorin, wie viele Bärenattacken das Active-Bearprotect Shield meiner Goretex schon im letzten Moment abgewendet hat. Und vor wie vielen erfrorenen Fingern mich die integrierte InstantFire Jet-Technology schon bewahrt hat …

Noch ein Beispiel? Bitte:

Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Doch! Ich brauche den Öllampen-Stauraum (feuerfest) in meinem immer umgeschnallten Klettergurt. Und die Dörrfleischrationen (Tofuvariante) haben mich in der zentraldeutschen Servicewüste schon vor mancher Hungerperiode bewahrt.

Und noch eins zum Abschluss? Kein Problem:

Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Es stimmt, dass wir Gipfelstürmer beim Almabtrieb, pardon, Almabstieg nicht immer den festesten Stand haben. Doch das liegt oft auch an der einen oder anderen Halben, die nach dem Gipfelsieg über den Almtresen wandert. Da benötigen wir den festen Stand der Wanderboots sehr wohl auch hinterher noch, beim Klopapier holen im DM.

Allerdings müssen wir Almabsteiger zugeben, dass nicht alle Kritik so leicht zu entkräften ist. Einmal mehr der Tagesspiegel:

In meinem Bekanntenkreis gibt es sogar einen Verrückten, der im Urlaub regelmäßig mit Schneeschuhen Wanderungen durch das ewige Eis Grönlands oder Lapplands macht. Dass der so eine Polarpelle braucht, sehe ich ein. Kehrt er allerdings heim in die Zivilisation, verschwindet das Ding im Schrank, wo es hingehört. Zur Arbeit geht er dann im Wollmantel. Er hat verstanden: Alles hat seinen Ort und Platz. (…) Die Thermojacke gehört ins Packeis, nicht in die Innenstadt.

Durchaus beeindruckend. Doch gibt es das wirklich, dieses Naturgesetz, was wohin gehört? Oder wird hier nicht bloß eine Meinung zum allgemeinen Maßstab erhoben? Und was ist, wenn meine bisherigen „Bergpellen“ schon ein bisschen was gekostet haben und mir deshalb der „angemessene“ Wollmantel als unnötige Zusatzausgabe erscheint? Wenn ich womöglich die Goretexjacke auch bei großstädtischem Dauerregen trage, weil schlicht keine weitere Wasserschutzjacke bei mir herumliegt?

Ja, hiermit oute ich mich als „Überschneidungs-User“, als Angehöriger jener eigentlich nie erwähnten Käuferspezies, die mit ihren Outdoorklamotten tatsächlich auch mal in die Berge und die „Wildnis“ geht.

Auch genervt: „echte Bergsteiger“, die „das Zeug wirklich nutzen“

Da wir Überschneidungsuser so wenig gewürdigt werden, regen wir uns natürlich auch über die Invasion der Fakeabenteurer auf. Denn eigentlich haben ja nur wir das Recht, die Insignien des Draußenseins zu tragen.

Also, liebe Outdoorklamottenkritiker, bitte merken: schmeißt uns tatsächlich harte Hunde nicht immer mit diesen verkleideten Karnevalisten in einen Topf! Wir trotzen nämlich wirklich eisigem Wind und fürchterlichem Wetter. Und wenn wir die Goretexjacke, die Softshell, das Fleece und die Kunstfaserhose auch mal im Alltag anziehen, verwechseln uns die Ahnungslosen mit diesen Möchtegerns. Wenn die Leute das nur endlich mal unterscheiden könnten, würden sie uns endlich diese leicht eingeschüchterte Bewunderung geben, die wir verdammt nochmal verdient haben!

Ich schlage deshalb vor, wir führen eine Befugnis für Outdoorkleidung ein: Goretex und Windstopper nur gegen beglaubigte Tourenliste als Kompetenznachweis. Um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, sollten wir zusätzlich Plaketten oder Sticker auf den Textilien anbringen:

„Hey, ich geh wirklich auf über 4000 Meter mit dem Teil!“

oder

„Diese Jacke war in Grönland und Nepal!“

Weitere Vorschläge für effektive Abgrenzungsmaßnahmen bitte in den Kommentaren einbringen ;-)

Beschwingt statt genervt: Die Fürsprecher

Ist denn wenigstens die Fürsprache fundiert und überzeugend? Gibt es gute und starke „Pros“ für Outdoor in the city?

Hm, nicht wirklich, würde ich sagen – zumindest findet man wenig und wirklich nicht mehr ganz folgen kann ich, wenn in der Brigitte Folgendes steht:

Mit der richtigen Kleidung kann man heute seine Vorliebe für Natursport, Trekking, Gefahr und Abenteuer demonstrieren, ohne dass man jemals einen Berg, einen Wald oder einen See aus der Nähe gesehen hat. Das ist auf jeden Fall sehr modisch, auch wenn es vielleicht nicht immer logisch ist, dass wir uns in Kleidung hüllen, die Funktionen hat, die wir gar nicht benötigen.

Wenn ein Mensch in seinem Leben nie einen Berg, Wald oder See aus der Nähe sieht, finde ich das eher sehr traurig als sehr modisch. Aber vielleicht vermisst man ja überhaupt nichts, wenn man eh nichts anderes als die Simulation kennt. Dann wäre auch folgender Gedanke nachvollziehbar:

Sogenanntes „Sensation Seeking“ steht hoch im Kurs. Wenigstens die Kleidung soll an Wildnis erinnern. Falls uns im Großstadtdschungel dann mal eine Gefahr (oder ein Hagelsturm) ereilt, sind wir gewappnet – und können uns in unserer Jack Wolfskin-Jacke ein bisschen wie McGyvers wilde Tochter fühlen.

Hach, ja. Nur wäre ich als einziger männlicher Brigitteleser des Planeten lieber McGyver selbst als seine wilde Tochter. Und noch wichtiger wäre mir, mich nicht nur anhand von Kleidungsstücken an „Wildnis“ zu „erinnern“, sondern irgendwann auch mal in einer solchen unsimulierten Umgebung unterwegs zu sein.

Zusammengefasst: wirklich rational und vernünftig geht es weder auf der Pro- noch der Contra-Seite zu. Hüben wie drüben geht es hauptsächlich um Geschmäcker und persönliche Befindlichkeiten.

Naturliebe, Eitelkeit und Katastrophenangst: Erklärungsversuche

Und weil es so wenig rational zugeht, müssen auch die Erklärungsversuche größtenteils scheitern. Versuchen wir es trotzdem. Den Anfang darf wieder der Tagesspiegel machen:

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. (…) Was für ein Quatsch die These mit der Naturverbundenheit ist, zeigt allerdings schon eine oberflächliche Analyse des Produkts. Schließlich gibt es kaum etwas Künstlicheres als eine Outdoorjacke. Das Innenfutter besteht aus Polyesterfleece oder Polyamid, zum Abdichten gibt es obendrauf eine Schicht Polyurethan oder Polytetrafluorethylen. Klingt das nach etwas, was auf irgendeinem Baum der Welt wachsen würde?

Teflon, PU und Fleece in einem Kleidungsstück sind zwar eher selten, doch so weit, so nachvollziehbar. Auch wenn immer mehr Hersteller Fortschritte machen, die Künstlichkeit durch Naturverträglichkeit zu ersetzen.

Wenn Naturliebe nicht das alleinige Motiv der Outdoorwelle sein kann, müssen wir Weiteres in Betracht ziehen. Eines der weniger schönen Motive wäre die Eitelkeit, die der Tagesspiegel gleich noch für uns mitbeleuchtet:

Wer etwas trägt, was er nicht braucht, will damit etwas darstellen. (…) In dem Sinne geht es beim Tragen von Outdoorkleidung nicht mehr um das Rüsten für Extremsituationen, sondern nur noch um deren Simulation – oder besser: um deren Behauptung. Sehet, ich wäre bereit, Wind und Wetter zu trotzen, arktischen Temperaturstürzen und steilen Geröllhängen – so ich mich denn in Gefahr begeben würde.“

Jepp, ertappt. Das spricht tatsächlich wunde Punkte an. Doch wunde Punkte wovon? Eitelkeit ist eine Triebfeder für sehr viele Arten von Kleidung. Und auch für sehr viele menschliche Handlungen im Allgemeinen. Sie ist also für unsere schöne bunte Outdoorwelt genauso wenig spezifisch wie der (ebenfalls im Artikel angesprochene) Kompensationstrieb.

Jetzt fehlen nur noch die wirklich unterhaltsamen Motivtheorien. Eine wäre die Katastrophenangst, die meiner Meinung nach aber derart im psychologisierenden Nebel stochert, dass sie keines näheren Blicks bedarf…

Was bleibt da als Fazit festzuhalten? Nun, wer mit Outdoorklamotten in der Stadt unterwegs ist, kann immer auf Reaktionen und Aufmerksamkeit hoffen.

 

 

Badezimmer, W-Lan, Daunenduvets: ein Plädoyer gegen die Hotel-Hütten

12. Juni 2019
Die Bergfreunde

Folgendes liest man mittlerweile in allen Medien: Wir müssen Ressourcen schonen und Energie effizienter nutzen. Wir müssen „nachhaltig“ und „ganzheitlich“ denken und wir müssen „achtsamer“ mit „Mutter Erde“ umgehen. Wir müssen unseren Müll reduzieren und unsere Konsumgewohnheiten ändern.

Dann liest man aber auch Folgendes: Wir müssen die Hütten der Alpen mit Hotelkomfort ausstatten. Ja gut, vielleicht werden dadurch ein bisschen mehr Energie und Ressourcen verbraucht, mehr Müll und Abwasser erzeugt, das konsumistische Anspruchsdenken im Bergtourismus bestärkt und vermutlich auch für mehr Verkehrsaufkommen in den Alpen gesorgt. Aber wir müssen nun mal auf veränderte Bedürfnisse reagieren und dürfen uns nicht starrsinnig dem Lauf der Zeit verschließen.

Die Menschen benötigen heute ein eigenes Zimmer, eine durchgängig erhältliche Speisekarte, Duschen, jederzeit warmes Wasser und einwandfreies Internet. Wir dürfen schon aus gesundheitlichen Gründen niemandem mehr diese unhygienischen Filzdecken zumuten und müssen sie durch kuschelige Daunenduvets ersetzen, die für jeden Gast gewechselt und gewaschen werden. Kurz und gut: dass wir erneuern und ausbauen bis die Schwarte kracht und dabei natürlich auch das Preisniveau der Hütten an den Hotelstandard anpassen ist alternativlos.

Was ist besser an den neuen Hütten?

Nun, die frisch geduschten und vom glutenfreien Menü gestärkten Influencer können jetzt endlich ohne Zeitverlust den wartenden Followern ihre neuesten Berg-Selfies servieren. Und ihren schon mit den Hufen scharrenden Bloglesern diese Supergeheimtipp-Insidertour quasi live vor Ort posten.

Okay, okay, das war natürlich nur die polemische Zuspitzung eines Nörglers. Die Gäste brauchen den Luxus und die Netzabdeckung allein schon aus Sicherheitsgründen. Der Wetterbericht muss geprüft, die Lawinenlage sondiert und die Tour geplant werden. So etwas ist heute wegen Zeitmangels nicht mehr vom Tal oder von zuhause aus möglich. Abgesehen davon, dass solche „Steinzeitmethoden“ unpräzise und unverantwortlich waren: es kommt am Berg auf Meter, auf Minuten, auf Echtzeit und auf Milliliter pro Quadratmeter an. Ach so, und die nächste Hütte muss ja auch noch gebucht werden. Das geht bald nämlich auch nur noch online. Willkommen im Hochgebirge 2.0!

Wo liegt das Problem mit den neuen Hütten?

So, das Intro ist vermutlich doch wieder polemischer geraten als erlaubt. Ich verspreche aber, dass ab jetzt seriöse Sachlichkeit waltet. Also, ganz sachlich, worin sehe ich das Problem der schönen neuen Hüttenwelt? Mir scheint es weniger in der wohl eher überschaubaren Umweltmehrbelastung zu liegen. Dass die Monte Rosa Hütte ihre steigenden Abwassermengen einfach in die Natur ableitet, wird nicht zur Katastrophe führen. Und mit etwas „grüner Technologie“ wird man das auch sicher schnell in den Griff kriegen.

Das Problem dürfte eher die Denke hinter diesem neuen Luxusimperativ sein: die ist nämlich von einem ständigen Steigerungs-, Update- und Optimierungseifer beherrscht, der mittlerweile zum Selbstzweck geworden scheint und nicht mehr weit weg ist von diesem alten Eroberungs- und Kontrolleifer. Und das Bequem-konsumieren-wollen der Berge ist ziemlich nah dran an diesem früheren Herrschen-wollen über sie. Hier kommen Dinge wieder hoch, die man längst meinte abgelegt zu haben. Klingt vielleicht nach steiler These, doch es wird gleich noch mit Beispielen untermauert.

Jedenfalls ist die aktuelle Hüttenentwicklung nicht so innovativ, wie sie gern dargestellt wird. Im Gegenteil, gerade umgekehrt wäre es mal etwas wirklich Neues: eine freiwillige Selbstbeschränkung nämlich, die zur Abwechslung mal nicht dem Machbarkeitsdrang nachgibt. Aus Respekt gegenüber den Bergen. Das hieße, man belässt es bei einfacheren Hütten mit geringerem Komfortstandard und möglichst wenig Stahl und Beton. Solche Hütten lassen nämlich einen Rest von direktem Kontakt mit der Natur und vermitteln so auch mehr Respekt.

Die „neuen Hütten“ verstärken eher die Entfremdung und bauen den Respekt weiter ab. Vor allem bei den jungen Menschen, die mangels Vergleich zu früheren Zeiten gar nicht wissen können, was ihnen entgeht. Ihnen nimmt man damit auch eine weitere Möglichkeit, mal unkonfektionierte Erfahrungen und Erlebnisse zu haben. Anschließend wundert man sich, dass sie den Wert von unverbauter Natur nicht erkennen können …

Die vollvernetzte Zivilisationsblase, in der alles reguliert, nummeriert, planbar und vorhersagbar ist – die schiebt man mit den Hüttenhotels weiter in die Alpen hinein. Man muss mittlerweile schon wirklich gut recherchieren oder sehr weit laufen, um noch „wilde Erlebnisräume“ zu finden. Nicht mehr lange und man wird „wilde Hütten“ nur noch mit aktiver Recherche und speziellen Führern wie dem von Mountain Wilderness finden.

Dass in diesem Führer gerade einmal 20 Stück unter den vielen Hundert Alpenvereinshütten vorgestellt sind, dürfte übrigens ein indirekter Hinweis sein, dass die Modernisierungswelle nicht punktuell, nicht geplant und nicht sinnvoll abgestuft über die Alpen rollt, sondern einfach vollgas und auf Teufel komm raus. (Oder weiß jemand etwas von einem Plan oder Konzept dahinter? Ich konnte bei der Artikelrecherche nichts entsprechendes finden).

Wie denken die „Fortschrittsfreunde“?

Ein extremes, aber vielleicht gar nicht so seltenes Beispiel für „Touristikerdenke“ dürfte Thomas Auer, Wirt der zum Hotel upgedateten Höllentalangerhütte, sein. Auer ist der Meinung, die Berge seien „dafür da, dass sie dem Menschen dienen.“ Das klingt aber statt nach Fortschritt eher nach Altem Testament. Auch da war die Natur idealerweise des Menschen Untertan.

Allerdings kann man den Hüttenwirten die Befürwortung der Modernisierung am wenigsten vorwerfen. Sie können mit dem aktuellen Finanzierungsmodell nichts an den bloßen Übernachtungen der Gäste verdienen und sind so quasi gezwungen, möglichst viel touristisches Programm zu veranstalten, wenn sie von der Hüttenbewirtschaftung leben wollen.

Es gibt aber auch Fortschrittfans, für die jeder, der die Entwicklung nicht bejubelt, ein spießiger „Giebeldachtraditionalist“ und „Geranienromantiker“ ist. So geschrieben hier in der Süddeutschen in einer Hymne auf das neue Seethalerhaus am Dachstein. Der Artikel preist dessen überlegene Technik und kanzelt die verfallene alte, kleine und einfache Vorgängerhütte als unzulänglich, kümmerlich und erbärmlich ab. Man feiert die „Umweltfreundlichkeit“ der hochkomplexen neuen Hüttentechnologie mit Miniblockheizkraftwerk, Brauchwasser-Tanklagern und Photovoltaikanlagen und vergisst dabei, dass der ganze Hightech-Aufwand ohne die konsumistische Anspruchshaltung gar nicht nötig wäre. Es passt zu diesem „Ökotempel“, dass sein Unterboden als Antwort auf den schwindenden Permafrost mit Beton verschlossen wurde.

Auch wenn er jetzt in grün daherkommt, hat der Technozentrismus nach wie vor die alte Neigung zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Und ist nicht gerade diese Technikeuphorie irgendwie „von vorgestern“? Hat nicht gerade sie die Umweltprobleme mit verursacht, die man jetzt mit all dem Aufwand zu lösen meint?

Bitte das nun nicht als Technikfeindlichkeit verstehen. Technologie hat ihren sehr berechtigten Platz in vielen Bereichen und sollte auch stets weiterentwickelt werden. Aber eben nicht überall. Es müssen nicht die hintersten Winkel der Berge als Bühne für Großtaten von Ingenieuren und Architekten dienen. Dafür ist doch im „zivilisierten“ Rest der Welt genug Platz.

Die „neuen Bedürfnisse der Gäste“: Woher kommen die eigentlich?

Wenn der „Hotelausbau“ begründet wird, ist von einem „veränderten Anspruchsprofil der Gäste“, dem man „gerecht werden muss“ die Rede. Es ist das Hauptargument in dieser Sache. Es ist aber alles andere als neu: mit „unabwendbaren“ Bedürfnissen und Entwicklungen wurden Erschließungs- und Bauprojekte in den Alpen seit eh und je begründet. Neu ist nur, dass in der Hüttencausa auch die Alpenvereine in den Chor einstimmen. Beim Schweizer Alpenclub beruft man sich auf Umfragen, nach denen sich 57 Prozent der Wanderer wünschen, auch in der SAC-Hütte im Internet surfen zu können.

Das sind zwar Viele, aber die absolute Mehrheit ist das bei weitem nicht. Außerdem sollten wir doch als Kinder gelernt haben, dass nicht jeder Wunsch immer erfüllt werden kann oder muss.

Es sind auch keineswegs alle Hüttenwirte begeistert von den neuen Hotelhütten. Susanne Brand, Hüttenwartin der Gaulihütte im Berner Oberland, ist im Interview mit dem Schweizer SRF der Meinung, die Hütten des Schweizer Alpenclubs böten „heute einen Service, welcher die Gäste anspruchsvoller – und eben auch egoistischer machen würde.

Man achte auf das Wörtchen machen. Es widerspricht der herrschenden These, die neuen Hüttengäste seien a priori anspruchsvoller und man müsse sich dem eben anpassen. Erweist sich diese Alternativlosigkeit am Ende noch als Eigenkreation? Ist es gar erst der Ausbau der Hüttenstruktur, der die Gäste anspruchsvoller macht und eine zunehmend verwöhnte Klientel in die Berge lockt? Beim SRF scheint man das jedenfalls so zu sehen:

Mit der Modernisierung der Hütteninfrastrukturen verändert sich auch die Gästestruktur. Immer mehr Wandergruppen wählen gut erreichbare Hütten als Endziel ihrer Tour und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Moralische Trümpfe: das Sicherheitsargument und die Demokratisierung der Berge

Doch keine Sorge, selbst wenn sich die gottgegebene Nachfrageänderung als Luftnummer erweist, bleiben immer noch die „Sicherheit“ als Argument. Sie wird vor allem dann bemüht, wenn Wege betoniert und verdrahtet oder spektakuläre Hängebrücken quer über schmelzende Gletscherzungen gezogen werden. Denn wegen der schmelzenden Gletscher und dem tauenden Permafrost ist das Berggelände an vielen Stellen schwieriger und gefährlicher geworden. Ganz richtig, doch ist das ein Argument dafür, dieses Berggelände im Sinne tourismusgerechter Sicherheit umzugestalten? Der Mensch könnte sich doch auch an die Veränderungen des Gebirges anpassen, anstatt das Gebirge mit Stahl und Beton anzupassen. Dann gäbe es in manchen Gebieten eben ein paar weniger Hütten. Es würden dann trotzdem immer noch genügend Orte übrig bleiben, an denen anspruchsvollere Gäste die Bergwelt ohne zu große Anstrengungen und „Entbehrungen“ genießen könnten.

Die ständigen Ausbauten hingegen ziehen, vor allem durch spektakuläre Facebook- und Instagramfotos, weitere Menschenmassen in Berggelände, welches unverbaut ein gewisses Maß an Erfahrung und Können erfordern würde. Weitere „notwendige“ Verbauungen sind da nur eine Frage der Zeit. Und jetzt kommt die Moral-Trumpfkarte: wer kann denn bitte schön gegen die Sicherheit von Bergtouristen sein?

Bergromantiker, Mountain Wilderness und andere Spaßbremsen

Schauen wir noch kurz auf die (wenigen?) Gegner der schönen neuen Hüttenwelt. Sind diese „Bergromantiker“ nicht naive Traumtänzer von vorgestern? Oder elitäre Eigenbrötler, die die Berge exklusiv für sich haben wollen? Was ist sie denn wirklich, diese ominöse Bergromantik?

Genau weiß ich das auch nicht, aber meiner Meinung nach ist sie eine Stimmung, die in den Bergen aus der Schönheit und einem gewissen Gefühl von Abgeschiedenheit entsteht. Es ist das Gefühl von Abenteuer und von „aus der Zeit herausgehoben sein“. Sie kann allerdings nur entstehen, wenn Alltag und Zivilisation in eine gewisse Entfernung gerückt sind.

Auf den Hütten entsteht durch sie auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, eine gegenseitige Rücksichtnahme und eine besondere Atmosphäre, in der man schnell ins Gespräch kommen kann. Diese Dinge gehen mit dem Konsumismus und der Fixierung aufs Smartphone ganz sicher „flöten“. Einfach weil die Hüttengäste „dank“ gewohntem Komfort und gewohntem Aktivitätsmuster in der Zivilisationsblase mit ihrem mentalen Alltagszustand bleiben.

So in etwa scheint das auch Gotlind Blechschmidt vom Verein Mountain Wilderness zu sehen:

Wir wollen in den Bergen abseits leben vom Normalen. Das Normale haben wir ja zu Hause. Wir haben Duschen, wir haben alles. Aber die Entspannung und wirklichen Urlaub, das empfindet man nur, wenn man anders lebt.

„Entspannung“ und „Urlaub“ wären demnach nicht unbedingt mit „Full Service rund um die Uhr“ gleichzusetzen …

Ein Kompromiss?

Es ist nichts prinzipiell gegen komfortable Urlaubsmöglichkeiten in den Bergen einzuwenden. Es ist aber falsch, die vom Tal gewohnte Bequemlichkeit flächendeckend bis in die oberen Etagen des Hochgebirges einzuführen. Auch wenn man das mit edlen Motiven wie Umweltschutz, Sicherheit oder „Demokratisierung“ des Bergerlebnisses begründet.

Man sollte den Ausbau auf Hütten beschränken, die sich in den stärker frequentierten und erschlossenen Gebieten befinden. Sonst zieht der flächendeckende Ausbau eine weniger bergaffine, dafür aber zahlungskräftigere Klientel in immer abgelegenere und höhere Naturräume. Man sollte vielleicht auch das Bezahlmodell der Hüttenwirte überdenken.

Oder gleich die Problemlösung

Wie gesagt sollen ja die Hüttengäste von heute wie selbstverständlich davon ausgehen, dass hoch oben am Berg das gleiche Komfortniveau herrscht wie im Tal. Doch wenn es eher umgekehrt wäre und das Anspruchsdenken erst mit dem immer luxuriöseren Infrastrukturausbau samt dessen ständiger Promotion erst so richtig hochgezüchtet wird? Dann könnte man doch mit etwas  realitätsbezogener Gegenaufklärung an Ort und Stelle des Geschehens relativ einfach gegensteuern.  Man bräuchte nur große, signalfarbene Warnschilder an den Seilbahntalstationen und Parkplätzen aufzustellen.

War das jetzt schon wieder polemisch? Gut, vielleicht ein bisschen. Aber es gibt ja auch Schilder, die vor dem Betreten von Gletschern mit High Heels oder vor Absturzgefahr bei Selfies warnen. Da denkt man doch auch erstmal, das sei Satire …

Warum ist dynamisches Sichern so wichtig?

3. Juni 2019
Tipps und Tricks

„Ei, ei, ei, Vorstieg ist echt nicht ohne“, dachte ich, als ich die Kletterschuhe auszog, um den schmerzenden Zehen und Knöcheln etwas Luft zu gönnen. Kurz zuvor war ich mit zugelaufenen Unterarmen aus der Route gekippt und durch den Sturz waren die Füße hart gegen den Fels geprallt. Ich wusste zwar schon, dass zwischen Topropeklettern (also Seilsicherung über einen Umlenker von oben) und Vorstieg (Seilsicherung ohne Umlenker von unten) ein Unterschied besteht, doch dass er so groß ist, hat mich dann doch etwas irritiert. Allerdings war er vor allem deshalb so groß, weil wir nicht wirklich Ahnung von dem hatten, was wir machten.

Diese Ahnungslosigkeit lag zum Teil auch daran, dass „damals“ (so um 2001 herum) fundiertes Kletterwissen noch nicht überall und jederzeit abrufbar war. Ich erfuhr jedenfalls erst später und eher zufällig, dass unser „statisches Sichern“ ziemlich suboptimal war und dass es stattdessen „dynamisch zu sichern“ gilt.

Etwas erstaunt hat mich, dass nach Ansicht der Experten von Bergundsteigen heute nach wie vor viele Kletterer ähnlich ahnungslos herumfuhrwerkeln. So heißt es im Bergundsteigen-Artikel zum Thema Sichern: „Dynamisches Sichern – der sagenumwobene heilige Gral der Hallenumkleidekabine. Viele reden davon, die meisten wissen nicht was gemeint ist und wenige können es.“

Wenn dem so ist, schadet es bestimmt nicht, dass wir hier die Grundlagen rund um das Thema (dynamisches) Sichern nochmal möglichst anschaulich und übersichtlich zusammenfassen. Während die meisten Artikel sich vorrangig mit der ständig wachsenden Zahl an neuartigen Sicherungsgeräten befassen, soll hier der Fokus zunächst auf den grundlegenden Mechanismen liegen – denn ohne deren Verständnis kann man die vielen verschiedenen Geräte mit ihren Vor- und Nachteilen nicht wirklich einschätzen.

Vorweg noch eine wichtige Anmerkung als „Disclaimer“:

Ich hoffe, dass die theoretischen Prinzipien und Zusammenhänge hier einigermaßen verständlich vermittelt sind. Doch selbst wenn das gelungen ist, kann kein Artikel der Welt das richtige Gefühl und das richtige Maß an Kraft beim Umgang mit Kletter- und Sicherheitsausrüstung vermitteln. Das geht einzig und allein durch praktische Übung! Diese Praxis holt man sich am besten in Kletterkursen und/oder unter der Anleitung und Aufsicht von verlässlichen und erfahrenen Mentoren. Es gibt heute keine Ausreden mehr, um mit gefährlichem Halbwissen an den Fels zu gehen.

Grundposition und -Haltung beim Sichern vom Boden aus

Die Grundposition des Sichernden am Boden ist eine stets reaktionsbereite, leichte Schrittstellung in Richtung des Zugseils, das zum Kletterer führt. Die Führungshand gibt das Seil zum Kletternden aus, während die Bremshand das Bremsseil unter dem Sicherungsgerät den Bewegungen der Führungshand folgt und das Seil jederzeit umschlossen hält. Beide Hände geben dem Kletternden dann in fließenden Bewegungen das Seil aus.

An Zwischensicherungen wird zum Einhängen meist mehr Seil benötigt, das schneller ausgegeben werden muss. Dazu beschleunigt der Sichernde das Seilausgeben durch einen Schritt nach vorn auf die Wand zu. Anschließend verlagert er sein Gewicht wieder auf das hintere Bein und wiederholt falls nötig den Schritt nach vorn.

Die Führungshand bemerkt starken Zug am Seil schon bevor ein eventueller Sturz das Seil durch das Sicherungsgerät zieht. Bremshand und Zughand drücken dann reflexartig zu und blockieren das Seil. Bei der dann folgenden Zugbelastung auf den Sichernden hilft die Führungshand dabei, den Körper richtig zur Wand hin zu drehen und den Aufprall an der Wand zu kontrollieren.

Warum statisches Sichern (meistens) falsch ist

Mein eingangs beschriebener, Füße malträtierender Sturz war übrigens etwa eineinhalb Meter weit, der Bohrhaken befand sich auf Schienbeinhöhe. „Harhar, was ein niedliches Stürzchen“, höre ich die Fachleserschaft schon feixen. Stimmt auch, doch wenn dein Sicherungspartner etwa 20 Kilo mehr wiegt und knallhart „zumacht“, weil er vom dynamischen Sichern auch nicht mehr weiß als du, dann bildet deine von der Seite betrachtete Flugbahn einen ziemlich ungünstigen Halbkreis.

Der Aufprall erfolgt dann fast frontal, im 90 Grad Winkel zum Fels, da dein Seil – anders als bei einem „weichen“, dynamisch abgebremsten Sturz – nicht durch die zuletzt eingehängte Zwischensicherung gleitet (kein „Seilschlupf“). Dein Sturz wird allein durch etwas Seildehnung und den Aufprall am Fels aufgefangen. Ziemlich statisch, das Ganze…

Prinzip des dynamischen Sicherns

Völlig statisch ist ein Sturz mit einem Kletterseil allerdings nie, da dessen Elastizität immer einen Teil der Sturzenergie automatisch aufnimmt (Fangstoßdehnung). Dennoch ist das harte „Zumachen“ des Sicherers, sobald der Vorsteiger seinen Abflug andeutet, meist eine völlig kontraproduktive Lösung. Bei einem weiten Sturz ist sie aufgrund der hohen Belastungsspitzen sogar extrem gefährlich.

Es gibt allerdings Ausnahmen: einmal in Bodennähe, wo bei zu weicher Sicherung ein „Grounder“ droht, und einmal in gestuftem oder stark strukturiertem Fels, wo es viele Vorsprünge gibt. Das ist meistens in leichterem und alpinem Gelände der Fall – Gefilde, in denen man am besten niemals und never ever stürzt. Dieses Niemals kann man möglich machen, indem man vorher so viel übt, dass man das „leichte Alpingelände“ absolut souverän beherrscht.

Manchmal befindet sich aber auch in bestens gesicherten Sportkletterrouten unter dem Vorsteiger ein Vorsprung oder Sims. Ein eventueller Sturz sollte dann besser nicht so lang geraten, dass er daran aufschlagen könnte. In dem Falle kann ein straff und „statisch“ aufgefangener, harter aber kurzer Sturz das kleinere Übel im Vergleich zum Felskontakt während eines längeren dynamischen Vorbeiflugs sein.

Wie wird die Sturzenergie abgebaut?

Dynamisches Sichern besteht also darin, den Sturz nicht abrupt abzufangen. Einen Teil dieser Aufgabe übernimmt ganz automatisch schon die Seildehnung. Deren Effekt hängt natürlich von der Länge der ausgegebenen Seilstrecke ab: ist der Kletterer beim Sturz schon weit vom Stand weggeklettert und hat viele Zwischensicherungen eingehängt, ist viel Seil ausgegeben und die Dehnung hat einen großen Effekt. Ist der Kletterer noch nah beim Stand, ist die Länge der Seildehnung ebenfalls gering und hat daher wenig Effekt.

Es muss also je nach Situation zusätzlich für eine gewisse „Gleitstrecke“ des Seils gesorgt werden. Diese Gleitstrecke und das mit ihr verbundene sanftere Auffangen der Sturzenergie kommt auf mehrere Arten zustande:

  • durch „Schlappseil“ und dessen Straffung während der Sturzbelastung.
  • durch die Seilführung (über Kanten, Ecken, Dächer).
  • durch eine dem sturzbedingten Seilzug nachgebende Bewegung des Seils durch das Sicherungsgerät („gerätedynamisches Sichern“).
  • indem der Sichernde seinen Körper kontrolliert in Richtung des sturzbedingten Seilzugs mitbewegt („körperdynamisches Sichern“).

Körperdynamisch und gerätedynamisch

Das gerätedynamische Sichern ist am schwierigsten zu beherrschen und sollte nur zum Einsatz kommen, wenn, statt über den Körper, über einen Fixpunkt gesichert wird und/oder wenn der Sichernde wesentlich schwerer ist als der Kletterer und sein Körper durch den Seilzug allein nicht bewegt wird. Die Bremshand wird dabei mit gestrecktem Arm vom Sicherungsgerät weggehalten und beim Sturz zum Gerät hingezogen.

Bei halbautomatischen Sicherungsgeräten funktioniert gerätedynamisches Sichern nicht, da sie schlagartig blockieren. Vorsicht: Bei manuellen Sicherungsgeräten ohne Blockierhilfe besteht immer die Gefahr, dass zu viel/zu schnell Seil durchläuft, zu viel Reibungshitze zwischen Seil und Bremshand entsteht, das Seil reflexhaft losgelassen wird und der Sturz außer Kontrolle gerät. Das gilt insbesondere bei dünnen und glatten Seilen!

Das Gezogen-werden des Körpers beim körperdynamischen Sichern geschieht normalerweise automatisch und es muss „nur“ der Widerstand gegen den Zugimpuls richtig dosiert werden. Widerstand wird durch Abstützen mit den Beinen gegen Wurzeln oder gegen die Felswand aufgebaut, während das Nachgeben beim Sturzzug durch kleine Trippelschritte oder einen Hopser die Wand hinauf erfolgt.

Stolpert man beim körperdynamischen Sichern oder verliert das Gleichgewicht, besteht die Gefahr, dass die Bremshand das Seil loslässt. Das bedeutet bei manuellen Sicherungsgeräten ohne Bremsautomatik in der Regel den Komplettabsturz des Kletternden. Deshalb muss der Sichernde stets vorausschauend antizipieren und für sicheren Stand und freie Bahn am Sicherungsplatz sorgen! „Freie Bahn“ bedeutet übrigens nicht, dass man mehrere Meter von der Wand weg stehen soll, auch wenn solch bequeme Positionierung oft zu beobachten ist. Man sollte nicht weiter als einen Meter von der Wand weg stehen. Auf den ersten Metern sollte man zudem seitlich zur Falllinie des Kletterers stehen, da ein Bodensturz trotz bester Vorkehrungen (wie z.B. straffem, fast statischem Sichern) nicht immer auszuschließen ist.

Richtig dosiert ist das Ganze, wenn der gestürzte Kletterer weich „landet“, ohne weiter als nötig zu „fliegen“.

„Richtig stürzen“

Auch der Kletterer selbst kann einiges für einen weicheren und risikoärmeren Sturz tun. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, durch richtig dosiertes Abspringen unbeschadet an eventuellen Vorsprüngen vorbeizufliegen. Doch das muss man 1) können und 2) läuft nicht jeder Sturz so kontrolliert ab, als dass man derart eingreifen könnte. Vor allem beim Wegrutschen von Tritten segelt man bisweilen mit wenig Abstand zum Fels abwärts. Doch solche Situationen kann man zum Glück mit einer soliden Fußtechnik sehr unwahrscheinlich machen.

Außerdem kann man mit systematischem Sturztraining einen Großteil der oft unnötigen Sturzangst abbauen und die Reaktionsfähigkeit und Kontrolle stark verbessern. Eine ausführliche Anleitung für solch ein Training gibt es bereits hier im Basislagerblog.

Sichern am Fixpunkt oder sichern „über Körper“?

Die meisten der in den letzten 10-20 Jahren auf den Markt gebrachten Sicherungsgeräte sind auf Körpersicherung ausgelegt. Sie sind überwiegend für den Einsatz in Kletterhallen und Klettergärten konzipiert, wo so gut wie immer die Körpersicherung zum Einsatz kommt. Hier sind Seilverlauf und Handbewegungen anders als bei der Fixpunktsicherung – weshalb die meisten der „neuen“ Sicherungsgeräte für Letztere nicht geeignet sind.

Jene Fixpunktsicherung kommt eher für Mehrseillängentouren und alpine Touren im Hochgebirge infrage. Bei ihr befindet sich der Reibungspunkt, der den Vorstiegssturz (plus den nun auch möglichen Nachstiegssturz!) bremst, nicht am Gurt des Sichernden, sondern an Bohrhaken, Wurzeln, Sanduhren und anderen Sicherungspunkten in der Felswand. Und statt der Sicherungsgeräte kommt hier meistens noch der „gute alte“ HMS-Knoten als Bremse zum Einsatz.

Diese Methode bietet einerseits den höchsten Schutz vor Absturz, andererseits besteht die größere Gefahr einer abrupten Sturzbelastung von Seil und Vorsteiger. Die Stärke des oft sehr soliden Fixpunkts kann zur Schwäche werden, wenn er alle Sturzenergie schlagartig auffängt, ohne dabei in irgendeiner Weise „nachzugeben“. Wird hingegen „über Körper“ gesichert, leistet der Körper des Sichernden dieses Nachgeben indem er beim Sturzzug nach vorne bzw. oben gezogen wird.

Beim Sichern über Körper sollte allerdings kein zu großer Gewichtsunterschied in der Seilschaft bestehen, vor allem wenn hauptsächlich der Schwerere vorsteigt. Gerade die klassische Pärchenkonstellation („sie“ wiegt etwa 60 kg und „er“ etwa 80 kg) kann problematisch werden, wenn „er“ stürzt und „sie“ kräftig aus dem Stand gerissen wird. Abhilfe schaffen (abgesehen von der Fixpunktsicherung) die in jeder(?) Kletterhalle verfügbaren Gewichtssäcke, welche sich die leichteren Sicherer an den Gurt klinken können.

Eine elegantere Umgehung des Problems bietet ein cleveres Gerät namens Ohm, das in den ersten Haken eingeklinkt wird. Das Ohm ist demnach kein Sicherungsgerät im engeren Sinne, sondern eine Art Expressschlinge mit eingebauter Bremse. Es nimmt im „Fall des Falles“ einen Teil der Sturzenergie des Vorsteigers auf. Der Sichernde kann den Sturz somit trotz seines geringeren Gewichts mit wenig Handkraft auffangen.

Wer öfter mit Partnern aus anderen „Gewichtsklassen“ unterwegs ist, sollte sich natürlich näher mit diesem Thema befassen – zum Beispiel mit dem entsprechenden Sicherheitsreport des DAV.

Der Gewichtsunterschied ist auch nur einer von vielen Aspekten, die bei der Entscheidung „Körper- oder Fixpunktsicherung“ abgewogen werden sollten. Auf alle diese Aspekte einzeln einzugehen, erfordert einen eigenen, umfassenden Artikel. Deshalb sei hier nur beispielhaft erwähnt, dass die Position, Größe und unmittelbare Umgebung des Standplatzes ebenso eine Rolle spielt wie die Qualität der Sicherungen oder die Frage nach der Handlungsfähigkeit bei einem eventuell nötigen Rettungsmanöver. Deshalb hier

einmal mehr der Verweis auf das Infomaterial des DAV, das eine gute Grundlage für qualifizierte Entscheidungen bietet.

Zwischenfazit

Ausgehend von diesen Grundlagen schauen wir uns im nächsten Artikel die verschiedenen Kletterdisziplinen mit ihren unterschiedlichen Anforderungen an das Sichern an. Daran wird deutlich, welche Sicherungsgeräte am besten für welche Disziplinen geeignet sind.

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