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Komm Baby, kleb mir eine! – die Geschichte des Kinesiotapes

9. November 2020
Tipps und Tricks

Egal ob Schwimmbad, Biergarten, Fitnessstudio, Kletterhalle oder Sportveranstaltung, immer wieder sieht man Personen, die mit auffällig farbigem Tape beklebt sind. Klar, das hat irgendwas mit Gesundheit, Regeneration und Vorbeugung zu tun, oder so. Oder ist das doch nur eine neumodische Kriegsbemalung für den geneigten Hobbysportler? Bin ich vielleicht voll auf dem Holzweg, weil ich bislang mit Kinesio- oder Physiotape noch nie was zu tun gehabt habe? Und wo liegen die Unterschiede zum klassischen Tapen, das man beispielsweise vom Klettern her kennt? Aus diesem Grund stellen wir uns heute mal ganz dumm und fragen:

Kinesiotape, was ist das eigentlich?

Zunächst einmal das ganz Offensichtliche: Bei Kinesiotape handelt es sich um spezielle Pflasterstreifen die direkt auf die Haut aufgeklebt werden. Diese bestehen in der Regel aus Baumwolle oder Viskose mit einem Elasthananteil und sind hochelastisch. Hierdurch können sie sich den Bewegungen des jeweiligen Körperteils anpassen und wie eine zweite Haut dehnen und zusammenziehen. Hierbei kommt es zu unterschiedlichen Effekten auf die Haut, Muskeln und Sehnen, die unter anderem schmerzlindernd und stoffwechselanregend wirken. Aber dazu später mehr.

Die Anwendung von Kinesiotape zur Behandlung unterschiedlicher Beschwerden ist dabei keine ganz neue Idee. Bereits in den 1970 Jahren wurde die Methode, schmerzende Gelenke und Muskeln mit elastischen Verbänden zu behandeln, von einem japanischen Chiropraktiker entwickelt. Auch die zugehörigen Bänder kamen ab 1973 in Japan auf den Markt und werden seither zur Behandlung unterschiedlicher Leiden eingesetzt. Heute kommen elastische Tapes auch bei uns im vor allem im Bereich der Physiotherapie immer wieder zum Einsatz um ergänzend zu anderen Behandlungsmethoden therapeutische Erfolge zu erzielen.

Eine klare Abgrenzung muss man jedoch zum konventionellen Tapen ziehen. Aus medizinischer Sicht dient dieses eher dazu einzelne Körperteile ruhigzustellen. Bei Sportarten wie beispielsweise Klettern oder Turnen kommen außerdem immer wieder vergleichsweise starre Tapes zum Schutz der Hände und Finger zum Einsatz. Diese sind aber aufgrund der fehlenden Elastizität nicht für den oben beschriebenen Zweck geeignet.

Kinesiotape, was macht das so?

Für Kinesiotape gibt es zahlreiche Anwendungsgebiete. Generell kann es am gesamten Bewegungsapparat eingesetzt werden und hilft dabei Beschwerden und Schmerzen zu lindern. Im Bereich der Physiotherapie kommt es daher vor allem bei Verletzungen und Entzündungen von Bändern, Gelenken oder Muskeln zum Einsatz. Das Tape wird dabei zur Entlastung und / oder Stabilisierung der jeweiligen Körperteile eingesetzt.

Das Tapen wird dabei nicht selten begleitend zu einer anderen Therapie vorgenommen. Bei Gelenk-, Muskel- und Bandverletzungen wirken Tapeverbände vor allem stützend und schonend und helfen die Heilung zu beschleunigen. Auch Schmerzen, die durch Überlastung entstanden sind, können durch das gezielte Tapen gelindert werden. Darüber hinaus können Tapeverbände auch dabei helfen Instabilitäten nach einer Verletzung am Gelenk oder den Bändern auszugleichen. 

Vorteil: Durch das elastische Band wird der betroffene Körperteil nicht komplett ruhiggestellt, hierdurch ist leichtes Bewegen problemlos möglich und die betroffenen Muskeln bilden sich auch bei längerer Behandlung nicht übermäßig stark zurück. Darüber hinaus kann das Tape dabei helfen ungewollte Schonhaltungen zu vermeiden.

Außerdem soll das Tape eine Wirkung auf die Haut und das Gewebe haben. Dadurch, dass das Band direkt auf die Haut geklebt wird, verschiebt sich diese bei jeder Bewegung leicht gegenüber dem darunterliegenden Gewebe. Hierdurch sollen unterschiedliche Rezeptoren aktiviert werden, diese wiederum tragen dazu bei, dass die Muskelspannung reguliert oder der Blutfluss verbessert wird. Diese Theorie wurde bislang jedoch noch nicht durch experimentelle und mit ausreichend aussagekräftige Studien belegt und basiert daher überwiegend auf Erfahrungswerten. 

Kinesiotape, kann ich das auch selbst?

Ja, nein, vielleicht. Um einen der oben beschriebenen Effekte zu erreichen, muss man sich gut mit dem Körper und dessen Bestandteilen auskennen. Denn durch das Tapen wird Einfluss auf die Haut, Muskeln, Sehnen und Bänder genommen. Nur wer verstanden hat, wie dieses Zusammenspiel funktioniert, kann auch gezielt darauf Einfluss nehmen. Oft ist es beispielsweise notwendig, dass das Tape nicht nur an der richtigen Stelle aufgebracht wird, sondern auch, dass der jeweilige Körperteil vor dem Bekleben in eine bestimmte Stellung gebracht wird. 

Außerdem muss man zunächst einmal wissen, woher die jeweiligen Beschwerden kommen. Ist man beispielsweise beim Wandern umgeknickt, ist die Ursache für die Schmerzen im Sprunggelenk ja noch vergleichsweise leicht auszumachen. Bei komplexeren Leiden wie Rückenschmerzen wird es da schon deutlich undurchsichtiger. 

Man kann sich natürlich gerade bei kleineren Beschwerden an den gewünschten Effekt heranexperimentieren, doch auch hierzu sollte man sich gut mit der menschlichen Anatomie auskennen. Bei größeren Verletzungen oder starken Schmerzen hilft aber definitiv nur der Gang zum Arzt. Nach einer entsprechenden Diagnose ist es außerdem sinnvoll das Tapen von einem Arzt oder Physiotherapeuten vornehmen zu lassen. Oft ist es danach aber auch möglich, das Tapen nach den Vorgaben und mit der Anleitung des behandelten Arztes oder Therapeuten selbst vorzunehmen. 

Kinesiotape, so wird geklebt

Wie bereits beschrieben, ist die Selbstbehandlung mit Kinesiotape nicht immer ganz einfach oder sinnvoll. Wer sich jedoch dazu entschließt, sollte ein paar Punkte beachten:

  • Schritt 1: Rasieren. Ob Arme, Beine oder Rücken, je nach persönlicher Veranlagung sprießen die Haare manchmal fast besser als auf dem Kopf. Wichtig ist jedoch, dass das Tape vollflächig auf die Haut aufgebracht wird, das ist mit einer entsprechenden Behaarung aber nicht möglich, also weg damit.
  • Schritt 2: Säubern. Damit das Tape optimal kleben kann, muss die Haut frei von Schweiß und Fett sein. Auch Rückstande von Hautcremes können sich negativ auf die Haftung des Pflasters auswirken. Daher empfiehlt es sich die jeweilige Stelle gründlich mit Seife zu waschen und anschließend gut zu trocknen.
  • Schritt 3: Zuschneiden. Kinesiotape gibt es zumeist auf der Rolle und muss daher in der richtigen Länge zugeschnitten werden. Darüber hinaus rundet man vor dem Aufkleben die Ecken des Bandes ab. Hierdurch wird vermieden, dass sich das Band bei vermehrtem Kontakt mit der Kleidung an den Ecken aufstellt und vorzeitig ablöst. Abgesehen davon gibt es aber auch bereits fertige Zuschnitte zu kaufen.
  • Schritt 4: Aufkleben. Wie bereits erwähnt, hängt das fachgerechte Aufbringen von Kinesiotape stark mit dem zu behandelnden Problem und dem jeweiligen Körperteil ab. Ganz grundsätzlich gilt aber: Das Band wird neutral aufgeklebt, also nicht bereits vorab gedehnt.

Kinesiotapes bleiben in der Regel einige Tage auf der Haut. Bei guten Tapes ist dabei das Sporttreiben sowie der Schwimmbad- und Saunabesuch kein Problem.

Vorsicht bei einer Pflasterallergie. Wer in der Vergangenheit Probleme mit Pflastern bzw. deren Kleber bei sich festgestellt hat, sollte auch bei Kinesiotapes vorsichtig sein. Hier ist es auf jeden Fall sinnvoll Rücksprache mit dem Hausarzt zu halten. Auch ohne bereits bekannte Pflasterallergie kann es möglicherweise zu Hautirritationen kommen. In diesem Fall sollte das Tape unverzüglich entfernt werden. Tritt danach kurzfristig keine sichtbare Besserung ein, empfiehlt sich auch hier der Gang zum Arzt.

Kinesiotape, was es sonst noch zu wissen gibt

Während meiner Recherche zu diesem Thema haben sich mir ein paar Fragen gestellt, die ich hier einmal kurz mit euch teilen möchte.

Haben die Farben bei den Tapes irgendeine Aussagekraft oder besondere Wirkung?

Kurz: Nicht direkt. Bei Kinesiotape handelt es sich vereinfacht gesagt um elastische Pflasterstreifen. Diese enthalten keinerlei Wirkstoff. Es gibt jedoch die Ansicht, dass sich die einzelnen Farben entsprechend der Chinesischen Farbenlehre auf den Körper auswirken. Rot wird also theoretisch eine andere Bedeutung als beispielsweise Grün zugeschrieben. Interessanterweise unterscheiden sich aber hierbei die Ansichten, welche Farbe was bewirken soll teilweise erheblich. Auch gibt es für diese Theorie keine belegenden wissenschaftlichen Studien. Daher ist es deutlich sinnvoller, eine Farbe zu wählen, mit der man sich persönlich auch wohlfühlt. Pink mag da beispielsweise nicht Jedermanns Geschmack treffen.

Werde ich durch Kinesiotape zum besseren Sportler?

Auch das trifft leider nicht zu. Wer keinerlei Beschwerden hat und ganz normal seinem Training nachgeht, der braucht auch kein Kinesiotape. Klar könnte man es als eine Art moderne Kriegsbemalung einsetzen, man kann aber deshalb weder schneller rennen, noch weiter springen oder besser klettern.

Ist Kinesiotape das neue Wundermittel, das alle unsere Probleme löst?

Auch mit dieser Annahme sollte man eher vorsichtig sein. Wie bereits erwähnt, kann das Tapen bestimmter Körperteile eine begleitende therapeutische Maßnahme sein und hier durchaus gute Effekte erzielen. Gerade bei schwereren Verletzungen sollte aber auf jeden Fall Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden. Auch bei „alten“ Verletzungen, die immer mal wieder Probleme machen, kann durch gezieltes Tapen eine Verbesserung herbeigeführt werden. Wer allerdings davon ausgeht, dass durch das Aufkleben von Kinesiotape wahre Wunder vollbracht werden können, der wird sicherlich enttäuscht werden.

Zug? Seil frei! – Fehlkommunikation am Fels

21. Oktober 2020
Tipps und Tricks

Ich bin zum klettern verabredet und treffe etwas verspätet ein, da ich separat zugestiegen bin. Wir sind in einem alpinen Ambiente, klettern aber kurze Sportkletterrouten. Als ich ankomme, bemerke ich Schrammen und Kratzer im gesamten Gesicht meines Bekannten, der bisher vom dritten Mann gesichert wurde. Auf Anfrage, was passiert sei, bekomme ich keine Antwort. Mein Bekannter klettert eine Route und erklärt daraufhin, dass er auf die Hütte geht um einen Schnaps zu trinken- ich bleibe irritiert zurück.

Erst eine Woche später kann er davon sprechen: „Ich hatte angenommen, vom Sichernden abgelassen zu werden, während er mich aus der Sicherung nahm! Plötzlich der freie Fall ins Ungewisse– instinktiv krallte ich mich in Graswasen, Latschen und Bäume- bis zum Aufprall. Dann kamst du daher…“ Um den psychischen Schock zu verdauen und nicht mit dem Klettern aufzuhören, stieg er von mir gesichert noch eine leichte Route vor, um anschließend den Schock und seine unverhoffte Wiedergeburt zu begießen.

Ablassen oder Abseilen

Immer wieder passieren Unfälle beim Klettern, weil sich Sichernder und Kletterer falsch verstehen: der Sichernde nimmt seinen Kletterer am Ende einer Sportkletterroute aus der Sicherung, während der Kletterer sich ins Seil setzt, um abgelassen zu werden. Der Kletterer stürzt in freiem Fall zu Boden. Ich kenne drei erfahrene Kletterer, die sich genau aufgrund dieser Situation „nur“ verletzten und mit einem „blauen Auge“ davon kamen. Sie haben echtes Glück gehabt!

So etwas darf beim Klettern eigentlich nicht passieren, und tut es doch. Ich habe mich umgehört und stelle fest, dass zum Thema „Fehlkommunikation am Fels“ fast jeder etwas zu erzählen hat. Leider. Anlass genug, um darüber zu schreiben und vielleicht auch die eigene Kommunikation zu überdenken.

Wo bin ich?

Kommandos beim Klettern sind kurz und eindeutig. Am besten, man spricht das Thema vor dem Klettern kurz an und klärt vor allem mit einem neuen Kletterpartner, was mit welchem Kommando gemeint ist. Es gibt eigentlich nicht viele Kommandos- dennoch sollte man sich immer vor Augen führen, was genau sie bedeuten und wo sie Anwendung finden (siehe Glossar). Beim Sportklettern kommen vor allem „zu“ (Seil einziehen und straff nehmen) und „ab“ (bitte ablassen) zum Einsatz.

Mit „Seil“ fordert der Kletterer mehr Seil. Bei Mehrseillängen- Routen kommt das Kommando „Stand“ hinzu, was so viel bedeutet wie: „Ich habe mich selbst gesichert- du kannst mich aus der Sicherung nehmen.“ Das Kommando „Stand“ hat im Sportklettern nichts verloren!!! Es sei denn, man hat sich wirklich selbst gesichert und möchte abseilen. Während das in Kalk- Klettergebieten eher unüblich ist, wird es in Sandstein- Gebieten durchaus praktiziert. Dennoch ist es beim Sportklettern ziemlich ungewöhnlich. Also denkt immer genau darüber nach, was ihr sagt.

Vom Winde verweht

Um das Risiko zu minimieren, ist beim Klettern Redundanz angesagt: zwei Haken verbunden zum Standplatz, der Prusik als Hintersicherung beim Abseilen und das sind nur einige wenige Beispiele. Warum nicht auch in der Kommunikation redundant sein? Lieber einmal nachfragen, bevor etwas passiert. Vor allem, wenn die Kommunikation aufgrund der äußeren Umstände schwierig ist- Lärm, lange Route, Wind. „Hast du Stand?“- „Naaa…“. Dieses bayerische „Naaa“ (zu Deutsch Nein) hörte sich eine Seillänge weiter unten gedämpft wie ein „…aaa“ von „Ja“ an.

Geistesgegenwärtig fragte ich lieber noch einmal nach, ob ich meinen Vorsteiger aus der Sicherung nehmen könne, was mit einem panischen „NEEIN!“ quittiert wurde. Seither lautet meine Devise: rückversichern und vor allem die Bitte um eindeutige Ansagen! Es spricht nichts dagegen, von den allgemeinen Kommandos abzuweichen, von mir aus auch Dialekt zu sprechen, solange die Wörter nicht gleich klingen und unmissverständlich sind. Und selbst unmissverständliche Worte kommen manchmal falsch an: Ich habe gehört, dass die Warnung „Stein“ (Vorsicht es fällt ein Stein herunter) des Kletterers vom Sichernden unten als „Stand“ verstanden wurde und ein „Seil frei“ folgte. Kommunikation ist am Fels keine leichte Sache!

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Wer jahrelang mit dem gleichen Kletterpartner klettert, versteht einander blind und ohne Worte. Mit neuen Kletterpartnern ist es nicht zwingend so. Ein kurzer Satz zur Kommunikation kann eigentlich nie schaden, genauso wie der obligate Partnercheck. Meistens werden Fehler aufgrund von Redundanz rechtzeitig behoben und man kommt mit einem Schrecken davon. Solche Geschichten lassen sich beim abendlichen Zusammensein nach dem Klettern gut erzählen und gemeinsam „verarbeiten“.

Meine Nummer 1 der Fehlkommunikationen ist folgende: Kletterer ruft „ZUUUU“ und erntet als Antwort ein „Seil frei“. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber nichts ist schlimmer, als Fehler totzuschweigen. Jeder macht Fehler. Wenn darüber gesprochen wird, müssen andere sie nicht wiederholen. Vielleicht habt auch ihr eine Geschichte, die ihr gern teilen möchtet, damit andere daraus lernen können? Ich freue mich auf konstruktive Beiträge!

Glossar Kommunikation beim Klettern

Kommandos müssen immer zwischen den Kletterpartnern abgesprochen werden, um Missverständnisse und Fehler zu vermeiden! Klettern ist ein Risikosport und erfolgt auf eigene Gefahr- für Unfälle aufgrund der im Glossar aufgeführten Kommandos wird nicht gehaftet!

KommandoBedeutungErwartete Aktion
ab / ablassenDer Kletterer möchte vom Sichernden abgelassen werden.Den Kletterer ablassen.
kommen/ nachkommenDer Vorsteiger hat den Nachsteiger in die Sicherung genommen und dieser kann nun losklettern.Antwort: „Ich komme“. 
SeilDer Kletterer bittet um mehr Seil, damit er weiterklettern oder klippen kann.Mehr Seil ausgeben.
Seil einBitte Seil einziehen.Seil einziehen.
Seil freiDer Sichernde hat den Kletterer aus der Sicherung genommen.Der Kletterer kann jetzt das Seil einholen.
Seil ausDer Kletterer zieht gerade Seil ein und der Nachsteiger informiert ihn, dass das Seil zu Ende ist.Der Nachsteiger wartet auf das Kommando „Kommen“ oder ein anderes ausgemachtes Zeichen, um gesichert nachsteigen zu können.
StandDer Kletterer befindet sich am Stand und hat sich selbst gesichert.Der Sichernde kann den Kletterer aus der Sicherung nehmen.
zu / ZugDer Kletterer bittet um weniger Seil, möchte sich ggf im straff gezogenen Seil setzen und ausruhen.Seil einziehen bis es straff ist.

Back‘ dir einen Bergfreunde-Apfelstrudel

22. Oktober 2020
Die Bergfreunde

Man kann Glück nicht kaufen, aber man kann es backen! :) Und zwar in Form eines leckeren Bergfreunde-Apfelstrudels. Der hat uns schon den einen oder anderen Arbeitstag mächtig versüßt und weil wir euch dieses leckere Backwerk nicht vorenthalten wollen, habe ich Kollege Robert aus unserem Bergfreunde-Gearhead-Team das Rezept entlockt. Viel Spaß beim Nachbacken!

Zutaten für einen Strudel

Teig

  • 300 Gramm Mehl
  • 160 ml Wasser
  • 2 EL Öl

Füllung

  • 2 kg Äpfel (Kochäpfel, z.B. Braeburn und Granny Smith)
  • 100 g Nüsse (Mandel oder Haselnüsse, gehobelt)
  • Zimt und Zucker nach belieben

Sonstiges

  • Butter zum Bestreichen
  • Optional: 1 Ei

Und so geht unser Apfelstrudel

Als erstes bereiten wir den Teig zu. Mehl, Öl und Wasser in eine Schüssel geben und so lange kneten, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Dieser sollte etwas fester und nicht zu weich sein. Danach ist 30 Minuten Teigruhe angesagt.

In der Zwischenzeit kümmern wir uns um die Füllung. Die Äpfel werden gehobelt und anschließend mit den Nüssen, Zimt und Zucker vermischt. Bei sauren Äpfeln kann gerne etwas mehr Zucker hinzugegeben werden und wer möchte, rundet das Ganze mit einem kleinen Schuß Schnapps ab. Beiseite stellen und ziehen lassen.

Jetzt ist der Teig wieder dran: Zuerst legen wir Backpapier aus, das erleichtert das Rollen. Darauf geben wir den Teigklumpen, den wir nun ganz vorsichtig ausrollen. Er sollte hauchdünn sein. Nutzt besser das Nudelholz, mit den Händen ist die Gefahr von Löchern größer. Bestreicht den Teig zum Schluss noch mit flüssiger Butter.

Nun belegen wir den Teig mit der Füllung. Diese wird gleichmäßig auf der Teigfläche verteilt. Sollte die Masse viel Flüssigkeit lassen, gebt nach dem Ausbreiten eine kleine Hand voll Semmelbrösel draüber.

Lasst ein paar Zentimeter Platz zum Rand, damit ihr den Strudel gut einrollen könnt. Klappt nun die Ränder ein, so dass sie die Füllung etwas überdecken und rollt das Kunstwerk mit Hilfe des Backpapiers zu einem Strudel.

Auf einem Backblech kommt das gute Stück jetzt bei 200 Grad Ober/Unterhitze für ca. 45 min in den Ofen. Nach 30 Minuten könnt ihr den Apfelstrudel noch mit Ei bestreichen, das gibt eine schöne braune Farbe.

Für das i-Tüpfelchen – oder besser: Das Bergfreunde-Tüpfelchen – schnappt ihr euch einen Karton und schneidet ihn in der Form unseres Logos aus. Das legt ihr auf den Strudel und bestreut die Oberfläche dann mit Puderzucker. Voila: Der Bergfreunde-Apfelstrudel ist fertig.

Dazu passt ein Kleks Sahne, eine Kugel Vanilleeis oder Vanille-Soße! :) Wir wünschen guten Apetitt!

Gib dem Ellenbogen deine Aufmerksamkeit!

9. Oktober 2020
Die Bergfreunde

Sofort merken wir sportlichen Menschen, wenn unser Ellenbogengelenk beschädigt ist und nicht mehr reibungslos funktioniert.

Unsere Ellenbogen brauchen wir. Und ohne Ellenbogen die Wände hochklettern, das ist fast unmöglich. Wie ihr eure Armmuskulatur und den Ellenbogen schützen könnt und ob gezieltes Trainieren Sinn macht, erklären wir euch hier.

Über die Anforderungen an den Ellenbogen im Klettersport habe ich mit Dr. med. Andreas Thannheimer, Chefarzt am Klinikum Garmisch-Partenkirchen gesprochen. 

Das Ellenbogengelenk ist sehr gut geführt und auch die starken Muskeln haben beste Voraussetzungen, da sie nicht über das Gelenk verlaufen.

Das Ellenbogengelenk besteht aus drei Gelenken, die zusammen von einer Gelenkkapsel überdeckt werden. Die feste Gelenkkapsel wird unterstützt von fächerförmigen Seitenbändern, Innenbändern, sowie den kräftigen Sehnen der Bizeps-, und Trizepsmuskeln.

Beim Beugen und Strecken unseres Arms sorgen die Muskeln und weitere kleinere Muskeln auch nochmals dafür, dass das Gelenk eingespannt wird und stabil ist. Ein Meisterwerk! 

Bei Menschen, die viel trainieren und lange Klettersport betreiben, können Überlastungsschäden auftreten.

Bemerkbar werden die Überlastungen durch anhaltende Schmerzen am oder im Gelenk. Oft sind es Reizungen oder Entzündungen an den Sehnenansätzen, die erst einmal durch geringere Belastungen und Pausieren des Sports gemildert werden können. Diese sogenannten Ansatztendinosen halten in fortgeschrittenen Stadien lange an und müssen langwierig therapiert werden. 

„Der Tennis- und Golfer-Ellenbogen kann auch bei Kletterern auftreten. Da gibt es ungefähr tausend Methoden in der Behandlung. Bei diesen Überlastungsschäden hilft jedem Mensch etwas anderes. Die Heilung kann langwierig sein und chronische Schmerzen können bleiben. Mikroverletzungen an den Sehnen oder überlastungsbedingte Instabilitäten lassen sich erfolgreich operativ behandeln.“ 

Um den Ellenbogen wirklich schwer zu verletzen, muss im Gegensatz zum Schulterbereich viel direkte Kraft einwirken. 

Stürze gegen die Wand oder mit Bodenkontakt können ein Auslöser sein. Besonders gefährdet ist das Gelenk, wenn ein Auf- oder Anprall in der Beugestellung passiert 

„Bei einem Sturz mit Boden- oder Wandkontakt kommt die Stützfunktion mit der einhergehenden Stauchung über die Hand und den Unterarm in Frage. Es wird ja immer versucht sich doch noch abzufangen. Wenn der Ellenbogen in der Beugestellung ist, kann es zum Auskugeln des Gelenks kommen. Ein direkter Anprall führt oft zu Weichteilverletzungen oder Brüchen der Elle.“ 

Nach einem Sturz oder Anprall ist es wichtig zu klären, ob die Funktionalität noch erhalten ist und zu beobachten wie sich die Schwellungen und Schmerzen entwickeln. Wenn ihr das Gelenk nicht mehr strecken oder beugen könnt, ist es ratsam, direkt in die Klinik zu gehen oder eine entsprechende Praxis aufzusuchen.

Ein wenig ungünstig liegt im Falle von größeren Schwellungen und Hämatomen der Ellennerv (Nervus ulnaris).

Da solltet ihr kontrollieren, ob die Sensibilität im kleinen Finger sowie in der Hand gestört ist. Es kann sein, dass die Hämatome beim stärkeren Abdrücken des Nervs operativ entfernt werden müssen. Ansonsten gilt auch beim Ellenbogen: Hochlagern, kühlen und pausieren. Aber nicht ruhigstellen! Wenn die Schmerzen und Einschränkungen so stark sind, dass ihr das Gefühl habt, dass Gelenk ruhigstellen zu müssen, solltet ihr in eine Praxis oder Klinik gehen.

„Eine längerfristige Ruhigstellung des Ellenbogengelenkes sollte möglichst vermieden werden, da durch eine Ruhigstellung dauerhafte Bewegungseinschränkungen begünstigt werden können.“ 

Bei Luxationen, Verschiebungen oder Brüchen wird fast immer operiert.

Die Operationen sind meist etwas aufwendiger und komplexer, da das Ellenbogengelenk wieder so hergestellt werden muss, dass es hundertprozentig passt. Erfahrene Unfallchirurginnen und Sportmediziner sind dann eure Adresse! Einfache Luxationen, die reponiert und in der Führung bleiben, müssen nicht operiert werden.

„Für das Ellenbogengelenk ist eine hundert prozentige Kongruenz wichtig. Operativ muss versucht werden die Funktionalität bzw. Beweglichkeit bis auf wenige Millimeter wieder richtig und passend herzustellen. Bei wenigen Millimetern Fehlstellung reagiert das Gelenk sehr empfindlich und es kann schnell zu Arthrose kommen. Es gibt auch Sehnenrupturen der Bizeps- oder Trizepssehnen. Bei höherer Gewalteinwirkung kann die Bizepssehne abreißen. Bei einem direkten Anprall am Ellenhaken kann hier die Trizepssehne knöchern ausreißen. Bizeps- oder Trizepssehnenabrisse werden in aller Regel wieder operativ refixiert.“ 

Wichtig ist bei Wiederaufnahme des Trainings langsam anzufangen und auf die Schmerzen zu achten. 

Für mehr Mobilisation helfen euch diese Übungen, die ihr selbst machen könnt. 

Der Klassiker: 

Den Arm vor dem Körper gerade ausstrecken. Die Hand nach unten beugen und mit der anderen Hand Druck auf die gebeugte Hand ausüben bis ihr eine Dehnung verspürt. Der Arm ist im ersten Bild gerade vom Körper gestreckt. Im zweiten Bild ist die Handinnenfläche nach oben gedreht und zeigt zur Decke. Durch diese Variationen der Übung dehnt ihr alle Strukturen.

Den Ellenbogen unterstützen, könnt ihr mit Hilfe von kleinen Zwei-Kilo-Hanteln und einem Tisch. Euren Arm platziert ihr so auf dem Tisch, dass der Ellenbogen auf der Platte liegt und das Handgelenk an der Tischkante frei ist und überhängt. Mit der Hantel in der Hand geht ihr in die Extension und Flexion des Handgelenks. Die Übung macht ihr einmal mit der euch zugewandten Handinnenfläche und mit der euch zugewandten Handaußenfläche. 

Und hier eine Allround-Übung für Alle! Besonders gut für den Schulterbereich und Ellenbogen, ist das Aushängen. Dazu müsst ihr nicht euren ganzen Körper halten! Es reicht das Lehnen in die Streckung. Bei den Übungen unterstützen euch natürlich auch Physiopraxen, wie die Praxis von Tayfun Babayigit, die ihr auf den Bildern sehen könnt.

Zwangspause! Wieviel Training ist nötig, um die aktuelle Leistungsfähigkeit zu erhalten?

8. Oktober 2020
Tipps und Tricks

Wie schon in einem älteren Artikel „Regeneration – essenziell für (d)ein perfektes Training“  erwähnt, Bewegung ist Leben! Das gilt auch in der Zwangspause, sei es eine Verletzung, Zeitmangel, Lockdown oder weil du einfach mal eine Pause brauchst (psychische Ermüdung).

Dabei war man gerade auf dem Höhepunkt und kann nun schon fast dabei zusehen wie die hart erkämpfte Muskulatur davonschmilzt. Dabei müssen für den Leistungserhalt weniger Zeit und Aufwand investiert werden als für den Leistungsaufbau. Ganz nach dem Motto: „Zusehen kann man, muss man aber nicht“.

Ausnahmen bilden dabei natürlich verletzungsbedingte Ruhestellungen des betroffenen Körperteils, doch auch hier gibt es Strategien, um den Heilungsprozess zu beschleunigen und auch einen Teil der Leistungsfähigkeit zu erhalten. Unabhängig der Sportart(en), hier erfährst du wie viel (oder wenig) du trainieren musst, um auch in schwierigen Zeiten dein Fitnesslevel aufrecht zu erhalten.

Warum der Körper bei zu langen Ruhepausen abbaut

Der Körper hat ein ganz großes Ziel „Energieklasse A++“ und passt sich nach dem Prinzip der Anpassung an die gegebenen Belastungen (adaption on imposed demands) an.  Notwendige Anpassungen werden nur gemacht oder bleiben erhalten, wenn du eine Aktivität oder Übung häufig und regelmäßig machst, und den Trainingsreiz steigerst . Das Bedeutet, dass sich Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit oder Schnelligkeit nur besser werden, wenn du plan- und regelmäßig trainierst und in gleicher Weise nachlassen, wenn du eine Pause machst.

Der Grund dafür ist, dass leistungsfähige Systeme zur Erhaltung auch im „Leerlauf“ viel Energie benötigen und diese Energiefresser abgebaut werden müssen, wenn sie nicht gebraucht werden.

Wie schnell verliere ich meine Fitness?

Wie schnell der Körper bei einer vollständigen Pause an Leistungsfähigkeit verliert ist von deinem Trainingszustand, wie lange du schon trainierst und der Pausenzeit abhängig. Unabhängig davon ist der Abbauprozess kein linearer Prozess.

Zu Beginn, in den ersten zwei Wochen ohne Belastung, ist der Abbau meist stärker als während der Zeit danach. Bei Sportlern, die bereits lange und regelmäßig Trainieren, halten sich bestimmte Fertigkeiten über Monate auf einem recht hohen Level. Trainingsanfänger dagegen weisen einen wesentlich steileren Leistungsabfall vor, der auch auf den Stand vor dem Sportbeginn abfallen kann.

Wie schnell der Körper abbaut ist abhängig von:

  • Fitnesszustand
  • Bisherige Trainingsdauer
  • Pausendauer

Was passiert während der Pause?

Herz-Kreislaufsystem

Das Herz-Kreislaufsystem trägt die Verantwortung den Körper stets mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Dieses System beginnt bei der Lunge, die den Sauerstoff von der Atemluft aufnimmt und endet an den winzig kleinen Blutkapillaren, die den Sauerstoff an die Zielzellen abgeben. Ohne Training reduziert sich die Leistungsfähigkeit der Herzmuskulatur, der Blutgefäße und der Bluteigenschaften.

Muskulatur

Als Motor aller Bewegungen wird der Muskulatur eine große Wichtigkeit zugeschrieben. Bei Nichtnutzung setzt bei ihr die Atrophie ein, der Muskelschwund. Dabei verlieren die Muskelzellen an Größe, an Speicherkapazität für Glykogen und die Ansteuerungsmechanismen des Nervensystems. Aber auch die Kapillare der Muskelzellen werden zurückgebildet und das Potential für eine gute Sauerstoffversorgung nimmt ab, ein wichtiger Leistungsfaktor für Ausdauersportler.

Bindegewebe (Bänder und Sehnen)

Auch das Bindegewebe passt sich auf Belastungen an und wird bei Pausen wieder abgebaut. Doch im Gegensatz zur Muskulatur haben Bänder, Sehnen und Knorpel einen langsameren Stoffwechsel und benötigen deshalb für Auf- und Abbau mehr Zeit.

Sehnen haben die Aufgabe der Kraftübertragung von der Muskulatur auf die Knochen. Diese kannst du dir wie ein Stahlkabel vorstellen, sie bestehen aus vielen einzelnen Fasern (Fibrillen) die eng an eng in Längsrichtung verlaufen. Werden sie nicht belastet verlieren die Fibrillen ihre Längsausrichtung, werden steifer und sind somit weniger belastbar.

Bänder sind, wenn man beide Augen zudrückt, mit Sehnen vergleichbar, besitzen jedoch einen wesentlich höheren elastischen Anteil und haben die Aufgabe der knöchernen Führung, sie verbinden Knochen miteinander. Auch sie verlieren bei der Pause an Elastizität und Faserausrichtung.

Knorpel sind die Schmiermasse zwischen den Gelenkflächen und sind dafür verantwortlich, dass diese nicht abgenutzt werden. Im Gegensatz zu anderen Bindegeweben werden sie gar nicht durchblutet, sondern über Diffusion mit den Nährstoffen aus der Gelenksflüssigkeit (Synovialis) ernährt. Diffusion ist die schwammartige Funktionsweise des Knorpels, mit der bei Belastung die gesamte Flüssigkeit herausgepresst und bei Entlastung neue Flüssigkeit (inkl. Nährstoffe) aufgesaugt wird. Aus diesem Grund ist der Gelenkknorpel auch absolut von Bewegung abhängig und kann nur versorgt werden, wenn Diffusion stattfindet. Knorpel besitzen die längste Wiederherstellungszeit und gelten deshalb nicht als Regenerierbar. Deshalb sollest du auf ausreichend Bewegung für deine Knorpelgesundheit achten.

Nervensystem

Wenn von Lernen gesprochen wird, wird oft die Metapher des Pfades genutzt. So wie sich der Wander- oder Trailrunningpfade vergrößert je mehr Personen auf diesem gelaufen sind, verbessern sich auch Wege im Nervensystem. Die neuronalen Pfade, die häufig genutzt werden, gewinnen an Leitfähigkeit und Übertragungsgeschwindigkeit, und weiteren Funktionen. Sie sind entsprechend leichter zu gehen als ein zugewachsener Weg.

Bei der sportlichen Bewegung entsprechen die Bewegungen, die du bereits unbewusst und ohne nachzudenken ausführen kannst, diesen breiten und leicht zu gehenden Pfaden. Das Nervensystem kennt dann die richtige Ansteuerung der Muskulatur, nimmt den eigenen Körper besser wahr und weiß wie es auf bestimmte Umweltereignisse reagieren sollte. Doch wenn du diese Pfade während der Pause über lange Zeit nicht nutzt wachsen sie zu und deine Bewegungen werden bei Wiedereinstieg weniger flüssig sein.

Doch diese Pfade bleiben wie versteckte Wanderwege grundsätzlich erhalten und können schnell wiedergefunden werden. Das bedeutet, dass du bereits erlernte Bewegungen leichter wieder abrufen kannst.

Leistungssteigerung/-erhaltung trotz Pause/Verletzung?

Wie oft und wie intensiv muss ich zum Leistungserhalt Trainieren?

Wie schon angedeutet gibt es unabhängig des Grundes der Zwangspause gute Nachrichten: Ein reduzierter Trainingsplan bewirkt bereits leistungserhaltende Reize, so dass nach der Zwangspause bei Wiedereinstieg bis zum vorherigen Trainingsniveau nicht viel fehlt.

Je nach Trainingsstand und -ziel ist eine Reduktion auf eine Trainingseinheit pro Woche ausreichend, um die bisherigen Trainingsfortschritte zu erhalten. Für den Großteil sind ein bis zwei kurze intensive Trainingseinheiten (ca. 30 Minuten bei 70% der eigentlichen Leistungsfähigkeit) der sportartspezifischen Muskulatur zum Leistungserhalt ausreichen.

So kannst du dein Leistungsniveau sogar über mehrere Monate hinweg aufrechterhalten. Wenn du hingegen vollständig pausierst wird bei Wiedereinstieg der Weg zurück zum alten Leistungsniveau garantiert länger und schwieriger sein (bis zum dreifachen der Pausenzeit). 

Ein oder zwei kurze Trainingseinheiten pro Woche sind bereits effektiv Leistungserhaltend

  • Trainiere „um deine Verletzung herum“.
  • Nutze Körpergewichtsübungen auf Reisen.
  • Nutze hochintensive Trainingsmethoden (HIT, HIIT).
  • Nutze die Pause als Chance etwas Neues zu lernen.

Ich bin verletzt, was kann ich noch Trainieren?

Training des betroffenen Bereichs

Um mit Verletzung trainieren zu können sind belastende Übungen zu vermeiden und zu ersetzen, bis diese ausgeheilt ist. Hier fragst du am besten deinen Arzt, worauf du achten solltest.

Ein sanftes Training der betroffenen Stelle führt zu einer besseren Durchblutung und unterstützt so den Heilungsprozess. Wichtig ist es dabei auf eine möglichst schmerzfreie Ausführung zu achten und schmerzhafte Übungen zu meiden. Hier ist es sinnvoll verschiedene Steigerungsstufen zu den Verschiedenen Trainingsübungen zu kennen. Diese helfen dir nicht nur im gesunden Zustand, für das Setzen eines stärkeren Reizes, sondern auch bei Verletzung die Variante zu kennen die das verletzte Gelenk weniger reizt.

Aber alles was frei von Verletzung(en) ist, kann auch erhalten oder sogar verbessert werden. Wichtig ist es hier, darauf zu achten ob ein Training der verletzungsfreien Gelenke eine Last für das betroffene Gelenk darstellt. So können zum Beispiel trotz einer verletzten Schulter  die damit verbundenen Gelenke (Armbeuge, Hand) mit der richtigen Übung dennoch trainiert werden. Wenn ein Training der anderen Gelenke möglich ist profitiert das verletzte Gelenk auch von den neuronalen Signalen, die durch den gesamten Arm gesendet werden.

Trainieren der gegenüberliegenden Seite

Sehr interessant ist der zu beobachtende Lerntransfer von der linken auf die rechte Körperhälfte und umgekehrt. Es ist erwiesen, dass beim Bewegungslernen einer Körperhälfte sich auch Verbesserungen der anderen Seite zeigen, das nennt sich „Cross Education“. Dieser Effekt wurde auch schon für Kraftzuwächse gezeigt. Also profitieren Beine und Arme der verletzten Seite, wenn du die unverletzte Seite weiterhin trainierst. Dieser Effekt ist zwar nicht allzu stark. Doch im Vergleich zu keiner Belastung, ist der Vorteil erkennbar, oder?

Schwächen Ausgleichen und nicht betroffene Gelenke trainieren

Gleichzeitig bietet die Zwangspause die Möglichkeit, mal etwas anders zu machen als bisher. So kannst du zum Beispiel auch deine dir bekannten Schwächen trainieren. Beweglichkeit, Kraft oder mentale Stärke, hier findest du sicher noch einen Punkt zum Abarbeiten auf deiner To-Do-Liste. Bei einem verletzten Bein kannst du immer noch den Oberkörper trainieren und andersherum geht das auch sehr gut. Nutze die Verletzung als Chance neue Erfahrungen zu machen und die Gelegenheit dazu zu nutzen etwas Neues auszuprobieren, etwas das du noch nicht kennst. Der Körper als Gesamtsystem wird es danken und nach der Genesung auch im eigentlichen Lieblingssport leistungsfähiger sein.

Trainieren mit Infektionserkrankungen

Bei Infektionserkrankungen ist von einem Training abzuraten, denn das Immunsystem das unseren Körper vor Erregern beschützt hat auch Aufgaben in der Leistungsanpassung und kann somit keine der beiden Aufgaben vernünftig ausführen. So erhöht sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erkrankung verschlimmert und sich die Zwangspause verlängert.

Wann bist du wieder fit genug für ein Training?

Bei einer verletzungsbedingten Pause ist die anschließende Frage nach dem Wiedereinstieg immer recht schwierig. Es ist ja auch immer eine emotionale Entscheidung, man möchte ja wieder anfangen. Doch es sollte immer das Ziel sein, so schnell wie möglich wieder fit zu werden, aber auch Fit und gesund zu bleiben. Denn in den ersten Wochen nach dem Wiederanfang ist das Risiko für eine Wiederverletzung hoch und du solltest beim Training auf diese Punkte achten und dein Training entsprechend anpassen:

  • Kompensation: 
    • Ob du die nicht-verletzte Seite deutlich stärker beanspruchst als normal
    • Ob du die verletzte Seite nicht normal belasten kannst
  • Ob du mental bei der Sache bist

Verletzungsfrei: 5 Faktoren, die einer verletzungsbedingten Zwangspause vorbeugen

Doch eines ist noch besser als eine verletzungsbedingte Zwangspause: Keine Zwangspause. Ein Athlet, der ohne Verletzungen trainieren kann, wird immer fitter sein als mit den Unterbrechungen, die eine Verletzung mit sich führt. Die folgenden Punkte sollen dir dabei helfen Verletzung vorbeugen:

  • Technik statt Willenskraft: Fokussiere auf die richtige Zieltechnik deiner Sportart im Rahmen deiner individuellen Voraussetzungen, anstatt dich mit Kraft und Willen durchzukämpfen.
  • Tagesformcheck: Mach vor jedem Training einen inneren Check wieviel Leistung du an diesem Tag von dir Abverlangen kannst und passe die Intensität an.
  • Warm-Up: Vor jeder sportlichen Ausübung sollte ein angemessenes Aufwärmen stattfinden.
  • Ausgleich: Nutze Ausgleichsübungen, die die antagonistische und stabilisierende Muskulatur trainiert.
  • Pause: Achte auf ausreichend lange Regenerationszeiten und nutze regenerationsfördernde Maßnahmen.

Einfach Zurücklehnen oder MiniMax Prinzip?

Wenn die Zwangspause einmal kommt ist das meist sehr frustrierend, besonders für hochmotivierte Sportler. Doch eine Pause ist nicht direkt mit einem starken Leistungsabfall verbunden. Bereits kurze intensive Trainingseinheiten setzen leistungserhaltende Reize und helfen bei angepasster Intensität auch dem Heilungsprozess bei Verletzungen. Zudem bieten diese Pausen auch immer die Möglichkeit seine Vorherigen Trainingsweise zu überdenken und Neues auszuprobieren und zu entdecken. Also gib dem Frust nicht zu viel Raum und mach das beste aus der Situation. 

Naturlager und Biwakplatz: was ist das und wo gibt’s das?

23. September 2020
Tipps und Tricks

Eine Nacht im Freien ist ein unmittelbares und elementares Erlebnis. Solche Einfachheit ist heute so weit weg von der normalen Erlebniswelt, dass die Freinacht in der Natur wie ein Ausflug in eine Parallelwelt wirken kann. Ein inspirierender und bereichernder Ausflug wohlgemerkt. Nicht umsonst sind viele Draußenschläfer regelrecht begeistert und wollen das Erlebnis regelmäßig wiederholen. Grund genug, hier ein paar Facetten des Themas näher auszuleuchten. Denn davon gibt es überraschend viele, obwohl die Sache an sich ja kaum einfacher sein könnte.

Ein Grund für die erstaunliche Komplexität des Themas „Draußen Übernachten“ ist die beachtliche Besiedlungs- und Gesetzesdichte unserer Breiten. Auch die bunte deutsche Begriffsvielfalt, in der vieles synonym und durcheinander benutzt werden kann, trägt ihr Scherflein dazu bei. Klären wir also zuerst die Begriffe.

Was ist was?

Das Biwak stammt vom alten deutschen Begriff Beiwache ab. Es bezeichnet laut Wikipediaein Lager im Freien, aber auch in Zelten oder Hütten, vor allem für Soldaten oder Bergsteiger.

Ursprünglich gab es in befestigten Städten und Festungen neben der innerhalb der Mauern befindlichen Hauptwache eine auf dem freien Feld außerhalb stationierte Beiwache. Die Beiwache musste mangels Gebäuden in Zelten kampieren.

Heute tun Alpinisten, Trekker, Weitwanderer und Bergfreunde aller Art das freiwillig. Unter dem Biwak im engeren Sinne wird nur die (geplante oder ungeplante) Übernachtung im Freien, ohne Schutz durch ein Zelt oder eine Hütte verstanden. Allerdings gibt es in den Alpen auch viele „Biwakschachteln“, in denen überdacht und geschützt übernachtet werden kann. Ob das dann „biwakieren“ oder „übernachten in unbewirtschafteter Minihütte“ ist? Ich muss gestehen, ich weiß es nicht …

Das genaue festnageln des Begriffs ist aber auch nicht so wahnsinnig wichtig, weil er außerhalb der „Alpinistenszene“ ohnehin kaum verwendet wird. Alpinisten meinen mit dem „Biwak“ in der Regel nur die Stelle im Gelände oder in der Wand, an der übernachtet wird.

Eine Freifläche ohne jede Infrastruktur kann man aber wiederum auch als Zeltplatz bezeichnen, sofern sie genügend Fläche hat. Normalerweise ist mit „Zeltplatz“ ein fester Ort mit mehreren Zelten assoziiert. Ob groß oder klein, mit oder ohne Infrastruktur – man kann die Örtlichkeit als Zeltplatz, Lagerplatz oder Übernachtungsstelle bezeichnen. Das „Zelt“ und das „zelten“ kann man auch durch „Camp“ und „campen“ ersetzen – diese Begriffe werden normalerweise synonym verwendet.

Ein weiterer dieser „Grauzonenbegriffe“ ist das Naturlager. Auch damit kann eine Draußen-Übernachtung sowohl mit Zelt als auch ohne Zelt gemeint sein. Allerdings hat dieser Begriff auch eine „offizielle“, festgelegte Bedeutung, denn er wird für einige ausgewiesene Übernachtungsplätze verwendet, die über eine minimale Infrastruktur verfügen.

Unterschied: „legales Wildcampen“ vs. Wildcampen

Wie man das Draußen-Übernachten „richtig“ bezeichnet, hängt also davon ab, ob man ein Zelt verwendet oder nicht, und ob Infrastruktur vorhanden ist oder nicht. Noch ein bißchen komplizierter wird die Sache, wenn man sie nach ihrem gesetzlichen Status differenziert. Denn dafür spielt es eine Rolle, ob man beispielsweise gerade nur „lagert“ oder zeltet. Das Zelten ist in Deutschland im Wald und in der freien Landschaft untersagt, nicht jedoch das „Lagern“ über Nacht. Jedenfalls nicht unbedingt, denn das hängt wiederum von weiteren Faktoren wie dem jeweiligen Bundesland und – falls es zu einer entsprechenden Begegnung kommt – dem Ermessen des zuständigen Försters ab. Mehr zur nicht ganz unkomplizierten Lage in Deutschland hat Bergfreundin Anni hier im Basislager zusammengetragen.

Besondere Vorsicht ist geboten bei Ausflügen nach Österreich, insbesondere Tirol. Dort ist die Regelung je nach Bundesland äußerst restriktiv. Sogar ein reines Freibiwak oberhalb der Baumgrenze, also im „alpinen Ödland“, kann zu hohen Bußgeldern führen. Deutlich freizügiger geht es in der Schweiz zu, wo oberhalb der Baumgrenze das Biwakieren normalerweise gestattet ist.

Wo kann man „legal wildcampen“?

In Deutschland gibt es ausgewiesene Plätze, auf denen Wildcamping mit und ohne Zelt explizit erlaubt ist. Noch ist deren Zahl recht überschaubar, doch nach und nach kommen weitere hinzu. Diese „Wildcampingplätze“ werden auch Trekkingplätze, Biwakplätze oder, wie eben schon erwähnt, Naturlager genannt. Also wieder eine bunte Begriffsvielfalt. Sie werden jedenfalls von Tourismusverbänden oder ähnlichen Institutionen unterhalten und sind meist reservierungspflichtig, um Überlastungen der Natur zu vermeiden. Es gibt Ausnahmen, doch dort besteht das Risiko, dass bei Ankunft schon alles belegt ist. Meist wird auch ein Obolus von fünf bis zehn Euro pro Zelt fällig.

Die erlaubte Aufenthaltszeit liegt bei nur ein bis zwei Nächten. Die Minimalausstattung besteht aus einer einer ebenen Fläche zum Zelt aufstellen. Das sind in manchen Fällen Plattformen aus Holz, die den Waldboden schonen. Manchmal ist auch ein Plumpsklo dabei oder eine feste Feuerstelle. Es kann Sitzgelegenheiten geben oder ein Fass mit Brauchwasser. Fließend Wasser ist in der Regel ebensowenig vorhanden wie ein Mülleimer. Deshalb gelten hier die in der Natur üblichen Verhaltensregeln.

Die bloggenden Outdoorfreunde von ausgebuext.info haben eine ausführliche Liste mit Trekkinglätzen in Deutschland zusammengestellt. Dort steht auch, wo man vorab reservieren muss und ob Kosten anfallen. Sie weisen zudem auf Biwakplätze für Wasserwanderer hin, die teilweise auch für Wanderer zugänglich sind und sich vor allem in den ostdeutschen Seenlandschaften befinden. Auch der Blog Mehr-Berge hat eine schöne Übersicht zusammengestellt. Ich fasse im Folgenden einige Infos dieser beiden Seiten zusammen.

Deutsche Mittelgebirge

Bei der Suche nach legalen Wildcamp-Plätzen wird man im Nationalpark Sächsische Schweiz besonders oft fündig. Hier ist das Übernachten in etwa 60 gekennzeichneten Boofen (oft Höhleneingängen) gratis gestattet – allerdings nur ohne Zelt und auch wirklich nur dort. Nähere Infos gibt es unter www.nationalpark-saechsische-schweiz.de.

Im nordrhein westfälischen Naturpark Hohes Venn Eifel gibt es vier Naturlagerplätze, die allesamt mit einer Komposttoilette und einer Plattform für bis zu zwei Zelte ausgestattet sind. „Alle Standorte sind nur zu Fuß über Wanderwege erreichbar, man ist auf sich selbst gestellt, und auch die Verpflegung muss selbst mitgebracht werden. Die Kosten liegen bei 10€ je Zelt und Nacht.“ Nähere Infos und Reservierungsmöglichkeit gibt es unter www.trekking-eifel.de/de/.

Im Pfälzer Wald gibt es ebenfalls eingerichtete Naturlagerplätze, die von April bis Oktober genutzt werden können. Alle Plätze liegen etwas abseits der Ortschaften und der gängigen Wanderwege in Gebieten, die für den Natur- und Wasserschutz unbedenklich sind. Nähere Infos gibt es unter www.trekking-pfalz.de/de/trekking-plaetze/.

In Bayern liegt der Fokus der Naturlagerplätze auf den nördlichen Gefilden, insbesondere dem Spessart. Dieses größte zusammenhängende Gebiet aus Laubmischwäldern in Deutschland liegt an der Grenze zu Hessen. Zelten ist hier nur auf den dafür ausgewiesenen Trekking-Plätzen in der Zeit vom 1. April bis 31. Oktober für eine Nacht erlaubt. Nähere Infos und Buchungsmöglichkeit unter: www.trekking-bayern.de

Die (Vor)Alpen sind von dieser noch recht jungen Tourismusentwicklung gänzlich unberührt. Dafür gibt es hier reichlich Übernachtungsmöglichkeiten oberhalb der Baumgrenze, auf Lichtungen und gerodeten Flächen. Letztere sind jedoch meist zu einer Alm gehörende Weiden, ergo Privatbesitz und „illegal“. Auch dort, wo die Besitzverhältnisse nicht klar ersichtlich sind, kann es zu unerwünschten nächtlichen Begegnungen mit Bauern, Förstern oder Weidevieh kommen. Allerdings werden die Regeln im bayrischen Alpenland oft recht locker ausgelegt und bei gutem Wetter herrscht reger „Übernachtungsbetrieb“ an vielen schönen Stellen und vor allem Gipfeln.

Dennoch sei gesagt: Auch vorsätzliches Biwakieren kann im Zweifel als „geplantes“ Camping ausgelegt werden und strafbar sein. Das ungeplante Notbiwak ist davon selbstverständlich nicht betroffen.

Couchsurfing für draußen: zwei junge Internetprojekte

Die eben vorgestellten Naturlagerplätze sind ein gutes „Kompromissangebot“ insbesondere für Familien. Doch nicht jedem gefällt, dass dort überall ein Preisschild hängt und Begriffe wie „Buchung“ klingen für Puristen nicht gerade nach dem ersehnten Ausbruch aus dem durchregulierten Konsumalltag. Deshalb schauen wir zuletzt nochmal nach, ob es nicht auch legale Wildcamp-Möglichkeiten abseits von Infrastruktur, Regeln und Kosten gibt.

Und ja, es gibt sie, wenn auch noch versteckt und vereinzelt. Um sie zu finden, muss man „nur“ die großzügigen Grundeigentümer finden, die gern zeltenden Gästen etwas Platz überlassen. Erste engagierte Anläufe, Eigentümer und „Wildcamper“ zusammenzubringen, stecken gerade in den Kinderschuhen. Zwei Onlineplattformen sind es bislang, die sich der systematischen Erfassung und Zugänglichmachung von Übernachtungsplätzen verschrieben haben:

Jedermannsland.de – diese 2017 gegründete Plattform zeigt Naturlagerplätze nach Bundesländern geordnet auf einer eingebetteten Deutschlandkarte an. Anbieter können neue Plätze anlegen, Nachfrager können das bestehende Angebot durchforsten. Allerdings sind hier auch kommerzielle Angebote dabei. Man kann aber im Auswahlmenü festlegen, dass nur kostenlose Plätze angezeigt werden. Das Menü bietet weitere Möglichkeiten zur Verfeinerung der Suche.

Und:

1nitetent.com – diese 2018 gegründete Plattform „sammelt Plätze auf einer Landkarte. Hinter diesen stehen nette Menschen, die ihren Garten mit dir teilen.“ Besitzer eines schönen Fleckchens Erde können diesen eintragen und somit zugänglich machen. Also Couchsurfing, nur eben mit Zelt. Die auf dieser Plattform vermittelten Übernachtungen sind immer kostenlos.

Ultraleicht = unbequem, unsicher und unbrauchbar?!?

18. August 2020
Ausrüstung

Auf Touren bei denen ich mit einer besonders leichten (ggf. auch ultraleichten) Ausrüstung unterwegs bin, sieht mein Tagesablauf eigentlich immer so aus: Tagsüber hetze ich durch eine Landschaft und weil es mir dabei aber nur auf Geschwindigkeit und Streckemachen ankommt, könnte das auch ein Braunkohletagbau sein, da schaue ich ohnehin schon lange nicht mehr hin. Ich muss weiter, schnell schnell. Pausen gibt es kaum, warum denn auch, das brauche ich nicht und zu essen habe ich ohnehin nur einen mageren Müsliriegel dabei. Wasser, naja das findet sich schon irgendwie.

Ach ja Wasser, zum Glück regnet es nicht, denn meine dünne Jacke habe ich zwar dabei, aber die hält ja nichts ab und außerdem würde die ohnehin nur durch den Rucksack kaputt gehen, der kann ja übrigens auch nicht viel ab. Gelaufen wird jeden Tag bis zum Umkippen, denn auch abends im Lager erwartet mich nicht viel. Eine magere Mahlzeit und dann ab ins Bett. Was eine komplette Übertreibung ist. Mein Schlafsack ist so leicht gebaut, dass man damit wahrscheinlich auch noch in der Sauna frieren würde, warme Klamotten hab ich auch keine dabei und meine Matte ist kaum mehr als ein Stück Alufolie mit in etwa der selben Isolationsleistung.

Zum Glück windet es nicht, denn dann würde es mir auch noch meine Plane zerreißen, die hält ja auch nichts aus, da ist ein Gelber Sack ja reißfester. Nach einer mehr oder weniger durchwachten Nacht bin ich dann froh, wenn ich nicht komplett nass und durchgefroren bin und mich an den ersten Sonnenstrahlen wärmen kann. Und schon geht’s auch weiter, ohne Frühstück, im Stechschritt.

Dies sind die Vorurteile, die mir immer wieder begegnen, wenn ich davon erzähle, dass ich gerade bei langen Touren darauf achte, Gewicht bei der Ausrüstung zu sparen. Ich frage mich dann oft, ob eigentlich alle denken, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe und außerdem zur kontinuierlichen Selbstgeißelung neige. „Während der Tour muss man leiden!“, so ein Scheiß.

Wie viele andere Themenbereiche auch, ist die Welt der ultraleichten Ausrüstung mit zahlreichen Vorurteilen belegt. Damit möchte ich heute einmal aufräumen. Dies soll aber keine Lobeshymne oder eine Liebeserklärung an spartanische Ausrüstung sein, sondern vielmehr ein paar Blickpunkte zeigen, wie man trotz oder vielleicht auch gerade wegen einem abgespeckten Equipment Freude an der Tour haben kann. 

Ultraleicht bedeutet kein Komfort.

Ich bin kein Fakir, ich liege gerne bequem. Außerdem bin ich zumindest im Schlaf mittelmäßig verfroren. Ich bin verfressen und habe wenig Bestrebunge mich dauerhaft unnötig zu quälen. Warum tue ich mir das also an?

Ganz einfach: Es ist nicht so wie viele denken. Auf einer langen Tour ist man in der Regel den ganzen Tag unterwegs, selbstverständlich mit Pausen und brauchbarer Verpflegung. Dennoch ist jeder dazu gezwungen seine Ausrüstung dauerhaft mit sich herumzutragen. Je schwerer das Gepäck, desto lästiger wird es irgendwann. Mal Hand aufs Herz: Wer hat sich auf einer Mehrtagestour noch nie danach gesehnt, dass das Etappenziel endlich erreicht ist und der Rucksack final abgestellt werden kann? Leichteres Gepäck trägt sich einfach angenehmer

Mich bewahrt das geringere Gewicht von Rucksack und Inhalt so beispielsweise vor unangenehmen Rückenschmerzen während der Tour. Und das ist für mich mehr Komfort, als abends im Lager vielleicht auf einem Hocker zu sitzen und nicht auf dem Boden. Wie immer im Leben muss man sich daher entscheiden, was für einen selbst wichtig ist.

Auch muss in einem ultraleichten Schlafsack niemand zwangsläufig frieren, denn es gibt zum Glück wunderbar leichte und warme Schlafsäcke und auch bequeme Matten. Und klar gibt es immer noch leichtere Schlafsäcke mit einer noch geringeren Daunenfüllung. Die sind dann eben nicht so warm, aber es sagt ja niemand, dass man immer nur den absolut leichtesten Schlafsack (und dünnsten) kaufen darf. Wichtig ist es auch hier auf die persönlichen Bedürfnisse zu achten und wenn der Schlafsack dann ein paar Gramm mehr auf die Waage bringt, als sein „kälterer“ Kollege, naja, dann ist das eben so. 

Oder nehmen wir einmal das Beispiel Kleidung: Bei Jacken, Hosen und Co., gibt es immer wieder Dinge, die sind nice-to-have werden aber nicht von jedem genutzt. Ich kann beispielsweise Oberschenkeltaschen wenig abgewinnen. Ich verstehe schon, warum es Hosen mit großen Cargotaschen gibt, ich persönlich mag das aber nicht und nutze diese Taschen nur äußerst selten.

Logische Konsequenz: Hose ohne entsprechende Taschen kaufen, wieder ein paar Gramm sparen. Das macht freilich nicht viel aus, ist aber für mich ein geringerer Einschnitt in den Trekkingalltag als den Griff der Gabel abzusägen. Dieses Prinzip kommt beispielsweise auch bei Biwakzelten zum Tragen. Hier werden oft nämlich nicht nur leichtere Materialien verwendet es wird einfach auch alles weggelassen was man nicht zwingend braucht. Außerdem sind Ultraleichtzelte oft eher kompakt, große Familienzelte oder extrem sturmfeste Geodäten sucht man hier lange.

Auch kann man ganz gezielt Ausrüstungsgegenstände zu Hause lassen, die man persönlich nicht braucht. Das Zelt ist dabei immer wieder ein gerne diskutierter Punkt. Und in der Tat bin auch ich gerade im Sommer ein Verfechter von Plane und/oder Biwaksack. Aber mir macht das nichts aus, ich fühle mich dadurch nicht eingeschränkt und genau das ist der Punkt. Denn das mit dem Komfort ist Ansichtssache und jeder muss für sich selbst festlegen, was er wann in welcher Form benötigt.

Die Idee beim (Ultra-)Leichttrekking ist nämlich nicht sich möglichst effektiv zu quälen, sondern beim Laufen, Klettern oder Radfahren einen Komfortgewinn zu erzielen. Um das zu erreichen, wird ganz bewusst am Gewicht gespart. Dies kann hier und da zu Einschränkungen führen. Weiß man aber wie die persönlichen Bedürfnisse gelagert sind, kann man dieses Problem relativ gut umgehen.

Das leichte Zeug hält doch nichts aus.

Ja, nein, vielleicht. Zunächst einmal das Offensichtliche. Dünnere Stoffe wirken weniger robust als dickere. Dieser Eindruck ist aber nicht immer korrekt. Lasst uns hierzu mal einen kleinen Exkurs in die Welt der Kletterausrüstung machen. Beispiel Rundschlingen (Bandschlingen): Hier dominieren vornehmlich zwei Materialien, Polyamid und Dyneema (Polyethylen). Dyneema ist dabei das definitiv reißfestere Material. Dies zeigt sich alleine schon im Erscheinungsbild der jeweiligen Schlingen. Für vergleichbare Schlingen ergeben sich beispielsweise folgende Werte:

  • Polyamid: Gewicht 48 g, Breite 18 mm, Bruchlast 22 kN
  • Dyneema: Gewicht 20 g, Breite 10 mm, Bruchlast 22 kN

Die Dyneema-Schlinge ist nicht nur deutlich leichter, sie ist auch deutlich schmaler, ohne dass dabei aber bei der Bruchlast Abstriche gemacht werden müssen. Es zeigt sich also, dass der Leichtbau nicht zwangsläufig zulasten der Leistungsfähigkeit der Materialien gehen muss. Auch bei Ultraleichtzelten kommen gerne einmal Materialien wie Dyneema für die Außenhaut oder Carbon für das Gestänge zum Einsatz. Im Bereich der sicherheitsrelevanten Bergsportausrüstung werden darüber hinaus auch robuste Materialien wie Kevlar oder Aramid eingesetzt.

Man sollte dennoch gerade bei extrem dünnen Schlingen, Bandmaterial und Seilen ein Auge auf den Verschleiß haben. Denn dieser kann hier stärker ins Gewicht fallen, als bei massiver gebauter Ausrüstung. Die Sicherheitsforschung des DAV gibt daher die Empfehlung heraus, besonders schmale Schlingen bereits nach 3-5 Jahren auszusondern.

Oder schauen wir uns einmal das Beispiel Rucksäcke an. Große konventionelle Trekkingrucksäcke mit einem ausgefeilten Tragesystem sind nicht selten für eine Zuladung jenseits der 25 Kilogramm ausgelegt, bringen dafür aber auch bereits ein ordentliches Eigengewicht mit. Betrachtet man hingegen Modelle aus dem (Ultra-)Leichtbereich, sieht das anders aus. Richtig große Ultraleichtrucksäcke gibt es ohnehin eher selten, denn bei leichter Ausrüstung wird in der Regel nicht nur am Gewicht, sondern zusätzlich auch am Packmaß gespart. 

Warum aber Ultraleichtrucksäcke weniger belastbar sind als vergleichsweise schwere Trekkingrucksäcke zeigt das Tragesystem. Während massive Trekkingrucksäcke dafür vorgesehen sind eine große Menge an Equipment zu transportieren, ist dies ja wiederum überhaupt nicht die Aufgabe von Ultraleichtrucksäcken. Denn wer grundsätzlich weniger Last trägt, braucht logischerweise auch keinen Rucksack, der mit einer hohen Last gut klarkommt. Das Tragesystem kann daher einfacher und somit auch leichter ausfallen, ohne dass der Rucksack unangenehm oder unsicher am Rücken sitzt. 

Es kann also nicht pauschal gesagt werden, dass Ausrüstungsgegenstände aus dem Ultraleichtbereich grundsätzlich deutlich weniger abkönnen als konventionelles Equipment. In manchen Bereichen, wie beispielsweise bei Rucksäcken, trifft dieses Vorurteil in einem gewissen Maß zu, wirkt sich aber in der Realität kaum aus.

Aber sicher kann das doch nicht sein.

Früher habe ich mich bei schweren Touren immer mit „Suizidfreunde Mittelbaden“ im Gipfelbuch verewigt. Ein makabrer Spaß, den ich mir heute verkneife. Oder sollte ich vielleicht aufgrund der anfälligen Ausrüstung wieder damit anfangen? Schauen wir uns also einmal an, wie es bei ultraleichter Ausrüstung fürs Klettern, Hoch- und Skitouren mit der Sicherheit so steht. 

In Deutschland, wie auch in der restlichen EU gibt es strenge Prüf- und Zulassungskriterien für Bergsportausrüstung. Heißt: Was eine Prüfung nach Europäischer Norm (EN) nicht durchlaufen oder nicht bestanden hat, darf auch nicht verkauft werden. Für jede Produktgruppe gibt es eine eigene Norm mit speziellen Anforderungen. Nach bestandener Prüfung wird die Zulassung mit der Bezeichnung „conform european“ (CE-Zeichen) erteilt und dann erst darf das Produkt in den Handel gelangen. Dies gilt logischerweise auch für jegliche Kletterausrüstung und sicherheitsrelevanten Ausrüstungsgegenstände aus dem Ultraleichtbereich.

Nehmen wir nochmals das Beispiel Rundschlingen. Hierzu habe ich mir einmal eine Schlinge aus meinem persönlichen Equipment angeschaut. Diese besteht aus Dyneema, ist gerade einmal 8 mm breit, 11 g schwer und verfügt über eine Zugfestigkeit von 22 kN. Außerdem ist sie nach der EN 566 (Norm für Bergsteigerausrüstung, Schlingen) zertifiziert und trägt die Kennzeichnung CE 0123. Die Zahl nach dem CE-Zeichen gibt dabei die Prüfstelle an, die für die Sicherheitsprüfung verantwortlich war, in diesem Fall ist das der TÜV München.

Andere Schlingen und Ausrüstungsgegenstände tragen zusätzlich zum CE-zeichen sogar das UIAA-Zeichen. Hierbei handelt es sich um die freiwillige Norm der Bergsportverbände. Diese legt in der Regel nochmals strengere Kriterien als die EN an und gilt weltweit. Sie ist aber im Gegensatz zu der EN nicht verpflichtend, sodass nicht automatisch alle Produkte am Markt auch danach getestet sind. Dies gilt natürlich nicht nur für Schlingen, sondern auch für Gurte, Helme, Karabiner, Expresssets, Seile, Eisschrauben, Eispickel und und und.

Wie aber sieht es beispielsweise in Sachen Verletzungsrisiko durch (zu) leichtes Schuhwerk aus?

Keine Frage, wer draußen unterwegs ist, braucht gutes Schuhwerk. Dieses richtet sich immer nach Art und Länge der Tour sowie dem generellen Terrain. Gerade auch im Bereich der Wanderschuhe gibt es Modelle, die leichter oder eben massiver gebaut sind. Hier sollte ultraleicht hin oder her auf keinen Fall in erster Linie aufs Gewicht geschaut werden. Denn Schuhe müssen gut sitzen und vor allem für die Tour angemessen sein.

Aus Gründen der Gewichtsersparnis beispielsweise in Laufschuhen über einen Gletscher zu gehen, ergibt da aus meiner Sicht nur wenig Sinn. Aber: Gerade in gemäßigtem Gelände bringt auch hier wieder einmal die leichte Ausrüstung Vorteile mit. Denn wer ein geringeres Gewicht mit sich herumschleppt, belastet auch seine Gelenke, Bänder und Muskeln weniger. Die Füße und Sprunggelenke müssen aufgrund der geringeren Belastung nicht mehr notwendigerweise stark unterstützt werden und man kann je nach persönlichen Vorlieben und Bedürfnissen auch hier zu leichteren und vielleicht weniger massiven Wanderschuhen greifen.

Sicherheit kann aber noch was ganz anderes bedeuten: nämlich die Sicherheit, dass man sich auf das Equipment verlassen kann. Und damit sind wir eigentlich auch wieder bei den ersten beiden Aspekten meines Artikels. Hierzu nochmals das Beispiel Zelt oder Plane. Nichts, wirklich nichts ist auf einer Tour unangenehmer, als nachts im Zelt zu liegen und darauf zu warten, dass es aufgrund eines heftigen Regenschauers anfängt durch die Plane zu tropfen. Oder im anderen Fall darauf zu warten, dass das Tarp nachgibt. Diese Sorge ist aber zu weiten Teilen unberechtigt, denn auch leichte Zelte halten Regenschauern zuverlässig stand. Je nach Bauart können sie allerdings windempfindlicher sein als klassische Kuppel- oder Geodätzelte.

Schlussbemerkung

Es geht beim Thema ultraleichte Ausrüstung aus meiner Sicht nicht darum, wer noch weniger mitnimmt, sich am meisten abverlangt oder vielleicht krasser ist als irgendwer sonst. Es geht vielmehr darum wie ich es für mich persönlich schaffe eine Tour so angenehm wie möglich zu machen. Denn das ist doch letztlich die Hauptsache. Es ist nicht derjenige der Beste, der am meisten oder am wenigsten schleppt. Oder vielleicht schneller als alle anderen ist oder die krassere Tour macht. Es ist derjenige King, der dabei den meisten Spaß hat. Wer also eine (gewichts-)reduzierte Ausrüstung als auferlegte Bürde ansieht, für den ist das einfach nichts. Und das wiederum ist auch absolut in Ordnung. 

Wie seht ihr das eigentlich? Versucht ihr dauerhaft eure Ausrüstung in Sachen Gewicht weiter zu optimieren? Gehört ihr zu denen, die jedes Gramm einzeln jagen? Oder findet ihr es vielleicht sogar hochgradig bescheuert bei der Ausrüstung überhaupt aufs Gewicht zu achten, weil hart im Nehmen und so? Meine Meinung kennt ihr nun, schreibt doch mal einen Kommentar, wie ihr so denkt.

Getestet: Hanwag Ferrata II GTX Bergstiefel

12. August 2020
Kaufberatung

Der Markt für technische Bergstiefel ist überschwemmt mit Bergen (haha) von unterschiedlichen Modellen – könnt ihr uns glauben, ist ja schließlich unser Job! Wenn man sich auf die langwierige Suche nach einem geeigneten Modell für einen selbst begibt, ist dies vor allem die Suche nach der eigenen Motivation – Wie viel will ich wandern, wie viel klettern? Was, wenn man beides möchte, oder besser gesagt sich einen Weg am felsigen Abgrund entlang bahnen oder eine Klettersteig mit Kabelbrücken überqueren will? Wird man einen Gletscher queren? Auf rutschigen Felsplatten balancieren? Hanwag schickt in dieses Rennen den Ferrata II GTX.

DAS EINFÜHRUNG

Der aktualisierte Ferrata ist Hanwags neuster Beitrag im großen Markt der traditionellen Bergstiefel. Normalerweise bekannt für ihre klare Formen und klassischen Schnitte, fühlt sich die Welt des immer schnelleren und leichteren Alpinimus meilenweit entfernt an von Stiefel wie z.B. dem Tatra Top GTX mit seinem Voll-Leder-Schaft, dem steifen Knöchelbereich und dem traditionellen Leder-Design.

Der Ferrata kommt einem da hingegen vor wie der Hecht im Karpfenteich. Beste traditionelle Werte werden hier mit neuen Technologien zu einem roten Flitzer kombiniert. Klassisches Leder wird ohne Saum mit synthetischem Material zusammengefügt, wodurch ein schützender Oberschuh entsteht, ohne, dass man auf Atmungsaktivität verzichten muss. Der obere Schaft wird mit dem Rest des Schuhs durch eine Mikrofaserbrücke verbunden, was ihm erlaubt sich um den Knöchel herum zu biegen. Dies erlaubt einen einzigartigen Halt und Kontrolle auf rutschigem Untergrund und schwierigem Gelände. Die Zehenbox ist großflächig von Gummi geschützt, um es zu ermöglichen hier und da einen Riss, oder sogar eine leichte Einstiegsroute zu klettern ohne, dass der Schuh danach in Fetzen hängt.

DAS TECHNISCHE ZEUG

Die Liste der in diesem Stiefel verbauten Features liest sich mit feuchten Augen. Der Stiefel hat eine C-Wertung und ist bedingt Steigeisenfest durch die Lippe an der Ferse. Die Sohle kommt mit tiefen, weit auseinanderliegenden Stollen um einen guten Grip auf losen Steinen zu gewährleisten. Durch den vorderen, flachen Bereich können aber auch einige Klettermeter gemacht werden. Die Schnürung ist in zwei „Zonen“ aufgeteilt. Sobald man am Fuß die richtige Festigkeit erreicht hat, klippt man die Senkel einfach ein, und kann somit in Ruhe fertig Schnüren ohne, dass einem der untere Bereich wieder davon rutscht. Mit 1440g pro Paar (in Größe 42), positioniert sich der Stiefel klar für Sommertouren – im Winter wird es dann doch zu frisch um die Zehen.

DER TEST-ORT

Ah, die Alpen… schroffes Gelände, riesige Steinmassive, herrliche Routen, die das Auge des Betrachters in die Ferne… ah, Mist! Nachdem die Berge uns mit zu viel Wasser (von oben) den Aufenthalt vermiesen wollten, haben wir es den Zugvögeln gleichgetan und uns mal die herrlichen Mehrseillängen in mediterran gemäßigteren Gebieten angeschaut.Im Umkehrschluss heißt dies auch leider, dass wir bisher nicht dazu kamen die Stiefel im schneegeküssten Gelände mit Steigeisen zu testen, weshalb sich diese Bewertung mehr auf die wander- und kletterischen Fähigkeiten bezieht.

Zuerst aber eine allgemeine Ansage über Sardinien: Man, muss man da laufen! Obwohl eigentlich zum Klettern da, brachten wir es in den zwei Wochen Aufenthalt auf über 30 Stunden wandern um von und zu den Routen zu kommen. Das perfekte Testgelände für den Ferrata II war die legendäre Gorropu-Schlucht mit ihren technischen Boulderfeldern über, und manchmal auch unter, die man Kraxeln muss um zum Einstieg der verborgenen 500m hohen Wände zu kommen.

 BEEINDRUCKENDES

Kletterfähigkeit: Als großes Plus – im Gegensatz zu vielen Konkurrenten – kann der Ferrate mit einer großen, seitwärts weiter geführten, Kletterfläche an der Spitze aufwarten. Das klingt vielleicht erstmal nach nicht viel, aber die Fußspitze auf einem kleinen Tritt drehen zu können, ohne sofort abzurutschen macht den notwendigen Unterschied bei einfachen Klettereien aus.

Der beste Stiefel ist der, den man für einige Seillängen anbehalten kann, bevor man in die technischeren (aber weniger bequemen) Kletterschuhe schlüpft. Überraschend für so einen steifen Stiefel ist auch, dass der Ferrata einen guten Gripp auf stark abgerundeten Flächen behält, etwas, was wir nach Herzenslust an den glatt geschliffenen Steinen am Bachbett testen durften.

Höchster Komfort: Diese Stiefel wanderten aus dem Karton, auf den Trail und blickten nie zurück. Während man doch erwartet, dass jetzt erst einmal der lange Prozess des Einlaufens beginnt, zeigten sich die Ferratas vom ersten Tag an von ihrer gemütlichsten Seite. Obwohl die Steifheit der Bergstiefel nicht fehlt, waren sie auch noch nach Kilometerlängen Wegen mit einem schweren Kletterrucksack sehr bequem.

Haltbarkeit: Auf diesem Gebiet haben sich die Entwickler wirklich etwas gedacht, um dem Stiefel ein möglichst langes Leben zu bieten. Die wenigen Nähte auf dem Oberschuh bieten so wenig wie möglich Angriffsfläche und das Gummi an der Spitze und den Seiten schützt das Material vor gar zu spitzen Steinen.

WO’S HACKELT

Nicht schwer, aber auch kein Leichtgewicht: Auch wenn man sich alle Mühe gegeben hat das Gewicht des Schuhs so einzigartig wie möglich für seine Klasse zu machen, hat der Ferrata II immer noch eine Schokotafel zu viel auf den Rippen.

Im Direktvergleich mit den nächstliegenden Konkurrenten, wie z.B. dem federleichten Scarpa Ribelle Tech (1240g) erscheint der Ferrata doch eher wie ein kleiner Brummer, vor allem wenn man bedenkt, dass er für größere Füße auch mehr Gewicht mitbringt.

Packmaß: Seien wir ehrlich: An einem bestimmten Punkt werdet ihr den Stiefel in einen Rucksack packen wollen, spätestens dann, wenn die Klettergrade in die Höhe wandern. Genau dann seid ihr an dem Punkt angekommen, wo euch das Packmaß vermutlich ärgern wird.

Der faltbare Schaft erlaubt zwar etwas mehr Spielraum als ein normaler Stiefel, ist aber keine Konkurrenz zu einen luftig leichten Zustiegsschuh – diese können inzwischen, flexiblen Steigeisen wie dem Petzl Leopard sei Dank, auch als Konkurrenz an Routen mit kurzen Schneequerungen angesehen werden.

TAUGT‘S WAS?

Abgesehen von den kleinen, mäkeligen Punkten des höheren Gewichts und des kniffeliges Packmaßes tut der Ferrata II GTX genau das, was er soll. Reinschlüpfen und ewig lange Zustiege bezwingen, technische Kraxeleien, einfaches Felsklettern – alles möglich. Steigeisen an und der Gletscher gehört euch, auf geht’s über die Schneefelder, durch die Bäche und (wir vermuten) sogar über mit den Vorderzacken über kleinere Eishügel. Wenn ihr einen (ziemlich) leichten Stiefel sucht, den man am Berg ohne Rücksicht auf Verluste einsetzen kann, dann sollte der Ferrata II auf jeden Fall auf der Liste stehen.

Ein Schirm beim Wandern – Modesünde oder echte Hilfe?

4. August 2020
Ausrüstung

Ein Sonnenschirm für unterwegs? Na, ich weiß nicht, das passt doch eher zu Picknick und Sommerfrische im 19. Jahrhundert als zu Bergtouren im 21. Jahrhundert. Anno dazumal passte es allerdings umso besser, denn es war auch am Berg durchaus üblich, ausgefallene Accessoires mitzuführen. Während der Herr in Frack und Gehrock noch relativ schlicht den Hang erklomm, balancierte die Dame nicht selten im gestützten Reifrock durchs Geröll.

Den Sonnenschirm und den ebenso unverzichtbaren Fächer trugen die mit etwas Glück vorhandenen Bediensteten. Nicht fehlen durfte auch die lange Alpenstange, die man heute eher zu Dekorationszwecken als zur Fortbewegung in Eis und Fels nehmen würde. Alles in allem: der Coolnessfaktor eines Sonnenschirms beim Wandern ist nicht berauschend. Doch wie sieht es mit der praktischen Relevanz aus? Kann der Sonnenschirm da punkten? 

Der Sonnenschirm im Praxistest

Da ich selbst leider keine Sonnenschirm-Outdoorerfahrung vorweisen kann, muss ich mich auf die Expertise der UserInnen des USA-Reiseforums verlassen. Die sind gern auch im Südwesten des Landes unterwegs, wo die Sonne bekanntlich brutal brutzeln kann. Hier einige Statements zum Sonnenschirm im Wilden Westen:

Seitdem mir im vorigen August der (leichte) Sommerhut ständig weg wehte und der neu gekaufte Stetson (mit Kordel) aufgrund meiner sehr dicken, langen Haare so richtig für Schweißbäche sorgte, bin ich zum Zabriskie Point mit Schirm marschiert – und was soll ich sagen? Das war einfach super!

Dieser berühmte und im Sommer unglaublich heiße Aussichtspunkt im Death Valley ist eine eher kurze Exkursion. Doch die Lösung für längere Wanderungen ist ebenfalls nicht schwer, wie eine andere Userin feststellt: „Schaun mer mal, ob’s nicht zu lästig wird – sonst wandert er eben in den Rucksack.“

Die besser sitzende Frisur und die allgemeine Kopffreiheit ohne enge Mützen und Kapuzen sind auf jeden Fall schonmal erste Pluspunkte für den Sonnenschirm. Wobei die Annehmlichkeit des freien Kopfes, der nicht durch zugezogene Jacken und Kapuzen in den Schwitzkasten genommen wird, für jede Art von Schirm gilt. Auch das unbeeinträchtigt freie Blickfeld ist ein netter Vorteil.

Viel Kritik, aber auch einen, nun ja, praktischen Verwendungszweck hat eine dritte Userin des Forums parat:

Abgesehen davon stelle ich mir einen Schirm bei Wind noch viel ekliger vor. Und bei uns hat es im April im Südwesten, auch zur Wave rauf, ständig mehr oder weniger stark gewindet. Und wenn ich mal strauchle, habe ich gern die Hände frei, um mich aufzufangen/abzustützen. Aber OK, mit dem Schirm hätten wir uns gegen die Klapperschlange verteidigen können  :lol:

Als „winddicht“ kann man den Sonnenschirm also nicht gerade bezeichnen. Schützt er denn wenigstens tatsächlich vor UV-Strahlung? Leider nur bedingt, es kommt hier wie bei der Bekleidung auf die Dichte des Gewebes an. Unter handelsüblichen Sonnenschirmen sind  empfindliche Hauttypen nur dürftig vor Sonnenbrand geschützt.

Weitere Kritikpunkte sind die fehlende Handfreiheit und das Zusatzgewicht:

Bei längeren Wanderungen über verschiedene Untergründe würde ich es eher lästig finden ständig etwas in der Hand zu haben. Ab und an braucht da schon mal ne Hand um sich abzustützen und im Rucksack bin ich froh wenn ich so wenig Balast wie möglich mit mit mir rumschleppe.

Fassen wir zusammen: der praktische Nutzen des Sonnenschirms ist eher strittig und auch bei der Haltungsnote, sprich Coolness und Vorzeigbarkeit, gibt es empfindliche Abzüge. Alles in allem scheint er eher für Nostalgiker mit Romantik-Einschlag als für Outdoorer und Bergsportler interessant.

Der Schirm an sich

Doch wie sieht es mit dem Schirm an sich unterwegs aus – also dem ganz normalen Regenschirm? Kann man den nicht auch so nebenbei als Sonnenschutz benutzen? Ja, kann man, denn es gibt UV-resistente Regenschirme. Das ist der herkömmliche Regenschirm natürlich nicht, abgesehen davon, dass er so schwer und unhandlich ist, dass ihn wohl kaum jemand freiwillig in den Rucksack packt. Deshalb wurden die Wander(regen)schirme bzw. Trekking(regen)schirme erfunden.

Trekkingschirme

Trekkingschirme sind kompakter und robuster konstruiert als Alltagsschirme. Doch auch bei diesen vielseitigen Sonnen- und Regenschirmen bleibt die Frage nach dem Mehrwert im Vergleich zum Standardwetterschutz durch die (Funktions)kleidung. Die Autorin des Blogs Etappen-wandern.de hat hierzu ein paar Erfahrungen gesammelt und interessante Überlegungen parat:

Meine gute, aber mit etwa 150 € nur mittelpreisige Regenjacke macht jedoch irgendwann, so nach vier Stunden Dauerregen, schlapp. Wenn man mitten in der Pampa unterwegs ist, gibt es für gewöhnlich kein Dach unter dem man sich mal unterstellen kann und nach sechs Stunden Regen etwas essen oder sich etwas Trockenes anziehen kann. Auf Mallorca sind wir daher immer durchmarschiert, klitschnass, ohne Pause und ohne etwas zu essen. Ein Regenschirm hätte uns da sehr geholfen. Gerade, wenn er groß ist und sich in den Baum hängen lässt.

Hier könnte man einwenden, dass sie sich halt mal ne gescheite Hardshelljacke kaufen soll. Doch selbst wenn das Kleingeld dafür übrig ist, bleibt ein Problem laut Autorin „immer gleich: Denn egal wie atmungsaktiv das gute Stück auch sein soll, Dichtigkeit und Atmungsaktivität schließen sich für mich nach logischem Menschenverstand einfach aus. Überhaupt kann es nur bei einem deutlichen Temperaturgefälle ein bisschen funktionieren. Am Ende bleibt, dass man – vor allem bei sommerlichen Temperaturen oder bei einem Aufstieg – unter einer Regenjacke einfach schwitzt. Und dann ist man trotzdem nass, auch wenn die Regenjacke das Wasser von außen abhält.

Da ist was dran, auch wenn sich Dichtigkeit und Atmungsaktivität durchaus nicht ausschließen und auch gewiss nicht alle Hardshelljacken ein derart schwaches Bild abgeben. Was dran ist auch an folgendem Komfortargument:

Während sich zwei andere Mitwanderer in ihre Regenjacken zwängten, spannte ich – sogar ein bisschen freudig – meinen Regenschirm auf. Und wirklich! Ich blieb trocken, kam überhaupt nicht ins Schwitzen und war heilfroh nicht in meine Regenjacke zu müssen. Ein Regencape oder Regenponcho kommt für mich übrigens ebenfalls nicht in Frage. Wenn man beim Bergwandern doch mal die Hände braucht, sind die mir einfach zu gefährlich. Zudem versperren sie bei Wind auch noch die Sicht auf den Untergrund.

Hände frei? Und was ist bei Wind?

Das Problem mit den Händen taucht doch bei Schirmen ebenfalls auf“, könnte hier der nächste Einwand lauten. Ja und nein, bei handelsüblichen Schirmen ist tatsächlich immer eine Hand belegt. Doch unter den Wander/Trekkingschirmen gibt es auch eine Handsfree-Variante. Zumindest bei den ausgewiesenen Spezialisten von Euroschirm, die wander- und bergtaugliche Regenschirme produzieren, von denen viele mit einem Handsfree-Befestigunsclip für den Rucksack geliefert werden. Diese Schirme schützen nebenbei auch zuverlässig vor UV-Strahlung.

Trekkingschirme haben im Unterschied zu herkömmlichen Regenschirmen ein flexibleres und bruchfestes Gestell, meist aus Glasfasern, sowie einen stabileren Schaft. Werden diese Schirme von starken Windböen erfasst, lassen sie sich einfach wieder zurückklappen, ohne beschädigt zu werden. Hochwertige Modelle schaffen all das bei einem Gesamtgewicht von nur 200 bis 400 Gramm. Auch Details wie Schieber, die mit Handschuhen bedient werden können oder Griffe mit starker Reibung machen den Unterschied zwischen Trekking- und Alltagsschirmen.

Und selbst wenn man den Schirm die ganze Zeit tragen muss – ist das wirklich ein so großes Problem? Denn abgesehen davon, dass es nicht immer stundenlang regnet, ist das Gewicht eines Trekkingschirms durchaus auch mal länger „stemmbar“. Und falls es doch ermüdend wird, kann man immer noch die Hand wechseln.

Und da wir jetzt den Regenschirm liebgewonnen haben, können wir ihn auch gleich als Sonnenschirm benutzen. Dafür gibt es zum Schluss nochmal ein paar richtig gute Argumente aus dem USA-Forum:

Das klingt zuerst vielleicht komisch, aber so ein Regenschirm hat unter heißer Sonne so viele Vorteile wie im Regen. Im Sommer wandern, das bedeutet oftmals stundenlang einer sengenden Sonne ausgesetzt zu sein. Das (…) hat vor allem Konsequenzen bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit, denn die ist auf jeden Fall eingeschränkt. Für den Wanderer ebenfalls negativ, der Wasserverbrauch. Das muss man mitschleppen und man hat nie genug davon. (…)

Der Regenschirm schützt zuverlässig vor dem Aufheizen des eigenen Körpers durch die Sonne. Ein beachtlicher Vorteil und der Grund, warum z.B. erfahrene Langstreckenwanderer in Nordamerika einen Schirm mittlerweile für unverzichtbar erachten. Er schützt, erhöht die Leistungsfähigkeit und spart Wasser. Favorisiert werden Regenschirme mit einer silbernen Beschichtung. (…) Man will ja jeden Vorteil nutzen, oder?

Slackline für Einsteiger – so gelingt der Balanceakt

22. Juli 2020
Tipps und Tricks

„Ihr naht euch wieder wankenden Gestalten“, warum mir gerade jetzt Goethes Faust in den Sinn kommt während ich hier im Park sitze und meinen Freunden beim Slacklinegehen zuschaue, kann ich nicht sagen. Irgendwie komme ich mir ein wenig wie früher beim Sportunterricht vor. Turnen. Nicht meins. Schwebebalken. Katastrophe. Und während ich innerlich mit meiner Befindlichkeit schon eher bei „Heinrich! Mir graut‘s vor dir“ angekommen bin: „Lisa du bist dran.“ Mein Hinweis, dass ich ein generelles Gleichgewicht wie ein Besoffener habe, ist wohl irgendwo kenntnislos verraucht. Nun also doch. Das erste Mal Slackline. Aber wie? Fangen wir an:

Akt 1: Vorbereitung

Zum Slacklinegehen braucht es nur wenig Equipment. Auch spezielle Slacklines für Anfänger gibt es eigentlich nicht. Es macht aber durchaus Sinn, bei der Auswahl der Line auf die Breite zu schauen, 3-5 cm sind für den Einstieg ideal. Außerdem braucht ihr noch entsprechendes Befestigungsmaterial. Wer eine solide Erstausrüstung sucht, greift daher am einfachsten auf ein gut ausgestattetes Komplettset zurück. 

Spannt man eine Slackline für Anfänger sollte man ein paar Dinge beachten: Idealerweise findet man hierzu zwei Bäume als Fixpunkte, die etwa 5 Meter von einander entfernt stehen. Der Untergrund sollte möglichst eben sein, ideal eignet sich eine Rasenfläche. Keinesfalls sollte man die Zugkraft, die durch eine Slackline entsteht unterschätzen, es braucht daher ausreichend starke Bäume. Alles was frisch gepflanzt oder besonders jung aussieht, taugt nicht. Es gibt darüber hinaus auch zahlreiche Möglichkeiten eine Slackline ohne Bäume aufzuspannen, das haben wir aber in einem eigenen Blogbeitrag für euch festgehalten.

Hat man die geeignete Location gefunden, spannt man die Slackline ca. 50 cm über dem Boden. Diese Höhe ist absolut ausreichend um nicht bis auf den Boden durchzuhängen, gleichzeitig ist sie aber auch nieder genug um die Verletzungsgefahr bei einem unkontrollierten Absprung gering zu halten.

Immer wieder taucht darüber hinaus die Frage auf, ob man nun lieber barfuß oder mit Schuhen auf die Slackline geht. Und wenn schon mit Schuhen, mit welchen? Fragt man fünf Personen bekommt man mindestens sieben Meinungen. Mein Kollege Sebastian hat daher einmal ein paar weiterführende Gedanken angestellt: Welche Schuhe für die Slackline?

Akt 2: Aufsteigen

Ist die Slackline fachgerecht installiert, kann es auch schon losgehen. Das erste Ziel ist es, den sicheren Stand auf der Slackleine zu erlernen. Hierzu übt man idealerweise mit einem Partner, der bei Bedarf beim Stützen und Stabilisieren hilft. Das ‚Aufsteigen‘ auf die Line ist gerade am Anfang nicht ganz einfach. Jeder Mensch hat aber eine ‚Schokoladenseite‘ mit der es ein wenig besser geht. Bei mir ist es das rechte Bein. Um auf die Slackline zu kommen startet man in einem der äußeren Drittel der Line. Hier schwingt sie nämlich deutlich weniger, als in der Mitte. Gerade Anfänger werden das auch bei kurzen Lines wahrnehmen. Ein Fuß wird zum Start längs auf die Line gestellt, also so, dass er von den Zehen bis zur Ferse Kontakt mit dem Band hat. Gerade am Anfang kann es schon bei diesem Schritt dazu kommen, dass die Slackline stark zu schwingen beginnt, ohne dass sie eine wirkliche Belastung erfährt. Hier hilft nur mit Schwung schnell aufstehen und das Bein auf der Line durchdrücken. Eine aufrechte Haltung einnehmen.

Akt 3 Körperhaltung

Am Anfang ist das Stehen auf der Slackline schwierig. Einfacher ist es da schon, wenn man mit der Hilfestellung eines Partners versucht eine gute Körperhaltung einzunehmen. Denn das ist der wichtigste Baustein zu einem sicheren Stand auf der Slackline. 

  • Standbein: Wie bereits erwähnt, steht der Fuß längs auf der Slackline. Das Bein ist im Knie leicht gebeugt und ermöglicht so das präzise Ausgleichen der Schwingungen. Ein bisschen ähnlich wie beim Skifahren oder vergleichbaren Sportarten.
  • Freies Bein: Das freie Bein wird zum Ausbalancieren verwendet. Es hängt also locker nach unten oder wird gezielt zum Ausgleichen eingesetzt.
  • Oberkörper: Der Oberköper bringt im Vergleich zu den anderen Körperteilen die größte Masse mit. Deshalb ist es wichtig, hier relativ stabil zu bleiben. Also aufrecht halten und nur langsam und sporadisch bewegen. Wer versucht durch übermäßiges Bewegen des Oberkörpers Ungleichgewicht auszugleichen, erreicht oft genau das Gegenteil.
  • Arme: Die Aufgabe der Arme ist es das Gleichgewicht zu wahren. Eine gute Armstellung sieht in etwa so aus: Die Oberarme werden an der Schulter waagrecht vom Körper abgestellt, die Unterarme zeigen mehr oder weniger senkrecht nach oben. Diese Position darf aber keineswegs als starr angesehen werden, sondern vielmehr als Ausgangsposition. Bewegt man die (Unter-)Arme zielgerichtet in die jeweils notwendige Richtung, kann man vergleichsweise leicht das Gleichgewicht halten.
  • Kopf: Der Kopf stellt die Verlängerung des Oberkörpers dar. Auch hier ist eine aufrechte Haltung angesagt. Der Blick zeigt nach vorne, am besten auf einen Fixpunkt, der sich nicht bewegt. Keinesfalls sollte man auf die Slackline selbst schauen, da sich diese permanent bewegt, was das Balancehalten erheblich erschwert.

Akt 4 Stehen

Wie auch im richtigen Leben, ist das Stehen die Grundlage für das spätere Gehen. Auf eine Slackline bezogen heißt das Einbeinstand üben. Also immer wieder den Versuch starten die oben beschriebene Körperhaltung einzunehmen und sich selbst für etwa 5-10 Sekunden auf einem Bein stehend auf der Line zu halten. Dies muss zwangsläufig mit beiden Beinen geübt werden, da nur so eine gute Basis für das Gehen und spätere Tricks geschaffen wird. Gerade auch das Trainieren der „schwächeren“ Seite ist dabei äußerst wichtig, wenngleich das anfangs nicht leicht fällt. 

Akt 5 Gehen

Striktes Prinzip: nicht auf die Slackline schauen. Nie nach unten blicken, am besten einen Fixpunkt in mittelbarer Umgebung fest im Blick haben. Stichwort peripheres Sehen. Langsame Bewegungen sind hier außerdem das Gebot der Stunde, schon alleine um unnötiges Aufschwingen zu vermeiden. Die Fußspitze des freien Fußes ertastet sich langsam die richtige Position auf der Slackline. Der Fuß setzt dann vollflächig auf das Band auf, das Gewicht wird nach vorne verlagert, und das hintere Bein zügig angehoben, sodass zuletzt wieder nur ein Bein die Slackline belastet. 

Sobald man auf diese Art das Bein gewechselt, also den ersten Schritt gemacht hat, ist es wichtig, den Köper wieder so gut es geht ins Gleichgewicht zu bringen. Je nach Situation kann auch ein zügiges Weitergehen die Situation retten. Nie, aber wirklich nie, hilft es auch nur irgendwie wild und auf gut Glück über die Line zu rennen. So kommt man in der Regel zwar einige Schritte weit, das hat aber letztendlich nichts mit dem ‚richtigen‘ Slacklinegehen zu tun.

Akt 6 Drehungen und Tricks

Hat man es geschafft sich halbwegs sicher über die Line zu bewegen, kommt man irgendwann an deren Ende an. Einer der ersten ‚Tricks‘ ist daher eine Drehung auf der Line, die es ermöglicht einfach wieder zurückzugehen. Danach kommen weitere Moves, die irgendwann aus reinem Gehen schon fast eine Choreografie machen. 

Epilog

Mein Erstkontakt mit der Slackline liegt inzwischen schon ein paar Jahre zurück. Noch immer bin ich kein Gleichgewichtsgenie und werde auch nie zur ‚Primaballerina‘ werden. Dennoch ist das Slacklinegehen für mich allemal ein toller Freizeitspaß und ich habe den Eindruck, dass es sich positiv auf meine Trittsicherheit auswirkt. Wenn also auch ihr überlegt, ob ihr euch auf die Slackline wagen sollt, macht das auf jeden Fall. Schnappt euch dazu noch ein paar Freunde, ein Picknick und ab raus in den Park! Es lohnt sich.

Was ist bei einem Sturz auf die Schulter in den Bergen zu tun? (Teil 2)

19. August 2020
Die Bergfreunde

Leichtere Verletzungen lassen sich gut selbst oder mit Hilfe anderer Personen versorgen. Wichtig ist in Ruhe zu schauen und zu klären, was passiert ist.
Ist die Bewegung stark eingeschränkt? Wo sind die Schmerzen? Sind Fehlstellungen zu sehen? Schwellt der Arm oder die Schulter rasch an? Wie fühlen sich die Finger an? Gibt es Taubheitsgefühle?

Wenn ihr Taubheitsgefühle, eine verschobene oder offene und stark blutende Wunde habt, solltet ihr schnellstmöglich die Bergwacht informieren. Weit weg vom Handynetz und Hilfemöglichkeit können Luxationen auch selbst eingerenkt werden, sofern ihr es schon einmal gemacht habt. Bei leichteren Verletzungen ist es ähnlich wie bei Verletzungen der unteren Extremitäten: 

 

Die Schulter ist zu schonen. Der Oberkörper sollte hochgelagert werden. Offene Wunden sind bei groben Verunreinigungen mit Wasser auszuspülen und möglichst abzudecken. 

In den Bergen auf die Schulter oder den Arm stürzen, hat genau einen Vorteil. Je nach Verletzung lässt es sich immer noch zur nächsten Berghütte oder Nothilfe laufen. 

Einen Hinweis auf schwere Verletzungen gibt das starke und schnelle Anschwellen des verletzten Körperteils. Das ist ein Zeichen dafür, dass eine starke Blutung eingetreten ist. „Nur“ Prellungen schwellen in der Regel nicht innerhalb von Minuten an. Leichtere Verletzungen können und sollten im Tal versorgt werden. Je nach körperlicher Verfassung ist es ratsam nach Verletzungen und Stürzen abzusteigen und die Tour nicht fortzusetzen. Bei allem Stress, Schmerz und Schock ist es notwendig zu schauen, ob wirklich die Rettungsmittel der Bergwacht beizuholen sind.

Durch einen direkten Aufprall auf die Schulter können neben Schulterluxationen und Schlüsselbeinfrakturen auch unsere Schultereckgelenke verletzt werden. Je nach Schwere sprechen Ärztinnen und Ärzte von Schultereckgelenkssprengungen. Das Schultereckgelenk liegt an der oberen Außenseite unsere Schulter. Dort wird das Schlüsselbein mit dem Pfannendach „verbunden“.

 

Das Eckgelenk ist beim Heben des Arms überkopf beteiligt. Beim Klettern unterstützt es die Überkopfbewegungen maßgeblich.

Die Verletzungen am Schultereckgelenk seien es Frakturen oder Verschiebungen bringen häufig auch Verletzungen der stabilisierenden Bänder mit sich. 

Diese werden in verschiedene Schweregrade klassifiziert (Rockwood 1-6). Etwas laienhaft zusammengefasst werden Verletzungen der Bänder konservativ behandelt, wenn sie nur überdehnt oder teilweise gerissen sind. Stärkere Verletzungen, die auch von außen zu ertasten sind, werden operiert. Auch wird hier wieder nach eurer Aktivität, Sportlichkeit und eurem Alter entschieden, welche operativen Maßnahmen notwendig sind.

Symptome bei einer Schultereckgelenksverletzung sind eine stark eingeschränkte Beweglichkeit der Schulter, Blutergüsse, Schwellungen und starke Schmerzen. Eventuell lässt sich eine Vorwölbung des Schlüsselbeins am äußeren Ende erkennen.

Auch bei einem Aufprall auf die Schulter könnt ihr euch die Schulterpfanne brechen: 

„Knöcherne Verletzungen an der Gelenkspfanne werden häufig operiert. Je größer ein Knochenfragment ist, desto ausgeprägter ist meist auch die Gelenkinstabilität. Die Stabilität wieder herzustellen ist dann das Ziel der operativen Therapie.“ Dr. med Andreas Thannheimer, Klinikum-Garmisch-Partenkirchen

Natürlich können je nach Energie, die auf euren Schulterbereich einwirkt und je nach Höhe des Sturzes Kombinationen von Brüchen, geschädigten Bändern und Luxationen entstehen.

Bei Brüchen am Oberarm wird wieder je nach Alter der Person bei der Behandlung unterschieden.

„Brüche am Oberarm und Oberarmkopf werden bei jüngeren Verletzten in der Regel operiert. Wir versuchen eine möglichst anatomische Wiederherstellung, sodass die Person wieder eine hohe Funktionalität erlangen kann und das Risiko einer Arthrose Entwicklung gering bleibt. Bei älteren Patientinnen und Patienten können Verschiebungen besser toleriert werden und führen im Langzeitverlauf nach konservativer wie operativer Therapie oft zum gleichen Ergebnis.“ Dr.med. Andreas Thannheimer, Klinikum Garmisch-Partenkirchen

Das Ausheilen von Schulterverletzungen kann je nach Schwere stark variieren. Handeln und ein Krankenhaus aufsuchen, solltet ihr bei:

  • Offenen Wunden
  • Verschiebungen der Knochen
  • Funktionsverlust der Schulter
  • Gefühlsverlust – Sensibilitätsstörungen
  • Taubheit in/um die Schulterregion
  • Kälterwerden der Hand oder der Finger
  • Starken Schmerzen

Auch können erst nach einiger Zeit die lokalen Schmerzen unerträglich werden, wenn sie durch andere körperliche Reaktionen zunächst überdeckt worden sind. 

 

Zum Ende dieser zweiteiligen Schulterexpedition noch ein Merksatz:

Junge Personen bis 30 Jahre verletzen sich meist knöchern, da die Gelenke noch wenig vernarbt sind. Ältere Personen hingegen schädigen und reißen sich meistens die Sehnen, da die Gelenke und Gelenkstrukturen schon vernarbter und damit „stabiler“ sind.

Bei so viel Verletzlichkeit unserer Schulter ist es umso wichtiger, dass wir die Schulterregion gut trainieren, flexibel halten und nicht überstrapazieren. Nur so ist sie zwar fragil und aber auch stark zugleich.

Urbanisierung im Bergsport

21. Juli 2020
Die Bergfreunde

In Sachen Kleidung und Mode ist „Urban Outdoor“ längst kein Trend mehr, sondern eine langjährig etablierte Sparte. Etwas anders sieht es beim tatsächlich ausgeübten „urbanen Bergsport“ aus. Dieses Phänomen macht sich erst seit wenigen Jahren bemerkbar, drängt dafür aber nun mit Macht in den Vordergrund. Neben Klettern und Bouldern in den immer zahlreicheren Hallen umfasst der urbane Bergsport alles, was findige Marketingwortschöpfer unter „Vertical Fitness“ zusammenfassen. Hierbei werden weitere Trendsportarten wie Crossfit und Parcours als Zusatzelemente in den Bergsport eingebaut – teils ganz konkret in Form von Zusatzanlagen in Kletter- und Boulderhallen.

Diese Entwicklung ist natürlich auch beim wichtigsten Bergsportverband, dem Deutschen Alpenverein angekommen. Der DAV ist laut eigener Aussage „offen für die Urbanisierung des Bergsports und fördert sie.

Urban, Bergsport, Outdoor: unscharfe Begriffe

Legt man jedoch die Wikipedia-Definition des Begriffs „Bergsport“ zugrunde, gibt es da eigentlich nichts zu fördern, denn eine „Urbanisierung des Bergsports“ kann es ihr zufolge nicht geben. Der Begriff Bergsport umfasst nämlich „mehrere, im Gebirge ausgeübte Sportarten.“ Und im Gebirge gibt es schließlich keine Städte und keine Urbanität. Naja, fast keine, Innsbruck oder Bozen liegen schon irgendwie im Gebirge. Aber nach dieser Lagedefinition wäre wiederum alles, was dort an Sport stattfindet, automatisch Bergsport. Also nicht nur die Turnerei an den bunten Synthetikgriffen der Kletterhalle, sondern auch die Kickerei auf dem Bolzplatz nebenan …

Doch damit genug der nicht ganz ernst gemeinten Sprachspitzfindigkeiten. Sie sollten auch nur zeigen, dass weder der Bergsport noch die Urbanität begrifflich scharf abzugrenzen sind. Wir haben es hier mit Begriffen zu tun, aus denen man sich die Bedeutung fast schon nach Gusto rauspicken kann. Ich mache das mal beispielhaft:

Urbaner Bergsport umfasst Sportarten, die mit Bergen in Bezug stehen. Und, seien wir mal großzügig, mit Felsen und schönen Landschaften. Zum „urbanen Bergsport“ zählt damit alles, was dem Training und dem Erhalt der Berg-und-Fels-Fitness dient. Und von mir aus auch alles, bei dem man sehnsüchtig an die nächsten Bergeroberungen denkt.“

Und noch mehr Durcheinander: während sich „Bergsport“ normalerweise problemlos vom weiter gefassten Begriff „Outdoor“ (der auch Aktivitäten auf dem platten Land und dem Meer umfasst) abgrenzen lässt, verschmelzen in der urbanen Sphäre auch diese Beiden. Man kann im Grunde also den urbanen Bergsport so weit dehnen, dass noch die Yogasession im hippen Berliner Studio dazu zählt. Denn wenn sie der Beweglichkeit für diesen einen krassen Spreizmove in der geplanten Elbsandstein-Tradroute dient – warum nicht?

Urbane Bergsportarten

Mit dieser breiten Definition hat man eine Menge urbaner, alter und neuer, Trend und Nicht-Trend-Sportarten unter dem Label „urbaner Bergsport“ vereint. Man hat damit auch nicht nur einen Trend, sondern einen Megatrend, denn die Zahl der so definierten urbanen Bergsportler dürfte in die Millionen gehen. Man bemerkt das auch in den „echten Bergen“, denn der Zulauf wächst dort beständig. Immer mehr Menschen wollen ihre in der Stadt trainierten Kräfte und Fähigkeiten im Bergurlaub austesten und ausleben. Sie profitieren dabei von den immer vielfältigeren Sport- und  Trainingsmöglichkeiten. Welche das sind, schauen wir uns im Folgenden mal genauer an.

Kletterhallen

„Urbaner Bergsport“ Nummer 1 ist ohne Zweifel das Hallenklettern. Auch mit Eintrittspreisen von um die 10 Euro sind die meisten der etwa 500 deutschen Klettertempel (mit mehr als 100 Quadratmetern Kletterfläche) meist gut gefüllt. Zu den großen Hallen kommen noch unzählige kleinere Wände in Fitnesscentern, Schulen, Universitäten oder Reha-Einrichtungen hinzu. Selbst im Sommer und bei schönem Wetter sind viele Indoor-Kletteranlagen bemerkenswert gut besucht. Vor allem für junge Nachwuchsathleten ist das Klettern immer weniger an das Erlebnis von Natur und Draußen-sein gekoppelt.

Die schnelle Erreichbarkeit der Hallen und der vergleichsweise geringe Aufwand für ein intensives sportliches Erlebnis dürften wichtige Gründe für den Indoor-Kletterboom sein. Der Technik- und Wartungsaufwand der Hallenbetreiber ist hingegen recht groß, die Investitions- und Betriebskosten gehen schnell mal in die Millionen. Deshalb auch die nicht ganz günstigen Eintrittspreise. Im Fitnessstudio zahlt man allerdings ähnlich viel für Training an Maschinen, die zwar oft aufwändig sind, aber eher wenig Erlebniswert bieten.

Bouldern

Das Handelsblatt beschreibt das Bouldern in einem Artikel über den „umkämpften Boulderhallenmarkt“ als „ultimative Urbanisierung des Abenteuers“. Und das Magazin hat recht, denn einfacher und schneller als mit dem Klettern in Absprunghöhe lässt sich „Nervenkitzel, Freiheit, Muskelaufbau“ inklusive Vertikalfeeling nicht mehr in die Städte bringen. Die Nachfrage nach diesem Erlebnismix lässt die Zahl an Boulderhallen und innerstädtischen Boulderspots rasant wachsen. Sie dürfte in die Hunderte gehen – genaue Angaben sind schwierig, da die Vielfalt der Anlagen schwer zu erfassen und abzugrenzen ist.

Das Bouldern kann in vielen Städten auch „outdoor“ an Brücken, Mauern und Gebäuden betrieben werden. Diese Spielart hört dann auf den Namen „Buildering“. Allerdings ist „dank“ zunehmender Verbots- und Regulierungsdichte im öffentlichen Raum auch hier ein Trend weg von den kostenlosen und „natürlichen“ Strukturen hin zu künstlichen und kommerziellen Anlagen erkennbar. Immerhin sind Ausstattung und Infrastruktur in Letzteren oft vom Feinsten.

Slackline

Die zwischen Bäumen aufgespannten Gurtbänder mit fröhlich darauf balancierenden Menschen sind in Parks und an Uferpromenaden mittlerweile ein gewohnter Anblick. Hier werden Koordination und Gleichgewicht auf spielerische Weise geschult. Die große Mehrheit der Freizeitsportler übt den Seiltanz im Stadtpark und in Absprunghöhe. Selbstverständlich gibt es auch beim „Slacklinen“ immer mehr Spielarten und Extremformen. Die Königsdisziplin ist die „Highline“, bei der man auf dem Seil in einer Höhe balanciert, aus der ein Sturz zu schweren Verletzungen oder zum Tod führt.

Moment, dabei ist man doch gesichert, oder? Ja, keine Sorge, die meisten Highliner tragen einen Gurt, der über eine Schlinge mit Karabiner die Verbindung zum Seil herstellt. Doch es gibt auch hier wie im Sportklettern die Spielart des „Free Solo“, bei der ohne Sicherung hunderte Meter über Schluchten und Abgründen „geslackt“ wird. Und all jene, denen das „normale Slacken“ nicht genug, das Free-Solo-Highlinen aber zu haarsträubend ist, können es ja mal mit „Slackdecken“ probieren: mit dem Longboard auf dem Seil herumrutschen …

Crossfit

„Das härteste Training der Welt“, liest und hört man im Zusammenhang mit Crossfit öfter. Und natürlich sind sich Crossfitter einig, dass ihr Training auch das Beste ist. So weit so normal, mit ähnlichen Superlativen lockt von Bodyweight über Calisthenics bis zu Freeletics quasi jedes trendige Workout. Triathleten wiederum, die für den Ultraman trainieren, werden allen widersprechen und klarstellen, dass ihr Training das Härteste und Beste der Welt ist.

Unbestreitbar ist, dass Crossfit viele Fitnessaspekte enthält, die auch Bergsportler gut gebrauchen können. Das Ganzkörpertraining bringt nämlich nicht nur Kondition und Kraft nach vorn, sondern auch Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit.

Die Besonderheit an Crossfit ist die Bedeutung der Anwesenheit eines Trainers: „Um Verletzungen vorzubeugen, ist es wichtig, das Level dem Können des Athleten anzupassen und nicht an seinen Vorstellungen. Deswegen gibt es CrossFit nur mit einem geschulten Trainer an der Seite. Es liegt in seiner Verantwortung, die Trainingsintensität, die Schwere der Gewichte, die Wiederholungen und die Geschwindigkeit der Übungsausführung an die Fähigkeiten des Trainierenden anzupassen.

Yoga

Für das Bergsteiger-Magazin sind Yoga und Bergsteigen „die perfekte Kombination.“ So weit würde ich jetzt nicht gehen, denn auf engen Hütten und in steilen Wänden lassen sich Asanas eher nicht so gut einüben. Doch vor und nach dem Gang in die Berge hat man mit Yoga tatsächlich ein hervorragendes Hilfsmittel für vielseitige Entwicklung. Und dass man die Fitnesseffekte des Yoga für den Bergsport gebrauchen kann, daran besteht kein Zweifel. Natürlich sollte man sich unter den unzähligen Yogaarten die Passenden aussuchen. Vielleicht gibt es ja am Berg Situationen, in denen die liebende Hingabe des Bhakti Yoga gefragt ist, doch normalerweise sind eher kraftbetonte Wege wie Iyengar oder Ashtanga für den Bergsport interessant.

Die Berg-Bloggerin Stefanie Dehler ist tausendprozentig überzeugt von den positiven Yoga-Wirkungen. Für ihren sehr informativen Artikel hat sie eine populäre Yogalehrerin nach möglicher „Bergrelevanz“ des Fernost-Imports befragt. Deren Antwort:

Yoga schafft eine wundervolle Verbindung von Körper und Geist; schult Konzentration, Gleichgewicht und Koordination und sorgt gleichermaßen für Kraft und Beweglichkeit.

Alles Eigenschaften, die einem Bergsportler mit Sicherheit zu Gute kommen. Zudem bietet die Asanapraxis im Yoga ein großes Repertoire an Übungen zur Stärkung der Körpermitte und Schulter Rückenpartie. Ich hör den Berg schon rufen ;)

Man kann darüber streiten, ob die „Zweckentfremdung“ von Yoga unter Weglassung des spirituellen Aspekts überhaupt als Yoga bezeichnet werden kann. Doch selbst wenn es nur eine ausgefeilte Gymnastik mit wohlklingendem „Label“ sein sollte, verdient Yoga definitiv die Aufmerksamkeit der urbanen Bergfreunde.

Bikeparks

Das Bergauf und Bergab mit dem Fahrrad hätte man früher wohl zum Radsport gezählt und diesen sauber vom Bergsport getrennt. Seit aber immer steilere Pisten und ruppigere Wege mit immer geländegängigeren Bikes befahren werden, ist der Zweiradsport irgendwie beim Bergsport mit reingerutscht. Und ja, wenn man es anhand der Reviere betrachtet, die sich Bergwanderer und Mountainbiker oft (und nicht immer ganz freiwillig) teilen, dann ist Mountainbiken definitiv Bergsport.

Steile Hänge und Downhills können aber auch kurz sein – vielen Bikern geht es vor allem um die Intensität der Abfahrt. Und sollte es mal an Steigungen und Gefälle mangeln, schaffen immer mehr Dirtparks mit ihren Hügeln und Hindernissen Abhilfe. Diese sorgen dafür, dass auf kleiner Fläche Sprünge geübt und Techniken verfeinert werden können. Viele der etwa 40 bei Googlemaps in Deutschland angezeigten Bikeparks befinden sich dort, wo den Bikern von der landschaftlichen Umgebung viele Möglichkeiten geboten werden. Allerdings sind diese oft mit langen Anfahrten und vielen Höhenmetern verbunden. Der Vorteil der Parkanlagen ist sicherlich die konzentrierte Vielfalt an teils neuartigen Möglichkeiten für Fahrerlebnis und Training. Dann wundert es nicht mehr, dass diese „Spielplätze“ gerade auch fortgeschrittene, routinierte und „verwöhnte“ Biker ansprechen.
Die Mountainbiker haben konzentrierten Spaß und können ihren Spielraum im Gebirge mächtig erweitern. Doch angesichts der aufwändigen und materialintensiven Umgestaltung von Landschaftsarealen kommt die Frage auf, in welchem Kosten-Nutzen-Verhältnis das Ganze steht. Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus?
Die letztgenannten Fragen stellen sich umso mehr, je größer und aufwändiger Freizeitanlagen werden. Beim urbanen Freizeitspaß mit Bergbezug sind wohl die Skihallen, von denen es in Deutschland derzeit sechs gibt, der Gipfel der fragwürdigen Entwicklungen.

Fazit

Ob man die Urbanisierung des Bergsports gut oder schlecht findet, spielt keine Rolle, denn aufzuhalten ist sie nicht. Die Nachfrage nach Sport, Bergerlebnis und Outdoorfeeling in der Stadt wird weiter steigen, denn nach wie vor zieht es mehr Menschen vom Land in die Städte als umgekehrt.

Laut Dr. Wolfgang Wabel, Geschäftsbereichsleiter Bergsport im DAV, ist der Bergsport „in den Städten angekommen.“ Der Verein führt deshalb mittlerweile auch die Mehrheit seiner Sektionsangebote „im urbanen Bereich“ durch. Seine Bemerkung „der Name Alpenverein passt eigentlich nicht mehr“ versieht er in seinem Vortrag „Bergsport hinterm Horizont“ mit einem Zwinkersmiley. Dabei ist das womöglich eine gar nicht so unzutreffende Feststellung. Denn wie gesagt, der DAV ist „offen für die Urbanisierung des Bergsports und fördert sie“. Und er „ist sich damit bewusst, dass neue gesellschaftliche Gruppen zum Bergsport und zum DAV kommen und den Verband damit verändern.“ Die Frage ist, wann diese Veränderung in Identitätsverlust übergeht und der Alpenverein zu einem austauschbaren Service- und Sportverband wird. Das Kernthema Berg und der im Namen verankerte Bezug zu den Alpen wäre jedenfalls erhaltenswert – ebenso wie die einstmals alleinigen Ziele, den „Erlebnisraum Berg“ zu erschließen und zugleich für ihn zu sensibilisieren. Das wäre natürlich einem anderen gesellschaftlichen Megatrend entgegengerichtet: dem ständigen Wachstum mit immer neuen einverleibten Themen und Kompetenzen. Der urbanisierte Bergsport wird sich jedenfalls mit oder ohne Breitband-Alpenverein gut entwickeln.

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