Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju – Teil 1

25. Januar 2018

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Das Team: Thomas (ich), Flo, Max, Steffen und Truffi.

Als Bergsteiger ist die Frage nach dem nächsten Projekt allgegenwärtig. Ist einmal eines gefunden, dann fesselt es dich komplett und lässt deine Gedanken nicht mehr los. Du bist gefangen bis du es versucht hast. Wenn du gerade von einer Expedition wie dieser zurückkommst und vielleicht noch nicht einmal verarbeitet hast, was alles in den Wochen passiert ist, wie sollst du dann schon wieder ein neues Projekt finden? Projekt erledigt, Route geklettert, auf zur Nächsten!  Meistens ist es leider nicht so einfach. Große Projekte kosten mental viel Kraft. Doch dann reicht eben wieder ein einziges Foto von einem Berg, um diesen nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen.

Zeig mir ein Foto von einem schönen Berg und meine Abenteuerlust ist geweckt

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Mein Lieblingsfoto. Alpamayo vom Quitaraju aus gesehen.

Zeitsprung – Es ist September 2016 in Arco und ich komme nach einem langen Klettertag aus der Tür von Marco Gelato und schau’ auf mein Handy. Flo hatte mir ein Bild von der Alpamayo Südwestwand geschickt und sofort war die Begeisterung und Abenteuerlust geweckt. Seit diesem sonnigen Nachmittag sollte mich diese Wand nicht mehr loslassen.

Bis es allerdings soweit war, sollte noch einiges an Organisationsaufwand auf uns zukommen. Nach unzähligen Skype-Sessions, nächtelangem Studium des Kartenmaterials und abenteuerlichen Vorbereitungstouren, stehen wir endlich Mitte August 2017 bei 30 Grad in unseren 6000er Schuhen am Flughafen Frankfurt und warten darauf, dass die 20 Packungen Schokolade in Truffis Daunenjacke anfangen davon zu laufen.

Das richtige Team braucht es für solche Aktionen und ich hätte mir dieses mal kein besseres vorstellen können: Wir sind insgesamt zu fünft – Max, Truffi, Steffen, Flo und ich. Allesamt mit Erfahrung im Höhenbergsteigen und gute Alpinisten, der eine mehr, der andere weniger.

3000 Höhenmeter: Gestern Frankfurt, heute Lima, morgen Santa Cruz – die Akklimatisation läuft

Nach guten 16 Stunden landen wir in Lima und haben direkt die nächste Etappe vor uns. Bis zu unserem Ziel Huaraz sind es nochmal 7 Stunden mit dem Auto. Im Halbschlaf kommen wir nachts um 2:30 Uhr endlich nach 30 Stunden Reisezeit im Hotel Santa Cruz an und schon der Weg in den zweiten Stock lässt die Atmung kurz nach oben schießen. Wir befinden uns bereits auf 3000 Metern – wie praktisch, die Akklimatisation läuft! Diese war bereits im Vorfeld ein großer Diskussionspunkt: Sollten wir von Huaraz erst ein paar leichtere Touren unternehmen oder direkt durchstarten?

Wir entscheiden uns für letzteres. Für eine Stadtbesichtigung ist damit am nächsten Tag nur bedingt Zeit. Schließlich wollen wir am Tag danach aufbrechen. Also steht die Logistik auf dem Plan. Essen, Nationalpark-Tickets sowie Gas müssen besorgt werden. Der letzte Punkt auf der Liste bereitet uns allerdings ziemliche Kopfschmerzen. Zu unserer Zeit herrschte wohl ein ziemliches Gas-Monopol in Huaraz, das im kleinsten Outdoorladen erst einmal gefunden werden musste. Puh, wir haben alles und endlich kann es losgehen!

4300 Höhenmeter: Auf dem Weg ins Alpamayo Basislager

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Die erste Nacht beim Zustieg ins Alpamayo Basislager.

Es ist der dritte Tag und wir starten morgens in Richtung Santa Cruz Tal, dem Ausgangspunkt für Alpamayo und Artesonraju. Die offensive Akklimatisationsstrategie sollte sich allerdings noch etwas rächen. Wir wollen langsam aufsteigen und je nach Bedarf noch den ein oder anderen Ruhetag einplanen.

Willy, der Hotelmanager, fährt mit uns zum Taleingang nach Cashapampa, wo die von ihm organisierten Esel für den Transport ins Basislager warten. Über seine Unterstützung sollten wir uns nicht das letzte Mal freuen. Es ist einfach Goldwert einen lokalen Kontakt vor Ort zu haben!

Nach zwei Tagen kommen wir im Alpamayo Basislager an, welches mit seinen 4300m schon für die ersten Kopfschmerzen bei uns sorgt. Mit einer kurzen Akklimatationstour zur nah gelegenen Lagune Arhuaycocha passen wir uns weiter an die Höhe an. Wir verbringen eine weitere Nacht im Basislager und deponieren tagsüber den Großteil der Ausrüstung im nächsten Camp. Flo hat leider dermaßen Kopfschmerzen, dass er entscheidet über das Moränenlager hinaus nicht weiter aufzusteigen. Schade, aber sicher richtig.

5500 Höhenmeter: Aufstieg zum High Camp 

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Aufstieg ins Moränencamp. Alles andere als karg.

Von dort aus steht die letzte Etappe zum High Camp an und diese hat es nochmal in sich. Es geht durch einen steilen Gletscherbruch auf 5500m hoch. Der Rucksack wird gefühlt von Schritt zu Schritt schwerer und die dünne Luft zwingt uns öfters eine Pause auf. Die Sinnfrage schießt mir die ganze Zeit durch den Kopf, bis wir endlich am Pass ankommen und die Alpamayo Gipfelwand zu Gesicht bekommen.

Auf Bildern sieht die Wand schon beeindruckend aus, aber jetzt stehen wir endlich davor. Das gibt Kraft für den restlichen Tag. Jetzt heißt es Zelt aufbauen, kochen, packen und ab ins Bett – der Ablauf ist mittlerweile automatisiert. Erschöpft und aufgeregt zugleich, heißt es jetzt für ein paar Stunden die Augen zu machen, bis es schon wieder um zwei Uhr in der Nacht losgehen soll.

5947 Höhenmeter: Gipfelglück am Alpamayo

Dann ist es endlich soweit: Zunächst wenig schwierig zum Bergschrund, über den es senkrecht nach oben geht. Danach sind wir wach und gehen am laufenden Seil zügig die Wand hoch, bis wir im letzten Teil auf eine weitere Seilschaft auflaufen. Dort wird es nochmal steil und es folgen schöne Längen im Eis zum Gipfel. Die Aussicht ist an diesem Morgen unbeschreiblich und ich kann es kaum glauben, dass wir schon nach einer Woche hier oben am Gipfelpilz stehen – Wahnsinn!

Das Gleiche denkt sich wohl auch mein Körper während des Abstiegs. Die Sonne knallt mittlerweile mit voller Kraft und es hat gefühlte 40 Grad auf letzten Meter zurück ins Zelt. Nun streikt der Körper komplett und ohne einen Bissen runter zu kriegen geht es mit Kopfschmerzen ins Bett. Truffi geht es ähnlich und wir beide müssen den am nächsten Tag geplanten Quitaraju leider abschreiben. Wir wollen nur noch schnellstmöglich runter ins BC, wo Flo noch auf uns wartet. Schnell geht das leider nicht von statten, da auch noch am nächsten Tag keine große Regeneration zu sehen ist. Nachdem das Zelt abgebaut war, hätte ich mich gleich wieder reinlegen können. Puh – jetzt noch der Gegenanstieg wieder hoch zum Pass mit all dem Geraffel. Doch wie hat Hermann Buhl schon immer gesagt: “Es muss gehen!”

5500 Höhenmeter: Zurück im Basislager Alpamayo

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Schon im Alpamayo-Basislager haben wir unser nächstes Ziel im Blick.

Wie erwartet ist der Abstieg nochmal eine echte Kraftprobe. Doch mit jedem Meter, den es nach unten geht, kommen wir besser voran und schließlich am Abend im Basecamp an.

Am nächsten Tag gehen Flo und ich nochmals hoch ins Moränencamp, um den Rest der Ausrüstung zu holen. Das danken uns Steffen und Max, die ebenfalls ziemlich platt aber erfolgreich von der Quitaraju Nordwand zurückkommen. Somit sind wir wieder vereint und es geht nach einem Tag Pause im Basislager weiter in Richtung Artesonraju. Dessen Nordgrat hatten wir bereits die ganze Zeit im Blick und wundern uns nicht, warum er als Vorlage für Paramount Pictures gelten soll.

5000 Höhenmeter: Das Moränencamp des Artesonraju

Bergsteigen in der Cordillera Blanca: Alpamayo und Artesonraju - Teil 1

Im Moränencamp vom Artesonraju nach einem langen Aufstieg.

Das Moränencamp des Artesonraju liegt auf der anderen Seite des Tales und ist vom Alpamayo BC in einem (langen) Tag zu erreichen. Wir vermissen die Esel und verfluchen des Öfteren die steile Gletschermoräne. In der Dämmerung kommen wir endlich auf 5000m an. Zum Abendessen gibt es eine Balkan-Reispfanne à la Trek’n Eat. Die Trockennahrung hatten wir für die Hochlager eingepackt – zum Glück, denn noch mehr Gewicht hätte ich hier nicht hochschleppen wollen. Wir malen uns noch schnell eine Route durch den Gletscher aus, bevor wir in die Schlafsäcke kriechen.

6025 Höhenmeter: Gipfelerfolg am Artesonraju

Gegen Mitternacht geht dann der Spießrutenlauf los. Der Neuschnee verdeckt die letzten Spuren. Steffen, der Erfahrenste, führt uns durch den wilden Gletscher und wir gewinnen Meter für Meter. Das vorab ganz gut vorausgesagte Wetter lässt noch auf sich warten. Mit dem Sonnenaufgang stechen wir durch die Wolkendecke. Hier oben ragen nur noch die höchsten Gipfel aus ihr hervor. “Wie muss das erst am Gipfel aussehen” – schießt es mir durch den Kopf. Bis dahin ist es allerdings noch ein gutes Stück: Ein steiles Eis-Couloir führt bis zum eigentlichen Grat hinauf, der sich dann noch in die Länge zieht und unsere Aufmerksamkeit bis zur letzten Minute fordert. Endlich zeigt der Höhenmesser die 6025m an. Gipfelerfolg am Artesonraju und die Cordillera Blanca liegt uns in einem Wolkenmeer zu Füßen. Da spar ich mir jede weitere Beschreibung – schaut euch die Bilder an!

So schön es hier oben auch ist – dies war erst die erste Hälfte des Abenteuers. Mit ein paar Mal abseilen ist es diesmal nicht getan. Der Abstieg wird nochmal ein schöner Ritt. Es geht den gleichen Weg retour und der weicher werdende Schnee macht es uns nicht leichter. Als wir wieder im Moränenlager ankommen werden die letzten Essens-Reserven mobil gemacht und auf den Tag angestoßen. So langsam wird das doch was mit der Akklimatisierung!

Keine Pause in Sicht – Eseltreiber Petro will nicht verpasst werden

In unserer Planung war natürlich kein Pausentag einkalkuliert, also ist an ausschlafen nicht zu denken. Wir müssen am nächsten Morgen unseren Eseltreiber Petro im Alpamayo Basislager erwischen, wo noch ein Großteil unserer Ausrüstung deponiert ist. Die Schleife muss also auch noch gedreht werden bevor es dann endgültig zurück ins Tal Cashapampa geht.

Es müssen bald an die 30 Kilometer gewesen sein, die es bei strahlendem Sonnenschein wieder nach unten ging. Gestrahlt haben auch wir über beide Ohren als uns Willy wieder empfangen hat, um uns schnellstmöglich zurück nach Huaraz zu Pizza und Bier zu bringen.

Das war Tag 13 von 22 der Expedition und wir haben die beiden Hauptziele Artesonraju und Alpamayo bereits erfolgreich abgehakt. Wie es weitergehen sollte, wussten wir zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht. Wollen wir uns an Peru’s Höchstem, dem Huascaran (6768m), versuchen oder doch die technisch anspruchsvollere Pisco Südwand inklusive Huandoy Norte in Angriff nehmen? Ihr erfahrt es im zweiten Bericht!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Norbert Hoffmann sagte am 26. Januar 2018 um 03:34 Uhr

    Eine sehr schöne und kurzweilige Expeditionsbeschreibung ohne heroische Übertreibungen, sowas liest man gerne 🧗‍♂️👍🙏

  2. Jörn sagte am 30. Januar 2018 um 12:05 Uhr

    Hi Norbert,

    danke für das Kompliment. Gebe ich gerne an Thomas weiter!

    LG

    Jörn

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