Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

27. Mai 2017

Sportart

Welcher Bergsportler ist kein Ausrüstungsgeek? Mal ehrlich, wer hat sich noch nie die Frage gestellt wie der eine oder der andere Ausrüstungsgegenstand hergestellt wird? Darum habe ich nicht lange nachdenken müssen als die Einladung zur Firmenbesichtigung bei C.A.M.P. in meinem E-Mail-Eingang aufpoppte. Händlerausflug zur C.A.M.P.-Zentrale in Premana in Italien mit der Möglichkeit hinter die Kulissen einer traditionellen Schmiede schauen zu können, mit den Hardware Entwicklern zu plaudern und oben drauf noch vor Ort die Ausrüstung testen zu können?! Bin ich sofort dabei! Selbst die zwischendurch gegooglete Beschreibung des Klettersteigs, an dem wir die Klettersteigsets und Klettergurte testen sollten, hat mich nicht abgeschreckt – Gamma 2 ist mit D/E bewertet und erfordert viel Armkraft. Wie es sich später herausstellte, war es ein Tippfehler und der mit C bewertete Gamma 1 stand auf dem Plan, was jedoch für viele erleichternd war. Denn der Gamma 2 war noch teilweise mit Schnee bedeckt und Eispickel– und Steigeisen-Tests waren nicht eingeplant.

Auf in die Berge

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMPIch war sehr froh, dass Stefan von „Fels&Eis“ aus Pforzheim mich mit seinem VW-Bus mitnehmen konnte. Die 6,5 Stunden Fahrt auf der Rücksitzbank mit Sofa-Komfort vergingen wie im Fluge und wir kamen (fast) pünktlich zum Abendessen im Albergo Alpino Hotel an. Nach dem dritten Glas Rotwein habe ich dann den Überblick über die Gänge verloren… waren wir beim fünften oder doch schon beim sechsten Gang… egal, am darauffolgenden Tag sollten wir doch alles wieder verbraten und meinem Klettergewicht wird es schon nicht schaden. Außerdem war alles so lecker und die Gesellschaft so sympathisch.

Nach dem Essen kam dann das C.A.M.P.-Dessert: wir durften uns unsere Ausrüstung für den Klettersteig aussuchen. Es ist gar nicht so einfach sich für die passende Klettergurtgröße zu entscheiden, wenn der obere Hosenknopf bereits abgeplatzt ist.

Sollte ich lieber den Jasper CR4 mit vier Schnallen nehmen und nicht lange darüber nachdenken, ob ich bis morgen doch noch eine Konfektionsgröße kleiner werde. Andererseits ist da noch das Frühstück. Ich entschied mich doch für den Flint, da ich gerne sehen wollte was ein Hüftgurt der Einstiegsklasse leisten kann. Außerdem sollte er mir in M auch auf leeren Magen nicht zu groß sein.

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Bergfreund Boris am Gamma 1

Da ich bei dem Gurt zu lange überlegt habe, waren die Titan-Helme in meiner Größe bereits vergriffen und ich hatte keine Wahl als den Armour zu nehmen, was eigentlich auch absolut egal ist, da beide ungefähr gleich wiegen und beide Hybridhelme sind. Aber der Titan sieht in grün doch irgendwie moderner und cooler aus – ist das auch nicht eines der entscheidenden Kaufargumente bei manchen Artikeln? Schlussendlich soll doch die Ausrüstung nicht nur ihren Zweck bestens erfüllen, sondern auch Freude bereiten. Da ich kaum Klettersteigerfahrung hatte, habe ich bei den Klettersteigsets einfach mal auf Glück blind in die Kiste gegriffen und ein Set mit Wirbel rausgezogen.

Ran ans Eisen!

Am nächsten Tag haben uns die Bergführer an der Talstation der Bergbahn Piani d’Erna in Lecco abgeholt und es ging über den teilweise matschigen Pfad zum Einstieg. Es hat die ganze Nacht noch geregnet und die Wand war an manchen Stellen etwas nass, die Sonne ließ sich auch nicht blicken, was uns jedoch, im Gegensatz zu den meisten Anwärtern aus der Region, nicht davon abhielt in die Wand einzusteigen. An der etwas verwitterten Anschlagtafel am Einstieg stutzten manche jüngeren Klettersteiggeher.

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Es ist gerade 4 Jahre her, als eine Reihe von Klettersteigsets mit Bremsplatten zurückgerufen wurde und bei den modernen Sets wird stets ein textiler Bandalldämpfer eingesetzt

Wer neulich zum ersten Mal auf der Suche nach einem Klettersteigset war, hat vermutlich noch nie die Konstruktion mit einer Lochplatte gesehen.

Der recht abwechslungsreiche Klettersteig bot einen traumhaften Blick auf den Lago di Lecco und die umliegenden Berge. In den ungesicherten flachen Passagen haben die Teilnehmer ihre Klettersteigsets untereinander austauschen können. So konnte ich verschiedene Klettersteigkarabiner und Sets mit und ohne Wirbel testen. Mein Fazit: moderne Klettersteigkarabiner sind gerade an mit den Ketten abgesicherten Passagen deutlich bequemer, da sie eine viel Größere Karabineröffnung als die älteren Modelle haben.

An Drahtseilen macht dieser Unterschied weniger etwas aus. Was jedoch einen viel größeren Unterschied ausmacht ist die Wirbel oder das Gyro-System wie es in dem Kinetic Gyro Rewind Pro Set verbaut ist. Gerade in den sehr steilen und anstrengenden Passagen verdrehen sich die Arme eines Klettersteigsets ohne Wirbel sehr stark, was einen dazu zwingt kurz anzuhalten, um die entstandene Doppelhelix wieder zu entwirren. Wer öfters an den Klettersteigen unterwegs ist und/oder im Schwierigkeitsgrad C und aufwärts rumturnt ist auf jeden Fall gut damit beraten etwas mehr in ein Set mit einem Wirbel zu investieren.

Historienfreunde

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Premana gilt als das italienische Solingen.

Nach einer kurzen Foto- und Snack-Pause am Ausstieg ging es wieder bergab und danach nach Premana, wo wir eine exklusive Führung in dem lokalen ethnographischen Museum genießen konnten. Das Leben in Premana dreht sich bereits seit vorrömischen Zeiten ums Eisen. Und bis ins 19. Jahrhundert wurde das Eisenerz noch im Tal vermint. Die Minen sind längst nicht mehr aktiv, aber es gibt immer noch mehr als 50 familiäre Betriebe, die vor Ort über 65% aller italienischen Scheren und über 50% aller italienischen Messer herstellen. Das italienische Äquivalent zu Solingen. Und wer schon mal die Gondeln in Venedig gesehen hat, hat auch eines der Produkte aus Premana gesehen, nämlich den Bugbeschlag einer Gondel. Ja, der Bugbeschlag einer Gondel wird in einem kleinen Ort hoch in den Bergen hergestellt!

Aber wo beginnt die Geschichte von CAMP? Der Uhr-Großvater der heutigen Firmenchefs – Nicola Codega war ein Schmied und hat verschiedene Werkzeuge für die Bedürfnisse der Dorfbewohner hergestellt. Sein Sohn Antonio Codega hat den Betrieb übernommen und hat trotz der Missbilligung anderer Schmiede aus dem Dorf die ersten Eispickel hergestellt. „Welchen Quatsch hast du dir ausgedacht! Wieso stellst du nicht Messer und Scheren wie alle anderen her?“ – durfte sich Antonio anhören.

Doch 1920 haben alle nicht schlecht gestaunt, als Antonio einen großen Auftrag zur Herstellung von Eispickeln für die italienischen Gebirgsjäger bekommen hat. Kurz darauf hat CAMP – Concezione Articoli Montagna Premana – angefangen auch Felshacken und andere Artikel für die Bedürfnisse der Bergsportler zu produzieren. Viele Innovationen stammen aus dem Hause CAMP, so wie der erste leichte Eispickel mit Aluschaft oder der erste Eispickel mit modularem Kopf oder die Tricams um einige Beispiele zu nennen. Solltet ihr euch in das kleine Örtchen Premana verirren, dann ist der Besuch des kleinen Museums ein definitiver Geheimtipp.

Der heiß erwartet Blick hinter die Kulissen

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Härtetest für den Helm.

Am nächsten Tag ging es zur eigentlichen Firmenbesichtigung. Da Premana am steilen Berghang liegt und der Platz knapp ist, werden die meisten Häuser bei Bedarf aufgestockt. So auch das Firmengebäude von CAMP: die moderne Research & Development (Forschung & Entwicklung) Abteilung wurde auf die alte Produktionshalle aufgesetzt. Hier arbeiten junge Ingenieure, die gleichzeitig leidenschaftliche Kletterer und Bergsteiger sind. Denn was gibt es besseres für einen Entwickler als eigene Produkte beim geliebten Hobby selbst testen zu können?

Aus den 3D Modellen auf den Bildschirmen entstehen innerhalb von wenigen Stunden die ersten Prototypen entweder in einem 3D-Printer oder in der CNC-Fräsmaschine. Und im gleichen Labor können die frisch produzierten Karabiner, vernähte Schlingen, Helme usw. bis zum Versagen getestet werden. Vor unseren Augen wurden Karabiner mit diversen Defekten aufgerissen. Es ist erstaunlich wieviel ein Karabiner von seiner Festigkeit durch die Einkerbung vom durchlaufenden Seil einbüßt. Und wenn der Karabiner nicht richtig schließt, dann bleibt nur darauf zu hoffen, dass dein Schutzengel gerade nicht abgelenkt ist… Kurzum, die eigene Kletterausrüstung sollte in regelmäßigen Abständen kontrolliert und bei Verschleiß ersetzt werden.

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMP

Blick aus dem Fenster auf die Berge. Bei dem Ausblick braucht man keine Urlaubsfotos an den Wänden.

Nach der R&D Abteilung ging es ein Stockwerk tiefer in die Produktionshalle. Auf einem Regal lagen 6m lange Aluröhre, deren Querschnitt an einen Eispickel-Schaft erinnerte. In einer riesigen Kiste lagen gezackte Platten, die beim genauen Hingucken ein Steigeisen vermuten ließen. Und die kleinen Aluklötze auf einem Haufen? Hmmm… so farblos und ohne den Draht erkennt man die Klemmkeile nicht so leicht. Doch was waren das für komische Platten, die nicht so recht einordbar sind? Überraschung! Wie es sich herausstellte ist CAMP einer der größten Kuhglockenhersteller in Europa, wer hätte es gedacht?

Doch CAMP produziert nicht nur in der großen Werkhalle, sondern arbeitet auch mit lokalen Schmied-Familien zusammen, die die Montage einiger Artikel in kleinen Werkstätten wenige hundert Meter vom Firmengebäude durchführen. Das Sicherungsgerät Matik wird z.b. in einer Werkstatt zusammen gebaut, in der drei Generationen gleichzeitig in einem Raum arbeiten. CAMP ist für die Premaner viel mehr als eine Firma, die Spitzenausrüstung für Bergsportler herstellt.

Bergfreund Boris zu Besuch bei CAMPDie Väter mancher Angestellten haben ihr ganzes Leben bei CAMP gearbeitet. Und ihre Väter auch. CAMP bedeutet den Zusammenhalt in Premana, es ist Tradition, es ist eine Familie und in der Ära von „Kostenoptimierung“, Gewinnsteigerung und Outsourcing bleibt CAMP in dem kleinen Ort wo es alles vor mehr als 125 Jahren begonnen hat. Und nach der Firmenbesichtigung ging es an die Felsen, wo die CAMP-Ingenieure sich an 8ern und 9ern nach der Arbeit warm machen… Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

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