Berg-Feeling daheim: Wie bringt man die Berge ins Wohnzimmer?

24. März 2020

„In die Berge gehen heißt nach Hause gehen“, lautet eines der berühmten Zitate von John Muir. Der große Entdecker, Erfinder und Begründer des amerikanischen Naturschutzes verewigte es in einer Serie von Berichten, die 1875 im San Francisco Daily Evening Bulletin unter dem Titel „Summering in the Sierra“ erschien.

Ob er sich hätte vorstellen können, dass wir das Ganze etwa 150 Jahre später für mindestens einige Wochen quasi umkehren? Dass wir eben gerade zuhause bleiben, um nicht die Möglichkeit zu verspielen, später wieder in die Berge zu gehen? Wahrscheinlich wäre ihm das reichlich verrückt vorgekommen.

Vollkommen Zuhause bleiben?

Meine momentane Ansicht entspricht dem, was der Deutsche Alpenverein aktuell (Stand 22.3.) zur Lage sagt: Bergtouren auf keinen Fall, vor die Tür und an die frische Luft gehen aber durchaus. Letzteres ist nämlich möglich, ohne die konsequente Einhaltung der „Spielregeln“ zu gefährden. Diese bestehen, wie hoffentlich jeder weiß, aus folgenden zwei Punkten:

1) keinerlei Verletzungsrisiko eingehen, welches im Fall des Falles Rettungskräfte und Helfer binden könnte. Bewegt man sich auf flachen und breiten (Forst)Wegen in Umgebungen, die man überschauen kann, sollte das Unfallrisiko nicht höher sein als zuhause beim Erklimmen einer Treppe.

2) nur allein gehen oder, wenn nicht vermeidbar, in kleinstmöglichen Gruppen nur mit Menschen aus der eigenen häuslichen Gemeinschaft.

Wäre es nicht verantwortungsbewusster, volle „Quarantäne“ einzuhalten und die eigenen Vier Wände überhaupt nicht zu verlassen? Meiner Meinung nach nicht, denn „An die frische Luft zu gehen ist wichtig, um gesund und fit zu bleiben“, wie DAV-Präsident Josef Klenner sagt. Ich denke sogar, dass es umgekehrt gesundheitsgefährdend ist, wenn man es mit dem „Verbarrikadieren“ auf die Spitze treibt. Bewegungsmangel schwächt das Immunsystem genauso wie Frischluftmangel und der Stress des „Lagerkollers“.

Soweit meine Einschätzung nach bestem Wissen und Gewissen. Irgendeine Gewähr kann dafür natürlich nicht gegeben werden. Auch und gerade in der Krise sollte jeder Einzelne sich eigenverantwortlich informieren und den gesunden Hausverstand mindestens auf Normalbetrieb weiterlaufen lassen.

Was kann man jetzt noch machen?

Bergfreunde werden momentan auf die Geduldsprobe gestellt. Da kommt die Frage auf: Wie kann man sich das Hüttenflair und die geliebte Bergluft nach Hause holen?

Für Bergfreunde mit Bewegungs- und Frischluftdrang ist diese Zeit eine besondere Geduldsprobe – verschärft durch den Frühlingsbeginn, an dem sich der Drang nach draußen besonders stark meldet. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass es vorerst bei spätwinterlichen Temperaturen bleibt. Die Suche nach „Ersatzbefriedigung“ und „Beschäftigungstherapie“ ist akut. Doch bevor wir uns die Möglichkeiten anschauen, will ich noch eine Zwischenfrage einwerfen.

Zwischenfrage: Alpine Nikotinpflaster oder „Cold Turkey“?

Ob Alpenvereine, Zeitschriften oder Onlineportale: an Tipps für „Ersatzdrogen“ für Bergfreunde auf Höhenluft-Entzug mangelt es nicht. Beim Bergsteiger-Magazin heißt es: „Damit die vorübergehende Trennung von der Bergwelt aber nicht allzu schwer fällt, gibt es mehrere digitale Möglichkeiten, um sich auch in solchen Zeiten die Berge in die eigenen vier Wände zu holen.“

Naja, es gibt nicht nur mehrere, sondern unzählige Möglichkeiten dazu. Die Frage, die aber niemand dabei stellt: Macht das (alpine) Nikotinpflaster die Trennung von den Glimmstengeln (Bergen) wirklich leichter? Oder schüren digitale Berge nicht noch viel mehr Sehnsucht und lassen uns den „Entzug“ nur noch mehr spüren?

Sollten wir uns wirklich den virtuellen und geistigen Ersatzbergen und Imaginationsfelsen zuwenden? Oder sollten wir es nicht „einfach“ ganz bleiben lassen und uns mit völlig anderen Dingen beschäftigen? Das wäre dann der „Cold Turkey“, der kalte Bergentzug, das Ende mit Schrecken. Es kursieren schließlich auch jede Menge Internetbotschaften, dass wir uns jetzt den inneren Werten, den Beziehungen zu unseren Nächsten und anderen sonst gern vernachlässigten Dingen zuwenden dürfen.

Eine Antwort habe ich auf diese Zwischenfrage ehrlich gesagt auch nicht. Je nach Person mag das eine oder das andere besser sein. Und da wir nur Vorschläge für das „alpine Methadon“, also die virtuelle und eingeschränkte Bergbeschäftigung Vorschläge haben, gehen wir voll auf die erste Option: klebt die Nikotinpflaster auf und nehmt einen kräftigen Schluck aus der Gebirgsmethadonpulle!

Daheim in die Berge, die Berge nach daheim

Wie stellt man es nun an, dass die Berge ins Wohnzimmer kommen? Oder man das Wohnzimmer in die Berge versetzt? Hier fällt mir erstmal nicht viel ein, außer ein paar Blödel-Wortschöpfungen wie Indoorbergsteigen, Dahoamwandern, Domestic-Mountaineering, Armchair-Adventuring oder Treppen-Trekking. Ansonsten bin nicht so der große Hashtagger, Aktionskünstler oder Challenge-Erfinder.

Da hat Bergfreund Jörn mir einiges voraus, wie er kürzlich eindrucksvoll für die facebookenden Bergfreunde bewies. Ich hätte jedenfalls nicht gewusst, wie man mithilfe zweier Blackrolls und eines Flatscreens im Wohnzimmer auf Skitour geht. Falls ihr das jetzt auch wissen wollt: einfach auf Facebook gehen und die Bergfreunde abonnieren ;-)

Mit einem selbst gekochten Kaiserschmarren riecht es in der eigenen Küche wie in der Lieblingshütte.

Von Jörn stammen auch weitere Vorschläge wie: Hüttenessen nachkochen, die Wohnung mit Bildern und Postern dekorieren, den Bildschirmhintergrund alpin gestalten oder sich mit dem Alpenpanorama in 3Sat vergnügen (ich wusste gar nicht, dass es das noch gibt ;-).

Wer noch höher hinaus will, kann sich auch die Space Night auf BR zu Gemüte führen (ja, auch die gibt es noch :-D). Auch wenn ich jetzt nicht weiß, ob das Weltall hier noch zum Thema gehört.

Doch bevor es jetzt durcheinander geht mit den Vorschlägen, wird jetzt mit Zwischenüberschriften Ordnung reingebracht:

Körper und Geist fit halten

Fein raus ist, wer das Laufen, Radeln und Klettern einfach daheim fortsetzen kann – mit Hometrainer, Laufband, Griffboard und Klimmzugstange. Wenn jetzt noch ein großer Screen mit coolen Outdoorfilmen im Blickfeld ist, kann die Illusion schon richtig gut funktionieren.

Doch es geht auch komplett ohne Geräte und kostspieligen Aufwand. Detaillierte Anregungen dazu finden sich im Basislager-Artikel über das Klettertraining zuhause. Weitere Tipps für Erhalt und Steigerung der Berg-Fitness unter den gegebenen Einschränkungen wie beispielsweise die sechs Ganzkörperübungen bei Bergwelten.com gibt es auf fast allen einschlägigen Magazinen, Blogs und Portalen.

Doch hier heißt es aufpassen und vorsichtiger zu Werke gehen als normalerweise. Denn wir wollen doch nicht wegen eines beim chinesischen Liegestütz gezerrten Nackenmuskels den Arzt rufen…

Wenn der Körper seinen Auslauf bekommen hat, ist der Geist an der Reihe. Jetzt lassen sich alpine Kenntnisse auffrischen und Lücken in der Outdoortheorie schließen. Das Basislager hier ist dafür übrigens eine reichlich sprudelnde Quelle. Einfach mal ein bisschen stöbern und inspirieren lassen …

Oh, und bei der Gelegenheit fällt mir doch noch die eine oder andere Challenge ein:

  • Wer baut den sichersten Standplatz zwischen Heizung und Küchenschrank?
  • Wer schafft die schnellste Spaltenbergung aus dem Keller?
  • Wer erfindet die blödsinnigste Challenge von Allen?

Aber Vorsicht, auch hier kein Übereifer! Zerstört nicht eure Einrichtung und zieht euch keine Verletzungen zu ;-)

Touren planen

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Zumindest glaubt und hofft niemand, dass wir uns die Touren auf Dauer abschminken müssen. Vielmehr hoffen wir, dass sich nach dem 19. April die harten Maßnahmen ausgezahlt haben und gelockert werden können. Deshalb dürfen wir durchaus die Vorfreude hochhalten und uns jetzt auf „die Zeit danach“ einstimmen.

Dann, wenn wir mit einem Jubelschrei dem ersten echten Gipfel entgegen stürmen, ein echtes Boulderproblem lösen und einen echten Trail Vollgas downhillen. Hier im Basislager gibt es dafür jede Menge Planungshilfen, egal ob für die frühsommerliche Ski(hoch)tour, die Reise in ferne Länder oder die alpinen Berge.

Aber auch mal entspannen

Für Entspannung ist jetzt die ideale Gelegenheit. Zumindest braucht man jetzt weniger denn je ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man sich mal schön auf dem Sofa lang macht, eine Massage gibt/bekommt und sich mit „Bergluft für daheim“ aus ätherischen Ölen von Zirben und Wacholder versorgt.

Oder sich anderweitig was Gutes tut, indem man sich das Deo für die nächste Bergtour schonmal selber mischt. Ich halte ein Deo auf Bergtour zwar nicht gerade für essentiell, doch die Kollegen von Bergwelten.com sorgen sich eben auch um die Mitmenschen, die es auf der Hütte oder in der Quarantäne dicht neben uns aushalten müssen.

Bei Bergwelten gibt es sehr viele weitere Do-it-Yourself-Tipps, die man größtenteils mit Zutaten umsetzen kann, an die man auch zurzeit beim eingeschränkten Einkauf herankommt. Eine ganze Kategorie ist den Rezepten für alpine Gaumenfreuden gewidmet, meist Deftiges wie Kaspressknödel, aber auch Süßes wie der Südtiroler Polentaschmarrn. Und da es zurzeit auch nochmal winterlich abkühlt, ist ein selbstkredenztes Badesalz namens „Waldbad“ auch keine schlechte Idee.

Filme schauen

Sowohl entspannend als auch motivierend kann die eine oder andere Filmsession wirken. Eine gute Sammlung an Tipps hat der DAV in diesem Artikel. Eine – wie ich als Autor finde – noch bessere und garantiert diverse Abende füllende Sammlung gibt es hier im Basislager ;-). Und wenn Filme nicht reichen, gibt es natürlich weitere Digitalbespaßungen wie beispielsweise die virtuelle virtuelle Extremklettertour auf den El Capitan im kalifornischen Yosemite Valley.

Filme drehen

Besser als das passive Konsumieren soll ja das eigenständige Kreieren sein. Deshalb hier der Aufruf an alle daheim festsitzenden Gipfelstürmer: Kamera ausgepackt und umwerfende Studio-Bergkulissen mit beschränktesten Mitteln kreiert! Und dann hinein damit in die sozialmedialen Kanäle! Je nach Beteiligung wird das Netz dann richtig glühen. Ob damit nicht gleich der nächste Ausnahmezustand herbeigeführt wird, kann ich nicht abschätzen. Deshalb wird jede Gewähr und Haftung aus dieser Anregung entschieden abgelehnt ;-)

#Stayathome als Dauerlösung: die Schreibtischbergsteiger

Wir wollen es ja nicht heraufbeschwören, aber für den Fall, dass unser Stubenarrest länger dauert, sollten wir uns schon mal den Hashtag #Stayalittlelongerathome reservieren. Es gibt da nämlich eine ganz besondere Bergsteigerspezies, die sich selbst Schreibtischbergsteiger oder auch Sitzbergsteiger nennt.

Ein Bergexperte, der diese Disziplin meisterhaft konsequent seit vier Jahrzehnten betreibt, ist der Lörracher Alpinchronist Eberhard Jurgalski. Jurgalski „ist ein deutscher Berg-Chronist und Buchautor. Er ist hauptsächlich bekannt für das Sammeln von Informationen, die sich auf die Achttausender (…) und ihre Besteigungen beziehen.“

Er selbst sieht sich als „autodidaktischen Geowissenschaftler“ und „Kartenfreak“. Von den Medien wurde er unter anderem als „Karl May der Berge“ betitelt. So wie der berühmte sächsische Abenteuerautor nie den wilden Westen betrat, hat Jurgalski vermutlich nie einen höheren Berg als den 460 Meter hohen Tüllinger Berg bei Lörrach erklommen. Diese Bergbeziehung funktioniert also rein platonisch.

Kein Anfassen und – was den Himalaya angeht – auch kein direkter Blickkontakt. Dafür funktioniert sie seit 1980 und steht damit unmittelbar vor der goldenen Hochzeit. Das sollten sich „normale“ Bergverrückte mal vergegenwärtigen, wenn sie den Zärtlichkeitsentzug mit echten Gipfeln, Graten und Felsen jetzt für gerade mal einen Monat durchhalten müssen.

Vom begeisterten Bergsteiger zum Schreibtischbergsteiger – online ist das möglich.

Einen zweiten Online-Bergverrückten mit spezieller 8000er-Zuneigung findet man hinter der wohl informativsten und bestbebildertsten Himalaya-Website im deutschsprachigen Raum: Himalaya-info.org.

Er hört auf den Namen Günter Seyfferth und will mit seiner Website „ein möglichst umfassendes Bild von den Bergen des Himalaya vermitteln, von der Topografie dieser phantastischen Bergwelt sowie von der spannenden Geschichte der Erschließung und der Besteigungen.“

Der pensionierte Unternehmer Seyfferth beschreibt sich selbst als „Schreibtischbergsteiger“ und hat noch nie selbst einen Fuß in den Himalaya gesetzt. Allerdings ist er nicht ganz so konsequent bergabstinent wie sein Kollege Jurgalski, sondern immer gern zum Wandern unterwegs.

Himalayaexperte werden

Sowohl Jurgalskis Seite 8000ers.com als auch Himalaya-info.org sind derart detailliert, tiefgehend und umfangreich, dass man sich über mehrere Quarantänewochen damit beschäftigen kann. Und zum Gebietskenner im Himalaya und – mindestens genauso interessant – Karakorum aufsteigen kann.

Diese Gebirge sind sowieso ideale Online-Träumereiobjekte, denn sie sind einerseits nah genug, dass wir uns beim Träumen immer auch einreden können, sie eines fernen Tages selbst zu erreichen, andererseits weit genug weg, dass wir sie wunderbar schwärmerisch-exotisch verklären können.

Oder gleich Neulandforscher

Mit Google Earth, diversen Kartentools und (Bilder)Suchmaschinen kann man zwar nichts entdecken, was nicht schon vom Satelliten eingefangen wurde, doch womöglich kann man auf die (tatsächlich noch existierenden!) unbetretenen Gipfel, Täler und Massive stoßen, die es in Zentralasien, China, Tibet und Südamerika nach wie vor zu entdecken gibt.

Nähert man sich solch schier unermesslichen Gebirgen wie dem Pamir, dem Tien Shan, dem Transhimalaya und dem Karakorum, kann man sogar daheim vor dem Rechner ab und zu einen Hauch von Pionierzeit spüren.

Wer mehr als nur einen Hauch sucht, kann auch gern das gigantische und außerhalb Chinas vollkommen unbekannte Hengduan Shan zwischen Tibet und Myanmar durchforsten. Insgesamt stehen in diesem wilden Gebirgsmix noch um die 30 unbestiegene Siebentausender(!) herum …

Auch in dem endlosen Gewirr aus Gipfeln und Gletschern in Patagonien gibt es noch einige aberwitzig steile und abgelegene Berggestalten, die nicht nur unbestiegen sind, sondern auch kaum je von eines Menschen Auge erblickt werden.

Man kann das Ganze nochmals steigern, indem man sich den sprichwörtlich weißen Flecken der Antarktis zuwendet. Doch das liegt womöglich schon wieder derart weit vom erreichbaren Erfahrungshorizont des Durchschnittsbergfreunds, dass sich keine rechte Faszination entwickeln will. Wenn doch, umso besser, Antarktisforscher an die Tastaturfront!

Fazit

Das Bergsteiger-Magazin fasst die Lage gut zusammen: „Zwar ersetzen diese virtuellen Erlebnisse nicht das „reale“ Gipfelglück – doch vorerst sind vor allem Geduld und Solidarität gefragt. Eines ist jedoch gewiss: die Zeit für Bergtouren wird wieder kommen. Und dann wird es umso schöner sein, wieder auf den echten Gipfeln zu stehen.“

Ergänzen würde ich noch, dass trotz der ernsten Herausforderung dieser Tage neben Geduld und Solidarität auch der Spaß nicht aussetzen sollte. Der ist bekanntlich auch während einer Krise gesünder als ununterbrochenes Grübeln und Grämen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Christoph Bernau sagte am 24. März 2020 um 21:59 Uhr

    Ganz große Klasse, lieber Stephan, sehr interessant und mit viel Humor gewürzt, viel Glück und alles Gute

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