Wann ist der Berg zu voll? Über das rechte Maß und andere schwammige Begriffe

2. Juni 2020

Ein berühmter Alpinist bezeichnete sich in seiner Autobiogafie als „bergsüchtig“. Wir bezeichnen uns hier als Bergfreunde. Manche sprechen auch von ihrer Liebe zu den Bergen. Aus der menschlichen Sphäre wissen wir, dass Liebe (oder das, was dafür gehalten wird) erdrückend werden kann. Die Zuneigung geht ins Besitz ergreifen über.

Kann da nicht auch der geliebte Berg zum Objekt einer ungesunden Obsession werden? Kann sich auch diese Zuneigung in Besitzanspruch und Rücksichtslosigkeit versteigen? Nimmt das Objekt der Begierde Schaden, weil es als Projektionsfläche benutzt wird? Eine Art Pappkamerad für unerfüllte Bedürfnisse der Kindheit? Papa hat mich nie gesehen, deshalb muss nun der Berg dafür sorgen, dass mich die Instagram-Community nicht übersehen kann?

Womöglich, doch mit Küchenpsychologie allein erklärt man nicht die Menschenmassen am Berg. Und man findet so auch keine Antworten zur Frage nach dem gesunden „Bergmittelmaß“.

Zu voll? Zu viel? Wer sagt das eigentlich?

Wann redet man eigentlich über einen Bergboom?

Wenn ein Thema schwer zu greifen ist, sollte man es in kleine Häppchen aufteilen. Bezogen auf die vollen Berge wäre das dann das Herausgreifen begrenzter Räume wie der Trekking-Hotspots in Nepal und Peru oder des Deutschen Alpenraums. Letzterer bietet sich zurzeit besonders an, da er in jeder Hinsicht gut vermessen und erforscht ist. Außerdem gibt es da noch diese Sache, die wir jetzt mal unausgesprochen lassen wollen und die dafür sorgt, dass die Deutschen Alpen diesen Sommer besonders viel Bergliebe zu spüren bekommen werden.

Neben der „räumlichen Portionierung“ hilft auch der Blick aus verschiedenen Winkeln beim Greifbar-machen des Themas. Denn was am Berg „zu viel“ ist, hängt stark von der Perspektive ab, die wiederum von den persönlichen Vorlieben und Interessen des Betrachters bestimmt wird.

Interessengruppen

Recht großzügige Vorstellungen davon, was „noch geht“ und was „zu viel ist“, haben naturgemäß viele Touristiker, Gastwirte, Seilbahnbetreiber und allgemein „die Wirtschaft“. Sie ändern ihre Vorstellung aus naheliegenden Gründen auch eher zögerlich.

Meist gegenläufige dazu stehen die Umweltschützer. Für den Bund Naturschutz ist die Belastungsgrenze zumindest beim bayrischen Alpentourismus „bereits überschritten“. So führe der Tourismusverkehr zum ständigen Ausbau des Straßen- und Wegenetzes sowie von Parkplätzen. „Ein von manchen angestrebter Ausbau der Verkehrsinfrastruktur auf touristische Spitzenlastzeiten ist unmöglich.“

Der Bund Naturschutz kritisiert auch die wachsende Zahl freizeitpark-artiger Attraktionen wie Aussichtsplattformen, Sommerrodelbahnen, Fluginstrumente, Großspielplätze und Klettergärten. „Natur- und Landschaft sind hier nur noch Kulisse von künstlichen Events.

Im alpinen Skisport dreht sich die Wachstumsspirale mit Schneekanonen, Speicherteichen und Liftbauten ungeachtet aller Umweltprobleme weiter. Neue Großprojekte wie die Skischaukel am Riedberger Horn lassen sich nur durch jahrelangen Widerstand breiter Bürgerbewegungen verhindern.

Hinzu kommen die vielen Sport-Großevents überall im Alpenraum und viele neue Boom-Sportarten wie Schneeschuhwandern, Canyoning oder E-Bike-Touren. Ruheräume für Tiere und Pflanzen können hier nur noch durch Regelwerke und gute Besucherlenkung bewahrt werden.

Vor allem Fernwanderwege werden immer beliebter.

Selbst die einfachsten und ressourcenschonendsten Aktivitäten wie das Wandern werden gelegentlich zum Problem. So sorgt der Fernwanderboom, der neue Besuchergruppen in die Berge lockt, für neue, stark beanspruchte „Hauptverkehrsachsen“ wie den E5 von Oberstdorf nach Meran. Die Hütten entlang der Route sind meist heillos überfüllt. Als Reaktion darauf entstehen neue „Geheimtipps“ und Alternativrouten, die zu weiteren „Autobahnen“ werden.

Damit sind die Touristen angesprochen – die Interessengruppe zu der wir alle gehören, auch wenn wir uns lieber Bergsportler, Alpinisten oder Reisende nennen. Sogar der Teil der Touristen, der Stille und Ursprünglichkeit sucht und mit möglichst wenig Ressourcenaufwand unterwegs ist, trägt streng genommen zur Belastung des Naturraums bei. Doch allzu streng genommen landet man am Ende dabei, den Menschen aus den ursprünglichen Berglandschaften auszusperren. Dieser Umweltextremismus wiederum dürfte nur zu noch mehr Entfremdung führen.

Touristen stehen als große und heterogene Gruppe zwischen allen Stühlen. Ganz ähnlich sieht es bei den Alpenvereinen aus, die seit eh und je einen Spagat zwischen Tourismusförderung und Naturschutz aufs Parkett legen.

Die wohl kompetenteste, weil sowohl persönlich betroffene als auch beteiligte Interessensgruppe dürften die Bewohner sein. Die sind in der oberbayrischen Idylle des Walchensees mittlerweile sogar auf die Straße gegangen. Allerdings wendeten sich die 150 Anwohner nicht gegen Touristen an sich, sondern gegen „rücksichtslose Besucher“. Letztere hinterlassen Müllberge und Trampelpfade, campen illegal und parken Einfahrten sowie Rettungswege zu. Mit diesen Problemen kämpfen fast alle Gemeinden der Region. Sie fordern mehr Kontrollen und härtere Strafen.

Müll und Autokarawanen sind ein sicheres Zeichen, dass es „zu voll und zu viel ist“. Doch wer beurteilt „wirklich objektiv“, ob der Naturraum überlastet und die Berge zu voll sind? Welche Kriterien soll man anwenden? Was soll man messen? Man könnte den Lärm oder die Abgaswerte nehmen: wenn es in einem Alpental zu Dezibelwerten wie auf dem Münchner Stachus kommt, dann ist das wahrscheinlich zu laut. Und wenn es an einem Bergsee nach „Berliner Luft“ riecht, dann ist sicher auch was faul.

Hilft die Wissenschaft weiter?

Fest steht: kein Mensch kann neutral an die Bewertung herangehen. Auch Wissenschaftler können bei der Auswertung von Daten ihren persönlichen Blickwinkel nie völlig ausklammern. Der wohl bekannteste wissenschaftliche Beobachter der Alpen ist der „Alpenprofessor“ Werner Bätzing. Bätzing betrachtet die Berge (und vor allem auch die Täler!) zunächst aus einer möglichst neutralen „kulturgeographischen Perspektive“. In seinen abschließenden Befunden vom „Verschwinden einer Kulturlandschaft“ äußert er sich dann „auch als Mensch“ mit persönlicher Perspektive. Zu Bätzings lesens- und sehenswertem Standardwerk „Die Alpen“ schreibt das Panorama Magazin des DAV:

„(Bätzings fotografische) Ansicht des Dorfes Neraissa inferiore in den Cottischen Alpen wäre auf den ersten Blick für den Tourismus-Flyer geeignet. Doch Werner Bätzing zählt die 110 Bewohner des Jahres 1890 auf und beziffert exakt deren Abwanderung während mehr als 100 Jahren. Und er lenkt bedenklich den Blick auf die Flur, deren sattes Grün eben keine Äcker, sondern nur noch Wiesen zeigt und die nur vermeintlich intakt wirkt. Er verweist auf die kleinen, aber bedeutenden dunklen Flecke der Wildschweinschäden. Tja, Idylle ist eben nur, wenn man nicht so genau hinschaut. Auf diese Weise ist der Bildband ein grünes Fachbuch, ohne Fenchelteeallüren, klug und gut. Egal, ob seine Analyse schmeckt oder ob sie kritisiert wird – an diesem Band kommt man in der Fachdiskussion nicht vorbei.“

Bätzing zeigt: die landwirtschaftliche, forstwirtschaftliche und industrielle Nutzung der Alpen hinterlässt zahlreiche Abnutzungsspuren, die für das „ungeübte Auge“ gar nicht als solche sichtbar sind. Anders sieht es beim Tourismus aus, dessen Spuren oft alles andere als subtil sind:

„Die Berge bezwingen? Das machen nicht nur Alpinisten, das ist auch ein Trend in der Hochalpinismus-Architektur. Hütten und hochgelegene Seilbahnstationen wurden über Jahrzehnte mit Natursteinen gebaut oder wenigstens verblendet. Neuerdings werden alpine Bauten als Fremdkörper ins Gebirge gepflanzt. Werner Bätzing dokumentiert diese Entwicklung. Er belegt sie mit zurückhaltenden Fotografien.“

Seltsam, angeblich haben wir doch seit den 70ern dazugelernt, als hässliche Hochhauskomplexe und betonstrotzende Skischaukeln bis in die hochalpinen Gipfelzonen gefräst wurden. Anscheinend braucht es nach wie vor scharfsinnige Beobachter und Kritiker. In einem Zeit-Artikel vom Vorjahr heißt es, Bätzing habe in den ganzen Alpen im Grunde erst ein Gebiet gefunden, das wirklich „seinen Vorstellungen entspricht“. In der niederösterreichischen Ötscher-Region gibt es „keine Stadtflucht, keine große Zunahme an Einwohnern. Ein Ausnahmefall sei das.

Wissenschaftler wie Bätzing können eine Menge Daten und Erkenntnisse liefern. Sie können diese auch auswerten und interpretieren. Doch es zeigt sich, dass die Frage nach dem „zu voll“ weiterhin eine subjektive Angelegenheit bleibt. Vielleicht hilft die Frage nach dem warum und woher weiter.

Warum überhaupt? Woher kommen die Massen?

Freizeit und auch Erholung locken die Menschen in die Berge.

Auch diese Frage lässt sich sehr gut am Beispiel Oberbayern behandeln. Denn hier befinden sich die Berge im Einzugsbereich einer Millionenstadt mit jeder Menge freizeithungrigen und erholungsbedürftigen Bewohnern. In die wachsende Metropole München kommen nicht wenige Zuzügler auch extra wegen der Nähe zu den Bergen.

Sie suchen dann am Wochenende nach der Gegenwelt zum städtischen Dasein. Oder auch nach weiteren Steigerungen, nach „Leistung, die sich am Berg zeigen lässt“, wie es der „Alpinphilosoph“ Jens Badura ausdrückt. Zu dieser „Leistung“ gehört wohl auch die Vorzeigbarkeit, die „Instagramability“ nach dem Motto „been there, done that“. Fotos in den „sozialen Medien“ haben sich auch im Bereich Bergtourismus als Magnet und Wachstumsfaktor erwiesen.

Was tun? Vorschläge?

Es mangelt nicht an Lösungsvorschlägen und es wird auch durchaus in größeren Zusammenhängen gedacht. Es geht nicht mehr nur um die Steuerung der Touristenmassen, sondern zunehmend auch darum, die Überlastungsursachen an der Quelle zu mildern, sprich den Stress der Großstädte zu reduzieren. Am Beispiel München hieße das, die Industrie auszulagern und andere Standorte zu stärken. Dann könnten Probleme wie knapper Wohnraum, hohe Mieten und Verkehrskollaps entschärft werden.

Für den ländlichen Raum wird häufig ein Mangel an Lebens- und Arbeitsperspektiven diagnostiziert. Hier ist man oftmals „durch Globalisierung, falsche Strukturreformen und demografische Veränderungen ins Hintertreffen geraten“. Auch hier könnte nach Ansicht vieler Stadtplaner und Raumentwickler eine Dezentralisierung und gleichmäßigere Verteilung von Wirtschafts- und Freizeitzentren Abhilfe schaffen.

Mehr Verbote oder mehr Vertrauen?

Diese Grundfrage wird derzeit der ganzen Menschheit regelrecht vor die Füße geknallt. Mehr Freiheit? Mehr Sicherheit? Mehr Kontrolle? Wahrscheinlich bevorzugen wir alle die Freiheit, doch die ist „leider“ an Voraussetzungen wie Aufgeklärtheit und menschliche Reife gebunden. An den „mündigen Bürger“, wie es klassischerweise heißt. Eine weiteres „Problem“ scheint, dass Freiheit nie ohne Risiken zu haben ist, egal ob es um Gesundheit, Politik oder Bergtouren geht.

Hinzu kommt, dass Menschen auf völlig verschiedenen Reife- und Entwicklungsstufen stehen: während man bei den einen wohl nicht um Regulierung, Verbote und Zugangsbeschränkungen herumkommt, wäre bei den anderen volles Vertrauen die bessere Lösung. Dummerweise sind „die Unreifen“ und „die Umsichtigen“ zur gleichen Zeit an den gleichen Bergen unterwegs …

Jedermannsrecht als „Vertrauenslösung“?

In der Zeit sorgt aktuell ein Kommentar mit dem Titel „Lasst die Städter wild im Umland campen!“ für rege Diskussionen. Angesichts der momentanen Lage mit drohendem „Lagerkoller“ in den Städten fordert der Autor die Einführung des aus Skandinavien bekannten „Jedermannsrechts“:

Das allemansrätt, wie es in Schweden heißt, erlaubt nicht nur freien Zugang zur Natur – das gibt es als „Betretungsrecht“ auch in Deutschland. Es erlaubt auch das Zelten in der Wildnis und setzt lediglich Einschränkungen wie eine Mindestdistanz des Schlafplatzes zu Häusern fest. Hierzulande braucht es grundsätzlich, um sein Zelt aufzuschlagen, das Einverständnis des Bodeneigentümers. Und wer schon mal versucht hat, den Besitzer einer kleinen Wiese hinter der Pferdekoppel bei Gräfen-Nitzendorf zu ermitteln, der weiß, dass das praktisch kaum möglich ist.

Das Ziel: Ein verantwortungsvoller Umgang mit Natur und Bergen!

Meiner Ansicht nach wäre das auf jeden Fall einen Versuch wert. Denn ich bin ebenfalls der Meinung, dass Menschen am besten durch direktes Erleben der Natur eine gesunde Verbindung zu ihr entwickeln können. Auch wenn es hier und da zu „Kollateralschäden“ kommt, wäre das immer noch besser als die umgekehrte Lösung: nämlich „die Städter aus den Wäldern und Fluren herauszuhalten“.

Das wird laut Zeit-Autor Nils Erich „der Natur auf Dauer noch weniger helfen, als sie in Scharen hereinzulassen. Letztlich verkennt die Abwehr eines solchen Begehrens auch, dass es nicht Zeltende waren, die das Umland in eine prekäre Lage gebracht haben: Insektensterben, verunreinigte Flüsse, saurer Regen, nitratbelastete Böden sind systemische Auswirkungen der Wirtschaftsweise von Industrie und Landwirtschaft.“

Fazit

Es mangelt beim Thema „überlastete Berge“ weder an Diagnosen noch an Erklärungen oder an Lösungsvorschlägen. Trotzdem lässt sich weder ein einheitliches Lagebild erstellen noch ein allumfassendes und „richtiges“ Urteil fällen. Dafür lassen sich jede Menge Diskussionsanstöße finden, die immer mehr Menschen zu einem verantwortlichen Umgang mit den Bergen und der Natur anregen können. Und damit wäre schon viel erreicht.

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