Bergfreunde

Berge Denken: Alpine Konferenzen von 1876 bis 2015

19. Juni 2015

Sportart

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Der Internationale Alpine Kongress 1878, Fontainebleau.

Im Jahre 1876 lud der noch junge Französische Alpenverein, der Club Alpin Français, die anderen europäischen alpinen Vereinigungen zum 1. Internationalen Alpinen Kongress in das Alpenstädtchen Annecy. Drei Tage lang trank man mit Bergsteigern aus der Schweiz und Italien auf das Wohl des Alpinismus. Man lauschte wissenschaftlichen Vorträgen zu diversen alpinen Themen und ging gemeinsam auf Ausflüge in die Umgebung. Alle Teilnehmer fanden an dem Treffen von Annecy so viel Gefallen, dass die internationalen Alpinen Kongresse bald regelmässig abgehalten wurden.

Das Bergsteigen und das Wissen um die Berge war ein Gegenstand, so war man sich einig, der auf internationaler Ebene diskutiert werden musste. Bald schon nahmen alle wichtigen europäischen Vereinigungen sowie auch Vertreter der Alpenklubs aus den USA, Japan und Neuseeland an den Konferenzen statt. Es wurden allgemeine Resolutionen verabschiedet und Empfehlungen rund um den Bergsport abgegeben. So entschied man zum Beispiel 1900 in Paris, dass Alkoholkonsum eher zum Schaden des Bergsteigers als zur Heilung von Höhenkrankheit gereicht. Während die oft ausschweifenden Festessen und die Exkursionen gut besucht waren, fand der eine oder andere Vortrag zur Gletscherkunde vor eher kleinem Publikum statt.

Zwischen den Kriegen: Vom Alliierten Alpinistenkongress bis zur UIAA

Nachdem der Erste Weltkrieg die alpine Gemeinschaft auseinander gebrochen hatte, fand 1920 ein Kongress der Alliierten Mächte in Monaco statt, natürlich ohne der Teilnahme des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DOeAV). Wie auch in den Jahren vor dem Krieg diskutiere man Fragen des Naturschutzes, der gegenseitigen Anerkennung von Hüttenvergünstigungen, derlei Wissenschaftliches rund um das Thema Gletscher aber auch praktische Fragen zur alpinen Ausrüstung, Sicherheit und Führerwesen. Der französische Alpenverein, einst die treibende Kraft des alpinen Internationalismus, verlor jedoch das Interesse an den internationalen Kongressen. Erst in den dreissiger Jahren schlugen die Verbände aus Polen, Bulgarien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei vor, man sollte doch wieder zusammenkommen und endlich die so lange geforderte internationale alpine Organisation gründen.

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Die UIAA: Resultat der alpinen Kongresse.

Das fehlende Interesse des größten Alpenvereins, des DOeAVs, der weder an Konferenz noch an einer internationalen Organisation interessiert war, stand dem Enthusiasmus der anderen nicht entgegen. Nach zwei Kongressen im polnischen Zakopane und in Budapest wurde die UIAA (l’Union Internationale des Associations d’Alpinisme, heute die International Climbing and Mountaineering Federation) 1932 in Chamonix gegründet.

Mit der Gründung der UIAA, welche sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufrappeln musste, hatten sich die Internationalen Alpinen Kongresse überlebt. Die Treffen der UIAA Generalversammlungen und der verschiedenen Kommissionen übernahmen die Arbeit. Schon längst war das „alpine Wissen“ zu vielschichtig, um auf einer einzigen Konferenz diskutiert zu werden.

Thinking Mountains 2015

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Auf Exkursion, vor historischer Kulisse. Foto: M. Sanseverino

Und doch blieb der Gedanke, dass Berge eine besondere Lebenswelt darstellen, deren Erkundung und Erforschung Wissenschaftler und Praktiker aus den verschiedensten Gebieten vereint. Dieser Ansatz verbindet auch die Mitglieder der Canadian Mountain Studies Initiative der Universität Alberta. Im Mai diesen Jahres luden sie zur zweiten Thinking Mountain Conference in den Jasper Nationalpark ein.

Der Ausgangspunkt der Thinking Mountain Conference war natürlich ein etwas anderer als derjenige der alpinen Kongresse. Nicht Vertreter der Alpenvereine, sondern Geistes-, Sozial-, und Naturwissenschaftler kamen zusammen, um über Themen zu diskutieren, die von religiöser Identität im Himalaya bis zum deutschen Bergfilm und Bergtourismus in den Anden reichten. Mein Vortrag war das Thema dieses Beitrages: Alpine Kongresse und die Institutionalisierung von alpinem Wissen.

Klettern nach der Konferenz...

Klettern nach der Konferenz…

Ähnlich der Konferenzen des neunzehnten Jahrhunderts wurden die wissenschaftlichen Vorträge mit Exkursionen in die spektakulären Kanadischen Rocky Mountains und gemeinsamen Abendessen abgerundet–mit dem Unterschied, dass die Vorträge auch wirklich gut besucht waren.

Welche Themen sind neu im 21. Jahrhundert, welche alten sind geblieben? Naturschutz und nachhaltiger Tourismus sind Klassiker, die auch im 19. Jahrhundert schon Beachtung gefunden haben. Das Interesse an Gletschern ist durch die Debatte um den Klimawandel wieder erweckt, auch dieser historische Trend war Thema eines Vortrages. Viel Beachtung geben Historiker und Anthropologen heutzutage den Stimmen, die in der Geschichtsschreibung untergegangen sind, so zum Beispiel Native Americans, die europäische Siedler als Führer in die Rocky Mountains begleitet haben.

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Souvenir einer außergewöhnlichen Konferenz.

Fünf Tage lang rund um das Thema Berg! Die Thinking Mountain Conference war eine ganz besondere Veranstaltung,  auch dank der unglaublichen Bemühungen des kanadischen Organisationsteams. Viele der Teilnehmer waren natürlich auch aktive Bergsportler und Kletterer, so verstand man sich auch außerhalb der akademischen Diskussionen gut und fand schnell einen Kletterpartner für einen Ausflug in die Umgebung. Nun heisst es sich auf das Jahr 2018 freuen, wenn es zum dritten Mal heisst: Berge denken! 

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