Ausrüstung

Bandschlingen: Nylon vs. Dyneema

17. Oktober 2015

Kategorie

Mehrere Bandschlingen

Ein bunter Strauss an Sicherheit

Wer kennt es nicht: man möchte so gerne mal wieder Äpfel mit Birnen vergleichen. Und auch dieses Mal wird man schnell feststellen können, dass es sich in beiden Fällen um eine Frucht handelt, es aber dennoch den ein oder anderen wesentlichen Unterschied gibt.
Ähnlich verhält es sich auch mit den chemischen Materialien Polyamid (PA) und Polyethylen (PE). Beide kommen im Bergsport zum Einsatz und aus beiden werden Rundschlingen (Bandschlingen) hergestellt.

Wir erklären Dir, welche Eigenschaften das jeweilige Material mit sich bringt, worin die entscheidenden Unterschiede liegen und wann Du in der Praxis besser zur Birne greifst, um am Ende nicht doch in den sauren Apfel beißen zu müssen.

Welche Bandschlingen gibt es überhaupt?

Die dicken (Nylon)

Da gibt es einmal die breiten, gefühlt schon immer da gewesenen, Bandschlingen aus Polyamid, genau genommen Polyamid 6. Erstmals fand dieses im Bereich des Bergsports Anfang der 1940er Jahre Verwendung.

Damals wurden in den USA unter dem heute noch gängigsten Handelsnamen Nylon die ersten dynamischen Kletterseile auf den Markt gebracht. Aus dem gleichen Material werden bis heute Bandschlingen und Reepschnüre gefertigt.

Nylon-Schlingen gibt es am Meter, vernäht zur Rundschlinge oder als Express-Schlinge. Die Anzahl der Linien in der Mitte gibt die Belastbarkeit an. 1 Strich steht für 5 kN.

Flasche Bier mit Bandschlinge an Rucksack angebunden

Für Leute, die am Berg gerne Glasflaschen dabei haben

Die dünnen (Dyneema)

Dann gibt es aber auch noch diese neuen, hauchdünnen Schlingen. Das sind die, die Du immer ganz vorsichtig und behutsam belastest, weil der Kopf Dir sagt: „ganz schön mutig müssen wir heute wieder sein, wenn wir unser Leben an dieses dünne Ding hängen“. Sie werden aus Polyethylen gefertigt, sie sind seit Ende der 1990er Jahre im Bereich des Bergsportmarktes zu kaufen und sind meist unter dem Handelsnamen Dyneema“  als Schlingen sowie Reepschnüre zu finden.

Polyethylen-Fasern sind dabei so glatt, dass es nicht möglich ist, sie einzufärben oder zu knoten. Daher erkennst Du sie ganz einfach an ihrem strahlenden Weiß und sie sind immer vernäht und damit als Runschlingen oder Express-Schlingen zu haben. Viele haben inzwischen einen farbigen Rand. Hier handelt es sich dann um Nylon-Fäden, daher spricht man hier auch von Mischgewebe. Aber der Polyethylen-Anteil ist wesentlich höher.

Polyamid versus Polyethylen. Oder doch eher im Kollektiv?

Nun gibt es Bandschlingen in allen erdenklichen Variationen. Kurze Schlingen, lange Schlingen, dicke Schlingen, dünne Schlingen, die Gelben, die Schwarzen, die Grünen, die Roten. Vorweg schon mal die wichtigste Gemeinsamkeit – zugleich eine beruhigende Eigenschaft – die alle für den Bergsport hergestellten, vernähten Textilien besitzen: Sie erfüllen die europäische Norm (EN) 566, welche eine Mindestbruchkraft von mindestens 22 KN vorschreibt. Dies gilt sowohl für Expressschlingen, als auch für Rundschlingen – egal ob Dyneema oder Nylon.

Das bedeutet für die Praxis: beide Materialien können für Deine nächste Klettertour ruhigen Gewissens mit ins Gepäck. Eine geeignete und mit Sicherheit genormte Auswahl findest Du hier. Und es macht durchaus Sinn beide dabei zu haben. Warum? Erzählen wir Dir jetzt:

Der alte Bekannte Polyamid

Polyamid ist im Vergleich zu Polyethylen schwerer, hat eine geringere Zug- und Schnittfestigkeit aufzuweisen und nimmt Nässe auf. Hört sich erst einmal nicht unbedingt nach einer Kaufempfehlung an. Dennoch hat Polyamid auch Eigenschaften, die es für Dich durchaus interessant werden lässt. Polyamid ist elastischer als Polyethylen und kann dadurch mehr Energie aufnehmen. Schlingen aus Polyamid sind zudem kostengünstiger als Dyneema-Schlingen und bieten den eingangs erwähnten Vorteil, breiter zu sein. Vorteil deshalb, da die Polyamid-Schlinge, am Standplatz eingesetzt, Deinem an allen erdenklichen lebenserhaltenden Maßnahmen arbeitenden Gehirn in schwindelerregender Höhe ein Plus an Sicherheit suggerieren kann. Ein nicht zu unterschätzender Faktor in ausgesetzten Mehrseillängen-Touren.

Edelrid Nylon 16mm

Edelrid Nylon 16mm

+ ist elastischer und nimmt somit mehr Energie auf
+ ist kostengünstiger
+ ist breiter und kann dadurch hilfreich für die Psyche sein
+ gibt es in ganz vielen Farben, was die Logistik am Standplatz erleichtern kann

– ist etwas höher im Gewicht
– Zug- und Schnittfestigkeit liegen etwas niedriger
– nimmt mehr Nässe auf

Dein neuer bester Freund Polyethylen

Gleichzeitig stellt die „Dicke“ der Polyamid-Schlinge in anderen Situationen auch einen ernsthaften Nachteil dar. So zum Beispiel, wenn Du in Deiner Tour mit zitternden Beinen vier Meter über dem letzten Haken die Sanduhr Deines Lebens entdeckst, sie aber nicht fädeln kannst, weil Deine letzte verbleibende Schlinge zu breit ist, um sie durch den schmalen Spalt zu fummeln. Hierfür eignen sich die dünnen Dyneema-Schlingen hervorragend. Obendrein besitzen Schlingen aus Polyethylen trotz des geringeren Durchschnitts eine sechs- bis siebenmal höhere Kantenstabilität als das Pendant aus Polyamid (vgl. Berg und Steigen 3/12). Gerade die Kantenstabilität (auch Schnittfestigkeit) ist beim Legen von Sanduhr- oder Köpflschlingen ein wichtiger Aspekt, weshalb Polyethylen in diesem Anwendungsbereich Polyamid vorzuziehen ist.

Ocun - O-Sling DYN 11 mm

Ocun – O-Sling DYN 11 mm

Polyethylen ist ausschließlich in vernähter Form zu kaufen,  da ein Knoten wegen ihrer rutschigen Oberfläche nicht halten würde. Ebenso musst Du dir keine Sorgen machen, dass sich die Bruchlast Deiner Dyneema-Schlinge bei einem möglichen „Laufen“ des Knotens aufgrund von Hitze und des geringen Schmelzwertes von Polyethylen wesentlich verringert.

Bei den dünnen Polyethylen-Bandschlingen (6-8 mm) sollte man ein besonderes Auge auf den Alterungsprozess haben. Durch das niedrige Gewicht und ihren geringen Durchmesser altern sie schneller und verlieren früher und schneller an Bruchlast als ihre breiteren „Freunde“ oder Bandschlingen aus anderen Materialien. Versuche haben gezeigt, dass bereits nach 3-5 Jahren die Bruchlastwerte auf 13-15kN gesunken waren (Bergundsteigen 3/2014). Wenn dann noch ein Knoten drauf kommt (reduziert die Bruchlast um 60%), sinkt der Bruchlastwert in einen grenzwertigen Bereich.

Man kann die rutschige Eigenschaft von Dyneema auch nutzen und durch richtiges Knoten eine vernähte Dyneemaschlinge zu einem Stoßdämpfer umfunktionieren, aber das ist eher was für Spezialisten und sollte ihnen überlassen bleiben. Und auch hier gilt die Faustformel, dass ein Knoten die Bruchlast der Schlinge halbiert.

+ hat eine höhere Kantenstabilität
+ passt auch in die kleinsten Sanduhren (wenn man das will)
+ nimmt weniger Wasser auf, was fürs Eisklettern interessant ist
+ ist sehr leicht

– Schnellere Alterung und ein Nachlassen der Bruchlastwerte
– gibt es nur vorgefertigt als vernähte Rundschlinge
– geringerer Schmelzwert
– gibt es nur in weiß, wer es bunt mag, hat ein Nachsehen

Das Kollektiv

Mammut - Contact Sling Dyneema 8 mm

Mammut – Contact Sling Dyneema 8 mm

Nun zum Kollektiv: Rundschlingen gibt es auch als Mischgewebe, welches Polyamid und Polyethylen miteinander verbindet. Sie sind sozusagen die Allrounder unter den Schlingen und eignen sich für alle besprochenen Anwendungsbereiche. Inklusive Vor- und Nachteilen.

Man erkennt sie ziemlich gut an ihrer Farbgebung und Stärke. Sie haben häufig einen hohen Weißanteil, sind dabei sehr schmal, wie das Beispiel im Bild von Mammut. Die Bandschlinge bringt gerade mal 8mm aufs Maßband, ist aber auch mit einem roten Band gewoben, das kein Dyneema sein kann.

Knoten, Wind und Wetter

Zuletzt noch zwei Hinweise, die Du im Hinterkopf behalten solltest: Knoten können die Festigkeit von Schlingen um bis zu 60% reduzieren. Dies gilt sowohl für Polyethylen, als auch für Polyamid.

Problematisch für beide Materialien, generell für textile Produkte, sind dauerhafte Installationen und damit einhergehende witterungsbedingte (UV-Strahlung, Nässe), aber auch dem häufigen Gebrauch (Abrieb, Anzahl der Stürze) geschuldete Verschleißerscheinungen, wobei hier Polyamid etwas beständiger ist als Polyethylen. Wir empfehlen Dir daher Fix-Exen, fixe Sanduhrschlingen, usw. mit größter Vorsicht zu genießen und vor Gebrauch genauestens unter die Lupe zu nehmen. Im Zweifelsfall gilt wie immer „saftey first“, Deine Gesundheit und Dein Kletterpartner werden es Dir auch dieses Mal danken.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass sowohl Polyamid als auch Polyethylen, ebenso wie Apfel und Birne, ihre Daseinsberechtigung haben. In der Kombination sind sie nicht nur geschmacklich wertvolle Begleiter bei Deiner nächsten Tour, sondern leisten Dir richtig eingesetzt auch treue Dienste in Sachen Sicherheit am Fels.

Zahlenfreaks und Sicherheitsjunkies seien die DAV-Panorama (5/2014) und ein Beitrag von Chris Semmel in der Bergundsteigen (3/2012) ans Herz gelegt. Hier wird ausführlich zum beschriebenen Material Stellung bezogen.

Und noch etwas

Inzwischen gibt es in der Familie der Rundschlingen ein weiteres Mitglied: Die vernähte 6mm Reepschnur aus Aramid (Kevlar) von Edelrid. Diese Reepschnur hat mit 22kN eine wesentlich höhere Bruchslast als herkömmliche Reepschnüre (7,2 kN bei 6mm). Außerdem ist sie die erste vernähte Reepschnur und damit auch als Rundschlinge nutzbar. Die Schlinge ist durch ihre Machart recht steif, was sie hervorragend zum Fädeln von Sanduhren eignet und auch fürs Fädeln im Eis. Wie man in den Produktbewertungen auf der Produktseite sieht, hat sie hier schon einige Fans gefunden.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artkel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 17.11.2015 überarbeitet.

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