Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

Aufräumen am Mont Blanc – Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

22. September 2016

Sportart

Einfach aufs Rad steigen und losfahren. Ohne ein wirkliches Ziel – einfach treiben lassen. Berge genießen, den einen oder anderen Wettkampf bestreiten und nächtigen wo es gerade passt. Hört sich doch verdammt gut an, oder? Sven Kopf heißt der Mann, der sich diesen Traum verwirklicht hat. Mit seinem eigens angefertigten Rad und einem Lastenanhänger ist er gerade unterwegs in den Alpen und hat mit seiner Aufräumaktion im Refuge de Vallot am Mont Blanc einiges an Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir haben Sven zum Interview gebeten und ihn gefragt, wie er auf die Idee für die Aktion gekommen ist und wie es ihm auf Tour so ergeht…

Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

Unterwegs mit Sack und Pack.

Hallo Sven, schön, dass du unsere Einladung zum Interview angenommen hast. Wenn ich die Informationen auf deiner Facebook-Seite richtig gelesen habe, bist du seit Juni mit Mountainbike und Lastenanhänger unterwegs und tingelst durch die Lande. Was hat dich zu dieser Reise inspiriert?

Inspiriert haben mich wohl meine Reisen, die ich schon gemacht habe. Wenn man mit dem Reisen einmal angefangen hat, ist es schwer wieder davon los zu kommen. Mit Reisen meine ich auch wirklich Reisen und eben keinen Urlaub. Ich denke, wenn man so 6-12 Monate unterwegs war packt es einen erst so richtig!

Du schreibst, dass du in jedem Alpenland den höchsten Berg besteigen und an möglichst vielen sportlichen Wettkämpfen teilnehmen willst. Zugspitze, Großglockner und Mont Blanc sind ja schon im Sack – wohin geht es als nächstes?

Ich hab meinen Hänger in Österreich gelassen und wollte eigentlich nur für eine Woche zum Mont Blanc, da ich jemand gefunden hatte, der auch auf die Budget-Variante hoch wollte. Auf dem Rückweg war das Wallis so nahe, dass ich mich spontan dazu entschlossen habe, noch in Zermatt einzukehren. Fürs Matterhorn war es einfach jemanden zu finden, für die Dufourspitze via Cresta Rey hingegen nicht. Ich hab es dann aufgegeben und nach langem hin und her zumindest jemand für den Normalweg gefunden. Danach ging es wetterbedingt direkt ins Aostatal um den Gran Paradiso auch noch mitzunehmen. Ich denke, die meisten wissen jetzt, was ich noch vor habe für diesen Spätsommer, zwei der 7 Summits der Alpen stehen schließlich noch aus.

Sven Kopf im Bergfreunde-InterviewAber eigentlich bin ich kein Freund von sturen Plänen. Wenn mir jemand eine andere nette Tour vorschlägt, bin ich auch nicht abgeneigt und ich hab natürlich auch noch andere Berge außer Zugspitze, Großglockner und Mont Blanc besucht, jedoch haben diese Priorität und alles andere ist für mich Bonus. Ab und zu bereue ich die Sache mit den 7 Summits aber auch, da hier meistens sehr viel los ist und ich kein Freund von Massentourismus bin. Vielleicht werde ich meinen Plan von „dem höchsten Berg“ auf „einen der höchsten Berge“ abwandeln um da ein bisschen flexibler zu sein.

Wie viele Wettkämpfe hast du schon bestreiten können?

Übermäßig viel hab ich bis jetzt noch nicht zusammen bekommen. Ich hab meinen Abschied von Zuhause beim Sonnwendlauf in Seelbach gefeiert, wo ich über die 10 Kilometer nur knapp an meiner fünf Jahre alten Bestzeit vorbei geschrammt bin. Danach war ich gerade pünktlich zum Nebelhorn Berglauf in Oberstdorf. Auf dem Rad hab ich nahe Garmisch ein kleines Bergsprintrennen gefunden und ebenfalls in Flachau im Salzburger Land Rennkilometer gesammelt. Auf der Abfahrt, die auf der 30% steilen Weltcupskipiste stattfindet, bin ich in der letzten Runde und durchs zweitletzten Gate leider noch weggerutscht und hab seit dem ein bisschen Probleme im Daumen und versuche mich deshalb ein etwas zu schonen.

Schonen ist ein gutes Stichwort. Wie steckt dein Körper die Belastung weg? Immerhin ratterst du zwischendurch noch einige Radkilometer ab. Hast du ein bestimmtes Regenerationsprogramm?

Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

Geschlafen wird…

Naja, da ich ja für meine Reise kein Zeitlimit habe, kann ich es meistens gemütlich angehen lassen. Ein bestimmtes Regenerationsprogramm gibt es nicht, ich versuche so gut wie möglich Blockweise zu fahren und zu trainieren mit einem bis drei Tagen Pause zwischendrin. Meistens klappt das ganz gut und wenn nicht ist es auch kein Weltuntergang.

Ab und zu gibt es aber Situationen, in denen ich wetterbedingt oder wegen eines wichtigen Termins ein bisschen aufs Gas drücken muss und immer wieder erstaunt bin, was mein Körper zu leisten im Stande ist. Bestes Beispiel war die Woche mit der Dufourspitze und dem Gran Paradiso. Montagabend – nach einem Regenschauer – ging es drei Stunden mit dem Rad hoch zur Zahnradbahnstation Rotenboden, wo mein Tourenpartner und ich bei Dämmerung ankamen.

Nach ca. zwei Stunden Schlaf ging es um 2:00 Uhr wieder mit dem Rad zum Gornergletscher und ab dort zur Monte Rosa Hütte. Leider war die Orientierung im Dunkeln nicht so gut und wir kannten den Weg nicht, mein GPS-Track war auch noch der alte, weshalb wir erst gegen 7:00 Uhr bei der Hütte waren – nach rund 4 Stunden Gehzeit. Für mich war das viel zu spät und ich war auch nicht gerade schnell unterwegs an dem Tag, mein Mitstreiter ging dann allein auf den ungespurten Gletscher und ich hab es mir auf der oberen Plattje gemütlich gemacht. Leider war dort nur eine Dreier-Seilschaft, die mich nicht mitnehmen wollte (sie waren zu langsam für vier mit nur einem Seil). Ich habe mich dann wieder um 2:00 Uhr aus den Träumen verabschiedet und bin solo hinter ihnen her um sicher über die Spalten zu kommen. Mit nur 55 kg Eigengewicht konnte ich sicher sein, dass die Schneebrücken mich halten.

Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

…. wo es gerade passt.

Auf dem Sattel war dann aber Schluss. Ich hätte mich noch den steilen Hang hinauf getraut, aber allein ohne Sicherung wieder runter war mir zu heiß, besonders da es teilweise Blankeis war. Also bin ich nach acht Stunden wieder ohne Gipfel am Biwak angekommen. Am selben Tag hab ich dann noch ne Zweier-Seilschaft gefunden, die mich mitgenommen hat. Es hieß also zum dritten Mal um 2 Uhr aufzubrechen, nur diesmal kam ich zu meinem wolkenlosen Ausblick vom Gipfel und war nach elf Stunden Gehzeit wieder zurück am Biwak. Am Freitag konnte ich dann das erste Mal ausschlafen und bin danach noch drei Stunden zu Fuß und zwei Stunden mit dem Rad zurück nach Zermatt.

Bis dahin war es eine harte, aber vertretbare Woche und eigentlich Zeit für ein paar Tage Pause. Da der Wetterbericht für den Gran Paradiso aber nur für den Sonntag einen perfekten Gipfeltag voraussagte, musste ich die Regeneration noch ein paar Tage aufschieben. Am Samstagnachmittag bin ich dann von Zermatt nach Täsch gefahren und von dort bis ins Aostatal getrampt (mit Fahrrad). Leider hat das Ganze etwas länger gedauert als geplant und ich bin erst gegen 22:30 Uhr angekommen. Von hier – auf ca. 600 m – bin ich dann aufs Rad gestiegen um nach Pont auf fahren. Immerhin auch 1900 m und 30 km. Glücklicherweise hat mich jemand 12 km vor Pont eingesammelt, sodass ich um 2 Uhr oben war.

Es war leider weder Zeit zum Schlafen, noch zum Kochen. Ich hab den Rucksack gepackt, das Rad versteckt und bin Richtung Gipfel marschiert wo ich nach 4:45 Stunden als Erster ankam. Nach dem Frühstück auf dem Gipfel ging es langsam wieder zurück nach Pont, wo ich versucht habe jemanden zu finden, der mich Richtung Schweiz mitnehmen würde. Nach einer Stunde hab ich es aufgegeben und bin noch 40 km mit dem Rad nach Aosta gefahren, wo ich wieder getrampt bin. Kurz vor Aosta war ich dann soweit, dass ich fast Sekundenschlaf bekommen hatte, konnte mich aber gerade noch retten und hab mir dann zur Belohnung ein Eis gegönnt.

Die Erholung sah dann so aus, dass ich bei der Swiss Epic geholfen habe. Montag beim Bikewash, am Dienstag dann zuerst als Streckenposten und danach beim Abjalonieren (Einsammeln der Wegmarkierung, Anm. d. Red.). Am Dienstag noch auf meinem eigenen Bike und den Rest der Woche auf dem E-Bike mit Shuttleunterstützung von unserem Fahrzeug, wenn möglich. Bestimmt keine perfekte Regeneration, aber die geilen Trails und die coole Stimmung waren es allemal wert!

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So sah es aus im Refuge de Vallot.

Deine große Aufräumaktion am Mont Blanc hat ja große Wellen geschlagen. Kam dir die Idee eigentlich spontan?

Nein, nicht wirklich. Als ich mir ein paar Tourenberichte angeschaut habe, wurde der Zustand des Vallot selten verschwiegen. Ich habe mir damals schon vorgenommen, einen Müllsack mit hoch zu nehmen und ein bisschen aufzuräumen. Natürlich hab ich im Tal aber nicht dran gedacht – geklappt hat es aber auch so. Ich hab das Ganze dann in den Facebook-Gruppen geteilt wo ich normal Tourenpartner suche, aber dass das Ganze so große Wellen schlägt hab ich auch nicht gedacht…

Was dachtest du, als du die Tür am Refuge Vallot geöffnet und das Chaos gesehen hast?

Der ursprüngliche Plan war eigentlich irgendwo dort oben zu biwakieren, als ich mich umgesehen habe, hat jemand schon gesagt, dass es im Vallot ganz in Ordnung ist. Gemeint war der Geruch und es war echt noch in Ordnung, am Eingang hat es nett nach Urin gestunken, drin war mehr oder weniger nur die Sauerei. Ich hab’s mir ehrlich gesagt auch schlimmer vorgestellt, in einem der Berichte stand auch was von Erbrochenem. Das blieb uns zum Glück erspart.

Sven Kopf im Bergfreunde-Interview

Rucksack maximal mit Müll gepackt.

Dein Rucksack und die behelfsmäßig angebrachten Taschen waren bis zum Rand voll mit Müll, wie man auf den Bildern sehen kann. Hast du mal nachgewogen, wie viel du letztlich mitgenommen hast?

Nein, leider nicht. Da ich die zweite Hälfte am Morgen recht früh aufgeräumt habe, war ich eh spät dran. Ich wollte vor Mittag wieder auf der anderen Seite des Grand Couloir sein. Ich kann da nur schätzen. Ich denke, dass es mindestens 6 kg waren. Ich hatte je Seite vier aufgeschnittene 1,5 L-Flaschen und hinten nochmal drei randvolle Plastiktüten.

Wir würden Dir für die Aktion gerne einen Orden verleihen – wenn wir einen hätten. Stattdessen bekommst du von uns einen Rucksack, der dir hoffentlich gute Dienste leisten wird.

Danke für das Angebot, aber ich bin mit meinem 55l und 30l Rucksack perfekt abgedeckt, deshalb würde der Rucksack nur zuhause irgendwo herumliegen und das ist es nicht wert. Ich muss das Angebot also leider ablehnen oder vielleicht ist der Orden auch mit etwas anderem ersetzbar, ich bin aber so ziemlich mit allem ausgerüstet was ich normalerweise brauche, wenn ich nicht gerade wieder was unterwegs verliere.

Dann werden wir deinem Wunsch natürlich gerne entsprechen. Würdest du uns noch einen Blick in deine Ausrüstung gewähren? Was hast du in deinen Taschen und deinem Anhänger dabei?

Da Geld leider die Welt regiert, ist der einzig wirksame Stimmzettel dein Kassenzettel. Deshalb achte ich darauf nur Firmen zu unterstützen, die eine gewisse ethische und nachhaltige Linie fahren, oder, um es konkret zu machen, fast ausschließlich Sachen von Vaude und Patagonia – wenn möglich. Da ich neben dem Radfahren auch noch klettere, wandere, bergsteige und renne kommt da einiges an Material zusammen. Ich habe versucht mit so wenig Material wie möglich, möglichst viel abzudecken. Ein Beispiel wäre mein Salewa Xenon Helm, der einzige den ich gefunden habe der sowohl eine Zulassung als Rad- als auch Kletter-/Bergsteighelm besitzt. Bei den Schuhen geht es auch ins Extreme. Ich habe ein paar alte Keen Click-Sandalen für die warmen Tage, ein paar Shimano MT91 für die kalten und nassen Tage und ebenfalls zum Bergsteigen. Da die Schuhe nicht wirklich für Hochtouren geeignet sind, ich aber keine extra Bergschuhe mitschleppen wollte, musste ich bei den Socken ans Limit gehen. Ich hab ein paar wasserdichte Sealskinz und ein paar Lorpen mit Fleece und Primaloft, es war nicht optimal, hat aber super funktioniert – auch über 4000 m.

Sven Kopf im Bergfreunde-InterviewWeiterhin habe ich noch meine alten ausgerissenen Nike Free dabei. Ich nutze sie, bis sie komplett auseinander fliegen oder ich soweit bin auf festem Untergrund Barfuß zu rennen. Fürs Gelände und längere Wanderungen hab ich noch ein paar Paleos Barfußschuhe komplett aus Edelstahlringgewebe, die nehmen fast keinen Platz weg und schützen die Füße vor fast allem was weh tut. Ein weiteres Highlight ist mein Scrubber Drybag, die kleinste Waschmaschine der Welt, die gleichzeitig als Packsack dient.

Zum Übernachten habe ich meinen Sea to Summit Micro II immer dabei, seit ich 2013 mein halbes Neuseeland-Reise-Budget dafür ausgegeben hab. Super warm und super klein und falls es mal unter die Null Grad geht hab ich noch einen Sea to Summit Reactor Inlet, bis jetzt hat das immer gereicht. Neu für diese Reise ist meine Thermarest NeoAir Xtherm, 200g leichter und doppelt so klein wie meine alte Thermarest. Es ist keine billige Anschaffung gewesen, aber die Matte ist jeden Cent wert, perfekt für alle Jahreszeiten und wohl eher zu warm als zu kalt, ich hab damit auch schon auf einem Gletscher übernachtet und keine Kälte von unten gespürt. Abgerundet wird das Ganze von meinem Vaude Powerlizard 1-2p Zelt, aber meistens schlafe ich im Freien, unter irgendwelchen Dachvorsprüngen, anderen trockenen Plätzchen oder unter meinem Tarp, dass über meine Fizan Compact Stöcke oder übers Rad gespannt wird.

Gezogen wird alles von einem Stahlrahmen der extra von Kai Bendixen aus Freiburg für mich geschweißt wurde und die meisten Anbauteile sind auch lokal, Vorbau, Sattelstütze und Laufräder von Tune und bremsen tut die neue Trickstuff Direttissima und zwar phänomenal. Der Hänger kommt sogar aus demselben Gebäude wie mein Rahmen, jedoch von Toutterrain. Bei der Schaltung kommt man in allen Belangen wohl nicht an Shimano vorbei, ich hab mich jedoch für 3×9-fach mit 20z als kleines Kettenblatt entschieden.

Hast du auch etwas dabei, was nostalgischen Wert hat? Ein Maskottchen vielleicht?

Ne, ich schleppe sowieso schon zu viel mit mir herum. Das einzige mit nostalgischem Wert ist wahrscheinlich mein Schweizer Taschenmesser, das mich bis jetzt überall hin begleitet hat, fast täglich im Einsatz ist und schon um die 15 Jahre auf dem Buckel hat.

Wie fest steht deine Route? Tatsächlich zum Nordkap, wie du im Juni gepostet hast oder lässt du dich doch eher treiben?

Der Zug ist schon lang abgefahren…

Bis ich meine sieben Sachen zusammen hatte, lag ich schon knapp zwei Monate hinter meinem geplanten Abreisedatum. Dazu kommt, dass ich auf dem Weg zur Zugspitze schon sehr lange gebraucht habe, weil es einfach so viel zu sehen gab. Ich hab mich dann dazu entschlossen den restlichen Sommer in den Alpenländern zu verbringen und die Idee mit dem Nordkap um ein paar Monate oder Jahre nach hinten zu verschieben. Treiben lasse ich mich eh immer, ich plane nicht viel und überlasse viel dem Zufall, so ist das Leben am einfachsten.

Wenn du mal irgendwann im schönen Kirchentellinsfurt vorbei kommst, dann sag Bescheid. Wir haben bestimmt noch ein Crashpad zum Übernachten für dich frei. Ansonsten bleibt mir nur, dir weiterhin alles Gute zu wünschen. Ich werde deine Reise auf jeden Fall verfolgen.

Danke für die Einladung, ein Crashpad wäre fast schon zu viel Luxus! ;)

Solltest Du dennoch mal da sein, melde dich! Ansonsten wünschen dir die Bergfreunde für deine Reise weiterhin alles Gute. Wenn ihr Sven auf seiner Reise begleiten wollt, dann schaut doch mal auf seinem Facebook-Channel Challenging the World vorbei – er wird sich über ein Like sicher freuen!

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