Bergfreunde

Auf Tour im Himalaya – Abenteuer am Mera Peak – Teil 2

11. Dezember 2015

Sportart

Robert vor der herrlichen, wilden Kulisse des Mera Peaks

Herrliche, wilde Kulisse des Mera Peaks

Letzte Woche haben wir im ersten Teil von Bergfreund Roberts Reisebericht erfahren, wie sie sich auf den Weg nach Nepal machten, den Mera Peak zu besteigen. Wir erfuhren mehr über die Ankunft in Kathmandu mit seinen vielseitigen Eindrücken und einen spannenden Flug nach Lukla.

Dann machten sich die ersten gesundheitlichen Probleme bei Robert bemerkbar, waren aber gleich wieder überwunden und die Akklimatisation konnte weiter gehen. Im zweiten Teil geht es nun zum Basislager und den anschließenden Versuch, den Gipfel zu besteigen. Ein ehrlicher und persönlicher Bericht über eine sehr bewegende und einprägsame Reise.

Training und Wetterwechsel

Im Tangnag nutzten wir einen Ruhetag, zum Training mit der Steigklemme. Ca. 15 Meter kletterten wir einen kleinen Fels am Seil, um den Umgang mit der Steigklemme zu vertiefen. Oben angelangt mussten wir noch zeigen, dass wir des Abseilens mächtig sind. Für gestandene Kletterer aus dem Elbsandsteingebirge natürlich kein Thema. Ein Nicken unseres Climbing Sherpas Kaila bedeutete dann auch, dass wir tauglich waren. Gegen Mittag wurde das Wetter schlecht, schlechter als sonst. Normalerweise kamen ab 11 Uhr mittags erste harmlose Wolken, die gegen Ende des Tages immer dichter wurden. Diesmal war es anders. Schneegraupel setzte ein, der Wind wurde stärker. Irgendwie ahnten wir, dass was nicht stimmt. Aber: Jeder Tag ist neu, auch beim Wetter! Hofften wir.

Am nächsten Tag wachten wir nicht wie sonst bei blauem Himmel auf. Schon morgens hingen die Wolken auf Kopfhöhe und sahen bedrohlich aus. Trotzdem blieben wir den ganzen Tag trocken, als wir zur letzten Lodge auf unserem Weg nach Khare aufstiegen. Der Weg nach Khare führte uns auf 4800 m (laut Karte 5000 m) und war recht anstregend, da die letzten 200 Hm ziemlich steil waren. Am Nachmittag stiegen wir außerdem auf einen kleinen Berg, der ca. 5100 m hoch war. Ziemlich souverän stiegen wir langsam, aber stetig nach oben und ich bekam ein immer besseres Gefühl. Hier bin ich richtig, dachte ich mir. Die Laune war auf Höchstniveau, der Mera Peak für mich in dem Moment zum Greifen nahe.

Das letzte Lager

Am nächsten Morgen gingen wir für unsere Akklimatisation ein Stück des Weges zum Basecamp. Bis 5200 m fühlte ich mich sehr gut und war sogar überrascht, wie gut ich mich fühlte. Dann plötzlich wie vom Blitz getroffen, erlitt ich einen Leistungsabfall und fühlte mich total schlapp. Gleichzeitig verschlechterte sich das Wetter. Immer dichtere Wolken stiegen auf, die Sonne war inzwischen gänzlich verschwunden und es wurde kalt. Mehr schlecht als recht stiegen wir den steilen Weg wieder ab.

In der Lodge sprachen wir über den Tag und wie suboptimal es bei uns lief. Richtig fit fühlte sich niemand von uns und das schlechte Wetter drückte auf die Stimmung. Irgendwie waren die guten Schwingungen vom Abend davor gänzlich verschwunden und unsere Nervosität war deutlich spürbar. Zudem sagte der Wetterbericht viel Neuschnee voraus, was mit Schneestürmen einherging. Es wurde darüber diskutiert, einen Versuch zum Gipfel abzusagen, ohne es überhaupt versucht zu haben. Jetzt im Nachhinein schätze ich, dass die Höhe auf uns, insbesondere unsere Psyche, einen hohen Einfluss hatte. Nicht umsonst sagt man, dass mit der Höhe die Moral nachlässt. Dass dies auf knapp 5000 m schon so ist, hätte ich nicht erwartet, zumal bisher fast alles wie am Schnürchen lief. Wir trafen an diesem Abend keine Entscheidung, sondern verschoben sie auf den nächsten Morgen.

Ich fühlte mich schlecht, zweifelte sehr an mir und verlor jegliche Lust, diesen Berg zu besteigen, für den ich so hart trainiert hatte. Mit diesem Gefühl ging ich deprimiert ins Bett. Doch das Schlafen fiel mir in der Höhe sehr schwer. Im Schlaf fiel ich in meinen gewohnten Atem-Rhythmus zurück, der jedoch in dieser Höhe für die Sauerstoffaufnahme nicht reichte. Immer wieder wachte ich auf und schnappte panisch nach Luft. Durch die dünnen Wände in den Lodges konnte ich hören, dass es den anderen Bergsteigern rings herum auch so ging. Das beruhigte mich ein wenig.

Der Gipfelversuch

Am nächsten Morgen öffnete ich die Tür meines Zimmers und wurde von einem wolkenlosen blauen Himmel begrüßt. Verdammt! Gerade wollten wir abbrechen, weil das Wetter so schlecht war, und nun das. Etwa 10 cm Neuschnee lagen mir zu Füßen – wie viel Neuschnee gab es dann oben auf dem Berg? Keiner wollte so recht eine Entscheidung treffen, nur Claus stand da und wartete, dass es los geht. „Also scheiß drauf! Weswegen sind wir denn überhaupt hier?! Los geht’s!“

Der Blick aus der Lodge am Morgen – auf geht’s zum Hochlager

Der Blick aus der Lodge am Morgen – auf geht’s zum Hochlager

Schnell packten wir unsere Sachen zusammen. Noch schnell Frühstück essen und viel Tee trinken, und dann ging es auch schon los. Langsam stiegen wir den Weg vom Tag zuvor auf. Jetzt sah der Weg ganz anders aus und war sehr glatt vom Schnee. Irgendwie kam ich nicht richtig in Fahrt – aber gut, das war bisher immer so und nach einer halben Stunde liefs meist besser. Also redete ich mir gut zu und machte mir selber Mut. Aber es wurde einfach nicht besser. Ich fühlte mich wieder schlapp und abgeschlagen. Nein! Ich hatte so viel trainiert und investiert, das kann nicht sein, nicht jetzt! Ich war doch der Fitteste im Team. So viel wie ich hatte keiner trainiert – war das vielleicht der Fehler?! Ich trat mir imaginär selber in den Hintern und machte mich damit nur noch mehr verrückt. Matthias hörte mich schnaufen und merkte, dass ich Probleme hatte. Auch er redete mir gut zu. Ich sagte ihm ganz ehrlich, dass ich mich nicht fit fühlte. Wir redeten kurz drüber und er sagte mir, dass ich mir keinen Stress machen solle und wenn es nicht geht, ich einfach absteigen könne. Nichts sinnlos riskieren sollte die Devise sein, aber davon will ich in dem Moment nichts wissen. Ach was, es geht schon! Aber innerlich spüre ich, dass Matthias recht hat.

Robert und seine Freunde auf dem Weg zum Gipfel

Robert und seine Freunde auf dem Weg zum Gipfel (Foto: Thorsten Kutschke)

Eine schwere Entscheidung

Immer deutlicher spürte ich, dass ich gegen Windmühlen kämpfte. Das war einfach nicht mein Tag oder was auch immer gerade nicht stimmte. Jetzt war noch die Zeit, wo ich alleine zurückgehen konnte, ohne die anderen aufzuhalten oder, dass einer der Träger mich begleiten müsste. Ich dachte laut darüber nach abzusteigen. Die Anderen redeten mir Mut zu, egal wie ich mich entscheide. Weitergehen und umkehren: beides war mutig, jedoch erforderte ein Rückzug noch mehr Mut, über seinen eigenen Schatten zu springen und sich einzugestehen, dass man zu schwach ist. Ich sah ein, dass ich an dem Tag die knapp 1200 Hm zu bewältigenden Höhenmeter in dieser Höhe nicht mehr schaffe würde und traf die für mich enorm schwere Entscheidung, umzukehren.

Ich verabschiedete mich von meinen Kameraden und wünschte ihnen viel Glück. Ich musste mir dabei auf die Lippe beißen, um nicht zu heulen. Ich lief den Trägern entgegen, übernahm mein ganzes Gepäck und reichte Tej, unserem Guide, noch die Salami aus meinem Rucksack, die wir alle gemeinsam im Hochlager essen wollten. Alle redeten mir noch gut zu und versuchten mich zu trösten, aber viel Zeit blieb nicht.

Das war’s! Plötzlich stand ich alleine am Hang und fühlte mich wie ein Feigling. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. So viele Trainingskilometer bin ich gelaufen, habe meine Familie und Freunde aus Dresden dieses Jahr kaum gesehen, weil ich meine Urlaubstage sparen musste. Und der Rest ging für’s Training drauf. Tief von mir selbst enttäuscht setzte ich mich auf einen Stein und verlor mich in meinen Gedanken. Alles umsonst! Dann fiel mir wieder ein, wie mir meine Ärztin sagte, dass ich im Falle eines Abbruchs nicht daran denken solle, was ich alles an Kraft, Zeit und Geld investiert habe. Ich solle vernünftig sein und lieber gesund nach Hause kommen. Leicht gesagt, aber an den Gedanken musste ich mich jetzt wohl gewöhnen. Ich merkte, wie ich immer müder wurde, also stand ich auf und lief den Weg hinunter zur Lodge. Ziemlich kraftlos kam ich an und legte mich direkt in meinen Schlafsack. Nach knappen 300 Gramm Schokolade und schlief ich erst einmal 2 Stunden.

Wenn ich von dem kleinen Auf- und Abstieg mit insgesamt nur ca. 600 Hm schon so erschöpft war, wie wäre es dann erst da oben geworden? Insgeheim wusste ich, dass ich richtig gehandelt hatte, trotzdem fühlte ich mich elend.

Audienz bei seiner Majestät, bei goldenem, mystischen Abendlicht

Audienz bei seiner Majestät, bei goldenem, mystischem Abendlicht

Der nächste Tag

Ich fühlte mich nicht wirklich besser. Tatsächlich fühlte ich mich noch nicht mal in der Lage, einen kleinen Berg hinter der Lodge zu ersteigen. Darum blieb ich im Bett. Gegen 15 Uhr drängte mich dann doch ein Gefühl, endlich aufzustehen. Ich lief um die Lodge herum, um mir einen Tee zu holen, als ich im Augenwinkel Matthias anwanken sah, der gerade vom Mera Peak zurückkam.

Wir umarmten uns und er erzählte in einer völlig erschöpften Stimme, dass sie alle den Gipfel geschafft hatten, aber nie mehr da hoch wollten. Mit Eis und Schnee überzogen, kamen auch die anderen nach und nach an. Als wir wenig später alle am Ofen in der Lodge saßen, wurde ausgiebig erzählt: der lange Weg zum Hochlager auf fast 5900 m. Das Hochlager direkt am Abgrund einer ca. 2000 m abfallenden Flanke. Wie sie die Salami schlachteten und der schlechte Schlaf im Zelt. Wie die Seilschaft Meter um Meter zum Gipfel ging und dabei den Sonnenaufgang sah. Angekommen am Gipfel der Blick auf Mount Everest, Cho Oyu, Baruntse, Island Peak und viele weitere Berge. Das hätte mir auch gefallen!

Abstieg vom Zatre La-Pass

Abstieg vom Zatre La-Pass

Der Weg zurück

Die nächsten drei Tage ging es auf dem selben Weg, den wir gekommen waren zurück nach Lukla. Niemand hatte noch Lust zu laufen, geschweige denn einen Weg, den man bereits kennt. Aber was muss, das muss. Überraschenderweise sah ich den Weg jetzt ganz anders als auf dem Hinweg. Das Wetter besserte sich, die Sonne schien und die Vegetation veränderte sich herbstlich schön. Rote Heide und gefärbte Bäume umgaben den Weg und alles war für mich eine wahre Freude. In den tieferen Ebenen um 4300 und 3800 Metern konnte ich endlich wieder durchschlafen und merkte, wie ich immer mehr Energie auftankte. Je mehr wir abstiegen, umso besser wurde auch die Laune der anderen. Es gab nie Streit, aber die Anspannung, die in der Luft gelegen hatte, verschwand mit jedem Meter, den wir abstiegen und das Essen schmeckte (fast) immer besser.

Erklärtes Ziel war, in Lukla ein Stück Apfelkuchen zu essen und Kaffee und Bier zu trinken. Vor allem die Lust auf frische Nahrung wurde bei uns immer größer. Zunächst mussten wir aber noch den Zatre La Pass auf 4600 m überqueren, der ziemlich viel Schnee aufwies, was unser Vorankommen arg verlangsamte. Umso schneller stiegen wir dafür im Anschluss ab, als der Schnee weg war und Lukla in greifbare Nähe kam.

Geschmacksorgasmus mit Apfelstrudel und Multivitaminsaft

Geschmacksorgasmus mit Apfelstrudel und Multivitaminsaft

Angekommen in Lukla, ging Matthias direkt zum Bäcker und lud mich auf ein herrliches Stück Apfelkuchen ein. Das leckerste Stück Apfelkuchen, das ich je gegessen habe (Sorry Mutti!). Danach folgte die erste Dusche seit zwei Wochen und wir schliefen zum ersten Mal wieder in einem richtigen Bett, mit Decke und Kopfkissen – herrlich.

Am darauffolgenden Tag ging es per Flieger wieder zurück nach Kathmandu. Hier blieben uns noch fünf Tage, die Stadt und die Mentalität der Menschen weiter kennenzulernen.

Ein paar Tage später stellte ich mir die Frage, ob es das alles wert war? Ich kann diese Frage ganz deutlich mit JA beantworten. Die Bilder in meinem Kopf und auf meiner SD-Karte, die neuen Erfahrungen, die Freundschaft zu meinen Weggefährten, dieses Gebirge, dieses Land, diese Mentalität waren es Wert! Und ich bin froh, mich so gezielt vorbereitet zu haben. So weiß ich, dass ich alles versucht habe, um mein Ziel zu erreichen und kann mir nicht vorwerfen, faul gewesen zu sein. Hätte ich etwas besser machen können? Ich weiß es nicht. Vielleicht klappt es das nächste Mal…Jeder Tag ist neu!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Thomas Wolf sagte am 13. Dezember 2015 um 14:59 Uhr

    Hallo Robert,

    mit sehr viel Interesse habe ich Deinen Bericht über den Mera Peak gelesen, weil ich letztes Jahr im Mai 2014 das Glück hatte, bei besten Bedingungen auf diesem Berg stehen zu dürfen; Erinnerungen kamen beim Lesen auf. Ich kenne Deine Gefühle, aber mit Feigheit hat das nichts zu tun. Die wahre Größe eines Bergsteigers zeigt sich in der Niederlage und wie er damit umgeht. Du solltest den Mera Peak deshalb nicht aus den Augen verlieren, der Berg läuft nicht davon. … und die Erfahrungen mit Land und Leuten nimmt Dir keiner mehr.

    Viel Erfolg bei Deinen weiteren sportlichen Zielen!

  2. Moal sagte am 13. Dezember 2015 um 16:38 Uhr

    Hallo Robert,
    toller Bericht und tolles Erlebnis.
    Ich war 2014 selbst mit einem Freund auch auf dem Mera Peak – ein unvergessliches Erlebnis.
    Bei Interesse kannst Du hier einen kleinen Bericht finden:
    http://www.moalshome.de/blogs/2014/08/nepal-2014-mera-peak-6654m/
    Hier gibt’s ’n paar Fotos dazu:
    http://www.moalshome.de/fotoalben/nepal-2014/

    LG Moal

  3. Frank Bergmann sagte am 22. April 2016 um 10:29 Uhr

    Hallo Robert,
    ein sehr, sehr interessanter Bericht. Ich kann gut nachvollziehen wie Du Dich gefühlt hast, als Du umkehren musstest. Mir ist es 2010 und 2012 am Elbrus auch so gegangen. Aber am 14.07.2015, 09:45 habe ich es dann doch geschafft. Du weißt sicher, was ich meine, wenn ich sage es hat Suchtpotential!!! Ich könnte schon wieder. Ich hab ein Buch darüber geschrieben und beim Lesen darin, muss ich immer wieder heulen.
    Dein Bericht hat mich sehr neugierig auf Nepal, den Himalaya und den Mera Peak gemacht.
    Vielleicht treffen wir uns ja auf dem Gipfel!
    LG Frank (dem Sachsen in Berlin)

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