Bergfreunde

Auf Tour im Himalaya – Abenteuer am Mera Peak – Teil 1

4. Dezember 2015

Sportart

Robert und seine Freunde sind bereit für den Mera Peak

Robert und seine Freunde sind bereit für den Mera Peak (Foto: Matthias Jäger)

Vor ein paar Wochen haben wir über die Vorbereitungen unseres Kollegen Robert für die Besteigung des Mera Peak (6,476 m) in Nepal berichtet. Inzwischen ist er von seiner Tour zurück und hat einen großen und vollen Sack an Eindrücken und Erfahrungen mitgebracht. So viele, dass wir seinen Reisebericht in zwei Teile teilen mussten.

Im ersten Teil erfahrt Ihr, wie Robert und seine Freunde nach Nepal kamen, die ersten Eindrücke von dem Land und die Anpassung an die Höhe. Ganz zu schweigen von einer Landung auf der gefährlichsten Landebahn der Welt.

Im zweiten Teil erfahrt Ihr dann, ob der Gipfel geschafft wurde und was man alles aus so einer Tour lernen kann. Aber zunächst viel Freude mit dem ersten Teil.

Mit ziemlich hohen Erwartungen stieg ich Anfang Oktober ins Flugzeug Richtung Nepal auf dem Weg zum Mera Peak. AsienKathmanduHimalaya, diese Begriffe gingen mir die ganze Zeit durch den Kopf. Wer hätte gedacht, dass ich aus meiner Komfortzone einmal heraus komme und sowas unternehme? Einfach machen! Ich hatte ja auch gute Freunde an meiner Seite, mit denen ich dieses tolle Ereignis teilen konnte.

Der erste Vorgeschmack einer asiatischen Großstadt: fremd und doch vertraut

Der erste Vorgeschmack einer asiatischen Großstadt: fremd und doch vertraut

Nach einem recht langen Flug mit einem siebenstündigen Aufenthalt in Abu Dhabi landeten wir spät am Abend in Kathmandu. Die Luft war sonderbar dick und warm, aber schon bald stellte sich ein gutes Gefühl ein – wusste ich doch, dass mich jetzt etwas komplett Neues erwartet. Und schon ging’s los. Schnell das Visum bezahlt und erhalten, weiter zur Gepäckausgabe – hoffentlich ist alles da. Was wenn was fehlt? Ohne isolierte Schuhe und Steigeisen hätten wir direkt wieder ins Flugzeug steigen und zurück fliegen können. Aber da, die erste grüne Tasche ruckelte auf dem Fließband auf uns zu. In der vollen Halle wurde die Luft immer schlechter, Deckenventilatoren drückten die schlechte Luft zu uns herunter und die Klinkerwände des Flughafens erinnerten an vergangene Zeiten aus der brandenburger Region der ehemaligen DDR. Das war also unser erster Vorgeschmack auf eine asiatische Großstadt: Fremd und doch vertraut.

Am Ausgang erwartete uns Tej, unser Guide. Mit ihm hatten wir unsere Reise geplant und er würde uns die kommenden Wochen begleiten. Mit einem herzlichen Namasté und aneinander gelegten Händen wurden wir begrüßt und bekamen sogleich eine Blumenkette umgehangen – wie im Märchen. Im Hotel angekommen, machten wir es uns bei einer Flasche Everest Bier auf dem Dach des Gebäudes gemütlich und betrachteten die funkelnde Stadt bei Nacht.

Kathmandu

Sonne, 28 °C und den Drang die Stadt zu erkunden. Unseren ersten Tag verbrachten wir in Kathmandu. Die Swayambhunath Stuba (Affentempel) war dabei unser Tagesziel. Den Weg dahin habe ich in meinem Tagebuch wie folgt beschrieben: “Müll, Schweine, Kühe, stinkendes Wasser”. Das war mein erster Eindruck von der Stadt: abstoßend und faszinierend zugleich. Aber das war nur der Anfang. Eine schöne und seltsame zufriedene Stimmung stellte sich dafür bei mir ein, als wir den Affentempel erreichten.

Eine riesige Treppe führte uns hoch zur Stuba. Überall liefen Äffchen herum, steinerne Götter zierten den Weg, Gebetstrommeln wurden von links nach rechts gedreht und Duft von Räucherstäbchen lag in der Luft und war überall präsent. Von weitem hörte ich schon das Mantra “om ma ni pad me hum”. Ein Mönch lief in seiner Kutte an mir vorbei – hier war ich richtig. Gigantisch und faszinierend, dass diese Gebäude teilweise schon seit 2000 Jahren stehen  – das meinte zumindest ein kleiner netter Nepalese, der für den gut gemeinten und ungefragten Hinweis sogleich 5 $ verlangt. Einmal da, will man gar nicht mehr weg von diesem Ort der Zufriedenheit.

Auf dem Rückweg zum Hotel versuchten wir bewußt, die touristischen Teile der Stadt zu umgehen, um das „echte“ Kathmandu zu sehen. Wir fanden so manch schöne, verborgene Ecken, aber auch erschreckende, traurige Seiten Kathmandus.

Lukla

Der Wecker klingelte um 5:40 Uhr, 6 Uhr Frühstück, 6:30 Uhr Abfahrt zum Flughafen. Die Aufregung stieg minütlich an, denn an dem Tag sollte es mit einer winzigen Propellermaschine nach Lukla (dem angeblich gefährlichsten Flughafen der Welt) gehen, wo die eigentliche Tour starten würde. Angekommen am Flughafen wurden wir recht schnell zu unserem Flugzeug gebracht. Ich kannte zwar die Flugzeuge aus TV-Reportagen, aber dass die so alt sind, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte das Glück, einen Platz direkt hinter dem Piloten zu ergattern und hatte so einen guten Blick auf Start- und Landebahn. Allerdings auch auf die Anzeigen des Cockpits, welche nicht sonderlich vertrauenserweckend aussahen. Aber gut, das wird schon klappen. Bis jetzt ging es ja auch (meistens) gut. Und wenn nicht, geht es wenigstens schnell.

Die beiden Piloten drehten die Motoren auf und gaben richtig Gas. Sanft hob das Flugzeug ab. Wärend der Propellerlärm immer lauter wurde, machte sich ein deutlicher Kerosingeruch im Flieger breit. Das muss wohl so sein, denn niemand schien sich daran zu stören. Fasziniert betrachtete ich die Landschaft vor dem Fenster und beobachtete gleichzeitig den Co-Piloten, wie er Whatsapp-Nachrichten auf seinem Telefon schrieb. Wird schon gut gehen.

Langsam kamen die ersten Berge in Sicht und irgendwann stand der Mera Peak direkt vor unserer Nase. Das war nicht der Berg, den ich von den vielen Bildern kannte und über Monate immer wieder angesehen hatte. Riesig und monströs wirkte jetzt dieser Koloss aus Gestein und Eis. Und schon war er auch schon wieder aus dem Sichtfeld entschwunden, dafür wurde die Landebahn von Lukla sichtbar. Die Landebahn ist nur ca. 500 Meter lang und endet an einer Felswand. Man sollte also gute Bremsen dabei haben. Aber genauso sanft wie wir starteten, landeten wir auch.

Die ersten Schritte von Lukla nach Chutanga

Die ersten Schritte von Lukla nach Chutanga

Erste Etappe, Akklimatisation

Kurz nachdem wir in Lukla gelandet waren, wurden uns unsere Träger vorgestellt und das Gepäck aufgeteilt. Da der nächste Ort laut Karte nur 200 Hm über uns liegen sollte, sparten wir uns eine Tagesetappe und liefen direkt nach Chutanga. Ziemlich schnell merkten wir allerdings, dass Chutanga 500 m höher lag als in der Karte verzeichnet. Egal, wir fühlten uns alle gut und genossen das schöne Wetter. Die Landschaft und das Klima erinnerten mich noch etwas an Südtirol, aber das änderte sich schnell, als wir die ersten Rhododendren sahen.

Wir gingen sehr, sehr langsam, da wir ausreichend Zeit hatten und keine Kopfschmerzen wegen eines zu schnellen Aufstiegs riskieren wollten. Dabei bleibt der Puls relativ niedrig und man kann durch die Nase atmen, was wiederum das Austrocknen der Schleimhäute im Rachen minimiert. Das war Teil der Akklimatisation. Ebenso wie unser Teekonsum. Täglich tranken wir 5-6 Liter Tee und Wasser. So wird das eingedickte Blut verdünnt und man gleicht den höheren Flüssigkeitsverlust durch das Atmen aus.

Als wir in Chutanga ankamen, war ich sehr erleichtert. Ich hatte keine Kopfschmerzen, fühlte mich fit und hatte richtig Appetit. Gegen Abend stiegen wir dann noch mal knapp 100 Hm auf, um die Maxime “hoch steigen, niedrig schlafen” einzuhalten. Dabei entdeckten wir noch einen netten Boulderblock und tobten uns ein wenig daran aus. Typisch sächsisch, mit etwas Ironie, benannten wir unseren Weg “AW am Wegelagerer” (alter Weg).

Frieden und Glückseligkeit

Frieden und Glückseligkeit

Am nächsten Tag stiegen wir auf ca. 4000 Meter auf, wobei wir ca. 500 Hm zurücklegten. Berg heil und ein kräftiger Händedruck, fast wie zu Hause. In einer kleinen Lodge ließen wir uns bei Tee und Nudelsuppe die Sonne auf den Pelz scheinen. Die Sonne ist in dieser Höhe, ähnlich wie in den Alpen, viel aggressiver als im Flachland. Hier sollte man je nach Hauttyp eine starke Sonnencreme wählen. Ich schwöre auf den Lichtschutzfaktor 50. Ein Schutz für die Lippen ist ebenso unerlässlich. Tiefe Risse ins Fleisch sind sonst die Folge. Das sieht doof aus, tut verdammt weh und gibt Ärger von der Freundin, weil es “kratzt”.

Auf dem Rückweg spürte ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Obwohl ich nur das gegessen hatte, was die anderen auch aßen, hatte ich zu Beginn ein paar Probleme mit dem Magen. Zum Glück hatte ich eine gute Reiseapotheke von meiner Ärztin mitbekommen. Zusätzlich eine Flasche Cola und eine Packung Chips gaben mir alle Mineralien zurück, die ich verloren hatte. So bekam ich das Problem relativ schnell wieder in den Griff. Trotzdem blieb immer ein komisches Gefühl und die Sorge zu erkranken. Vorsorglich gab es erstmal nur plain Rice zu essen. Schmeckt genauso wie es klingt, aber was soll’s.

Zatre La – Passüberquerung nach Thuli Kharka

5 - 6 Liter Tee am Tag waren notwendig, als Teil der Akklimatisation

5 – 6 Liter Tee am Tag waren notwendig, als Teil der Akklimatisation (Foto: Matthias Jäger)

Am nächsten Morgen hatte ich leichte Kopfschmerzen und mir war leicht übel. Jeden Morgen verbrennen die Bewohner der Lodges verschiedene Pflanzenblätter für die Götter. Dieser Geruch bestärkte bei mir noch die Übelkeit, aber als wir losliefen und ich frische Luft zu riechen bekam, ging es mir immer besser. Die Kopfschmerzen und die Übelkeit verschwanden.

An diesem Tag überquerten wir einen Pass auf 4600 m und stiegen anschließend zu unserer nächsten Lodge auf 4300 m ab. Wir kamen gut voran, tranken und aßen regelmäßig und fühlten uns gut. Schon zeitig sahen wir den Pass weit oben leuchten, geschmückt mit bunten Gebetsfahnen. Die letzten Meter wurden dennoch zäh und ich freute mich, den Pass erreicht zu haben und unter den Gebetsfahnen zu stehen. Für mich war das schon mein erster Höhenrekord, um so größer war die Freude, es bis hierher ohne größere Probleme geschafft zu haben und mich dabei wohl zu fühlen.

Von dort sahen wir den Cho Oyu mit seinem gigantischen Grat – Gänsehaut. Auch weil es kalt wurde. Kurz unterhalb der 4600 m steht ein kleines Teehaus. Hier kehrten wir erstmal ein, tranken Tee und aßen ein kleines Stückchen der selbst mitgebrachten Salami, die auch die Nepalesen sehr mögen. Wenig später erreichten wir unsere Lodge. Jetzt waren wir doch ziemlich erschöpft und schalteten erstmal einen Gang runter. Aber wie immer währte die Ruhe nicht lange und wir suchten boulderfähige Felsblöcke für ein paar Züge. Dabei entdeckten wir eine kleine Grube, in die die Lodgebesitzer ihren Müll entsorgen. Im ersten Moment hat mich dieser Anblick inmitten der Natur sehr geärgert. Wenn man allerdings genauer darüber nachdenkt, haben die Bewohner kaum eine andere Wahl. Müllautos und Recyclinganlagen gibt es hier nicht. Was verbrannt werden kann, wird verbrannt, der Rest fliegt außer Sichtweite ins Geäst oder tiefe Löcher.

Die nächste Nacht war für mich sehr übel. Gegen 2 Uhr bekam ich ziemlich starke Kopfschmerzen und fand keinen Schlaf mehr. Obwohl ich nur ungern Schmerzmittel nehme, schluckte ich eine Tablette. Irgendwann schlief ich wieder ein und wachte etwas zerstört gegen 7 Uhr auf. Aber ich hatte immerhin keine Schmerzen mehr.

Jeder Tag ist neu!

Dieser Satz bewahrheitete sich auf meiner Tour mehrmals. Egal wie die Nacht oder der Tag waren, schlecht oder gut, es war immer nur eine Momentaufnahme und am nächsten Tag konnte alles wieder ganz anders sein.

 

Am folgenden Tag wollten wir nach Kote (Mosum Kharka) absteigen. Laut Karte ist dies ein kurzer Weg mit nur 600 Hm bergab. Spätestens hier merkten wir, dass die Karten wenig halten, sehr ungenau sind und man sich nicht auf die Angaben verlassen kann. Immerhin waren die Ortsnamen richtig geschrieben. Der Weg zog sich Stunde um Stunde, auf und ab. Als wir nach knapp 6 Stunden am Ende des Tages in Kote ankamen, hatten wir knapp 1100 Hm in den Beinen. Darauf gaben wir unseren Trägern erst einmal eine Runde Bier aus. Die Freude in ihren Augen war so groß, ehrlich und strahlte so viel Dankbarkeit aus – damit hatten wir nicht gerechnet. So eine kleine Geste mit so einer großen Wirkung, sehr schön.

Im Reiseführer stand, wir sollten auf die „Hot Showerverzichten , da hierfür unnötig rares Feuerholz verbrannt wird. Also entschieden wir uns für eine kleine Wäsche im Bach. Unglaublich, wie viel Dreck da von unserer Haut gespült wurde, Sonnencreme, Schweiß, Staub etc. Ich fühlte mich direkt etwas leichter, sicherlich nur Einbildung.

Das Essen auf den Lodges war immer gleich. Basics waren Reis, Nudeln und Kartoffeln, die wahlweise angebraten mit Käse oder einem Hauch von Gemüse angeboten wurden. Anfangs war das ganz gut, später aber sehr eintönig. Unsere Sehnsüchte nach frischem Essen wurden immer stärker. Einzig die Pizza wurde meistens mit Dosentomaten bestrichen, was uns wie eine Offenbarung schien. Von da an gab es für mich jeden Abend Pizza. Im Nachhinein war das vielleicht ein Fehler, da Nudeln für den Kalorienbedarf besser gewesen wären.

Robert läuft über einen Fluss auf dem Weg zum Auf den Spuren des Mera Peak

Auf den Spuren des Mera Peaks

Am nächsten Tag stiegen wir wieder auf 4300 m nach Tangnag. Der Weg, entlang eines wilden Flusses, der unter anderem vom Mera Peak Gletscher gespeist wird, war sehr schön. Er schlängelte sich durch das wilde Flussbett hinauf auf eine schöne kupferrot leuchtende Heidewiese. Mittendrin waren tausende von Edelweiß-Pflänzchen und plötzlich erschien ein kleines buddhistisches Kloster an eine Felswand angeschmiegt. Der Sage nach war hier früher ein Dorf tibetischer Flüchtlinge. Als ein extremer Schneesturm alle Wege nach außen abschnitt, erschien ein weißes Yak und führte die Dorfbewohner ins Nirvana. Die Wahrheit dahinter ist, dass das Dorf verhungerte, weil die Vorräte nicht ausreichten. Seitdem beten in diesem Kloster jeden Morgen buddhistische Mönche.

Fortsetzung folgt …

Wie es Robert und seinen Freunden beim Gipfelversuch erging, ob alles gut funktioniert hat und sie alle nach oben kamen, erfahrt Ihr im zweiten Teil, der kommende Woche auch hier im Basislager erscheint.

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