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Anni auf dem Nordkalottleden – 400 km alleine durch Nordskandinavien, Teil 2

5. November 2016

Sportart

Der Plan war ambitioniert: Von Kautokeino im Norden Norwegens über 800 Kilometer den Nordkalottleden erwandern. Dass das kein Pappenstiel ist, wurde Bergfreundin Anni schon bei ihrer ersten Etappe schmerzlich bewusst, als ihr der Morast das Vorankommen erschwerte und sie bei jedem Schritt tief im Schlamm versank. Das Gelände und die Erschöpfung machten ihr auch im weiteren Verlauf schwer zu schaffen. Im zweiten Teil ihrer Reisereportage erfahrt ihr, wie es Anni auf dem Rest des Weges erging…

Kilpisjärvi – Innset: Qualität kommt von Qual

Anni auf dem Nordkalottleden

Der Weg ins Isdalen.

Leider zerschlug sich meine Hoffnung, dass meine Füße sich in dieser Zeit erholen würden und nicht mehr nach spätestens drei Stunden zu schmerzen beginnen, ziemlich schnell. So gestaltete sich jeder weitere Tag als Probe für meinen Willen, diese Tour zu gehen. Es tat weh, festzustellen, dass es nur mehr Wille war, der mich antrieb, und nicht die reine Freude am Unterwegssein und an der Natur. Ich wollte zunehmend nach Hause, in Sicherheit sein, nicht jeden Tag zur Zerreißprobe werden lassen. Das von nun an schlechte Wetter trug nicht gerade zur guten Laune bei. Einen Lichtblick verschafften mir die Begegnungen in der Zeit ab Kilpisjärvi.

Schon nach dem Passieren des Dreiländerecks Finnland-Schweden-Norwegen (Treriksröset genannt) traf ich die ersten Deutschen, eine Frau meines Alters mit ihrem Vater, mit denen ich gemütlich schnatternd den Abend auf der Gappohytta am Kamin verbrachte. Am nächsten Tag machte ich mich auf den anstrengenden, aber schönen Weg durch das beeindruckende Isdalen zur Rostahytta. Dort angekommen wurde ich gleich schon von Sarah aus Hamburg empfangen, die ich bereits auf dem Boot von Kilpisjärvi zum Treriksröset getroffen hatte. Auf die Frage, wie es lief, erzählte ich ihr von meinen schmerzenden und teilweise tauben Füßen, worauf sie entgegnete „Ich bin Physiotherapeutin, das schau ich mir heut noch an. Aber erstmal bekommst du Früchtetee mit viel Zucker“. Ihr Ernst? Ich war im Wandererhimmel – eine Physiotherapeutin auf der Hütte, die mir auch noch Tee kocht! Weniger erfreulich war dann Sarahs Diagnose, es gebe Probleme mit meiner Lendenwirbelsäule. Der Schmerz würde also mit der Zeit nicht besser werden, im Gegenteil. Ihre haarsträubende Schmerzpunkt-Behandlung ließ ich dann gern über mich ergehen. Die anderen Hüttenbewohner staunten nicht schlecht über die brüllende, heulende Anni, die da auf der Sitzbank gequält wurde. Danke Sarah!

Die anderen waren Jonas aus den Niederlanden, Dagmar aus Karlsruhe und Solveig aus der Nähe von Tromsø. Mit ihnen bildete sich ein kleines Grüppchen, das sich von nun an stets abends auf der Hütte traf – und obwohl ich kein geselliger Typ bin, war ich froh darüber, denn ich durfte hier unglaublich liebe, lustige Menschen kennenlernen. Tagsüber bestritt jeder den Wandertag für sich. Auch war ich froh, so viele Abende in den gemütlichen norwegischen DNT-Hütten verbringen zu dürfen, die wirklich jedes Mal und jede immer anders „Hytteglede“ (frei übersetzt: „Hüttenfeeling“) aufkommen lassen. Von der Rostahytta ging es zur Daertahytta über eine steinerne Geröllwüste und den bisher höchsten Punkt der Wanderung auf 1300 m.

Anni auf dem Nordkalottleden

Ausblick auf das Anjavassdalen in Nordnorwegen.

Der Weg von der Daertahytta zur Dividalshytta war mit seinen 24 km in anspruchsvollem Gelände wieder einmal eine große Herausforderung. Beim Wandern durch eine Senke mit zwei Seen kam das altbekannte Kautokeino-Feeling auf, als ich bis zur Wade im Sumpf einsank, dass es nur so schmatzte. Dieses Mal hatte ich jedoch meine schöne Bergans Regenhose mit integrierten Gamaschen an – praktisch! Auch der eigentlich kurze Weg von der Dividalshytta zur Vuomahytta zeigte sich dem Nordkalottleden angemessen mit endlosem Moor im Birkenwald, vielen Höhenmetern, fehlenden Markierungen und mit dem Divielva, der herausforderndsten Flussüberquerung bisher. Eins ist sicher: Wenn auf dem Nordkalottleden eine Tagesetappe nur 12 Kilometer hat, dann ist da irgendwo ein Haken.

Innset – mein neues Ziel

In dieser Zeit reifte in mir der Entschluss, die Tour abzubrechen. Die Traurigkeit, keinen Spaß zu verspüren, hatte sich in pure Unlust gewandelt, und schon der bloße Gedanke daran, den weiten Weg, den ich mir noch vorgenommen hatte, unter diesen Schmerzen zu gehen, löste in mir Widerwillen aus. Nicht einmal die fünf Tage bis Abisko wollte ich noch wandern. Einfach raus – schnellstmöglich. Mit der Entscheidung, auf der Huskyfarm in Innset abzubrechen, breitete sich auch eine Erleichterung in mir aus. Ich wusste und weiß, es war richtig so. Trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, meine Entscheidung vor mir selbst rechtfertigen zu müssen, gemischt mit einer großen Enttäuschung darüber, dass einfach alles nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es hätte doch so schön sein können.

Anni auf dem Nordkalottleden

Hytteglede in der Daertahytta.

Zwei Tage waren es noch bis zur Huskyfarm des Deutschen Björn Klauer in Innset, wo ich mir selbst in der Vorbereitung der Tour ein Versorgungspaket hingeschickt hatte, um auch auf der zweiten Hälfte des Nordkalottleden mit genug gefriergetrocknetem Essen, Tee, Schokolade, Karten und vielem Wichtigem mehr ausgestattet zu sein, denn die Nachschubmöglichkeiten auf dem Nordkalottleden sind spärlich gesät. Die Gaskashytta war die Endstation für unsere kleine Gruppe, denn auch Jonas war am Ende seiner Kräfte. Da sieht man, was der Nordkalottleden mit einem anstellt – selbst Wanderer, die schon seit 16 Jahren jedes Jahr lange, anspruchsvolle Touren gehen, zwingt er in die Knie.

Er hat uns alle geschafft, wir alle mussten kämpfen. Doch hatten wir das Glück, ein Stück unseres Weges zu teilen, uns gegenseitig Mut zu machen und so jeden Tag wieder gestärkt angehen zu können. In Innset angekommen, hatte ich kaum ein Auge für die dutzenden von Huskys und ihre Hüttchen oder den idyllischen See, an dem die Farm liegt. Ich war einfach viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Der erste Stress fiel ab und es heulte nur so aus mir heraus, ohne dass ich genau wusste, warum eigentlich. Der Kampf war zu Ende, mein großes Abenteuer auch. Jeden Tag aufs Neue an seine Grenzen zu gehen, Schmerz zu verdrängen und harten Willen hervorzubringen, geht auf Tour nur auf begrenzte Zeit – so lang, bis man sich an seinem persönlichen Ziel wähnt. Ist man da, merkt man erst einmal, welch mentale Leistung man da vollbracht hat. Es sammelt sich so viel an, wie in einer verstopften Regenrinne. Irgendwann löst sich der Pfropfen und alles überschwemmt einen; nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Drei Tage nach meinem Abbruch wurde ich richtig krank. Mein Körper wollte mir wohl sagen: Frollein, das war ein bisschen zu viel. Eins steht fest: die nächste Tour wird entspannter und leichter – in jeglicher Hinsicht!

Das Fazit nach 400 Kilometern – ohne Schatten kein Licht

Fast 400 Kilometer legte ich in knappen drei Wochen zurück, und trotz dieser Leistung, die mir selbst auf die Fahnen schreiben darf, bleibt ein bitterer Beigeschmack, wenn ich heute an mein Abenteuer zurückdenke. Ich hatte Großes vor und viel dafür investiert, und doch kann man absolut nicht planen, wie der Weg für einen sein wird. Doch ich durfte wertvolle Erfahrungen sammeln: Ich weiß, wie eine Tour für mich nicht sein soll und was sie für mich zum Genuss macht. Ich weiß jetzt: Wenn es keinen Spaß mehr macht, hör auf damit (gilt für fast alles im Leben). Ich weiß, wie brachial ich kämpfen kann, dass ich einfach alles gegeben habe. Besser hätte ich es nicht machen können und das ist gut so. Ich weiß wie es ist, eine große Tour über ein halbes Jahr zu planen, drauf hinzuarbeiten und einfach allein loszugehen. Und ich weiß, dass für jede schlechte Tour auch wieder eine richtig gute kommt. All dies ist mir sehr viel wert, und auch wenn es mal nicht optimal läuft, kann ich nur jedem empfehlen, an einem großen Wunsch festzuhalten und es einfach zu versuchen. Wer gar nicht losgeht, kann auch nicht ankommen :) In diesem Sinne: God tur!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Christine sagte am 7. November 2016 um 11:08 Uhr

    Liebe Anni,

    auch wenn es am Ende nicht so gelaufen ist, wie du es dir anfangs vorgestellt hast – eine wahnsinnige Leistung!! Und ich persönlich finde, dass man den Abbruch der Tour keineswegs als Scheitern einstufen sollte. Ist es nicht vielmehr eine Stärke, sich die eigenen Schwächen einzugestehen und dementsprechend zu handeln?

    Du bist an deine körperlichen und psychischen Grenzen gekommen und sie bis zum Allerletzten ausgereizt. Respekt! Nicht jeder kann das von sich behaupten und nicht jeder ist bereit, so viel von sich zu geben, um Natur und Landschaft zu erkunden.

    Ich habe mit dir mitgefiebert, gelitten und stand am Ende auch kurz vor einem (klitzekleinen) emotionalem Tränenflüsschen. *räusper* Ich hatte da nur was im Auge… Ein ganz wunderbarer Artikel (auch Teil 1)!

    Viel Spaß für deine kommenden Touren
    Christine

  2. Anni sagte am 7. November 2016 um 11:31 Uhr

    Hi Christine,
    vielen lieben Dank für deinen Kommentar – das freut mich total! Ja, du hast Recht, allein auf Tour lernt man wirklich Verantwortung für sich selber zu übernehmen und die Konsequenzen für einen selbst zu ziehen. Immerhin ist niemand anders da, auf den man es schieben kann, wenn die Dinge nicht so laufen wie gewollt ;) Liebe Grüße, Anni

  3. Martin Kettler sagte am 22. November 2016 um 15:28 Uhr

    Hallo Anni

    Danke für Deinen tollen Bericht. Es macht schon extrem deutlich, wie sehr alles total anders aussehen kann, wenn es mal nicht so wie geplant “ läuft „. Für mich sind Deine Beschreibungen von den Orten, die ich auf meiner Norge på langs Tour 2015 nahezu perfekt angetroffen habe, kaum fassbar. Ich will gar nicht wissen, wie ich in dieser Situation reagiert hätte ! Wenn es dann auch noch physisch knackt, braucht das nur sehr wenig, dass es im Kopf zur Blockade kommt. Du hast Dich da unermüdlich durchgekämpft und davor zieh ich meinen Hut !

    Nun, ich bin ja mal gespannt wie das 2017 auf „meinem “ Nordkalot wird. Besser als 2015 in dieser Gegend kann es ja kaum mehr werden, das wird dann wohl auch noch etwas Kopfarbeit geben !

    Ich wünsch Dir alles Gute und „God Tur“ bei Deinen weiteren Plänen.

    Lieber Gruss aus Helvetien

    Martin
    http://www.norgepalangs2013.com

  4. Anni sagte am 24. November 2016 um 09:52 Uhr

    Hi Martin!
    Mir ging es genau so, als ich deinen Bericht gelesen habe, und dachte mir nur, dass dein Zustand auf deiner Tour genau der war, den ich für mich angestrebt und so sehr gewünscht habe. Genau für solche Hochgefühle geht man doch auf Tour,oder? Aber man kann es eben nicht planen und auch nicht kontrollieren. Aber so viel wie du schon geschafft hast, wirst du das wohl nächstes Jahr mit links machen ;) Bin sehr gespannt! Hoffen wir mal, dass der Sommer trockener wird als dieses Jahr.
    Liebe Grüße,
    Anni

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