Abschlussexpedition des DAV Expeditionskaders

25. April 2017

Sportart

Gipfelerfolg

Gipfelerfolg

Vom 26. Juli bis zum 7. September waren Fritz Miller (25) und Lukas Binder (23), Mitglieder des Bergfreunde-Kletterteams, mit dem „Exped-Kader“ auf großer Reise. Im fernen Pakistan lockten steile Wände, hohe Berge und das große Abenteuer. Doch der Karakorum war hart, wie Fritz zu berichten weiß…

Betrachtet man die Höhe von Hunza Peak und Ladyfinger Peak, fallen diese Gipfel im Norden Pakistans kaum auf. Der Ladyfinger (oder auch „Bublimotin“)hat nur knapp 6000 m, der Hunza Peak ist mit ungefähr 6200 m kaum höher. Die genauen Höhen kennen wir nicht – und sie spielen auch keine Rolle. Vielmehr waren es die steilen kompakten Granitwände und der imposante Anblick der Berge, die uns, sechs junge Kletterer samt Trainer und Arzt, reizten. Und natürlich die Chance, Neuland zu betreten.

Nachdem das Basecamp stand, suchten Michi Wohlleben und ich gleich einen Zugang zur ca. 700 m hohen und noch undurchstiegenen Südwand des Hunza Peaks. Die einzige scheinbar sichere Linie durch die Wand war zwar recht schnell ausgemacht, der Zustieg zur Wand erwies sich aber als heimtückisches Labyrinth. Bedingt durch die extreme Hitze der ersten Wochen wandelte sich der von uns gewählte Weg bald nach Sonnenaufgang zur Schießbude. Um dem Stein- und Eisschlag zu entgehen, wollten wir uns in der Folge nur noch nachts und in den Morgenstunden bewegen. Trotzdem wurden wir, diesmal waren auch Lukas und unser Arzt Ulli Steiner mit von der Partie, beim weiteren nächtlichen Materialschleppen von einer Eislawine gestreift.

Flo Jehle und Julian Beermann waren währenddessen deutlich erfolgreicher. Über eine andere Route erreichten sie den Fuß des Ladyfingers und die ebenfalls undurchstiegene Westwand des Hunza Peaks. Hier gelang ihnen eine anspruchsvolle Neutour im steilen, teilweise vereisten und verschneiten Fels und damit die erste Besteigung des Hunza Peaks von Westen.

Bald darauf änderte sich das Wetter. Es wurde kühler – das war natürlich gut, es wurde aber auch unbeständig. Abgesehen davon hatten wir noch eine Reihe weiterer Probleme: Vor allem waren es Magen-Darm-Infekte, vor denen niemand ganz verschont blieb. Lukas hatte mit der Höhe Probleme, Michi wurde vom Steinschlag erwischt, hinzu kamen die ganz normalen Wehwechen. Kurzum: Wir waren nicht immer allzu gut aufgestellt und für die großen Ziele lief langsam die Zeit davon. Damit war auch die Hunza Peak Südwand für uns gestorben. Trotzdem wollten es Julian, Flo und ich noch einmal wissen. Wir schleppten weiteres Material ins Lager 1 auf 5300 m, um die Westwand des Ladyfingers im Bigwallstil anzugehen. Der Versuch endete allerdings recht bald im dichten Schneefall.

Es blieb noch eine gute Woche Zeit, bis wir die Hochlager auflösen mussten. Die letzte Chance für einen Gipfelerfolg war eine schnelle Alpinstil-Begehung auf einer eher leichten Route. Flo und ich nützten also ein kleines Schönwetterfenster, um über die Erstbegeher-Route auf den Ladyfinger zu klettern. Vom Lager 1 führte der Weg zunächst hinunter an den Wandfuß der Ladyfinger Südwand. In der aufsteilenden Firnflanke unterhalb des Südcouloirs galt es, zwei riesige Bergschründe zu umgehen. Im Couloir selbst erwartete Flo und mich abwechslungsreiche kombinierte Kletterei im Schwierigkeitsgrad M3 und Wi3. Knackig war der Ausstieg in den Sattel zwischen Ladyfinger und Hunza Peak: Eine Wechte versperrte uns den Weg. Nun ging es über den tief verschneiten Ostgrat weiter. Obwohl wir ziemlich wühlen mussten, erreichten wir bald den wild gezackten Gipfelgrat des Ladyfingers. Um die höchste Spitze zu erreichen, querten wir die steile Südost-Flanke und kletterten in drei Seillängen harter Mixedkletterei zurück auf den Grat. Den Grat zu überklettern wäre wahrscheinlich schwieriger und zeitaufwändiger gewesen. Trotzdem war dieser letzte Abschnitt ein Kampf. Die Schwierigkeit der Kletterei lag ungefähr bei M5 A0. Auf Knapp 6000 m und eher dürftig ausgerüstet, haben mir diese drei Seillängen alles abverlangt. Der Abstieg hat Reibungslos funktioniert. Allerdings waren wir mit unserem 50-m-Seil ganz schön lange mit Abseilen beschäftigt und mussten den letzten Teil wieder bei Dunkelheit zurücklegen.

Laut Aussage der Einheimischen Führer haben sich am Ladyfinger bisher 14 Expeditionen versucht, von denen vier den Gipfelgrat erreichten. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass Flo und ich die Ersten auf dem eigentlichen Hauptgipfel waren, da wir keine Abseilhaken oder Schlingen vorfanden.

Ein paar Tage später glückte Lukas, Julian, Flo unserem Trainer Chris und mir – die anderen Drei waren mit Durchfall und Erbrechen beschäftigt – noch die Erstbegehung eines ca. 5600 m hohen Gipfels, den die Einheimischen Sorry Peak nennen. Dies war vor allem für Lukas ein Highlight, da es sein bisher höchster Gipfel war.

Nun wäre es aber falsch, die Expedition auf die alpinistischen Ereignisse zu reduzieren. Fels, Eis, schwere Rucksäcke – das kannte ich schon vorher aus den Alpen. Viel spannender war es für mich, Pakistan als Land zu erleben. Zu sehen, wie die Leute leben, zu erfahren wie sie denken. Vieles davon ist mir wohl entgangen, während ich zu 100 % auf eine unbedeutende Felswand fokussiert war. Und was wir gesehen haben, ist auch nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit. Dennoch gäbe es viel zu berichten, was diesen Rahmen sprengen würde. Ein ausführlicherer Bericht folgt noch in der Dezember-Ausgabe des „DAV Panorama“.

Unser Dank gilt dem Deutschen Alpenverein und unseren Sponsoren, die uns die Kader-Aktivitäten ermöglicht haben. Danke!

Ergänzungen zum Text

Die pakistanische Tourismusbranche hat sich noch immer nicht von den Folgen des 11. Septembers 2001 erholt. Die Menschen dort sind arm und freuen sich wirklich über Ausländer. Ich habe mich noch nirgends so willkommen gefühlt wie im Hunza Valley.

  1. Von unserem Aufenthalt hat aber vor allem die Klopapier-Industrie profitiert.
  2. Vieles in Pakistan ist aber auch nicht so toll und ich bin froh in Deutschland zu leben.
  3. Wir haben uns große Mühe gegeben, uns gut zu benehmen. Ich finde, mit Erfolg.

Bilder: DAV Expeditionskader

Kommentare zu diesem Artikel

  1. […] Lukas und Fritz sind schon lange Zeit gemeinsam unterwegs. Begonnen hat alles mit dem Kraxeln an den Kalkfelsen der Schwäbischen Alb. Die ersten extremen Kletterntouren, u.a. in den Alpen, ließen nicht lange auf sich warten. Eines der letzten Highlights war eine Expedition ins pakistanische Hunza Valley. […]

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