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19. August 2012

Kletterurlaub in Jordanien – warum nicht?

Steffen mit seiner neuen Freundin

Steffen mit seiner neuen Freundin

An normalen Arbeitstagen leitet Steffen bei uns den Textil-Einkauf für unseren Shop. An den Wochenenden machen wir uns schonmal Sorgen um ihn, da er den Ruf hat bei seinen “Ausflügen” entweder sich oder sein Material kaputt zu machen – nicht selten beides. Als er uns dann dieses Jahr eröffnete er plane zum Klettern nach Jordanien zu fahren, waren wir einerseits besorgt, freuten uns andererseits aber diebisch auf die Geschichten hinterher – also wie immer, wenn Steffen “auf Tour” geht.

Ich nehme es vorweg, er ist ganz geblieben. Aber dieses Mal wollten wir Euch an einer seiner Reisen teilhaben lassen, schließlich fährt man nicht alle Tage nach Jordanien zum Klettern.

Wie kommt man auch die Idee nach Jordanien zum Klettern zu fahren?

Wadi Rum ist ja kein „neues“ Klettergebiet, die Erschließung begann schon Mitte der 1980er, vor allem durch die Gruppe um Tony Howard und die Remy-Brüder. Später kamen dann noch ein paar verrückte Österreicher um Albert Precht und haben wirklich wilde und lange Touren hinterlassen. Wenn man als Kletterer Bilder von dieser Wüstenlandschaft mit den riesigen Sandsteintürmen sieht, sagt man natürlich sofort „da muss ich  hin“. Dieses Jahr hat sich’s dann endlich ergeben…

Wie viele Leute wart Ihr? Waren auch Frauen dabei? 

Steffen im Vorstieg

Steffen im Vorstieg

Insgesamt zu acht – und da 23kg Fluggepäck doch recht schnell erreicht sind, war das eine gute Gruppengröße um die ganze Kletter- und Campingausrüstung zu verteilen. Ja, eine Frau war auch dabei… falls Du mit der Frage auf das Thema „blonde Frau in arabischem Land“ rauswillst: ja, sie ist blond, fand’s aber trotzdem sehr unkompliziert & auch unaufdringlich. Kleinere Anpassungen beim Dresscode haben wir alle beachtet, ein Kopftuch oder ähnliches wird bei Frauen gern gesehen, ist aber kein Muss – und kurze Hosen werden auch bei Männern als bessere Unterwäsche angesehen…

Wie lange wart Ihr dort?

Viel zu kurz natürlich – knapp 3 Wochen, also gerade lang genug, um zu lernen, was wir in Sachen Rissklettern alles nicht können – und um festzustellen, dass wir da wieder hinfahren werden.

Wie seid Ihr gereist? 

Nette Aussicht

Nette Aussicht

Das war relativ unkompliziert: man fliegt in 5 Stunden von Stuttgart nach Amman. Von da geht’s entweder teuer & schnell mit dem Taxi, oder billig & langsamer mit dem Bus, via Aquaba nach Rum Village. Das Dorf ist mit 3 kleinen Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten ein super „Basislager“, viele Touren kann man von hier aus auch zu Fuß erreichen. Wenn man für ein paar Tage in abgelegenere Gebiete will (lohnt sich!), lässt man sich von den einheimischen Beduinen per Geländewagen oder Kamel dort hinbringen und einige Tage später wieder abholen.

Wie habt Ihr Euch vorbereitet? Woher wusstet Ihr, wo man Klettern kann, etc.

Der Kletterführer „Climbs & Treks in Wadi Rum“ von (oben schon erwähntem) Tony Howard ist eine gute Planungsgrundlage, inzwischen aber etwas veraltet. Gerüchteweise arbeitet er aber bereits an einem Update. Vor Ort haben wir viele Kletterer, vor allem aus Israel und Großbritannien getroffen, die regelmäßig im Wadi Rum klettern und uns genaue Infos zu Neutouren, Absicherung und nötigem Material usw. geben konnten.
Unsere Vorbereitung hat sich eigentlich auf ein Wochenende in der Pfalz beschränkt, an dem wir gezielt nur überbreite Risse geklettert sind, in die man sonst nie im Leben freiwillig einsteigen würde… Generell schadet es sicher nicht, wenn man vorher schon ein bisschen mit Keilen & Friends umgehen kann. Ach so, natürlich die wichtigste Vorbereitung: Powershopping bei den Bergfreunden!

Wie ist das Klettern in Jordanien? (sind die Routen abgesichert? Wie gut? Umlenker?) 

Ah, ja...

Ah, ja...

Super! Vor Allem super abwechslungsreich. Die klassischen Wege verlaufen natürlich entlang von Rissen, Kaminen, Verschneidungen. Als mitteleuropäischer Sportkletterer kommt man da erst mal an seine Grenzen, lernt aber auch sehr schnell dazu – am Anfang muss man seine Ansprüche eben um ein paar Grade nach unten korrigieren, auch noch so viele fränkische 8er verhindern nicht, dass man in 5+ – Kaminen verzweifelt. Inzwischen gibt es aber auch viele Routen in den Wänden und Platten – von der Kletterei her eher das, was man kennt, dafür wird hier die Absicherung z.T. problematisch.
Die Gesteinsqualität wechselt von bombenfest bis Sandkasten, man bekommt aber recht schnell einen Blick dafür und kann schon vom Boden aus einschätzen, was einen erwartet.
Stichwort Absicherung: Wadi Rum ist ein Trad-Gebiet, es gibt also erst mal kaum fixes Material. Trotzdem ließen sich fast alle Routen, die wir geklettert sind gut bis sehr gut absichern, das Gestein ist sehr stark strukturiert hat viele Sanduhren und gute Placements für Keile & Friends. In viel begangenen Touren sind inzwischen die Stand- und Abseilhaken fix einzementiert. In den modernen Sportkletterrouten gibt’s z.T. auch Zwischenhaken. Teilweise wurden bei Erstbegehungen normale Expansionsbohrhaken verwendet, ob und wie viel diese in dem weichen Gestein halten, soll jeder für sich selbst einschätzen… zuverlässiger sind da die „Peg – Bolts“, in Bohrlöcher geschlagene, kurze Profilhaken.

Unvorhergesehene Schwierigkeiten?

Eher organisatorischer Art: Bargeld war z.B. ein Problem, egal was Lonely Planet & Co sagen: deutsche EC-Karten funktionieren ebensowenig wie Mastercards, der ca. 35. Geldautomat hat dann wenigstens Visa akzeptiert…

Wurde es mal brenzlich?

Beim Klettern gab’s ab und zu spannende Momente in den „Sandkasten – Seillängen“, leichte Kletterei, aber heikel & brüchig mit entsprechend fragwürdigen Standplätzen und Sicherungen. Fast schon zum Klassiker wurden diverse Abseilaktionen: das Gebiet ist berühmt dafür, dass die Seile beim Abziehen überall hängenbleiben oder sich so in Rissen verklemmen, dass man sie nur noch abschneiden kann. Fast jeder musste mal morgens mit geliehenem Material in die Route vom Vortag einsteigen und seine Sachen retten…

Was hattet Ihr alles mit (Equipment? Also ganz grob, wie viel Meter Seil etc.)?

Was das wiegt....!

Was das wiegt....!

Neben der „normalen“ Ausrüstung:

  • Seile: 60er Halbseile pro Seilschaft min. 1 Ersatzseil, eher mehr.
  • Express-Sets: sind eher nutzlos und können zu Hause bleiben! Statt dessen viele 60cm – Schlingen mit je 2 Karabinern.
  • viel Reepschnur für Abseilstellen: meistens hängt zwar schon ein Bündel ausgebleichter Schlingen drin, es schont aber die Nerven wenn man noch ne neue dazu hängen kann. Wir hatten 50m dabei und mussten trotzdem irgendwann anfangen Stücke von der Slackline abzuschneiden…
  • Keile: mindestens ein Satz Rocks/Wallnuts/Stoppers pro Seilschaft, perfekt haben im Sandstein die DMM Offsets funktioniert; evtl. zusätzlich ein Satz Mikrokeile; 2-3 große Hexentrics
  • Friends: zwei Sätze in den gängigen Größen; selten gebraucht, dann aber wichtig sind ein paar richtig große Cams (z.B. Black Diamond Camalots 5, evtl. sogar 6) und 1-2 Black Diamond Camalots C3s oder Wild Country Zeros.
  • Hammer & Haken können zu Hause bleiben: zu schwer und (außer vielleicht bei Erstbegehungen) unnötig
  • Am Gurt wird’s voll, also eine Gearsling (Vorteil: am Stand ist mit einem Handgriff alles übergeben; Nachteil: bei einem falschen Handgriff liegt alles wieder am Einstieg) oder einen Rucksack mit zusätzlichen Materialschlaufen.

    Erst mal einen tiefen Schluck!

    Erst mal einen tiefen Schluck!

  • Kleinen Kletterrucksack mit großem Trinksystem (3L) und Platz für Schuhe, erste Hilfe und Jacke. Mein Tip: der Blue Ice Double Mono hat genau die richtige Größe und doppelt auch noch als Materialschlinge
  • Viel breites Tape! Einmal Tapen verbraucht ca. eine dreiviertel Rolle. Und das Tapen vorher zu Hause mal üben oder gleich einen Kletterhandschuh (z.B. Ocun Crack Glove) mitnehmen
  • Benzinkocher: die nächsten Gaskartuschen gibt’s in Amman zu kaufen…

Was war besonders eindrucksvoll?

Der sollte halten

Der sollte halten

Landschaft! Auf den ersten Blick ist das eine Wüste mit großen Sandsteinklötzen drin. Wenn man auf die Berge hochsteigt, landet man in einer völlig anderen Welt aus vielen kleinen Gipfeln, Schluchten, Tälern… wo es in den Schluchten und Tälern Wasser gibt, entstehen mitten in der Wüste kleine, dicht bewachsene „Oasen“. Also wenn man da ist: nicht „nur“ klettern, sondern auf jeden Fall ein paar der „Beduin Routes“, also „Normalwege“, auf die Berge gehen!
Leute! Die einheimischen Beduinen gelten als die konservativsten, sehr traditionellen Bewohner Jordaniens – sind sie wohl auch, trotzdem habe ich sie als unheimlich gastfreundlich, aufgeschlossen und neugierig erlebt. Trotz Sprachbarriere waren das richtig interessante Gespräche über “wie-lebt-ihr-hier-und-was-ist–in-Europa-anders.”

Kannst Du Jordanien empfehlen? Wenn ja, für wen?

Unabhängig vom persönlichen Kletterniveau kann man Jordanien eigentlich für jeden empfehlen, der sich in „Abenteuergelände“ wohlfühlt und keine Bohrhakenleiter zum Klettern braucht. Wir waren eine bunt gemischte Gruppe mit Klettererfahrung zwischen gut einer Woche und 25 Jahren – und haben für jeden die passenden Routen gefunden. Auch beim Wandern oder (Kamel-) Trekking kommt man im Wadi Rum voll auf seine Kosten, es muss ja nicht immer nur Klettern sein…

Was ist als nächstes geplant?

Viel mehr, als die Urlaubstage bei den Bergfreunden hergeben ;-). Die Wunschliste sieht ungefähr so aus: ein trockener Herbst, um endlich mal alle Projekte in der Pfalz zu ziehen, danach ein möglichst früher, kalter Winter zum Eisklettern. Evtl. im Februar nach Island, auch Eisklettern. Natürlich nochmal nach Jordanien – falls das im Frühjahr nicht klappt mehr, dann eben ab Oktober wieder…

Kontakt
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